Vom Fehlstart zur Farce – Wie von der Leyen den Rest an Legitimität verspielt

lostineu.eu, 17. September 2024
Die Watchlist EUropa vom 17. September 2024 – Heute mit News und Analysen zum Gezerre um die neue EU-Kommission, zu den deutschen Grenzkontrollen und zu Ungarns Regierungschef Orban, der wegen Hochwasser eine umstrittene Rede absagt.
Den Fehlstart der Kommission von der Leyen II. haben wir in diesem Blog schon oft beschrieben. Zu wenig Frauen, zu viele Konservative und zu große Abhängigkeit von den EU-Staaten – das hat für Verzögerungen und Streit gesorgt.
Doch nun wird das Ganze zur Farce. Das Wort stammt nicht von mir – es kommt aus dem Pressesaal der EU-Kommission, wo am Montag mehrere Journalisten-Kollegen die “Farce” um den Rücktritt des französischen Kommissars Breton und seine deutsche Chefin beklagt haben.
Doch auch mit diesem bösen Wort konnten sie von der Leyens Pressesprecher nicht aus der Reserve locken. Die Spindoktoren der Kommission hielten es nicht einmal für nötig, auf Bretons harten Vorwurf einzugehen, dass von der Leyen ihre Behörde auf eine “fragwürdige” Art führe.
Intransparentes Geschacher
Dabei ist der Vorwurf durchaus berechtigt. Wie schon aus Berlin gewohnt, legt die CDU-Politikerin auch in Brüssel einen intransparenten, abgehobenen und autoritären Regierungsstil an den Tag. Die Kollegialität hat sie längst abgeschafft, in der 13. Etage der Kommission thront sie über EUropa.
Doch hier geht es nicht nur um eine ärgerliche Farce. Wir wohnen der intransparenten und unberechenbaren Bildung einer neuen übermächtigen EU-Kommission bei, der jegliche demokratische Legitimität fehlt. Damit meine ich nicht nur die abgekartete “Wahl” der deutschen Chefin.
Damit meine ich auch das Geschacher um Posten und Pöstchen, das die Nominierung der 26 neuen Kommissare überschattet. Da werden neue Portfolios und Phantasieressorts zusammengezimmert, die nichts mit dem Ergebnis der Europawahl zu tun haben.
So soll es künftig einen Verteidigungskommissar geben, obwohl die EU dafür gar nicht zuständig ist. Die Außenpolitik soll von einer Frau geleitet werden, die auf Kriegsfuß mit Russland steht – und deren Partei bei der Europawahl weit abgeschlagen auf Platz drei landete.
Institutionen außer Kontrolle
Völlig absurd wird es in der Wirtschaftspolitik. Von der Leyen will sich vom “Kommissar der Konzerne” Breton trennen, aber einen postfaschistischen Italiener zum Executive Vice President ernennen, um Italiens Regierungschefin Meloni zu gefallen. Dabei hat die nicht einmal für VDL II. gestimmt…
Der gesamte Prozess ist offenbar völlig außer Kontrolle geraten, alle Beteiligten im Europäischen Rat und in der Kommission haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Wir werden Zeugen einer Krise der EU-Institutionen, wie es sie sei dem Sturz der Kommission Santer nicht mehr gegeben hat.
Mittlerweile ist nicht einmal mehr klar, ob es von der Leyen gelingen wird, ihr neues Team wie geplant am Dienstag vorzustellen. Denn das Geschacher ist mit dem Rauswurf von Breton noch längst nicht vorbei. Es geht bis zur letzten Minute weiter – und könnte die Vorstellung erneut verzögern…
Siehe auch meine Artikel in der taz und auf Cicero online (Paywall)
P.S. Und so verabschiedet VDL verdiente Mitglieder ihrer Kommission: I have taken note and accepted the resignation of Thierry Breton and thank him for his work during his tenure as commissioner. Das ist alles. Versendet über X – und dann tschüss bzw. adieu!
