05.02.2023

Rentenreform in Kriegszeiten – Frankreich erlebt die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten

meinungsfreiheit.rtde.life, vom 4 Feb. 2023 17:56 Uhr, Eine Analyse von Pierre Lévy

Nach Schätzung der Gewerkschaften gehen in Frankreich bis zu 2,5 Millionen Menschen gegen die Anhebung des Rentenalters von 62 auf 64 Jahre auf die Straße. Linke mit Rechten, in Städten und auf dem Land. Mit der Rentenreform könnte die Regierung unter Macron 10 Milliarden sparen. Zuletzt hat Macron die Lieferung von Kampfjets an Kiew erwogen.


Quelle: www.globallookpress.com © Vincent Isore / IMAG


Demonstration gegen Rentenreform in Frankreich, 19.01.2023


Zitat: Bereits am 19. Januar hatte es bezüglich der Zahl der Demonstranten im ganzen Land und der Streiks in vielen Bereichen eine beachtliche Mobilisierung gegen die Rentenreform, die die Regierung von Emmanuel Macron durchzusetzen versucht, gegeben.

Die Mobilisierung jedoch, die am 31. Januar zustande kam, ging über die erste Etappe hinaus: Das Innenministerium selbst räumte ein, dass fast 1,3 Millionen Menschen auf die Straße gegangen waren; die Gewerkschaften ihrerseits schätzen diese Gesamtzahl auf über 2,5 Millionen. Man muss fast drei Jahrzehnte zurückgehen, um eine soziale Bewegung von solchem Ausmaß zu finden.


Proteste gegen Macrons Rentenreform legen Frankreich lahm





Proteste gegen Macrons Rentenreform legen Frankreich lahm






Noch bemerkenswerter als die Gesamtzahl der Demonstranten ist ihre Verteilung. Die Demonstrationen in den großen Städten und insbesondere in Paris hatten natürlich einen Rekordandrang. Was aber die Beobachter und auch die Gewerkschaften selbst beeindruckte, war das, was in mittelgroßen Städten und sogar in Gemeinden mit einigen zehntausend Einwohnern geschah. Dazu kommt noch die Tatsache, dass eine hohe Zahl von Arbeitnehmern zum ersten Mal in ihrem Leben demonstrierte.


Während die linken Parteien die Mobilisierung unterstützten, stellten einige Analysten fest, dass die Beteiligung von Bürgern in mittleren und kleinen Städten den Gebieten entsprach, in denen Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2022 am stärksten abgeschnitten hatte. Dies sind sehr oft Orte, an denen die Bürger am stärksten das Gefühl haben, aufgrund von Deindustrialisierung und besonders hoher Arbeitslosigkeit vergessen und zurückgelassen zu werden.

Zwei der Faktoren, die zum Erfolg dieses Tages, den manche bereits als historisch bezeichnen, beigetragen haben, verdienen besonders hervorgehoben zu werden. Der erste betrifft natürlich die zentrale Stellung der Rente im Rahmen der sozialen Errungenschaften. Für Millionen von Arbeitnehmern, die während ihres Arbeitslebens beschwerlichen, belastenden oder sich wiederholenden Aufgaben ausgesetzt sind, ist die Aussicht darauf, endlich aufatmen und das Leben genießen zu können, bevor man völlig "kaputt" ist, von größter Bedeutung.


"Ruhestand vor der "Arthritis" – Massenprotest gegen Rentenreform in Frankreich



"Ruhestand vor der "Arthritis" – Massenprotest gegen Rentenreform in Frankreich






Die geplante Reform – die eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 64 Jahre vorsieht und die Anzahl der für den Eintritt in den Ruhestand erforderlichen Arbeitsquartale schneller als erwartet erhöht – wird daher als Diebstahl und Verrat empfunden. Einer offiziellen Studie zufolge sind Frauen besonders betroffen, da ihre Karrieren "unterbrochener" oder unsicherer sind.

Aber auch ein zweiter Faktor trägt zum Erfolg des derzeitigen Mobilisierungsklimas bei: der durch die Inflation verursachte Kaufkraftverlust, insbesondere bei Energie und Lebensmitteln. Die Folgen sind für Geringverdiener oft dramatisch, aber auch diejenigen, die sich zur Mittelschicht zählen, bleiben nicht verschont.


Kann die Bewegung zu einem Sieg führen, d. h. zur Rücknahme des Gesetzentwurfs? Die von Élisabeth Borne geführte Regierung verfügt in der Nationalversammlung nicht über eine absolute Mehrheit von Macron-freundlichen Abgeordneten – ein in Frankreich sehr seltener Fall. Die Abgeordneten aller linken Parteien sowie der Rassemblement National (RN, wird oft als rechtsextrem oder "populistisch" eingestuft) haben entschiedenen parlamentarischen Widerstand angekündigt. Die RN-Abgeordneten haben sogar einen Antrag auf ein Referendum über den Gesetzesentwurf gestellt, aber viele linke Abgeordnete, die einen ähnlichen Antrag stellen wollten, zögern, sich einem Text anzuschließen, weil er "von der extremen Rechten vorgelegt" wird.


Politisch forcierte Massenverarmung: Immer mehr Menschen rutschen unter das Existenzminimum




Meinung

Politisch forcierte Massenverarmung: Immer mehr Menschen rutschen unter das Existenzminimum





Auf parlamentarischer Ebene wird also viel von der Haltung der Partei Les Républicains (LR, klassische Rechte) abhängen. Grundsätzlich stimmen diese der Reform zu, wollen aber Änderungsanträge zur Abmilderung der Reform durchsetzen; und einige ihrer Abgeordneten könnten unter dem Druck ihrer Wähler gegen den Entwurf stimmen.


Selbst einige macronistische Abgeordnete könnten in diesem Zusammenhang abtrünnig werden. Die Parlamentsdebatten dürften in den nächsten Wochen auf Hochtouren laufen. Die Regierung verfügt über eine verfassungsrechtliche Waffe: Diese ermöglicht eine Verabschiedung ohne Abstimmung, wobei die Oppositionen dann mit absoluter Mehrheit einen Misstrauensantrag verabschieden müssten, um den Text zu Fall zu bringen (Artikel 49.3 der Verfassung).

Vieles wird also davon abhängen, ob die derzeitige Bewegung noch an Stärke gewinnt. Die nächsten Demonstrationen sind bereits für den 7. und 11. Februar geplant. Aber auch wenn die Mobilisierung stark ist, hat sie zwei Schwachpunkte, die mit der Positionierung der Gewerkschaftsführungen zusammenhängen. Keine von ihnen weist auf die Verbindung zwischen der Reform und der Rolle der Europäischen Union hin. Es ist, als hätte der französische Präsident ganz allein eine plötzliche Laune gehabt.


Frankreich: Gewerkschaften mobilisierten zu landesweiten Großdemos




Analyse

Frankreich: Gewerkschaften mobilisierten zu landesweiten Großdemos






Die Europäische Kommission erinnerte jedoch kürzlich daran, dass der Rat der Europäischen Union Frankreich am 12. Juli 2022 empfohlen hatte, das Rentensystem zu reformieren. Und sie ließ eine gewisse Ungeduld durchblicken: "Bisher wurden noch keine konkreten Maßnahmen genannt." Darüber hinaus strebt der französische Präsident eine Führungsrolle in der Union an, muss dafür aber gegenüber seinen Amtskollegen glaubwürdig sein und möchte daher als erfolgreicher Reformer erscheinen.


Das andere "Versäumnis" der Gewerkschaftsführungen betrifft den Krieg: Frankreich ist nicht das letzte Land, das immer raffiniertere Waffen an die Ukraine liefert. Der Herr des Élysée-Palastes hat sogar die Verlegung von Kampfflugzeugen nach Kiew in Erwägung gezogen ("nichts ist ausgeschlossen"). Wenn man die militärische, wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung zusammenzählt, gewinnt die Rechnung schnell an Umfang. Einigen Schätzungen zufolge sollen andererseits mit der Rentenreform 10 Milliarden Euro "eingespart" werden, und zwar auf Kosten der Arbeiter. Zur Erinnerung: Die EU plant, die ukrainische Regierung allein im Jahr 2023 mit weiteren 18 Milliarden zu unterstützen.


Offiziell befindet sich Frankreich – wie seine westlichen Partner – nicht im Krieg. De facto befindet es sich jedoch in einem solchen. Es ist eine uralte Erfahrung der Gewerkschaftsbewegung, dass eine kriegslüsterne Regierung keine Politik des sozialen Fortschritts betreiben kann, ganz im Gegenteil.


Es wäre gut, dies heute in Erinnerung zu rufen.


Mehr zum Thema - Französischer Verteidigungsminister: Lieferungen von Militärjets an Kiew sind kein Tabu


RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/europa/161830-rentenreform-in-kriegszeiten-frankreich-erlebt


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

05.02.2023

Deutscher Brigadegeneral a.D. zeigt Grenzen auf

aus e-mail von Doris Pumphrey, 5. Februar 2023, 00:43 Uhr


Das Ziel eines Teasertextes ist es, den N

RT-Liveticker 4.2.2023

<https://meinungsfreiheit.rtde.life/international/131481-liveticker-ukraine-krieg/


20:01 Uhr

*Medien: Deutschland könnte bis zu 160 Leopard-1-Panzer aus

Lagerbeständen in die Ukraine überführen*

Die Ukraine könnte bis zu 160 Leopard-1-Panzer aus deutschen

Industriereserven erhalten, berichtete

<https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ukraine-krieg-deutschland-koennte-bis-zu-160-leopard-1-kampfpanzer-liefern/28964084.html

das /Handelsblatt/ unter Berufung auf Quellen. Im Artikel der Zeitung

heißt es: /"Die Ukraine könnte bis zu 160 Kampfpanzer vom Typ Leopard 1

aus deutschen Industriebeständen erhalten."/

Nach Angaben der Zeitung könnten Rheinmetall und Flensburger Fahrzeugbau

die meisten ihrer Kampffahrzeuge reparieren und in die Ukraine exportieren.

Das Bundeskabinett hatte am Freitag bestätigt, dass Deutschland die

Lieferung von Leopard-1-Panzern an die Ukraine genehmigt hatte.



https://meinungsfreiheit.rtde.life/inland/161837-szenarien-fuer-leopard-einsatz-deutscher/

3.2.2023

*Szenarien für den Leopard-Einsatz –

Deutscher Brigadegeneral a.D. zeigt Grenzen auf

*

Es sind vorwiegend Militärs, die sich gegen weitere Waffenlieferungen

aussprechen. Einer davon ist der ehemalige Brigadegeneral Helmut Ganser.

Das Risiko der Eskalation sei zu groß, das Ziel zudem unklar formuliert,

führt er an. Diplomatie ist gefragt.


Helmut Ganser ist Brigadegeneral a.D. Er war darüber hinaus unter

anderem stellvertretender Leiter der Stabsabteilung Militärpolitik im

Verteidigungsministerium sowie Militärberater der deutschen ständigen

Vertretung bei der NATO in Brüssel. Er weiß, wovon er spricht, wenn er

über Waffen und ihren Einsatz im Feld redet, denn es war sein Beruf.

Seine Kompetenz unterscheidet ihn von vielen in den Medien und der

Politik, die nach immer weiteren Waffenlieferungen rufen, sich aber über

die Folgen nicht im Klaren sind. Das betrifft sowohl den Anspruch an die

Ausbildung der Soldaten als auch die Folgen für den weiteren Verlauf des

Konflikts.


Ganser entwarf in einem Beitrag

<https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/wenn-sich-der-nebel-des-krieges-lichtet-6476/

für das ipg-Journal zwei Szenarien einer ukrainischen Offensive unter

Einbeziehung deutscher Leopard-Panzer. Die erste scheitert früh. Die

ukrainischen Militärs beherrschen die komplexen Anforderungen, die das

neue Gerät an sie stellt, nur mangelhaft. Die unzureichende

Zusammenarbeit im Verbund eröffnet Möglichkeiten für einen Gegenangriff.


Aus diesem Grund kommt die Offensive in Gansers erstem Planspiel zum

Erliegen, nachdem sie lediglich dreißig Kilometer in von Russland

beherrschtes Territorium vorgedrungen ist. Die Verluste sind auf beiden

Seiten erheblich. Bilder von zerschossenen Leopard-Panzern kursieren in

den sozialen Netzwerken.


Aufgrund der hohen Verluste beginnt in der Ukraine eine Diskussion über

den Sinn des Krieges. Immer mehr Familien haben tote Familienmitglieder

zu beklagen. Gleichzeitig ist die Verteidigungsfähigkeit der NATO-Länder

durch die Unterstützung der Ukraine geschwächt. Russland hält nach der

gescheiterten Offensive noch immer zehn bis zwölf Prozent der Landmasse

auf dem Gebiet, das die Ukraine als ihr Hoheitsgebiet beansprucht. Die

Offensive ist gescheitert.


In einem zweiten Szenario ging Ganser von einem erfolgreichen Vorstoß

des ukrainischen Militärs aus. Es kann bis zum Asowschen Meer

durchstoßen und steht schließlich gegenüber der Krim. Die Versorgung der

Krim wird unterbrochen.


Russland antwortet darauf mit massiven Angriffen auf Kiew und macht

deutlich, dass es diejenigen Länder, die der Ukraine Waffen geliefert

haben, als Kriegsteilnehmer sieht. Der Krieg bedrohe Russland jetzt

existenziell, merkt Ganser an. Damit ist nach russischer Militärdoktrin

der Einsatz von Nuklearwaffen legitim.


Russland versetzt seine nuklearen Raketentruppen in Gefechtsbereitschaft

und fordert die unmittelbare Aufhebung der Blockade der Krim – sollte

dies nicht geschehen, würden taktische Atomwaffen eingesetzt. Zeitgleich

startet China das bisher größte Manöver in der Straße von Taiwan. Die

Welt steht am Abgrund. Die Offensive war erfolgreich, das Ergebnis ist

jedoch alles andere als ein gewünschtes.


In beiden Fällen ist der Einsatz der Leopard-2-Panzer nicht sinnvoll, im

zweiten Szenario führt er gar in die Katastrophe. Ganser

vergegenwärtigt, dass sich auch positivere Szenarien entwickeln lassen.

Russland könnte etwa die Rückeroberung der Krim einfach hinnehmen,

erklärte er. Aber die Gefahr, langsam in eine Katastrophe

hineinzugleiten, wächst mit weiteren Waffenlieferungen und wird

wahrscheinlicher.


Insbesondere mit dem zweiten Szenario stützt Ganser die Aussagen

derjenigen, die auf die Eskalationsfähigkeit Russlands verweisen. Ein

konventioneller Krieg kann gegen eine Atommacht nicht gewonnen werden,

ist eine der in diesem Zusammenhang angeführten Thesen. Ganser weist

zudem auf die Unberechenbarkeit der Entwicklungen hin. Krieg entfalte

eine eigene Dynamik, die nur schwer vorherzusehen sei, meint Ganser.


Den Befürwortern von immer weitergehenden Waffenlieferungen erteilt

Ganser damit eine deutliche Absage. Das Risiko einer unkontrollierten

Eskalation ist zu groß. Es bedarf einer konkreten Benennung der Ziele

und der Überlegung, wie diese zu erreichen seien. Mit großer Sicherheit

führt der Weg dorthin nicht übers Schlachtfeld, sondern an den

Verhandlungstisch.

utzer kurz und knapp darüber zu informieren, was auf der Folgeseite zu finden ist. Er fasst die zentrale Aussage in maximal 3 - 4 Zeilen zusammen und soll dem User einen Anreiz geben, weiter zu lesen. Weiterlesen klicken, um den Blogartikel auf der Folgeseite zu erstellen.


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

05.02.2023

Der Kampf um Russlands Seele: Von Patrioten und einem "westlich-liberalen Kultur-Pufferraum"

meinungsfreiheit.rtde.life, vom 4 Feb. 2023 21:50 Uhr, Von Elem Chintsky

Seit dem 24. Februar 2022 sind die Masken in Russland gefallen. Das gilt auch für Kulturschaffende, unter denen eine teils sehr haptische, hysterische Auslese stattfand: auf der einen Seite die, die ihr Land empört verlassen haben, auf der anderen die, die es unterstützen.




Quelle: Sputnik © Maksim Blino


Gespaltene Kunstszene: Die Sängerin Zemfira bei einem Konzert im August 2018 in Moskau


Zitat: Im Westen hat man nicht die leiseste Ahnung davon, wie viel Freiheit die mächtige, liberale Schicht der Kulturschaffenden in Russland bisher hatte. Und besonders im Jahr 2022 sind es nicht Wladimir Putin und der Kreml, die effektiv auf diese ideologische Unausgewogenheit aufmerksam machen oder gegensteuern. Es ist die russische Zivilgesellschaft.

In der westlichen Propaganda gibt es viele Missverständnisse über die russische Realität – manche sind beabsichtigt, manch andere entstehen und werden verfestigt durch aufrichtige Ignoranz der verantwortlichen Systemmedien. Zum Beispiel hält sich das Vorurteil wacker, dass die russischen Oligarchen Wladimir Putin die letzten 20 Jahre unterstützt hätten, sich unter seinen Fittichen befinden würden und stellvertretend seinen Willen und seine Absichten in der westlichen (Finanz-)Welt ausgeübt hätten.


Das Narrativ ist alles: Warum "Putins Feind Nummer eins" trotz Kritik in Berlin hofiert wird




Meinung

Das Narrativ ist alles: Warum "Putins Feind Nummer eins" trotz Kritik in Berlin hofiert wird





Dabei hat sich die russische Oligarchen-Klasse bereits eine Dekade vor Putins Verpflichtung zum Volksvertreter manifestiert, woran man kurz nach Beginn der militärischen Sonderoperation erinnert hatte. Nämlich als der gesamte Energie-, Rohstoff- und Schwerindustriesektor der Sowjetunion zugunsten westlicher, besonders US-amerikanischer, Konglomerate in den späten 1980er und im Laufe der gesamten 1990er Jahre im Eiltempo privatisiert wurde.


Dieser Prozess wurde eingeleitet durch "willige Reformatoren" – wie Tschubais, Gaidar, Beresowski oder Chodorkowski, aus dem Inneren der sich zerfressenden Eliten der Sowjetunion, und wurde später abgeholt, geleitet und überwacht von der Präsenz des westlichen Neoliberalismus, der ab einem gewissen Moment bereits sogar direkt vor Ort figurierte und mit "beratender" Hand zur Seite stand und riesige Gewinne für sich hinaus schleuste. Die erste McDonald's-Filiale in Moskau im Jahr 1990, als erste Siegesfackel des westlichen Segens, illustriert bestens die Früchte dieser Zeit.


Wem der Exodus derselben, bekanntesten Fast-Food-Kette der Welt im letzten Jahr aufgefallen ist, versteht, dass ein authentischer Umkehrprozess in Bewegung gesetzt wurde.

Bevor wir zur Kultur kommen, erlauben wir uns den US-amerikanischen Gelehrten, Juristen und Wirtschaftsexperten James G. Rickards zur Rate zu ziehen, der letztens die oben erwähnten Missverständnisse über die Mythen von den "Oligarchen Putins", aber auch die "Allmacht westlicher Sanktionen" widerlegt:


"Sie [die Sanktionen] werden nicht nur nicht funktionieren, sie werden auch nach hinten losgehen. Sie werden den Vereinigten Staaten und Europa mehr schaden, als sie Russland schaden. Es hat sich genau so abgespielt, wie ich es meiner Unterrichtsklasse im April erläutert habe: Russland hat kaum gelitten. [...] Oligarchen – haben sie die Stadtvillen im Londoner Belgravia und ihre Yachten verloren? Ja, das haben sie. Aber was die Amerikaner nicht verstehen, ist, dass Putin die Oligarchen hasst.


Ukrainer singen vor dem Reichstagsgebäude über die 'Endlösung der Russenfrage'




Meinung

Ukrainer singen vor dem Reichstagsgebäude über die 'Endlösung der Russenfrage'






Putin sollte Biden ein handgeschriebenes Dankschreiben schicken, in dem er sich dafür bedankt, dass er die Oligarchen vernichtet hat. Putin würde es nicht selbst tun. Was er tat, war, einige von ihnen ins Gefängnis zu stecken – Chodorkowski und andere – um den übrigen zu sagen, ihr könnt eure Milliarden an Dollar behalten, aber mischt euch nicht in die Politik ein – das war die Botschaft. Die Oligarchen haben die Botschaft verstanden, hatten ihre Stadtvillen und ihre Yachten, mischten sich aber nicht in die Politik ein. Aber Putin wollte sie eigentlich loswerden, wenn er könnte. Er konnte es nur nicht, denn sie hatten eine gewisse Macht im System."


Rickards lehrt "Finanzielle Kriegsführung" ("Financial Warfare") am United States Army War College in Pennsylvania und ist mit seiner ideologischen Gesinnung als Quelle in diesem Kontext und besonders verlässlich.


Was hat das alles mit Kultur zu tun?

Geopolitik, wie der russische Philosoph Alexander Dugin oft unterstreicht, ist eine synthetische Lehre aus mehreren Bereichen – darunter Politik, Geografie, Soziologie, Anthropologie und Finanzwesen. Um erfolgreiche Geopolitik zu betreiben, ist ein gutes Verständnis dieser Teilbereiche in dem Gebiet, in dem man Einfluss nehmen möchte, erforderlich. So hat auch das Kulturwesen ein wichtiges Standbein – manche würden berechtigterweise behaupten, dass es eine Grundfeste ist – in einer Gesellschaft. Und da ist die russische keine Ausnahme.


Das Maß an Schaffensfreiheit, das der Kunst- und Kultursektor in Russland (größtenteils sogar noch bis zum heutigen Tag) im Hinblick auf prowestliche Inhalte genießt, ist kolossal. Von solcher Freizügigkeit könnte gespiegelt die heutige EU nur "träumen" – obwohl natürlich jedem klar sein sollte, dass dem kulturell-industriellen EU-Komplex echte Rede- und Gewissensfreiheit ein gefährlicher Dorn im Auge wäre. Deshalb werden symptomatische Begriffsverwirrungen eingesetzt, um die heutige "Krisenzeit" der in der EU zerbröselnden Meinungs- und Pressefreiheit zu kaschieren und zu überbrücken. Wie Věra Jourová – die EU-Kommissarin für vermeintliche "Werte und Transparenz" – in einem ihrer letzten Tweets zeigt:

"Die öffentlich-rechtlichen Medien spielen in Demokratien eine besondere Rolle, erst recht in Krisenzeiten. Wir diskutierten mit CillaBenko, wie der #MediaFreedomAct die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien in der EU garantieren kann. Das Gesetz würde als Sicherheitsnetz im Falle von Bedrohungen auf nationaler Ebene dienen."

Darin impliziert sie in einem Atemzug angeblich inhärente Verwandtschaft zwischen "Unabhängigkeit" und "öffentlich-rechtlichen Medien" in der EU — zwei einander widersprechende Kategorien, die in "Krisenzeiten" Sinn ergeben sollen. Die EU borgt sich sogar den in der Bundesrepublik bereits tief verwurzelten, archaisch-abstrusen Strohmann, dass der durch staatlichen Steuerzwang finanzierte, öffentlich-rechtliche Rundfunk hier wahrhaftig "unabhängig" und "politisch unvoreingenommen" sei.