News & Updates
- Scholz wirbt für Grenzkontrollen. Die neuen deutschen Grenzkontrollen sind wohl doch nicht so gut mit den EU-Partnern abgestimmt. Nun wirbt Kanzler Scholz für Verständnis und ruft einen nach dem anderen an. Zuvor hatte Polens Regierungschef Tusk “dringende Konsultationen” mit anderen deutschen Nachbarn angekündigt. – Mehr hier (Blog)
- Macron droht Amtsenthebungs-Verfahren. Zum ersten Mal seit der Parlamentswahl trifft sich am Dienstag das “Bureau” der Assemblée Nationale. Der Ausschuss muss über ein Amtsenthebungs-Verfahren gegen Präsident Macron befinden, das LFI – die radikale Linke – beantragt hat. Es könnte ausgerechnet an den (gemäßigten) Sozialisten scheitern…
- Belgien streikt für Audi-Werk. Ein landesweiter Streik hat am Montag die belgische Hauptstadt lahmgelegt. Die Gewerkschaften hatten den Ausstand aus Solidarität mit den Arbeitern des Audi-Werks in Brüssel ausgerufen, das von Schließung bedroht ist. Sie fordern, dass sich die EU sich für den Erhalt der Jobs einsetzt – doch die Kommission stellt sich taub. – Mehr hier (taz)
Das Letzte
Orban, das Europaparlament und das Hochwasser. Es sollte DER Aufreger der Woche werden – jedenfalls für die Grünen im Europaparlament. Ungarns Regierungschef Orban wollte in Straßburg sprechen und die Prioritäten seines EU-Vorsitzes erläutern. KRASS! Denn da hätte er ja schon wieder über Frieden und Diplomatie in der Ukraine sprechen können! Doch nun wurde der Event abgesagt. Offizieller Grund: Das Hochwasser in Ungarn. “Aufgrund der extremen Wetterbedingungen und der anhaltenden Überschwemmungen in Ungarn habe ich alle meine internationalen Verpflichtungen verschoben”, schrieb Orban im Onlinedienst X. Ganz allein ist er allerdings nicht auf diese Idee gekommen. Denn schon am Wochenende hatte der Chef der Konservativen im EU-Parlament, Manfred Weber, Orban nahegelegt, seinen Termin zu canceln – wegen Hochwasser…
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‹ Update: Scholz wirbt für Grenzkontrollen
1 Comment
european
17. September 2024 @ 09:50Die Legitimitaet hatte UvdL schon vor der Wahl verspielt, aber offensichtlich gibt es keine uebergeordnete Instanz, die sie absetzen kann. Frederic Baldan hat es sogar per Gericht versucht, ihre Nominierung aufgrund ihrer laufenden Strafverfahren zu verhindern. Das BSW hat im Parlament versucht, die Nominierung zu verschieben, bis die Ergebnisse der Verfahren vorliegen. Keine Unterstuetzung.
Es wurde ein System der gegenseitigen Abhaengigkeit und Nutzenoptimierung geschaffen, die mich ziemlich stark an das erinnert, was ich ueber die russische Administration gelesen habe. Solange der Praesident diese Administration immer gut bedient, solange wird er im Amt bleiben. Ganz so wie diese Tellerjongleure. Wenn irgendwann nicht schnell genug wieder gedreht wird, stuerzen die Teller ab und alles faellt in sich zusammen. Dieses durch und durch korrupte System hat UvdL ebenso optimiert. In Grundzuegen war es ja vorher schon da. Fuer jeden gibt es etwas und das wollen die nun alle haben, sehr in dem Bewusstsein, dass sie gar nichts bekommen koennten, wenn UvdL nicht mehr im Amt ist.
Nein, UvdL hat ihren Traumplatz gefunden. Niemand kann sie absetzen und so weit ich weiss, gibt es auch keine Vertrauensfrage oder aehnliches. Sie kann dort fuer die naechsten 5 Jahre schalten und walten ganz wie sie will. Selbst wenn sie verurteilt wird, wird niemand etwas dagegen tun, wenn sie ganz einfach auf ihrem Platz sitzenbleibt und laechelt.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
lostineu.eu, vom 16. September 2024
Die neuen deutschen Grenzkontrollen sind wohl doch nicht so gut mit den EU-Partnern abgestimmt. Nun wirbt Kanzler Scholz für Verständnis.
Scholz suche den Kontakt mit seinen Kollegen, “um die Motivation und die Situation Deutschlands zu erklären und zu erläutern”, sagte Vizeregierungssprecherin Hoffmann in Berlin. Ebenso gehe es in den Telefonaten darum, “auch Verständnis zu schaffen”.
Zuvor hatte Polens Regierungschef Tusk “dringende Konsultationen” mit anderen deutschen Nachbarn angekündigt. Gegen irreguläre Migration seien nicht Kontrollen an den EU-Binnengrenzen nötig, sondern ein besserer Schutz von Europas Außengrenzen.
Siehe auch Grenzkontrollen: Faeser tritt eine Lawine los
‹ “Fragwürdige Führung”: Breton greift von der Leyen frontal an – und geht › Vom Fehlstart zur Farce – Wie von der Leyen den Rest an Legitimität verspielt
3 Comments
Arthur Dent
16. September 2024 @ 23:30Nun, ich meine mich erinnern zu können, dass Dänemark auch schon mal Grenzkontrollen, zum Leidwesen Deutschlands, eingeführt hat. Und der größte Nettoempfänger von EU-Geldern, Polen, hat gleich was zu meckern. Für Berufspendler und den gewerblichen Verkehr lassen sich sicherlich Ausnahmeregelungen finden. Man muss nur mal sehen, wie das die großen Reedereien machen: die übermitteln Fracht-, Passagier- und Besatzungslisten gleich nach dem Ablegen der Ozeandampfer.
Skyjumper
16. September 2024 @ 20:17
Dass es sich bei Faesers Behauptung zur Abstimmung nur um eben das, eine Behauptung, handelte war eigentlich absehbar. Schon rein zeitlich wäre das mehr als knapp gewesen.
Und letztlich ist es selbstverständlich so, dass die Entscheidung Deutschlands bei den Nachbarn erheblichen Druck aufbauen wird nun ihrerseits ihre weiteren Grenzen zu kontrollieren. Kaum vorstellbar, das Tschechien oder Österreich das stemmen könnten woran das mehrfach größere Deutschland gescheitert ist.
Am Ende läuft es darauf hinaus, dass zunächst die Länder mit EU-Aussengrenzen, primär am Mittelmeer, leiden werden, und dann wird es zu einer Abschottung gen Mittelmeer hinauslaufen. Und wie so oft steht auch zu befürchten, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Tatsächlich asylberechtigte werden stärker davon betroffen sein als die Wirtschaftsflüchtlinge. Letztere müssen ggf. nur mehr Geld für bessere Schleuserbanden bezahlen.
KK
17. September 2024 @ 01:31“Und wie so oft steht auch zu befürchten, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.”
Und dabei werden dann wieder massenweise (nicht nur) Kinder zum finalen Baden ins Mittelmeer geschickt werden…
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
lostineu.eu, vom 16. September 2024
Eklat in Brüssel: Einen Tag vor der geplanten Vorstellung der neuen EU-Kommission wirft der französische Binnenmarktkommissar Breton hin. Er hält Behördenchefin von der Leyen “fragwürdige Führung” und Mauschelei hinter seinem Rücken vor.
Breton behauptet, dass VDL den französischen Präsidenten Macron dazu aufgefordert habe, seinen Namen für die neue Kommission zurückzuziehen – und das aus persönlichen Gründen, die sie nicht direkt mit ihm besprochen habe.
Der umstrittene Franzose schrieb weiter, dass er “angesichts dieser jüngsten Entwicklungen, die einen weiteren Beweis für fragwürdige Regierungsführung darstellen”, mit sofortiger Wirkung als EU-Kommissar zurücktreten müsse.
Breton hat sich oft mit von der Leyen angelegt und ihr einen selbstherrlichen Führungsstil vorgeworfen. Er ist nicht allein – der deutschen CDU-Politikerin werden immer wieder Kungelei, Willkür und sogar Korruption vorgeworfen.
Beim sog. “Piepergate” im Frühjahr erhoben sogar gleich drei Kommissare schwere Vorwürfe gegen VDL. Von Vetternwirtschaft und geschwärzten Dokumenten war die Rede. Dennoch wurde sie für eine 2. Amtszeit aufgestellt.
Warum es jetzt zum Eklat kam, ist nicht klar. Es mag, wie behauptet, an der Kungelei zwischen VDL und Macron liegen – aber auch am Ego des “Bulldozers” Breton. Möglicherweise wollte er ein Portfolio, das ihm verweigert wurde.
Denkbar ist auch, dass VDL die schwierige Regierungsbildung in Paris nutzt, um den ungeliebten Rivalen Breton loszuwerden. Und wer weiß: Vielleicht bekommt Breton ja auch einen schönen Posten in der neuen französischen Regierung?