Es muss gesagt werden, dass die bisherige inhaltliche Freizügigkeit des kulturellen Sektors von Russland eher auf Naivität der hohen Staatsführung zurückzuführen ist. Nicht aber auf die Absicht, mit dem Westen einen bewussten Wettlauf um den Titel des besten Beschützers der Rede- und Gewissensfreiheit zu gewinnen.


Wenn die Deutschen nur wüssten, dass der geistlich-intellektuelle Kampf um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in Russland viel chaotischer verläuft, als dargestellt, würde man den eigenen Mangel an Gewissens- und Meinungsfreiheit im Kulturbereich etwas tiefer empfinden.

Zurzeit besteht auch das Vorurteil, dass Präsident Wladimir Putin mit eiserner Faust alle Kanäle der inländischen Kommunikation kontrolliert und streng justiert, hin zu einer hyper-patriotischen Dauer-Beschallung, der sich kaum ein Bürger entziehen könne.


Russische Politemigranten: Ohne Wurzeln, ohne Heimat ...





Meinung

Russische Politemigranten: Ohne Wurzeln, ohne Heimat ...






Ein solcher Status liegt noch sehr weit von der Wahrheit entfernt. Ja, es gibt patriotische Plakate im öffentlichen Raum und die Nachrichtensender rattern, um andauernd zu erklären, warum die militärische Sonderoperation überhaupt begonnen hat. Verblüffenderweise wusste auch ein großer Teil der Russen vor Februar 2022 selbst nicht genau, was da auf ihr Land zukommt, und warum. Aber sobald man über diese zentralisierten Aufklärungsbemühungen hinausschaut, mit Blick auf den allgemeineren Bereich Kultur, wird es schon mager.


Sachar Prelepin und seine Organisation GRAD

Der bekannte russische Schriftsteller Sachar Prilepin ist Gründer von GRAD – "Gruppe für die Ermittlung anti-russischer Tätigkeiten in der Kultursphäre". Die Organisation ist einzigartig in Russland und hat sich zur Aufgabe gemacht hat, das komplexe System der staatlichen Kulturförderung von ihrer westlichen Vereinnahmung zu lösen. Noch kürzer: Kulturschaffende westlicher Gesinnung, die im russischen Kulturraum aktiv sind, sollen durch diese Gruppe ausfindig gemacht und von der öffentlichen, Steuergeld-finanzierten Kapitalförderung, die sie bisher im vollen Maß nutzten – oft um das eigene Land anzuschwärzen –, abgetrennt werden. Auf seinem Telegram-Kanal fasste Prilepin letzten September den Stand der Dinge, wie er im März 2022 war, ziemlich direkt zusammen:


"Das allererste Z-Konzert wurde von uns, meinen Leuten, veranstaltet. Das war bereits im März. Zaldastanow stellte einen Club in Moskau, wir luden Django, 7B, Ochlobystin ein, die Band Zemljane sagte plötzlich zu, die Band Zveroboi war da. Alle wichtigen russischen Medien kamen, und wir drehten 50 Berichte.


Einige wichtige Leute versuchten, das Konzert zu stören, sie riefen Zaldastanow an, um ihn davon abzuhalten, uns den Club zu überlassen, und ein paar berühmte Musiker versuchten, ihn davon abzubringen, zu uns zu kommen.


Aber wir haben es geschafft.


Am nächsten Tag erschienen keine Berichte in den Massenmedien. Es gab ein totales Verbot von oben. Nicht ein einziges Mal!


Unsere Beamten (im März! als die Truppen bei Kiew waren!) haben gehofft, dass sich alles wieder von selbst auflöst, und was ist das hier überhaupt für eine Selbstinitiative. 'Wenn wir sie brauchen, werden wir sie organisieren'."


In einem weiteren Telegram-Post stellte Prilepin wichtige, allgemeine Beobachtungen auf und lamentierte gleichzeitig, diese jeweils großen Schwächen der kulturellen Arbeit Russlands offenzulegen. Demnach gebe es keinen einzigen aktiven Kinoregisseur, der die Spezialoperation offen unterstütze. Es gebe keine Buchhandlung, die Gedichte oder Memoiren über den "russischen Frühling" [Anmerkung des Autors: Die Rückkehr der Krim nach Russland im Jahr 2014] im Angebot hätten – Prilepin gehe sogar davon aus, dass diese Händler nicht einmal wüssten, dass es solche Bücher gibt.


In fünf Monaten (Prilepin schrieb dies im Spätsommer 2022), aber auch in den letzten acht Jahren gab es kein einziges Theater, das sich an einem Stück ausprobierte, dass die russischen Kämpfer im Donbass thematisiert. Wohingegen im russischen Radio über die Spezialoperation keine Lieder gespielt wurden und erst unter vermeintlich enormem Druck, ein einziges solches Lied endlich gespielt wurde. Obwohl 50 zur Verfügung gestanden haben sollen, laut Prilepin.

Um nur einige, sehr hörenswerte und rührende Beispiele zu nennen: Da ist der russische Rapper Rem Digga mit seinen Liedern "Na Jug" ("Nach Süden", 2016) und "Donbass v Ognie" ("Der Donbass in Flammen", 2017). Oder Akim Apatchews und Daria Frejs Lied "Plywe katscha po Tyssyni" ("Der Strom der Theiß trägt eine Ente") vom letzten Juni, deren Musikvideo dazu vom RT-Team im befreiten Mariupol gedreht wurde. Das Schicksal der beiden Musiker wurde in einer RT Dokumentation verewigt.


Prilepins GRAD hilft, Diskriminierung ahnden zu lassen

In Zusammenarbeit mit Duma-Abgeordneten, wie Dmitri Kusnezow, befasst sich GRAD auch mit der systemischen Diskriminierung von Künstlern in Russland, die sich aufgrund ihrer Unterstützung für den Donbass, die militärische Sonderoperation oder allgemein für ihr Land veräußert haben. Wie im Fall des Fernsehschauspielers der russischen TV-Krimi-Serie "Die Spur", Georgi Teslja-Gerassimow, im Oktober letzten Jahres: Dieser wurde nach der Rückkehr von mittlerweile mehreren Reisen in die Volksrepublik Donezk – mit welchen er sich mit den dortigen Menschen solidarisieren wollte – anschließend von seinem Regisseur und Produzenten gefeuert.

Der offizielle Grund sei "das mittlerweile falsche Alter" des Darstellers, was Teslja-Gerassimow als schwachen Vorwand für den wahren Grund verstand. Umso trauriger, dass die TV-Serie "Die Spur" von Mitgliedern eines fiktiven Sonderdienstes, des sogenannten "Föderalen Expertendienstes", der in Moskau als Teil des russischen Innenministeriums zur Verbrechensbekämpfung eingerichtet wurde, handelt. Da hätte man diese Art Handeln gegenüber dem Schauspieler eher nicht erwartet.


Vielen Beobachtern innerhalb Russlands fiel das Handeln des Kulturministeriums und anderer, verwandter Ministerien plötzlich und endlich unangenehm auf: Man sah, dass die Fördergelder aus dem Staatsbudget oft an Kultureinrichtungen und Organisationen gingen, die einer liberalen, dem Westen nahen Weltanschauung entsprachen. Eines von vielen Beispielen ist die Diskriminierung des russischen Schriftstellers Alexander Pelewin, der von einer der drei größten Buchmessen Moskaus die Präsentation seines neuen Buches verweigert bekam.


Band "Leningrad" veröffentlicht Musikvideo über Russophobie in Europa





Band "Leningrad" veröffentlicht Musikvideo über Russophobie in Europa






Die zuständige Prüfungskommission sei anonym, die Gründe offiziell "unbekannt", die politischen Überzeugungen Pelewins jedoch nicht: Der Dichter und Autor ist ein offener Unterstützer des Donbass, war oft dort und wurde schließlich auch auf die ukrainische Feindliste "Mirotworez" gesetzt. Die Untersuchung des Verdachts auf politische Diskriminierung, bei der erneut GRAD mit Kusnezow Beistand leisten, läuft seit November 2022. Buchmessen werden staatlich gefördert – und zwar in diesem Fall durch das Ministerium für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien der Russischen Föderation.


Noch im Frühling 2021 wurde Pelewin mit seinem Buch "Pokrow-17" mit dem Preis "Nationaler Bestseller" geehrt – ein jährlicher allrussischer Literaturpreis, der seit 2001 als einer der wichtigsten nicht-staatlichen Literaturpreise in Russland gilt.


Zeitmaschinen und Suchmaschinen

Der Frontman der sehr populären, 1969 gegründeten russischen Band Maschina Wremeni, Andrei Makarewitsch, hat nach dem Februar 2022 in seinen sozialen Medien Russland oft und wiederholend als "eine verlorene Nation" bezeichnet. Als Makarewitsch sah, wie sich innerhalb der russischen Bevölkerung Empörung über alle die in Protest ausgeflogenen Künstler sammelte, hatte er Folgendes zu sagen:


"Ich sehe das Gejammer über die Leute, die von hier weggegangen sind – wie Alla, Maxim, Tschulpan, Zemfira ... Es ist Russland, das euch Arschlöcher verlassen hat. Denn Russland sind sie, nicht ihr."


Makarewitsch war schon in Israel, als er dies von sich gab.


Die ehemalige CEO der russischen Suchmaschine Yandex, Jelena Bunina, verließ ihren Posten sowie Russland im März 2022 und ging auch nach Israel, mit der Begründung, "sie kann nicht weiter in einem Land leben, das Krieg mit seinen Nachbarn führt" – was auch die Meinung von Makarewitsch zusammenfassen würde.


Kurz darauf kamen die Reaktionen aus der russischen Zivilgesellschaft, die je nach Auslegung natürlich auch hätten "bloße Trolle" sein können. Hier ist ein solches Beispiel von Anfang August 2022, in dem der Absender sich als ein in Israel lebender Russe ausgibt:


"Andrei, unser Land hat heute mit der Bombardierung des Gazastreifens begonnen, eines kleineren und schwächeren Landes, und wir müssen etwas tun. Wir müssen auf die Straße gehen und unserer Regierung sagen: Nein zum Krieg! Stoppen wir diese Gesetzlosigkeit!!!"


Nachrichten wie diese sprechen für sich. Anfang August 2022 bombardierte Israel tatsächlich den Gazastreifen. Makarewitschs Konten sollen mit solchen Nachrichten regelmäßig heimgesucht worden sein.


Zum Zeitpunkt des Beginns der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine hatte der bekannte russische Sänger seine Konzertsaison 2022 schon voll ausgeplant. Sein Vorhaben war es, den gesamten Herbst in der Heimat unterwegs zu sein, praktisch jede größere Stadt mit einem Konzert zu beglücken und natürlich auch große Gewinne zu erzielen. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass seine abschätzige Einstellung zur eigenen "russischen Nation" so schnell Resultate bringen würde: Zügig wurden nämlich nach und nach in Städten wie Tscheljabinsk, Saratow, Tjumen und sogar in der als liberal geltenden Stadt Jekaterinburg all seine Konzerte abgesagt – auf Drängen der dortigen "Konsumenten". Darüber fing er dann auch an, sich öffentlich zu beschweren.


Weitere Positionierungen russischer Künstler

"Verpisst euch aus Russland" war nur einer von Massen an Kommentaren, den wiederum der Frontmann der Musikgruppe Splin, Alexander Wassiljew, von russischen Nutzern erhielt, nachdem er auf einem Konzertauftritt Russland und den Kreml verurteilt und seinen Zuschauern eine Mitschuld für das, was in der Ukraine geschieht, angeheftet hatte.


Die Rockband Tschaif hingegen hat für Aufsehen gesorgt, indem sie noch im April 2022 für verwundete und hospitalisierte russische Soldaten spontan Konzerte spielte.


Die sowjetisch-russische Schauspielerin Lija Achedschakowa, die in der Vergangenheit auch den Aktivismus von Alexei Nawalny und viele weitere liberale Projekte in Russland unterstützt hat, sprach sich im letzten Jahr in ihren sozialen Medien für die ukrainischen Streitkräfte, für das Kiewer Regime aus. Des Weiteren äußerte sie regelmäßig ihre anti-russischen Gedanken – auf ähnlich niederem Niveau wie ihr Kollege Makarewitsch. Als es dann an der Zeit war, ein neues Theaterstück in Nischni Nowgorod aufzuführen, störten sich viele Bürger dort daran und richteten Beschwerden an das Theater und an die Stadtverwaltung. Die generelle Botschaft war, dass sie auf eine solche Art Kulturschaffende durchaus verzichten können. Der Druck wurde so groß, dass das Theater die Vorführung mit Achedschakowa absagen musste.


Die Popsängerin Julia Tschitscherina dagegen hat seit Anbeginn die Rückkehr der Donbass-Republiken nach Russland unterstützt, war dort oft zu Besuch, leistete humanitäre Hilfe während der Angriffe des Kiewer Regimes und sang für die Bevölkerung dort. Für ihre soziopolitische Einstellung wurde ihr der Auftritt bei einem FIFA-Event während der Fußball-WM 2018 in der Stadt Rostow am Don verweigert. Eine WM, die bekanntlich in Russland stattfand.


Bei der Pop-Sängerin Monetochka, dem bereits erwähnten Makarewitsch, dem Rapper Noize MC, dem Pop-Sänger Waleri Meladse und bei vielen anderen Kulturschaffenden ist aufgrund ihrer anti-russischen, politischen Gesinnung der gesetzliche Status eines "ausländischen Agenten" bereits vorhanden. Juristisch bedeutet das, dass wenn ein Künstler diese Einstufung bekommt, er auch davon disqualifiziert wird, Finanzierungen aus dem Kulturministerium zu erhalten. Eine Einnahmequelle, die für viele sehr lange äußerst lukrativ war. In diesem Sinne kam – manche wie Prilepin würden sagen: extrem verspätet, aber dennoch – die richtige Gesetzes-Entscheidung von der Regierung und der Duma.


Ja, für Kriegsparteien, wie es de facto die EU und Russland füreinander sind, ist es seit Februar 2022 etwas müßig zu vergleichen, wer bei sich in den Massenmedien mehr Informationsfreiheit zulässt. Obwohl auf der persönlichen, individuellen Bürgerebene eindeutig Russland das Siegeszepter erhält, da regierungskritische Aussagen in russischen sozialen Medien sowie im Supermarkt an der Kasse oft auf absurd vulgäre Weise, ohne jegliche Art der Verfolgung oder Einschüchterung gemacht werden. Dem Kreml ist in seiner Kriegszensur wichtig, dass keine Denunzierung und Demoralisierung in größeren Medienanstalten oder bei Straßendemonstrationen stattfinden. Was der gemeine Bürger denkt oder publiziert, ist denen vollkommen egal, da es sich da sowieso um eine Minderheit handelt – wie regelmäßige Umfragewerte in Russland gut illustrieren.


Russland heute aus der Vogelperspektive

Als Ausländer, der indessen vier Jahre in Russland lebt und an der Zivilgesellschaft teilnimmt, fällt mir eine alt-eingesessene, etablierte, dichte Zwischenschicht in der Gesellschaft auf. Eine Art "Pseudo-Elite" beziehungsweise ein westlich-liberaler Kultur-Pufferraum – geformt noch zu Boris Jelzins Zeiten –, der als verschleiernde Instanz agiert und sich im Prozess der beschleunigten Auflösung befindet. Selbstverständlich war und ist der Krieg in der Ukraine hierfür der unmissverständliche Katalysator gewesen. Die Spreu trennt sich vom Weizen geradezu in Echtzeit, vor aller Augen.


Diesen Pufferraum gab es lange Zeit zwischen dem Präsidenten und seinem engsten, historisch-patriotisch sensibilisierten, engeren Kreis auf der einen und dem russischen Volk auf der anderen Seite. Es handelt sich bei dieser Transformation um nichts Geringeres als einen epochalen Wechsel in Russland. Ein wirklich seltener historischer Prozess innerhalb der russischen "Mutter Kultur", der an Wichtigkeit den Jahren 1905 bis 1922 im Russischen Imperium/in der jungen Sowjetunion gleicht – und den Kampf um die Seele einer ganzen Nation umfasst.


Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen schreibt. Eine Zusammenarbeit mit RT besteht seit 2017. Seit Anfang 2020 lebt und arbeitet der freischaffende Autor im russischen Sankt Petersburg. Der ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor ausgebildete Chintsky betreibt außerdem einen eigenen Kanal auf Telegram.


Mehr zum Thema - Von Konstanten und Variablen in der Russlandfrage


RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/meinung/161606-kampf-um-russlands-seele-von


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

05.02.2023

Selenskijs Büroberater ruft Westen zur Übergabe aller verfügbaren Waffen an die Ukraine auf

meinungsfreiheit.rtde.life, vom 4 Feb. 2023 18:55 Uhr

Nach Ansicht des Beraters des Büroleiters von Wladimir Selenskij, Michail Podoljak, sollte der Westen der Ukraine alle Waffen übergeben. Überdies meint der ukrainische Vizeaußenminister Andrei Melnyk, dass das Land auch westliche Ausrüstung für seine Marine brauche.


Quelle: AFP © Genya SAVILO


Der Berater des Büroleiters von Wladimir Selenskij, Michail Podoljak (Archivbild)


Zitat: Der Berater des Chefs des ukrainischen Präsidialamtes, Michail Podoljak, hat in einem TV-Marathon erklärt, dass der Westen der Ukraine alle Waffen geben sollte, die er habe. Der Beamte wörtlich:

"Das bedeutet, dass man den Aufbau des nationalen militärisch-industriellen Komplexes nicht an den Krieg in der Ukraine koppeln sollte – man sollte alles geben, was man hat."

Podoljak zufolge soll die Ukraine alles, was sie brauche, "hier und jetzt" bekommen und nicht erst 2024 oder 2025. Die westlichen Länder sollten die vorhandenen Bestände entkonservieren und sogar die Waffen aus der Alarmbereitschaft nehmen, hieß es weiter.

Unterdessen brachte der stellvertretende ukrainische Außenminister Andrei Melnyk in einem Interview mit der Welt zum Ausdruck, dass die Ukraine überdies Waffen für ihre Marine von den westlichen Ländern brauche. Melnyks Worten zufolge ist dies ein langwieriger Prozess, der jedoch jetzt eingeleitet werden sollte:

"Luftwaffe muss aufgebaut werden, unsere Flotte, also die Marine, auch. Das heißt, auch da haben wir gerade mit Deutschland sehr viele Möglichkeiten, um die ukrainische Flotte auszurüsten. Das wird Monate, vielleicht auch Jahre in Anspruch nehmen. Das wissen wir, dass das nicht von heute auf morgen geht, aber wir müssen beginnen."

Die drei Techniken von Selenskijs PR-Maschine





Analyse

Die drei Techniken von Selenskijs PR-Maschine






Am 30. Januar hatte Melnyk auf Twitter geschrieben, dass Deutschland U-Boote der HDW-Klasse 212A herstelle, die zu den besten der Welt gehören. Seiner Meinung nach könnte Berlin sie an die Ukraine liefern. Dies würde es der Marine der ukrainischen Streitkräfte ermöglichen, ukrainische Städte vom Schwarzen Meer aus vor russischen Kriegsschiffen zu schützen. Podoljak hatte zuvor in einem Interview mit der spanischen Zeitung 20minutos erklärt, dass die Ukraine 350 bis 450 Panzer sowie Langstreckenraketen aus dem Westen benötige.


Am 3. Februar teilte das Pentagon mit, dass das neue US-Militärhilfepaket für die Ukraine im Wert von rund 2,2 Milliarden US-Dollar Munition für HIMARS-Mehrfachraketen-Systeme, 155- und 120-Millimeter-Geschosse, 250 Javelin-Panzerabwehrraketensysteme, großkalibrige Maschinengewehre, 181 gepanzerte Fahrzeuge mit verbessertem Minenschutz, 2.000 Panzerabwehrraketen, Claymore-Antipersonenminen, Feldausrüstung, weitere Lieferungen bestehend aus GLSDB-Raketen mit einer Reichweite von 150 Kilometern, Hawk-Boden-Luft-Raketensystemen, Puma-Drohnen sowie verschiedenen Radargeräten, Ersatzteilen, medizinischem Material usw. umfassen werde.


Mehr zum Thema - USA kündigen neues Hilfspaket in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar für Ukraine an


Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/international/161948-selenskijs-bueroberater-ruft-westen-zur


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

05.02.2023

Historisches Dokument Die USA haben ein Gespräch aus dem Jahr 1992 über die Krim veröffentlicht

anti-spiegel.ru, vom 3. Februar 2023 03:00 Uhr

Im Westen wird behauptet, Russland habe die Krim annektiert. Dass die Menschen auf der Krim immer zu Russland gehören wollten, wird hingegen nicht erwähnt. Nun wurde in den USA ein interessantes Gespräch aus dem Jahr 1992 veröffentlicht.



Im Westen wird behauptet, Russland habe die Krim besetzt und annektiert. Dabei wird jedoch nie erwähnt, dass die Bevölkerung der Krim immer zu Russland gehören wollte und dass dort schon 1992 ein Referendum geplant war. In meinem Buch über die Ukraine-Krise 2014 habe ich das Thema auf fast hundert Seiten sehr detailliert behandelt.


Daher ist es interessant, dass in den USA nun ein Gespräch von 1992 veröffentlicht wurde, in dem US-Präsident Bush mit dem damaligen stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten über die Lage auf der Krim gesprochen hat. Darüber hat die russische Nachrichtenagentur TASS berichtet und ich habe die TASS-Meldung übersetzt.


Beginn der Übersetzung:


Die USA haben eine Abschrift eines Gesprächs zwischen Gaidar und Bush Senior über die Krim aus dem Jahr 1992 veröffentlicht

Bei dem Treffen im Weißen Haus wurde die Möglichkeit der Durchführung eines Referendums auf der Krim angesprochen.


Bei dem Treffen im Weißen Haus, an dem Jegor Gaidar, der damalige erste stellvertretende Ministerpräsident der Russischen Föderation, Wladimir Lukin, der russische Botschafter in den USA, und US-Präsident George Bush Senior teilnahmen, wurde im April 1992 die Möglichkeit eines Referendums auf der Krim erörtert. Das geht aus einer Abschrift hervor, die am 30. Januar vom National Security Archive, einer öffentlichen US-Forschungseinrichtung an der George Washington University, veröffentlicht wurde.