Siehe auch “Fehlstart für von der Leyen” sowie Vom Fehlstart zur Farce – Wie von der Leyen den Rest an Legitimität verspielt. Alles zu Breton hier, sein Abschieds-Brief ist hier (Link zu X)
(https://x.com/ThierryBreton/status/1835565206639972734)
P.S. Die Generaldirektorin von X, Linda Yaccarino, erklärte zu Bretons Rücktritt, dies sei “ein guter Tag für die freie Meinungsäußerung”. Der Franzose hatte sich mit X-Chef Musk angelegt und mit Strafen gedroht; Kritiker nannten ihn den “Big Brother” aus Brüssel…
‹ Grenzkontrollen: Faeser tritt eine Lawine los › Update: Scholz wirbt für Grenzkontrollen
1 Comment
Helmut Höft
17. September 2024 @ 10:28Achtung Metapher: Betreffend der Politniki allgemein, hier der UvdL im Besonderen „a downright moron“: „… In dem Maße, wie die Demokratie perfektioniert wird, repräsentiert das Amt mehr und mehr die innere Seele des Volkes. Wir bewegen uns auf ein erhabenes Ideal zu. An irgendeinem großen und glorreichen Tag werden die einfachen Leute des Landes endlich ihren Herzenswunsch erfüllen, und das Weiße Haus wird von einem regelrechten Schwachkopf geschmückt werden.“ Die Saat geht auf – H.L. Mencken 1920 https://www.hhoeft.de/mythos/index.php/2020/11/09/zwischenruf-081120-hellseherei-oder-die-saat-geht-auf-2020-in-der-voraussicht-von-1920/
Dafür ist die €U geradezu prädestiniert. Schaut man sich die Gestalten an fällt die völlig unfähige Ullala direkt ins Auge, man vergisst Günther Oettinger & Co. sofort, jetzt Raffaele Fitto, heute Fratelli d’Italia, vorher schon 7 andere Parteien ausprobiert (der Man hat Erfahrung :-(… ) usw. usf.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Alles zu Breton hier, sein Abschieds-Brief ist hier (Link zu X)
(https://x.com/ThierryBreton/status/1835565206639972734)

Abschrift und Übersetzung mit Deepl.:
Dear President
On 24. July, you wrote to Member States asking them tonominate candidates for the
2024 - 2029 College of Commissioner, specifiing that Member States that intend to
suggested the incumbent Member of the Commission were not required to suggest two
candidates. On 25 July, President Emmanuel Macron designed me as France`s official
canddate for a second mandate in the College of Commissioners - as he had already
publicly announced on the margins of the European Council on 28 June. A few days ago,
in the fvery final stretch of negotiations on the compositions of the future College you
asked France to withdraw my name - for personal reasons that in no instance you have
discussed direktly with me - and offered, as a political trade-off an allegedly more
influential portfolio for France in the future College. You will now proposed a
different candidate.
Over the past five years, I have relentlessly striven to uphold and advance the common
European good, above national and party interests. It has been an honour.
However, in the light of these latest developments - further testimony to questionable
governance - I habe to conclude that I can no longer exercise my duties in the College.
I am therefore resigning from my position as European Commisioner, effective
immediately.
Sincerely , Thierry Breton
Sehr geehrter Herr Präsident
Am 24. Juli haben Sie die Mitgliedstaaten schriftlich aufgefordert, Kandidaten für das Kommissionskollegium 2024 - 2029 vorzuschlagen, wobei Sie darauf hinwiesen, dass die Mitgliedstaaten, die beabsichtigen das amtierende Mitglied der Kommission vorzuschlagen, nicht verpflichtet waren, zwei Kandidaten vorzuschlagen. Am 25. Juli hat Präsident Emmanuel Macron mich als Frankreichs offiziellen Kandidat für ein zweites Mandat im Kollegium der Kommissare vor - wie er bereits am Rande des Europäischen Rates am 28. Juni öffentlich angekündigt hatte. Vor ein paar Tagen, in der Endphase der Verhandlungen über die Zusammensetzung des künftigen Kollegiums haben Sie Frankreich gebeten, meinen Namen zurückzuziehen - aus persönlichen Gründen, die Sie in keinem Fall direkt mit mir besprochen haben - und boten als politischen Kompromiss ein angeblich einflussreicheren Posten für Frankreich im künftigen Kollegium an. Sie werden nun einen anderen Kandidaten vor.
In den vergangenen fünf Jahren habe ich mich unermüdlich dafür eingesetzt, das gemeinsame
über nationale und Parteiinteressen gestellt. Es war mir eine Ehre.
Doch angesichts der jüngsten Entwicklungen - ein weiteres Zeugnis fragwürdiger Governance - muss ich zu dem Schluss kommen, dass ich meine Aufgaben im Kollegium nicht länger wahrnehmen kann.
Ich trete daher mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Europäischer Kommissar
sofort zurück.
Mit freundlichen Grüßen, Thierry Breton
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
EU-Kommissar Breton rechnet bei Abschied mit von der Leyen ab
analyse
Breton und von der Leyen Überraschender Abschied, maximaler Affronttagesschau.de, Stand: 16.09.2024 14:58 Uhr, Von Helga Schmidt, ARD Brüssel
Bei seinem Rückzug als EU-Kommissar teilt Thierry Breton kräftig gegen Ursula von der Leyen aus. In Brüssel polarisierte der Franzose und scheute vor keiner Auseinandersetzung zurück.
Auch beim Abschied bleibt sich Thierry Breton treu. Ein Tweet mit einem großen leeren Bilderrahmen und dazu der Text: "Mein offizielles Portrait für die nächste Amtszeit der Europäischen Kommission". Damit niemand die Bedeutung der Meldung unterschätzt, setzte der Franzose ein dickes "Breaking News" darüber. Seine Botschaft: Eilmeldung, der Mann steht für die nächste Kommission nicht zur Verfügung!
Dass der 69-jährige Franzose ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat und einen ganz speziellen Humor, ist in Brüssel bekannt. Auch dass er wenig von seiner Chefin hält. Ihren Job hätte er am liebsten selber gemacht. Besser gemacht, daran ließ er nie einen ZweifelÜberraschung trotz langer Spannungen
Obwohl das Verhältnis des Binnenmarktkommissars zu Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen seit Langem angespannt ist, kommt das Kündigungsschreiben überraschend. Breton war von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron offiziell für eine zweite Amtszeit in der neuen Kommission vorgeschlagen worden.
Aber da scheine etwas hinter seinem Rücken passiert zu sein, mutmaßt Breton in seinem Kündigungsschreiben. Das hat er vorsichtshalber auch in einem Tweet veröffentlicht, direkt unter dem Tweet mit dem leeren Bilderrahmen.
Es liest sich wie eine einzige Abrechnung mit von der Leyen - ein maximaler Affront, auf offener Bühne. Von der Leyen habe Macron gebeten, einen anderen Vorschlag für den Kommissionsposten zu machen. Das alles aus "persönlichen Gründen", nie habe von der Leyen darüber mit ihm gesprochen. Sie versuche sogar, Ersatz zu finden mit dem Angebot an Frankreich, dann ein attraktiveres, wichtigeres Ressort zu bekommen. Das alles sei ein weiterer Beweis "für fragwürdige Regierungsführung".
Zurückhaltung in Brüssel und Paris
Mehr Abkanzeln auf offener Bühne ist kaum möglich. Mehr Zurückhaltung in der Reaktion aber auch nicht. Zuerst gab es gar keine Stellungnahme der Kommissionspräsidentin. Dann, Stunden später, veröffentlichte Eric Mamer, Chefsprecher der Kommission, einfach die klärende Antwort aus dem Élysée-Palast. Macron schlägt für die neue Kommission seinen bisherigen Außenminister Stéphane Séjourné vor. Er soll den für Frankreich reservierten Sitz in Brüssel ausfüllen.
Für den scheidenden Breton findet die Depesche aus dem Élysée, nun ja, keine überschwänglichen Worte. Er sei ein "bemerkenswerter" Kommissar gewesen.
Glühende Anhänger, viele Kritiker
Das würde auch in Brüssel niemand bestreiten. Wenige Politiker haben in Europas Hauptstadt so sehr polarisiert wie der Franzose - es gab glühende Anhänger für seinen offenen, unverhohlen Interessen-geleiteten Stil, aber auch mindestens genau so viele Kritiker. Auf der Haben-Seite Bretons steht, jedenfalls aus französischer Sicht, die Renaissance der Atomkraft als förderungswürdige Form der Energieerzeugung.
In der Mitte seiner Amtszeit klang es noch maßlos überzogen, als Breton forderte, die Atomenergie müsse als nachhaltig eingestuft werden, wegen ihres Beitrags zur Einsparung von CO2. Kein Mitglied der Kommission unterstützte das damals, niemand hielt es für möglich.