Das Gespräch hat am 28. April 1992 stattgefunden. Gaidar erklärte, es werde „viel Zeit“ brauchen, um alle Probleme zwischen Moskau und Kiew zu lösen. Er versicherte, dass Boris Jelzin, der damalige Präsident Russlands, den Fragen der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Sowjetrepubliken große Aufmerksamkeit widme. „Es gibt Probleme mit der Ukraine. Wir haben sicherlich keine Angst vor einem jugoslawischen [Szenario] in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine. Wir werden Zeit brauchen, um neue Wege zum Aufbau enger Beziehungen zu finden“, sagte Gaidar. „In der Ukraine selbst gibt es sehr ernste Probleme, zum Beispiel die Spannungen zwischen der Westukraine und Kiew. Auch mit der russischsprachigen Ukraine gibt es Probleme. Die wirtschaftliche Lage ist nicht einfach, sondern schwieriger als bei uns. Sie handeln nicht schnell genug, wenn es um Reformen geht. Ich hoffe, dass sie ihr Reformprogramm beschleunigen werden.“


Dem Protokoll zufolge merkte Lukin auch an, dass „Leute manchmal das nationale Problem in Russland übertreiben und es in der Ukraine herunterspielen“. „Russland hat 83 Prozent Russen, die Ukraine hat 73 Prozent Ukrainer“, sagte er. Bush Senior fragte: „73 Prozent, wer ist der Rest?“ „Hauptsächlich Russen“, antwortete Lukin. „Vor allem auf der Krim“, fügte Gaidar hinzu. „Wenn wir helfen können, würden wir das gerne tun“, antwortete der US-Präsident. „Natürlich ist es besser, das den beteiligten Ländern zu überlassen.“


„Es wäre schwierig, irgendetwas mit der Krim zu machen“, sagte Lukin in diesem Zusammenhang. „Am 5. Mai wird der Oberste Rat der Krim zusammentreten, um zu prüfen, ob ein Referendum abgehalten werden soll. Sie werden sich mit ziemlicher Sicherheit für ein Referendum darüber entscheiden, ob sie unabhängig sein oder Teil der Ukraine bleiben wollen. Es wäre besser, das Thema beiseite zu legen, aber es sieht so aus, als ob im August ein Referendum stattfinden wird“


Bush Senior fragte, ob das Referendum eine Angliederung der Krim an Russland in Betracht ziehen würde. „Es gibt keine russische Option. Entweder man bleibt Teil der Ukraine oder man tritt als unabhängiger Staat der Gemeinschaft [Unabhängiger Staaten] bei“, erklärte Lukin. Bush Senior antwortete, indem er „alles Gute“ wünschte.


Im Mai 1992 erklärte der Oberste Rat der Ukraine die Beschlüsse des Krim-Parlaments, den Akt der staatlichen Unabhängigkeit zu erklären und ein Referendum abzuhalten, für unvereinbar mit der ukrainischen Verfassung und setzte es aus.


Ende der Übersetzung


Info: https://www.anti-spiegel.ru/2023/die-usa-haben-ein-gespraech-aus-dem-jahr-1992-ueber-die-krim-veroeffentlicht


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Deutsche Politik: Ohne Sicht aufs Ganze kann es nur abwärtsgehen

meinungsfreiheit.rtde.life, 4 Feb. 2023 17:18 Uhr, Von Dagmar Henn

Es ist nicht nur individuelle Dummheit, die dazu führt, dass die deutsche Regierung gegen die nationalen Interessen handelt. Es ist auch nicht nur der antideutsche Wahn. Es ist der Verlust der Denkweise, die es überhaupt möglich macht, sie zu erkennen.


Deutsche Politik: Ohne Sicht aufs Ganze kann es nur abwärtsgehen© tm-m





Eine Bergbaumaschine im Deutschen Museum in München







In 20 Jahren, wenn – falls uns die Neocons in Washington nicht eine atomare Katastrophe bescheren – die Ereignisse des letzten Jahres in den Geschichtsbüchern stehen, wird der Abschnitt über Deutschland große Verwunderung auslösen.


Deutsche Wirtschaft sieht Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung





Deutsche Wirtschaft sieht Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung






Denn wie kann es sein, dass ein Land ein anderes, das einen terroristischen Angriff auf zentrale Versorgungssysteme geführt hat, als seinen engsten Verbündeten betrachtet, aber erklärt, sich mit einem dritten Land, das keine derartigen Handlungen ausgeführt hat, im Krieg zu befinden?

Jeder einzelne Schritt der letzten Monate, die gegen Russland verhängten Sanktionen, die grenzenlose Unterstützung des ukrainischen Regimes, die propagandistische Aufrüstung, all das erfolgte gegen das nationale Interesse. Und es ist kaum ein schwererer Verstoß vorstellbar, als einen gegen das Land geführten Krieg nicht zu erkennen, sondern stattdessen dabei noch Hilfestellung zu leisten. Das als "nicht souverän" zu bezeichnen, ist freundlich untertrieben. Es ist eher Selbstmord auf Kommando.


Sicher, die gegenwärtige Politikerriege ist hoch narzisstisch, intellektuell überfordert, vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht und aller Wahrscheinlichkeit durch die Bank erpressbar. Aber das allein genügt noch nicht, um dieses Verhalten zu erklären. Selbst der alte Separatist Konrad Adenauer, kein Mensch mit allzu hohen moralischen Maßstäben (im Jahr 1934 hatte ein Vertreter der illegalen KPD versucht, Kontakt mit dem ehemaligen Zentrumspolitiker aufzunehmen, um Möglichkeiten gemeinsamen Widerstands auszuloten, worauf Adenauer antwortete, er habe kein Interesse, man könne mit den Nazis noch gute Geschäfte machen), hätte, schon allein im Interesse seiner Partei, auf einen Angriff wie jenen auf Nord Stream reagiert. Ob es die persönliche Eitelkeit ist, freundliche Worte im Nachruf erwarten zu können, oder das Beharren auf einem Rest Selbstachtung – so tief wären selbst die meisten korrumpierbaren und korrupten Vertreter der Politelite der Westrepublik nie gesunken.


Lust auf Eskalation: Deutsche Medien fordern Kampfjets für Kiew




Analyse

Lust auf Eskalation: Deutsche Medien fordern Kampfjets für Kiew






Aber diese völlige Blindheit für das nationale Interesse ist nicht vom Himmel gefallen. Es gab bereits eine Phase, in der es übergangen wurde, auch wenn damals zumindest noch der Mord an Alfred Herrhausen nötig war, um diesen Weg einschlagen zu können. Richtig, es geht um jenen Vorgang, den die einen Wiedervereinigung nennen und die anderen Annexion.


Wie hätte das damals ablaufen müssen, wäre für das daraus entstandene Deutschland das Optimum das Ziel gewesen? Jedenfalls nicht so, dass die gesamte Industrie des Ostens verramscht wird. Nicht so, dass Millionen arbeitslos werden, und nicht so, dass alles, was die DDR erreicht hatte, zerstört wurde.


Da war zum Beispiel das Bildungssystem. 15 Jahre, nachdem man es komplett abgewickelt und durch das westliche System ersetzt hatte, kam PISA, und Finnland, das damals am besten abschnitt, hatte das Bildungssystem der DDR kopiert ... Viele Punkte daraus, beispielsweise die Unterrichtseinheiten in der Produktion, wären heute nützlich: Schüler, die weiterbildende Schulen verlassen, kennen nichts als Schule, und das zentrale Kriterium der Berufswahl ist das Einkommen, nicht, ob die Tätigkeit selbst erfüllt. So gibt es unzählige Verwaltungskräfte oder Akademiker, die womöglich als Brauer oder Schreiner glücklicher wären, aber nie die Gelegenheit hatten, sich selbst so weit zu erkunden, um das festzustellen.


Ökonom Roubini sagt Stagflation der Weltwirtschaft voraus





Ökonom Roubini sagt Stagflation der Weltwirtschaft voraus







Es ist kein Wunder, dass heute in Deutschland niemand mehr die Barbarei wahrnimmt, die sich darin äußert, dass russische Bücher aus ukrainischen Bibliotheken verbannt werden. Schließlich geschah mit den meisten Büchern der DDR das Gleiche. Sie waren entweder politisch nicht opportun oder die Ausgaben kollidierten mit im Westen gedruckten; auf jeden Fall wurden unzählige Bücher vernichtet (mit besonderer Leidenschaft jene des Militärverlags der DDR).


Die Erzählung, die seitdem dominiert, sieht in der BRD das Gute und in der DDR das Schlechte. Aber wenn die BRD so deutlich das strahlende Gute gewesen wäre, warum war es dann überhaupt nötig, schon vorab der Cancel Culture zu frönen? Wäre das Gute nicht ohnehin augenfällig?


Es hätte ein anderes Modell geben können. Es wäre eine Chance gewesen. Die beiden Teile hätten in dem wechselseitigen Respekt zusammenwachsen können, den es im Umgang beispielsweise der Universitäten miteinander in der Zeit davor gegeben hatte; stattdessen wurde die eine Seite durch die andere ausgelöscht und die DDR-Bürger selbst in Hinsicht auf ihre Berufsabschlüsse eben nicht behandelt wie Landsleute, sondern wie Ausländer.


Krisen- und Insolvenzticker: EU-Staaten wollen Preis für russische Dieselexporte begrenzen





Krisen- und Insolvenzticker: EU-Staaten wollen Preis für russische Dieselexporte begrenzen





Es war keine rationale Planung, den Prozess möglichst verlustfrei verlaufen zu lassen, sondern eine feindliche Übernahme. Als würde sich ein Jota an der Geschichte ändern, wenn man so tut, als hätte es 40 Jahre DDR nie gegeben. Binnen weniger Monate entwickelte sich im westlichen Teil der Republik eine ideologische Besessenheit, die im Grunde nichts anderes kannte, als es "den Kommunisten richtig zeigen" zu wollen.


Wohlgemerkt, es geht mir nicht um die Frage, ob die DDR das bessere Deutschland war, auch wenn das meine Überzeugung ist. Es geht mir darum, dass selbst nach volkswirtschaftlichen Kriterien, unter dem Gesichtspunkt des mit den vorhandenen Ressourcen erreichbaren maximalen Wohls, der Ablauf verhängnisvoll war. Es war die Entscheidung der Regierung Kohl, die Währungsgrenze so schnell wie möglich aufzuheben.


Und nicht nur der Mord an Herrhausen warf damals Fragen auf; auch der Anschlag auf den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine kam irgendwie gar zu günstig. Lafontaines Wahlkampf wurde dadurch so gut wie beendet; davor hatte er gute Chancen gehabt, Helmut Kohl abzulösen. Nachdem er, ebenso wie Herrhausen, für eine langsamere wirtschaftliche Angleichung stand und vermutlich sogar einen Verfassungsprozess befürwortet hätte, wäre die Entwicklung ohne dieses Attentat ganz anders verlaufen.


Habeck gesteht: Deutschland droht "der wirtschaftliche Zusammenbruch"





Meinung

Habeck gesteht: Deutschland droht "der wirtschaftliche Zusammenbruch"





Die Nichtanerkennung der Berufsabschlüsse war, volkswirtschaftlich gesehen, ein enormer Schaden. Schließlich hatte ein Teil des dann zusammengeschlossenen Landes beträchtliche Mittel in diese Ausbildungen investiert, die dadurch mindestens zum Teil verloren gingen. Der Umgang mit den staatlichen Wohnungen, die im Gegensatz zu allen anderen ehemals sozialistischen Ländern eben nicht ins Eigentum ihrer Bewohner übergingen, bot zwar Schnäppchen für die Immobilienwirtschaft, legte aber mit den Grundstein für die heutige massive Wohnungslosigkeit. Das Argument der Abwanderung zieht dabei nicht – die war eine Folge des ökonomischen Kahlschlags.


Wenn man hört, was manche vermeintliche Ökonomen heute so von sich geben, und sieht, was sie anrichten (bei der Erarbeitung der Sanktionen beispielsweise), muss man feststellen, dass ein Quantum Marxisten in der ökonomischen Lehre zumindest einen Rest Verstand erhält. Weil sie nicht dem Aberglauben anheimfallen, dass Geld Geld heckt und dass sich ökonomische Stärke an der Größe der Spekulationsblasen bemisst.


Ist die Etablierung der eroberten Gebiete als Niedriglohnregion von volkswirtschaftlichem Nutzen? Nein, das ist sie nicht. Die niedrigeren Einkommen bedeuten nicht nur weniger Kaufkraft, sondern auch weniger Steuereinnahmen, damit weniger öffentliche Investitionen, damit gleichzeitig wieder eine wirtschaftliche Schwächung der gesamten Region ... Und die Entscheidung, aus Verrechnungspositionen im Staatshaushalt der DDR echte Schulden zu machen, nur, damit Banken der Westrepublik diese Schulden übernehmen und damit verdienen konnten, war volkswirtschaftlich geradezu sträflich und zudem noch demokratiefeindlich.


"Der Faschismus sollte Korporatismus heißen" – Die Allianz zwischen FBI und globaler Finanzelite




Meinung

"Der Faschismus sollte Korporatismus heißen" – Die Allianz zwischen FBI und globaler Finanzelite





Denn wenn man wirklich, ernsthaft, der Überzeugung gewesen wäre, man müsse den Bewohnern der DDR Demokratie beibringen – auf kommunaler Ebene geht das am besten. Kommunen, die kein Geld haben, können keine Entscheidungen treffen, weil alle Mittel durch die Pflichtaufgaben gebunden sind; aber wie soll Demokratie erfahren werden, wenn keine Entscheidungen möglich sind? Und wenn es wirklich so gewesen wäre, dass die Bürger des anderen deutschen Staates Jahrzehnte unter einer finsteren Diktatur leiden mussten, wäre dann nicht eine Verfassungsdebatte das ideale Mittel gewesen, um eine gemeinsame politische Kultur entstehen zu lassen?


Im Rückblick muss man sagen, Kohl als Kanzler war vermutlich ein sehr spezifisches Verhängnis. Spezifisch, weil er immer der Mann der chemischen Industrie war; der BASF, um genau zu sein. Die BASF ist einer der IG-Farben-Nachfolgekonzerne, die IG Farben war der Teil der deutschen Industrie, die die Nazis als erster unterstützte, und es muss nicht überraschen, dass womöglich gerade innerhalb dieser Unternehmen der Wunsch nach Rache an der DDR besonders ausgeprägt war.


Aber es gibt noch einen anderen Faktor, der vielleicht erst jetzt klar erkennbar ist. Die chemische Industrie hatte immer eine Besonderheit – sie ist kapitalintensiv, aber nicht personalintensiv, zumindest nicht in der Produktion, und schon immer war ein beträchtlicher Teil ihrer Einnahmen Rente. Patente sind das, womit in dieser Branche Geld gemacht wird. Kurt Gossweiler, ein Historiker, der sich sehr gründlich mit den Beziehungen zwischen den Nazis und der deutschen Industrie befasst hat, beschrieb diese besondere Nähe der Chemie- und Pharmaindustrie, konnte sie aber nicht erklären.


Die wahren Verfassungsfeinde in Deutschland sitzen oben





Meinung

Die wahren Verfassungsfeinde in Deutschland sitzen oben






Wenn man heute betrachtet, wie es die Interessen der Rentenökonomie sind, die die Politik des Westens bestimmen, und die zur gegenwärtigen Aggression führen, dann erklärt sich auch, warum das, was nach 1989 geschah, so sehr gegen das nationale Interesse gerichtet war. Das Einnahmemodell der Rentenökonomie kann auf viele Dinge verzichten, die eine auf Realisierung eines Mehrwerts ausgerichtete Produktion benötigt. Funktionierende Eisenbahnen etwa, oder eine einigermaßen stabile Regionalwirtschaft.


Im Normalfall ist es die Aufgabe einer bürgerlichen Regierung, die langfristigen Interessen der gesamten Kapital besitzenden Klasse gegen ihre kurzfristigen durchzusetzen. Dazu hält sich der bürgerliche Staat ein Parlament. Während es das kurzfristige Interesse jedes Firmenbesitzers sein mag, möglichst wenig Steuern zu zahlen, ist es das langfristige, beispielsweise qualifiziertes Personal zu finden, das es sich vernünftigerweise auch leisten kann, in nicht allzu großer Entfernung von der Arbeit zu wohnen. Dafür braucht es ein funktionierendes Bildungssystem und bezahlbare Wohnungen. Beides ist nicht zu haben, wenn sich der Wunsch nach  möglichst niedrigen Steuern durchsetzt.


Volkswirtschaftlich sind die Mieten eine Art Verschiebebahnhof. Das, was für die Miete ausgegeben wird, kann nicht konsumiert werden, wodurch die Nachfrage sinkt; andererseits müssen, sofern noch Produktion stattfinden soll, die Löhne entsprechend steigen, wodurch ein Teil des Gewinns aus der Produktion zum Gewinn des Vermieters wird.


Alle für die NATO oder was die Linke im Westen zerstörte





Meinung

Alle für die NATO oder was die Linke im Westen zerstörte






Steigende Immobilienpreise, die auf der Erwartung weiter steigender Mieten beruhen, entziehen also immer Geld dem Teil der Ökonomie, in dem produziert und konsumiert wird. Im günstigsten Fall, wenn der hypothetische Vermieter selbst sämtliche Einnahmen in Konsum umsetzt, bleiben sie volkswirtschaftlich neutral; in der Regel, da Eigentum an Mietwohnungen nur bei einem Prozent der Bevölkerung überhaupt zu finden ist, werden die Einnahmen nicht in Konsum umgesetzt, sondern fließen in weitere Arten spekulativer Investitionen und werden somit dem realen Kreislauf von Ware und Geld entzogen.


Es gibt also ein objektives volkswirtschaftliches Interesse, den Anstieg von Mieten zu begrenzen. Das einfachste Mittel dazu besteht darin, größere Teile des Wohnungsangebots dem Markt zu entziehen. Es war die Kenntnis dieser volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, die dafür sorgten, dass Werkswohnungen und Sozialwohnungen gebaut wurden; nicht die reine Menschenfreundlichkeit, sondern das Wissen darum, dass das langfristige Interesse selbst der Kapitaleigner eine Kontrolle der Mietsteigerungen erfordert.


Aber 1989 war es wichtiger, die Menschen der DDR für ihre "Abtrünnigkeit" zu strafen. In allen Fragen, in denen es ein nationales Interesse gegeben hätte, eine volkswirtschaftlich vernünftige Lösung, wurde das Gegenteil getan. Die Treuhandanstalt nahm sich nicht umsonst die Plünderungsverfahren der Nazis in den besetzten Ländern zum Vorbild. Das politische Ziel der Unterwerfung stach das langfristige ökonomische wie politische Interesse beider Teile aus. Übrig blieben eine halbverdaute Annexion und ein enormer volkswirtschaftlicher Verlust.


2022: Deutschland steht wieder auf der falschen Seite der Geschichte – Doch wen überrascht es?




Meinung

2022: Deutschland steht wieder auf der falschen Seite der Geschichte – Doch wen überrascht es?






Dieselbe Qualität hatte dann die Agenda 2010, die die aus der Plünderung ererbte Arbeitslosigkeit zur Lohndrückerei nutzte. Denn profitiert haben davon einzig die Eigentümer der exportorientierten Industrie, nicht einmal die Industrie als Ganze, denn alle nicht exportorientierten Teile litten und leiden unter der fehlenden Kaufkraft. Ganz zu schweigen von den Sozialsystemen: Nachdem die laufenden Renten immer aus den laufenden Beiträgen finanziert werden, sind 30 Prozent weniger Lohn 30 Prozent weniger Geld, diese laufenden Renten zu bezahlen. Die gesammelten Rentenkürzungen der letzten Jahrzehnte sind die Verlängerung der Lohndrückerei in die Altersarmut.


Angesichts der volkswirtschaftlichen Schäden, die Hartz IV anrichtete, ist es geradezu ein Wunder, dass unter der Regierung Schröder mit Nord Stream 1 zumindest ein Projekt auf den Weg gebracht wurde, das tatsächlich im nationalen Interesse war, und nicht nur im Interesse einiger weniger Konzerne. Aber das Denken in größeren Zusammenhängen kehrte nicht zurück.


Ein Musterbeispiel ist dafür nach wie vor die Wohnungsfrage. Spätestens 2015 hätte sich die Regierung Merkel Gedanken machen müssen, wie mehr Wohnungen gebaut werden könnten; hätte sie dies getan, wäre sie auf das Problem gestoßen, dass es nicht genug qualifiziertes Personal für die Bauleitungen mehr gibt, um ein größeres Wohnungsbauprogramm überhaupt zu beginnen.


Kampf gegen Russland auf Kosten Europas … und auch gegen Europa? (Teil 1)




Meinung

Kampf gegen Russland auf Kosten Europas … und auch gegen Europa? (Teil 1)






Die Konsequenz daraus hätte dann lauten müssen, durch entsprechende Förderung für dieses Personal zu sorgen; das hätte zumindest mit einigen Jahren Verzögerung ein solches Programm ermöglicht. Seit acht Jahren hat noch nicht einmal das Nachdenken begonnen, und mit den jetzigen Baupreisen wird das ohnehin utopisch, bis die Immobilienblase geplatzt ist.


Das waren jetzt nur einige Beispiele, an welchen Punkten sich die Frage des nationalen Interesses stellt und wann die Fähigkeit, diese Frage zu stellen, verloren gegangen ist. Für jeden, der es noch gewohnt ist, in solchen Zusammenhängen zu denken, ist klar, wie abgrundtief bösartig der Anschlag auf Nord Stream und die Sanktionspolitik ist – Deutschland gegenüber. Und die Frage, wo Freunde und wo Feinde sitzen, würde sich anhand dieser Kriterien von selbst beantworten.

Seit über 30 Jahren ist in Deutschland jedes volkswirtschaftliche Denken aus der Politik verschwunden; die heutigen Regierungsdarsteller wüssten nicht einmal mehr, wie das geht. Aber genau dieses Denken ist die Voraussetzung dafür, nationale Interessen zu erkennen und sie zu verwirklichen. Das Amalgam aus Ahnungslosigkeit, Hybris und Wertegeschwalle, das an seine Stelle getreten ist, ist jedoch der sichere Weg in den Untergang.


Mehr zum Thema - Wem nützt die Dominanz des Westens?


RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/meinung/161558-deutsche-politik-ohne-sicht-aufs


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Nach Stalingrad: So verhielten sich Paulus und seine Generäle in sowjetischer Gefangenschaft

meinungsfreiheit.rtde.life, 4 Feb. 2023 14:44 Uhr, Von Timur Schersad

Vor 80 Jahren gingen in Stalingrad Generäle der Wehrmacht in sowjetische Gefangenschaft. Dort wurden sie von ihren sowjetischen Bewachern genau beobachtet. Während die einen mit Niederlage und Gefangenschaft haderten, zogen andere aus dem Erlebten Konsequenzen.


Nach Stalingrad: So verhielten sich Paulus und seine Generäle in sowjetischer Gefangenschaft

Vor 80 Jahren, am 31. Januar 1943, kapitulierte Feldmarschall Friedrich Paulus mit seinem Stab vor den sowjetischen Streitkräften. Technisch gesehen war die Schlacht um Stalingrad noch nicht zu Ende, doch für den Rest der feindlichen Verbände waren die Tage gezählt.




Im Rahmen der großen Sommeroffensive von 1942 war Stalingrad kein Ziel an sich, sondern ein für die Wehrmacht geeigneter Punkt, dessen Kontrolle die Sicherung der Flanke ermöglichte. Darüber hinaus war es möglich, die Wolga abzuschneiden, die den Sowjets als Transportweg für das im Kaukasus geförderte Erdöl in die zentralen Landesteile diente, während die wichtigsten Streitkräfte der Deutschen gerade hinter diesem Erdöl her waren.


Der Tag, an dem die Wehrmacht zerschlagen wurde und die Sowjets die Oberhand gewannen




Meinung

Der Tag, an dem die Wehrmacht zerschlagen wurde und die Sowjets die Oberhand gewannen






Nichtsdestotrotz hat der Gegner für Stalingrad eine ziemlich große Kampfgruppe aufgestellt. Die 6. Feldarmee der Wehrmacht, die von Paulus befehligt wurde, war eine der zahlenmäßig stärksten. Dank ihrer mächtigen Artilleriefaust war es möglich, selbst die gut befestigten Verteidigungsanlagen zu durchbrechen und vorzurücken. Zudem wurde sie von rumänischen und italienischen Einheiten unterstützt.


Und obwohl Stalingrad überrannt wurde, war Paulus nicht in der Lage, es schnell in Besitz zu nehmen. Noch im November 1942 sah es so aus, als stünde die Stadt vor der endgültigen Niederlage, und die sowjetischen Einheiten waren kurz davor, in die Wolga zu stürzen. Doch während dieser ganzen Zeit war eine Großoffensive der Sowjets in Vorbereitung, wobei die Verlagerung und Ansammlung von Truppen erfolgreich verborgen blieb. Und die am 19. November begonnene Operation "Uranus" führte sehr schnell zur Einkreisung der Paulus-Truppen in und um Stalingrad.


Das war ein Ereignis von strategischer Bedeutung. Aus der deutschen Front auf einmal 300.000 Mann herauszureißen, bedeutete, die gesamte feindliche Gruppierung im Kaukasus in Gefahr zu bringen, die umgehend und in aller Eile abgezogen werden musste. Deshalb war die Kapitulation von Paulus im Januar des Jahres 1943 nicht einfach nur ein Sieg, sondern ein Wendepunkt im Verlauf des Krieges.


Auch die Wände haben Ohren

Gleich am ersten Tag der Kapitulation nahm sich der NKWD den Feldmarschall vor. Die Sache wurde mit einem cleveren Einfall angegangen. Unter dem Deckmantel einer üblichen Wache schickten sie einen Unterleutnant des Staatssicherheitsdienstes, Tarabrin, zu den verhafteten Generälen, die in einem Bauernhaus untergebracht waren. Dieser beherrschte die deutsche und die französische Sprache perfekt, zeigte aber nicht sein wahres Gesicht. So wurde für die Geschichtswissenschaften die Stimmung des Kommandos der 6. Armee am ersten Tag ihrer Kapitulation vor den Russen dokumentiert.


Feldmarschall Friedrich Paulus, der Generalstabschef seiner Armee, Generalleutnant Arthur Schmidt, und Paulus' Adjutant, Oberst Wilhelm Adam, befanden sich in der Holzhütte. Während Paulus sichtlich von der Verantwortung für das Desaster der ihm anvertrauten Armee bedrückt war, konnte sich Schmidt nicht beruhigen und vergiftete die Atmosphäre mit seinen Possen, und Adam murrte meist über Schmidts Verhalten.


Als die Deutschen höflich aufgefordert wurden, alle scharfen Gegenstände abzugeben, war Schmidt außer sich vor Wut. Er lief tiefrot an, fing an laut zu kreischen und forderte eine Sonderbehandlung. Natürlich interessierte sich der gefangene Generalstabschef nicht für Rasierklingen und Messer – er war wütend darüber, dass die gefangenen Generäle "wie Soldaten" behandelt wurden.


Schicksalsschlacht um Stalingrad: Vom Feldmarschall der Wehrmacht zum Kronzeugen in Nürnberg




Schicksalsschlacht um Stalingrad: Vom Feldmarschall der Wehrmacht zum Kronzeugen in Nürnberg






Interessanterweise bewirkte das Geschrei etwas: Die Sowjets machten ein paar Anrufe, stimmten etwas mit ihren Vorgesetzten ab und gaben den Gefangenen die Messer und Rasierklingen zurück.


Es wurde Abend, und die Deutschen legten sich bald schlafen. Man gab ihnen gute Betten mit sauberer Bettwäsche, doch Schmidt zeigte wieder einmal seine Andersartigkeit, indem er sein gesamtes Bettzeug ausbreitete und es mit einer Taschenlampe genauestens inspizierte. Anschließend legte er sich zwar ins Bett, schlief aber schlecht und mit Unterbrechungen – der gefangene Stabschef hatte eindeutig Albträume. Mehrmals wachte er auf und verlangte lautstark, man solle aufhören, das Bett zu schütteln. Natürlich blieb es völlig unberührt.


Am nächsten Tag wurde den Gefangenen ein Mittagessen serviert, darunter auch Wodka, den Paulus als "herrlich" bezeichnete. Nicht nur der Wodka fand bei dem Mittagessen lobende Erwähnung – Paulus würdigte die militärischen Künste der Russen und verkündete, dass ihre Aktionen in Stalingrad in die Lehrbücher eingehen würden.


Schmidt hingegen war ungeduldig und nervös. Entweder holte er die Wachen und erklärte ihnen mit Gesten irgendwelche Eigenheiten über die Lage der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, oder er sorgte sich um eine mögliche Krise der militärischen Führung in Deutschland, um dann düster zu verkünden, dass die Russen nun mindestens bis Mitte März vorrücken würden. Eine ganz große Unruhe löste die Frage aus, ob die Rote Armee "an den ehemaligen Grenzen Halt" mache oder ob sie am Ende nach Berlin marschiere.


Gleichzeitig waren sich alle Gefangenen einig, dass die Behandlung der deutschen Generalität in der Gefangenschaft besser war als die der Deutschen gegenüber den Sowjets. Es war eine positive Neuigkeit für sie. Oberst Adam beschloss, keine Zeit zu verlieren, und begann sofort, Russisch zu lernen.


Eine weise Entscheidung

In der Gefangenschaft folgte Paulus einem spezifischen Ehrenkodex des klassischen deutschen Offiziers. Der NKWD versuchte, ihn zur Zusammenarbeit zu überreden, aber er blieb hartnäckig. Während des Krieges wurde unter den gefangenen Offizieren ein antifaschistisches Bündnis gebildet, dem sich Paulus jedoch kategorisch verweigerte, weil er es für einen Verrat hielt.


Die Situation änderte sich jedoch plötzlich im August 1944, als die Nachrichten über einen versuchten Militärputsch in Deutschland den gefangenen Feldmarschall erreichten, der sich bereits im Lager Susdal befand. Hitler ließ die Verschwörer und einige ihrer Freunde gnadenlos hinrichten. Die Loyalität gegenüber der militärischen Gesellschaft erwies sich für Paulus als sehr wichtig. Er konnte Hitler die gesellschaftlich nahestehenden Offiziere nicht verzeihen. Und aus Rache ließ er sich auf eine Zusammenarbeit mit dem NKWD ein und trat dem antifaschistischen Bündnis bei, wo er sich aktiv an der Agitation beteiligte.


Diese Tätigkeit trug Früchte. Am Nürnberger Prozess nahm der Feldmarschall als Zeuge teil. In der UdSSR hielt man ihn in einem "goldenen Käfig", versorgte ihn mit allem, was man zur Erholung und Freizeitgestaltung benötigte, ließ ihn aber nicht nach Deutschland. Dafür gelang es Paulus, als Berater in dem Film "Die Schlacht von Stalingrad" mitzuwirken, der 1949 in die Kinos kam.


Wie sah das komplett zerstörte Stalingrad vor dem Zweiten Weltkrieg aus? (FOTOS)





Wie sah das komplett zerstörte Stalingrad vor dem Zweiten Weltkrieg aus? (FOTOS)






Nicht einmal seine Frau, die 1949 starb, hat er gesehen. Nach dem Tod Stalins durfte Paulus dennoch in die DDR ausreisen. Er lebte dort wohlbehütet, lehrte und forschte für den Rest seines Lebens im Bereich der Militärgeschichte. Am 1. Februar 1957, einen Tag nach dem Jahrestag seiner Festnahme, starb er im Alter von 66 Jahren.


Arthur Schmidt ging einen anderen Weg. Als überzeugter Nazi kollaborierte er bis zuletzt nicht mit der Sowjetunion und blieb seinen faschistischen Überzeugungen bis zum Schluss treu. Die Geschichte der Hinrichtung deutscher Generäle durch Hitler hat ihn nicht in Verlegenheit gebracht. "So musste es halt sein." Dank Adenauer wurde er 1955 freigelassen. Den Stabschef von Paulus quälten offensichtlich keine trüben Gedanken. Er erreichte ein Alter von 92 Jahren und starb lange nach dem Krieg im Jahr 1987 in der BRD.


Adam, der zu Beginn seiner Gefangenschaft daran zweifelte, ob er das Richtige getan hatte, sich zu ergeben, statt sich zu erschießen, ging schließlich zum Militärdienst in der DDR, wo er mit dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet wurde. In Ostdeutschland pflegte der ehemalige Adjutant eine herzliche Freundschaft mit Paulus, als dieser noch lebte. Wilhelm Adam starb 1978 im Alter von 85 Jahren.


Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei Wsgljad.


Mehr zum Thema – Frieden mit Russland! – Zwei ehemalige Generäle der DDR rufen zum Protest auf


Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlicah des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.a

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/russland/161605-nach-stalingrad-verhalten-wehrmachts-generaele


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Krieg mit Russland: Baerbocks Idee rückt immer näher – DDR-General a. D. im Exklusiv-Interview

meinungsfreiheit.rtde.life, 4 Feb. 2023 12:03 Uhr

"Frieden mit Russland!" – Mit diesen Worten rufen zwei ehemalige Generäle der Nationalen Volksarmee der DDR zum Protest auf. Zwei offene Briefe an die russische Botschaft schlagen bereits erste Wellen in der Zivilgesellschaft.


Zitat: Generalleutnant a. D. Manfred Grätz und Generalmajor a. D. Sebald Daum prangern die Entscheidung der Bundesregierung an, Leopard-2-Panzer an die Ukraine zu liefern, wodurch "Deutschland in eine neue Phase der Kriegsbeteiligung gegen Russland eintritt und so die Aussage seiner Außenministerin, im Krieg mit Russland zu stehen, verwirklicht".


"Mit dieser Entscheidung verlängert Deutschland nicht nur das Sterben in der Ukraine, sondern wird Kriegspartei. Gleichzeitig wird Russland immer mehr zum Feind des deutschen Volkes aufgebaut", heißt es in dem Brief, und weiter: "Man zerstört endgültig all das, was einmal wichtig war in den freundschaftlichen Beziehungen zu Russland."


Unserem Korrespondenten ist es gelungen, Generalmajor a. D. Daum zu interviewen. Seiner Meinung nach will auch das russische Volk diesen Krieg nicht.


Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

Am 24. Februar kündigte der russische Präsident Wladimir Putin an, gemeinsam mit den Streitkräften der Donbass-Republiken eine militärische Spezialoperation in der Ukraine zu starten, um die dortige Bevölkerung zu schützen. Die Ziele seien, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren. Die Ukraine spricht von einem Angriffskrieg. Noch am selben Tag rief der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij im ganzen Land den Kriegszustand aus.
Der Westen verurteilte den Angriff, reagierte mit neuen Waffenlieferungen, versprach Hilfe beim Wiederaufbau und verhängte Sanktionen gegen Russland.
Auf beiden Seiten des Konfliktes sind zahlreiche Soldaten und Zivilisten getötet worden. Moskau und Kiew haben sich gegenseitig verschiedener Kriegsverbrechen beschuldigt. Tausende Ukrainer sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.

Info: https://meinungsfreiheit.rtde.life/europa/161934-krieg-mit-russland-baerbocks-idee-rueck-immer-naeher-ddr-general-im-exklusiv-interview


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Selenskyj kündigt „mächtige Schritte“ gegen Korruption an: Was bedeutet das für den EU-Beitritt?

https://www.fr.de/politik/ukraine-news-krieg-selenskyj-korruption-eu-beitritt-verteidigungsministerium-russland-92043274.html


fr.de, vom Erstellt: 23.01.2023, 10:58 Uhr


Von: Karolin Schäfer


Großkorruption ist in der Ukraine ein Problem. Nun sollen sich

Staatsdiener auch am Ukraine-Krieg bereichert haben. Selenskyj will die

Aufklärung voranbringen.


Kiew – Der tobt Ukraine-Krieg unvermindert. Doch dem ukrainischen

Präsidenten Wolodymyr Selenskyj macht auch ein neues Problem zu

schaffen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge haben sich

Regierungsbeamte am Ukraine-Konflikt bereichert.


Selenskyj hat nun entschlossenes Vorgehen angekündigt. „Die Gesellschaft

wird alle Informationen bekommen, und der Staat wird die notwendigen

mächtigen Schritte ergreifen“, sagte Selenskyj in seiner täglichen

Videobotschaft am Sonntag (22. Januar).


News zum Ukraine-Krieg: Selenskyj prangert Korruption an

Unter anderem der festgenommene Vize-Minister für die Entwicklung von

Gemeinden, Territorien und Infrastruktur, Wassyl Losynskyj, sei

entlassen worden, berichtete das Staatsoberhaupt. Losynskyj soll 400.000

US-Dollar (rund 368.000 Euro) an Schmiergeld für die Anschaffung von

Generatoren zur Bewältigung der Energiekrise in der Ukraine

eingestrichen haben.



Auch den überteuerten Einkauf von Lebensmitteln für Soldaten prangerte

der ukrainische Präsident an. Dafür sollen Preise gezahlt worden sein,

die das Dreifache über denen im Einzelhandel liegen. Hier sollen sich

ebenfalls Beamte des Verteidigungsministeriums bereichert haben.


Korruptionsskandal im Ukraine-Krieg: „Ich bin den Journalisten dankbar“

Selenskyj kündigte für die kommende Woche Entscheidungen an, um gegen

die Korruption im Staatsapparat vorzugehen. „Ich bin den Journalisten

dankbar, die sich mit den Fakten beschäftigen und das ganze Bild

herstellen“, sagte er mit Blick auf die Enthüllungen.



Auch der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, will

die Aufklärung der Vorwürfe voranbringen. „Ich bin mir sicher, dass

alles, was gefunden werden soll, gefunden wird“, sagte er am Montag (23.

Januar) in der ZDF-Sendung „Morgenmagazin“. Es sei gut, dass die

Vorwürfe publik wurden und Probleme jetzt bekämpft werden können.

Verteidigungsminister Oleksij Resnikow sei davon allerdings nicht direkt

betroffen.


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Wie man in der Ukraine den Durchbruch
Aufsatz des ehemaligen US Botschafters in Moskau

seniora.org, 03. Februar 2023, Michael McFaul - 30. Januar 2023  – foreignaffairs.com

Die realitätsfernen "Anweisungen" zum Sieg in der Ukraine wirken erhellend, um das Denken der verantwortungslosen US-Raubkrieger besser zu verstehen.

 

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Freunde, wir veröffentlichen den albtraumartigen Aufsatz des ehemaligen US Botschafters in Moskau, weil er Sichtweise und Denken der Neocons so klar   – und kaum auszuhalten - zum Ausdruck bringt und sich nahtlos an das kürzliche Papier der RAND-Corporation anschließt: sie wollen Russland ins Boxhorn jagen, damit Russland erschreckt einem Waffenstillstand oder einem Friedensschluss zustimmt. Die Neocons sehen ein, dass ein verlängerter Krieg zu ihrem Nachteil ist. Daher soll "der Westen" bei der Stange bleiben und am 24. Februar einen "Urknall" [BIG BANG] veranstalten.


Man denkt immer, noch weiter von der Realität könnten sich die Neocons nicht entfernen - aber: doch, das geht! Herzlich Margot und Willy Wahl


Argumentation gegen eine Politik der kleinen Schritte

Fast ein Jahr nach seinem Einmarsch in die Ukraine hat der russische Präsident Wladimir Putin keines seiner großen Ziele erreicht.


Er hat die angeblich einzige slawische Nation nicht geeint, er hat die Ukraine nicht "entnazifiziert" oder "entmilitarisiert", und er hat die NATO-Erweiterung nicht gestoppt. Stattdessen hat das ukrainische Militär russische Truppen aus Kiew herausgehalten, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw, verteidigt und im Herbst erfolgreiche Gegenoffensiven gestartet, so dass es Ende 2022 mehr als 50 Prozent des in diesem Jahr von russischen Soldaten eroberten Gebiets befreit hatte.


Im Januar entließ Putin den für den Krieg in der Ukraine verantwortlichen General Sergej Sorokin, den er erst wenige Monate zuvor ernannt hatte. Kriegsführer wechseln ihre obersten Generäle nur aus, wenn sie wissen, dass sie verlieren.


Dass es der Ukraine so gut geht, ist zum Teil der einheitlichen Reaktion des Westens zu verdanken. Im Gegensatz zu den Reaktionen auf die russische Invasion in Georgien im Jahr 2008 oder in der Ukraine im Jahr 2014 hat sich der Westen an mehreren Fronten gegen Putins jüngsten Krieg gewehrt.


Die NATO verstärkte ihre Verteidigungsanlagen im Osten und lud Schweden und Finnland ein, dem Bündnis beizutreten. Europa hat Hunderttausenden von ukrainischen Flüchtlingen Schutz gewährt.


Unter der Führung der Regierung Biden hat der Westen in erstaunlicher Geschwindigkeit massive militärische und wirtschaftliche Unterstützung geleistet, harte Sanktionen verhängt und eine schwierige Abkehr von der russischen Energieversorgung eingeleitet.


Selbst der chinesische Staatschef Xi Jinping hat Putin nur schwache rhetorische Unterstützung für seinen Krieg angeboten. Er hat Russland nicht mit Waffen beliefert und hat es vorsichtig vermieden, gegen das globale Sanktionsregime zu verstoßen.


Dies sind die Gründe für Optimismus. Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass der Krieg weitergeht und Putin keine Anzeichen zeigt, ihn beenden zu wollen. Stattdessen plant er für dieses Jahr eine große Gegenoffensive. "Die Russen bereiten rund 200.000 neue Truppen vor", warnte General Valerii Zaluzhnyi, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, im Dezember. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie Kiew erneut angreifen werden". Auch wenn Putin inzwischen verstanden haben muss, dass die Ukrainer bereit sind, so lange zu kämpfen, wie es für die Befreiung ihres Landes nötig ist, glaubt er immer noch, dass die Zeit auf seiner Seite ist.


Denn Putin rechnet damit, dass die westlichen Regierungen und Gesellschaften ihren Willen und ihr Interesse verlieren werden, der Ukraine weiterhin zu helfen. Wenn Putin oder seine Berater den Fernsehmoderator Tucker Carlson auf Fox News sehen oder die Proteste im letzten Herbst in Prag verfolgen, würde sich ihre Vermutung über die schwindende westliche Unterstützung bestätigen.


Wenn Russland anfängt, auf dem Schlachtfeld zu gewinnen oder sogar eine Pattsituation zu erreichen, werden sich nur wenige an die bemerkenswerte Führungsrolle von US-Präsident Joe Biden erinnern, der die Welt zur Unterstützung der Ukraine im Jahr 2022 mobilisiert hat. Aus diesem Grund müssen die westlichen Staats- und Regierungschefs ihren Ansatz in diesem Konflikt ändern.


Zum jetzigen Zeitpunkt würde eine schrittweise Ausweitung der militärischen und wirtschaftlichen Unterstützung den Krieg wahrscheinlich nur auf unbestimmte Zeit verlängern. Stattdessen sollten die Vereinigten Staaten, die NATO und die demokratische Welt im weiteren Sinne im Jahr 2023 einen Durchbruch anstreben.


Das bedeutet mehr moderne Waffen, mehr Sanktionen gegen Russland und mehr Wirtschaftshilfe für die Ukraine. All dies sollte nicht schrittweise erfolgen. Sie muss rasch bereitgestellt werden, damit die Ukraine noch in diesem Jahr einen entscheidenden Sieg auf dem Schlachtfeld erringen kann. Ohne größere und sofortige Unterstützung wird der Krieg in eine Patt-Situation münden, was nur zu Putins Vorteil ist. Am Ende wird der Westen daran gemessen werden, was im letzten Jahr des Krieges geschehen ist, nicht daran, was im ersten Jahr geschehen ist.


Die BIG BANG Theorie

Der wichtigste Schritt, den die Vereinigten Staaten und die NATO-Verbündeten in diesem Jahr unternehmen können, ist die Versorgung der Ukraine mit Waffen, die es ihren Streitkräften ermöglichen, in der Ostukraine schneller und erfolgreicher in die Offensive zu gehen.


Dieses Jahr begann mit vielen ermutigenden Nachrichten. Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland kündigten Pläne an, der Ukraine Schützenpanzer zu liefern, darunter M2 Bradleys und Strykers, AMX-10 RCs bzw. Marder. Das Vereinigte Königreich beschloss, ein Dutzend Challenger II-Panzer und 30 AS-90 155-Millimeter-Panzerhaubitzen zu liefern. Die Vereinigten Staaten und Deutschland kündigten an, der Ukraine jeweils eine Batterie des Luftabwehrsystems Patriot zur Verfügung zu stellen, und die Niederlande sagten zu, Patriot-Raketen und -Werfer zu liefern. Und schließlich haben die Vereinigten Staaten letzte Woche beschlossen, der Ukraine einige Dutzend M1 Abrams-Panzer zur Verfügung zu stellen, was den Weg für Deutschland und andere europäische Länder ebnete, die begehrten Leopard 2-Panzer aus deutscher Produktion zu schicken.


Das ist ein guter Anfang für das Jahr, aber unsere Unterstützung sollte nicht dabei stehen bleiben. Die Ukraine braucht mehr von all dem, was bereits geliefert wurde. Sie braucht vor allem mehr hochmobile Artillerieraketensysteme (HIMARS) und mehr gelenkte Mehrfachraketen (GMLR), die sich auf dem Schlachtfeld so gut bewährt haben.


Wenn mehr HIMARS nicht verfügbar sind, sollten die Vereinigten Staaten M270-Mehrfachraketen-Systeme schicken. Je mehr Treibmunition an die Ukraine geliefert werden kann, desto besser. Die bisher angekündigte Anzahl von Panzern ist zwar beachtlich, reicht aber immer noch um ein Vielfaches nicht aus, um die russischen Besatzer aus dem Land zu vertreiben, vor allem, weil es viele Monate dauern wird, bis die Abrams-Panzer gebaut, die Mannschaften ausgebildet und die Panzer eingesetzt werden können. Die Ukraine könnte auch mehrere hundert Schützenpanzer gebrauchen, eine Zahl, die weit über die von den Vereinigten Staaten und anderen NATO-Verbündeten im Januar zugesagten Fahrzeuge hinausgeht. Die Ukraine könnte auch mehr Patriot-Batterien, National Advanced Surface-to-Air Missile Systems und andere Luftabwehrsysteme gebrauchen.