Breton behielt am Ende Recht. Er setzte sich mit seiner Auffassung durch und im Rahmen der Taxonomie wurde der Atomenergie von Brüssel das Signum der Nachhaltigkeit verliehen - in der Hoffnung, dass die großen Finanzanleger keinen Bogen mehr um neue Kernkraftprojekte machen würden.
Breton gegen Musk
Dass Breton bei dieser wie auch bei anderen Entscheidungen ganz besonders die Interessen seines eigenen Landes im Blick hatte, brachte ihm Lob bei den Landsleuten ein. Aber auch heftige Ablehnung von seinen Kritikern - und das parteiübergreifend. Die Christdemokraten im Europäischen Parlament gehören dazu, aber auch Mitglieder der Bundesregierung in Berlin.
Lob von allen Seiten gab es dagegen für seinen selbstbewussten Umgang mit den großen IT-Konzernen von der US-amerikanischen Westküste. Breton bot ihnen die Stirn, er ging keinem Konflikt mit den Giganten aus dem Weg, wenn es darum ging, dass auch sie sich an das europäische Recht für die Online-Welt halten sollten. Allerdings ging die gute Absicht da manches Mal mit dem Binnenmarktkommissar durch.
"Lieber Herr Musk", schrieb Breton wenige Stunden vor dessen Live-Gespräch mit Donald Trump, "ich bin gezwungen, Sie an die Regeln zu erinnern." Breton erinnerte an die rechtsextremen Krawalle in Großbritannien, die Musk befeuert hatte. Deshalb bestehe die Gefahr, dass bei dem Gespräch mit Trump "gefährliche Inhalte" auch in der EU verbreitet würden. Auch ein Elon Musk habe die Pflicht, solche Inhalte zu moderieren.
Von der Industrie nach Brüssel
Die Attacke endete im eigenen Tor. Musk antwortete auf der ihm gehörenden Plattform X mit Posts, die eindeutig unter die Gürtellinie gingen. Niemand in Brüssel erinnerte sich, ob ein Kommissar schon einmal derartig beleidigt worden war. Ob Breton das als eine Niederlage empfand, ist nicht klar.
Breton hat internationale Großkonzerne geleitet, bevor er sich in die Niederungen der Brüsseler Administration begab und geht grundsätzlich keiner Machtprobe aus dem Weg. Der Franzose war Geschäftsführer von Honeywell Bull, von Thomson-RCA, France Télécom und von 2008 bis 2019 leitete er das internationale IT-Unternehmen Atos mit mehr als 100.000 Beschäftigten weltweit - da dürfte ihm die Beamtenwelt der Kommission hin und wieder klein vorgekommen sein.
Von der Leyens Suche nach Kommissarinnen
Bretons Attacken richteten sich auch vor seinem Rücktritt schon gegen von der Leyen persönlich - im Europawahlkampf zum Beispiel, als er ihre Nominierung zur Spitzenkandidatin der Christdemokraten offen herabwürdigte. Insofern hat die alte und neue Kommissionspräsidentin mit dem Rücktritt auch eine Nervensäge verloren, das dürfte sie nicht betrüben.
Ganz aufgegangen ist von der Leyens Rechnung gleichwohl nicht. Macron hat ihren Wunsch nicht erfüllt, eine Frau zu nominieren. Der Männer-Überhang in der neuen Kommission ist offensichtlich und ein eklatanter Rückschritt im Vergleich zu 2019, als das Geschlechterverhältnis so gut wie ausgeglichen war.
Wie die neue Mannschaft aussieht, wird die Kommissionspräsidentin morgen dem Europäischen Parlament in Straßburg präsentieren. Mit Séjourné anstelle von Breton und mit einem offenen Punkt beim Mitgliedsland Slowenien, wo die Nachnominierung einer Kandidatin noch nicht in trockenen Tüchern ist.
Von Helga Schmidt, ARD Brüssel
Auch beim Abschied bleibt sich Thierry Breton treu. Ein Tweet mit einem großen leeren Bilderrahmen und dazu der Text: "Mein offizielles Portrait für die nächste Amtszeit der Europäischen Kommission". Damit niemand die Bedeutung der Meldung unterschätzt, setzte der Franzose ein dickes "Breaking News" darüber. Seine Botschaft: Eilmeldung, der Mann steht für die nächste Kommission nicht zur Verfügung!
Info: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/breton-eu-kommission-102.html
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.







Illustration: Liu Rui/Global Times



Quelle: Gettyimages.ru