Neben einer größeren Menge an Waffen sollten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten auch die Qualität der gelieferten Waffen verbessern. Ganz oben auf dieser Liste sollte das Langstreckenraketen-System ATACMS stehen. Es feuert Raketen mit einer Reichweite von fast 200 Meilen (320 km) ab und würde es den ukrainischen Streitkräften ermöglichen, russische Flugplätze und Munitionslager auf der Krim und anderswo anzugreifen, die derzeit außer Reichweite sind und russischen Soldaten Zuflucht bieten, die mit Langstreckenwaffen ukrainische Städte angreifen. Die Bereitstellung von Langstreckenwaffen, einschließlich der bodengestützten Kleinbombe, könnte bei einer ukrainischen Offensive in diesem Frühjahr eine entscheidende Rolle spielen. Das ukrainische Militär benötigt auch wesentlich stärkere offensive Luftfähigkeiten, darunter Kampfjets des Typs MiG-29 aus sowjetischer Produktion und fortschrittliche Drohnen wie die US-amerikanischen Modelle Gray Eagle und Reaper.


Putin glaubt immer noch, dass die Zeit auf seiner Seite ist.

Die ukrainischen Piloten sollten auch mit der Ausbildung für den Einsatz von F-16-Kampfflugzeugen beginnen. Schließlich wird die ukrainische Luftwaffe entweder in späteren Phasen dieses Krieges oder zur besseren Abschreckung nach dem Krieg von Flugzeugen sowjetischer oder russischer Herkunft auf US-Kampfflugzeuge umsteigen müssen. Als Gegenleistung für den Erhalt dieser Waffen könnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyj eine rechtsverbindliche Vereinbarung unterzeichnen, diese Waffen nicht für Angriffe auf Ziele innerhalb Russlands einzusetzen.


Auch die Art und Weise, wie diese neue Militärhilfe angekündigt wird, ist von Bedeutung. Anstatt im März ATACMs, im Juni Reaper und im September Jets bereitzustellen, sollte die NATO einen Big-Bang (Urknall) veranstalten. Die Pläne zur Bereitstellung all dieser Systeme sollten am 24. Februar 2023, dem ersten Jahrestag von Putins Invasion, bekannt gegeben werden. Eine Ankündigung dieser Größenordnung wird im Kreml und in der russischen Gesellschaft eine wichtige psychologische Wirkung entfalten und signalisieren, dass der Westen die Bestrebungen der Ukraine zur Befreiung aller besetzten Gebiete unterstützt. Schon jetzt beklagen Kreml-Propagandisten im Fernsehen, dass sie gegen eine gut bewaffnete und reiche NATO kämpfen, die über mehr Ressourcen verfügt als Russland. Am 24. Februar könnten Biden und die NATO-Verbündeten diesen Eindruck verstärken, dass es für Russland aussichtslos wäre, seinen Kampf fortzusetzen.


Risiko-Abwägung

Schon bald nach Beginn des Krieges befürchteten viele Beobachter, darunter auch ich, dass Putin die Bereitstellung dieser Art von Offensivwaffen als eskalierend ansehen würde. Und doch hat Putin nach der Stationierung dieser großen Waffensysteme bisher noch nicht eskaliert. Der Grund dafür ist einfach: Putin hat keine gute Möglichkeit, dies zu tun. Er benutzt bereits sehr teure Marschflugkörper, um Wohnhäuser anzugreifen. Er kann die NATO nicht angreifen, da er sonst einen größeren Krieg riskiert, den Russland schnell verlieren würde. So bleibt ihm nur die nukleare Option, aber auch damit wäre ihm nicht gedient. Alle sind sich einig, dass ein nuklearer Angriff auf die Vereinigten Staaten oder andere NATO-Länder nicht in Frage kommt, da die gegenseitige Zerstörungsgarantie noch immer gilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Putin eine taktische Atomwaffe in der Ukraine einsetzt, ist ebenfalls sehr gering, da dies keinem offensichtlichen Ziel auf dem Schlachtfeld dienen würde. Sie würde die Ukrainer nicht vom Kämpfen abhalten. Ganz im Gegenteil: Sie würden sich erneut darauf verlegen, Russland zu besiegen, und sogar weitere Angriffe, einschließlich verdeckter Operationen gegen Ziele in Russland, starten. Der Einsatz einer Atomwaffe in der Ukraine würde auch den Widerstand gegen den Krieg in der ganzen Welt verstärken, auch in Peking, in der russischen Gesellschaft und vielleicht sogar unter Russlands Generälen. Natürlich würden die Ukrainer am meisten unter einem solchen Angriff leiden, und doch sind sie es, die den Westen dazu drängen, sich von Putins nuklearer Erpressung nicht abschrecken zu lassen.


Es ist riskant, der Ukraine mehr und bessere Waffen zu liefern, aber es ist auch riskant, dies nicht zu tun. Wenn sich der Krieg in der Ukraine über Jahre hinzieht, werden noch viel mehr Menschen - in erster Linie Ukrainer, aber auch Russen - sterben. Ein "Patt" auf dem Schlachtfeld ist ein Euphemismus für weiteren Tod und Zerstörung. Das ist der Preis des Inkrementalismus (Politik der kleinen Schritte).


Ein langwieriger Krieg birgt auch die Gefahr, die öffentliche Unterstützung in den Vereinigten Staaten und Europa zu verlieren. Ende 2022 unterzeichnete Biden ein neues Hilfspaket für die Ukraine in Höhe von 45 Milliarden Dollar. Damit sollte die US-Militärhilfe bis Ende dieses Jahres finanziert werden, einschließlich neuer Waffensysteme wie ATACMs und Kampfflugzeuge, sofern sie grünes Licht erhalten. Doch jetzt, da das Repräsentantenhaus unter republikanischer Kontrolle steht, könnte die Bewilligung künftiger Mittel geringer ausfallen. Wenn sich der Krieg bis zum Jahresende ohne größere ukrainische Erfolge hinzieht, wird es für die Regierung Biden schwierig werden, im Kongress eine Erneuerung für ein neues militärisches und wirtschaftliches Hilfspaket zu erreichen, zumal sich die Präsidentschaftswahlen mit mindestens einem wichtigen Kandidaten, Donald Trump, der kein Fan von Hilfe für die Ukraine ist, zuspitzen. Auch in den europäischen Hauptstädten werden die Debatten über die Hilfe härter werden, wenn sich 2023 nur geringfügige Änderungen auf dem Schlachtfeld ergeben. Die Gefahren des Inkrementalismus nehmen mit der Zeit zu.


Anziehen des Schraubstocks

Auch die Regierungen, die die Ukraine unterstützen, müssen die Sanktionen drastisch verschärfen. Die Vereinigten Staaten sollten mit gutem Beispiel vorangehen und die Russische Föderation als staatlichen Sponsor des Terrorismus bezeichnen. Dies würde zunächst die amerikanische Verurteilung der russischen Terrorakte in der Ukraine und anderen Ländern verstärken. Aber es gäbe auch praktische Auswirkungen: US-Bürger und -Unternehmen könnten dann keine Finanztransaktionen mehr mit der russischen Regierung tätigen. Transaktionen mit russischen Staatsbanken, Staatsunternehmen und regierungsnahen Personen würden einer strengeren Prüfung unterzogen werden. Die Kontrollen der Ausfuhr, Wiederausfuhr und Weitergabe von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck würden verschärft.


Eine Einstufung als Terrorist würde jedoch nicht alle Schlupflöcher schließen. Die Vereinigten Staaten sollten zusammen mit anderen Ländern der Sanktionskoalition alle großen russischen Banken, wie die Gazprombank, sowie alle staatlichen Unternehmen, einschließlich Rosatom, Russlands staatlichem Kernenergieunternehmen, mit umfassenden Sanktionen belegen. Natürlich sollten Ausnahmen für die Finanzierung russischer Lebensmittel- und Düngemittelausfuhren beibehalten werden, aber der Westen muss es für russische Unternehmen schwieriger und damit teurer machen, mit der Außenwelt Geschäfte zu machen.


Es müssen neue Sanktionen verhängt werden, um alle kritischen Technologien zu unterbinden, die Putins Kriegsmaschinerie unterstützen, von Mikroprozessoren, die zum Bau intelligenter Waffen benötigt werden, bis hin zu allen Formen importierter Informationstechnologie, auf die die russische Regierung und Wirtschaft angewiesen ist. Die G-7 sollten die Preisobergrenze für russische Ölexporte weiter senken, von derzeit 60 Dollar auf 30 Dollar pro Barrel, und härtere Strafen für Schifffahrtsunternehmen, Versicherungsagenturen und Banken einführen, die gegen die Preisobergrenze verstoßen. Und sie müssen mehr Druck auf US-amerikanische und europäische Unternehmen ausüben, die noch immer in oder mit Russland Geschäfte machen. Diese Unternehmen können nicht weiterhin Steuern an einen terroristischen Staat zahlen. Sie müssen verschwinden.


Die Gefahren der schrittweisen Vorgehensweise nehmen mit der Zeit zu.

Die individuellen Sanktionen müssen drastisch ausgeweitet werden, um alle russischen Oligarchen, die noch nicht sanktioniert sind, aber Putin unterstützen, alle Regierungsbeamten, alle Top-Manager und Vorstandsmitglieder der staatlichen Unternehmen, alle Propagandisten, die den Krieg befürworten, alle russischen Soldaten, die in der Ukraine kämpfen, und die Familienmitglieder aller dieser Personengruppen einzubeziehen. Die Sanktionierung von Personengruppen - Mitglieder der Partei "Einiges Russland", Regierungsbeamte, Soldaten usw. - und nicht einzelner Personen hat den zusätzlichen Vorteil, dass die Russen die Möglichkeit haben, zurückzutreten, um von der Sanktionsliste zu verschwinden. Zumindest könnten die an der Sanktionsregelung beteiligten Länder damit beginnen, ihre Listen um alle Personen zu erweitern, die bereits von der Nationalen Agentur für Korruptionsbekämpfung der Ukraine als sanktionswürdig eingestuft wurden. Die Länder, die Sanktionen verhängen, müssen ihre Aktivitäten auch koordinieren, damit ein Russe, der in einem Land sanktioniert wird, sofort auf der Sanktionsliste aller an der Sanktionsregelung beteiligten Länder erscheint.


Außerdem sollten neue Reisebeschränkungen für alle russischen Bürger verhängt werden. Ein komplettes Reiseverbot in alle demokratischen Länder ist eine Möglichkeit, auch wenn dies die Gefahr birgt, dass Russen, die gegen den Krieg sind, verprellt werden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, alle Russen, die in demokratische Länder reisen wollen, zusätzlich zu den Visakosten eine "ukrainische Wiederaufbaugebühr" zahlen zu lassen. Wenn sie eine solche Gebühr nicht zahlen wollen, weil sie befürchten, dass sie damit Unterstützung für die Ukraine signalisieren, können sie in Minsk statt in Barcelona Urlaub machen. Auch die Art und Weise, wie diese neuen Sanktionen angekündigt werden, ist wichtig. Am besten ist es, wenn die teilnehmenden Länder dies am 24. Februar alle gleichzeitig tun.


Gleichzeitig sollten die Demokratien den Russen, die gegen den Krieg sind, die Möglichkeit zum Überlaufen erleichtern. Zehntausende von Russlands Besten und Klügsten, die bereits geflohen sind, sollten Arbeitsvisa erhalten, um in Europa und den Vereinigten Staaten zu bleiben. Männer, die aus Russland geflohen sind, um der Einberufung zu entgehen, sollten Anreize erhalten, nicht zurückzukehren, bis der Krieg vorbei ist. Russische Oppositionsführer und unabhängige Journalisten, die im Exil leben, sollten in der Lage sein, Visa und Arbeitserlaubnisse zu erhalten, Bankkonten zu eröffnen, Kreditkarten zu benutzen und ihre YouTube-Kanäle mit viel größerer Leichtigkeit zu monetarisieren, als dies heute der Fall ist.


Geld und Propaganda

Die Ukraine braucht mehr Geld, und der Westen muss neue Wege finden, es bereitzustellen. Der naheliegendste Ansatzpunkt ist die Übertragung der über 300 Milliarden Dollar an russischen Zentralbankreserven, die der Westen derzeit hält, an die ukrainische Regierung. Beamte des Finanzministeriums und der Finanzbehörden in den Vereinigten Staaten und Europa sind nervös wegen solcher Schritte. Aber Staatsvermögen wurde in der Vergangenheit bereits legal beschlagnahmt, z. B. im Irak und in Afghanistan, und das sollte auch jetzt geschehen. (Außerdem hat ein solches Vorgehen den zusätzlichen Vorteil, dass es eine abschreckende Botschaft an China im Hinblick auf eine Invasion Taiwans sendet, da Peking viel mehr Finanzreserven im Westen angelegt hat).


Nach dem Vorbild der kanadischen Regierung sollte außerdem erwogen werden, eingefrorene Vermögenswerte russischer Oligarchen zu beschlagnahmen und in die Ukraine zu transferieren. Die westlichen Länder sollten eine Einfuhrsteuer auf alle russischen Waren und eine Ausfuhrsteuer auf alle nach Russland gelieferten Waren und Dienstleistungen erheben, deren Erlöse in einen ukrainischen Wiederaufbaufonds fließen würden. Und eine umfassende Planung für den Hunderte von Milliarden Dollar teuren Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg sollte noch heute beginnen - eine Anstrengung, die eine internationale Geberkonferenz einschließen sollte.

Mit härteren Sanktionen wird Russland von der Welt abgeschnitten, aber der Westen sollte gleichzeitig mehr tun, um die Herzen und Köpfe in Russland zu erreichen. Der von der US-Regierung finanzierte Sender Radio Free Europe/Radio Liberty konnte seine Hörerschaft nach Kriegsbeginn fast verdreifachen, vor allem in Russland und der Ukraine. Auch die unabhängigen russischen Medien, die jetzt außerhalb Russlands tätig sind, konnten ihr Publikum vergrößern. Die Zuschauerzahlen der YouTube-Kanäle, die von Kollegen des inhaftierten Oppositionsführers Alexej Nawalny betrieben werden, stiegen im Jahr 2022 ebenfalls drastisch an. Die beiden Kanäle, die Nawalny ursprünglich gegründet hat, haben mindestens 9,5 Millionen Abonnenten. Doch jeder dieser Kanäle würde von mehr Ressourcen, neuen Finanzierungsmethoden, einem leichteren Zugang zu Arbeitsvisa und Technologien profitieren, die ihnen helfen, Putins informationellen Eisernen Vorhang zu durchbrechen. Es sollte versucht werden, neue Wege zu finden, um die Russen zu erreichen - sei es durch Textnachrichten, eine stärkere Nutzung von TikTok- und Telegram-Kanälen oder subtilere kulturelle Botschaften anstelle von direkten Nachrichten.

Solange russische Soldaten ihr Land besetzen, werden die Ukrainer kämpfen. Sie werden kämpfen, mit oder ohne neue moderne Waffen, mit oder ohne härtere Sanktionen, mit oder ohne Geld, das ihnen hilft, ihr Land zu führen. Diese wichtige Erkenntnis über die heutige ukrainische Mentalität führt zu einer offensichtlichen politischen Empfehlung für den Westen: Helfen Sie der Ukraine, so schnell wie möglich zu gewinnen.


Der beste Weg, den 24. Februar, den Jahrestag von Putins Invasion, zu begehen, ist, deutlich zu machen, dass dies die Strategie des Westens ist. Dies erfordert eine von Dutzenden von Ländern am selben Tag koordinierte Einführung von mehr und besseren Waffen, härteren Sanktionen, neuer Wirtschaftshilfe, größeren Anstrengungen in der öffentlichen Diplomatie und einer glaubwürdigen Verpflichtung zum Wiederaufbau nach dem Krieg. Dies ist auch der beste Weg, um zu vermeiden, dass wir am 24. Februar 2024 wieder an derselben Stelle stehen.


Hervorhebungen: Titel, Bild und Bildunterschrift von seniora.org


Quelle: https://www.foreignaffairs.com/ukraine/how-get-breakthrough-ukraine?utm_medium=newsletters&utm_source=twofa&utm_campaign=How%20to%20Get%20a%20Breakthrough%20in%20Ukraine&utm_content=20230203&utm_term=FA%20This%20Week%20-%20112017

Die Übersetzung besorgte Andreas Myläus


Info: https://seniora.org/politik-wirtschaft/wie-man-in-der-ukraine-den-durchbruch-schafft?acm=3998_1633


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

04.02.2023

Nachrichten von Pressenza: Der Faktenfinder der ARD, Gentechnik und Vandana Shiva

Nachrichten von Pressenza - 04.02.2023, 07:15 Uhr


Der Faktenfinder der ARD, Gentechnik und Vandana Shiva


Wer „Bio“ kauft, tut das, um Lebensmittel und Produkte zu erhalten, die frei von Gentechnik und Pestiziden sind, und die zudem auf umweltfreundlichere und nachhaltigere Weise produziert wurden. Der Bio-Markt ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen, Tendenz steigend. Vandana&hellip;

http://www.pressenza.net/?l=de&track=2023/02/der-faktenfinder-der-ard-gentechnik-und-vandana-shiva/


 -----------------------


Die Gewaltfreiheit als einziger Weg


Die Gewaltfreiheit scheint in einer historischen Situation, in der Papst Franziskus als einziger zum Frieden aufruft, in weite Ferne gerückt zu sein. Der Krieg, über den wir in diesem Moment in der Geschichte am meisten debattieren, ist der, der in&hellip;

http://www.pressenza.net/?l=de&track=2023/02/die-gewaltfreiheit-als-einziger-weg/


 -----------------------


Pressenza - ist eine internationale Presseagentur, die sich auf Nachrichten zu den Themen Frieden und Gewaltfreiheit spezialisiert hat, mit Vertretungen in Athen, Barcelona, Berlin, Bordeaux, Brüssel, Budapest, Buenos Aires, Florenz, Lima, London, Madrid, Mailand, Manila, Mar del Plata, Montreal, München, New York, Paris, Porto, Quito, Rom, Santiago, Sao Paulo, Turin, Valencia und Wien.




näheres :



Die Gewaltfreiheit als einziger Weg


pressenza.com, vom 03.02.23 - Maria Giovanna Farina

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Französisch, Italienisch verfügbar

Die Gewaltfreiheit scheint in einer historischen Situation, in der Papst Franziskus als einziger zum Frieden aufruft, in weite Ferne gerückt zu sein.


Der Krieg, über den wir in diesem Moment in der Geschichte am meisten debattieren, ist der, der in der Ukraine geführt wird. Die Friedensverhandlungen wurden auf nicht absehbare Zeit verschoben, auf ein unbestimmtes Morgen, in dem, wenn die Situation dann endlich angegangen wird, alles zerstört sein wird und viele weitere Menschen unter den Bomben gestorben sein werden.


Gewaltlosigkeit scheint ein leeres Wort geworden zu sein, und das kann und darf nicht akzeptiert werden. Leistungsstarke Panzer werden demnächst ihre Reise in die Ukraine antreten, wo sie erst nach monatelangem Training eingesetzt werden können, der Krieg ist also noch lange nicht vorbei. Einige befürchten eine Ausweitung des Konflikts, eine Sorge, die man teilen kann, mit einer Angst, die den Forderungen des ukrainischen Präsidenten nachgegeben hat. Dessen Forderungen nach Waffen nicht mehr nur für ein defensives, sondern für ein offensives Vorgehen sind ein klares Signal dafür, dass es um viel mehr als nur um Verteidigung geht.


Ich will nicht mit dem Finger auf die Kontrahenten zeigen, ich will weder auf der einen noch auf der anderen Seite stehen, aber ich muss auf die „Amnesie“ derjenigen hinweisen, die die Geschichte vergessen und ihre Kriege, die sie blutig gemacht haben, gerade hier auf unserem friedlichen Kontinent. Ich weiß sehr wohl, dass Russland diesen Krieg begonnen hat, aber ich weiß auch, dass nur echte Friedensverträge eine gefährliche und tödliche Eskalation verhindern können.


Sokrates lehrte uns, dass wir, wenn wir den Krieg akzeptieren, uns von dem abwenden, was unsere Natur uns an Werkzeugen geben kann, um das Schlimmste zu vermeiden. Und, so der Philosoph weiter, wenn einige Kriege gerechtfertigt sind, dann sind wir allein für unsere Entscheidungen verantwortlich. Fünf Jahrhunderte vor Christus war einem philosophisch aufgeklärten Menschen bereits klar, dass Krieg eine Wahl ist, und es ist wichtig, darüber nachzudenken. Was bedeutet es, zu wählen? Zunächst einmal müssen wir uns daran erinnern, dass es sich um einen grundlegenden Teil der Existenz handelt, der uns prägt und der uns für unsere Handlungen verantwortlich und frei machen kann. Wenn wir wählen können, bedeutet das, dass wir die Freiheit haben, dies zu tun, und wenn wir nicht die richtige Wahl treffen, sind wir dafür verantwortlich. Entgegen dem christlichen Konzept des freien Willens, in dem auch das göttliche Eingreifen eine Rolle spielt und uns in eine transzendente Dimension führt, bleiben wir stattdessen mit den Füßen im Immanenten und kritisieren von dort aus lautstark diejenigen, die den Krieg nutzen und unterstützen.


Warum aber wird immer noch zu den Waffen gegriffen? Wie viele behaupten, ist Krieg eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, viel Geld, und die Gier nach Macht zusammen mit der Gier nach Reichtum verhindert, dass Frieden und Gewaltlosigkeit zur besten Option werden. Man kann sich entscheiden, den Frieden zu suchen oder den Krieg zu verstärken. Die Mittel für eine friedliche Lösung sind vorhanden, man muss nur aufhören, Ausreden zu erfinden. Wenn ich darauf bestehe, meinen Konkurrenten zu beschuldigen, und sei es auch nur zu Recht, wird mir das nichts nützen. Krieg ist, wie Gandhi sagte, ein Verbrechen gegen die Menschheit, Gewaltlosigkeit ist der einzige Weg zum Frieden: Ich werde nicht müde, dies in einer optimistischen, aus der Philosophie geborenen Weltsicht zu bekräftigen.


Wie bereits in einem meiner früheren Artikel dargelegt, ist der Krieg auch anti-ökologisch. Er zerstört Leben und auch die Umwelt, er verschmutzt die Meere, man denke nur an die Bomben, die während des Balkankrieges in unsere Adria geworfen wurden, Geräte, die für wer weiß wie viele hundert Jahre auf dem Meeresgrund liegen bleiben. Bomben verschmutzen, untergraben die Gesundheit und das Leben selbst. Und was ist mit dem immensen Treibstoffverbrauch? Denn Panzer und Raketen bewegen sich nicht durch Trägheit, wo bleibt da die grüne Vision? Aus einer ökologischen Sicht, die über die Natur und die Umwelt hinauasgeht, ist der Krieg auch im abstraktesten und geistigen Sinne anti-ökologisch: Wir sind alle als Wesen in der Welt miteinander verbunden. Unsere schlechten Handlungen wirken sich auf das gesamte System, die gesamte Einheit von Körper und Geist aller Menschen aus. Deshalb ist Gewaltlosigkeit der einzig mögliche Weg, um nicht unterzugehen, und um die Welt nicht zu einer Todesfalle, sondern zu einem Garten des Wiederaufblühens und der Erneuerung zu machen.

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Pressenza München



Info: https://www.pressenza.com/de/2023/02/die-gewaltfreiheit-als-einziger-weg

04.02.2023

Aufruf: Aufstehen fürs Überleben

Zutiefst besorgt um das Leben und Überleben in der Mitte Europas richten wir diesen Aufruf vorrangig an die Menschen in den deutschsprachigen europäischen Ländern.V.i.S.d.P.: Wolfgang Effenberger, Dorfmoos 12, 82343 Pöcking


seniora.org, 04. Februar 2023

Aufruf Aufstehen fürs Überleben verfasst am 31.1.2023

veröffentlicht am 4.2.2023


Zutiefst besorgt um das Leben und Überleben in der Mitte Europas richten wir diesen Aufruf vorrangig an die Menschen in den deutschsprachigen europäischen Ländern. Bei einer Vielfalt gesellschaftspolitischer Ansichten werden wir von der gemeinsamen Überzeugung getragen, dass unsere Welt zu keiner Zeit seit der Kubakrise 1962 so nah an der Katastrophe war. Wenn der gegenwärtig in den Massenmedien geschürten wahnhaften Kriegsbegeisterung nicht effektiv entgegengewirkt wird, besteht die große Gefahr, dass der Ukraine-Krieg zum Einsatz von Atomwaffen in Europa führt.


Die vielschichtigen Konfrontationen zwischen den Kräften, die eine unipolare Weltherrschaft anstreben und denen, die für eine multipolare Weltordnung sind, haben bereits verheerende Verwüstungen unter anderem in Jugoslawien, Sudan, Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien und Jemen verursacht. Die seit 2014 bestehenden militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine stellen einen Teil dieser weltweiten Entwicklung dar.


Inmitten des Kalten Krieges war die Kubakrise ein Weckruf. Anders als heute suchten damals die beiden Großmächte ein Entgegenkommen in beiderseitigem Interesse. So wurden unter anderem die Verträge über die Abwehr ballistischer Raketen und die Verträge über nukleare Mittelstreckenraketen, die inzwischen verworfen wurden, ausgehandelt.


Ausgehandelte Friedensabkommen basieren weniger auf Vertrauen als auf dem gegenseitigen Verständnis, dass die gefundene Alternative im Interesse beider Seiten ist. Wir erheben unsere Stimme für sofortige Friedensverhandlungen und gegen die Kriegstrommler, die eine Fortsetzung des Krieges „bis zum Sieg der Ukraine“ und die entsprechenden Waffenlieferungen fordern.


Unser Schicksal steht auf des Messers Schneide!

Nun kommt es darauf an, durch vielfältige Aktionen dem allgegenwärtigen Kriegsgetrommel aufklärend entgegenzuwirken, damit das Überleben gesichert werdenkann.


***

V.i.S.d.P.: Wolfgang Effenberger, Dorfmoos 12, 82343 Pöcking

******

Unterzeichner:


Thomas Aigner, Prof. Dr., Geologe, Tübingen (Deutschland)

Diana Aman, Vorstand Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen e.V. (Deutschland)

Norbert Andersch, MD, MRCPsych, Neurologe und Psychiater (Italien)

Anette Bäuerle, Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin (Deutschland)

Alexander Bahar, Dr. phil., Historiker und Publizist (Deutschland)

Hans-Jürgen Bandelt, Professor i.R. für Mathematik und Autor (Deutschland)

Matin Baraki, Dr. phil., Mitglied des Zentrums für Konfliktforschung, Universität Marburg (Deutschland)

Harmut Barth-Engelbart, Kunstschaffender und Publizist (Deutschland)

Özdemir Basargan, Übersetzer und Schriftsteller (Deutschland)

Rudolph Bauer, Univ.-Prof., Kunstschaffender und Publizist (Deutschland)

Aglaja Beyes-Corleis, freie Autorin und Dozentin (Deutschland)

Wolfgang Bittner, Dr., Publizist (Deutschland)

Mimi Blien, Dr., Zahnärztin, Straubing (Deutschland)

Ralph Boes, Menschenrechtsaktivist (Deutschland)

Jürgen Borchert, Dr. med., Internist, Homöopathie, Psychotherapie (Deutschland)

Volker Bräutigam, Journalist (Deutschland)

Savitri Braeucker, Dr. phil., Psychotherapeutin und Autorin (Deutschland)

Nathalie Brink, Grafik-Designerin und Musikerin (Deutschland)

Toni Brinkmann, Rentnerin (Deutschland)

Beate Brockmann, Berufsverbotsbetroffene in Deutschland (Italien)

Almuth Bruder-Bezzel, Dr., Psychoanalytikerin (Deutschland)

Klaus-Jürgen Bruder, Prof. Dr., Psychoanalytiker (Deutschland)

Marita Brune-Koch, Lehrerin (Schweiz)

Reiner Burkhardt, Dr., Oberstleutnant a.D. (Deutschland)

Vincenz Butsch, Psychotherapeut (Deutschland)

Andrea Christidis, Dr., Psychologin (Deutschland)

Aris Christidis, Prof. i.R. für Informatik (Deutschland)

Immo Manhone Costa, Sozialpädagoge (Österreich/Mexiko)

Ursula Cross Schlinkmeier, Schulleiterin (Schweiz)

Angela Daschti, Hausfrau (Deutschland)

Mohsen Daschti, Fotojournalist (Deutschland)

Friederike de Bruin, Geburtsbegleiterin, freie Journalistin (Deutschland)

Gisela Diball, Dipl.-Sozialpädagogin (Deutschland)

Petra Dirksen, Förderschullehrerin a.D. (Deutschland)

Andrea Drescher, Unternehmensberaterin (Österreich)

Wolfgang Effenberger, ehemaliger Major d.R. und Publizist (Deutschland)

Winfrid Eisenberg, Dr. med., Kinderarzt (Deutschland)

Sonja Elmenreich, Pensionistin (Österreich)

Lydia Emde, Theaterpädagogin (Deutschland)

Björn Eybl, Autor, Masseur und Naturpraktiker (Österreich)

Wolfgang Fehse, Autor (Deutschland)

Bernd Felsner, Geschäftsführender Gesellschafter (Deutschland)

Heinz Fibich, Rentner (Deutschland)

Anneliese Fikentscher, Publizistin, Deutschland

Katharina Fischer, Firma Kulturhaus Klanggestalt eU (Österreich)

Lisa Fitz, Kabarettistin (Deutschland)

Daniele Ganser, Historiker und Friedensforscher (Schweiz)

Brigitte Gärtner-Coulibaly, Dipl. Pädagogin (Deutschland)

Magda von Garrel, Politologin, Sonderpädagogin und Autorin (Deutschland)

Wolf Gauer, Journalist und Filmemacher (Brasilien)

Doris Gercke, Schriftstellerin (Deutschland)

Jimmy Gerum, Cascadeur Filmproduktion, Leuchtrum ARD (Deutschland)

Björn Gschwendtner, Freischaffender Künstler (Deutschland)

Hardy Groeneveld, Vorstand Mutigmacher e.V. (Deutschland)

Henriette Hanke Güttinger, Dr. phil., Historikerin (Schweiz)

Martin Haditsch, Prof. Dr. Dr., Arzt (Österreich und Deutschland)

Franz Hamburger, Univ.-Prof. i.R. für Erziehungswissenschaft (Deutschland)

Christiane Hansen, Rentnerin (Deutschland/Frankreich)

Evelyn Hecht-Galinski, Publizistin (Deutschland)

Bernhard Heck (Ben Bafa), Musiker (Deutschland)

Beate Himmelstoß, Sprecherin (Deutschland)

Karl-Heinz Hinrichs, Dipl. Ingenieur, Gründer der EVAL-Bewegung. (Deutschland)

Henning Hintze, BAG Frieden und internationale Politik (Deutschland)

Heidi Hüttner, Krankenschwester (Deutschland)

Dietrich Hyprath, Dipl. Ingenieur i.R. (Spanien)

Florian Hyprath-Wittibschläger, Marketingunternehmer (Deutschland)

Sabiene Jahn, Journalistin und Künstlerin (Deutschland)

Wolfgang Jung, Lehrer i.R. HS, Herausgeber von LUFTPOST Kaiserslautern (Deutschland)

Claudia Karas, Friedensaktivistin (Deutschland)

Sima Kassaie-Van Ooyen, Schriftstellerin und Journalistin (Deutschland)

Jochen Kelter, Schriftsteller (Schweiz)

Gerda Keuter, Rentnerin (Deutschland)

Beate Kissner, Sonderschullehrerin i.R. (Deutschland)

Ansgar Klein, Dr., Sprecher der ‚Aachener für eine menschliche Zukunft‘, OStR i.R. (Deutschland)

Helene Klein, Mitinitiatorin von ‚Gute Nachbarschaft mit Russland‘, OStR i.R. (Deutschland)

Friedhelm Klinkhammer, Jurist, ehe. Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats, Publizist (Deutschland)

Georg Koch, Sozialpädagoge und Berufsbeistand (Schweiz)

Ralf P. Koch, Germanist (Deutschland)

Peter König, Wirtschaftswissenschaftler und Publizist (Schweiz)

Andrea Köster, Ärztin (Deutschland)

Michael Korbmacher, Redaktion der Zeitschrift PERIPHERIE: Politik.Ökonomie.Kultur (Deutschland)

Dr. Bernd Kroll, IT-Projektmanager (Niederlande)

Herbert Krüger, ehe. Bez.-Leiter IG BCE, ehe. OVV SPD Winkelhaid, Kirchenmusiker (Deutschland)

Brigitta Küster-Sartori, Geschichts- und Ethiklehrerin i.R. (Deutschland)

Martin Leo, Dipl. Politologe (Portugal)

Evelyn Lesser, Dr. med., Dipl. Biologin, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin (Deutschland)

Jens Loewe, Friedensaktivist und Publizist (Deutschland)

Hans Losse, Oberstudienrat i.R. (Deutschland)

Manfred Lotze, Arzt (Deutschland)

Friedrich Lüeße, Friedensaktivist (Deutschland)

Hans-Joachim Maaz, Dr. med., Psychiater, Psychoanalytiker und Autor (Deutschland)

Stephanie Mahl, Mutter (Deutschland)

Walfried Mahl, Zeitzeuge des 2. Weltkriegs, Lehrer i.R. (Deutschland)

Ursula Mathern, Bankkauffrau und Dipl. Theologin (Deutschland)

Werner Meixner, Dr. rer. nat., Mathematiker (Deutschland)

Knut Mellenthin, Journalist (Deutschland)

Ullrich Mies, Publizist (Niederlande)

Amir Mortasawi, Arzt und Publizist (Deutschland)

Christian Müller, Dr. phil. in Geschichte und Staatsrecht, Journalist und Medienberater (Schweiz)

Andreas Neumann, Publizist (Deutschland)

Corinna Oesch, Historikerin (Österreich)

Josef Oesch, Dr., Pensionist (Österreich)

Gottfried Pausch, Oberst i.R. (Österreich)

Andreas Peglau, Psychologe, Psychoanalytiker und Autor (Deutschland)

Holdger Platta, Autor und Journalist, Herausgeber von hinter-den-schlagzeilen.de (Deutschland)

Georg Polikeit, Journalist, Rentner (Deutschland)

Thomas Porschberg, Softwareentwickler (Deutschland)

Manfred Pototschnig, Rentner (Österreich)

Brigitte Queck, Diplomstaatswissenschaftlerin Außenpolitik (Deutschland)

Günter Rexilius, Dr. phil., Psychotherapeut (Deutschland)

Christoph Rinneberg, Dipl. Ingenieur und Publizist (Deutschland)

Werner Rügemer, Publizist (Deutschland)

Rainer Rupp, Dipl. Volkswirt und Journalist (Deutschland)

Bodo Rusch, Fr. Architekt BDA i.R. (Deutschland)

Ute Sauthoff, Soziologin und Pädagogin (Deutschland)

Sebastian Scharinger, Geschäftsführer (Österreich)

Petra Scharrelmann, Lehrerin (Deutschland)

Dietrich Schlinkmeier, Architekt (Schweiz)

Jochen Scholz, Oberstleutnant a. D. der Bundeswehr (Deutschland)

Renate Schoof, Schriftstellerin (Deutschland)

Wolfgang Schrank, Gymnasiallehrer i.R. (Deutschland)

Wilhelm Schulze-Barantin; Landesvorsitz. Deutscher Freidenker-Verband in Hessen (Deutschland)

Martin Schwaiger, Pensionist (Deutschland)

Rainer Andreas Seemann, Verleger, Seemann Publishing (Spanien)

Andreas Sönnichsen, Prof. Dr., Internist und Allgemeinmediziner (Deutschland)

Berthold Spahlinger, Dr., Landarzt und Reservesanitätsstabsoffizier i. R. (Deutschland)

Thomas Immanuel Steinberg, Volkswirt und Publizist (Deutschland)

Christine Sterly-Paulsen, Schriftstellerin (Deutschland)

Fee Strieffler, Lehrerin i.R. GS, Herausgeberin von LUFTPOST Kaiserslautern (Deutschland)

Verena Tobler Linder, Soziologin (Schweiz)

Dirk Tröndle, Dr., Geschäftsführer (Deutschland)

Bernhard Ujcic, Unternehmer (Deutschland)

Petra Ujcic, Lehrerin (Deutschland)

Annette van Gessel, Lektorin (Niederlande)

Walter van Rossum, Dr., Journalist und Autor (Deutschland)

Paul Robert Vogt, Herzchirurg (Schweiz)

Dörte von Drigalski, Dr. med., Ärztin und Autorin (Deutschland)

Claudia von Werlhof, Univ.-Prof., Soziologin und Politologin (Österreich)

Gisela Vormann, Friedensaktivistin (Deutschland)

Georg Maria Vormschlag, Anästhesie-Intensivpfleger i.R. (Deutschland)

Christof Wackernagel, Schriftsteller und Schauspieler (Mali)

Jens Wagner, Dr. med., Vorstandsmitglied Gesundheit Aktiv Nord (Deutschland)

Margot Wahl, Herausgeberin von seniora.org (Schweiz)

Willy Wahl, Herausgeber von seniora.org (Schweiz)

Harald Walach, Prof. Dr. Dr., Wissenschaftler und Publizist (Deutschland)

Lutz Weber, Maschinenbautechniker, Aktivist für Menschenrechte und Frieden (Deutschland)

Dietrich Weller, Dr. med., Allgemeinarzt, Kinderarzt und Autor (Deutschland)

Elisabeth Werle, Freiberuflerin, Friedensaktivistin (Deutschland)

Michael Wolski, Autor (Deutschland)

Ivo Tobias Zsiros, Facharzt für Psychiatrie (Deutschland)


Quelle: https://afsaneyebahar.com/2023/02/04/20694759


Info: https://seniora.org/wunsch-nach-frieden/der-wunsch-nach-frieden/aufruf-aufstehen-fuers-ueberleben

04.02.2023

INTERVIEW MIT FRIEDENSAKTIVISTEN
Willi Rester aus Maxhütte-Haidhof: „Kriegspartei sind wir schon längst“

mittelbayrische.de, vom 01. Februar 2023, 11:00 Uhr, von Thomas Rieke

Willi Rester aus Maxhütte-Haidhof verfolgt das Geschehen rund um die

Ukraine mit besonderem Interesse – und beurteilt vieles anders als

führende Politiker.


STÄDTEDREIECK.Nach der Entscheidung der Bundesregierung, nun doch

Kampfpanzer an die Regierung zu liefern, warnt Willi Rester, Sprecher

der Friedensorganisation DFG-VK in der Oberpfalz, vor übertriebenen

Erwartungen. Im Interview forderte er erneut die Rückkehr an den

Verhandlungstisch.


Hat Sie die Entscheidung Deutschlands, nun doch Leopard-Kampfpanzer zur

Verfügung zu stellen und Partnern die Lieferung in die Ukraine zu

gestatten, überrascht oder war das auch für Sie längst absehbar, weil

der Druck auf den Kanzler zu groß geworden ist?


Willi Rester: Es war absehbar. Sobald sich die Staaten innerhalb der

NATO verständigt hatten, wie zukünftig ein Angriff der Ukraine mit von

NATO gelieferten Panzern auf russisches Gebiet zu verhindern wäre, war

die Panzerlieferung nur mehr eine Frage der Abstimmung und des

Zeitbedarfs für die Schulung der ukrainischen Soldaten.



Ist Olaf Scholz eingeknickt oder ist er doch nur seiner Linie

treugeblieben, bestimmte Dinge erst zu bejahen, wenn sie vorher im

Detail mit den USA abgesprochen worden sind?


Rester: Er ist sich treu geblieben, hat dazu die USA auch ins Boot

gezwungen, die die Panzerlieferung ganz gerne den Europäern alleine

überlassen hätten.


Sind wir jetzt indirekt zur Kriegspartei geworden, was die Russen ja

jetzt behaupten, und was bedeutet das?


Rester: Kriegspartei ist Deutschland schon lange. Nicht unbedingt durch

die Waffenlieferungen. Aber durch das Ausspähen der russischen Armee und

der Weitergabe an die Ukrainer. Die Erfolge der ukrainischen Armee seit

August 2022 basieren im wesentlichen auf der Satellitenaufklärung der

NATO. Welcher Staat nun im Detail welchen Beitrag dazu liefert, ist aus

russischer Sicht egal, die Daten kommen „von der NATO“.


Glauben Sie, dass es den Ukrainern gelingt, mit „unseren Superpanzern“

die Russen hinwegzufegen? Oder ist der nächste (logische) Schritt der,

dass wir Kampfjäger liefern sollen?


Rester: Nach meiner letzten Information bekommt die ukrainische Armee

rund 100 Kampfpanzer. Das entspricht etwa sieben Panzerkompanien. Mit

einer deckt man rund fünf Kilometer ab, mit Lücken auch mal zehn. Alle

Kampfpanzer decken also einen Frontabschnitt von maximal 70 Kilometer ab

– bei 2000 Kilometern Gesamtfrontlänge. Also ein klares Nein zum

„Hinwegfegen“. Außerdem sind Kampfpanzer leicht verwundbar, wenn sie

nicht als „verbundene Waffe" eingesetzt werden, also in enger Abstimmung

und Unterstützung mit Grenadieren, Artillerie, Panzer- und

Luftabwehreinheiten. Ein isoliert vorfahrender Leo ist ein gefundenes

Schnäppchen für einen eingegrabenen Soldaten mit Panzerfaust.


Die Befürworter von Waffenlieferungen haben ein schlagendes Argument:

Putin verstehe nur die Sprache der Stärke. Biete man ihm nicht die

Stirn, werde er nur noch dreister. Können Sie das entkräften?


Rester: Das beliebte Totschlagargument der Verhandlungsverweigerer ist

realitätsfern. Putin mag skrupellos sein und machtgeil, aber auch er

weiß: Geld regiert die Welt. Stabile Handelsbeziehungen unter

Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen sind für ihn allemal

interessanter als volltönende Kriegspropagandashow. Dass er sich mit

diesem Krieg übernommen hat, weiß er sehr wohl. Um innerhalb Russlands

zu überleben, braucht er aber einen Erfolg.


Wie sollte der denn aussehen?


Rester: Das ist entweder ein gesichtswahrender Waffenstillstand oder ein

eingefrorener Krieg über die nächsten fünf bis 15 Jahre. Putin hat in

den letzten Monaten mehrfach Verhandlungen angeboten, definitiv

ausgeschlossen hat sie Wolodymyr Selenskyj.


Sie sind tatsächlich der Meinung, mit Putin könne man verhandeln?


Rester: Verhandlungen sind Putin nicht fremd. Ich erinnere nur an das

Getreideabkommen oder den Gefangenenaustausch. Putin ist gegenüber dem

Westen auch bemerkenswert vertragstreu: Er hat bis August 2022 Gas nach

Deutschland geliefert, trotz Sanktionen. Die Lieferungen wurden

eingestellt, als Außenministerin Annalena Baerbock offiziell erklärte:

Deutschland will kein Gas mehr aus Russland. Kurzum: Sanktionsrücknahme

und Wiederaufnahme von Handelsgeschäften sind meines Erachtens für Putin

allemal verlockend genug, es mit ernsthaften Verhandlungen zu probieren.


Das Gespräch führte Thomas Rieke.


Info: https://www.mittelbayerische.de/region/schwandorf-nachrichten/willi-rester-aus-maxhuette-haidhof-kriegspartei-sind-wir-schon-laengst-21416-art2190254.html


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

03.02.2023

DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2023/5 DER KOMMISSION

DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2023/5 DER KOMMISSION
eur-lex.europa.eu, vom 3. Januar 2023 zur Genehmigung des Inverkehrbringens von teilweise entfettetem Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) als neuartiges Lebensmittel und zur Änderung der Durchführungsverordnung (EU) 2017/2470 (Text von Bedeutung für den EWR)


DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION — gestützt auf den Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union,


Zitat v. S .2:

(6) Am 23. März 2022 nahm die Behörde ihr wissenschaftliches Gutachten „Safety of partiallydefatted whole Achetadomesticus (house cricket) powder as a novel food pursuant to Regulation (EU) 2015/2283“ (9) gemäß Artikel 11 der Verordnung (EU) 2015/2283 an.


(7) In ihrem wissenschaftlichen Gutachten gelangte die Behörde zu dem Schluss, dass teilweise entfettetes Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) unter den vorgeschlagenen Verwendungsbedingungen in den vorgeschlagenen Mengen sicher ist. Das wissenschaftliche Gutachten bietet folglich ausreichende Anhaltspunkte dafür, dass teilweise entfettetes Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) bei Verwendung in Mehrkornbrot und -brötchen, Crackern und Brotstangen, Getreideriegeln, trockenen Vormischungen für Backwaren, Keksen, trockenen gefüllten und ungefüllten Erzeugnissen aus Teigwaren, Soßen, verarbeiteten Kartoffelerzeugnissen, Gerichten auf Basis von Leguminosen und Gemüse, Pizza, Erzeugnissen aus Teigwaren, Molkenpulver, Fleischanalogen, Suppen und Suppenkonzentraten oder -pulver, Snacks auf Maismehlbasis, bierähnlichen Getränken, Schokoladenerzeugnissen, Nüssen und Ölsaaten, Snacks außer Chips sowie Fleischzubereitungen für die allgemeine Bevölkerung den Bedingungen für das Inverkehrbringen gemäß Artikel 12 Absatz 1 der Verordnung (EU) 2015/2283 genügt.


(8) In ihrem Gutachten kam die Behörde außerdem auf der Grundlage einiger weniger veröffentlichter Erkenntnisse zu Lebensmittelallergien im Zusammenhang mit Insekten im Allgemeinen, die den Verzehr von Acheta domesticus nicht eindeutig mit einer Reihe anaphylaktischer Ereignisse in Verbindung brachten, sowie auf der Grundlage von Daten, die nachweisen, dass Acheta domesticus eine Reihe potenziell allergener Proteine enthält, zu dem Schluss, dass der Verzehr dieses neuartigen Lebensmittels eine Sensibilisierung gegen Proteine von Acheta domesticus auslösen kann. Die Behörde empfahl, die Allergenität von Acheta domesticus weiter zu erforschen.


(9) Um der Empfehlung der Behörde nachzukommen, prüft die Kommission derzeit die Möglichkeiten, die nötigen Forschungsarbeiten zur Allergenität von Acheta domesticus durchzuführen. Bis zur Bewertung der im Rahmen der Forschung gewonnenen Daten durch die Behörde und in Anbetracht des Umstands, dass Erkenntnisse, die den Verzehr von Acheta domesticus unmittelbar mit Fällen von Primärsensibilisierung und Allergien in Verbindung bringen, bislang keine eindeutigen Schlüsse zulassen, ist die Kommission der Auffassung, dass keine spezifischen Kennzeichnungsvorschriften bezüglich des Potenzials von Acheta domesticus, eine Primärsensibilisierung auszulösen, in die Unionsliste zugelassener neuartiger Lebensmittel aufgenommen werden sollten.


(10) In ihrem Gutachten stellte die Behörde zudem fest, dass der Verzehr von teilweise entfettetem Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) allergische Reaktionen bei Personen auslösen kann, die gegen Krebstiere, Weichtiere und Hausstaubmilben allergisch sind. Ferner befand die Behörde, dass weitere Allergene in das neuartige Lebensmittel gelangen können, wenn diese Allergene in dem Substrat enthalten sind, das an die Insekten verfüttert wird. Daher ist es angezeigt, dass Lebensmittel, die teilweise entfettetes Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) enthalten, gemäß Artikel 9 der Verordnung (EU) 2015/2283 entsprechend gekennzeichnet werden.


(11) In ihrem wissenschaftlichen Gutachten erklärte die Behörde auch, dass sich ihre Schlussfolgerung zur Sicherheit von teilweise entfettetem Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille) auf die wissenschaftlichen Studien und Daten, d. h. die detaillierte Beschreibung des Herstellungsprozesses, die Ergebnisse von Immediatanalysen, die Analysedaten zu Kontaminanten, die Ergebnisse der Stabilitätsstudien, die Analysedaten zu mikrobiologischen Parametern und die
Ergebnisse der Studien zur Proteinverdaulichkeit stützt, ohne die sie keine Bewertung des neuartigen Lebensmittels hätte vornehmen und ihre Schlussfolgerung nicht hätte ziehen können.


(12) Die Kommission forderte den Antragsteller auf, seine Begründung für die Beantragung des eigentumsrechtlichen Schutzes dieser wissenschaftlichen Studien und Daten sowie für den Antrag auf ausschließlichen Anspruch auf deren Nutzung gemäß Artikel 26 Absatz 2 Buchstabe b der Verordnung (EU) 2015/2283 weiter auszuführen.


(13) Der Antragsteller hat erklärt, dass er zum Zeitpunkt der Antragstellung nach nationalem Recht Eigentumsrechte an den wissenschaftlichen Studien und Daten, d. h. der detaillierten Beschreibung des Herstellungsprozesses, den Ergebnissen von Immediatanalysen, den Analysedaten zu Kontaminanten, den Ergebnissen der Stabilitätsstudien, den Analysedaten zu mikrobiologischen Parametern und den Ergebnissen der Studien zur Proteinverdaulichkeit, sowie das ausschließliche Recht auf deren Nutzung hielt und dass daher Dritte nicht rechtmäßig auf diese Daten und Studien zugreifen oder diese nutzen können.  (Zitatende)


Diese Verordnung tritt am zwanzigsten Tag nach ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Europäischen Union in Kraft.

DE Amtsblatt der Europäischen Union4.1.2023 L 2/11


Diese Verordnung ist in allen ihren Teilen verbindlich und gilt unmittelbar in jedem

Mitgliedstaat.
Brüssel, den 3. Januar 2023
Für die Kommission
Die Präsidentin

Ursula VON DER LEYEN


Info: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX%3A32023R0005&fbclid=IwAR1EJXrPpfz_sCN3F0aRBK550GfyNyc_hx_8AWLYnMjABvh90TdgvxkgXbs

03.02.2023

80. Jahrestag Stalingrad Putin: Eines der wichtigsten Daten der Geschichte

imago0201689786h.jpg





Dmitry Lobakin/IMAGO/SNA






jungewelt.de, 03.02.2023,

Der russische Präsident Wladimir Putin hielt am Donnerstag in Wolgograd folgende Rede:


Heute begehen wir eines der wichtigsten und folgenreichsten Daten in der Geschichte unseres Landes und der Welt. Vor genau 80 Jahren wurde der verhasste und grausame Feind in Stalingrad an den Ufern des großen russischen Flusses Wolga gestoppt und unwiderruflich zurückgeschlagen – die lange, harte und erbitterte Schlacht um Stalingrad endete.


Es war nicht nur eine Schlacht um die Stadt – die Existenz des gequälten, aber nicht unterworfenen Landes stand auf dem Spiel, der Ausgang nicht nur des Großen Vaterländischen Krieges, sondern des gesamten Zweiten Weltkrieges wurde entschieden, und jeder in den Schützengräben und in der Nachhut spürte und realisierte es. Wie so oft in unserer Geschichte haben wir in der entscheidenden Schlacht zusammengestanden und gewonnen.


200 Tage lang kämpften in Stalingrad, in den Straßen der legendären Stadt, die in Schutt und Asche gelegt wurde, zwei Armeen bis zum Tod, und der Sieg ging an diejenige mit dem stärksten Kampfgeist. Der erbitterte, manchmal die menschlichen Fähigkeiten übersteigende Widerstand unserer Soldaten und Befehlshaber kann nur durch ihre Hingabe an das Vaterland, durch den festen, absoluten Glauben, dass die Wahrheit auf unserer Seite steht, verstanden und erklärt werden. Die Bereitschaft, um des Vaterlandes willen, um der Wahrheit willen bis zum bitteren Ende zu gehen, das Unmögliche zu tun, lag und liegt unserem multinationalen Volk im Blut, im Charakter – sie hat den Nazismus gestürzt.


Stalingrad ist für immer ein Symbol für die Unzerstörbarkeit unseres Volkes, für die Kraft des Lebens selbst. Das ganze Land baute diese Stadt, ihre Vororte und Dörfer buchstäblich von Grund auf wieder auf, denn im Februar 1943 gab es praktisch keinen einzigen Baum und kein einziges ganzes Gebäude mehr.


Das außergewöhnliche Durchhaltevermögen und die Selbstaufopferung der Verteidiger und Bewohner von Stalingrad damals wie heute sind zutiefst beeindruckend und rufen ein Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit und Achtung hervor. Unsere moralische Pflicht – vor allem gegenüber den siegreichen Soldaten – besteht darin, die Erinnerung an diese Heldentat in ihrer Gesamtheit zu bewahren, sie an künftige Generationen weiterzugeben und nicht zuzulassen, dass jemand die Rolle der Schlacht von Stalingrad beim Sieg über den Nationalsozialismus und bei der Befreiung der ganzen Welt von diesem monströsen Übel herunterspielt.



Jetzt sehen wir leider, dass die Ideologie des Nationalsozialismus – nun in ihrer modernen Gestalt, ihrer modernen Manifestation – wieder eine direkte Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes schafft, wir sind immer wieder gezwungen, die Aggression des kollektiven Westens abzuwehren.


Unglaublich – unglaublich, aber Tatsache ist, dass wir erneut von deutschen Panzern »Leopard« mit Kreuzen bedroht werden und erneut vor einem Krieg mit Russland auf ukrainischem Boden durch die Hände von Hitlers Nachfahren, den Händen von Banderisten, stehen.


Wir wissen, dass wir trotz der offiziellen und käuflichen Propagandabemühungen der uns feindlich gesinnten westlichen Eliten viele Freunde in der ganzen Welt haben, einschließlich Amerika, Nordamerika und Europa.


Aber diejenigen, die die europäischen Länder, auch Deutschland, in einen neuen Krieg mit Russland hineinziehen und ihn erst recht unverantwortlich als vollendete Tatsache erklären, diejenigen, die erwarten, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen, verstehen offenbar nicht, dass ein moderner Krieg mit Russland für sie ganz anders aussehen wird. Wir schicken unsere Panzer nicht an ihre Grenzen, aber wir haben etwas, womit wir antworten können, und das wird nicht mit dem Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen enden. Das sollte jeder verstehen.


Die Standhaftigkeit der Verteidiger von Stalingrad ist für die russische Armee und für uns alle der wichtigste moralische und sittliche Bezugspunkt, und unsere Soldaten und Offiziere sind ihm treu. Die Kontinuität der Generationen, der Werte und der Traditionen zeichnet Russland aus und macht uns stark und zuversichtlich in Bezug auf uns selbst, auf unser Recht und auf unseren Sieg.


Ich gratuliere allen Anwesenden in diesem Saal, allen heutigen Verteidigern des Vaterlandes, allen russischen Bürgern und unseren Landsleuten im Ausland herzlich zum 80. Jahrestag des Sieges in der Schlacht von Stalingrad.


Ich gratuliere Ihnen zum Feiertag, zum Feiertag des Triumphs des Lebens und der Gerechtigkeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


Übersetzung aus dem Russischen: Arnold Schölzel


Info: https://www.jungewelt.de/artikel/444140.80-jahrestag-stalingrad-putin-eines-der-wichtigsten-daten-der-geschichte.html


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

03.02.2023

Warum es trotz der Empfehlung von RAND unwahrscheinlich ist, dass der Ukraine-Krieg in einer Verhandlungslösung endet

seniora.org, 03. Februar 2023, Posted on January 30, 2023 by Yves Smith nakedcapitalism.com

Man fragt sich, warum das US-Außenministerium es für angebracht hielt, einem der Lieblings-Einflüsterer der Spione, David Ignatius von der Washington Post, ein Interview mit Anthony Blinken zu gewähren


Unser Freund Dr. Andreas Myläus hat diesen Text für uns übersetzt und mit diesem Kurz-Kommentar versehen uns zur Verfügung gestellt:


Anbei noch ein Kommentar zu dem Papier der RAND-Corporation und zu der Reaktion darauf von Seiten der Biden-Administration: die Neocons schäumen! Deshalb wird das Papier der RAND-Corporation in unseren Medien auch totgeschwiegen. Der inneramerikanische Machtkampf zwischen Realisten des Pentagon (RAND) und der Beltway-Blase, die von den Neocons beherrscht ist, geht in die nächste Runde. Dass unsere Propaganda-Blase den Kommandos der Neocons folgt, zeigt, dass diese auch hierzulande die Sache (noch) fest im Griff haben.


Nicht dass man annehmen darf, die RAND-Corporation hätte plötzlich Kreide gefressen. Auch ist sie alles andere als eine Friedenstaube. Wenn sie von den amerikanischen Interessen spricht, geht es natürlich nicht um die Interessen der amerikanischen Bevölkerung, sondern um geopolitische und neokolonialistische Ziele. Sie will aber ihre Kräfte besser gegen China bündeln.

Das anliegende Papier von nakedcapitalism.com habe ich bei der Übersetzung redaktionell etwas geglättet - trotzdem ist dessen Sprache teilweise etwas gewöhnungsbedürftig. Der Inhalt ist aber aus meiner Sicht einwandfrei.


Man fragt sich, warum das US-Außenministerium es für angebracht hielt, einem der Lieblings-Einflüsterer der Spione, David Ignatius von der Washington Post, ein Interview mit Anthony Blinken zu gewähren (den vollständigen Text finden Sie hier: http://johnhelmer.net/blinken-concedes-war-is-lost-offers-kremlin-ukrainian-demilitarization-crimea-donbass-zaporozhe-and-restriction-of-new-tanks-to-western-ukraine-if-there-is-no-russian-offensive/ ). Es gab nicht nur keinen Anlass für das Gespräch, sondern auch die Prämisse des Interviews war seltsam: Über das Endspiel des Krieges und die Nachkriegspolitik der USA für die Ukraine zu sprechen, erscheint seltsam, da keine Lösung des Konflikts in Sicht ist.


Und das Interview selbst war merkwürdig. Blinken machte ein großes Zugeständnis an die Realität, indem er einräumte, dass die Ukraine nicht in der Lage sein wird, die Krim in absehbarer Zeit zurückzuerobern. Er erwartet, dass die USA die Ukraine weiterhin bewaffnen. Doch nirgendwo in dem Artikel wird vorgeschlagen, wie der Krieg enden könnte, geschweige denn, dass das "V"-Wort, „verhandeln“, erwähnt wird. Die Vision von Blinken/State scheint zu sein:

"USA und NATO unterstützen die Ukraine > *ein Wunder geschieht* > der Krieg wird beendet > USA und NATO unterstützen die Ukraine. "

Eine Theorie besagt, dass dieses Interview dazu dienen soll, die Erwartungen in den USA und in der Ukraine zu dämpfen, indem eingeräumt wird, dass die Krim eine verlorene Sache ist. Auch wenn dies ein Schritt in die richtige Richtung ist, so liegt doch ein langer Weg zwischen diesem Eingeständnis und der Anerkennung dessen, dass die Russen auf dem Schlachtfeld im Vorteil sind. Der Ignatius-Artikel ist gespickt mit "Russland verliert"-Behauptungen wie "Wladimir Putin hat versagt" und "US-Waffen helfen, Putins Invasionstruppe zu pulverisieren".


Worin besteht also der Sinn dieser Botschaft, dieses Interview auf diese Weise zu präsentieren? Was soll hier vermittelt werden?


Eine Vermutung ist, dass Blinken sich so geäußert hat, um die Bedeutung des mehr oder weniger zeitgleich veröffentlichte RAND-Papier "Avoiding a Long War" (Vermeidung eines langen Krieges; vgl. hier: https://www.rand.org/pubs/perspectives/PEA2510-1.html ) abzuschwächen. Ich empfehle dringend, es vollständig zu lesen. Es enthält bemerkenswert viele realitätsfremde Aussagen über die russische Leistung und Politik.


Unabhängig davon, was man von der Haltung der RAND-Corporation zu Russland hält, wird in dem Papier die Beendigung des Krieges als im Interesse Amerikas liegend dargestellt, und eine politische Lösung wäre für die USA danach vorteilhafter als ein bloßer Waffenstillstand, d.h. die Einstellung der Kämpfe ohne Klärung der Ursachen des Konflikts [Anm: die RAND-Corporation unterscheidet in dem Papier zwischen einer „politischen Lösung“ des Konflikts mit einem detaillierten Vertrag und einem reinen „Waffenstillstand“ ohne weitere vertragliche Vereinbarung].

Der erste Satz des RAND-Papiers lautet: "Die Diskussion über den Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird in Washington zunehmend von der Frage beherrscht, wie er enden könnte." Das kann zumindest als Eingeständnis gewertet werden, dass selbst die Leute in der Beltway-Blase (Anm: Beltway = Regierungsviertel in Washington DC) erkennen, dass der Krieg für die Ukraine überhaupt nicht gut läuft.


Blinken weist jedoch die Idee zurück, dass es irgendetwas gibt, das diskutiert werden müsste. Nach Ignatius:

"Außenminister Antony Blinken erläuterte am Montag in einem Interview im Außenministerium seine Strategie für das ukrainische Endspiel und die Abschreckungspolitik gegenüber Russland in der Nachkriegszeit...Russlands kolossales Scheitern bei der Erreichung seiner militärischen Ziele, so Blinken, sollte die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten nun dazu veranlassen, sich Gedanken über die Gestaltung der Nachkriegs-Ukraine zu machen - und darüber, wie ein gerechter und dauerhafter Frieden geschaffen werden kann, der die territoriale Integrität der Ukraine aufrechterhält und es ihr ermöglicht, künftige Angriffe abzuschrecken und gegebenenfalls abzuwehren. Mit anderen Worten: Russland sollte nicht die Möglichkeit haben, sich auszuruhen, sich neu zu formieren und erneut anzugreifen." [Anm: Das RAND-Papier verweist auf die Gefahr, dass Russland die Zeit nach einem Waffenstillstand oder einer politischen Vereinbarung zur Beendigung des Krieges dazu nutzen könnte, weiter aufzurüsten und anschließend wieder anzugreifen.]

Mit anderen Worten, Blinken ist im "Hier gibt es nichts zu sehen"-Modus, wenn es um den Kriegsverlauf geht, und will sich stattdessen auf das glänzende Objekt konzentrieren, was zu tun ist, wenn der Krieg   – ähm   – beendet ist.


Blinken fordert einen permanenten Krieg mit Russland, trotz des Geredes vom Frieden. Alles andere als ein Dauerkonflikt würde es Russland erlauben, nachzurüsten.

Daher ist es nicht schwer zu erkennen, dass dieses Interview zum Teil dazu diente, die Ablehnung des Staates gegenüber der RAND-Analyse zu signalisieren, wie auch gegenüber allen anderen Verhandlungsbefürwortern, beispielsweise im Pentagon.


Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass westliche Experten und Beamte mehr als gelegentlich von Verhandlungen sprechen, obwohl es für einen aufmerksamen Leser offensichtlich ist, dass sie lediglich versuchen, nicht als Kriegstreiber dazustehen. Und selbst die wenigen, die ehrlich sind, ignorieren den Elefanten im Raum. Aus dem RAND-Papier:

"Da keine der beiden Seiten die Absicht oder die Fähigkeit zu haben scheint, einen absoluten Sieg zu erringen, wird der Krieg höchstwahrscheinlich mit einer Art Verhandlungsergebnis enden, denn anders als bei einem absoluten Sieg müssen die Kriegführenden ein gewisses Risiko in Kauf nehmen, dass die Friedensbedingungen verletzt werden könnten; selbst der relative Verlierer des Konflikts behält die Möglichkeit, die andere Seite zu bedrohen."

Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass die RAND-Corporation in dem Papier argumentiert, dass die USA bei einem länger andauernden Krieg so viel zu verlieren haben, dass es besser wäre, ein Ende des Konflikts auszuhandeln, auch wenn dies bedeuten würde, dass Russland danach immer noch in der Lage wäre, Krieg zu führen. Blinken lehnt diese Ansicht ab; sein "gerechtes" Ende des Krieges erfordert ein besiegtes Russland.

Zitat aus dem RAND-Papier:

"Obwohl Washington die Dauer des Krieges nicht selbst bestimmen kann, kann es Maßnahmen ergreifen, die ein Ende des Konflikts auf dem Verhandlungswege wahrscheinlicher machen."

Versteht denn niemand in den politischen Kreisen in den USA, dass die Verhandlungs-Variante völlig ausgeschlossen ist?


Festzuhalten ist, was eigentlich offensichtlich sein sollte: Russland hat allen Grund, den USA und der NATO nicht zu trauen, wenn man an die bizarren Prahlereien über den Betrug durch den Missbrauch der Minsker Vereinbarungen denkt, die dafür genutzt wurden, um Zeit für die Aufrüstung der Ukraine zu gewinnen. Auch angebliche Friedensgespräche wurden genutzt, um der Ukraine Zeit zu verschaffen und sie erneut zu stärken. Ihre Botschaft ist klar: Russland hat kein Recht, irgendetwas zu verlangen, und sein Volk muss unterworfen und assimiliert werden. Der Westen dämonisiert alles, was mit Russland zu tun hat   – nicht nur die russische Regierung. Das hat Russland in der Ansicht bestätigt, dass dieser Kampf für Russland existenziell ist, nicht nur für den russischen Staat, sondern auch für die russische Nation und Kultur. Annalena Baerbocks Äußerung, Deutschland befinde sich im Krieg mit Russland, hat das Misstrauen gegenüber Russland weiter geschürt.


Das wäre alles schön und gut, wenn die USA Russland in die Schranken weisen könnten, nach dem Motto "Macht gibt Recht". Aber das klappt nicht so gut. Die Sanktionen haben es nicht geschafft, Russland niederzuwerfen und haben dem Westen insgesamt geschadet. Russland hat die ursprüngliche ukrainische Streitmacht vernichtet, einen großen Teil dessen, was man als zweite ukrainische Armee bezeichnen kann, ebenfalls, und es sieht so aus, als würde es auch eine mögliche dritte, mit Sicherheit schwächere Truppe besiegen.


Das Problem, in das die USA und die NATO geraten sind, ist, dass sie nur noch eskalieren können, obwohl sie so gut wie nichts mehr haben, womit sie eskalieren könnten. Die Sanktionen sind ausgereizt. Drei Panzerbrigaden, auf die sich die Lieferungen schätzungsweise belaufen könnten, werden das Unvermeidliche höchstens noch ein wenig hinauszögern. Wäre man ein Zyniker, könnte man diese Bemühungen als Fortschritt des Projekts "Entmilitarisierung der NATO" betrachten:


Die Unterstützung der Ukraine (https://twitter.com/hashtag/Ukraine?src=hash&ref_src=twsrc%5Etfw ) hat die Bundeswehr ausgelaugt. Sie hat nur noch Munition für einige Tage Krieg. Die Panzer sind kaputt. Aber Deutschland provoziert Russland aktiv. Ist das nur ein schwaches geschichtliches Gedächtnis oder tatsächliche Nostalgie für die russischen Panzer in Berlin oder nur reine Idiotie? (https://twitter.com/innova_center/status/1619641773290295296?ref_src=twsrc%5Etfw )

Brian Berletic (https://www.youtube.com/c/thenewatlas ) hat die Waffenlieferungen der USA und der NATO akribisch aufgezeichnet und ihre (allzu oft fehlende) Eignung erörtert. Berletic hat auch wiederholt darauf hingewiesen, dass die Zahl der gelieferten Waffen zurückgegangen ist. Die Panzer und die möglichen zusätzlichen Kampfjets scheinen also ein Versuch zu sein, irgendetwas zu tun und die Mitglieder der westlichen Allianz sichtbar an das Projekt Ukraine zu binden.

Wenn Sie Berletic nicht glauben, ist die Reaktion Russlands ein weiteres Indiz. Russland ist noch dabei, viele seiner kürzlich mobilisierten Truppen auszubilden. Experten wie Scott Ritter, der von einem früheren Starttermin für die russische Offensive ausgingen, sagen nun, dass Russland möglicherweise erst Anfang März vollständig einsatzbereit sein wird, weil es sich den Luxus gönnen will, dass seine Streitkräfte effektiv arbeiten können. Wenn Russland über die Panzer und andere Störgeräusche besorgt wäre, würde man erwarten, dass es seinen Zeitplan beschleunigt und vor dem Eintreffen der neuen Waffen etwas unternimmt.


Maria Zarakhova, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, reagierte in einer Pressekonferenz am 27. Januar auf die nicht vorhandenen Vorschläge der USA:

"Russland seinerseits war stets offen für die Möglichkeit, diplomatische und verhandlungstechnische Mittel einzusetzen. Darüber ist wiederholt gesprochen worden. Der kollektive Westen, die NATO und die EU haben die Diplomatie längst aufgegeben, einen anderen Weg eingeschlagen und begonnen, Sicherheitsbedrohungen zu schaffen, Feuer zu legen, zu schüren, zu drängen und den europäischen Kontinent einfach in eine globale Katastrophe zu treiben. Was sich jetzt abspielt, ist keine Frage der Ukraine, Russlands oder gar des europäischen Kontinents. Das ist eine viel größere und globale Sache...

Heute habe ich gehört, dass Washington gesagt hat, wenn Russland dies oder jenes tut, werden vielleicht einige Sanktionen oder etwas anderes aufgehoben. Wer hört sich das überhaupt an? Wer braucht das? Wer schenkt dem überhaupt Beachtung? Jemand hat etwas gesagt, einige Sanktionen. Das ist nicht das Thema.


Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass schwere Waffen geliefert werden, ist es nicht nötig, darüber zu sprechen, was passiert, wenn jemand dort etwas tut... Da die Ukraine alle Verhandlungen abgebrochen hat, wird diese Frage vor Ort gelöst werden. Auf Druck oder aus eigenem Antrieb hat Kiew jegliche Verhandlungen mit Russland auf Regierungsebene untersagt. Das war's also. Der Rest ist Sache der Militärexperten."

Dennoch birgt die neue Eskalation der Waffenlieferungen einige ernsthafte Risiken, auch wenn sie militärisch nicht so gravierend ist, wie es den Anschein hat. Eines davon ist, dass das Vereinigte Königreich der Ukraine unbedingt Raketen mit größerer Reichweite liefern will. Aber das wird wahrscheinlich nur bedeuten, dass Russland einen großen Schutzbereich um die vier Oblaste braucht, die es jetzt als russisches Territorium ansieht. Für die Idee, dass der Westen der Ukraine Kampfjets zur Verfügung stellt, fehlt es der Ukraine an funktionierenden Landebahnen und Russland wird dafür sorgen, dass die verbleibenden deaktiviert werden. Werden also Flugzeuge aus Polen fliegen? Und was wird Russland dazu sagen?


Und das, bevor wir zu den anderen Kosten der Aufrechterhaltung der Ukraine kommen. Auch wenn die USA und ihre EU-Verbündeten beteuern, dass sie sich so lange wie nötig engagieren wollen, können sie die Kosten für eine unbefristete wirtschaftliche Unterstützung der Ukraine nicht aufbringen. Die Tatsache, dass die Republikaner den Standpunkt vertreten, dass die Finanzierung der Ukraine nicht unbefristet ist, bedeutet, dass der Geldhahn zugedreht wird. Wie schnell und in welcher Höhe, kann man nur vermuten. Aber denken Sie daran, dass die direkte Finanzierung der ukrainischen Regierung, z. B. für Polizei, Renten, Krankenhäuser und Lehrer, dem militärisch-industriellen Komplex der USA wenig nützt.


Angesichts all dessen ist es nicht verwunderlich, dass es immer mehr Anzeichen für Zweifel am Krieg gibt. Sogar die Medien, die am meisten mit dem Sicherheitsstaat verbunden sind, wie die New York Times, haben sich dazu entschlossen, gelegentlich einen Artikel zu veröffentlichen, in dem sie effektiv zugeben, dass die Dinge für die Ukraine nicht gut laufen. Auch wenn das noch lange nicht bedeutet, dass die Chancen der Ukraine, sich durchzusetzen, gleich Null sind und die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu einem gescheiterten Staat wird, hoch ist, ist die Abkehr von der früheren unermüdlichen Bejubelung doch beachtlich.


Experten wie Oberst Macgregor und andere ehemalige Insider haben behauptet, dass immer mehr Beamte im Pentagon und in anderen NATO-Streitkräften die Ukraine als aussichtslose Angelegenheit betrachten und darüber besorgt sind, wie sehr sich der Westen engagiert. Die Tatsache, dass die RAND-Corporation einen neuen Bericht über die Ukraine veröffentlicht hat, in dem Zweifel geäußert werden, wenn auch in der Sprache der Denkfabriken, sollte es für Insider akzeptabler machen, sich zu äußern.


Das Problem ist jedoch, dass innerhalb von Institutionen engagierte Gruppen mit starken Ideologien routinemäßig über ihr Gewicht hinauswachsen und die gesamte Organisation bewegen können. Man denke nur an die Ultras, die harten Brexiteers, die im Laufe der Zeit die Debatte darüber, was der Brexit bedeutet, in einen sehr harten Brexit verwandelt haben. Oder in den USA ist die Law-and-Economy-Bewegung, die einst als Randgruppe und Exzentriker galt, heute Mainstream und nur allzu oft einflussreich.


Hinzu kommt, dass der Blob [Anm: "The Blob" kann sich auf einen Science-Fiction-Horrorfilm von 1958 beziehen, in dem es um ein wachsendes, amöbenartiges Monster geht, das alles verschlingt, was ihm in die Quere kommt.] und nicht die Präsidenten die Politik diktieren. Obama war nicht in der Lage, Guatanamo zu schließen. Als Trump sein Amt antrat, wollte er die Beziehungen zu Russland verbessern, um China zu isolieren, und hat schließlich weitere Sanktionen gegen Russland verhängt. In seinen Interviews mit Oliver Stone beschrieb Putin, wie er und Bush produktive Gespräche führten und zu konkreten Absprachen kamen, die schließlich durch schwülstig formulierte Memos rückgängig gemacht wurden.


Die Neocons haben trotz ihrer miserablen Bilanz die Sache im Griff. Beim Ukraine-Projekt werden sie dadurch unterstützt, dass es leicht ist, die Sünden der alten UdSSR auf das moderne Russland zu übertragen, und dass die Russisch-Studiengänge an den US-Universitäten zu "Putin-hassenden Studien" geworden sind, wie Scott Ritter es ausdrückt.


Russische Offizielle tun einfach das Offensichtliche: Sie messen die kollektiven Absichten des Westens an ihren Handlungen, d.h. diese bewaffnen die Ukraine weiterhin so gut wie sie können und tun ihr Bestes, um die Unterstützung im eigenen Land für den Krieg zu schüren. Und ob man das Engagement der USA und der NATO nun als hartnäckig oder tollkühn ansieht, die Verantwortlichen sind so tief in die Sache verstrickt, dass es schwer vorstellbar ist, wie sie jemals wieder aussteigen könnten.

______

Selbst wenn die meisten Kommentatoren den Stand der Dinge im Moment falsch einschätzen, können sie später oft feststellen, welche entscheidenden Informationen ihnen fehlten, die ihre Einschätzung geändert hätten. So haben die Ukraine-Skeptiker beispielsweise übersehen, dass die russische Besatzung einer sehr langen Kontaktlinie am Ende des letzten Sommers ausgedünnt wurde, als die meisten der Berufssoldaten, deren Dienstzeit abgelaufen war, sich entschieden, nach Hause zu gehen. Bizarrerweise hatte das russische Verteidigungsministerium das Gegenteil angenommen. Dieser Fehler trug zum "Sieg" der Ukraine in Charkiw bei.


Für diejenigen unter Ihnen, die argumentieren, dass Russland einen Preis für seine Invasion in der Ukraine zahlen sollte (und nein, darum ging es bei den Sanktionen eigentlich nicht, obwohl es so dargestellt wurde. Sie wurden am 22. Februar verhängt, also nachdem Russland die abtrünnigen Republiken anerkannt und ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen geschlossen hatte, aber bevor die Spezielle Militäroperation begann): die USA haben nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht die Zerstörung Deutschlands als Nation verfolgt. Aber andererseits sind die Deutschen auch keine Untermenschen.


Spenden Sie bitte direkt hier: Please Donate or Subscribe!

Quelle: https://www.nakedcapitalism.com/2023/01/why-despite-rands-recommendation-the-ukraine-war-is-unlikely-to-end-in-a-negotiated-settlement.html


 Die Übersetzung besorgte Andreas Myläus


Info: https://seniora.org/politik-wirtschaft/warum-es-trotz-der-empfehlung-von-rand-unwahrscheinlich-ist-dass-der-ukraine-krieg-in-einer-verhandlungsloesung-endet?acm=3998_1632


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

03.02.2023

Putins letztes Gefecht? Pro Memoria: Ende Oktober 2014 warnten Roman Herzog, Gerhard Schröder und mehr als 60 andere Persönlichkeiten vor dem Krieg

seniora.org, 03. Februar 2023, Von Wolfgang Effenberger - 2.2.2023

“Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!”


[...] Heute ist es  kaum mehr zu glauben, dass noch vor gut 8 Jahren, nur fünf Wochen nach der Vorstellung des TRADOC-Pamphlets 525-3-1 „Win in a Complex World 2020-2040“ Ende Oktober 2014 Roman Herzog, Gerhard Schröder und mehr als 60 andere Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien sich an dem Aufruf “Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!” beteiligten, vor einem Krieg warnten und zum Dialog mit Russland aufriefen: (37) 


„Wir, die Unterzeichner, appellieren an die Bundesregierung, ihrer Verantwortung für den Frieden in Europa gerecht zu werden. Wir brauchen eine neue Entspannungspolitik für Europa. Das geht nur auf der Grundlage gleicher Sicherheit für alle und mit gleichberechtigten, gegenseitig geachteten Partnern. Die deutsche Regierung geht keinen Sonderweg, wenn sie in dieser verfahrenen Situation auch weiterhin zur Besonnenheit und zum Dialog mit Russland aufruft. Das Sicherheitsbedürfnis der Russen ist so legitim und ausgeprägt wie das der Deutschen, der Polen, der Balten und der Ukrainer. 

Wir dürfen Russland nicht aus Europa hinausdrängen. Das wäre unhistorisch, unvernünftig und gefährlich für den Frieden. Seit dem Wiener Kongress 1814 gehört Russland zu den anerkannten Gestaltungsmächten Europas. Alle, die versucht haben, das gewaltsam zu ändern, sind blutig gescheitert   – zuletzt das größenwahnsinnige Hitler-Deutschland, das 1941 mordend auszog, auch Russland zu unterwerfen. 

Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.“

Für einen derartigen von Verantwortung getragenen Aufruf würde man heute wohl kaum 60 Prominente finden. Sie würden vermutlich als Russland- und Putin-Versteher an den medialen Pranger gestellt werden. Merkwürdig genug, dass bereits das Verstehen der Position der anderen Seite geächtet wird, wo wir uns in unserer westlichen „Diskursgesellschaft“ doch so viel auf den Dialog und das gegenseitige Verständnis einbilden

Wir brauchen dringend eine Kultur des Verstehens und Verständigens, eine Kultur des Friedens!

Quelle : https://apolut.net/putins-letztes-gefecht-von-wolfgang-effenberger/

 Dank an Dr. med. Amir Mortasawi (alias Afsane Bahar)
https://amirmortasawi.wordpress.com/


Info: https://seniora.org/wunsch-nach-frieden/der-wunsch-nach-frieden/putins-letztes-gefecht?acm=3998_1631

03.02.2023

Ein mutiger junger Teenager liest Orwell: Reflexionen über die Natur der Untersuchung ohne Zwang

globalresearch.ca, 01. Februar 2023, Von Dr. Emanuel Garcia


Region:

Thema:


Vor ungefähr einem Jahr sprach ich zufällig mit einem Teenager, der Tochter eines Freundes, bei einer Versammlung des „Widerstands“. Sie ist wie ihre Mutter Musikerin und besucht eine private Mädchenoberschule hier in Wellington. Ich fragte nach der Schule und insbesondere nach den Romanen, die sie in ihrer Abschlussklasse in ihrem Englischunterricht las. Ich war überrascht zu hören, dass derzeit keine Romane zugewiesen wurden … also habe ich weiter nachgefragt. „Wir bekommen Auszüge“, informierte sie mich, „aber im Laufe des letzten Jahres haben wir ein ganzes Buch gelesen.“


Während ihrer Junior- und Senior-Jahre an einer renommierten Mädchenschule in einem angeblich westlichen Bildungssystem der Ersten Welt war der Lehrplan fast frei von Literatur.


Es schauderte mich, nach ihrem Geschichtsunterricht zu fragen, aber ich nahm mir die Freiheit, ihr ein Exemplar von Orwells 1984 zu versprechen . Zu meiner Freude, aber nicht zu meiner Überraschung, denn sie ist eine neugierige und wissbegierige Person, hat sie den außerschulischen Roman innerhalb von zwei Wochen verschlungen. Vielleicht auch, weil sie nicht gestochen wurde und eine der ganz wenigen war, die sich weigerten, an ihrer Schule eine Maske zu tragen, umgeben von einem Meer gedankenloser, unterwürfiger Mitschüler, war sie umso motivierter.


Ich erinnere mich, dass diesem ernsthaften jungen Mädchen die Möglichkeit verweigert wurde, an einem Musikcamp im Sommer teilzunehmen, wegen ihres Jab-Status dank des von der damaligen Premierministerin Jacinda Ardern auferlegten Apartheid-Systems. Die Musikfakultät, die die Sommerschule leitete, hatte weder den Mut noch die Weisheit, einen gesunden jungen talentierten Spieler, der in der Vergangenheit ein eifriger Teilnehmer gewesen war, in ihr „geimpftes“ Ensemble aufzunehmen.


Ich selbst, nachdem ich Orwell gespendet hatte, beschloss, ein Werk erneut zu lesen, das ich seit Jahren nicht gelesen hatte, und ich war beeindruckt, wie ergreifend und zart die Liebesszenen des großen Autors wiedergegeben wurden. Der größte Teil des letzten Drittels des Buches, das einer akribischen Darstellung psychischer und physischer Folter gewidmet war, schien didaktisch und weniger ansprechend, obwohl es quälend wahr war.


Ich fragte mich, wie ein junger Geist sich mit einem so herausfordernden Buch auseinandersetzen, es interpretieren und verstehen würde, ein Buch, das mit dem unendlich traurigen Verrat der Liebhaber-Protagonisten endete, nachdem sie zerbrochen waren.


Ich fragte mich, wie ein junger Geist die unterdrückende Kraft eines Staates verstehen würde, der die Bedeutung von Wörtern in ihr Gegenteil verkehrte und die Geschichte veränderte, um sie seinen vorherrschenden politischen Bedürfnissen anzupassen.


Ich fragte mich, ob dieser Teenager die Konzepte der freien Meinungsäußerung und der offenen Debatte verstand, da er in einer Corona-Kultur der Absage, Unterdrückung, Ignoranz und Ächtung steckte.


Ich fragte mich, was und wie ihr beigebracht wurde.


Das Unterrichten selbst kann, wie die meisten Formen menschlicher Interaktion, zwanghaft sein. Überall sind wir von Versuchen umgeben, uns zu überreden, zu schmeicheln, zu verführen, zu verführen oder, wie wir in den letzten drei Jahren so deutlich gesehen haben, uns einfach zu einem bestimmten Ziel zu zwingen . Werbetreibende nutzen die leichteren Künste der Verführung, um unsere Gelder zu ihren Produkten zu bringen; Regierungen greifen auf Mandate zurück, wenn ihre eigenen leichten Berührungen hinter ihren Zielen zurückbleiben. Die freie Wahl, wie auch das freie Denken, wird ständig angegriffen. Ist das Unterrichten wieder einer dieser Angriffe? Kann man lehren, ohne auf Formen, Formen, Zwang zurückzugreifen?


Die sokratische Methode wird im Allgemeinen als eine Methode des Fragens, des Forschens auf der Suche nach Wahrheiten verstanden. Der von Plato dargestellte Sokrates behauptete, praktisch nichts zu wissen, erkundigte sich aber unermüdlich bei seinen Zuhörern. Am besten zeigt sich das im Dialog Theaetetus – meiner Meinung nach in seiner idealen Form, da ich aus vielen anderen Dialogen den allgemeinen Eindruck gewonnen habe, dass der bescheidene unwissende Sokrates seine Schüler ganz zielstrebig zu seiner eigenen Vorbestimmung geführt hat Überzeugungen über philosophische Dinge. Im Theaetetos, jedoch definiert unser Sokrates – oder zumindest Platons Sokrates – seine Rolle als die einer Hebamme. Es ist eine schlagende und großartige Analogie, denn der Lehrer – Sokrates, der übrigens Sohn einer Hebamme ist – ist einer, der nur hilft, das hervorzubringen, was seinem Schüler immanent ist. Er erleichtert die Geburt von Wissen, das in ihm wohnt. Wie er sagt:


„Ich bin so sehr wie die Hebamme, dass ich selbst keine Weisheit gebären kann … obwohl ich andere befrage, kann ich selbst nichts ans Licht bringen, weil es keine Weisheit in mir gibt … Diejenigen, die meine Gesellschaft besuchen … haben nie etwas von mir gelernt; Die vielen bewundernswerten Wahrheiten, die sie hervorbringen, wurden von ihnen selbst von innen heraus entdeckt. Aber die Lieferung ist das Werk des Himmels und meins“ ( Cornford , S. 26)[1].


Jahrhunderte später führte der viel missverstandene und oft verleumdete Sigmund Freud die Technik der freien Assoziation ein, nachdem er mit Versuchen der Hypnose – einer Form der Suggestion – zur Behandlung von Neurosen frustriert war. Die freie Assoziation war eine von Freuds großartigsten Errungenschaften und eine der Säulen, auf denen die Psychoanalyse gründet. Man kann die Einzigartigkeit einer Umgebung kaum überschätzen, in der eine Person ermutigt wird, einfach alles zu sagen, was ihnen in den Sinn kommt, ohne Selbstzensur, Einmischung oder Bewertung, egal wie bizarr, pervers, abstoßend oder beängstigend. Freud entwickelte im Wesentlichen eine Hebammenmethode ähnlich Sokrates – die die Geburt von verborgenem Wissen im Inneren erleichtert.


Ohne in die Komplexitäten und Feinheiten der freien Assoziation innerhalb des Behandlungsparadigmas der Psychoanalyse abzuschweifen, was das bedingungslose Vertrauen des Patienten in den Analytiker erfordert, das kaum jemals vollständig ist, und die unvermeidliche Selbstunterdrückung durch beschämendes, zweifelhaftes oder heikles Material beinhaltet, Die Einführung dieser Technik, ihr erstaunliches Potenzial und die inhärenten Annahmen von Freiheit und Autonomie in ihrem eigentlichen Gefüge sind kaum vorstellbar.


Die freie Assoziation stellt einen Höhepunkt der sokratischen Methode dar und ist ein leuchtendes Beispiel für die Antithese zu Gewalt und Zensur. Freud selbst widmete sein ganzes Leben lang täglich eine halbe Stunde der Selbstanalyse mittels freier Assoziation, ein Beispiel, ironisch genug, das von seinen psychoanalytischen Anhängern durch den Bruch weit mehr geehrt wurde als durch die Einhaltung.


Sokrates und Freud waren Geschöpfe ihrer Zeit und Sitten und Kultur. Doch die von ihnen entwickelte Methode bot genau das Werkzeug, um die kulturellen, moralischen und politischen Beschränkungen ihrer jeweiligen Gesellschaften zu überwinden. Das ist ein Punkt, den ich nicht genug betonen kann, und das gleiche gilt für die amerikanischen Gründer, die trotz ihrer eigenen gesellschaftlichen Vorurteile ein Dokument verfassten, dessen Grundprinzipien die Mittel zur Überwindung solcher Beschränkungen bereitstellten.


Praktisch alles in diesen letzten drei Jahren der Fäulnis im Schatten des Corona-Krieges hat es gewagt, die Freiheit zu ersticken und zu beseitigen. Die „Wissenschaft“ wurde angerufen, um die Debatte zum Schweigen zu bringen: Sie wurde zu etwas, das keinen Zweifel, keine Diskussion oder Kritik tolerierte – eigentlich keine wirkliche Wissenschaft. Personen, die versuchten, abweichende Meinungen zu äußern, wurden aus den sozialen Medien eliminiert. Ärzte, die Beweise für repressive Restriktionen und Diktate der öffentlichen Gesundheit forderten, wurden verfolgt. Diejenigen, die es wagten, sich durch die Verweigerung des Stoßes für die körperliche Autonomie einzusetzen, wurden abgesondert.


Tatsächlich ist alles schal und langweilig geworden, wie es sich für das graue, erstickende Miasma der versklavenden Kontrolle gehört.


Ich habe es satt.


Wenn wir nichts anderes aus diesen letzten drei dystopischen Jahren gelernt haben, dann, dass sich unsere einst vertrauenswürdigen Autoritäten – in Regierung, Medien, „Wissenschaft“, Wirtschaft und sogar Sport – als völlig korrupt und feige erwiesen haben. Ihre Unterdrückung von Debatten, ihre völlige Weigerung, sich an einem offenen Austausch zu beteiligen, Fragen und Nachforschungen zuzulassen, und das unerbittliche Beharren auf ihrem „Einweg“ – das alles wäre lächerlich, wenn es nicht so giftig wäre.


Aber was ist mit der Jugend von heute? Sie scheinen wenig Geschichtsbewusstsein zu haben und noch weniger Verständnis für die Unermesslichkeit der Kämpfe zur Verwirklichung unseres unveräußerlichen Rechts auf freie Meinungsäußerung – nicht aus eigener Schuld, sondern aus der Schuld der Institutionen, die sie betrügen.


Die Tochter meiner Freundin, die den Mut hatte, dem Druck von Gleichaltrigen und der Schule standzuhalten, und die Neugier, nach Büchern zu suchen – ganze Bücher, nicht Bruchstücke –, ist eine Ausnahme. Ich hatte das Vergnügen, mehrere andere mutige und außergewöhnliche Jugendliche zu treffen, die einem enormen Druck standgehalten haben, sich zu verkleiden, sich anzupassen, ihre körperliche Autonomie aufzugeben, die Ächtung und Spott ertragen mussten, aber ihre Würde und Unabhängigkeit bewahrt haben.


Diese wunderbaren Ausnahmen geben mir große Hoffnung, dass wir tatsächlich eine Zukunft schaffen können, die von Vitalität, Autonomie und Wahlmöglichkeiten gesegnet ist, eine Zukunft, die den wahrhaftigsten und unanfechtbarsten Beitrag des Westens zum menschlichen Fortschritt nährt: Freiheit.


Und vielleicht kann ich in dieser winkenden Zukunft diese jungen, sich bildenden Seelen sanft fragen, was sie von Sokrates, Freud und dem Schicksal von Julia und Winston im Jahr 1984 halten …

*


Dr. Garcia ist ein in Philadelphia geborener Psychoanalytiker und Psychiater, der 2006 nach Neuseeland ausgewandert ist. Er hat Artikel verfasst, die von der Erforschung psychoanalytischer Techniken, der Psychologie der Kreativität in der Musik (Mahler, Rachmaninoff, Scriabin, Delius) und Politik reichen. Er ist auch Dichter, Romanautor und Theaterregisseur. Er zog sich 2021 aus der psychiatrischen Praxis zurück, nachdem er im öffentlichen Sektor in Neuseeland gearbeitet hatte. Besuchen Sie seinen Substack unter  https://newzealanddoc.substack.com/

Er schreibt regelmäßig Beiträge für Global Research.


Notiz

1 „ Plato's Theory of Knowledge : the Theaetetus and the Sophist of Plato“, übersetzt und mit laufendem Kommentar von Francis Macdonald Cornford, London: Routledge and Kegan Paul, Ltd. 1915.


Das ausgewählte Bild stammt von Amazon

Die ursprüngliche Quelle dieses Artikels ist Global Research

Copyright © Dr. Emanuel Garcia , Global Research, 2023a


Info: https://www.globalresearch.ca/brave-young-teen-reads-orwell-reflections-nature-non-coercive-inquiry/5806663

03.02.2023

Theaitetos (Wikipedia I von III)

Dieser Artikel behandelt Platons Dialog Theaitetos. Für den gleichnamigen Mathematiker siehe Theaitetos (Mathematiker).

Der Anfang des Theaitetos in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)

Der Theaitetos (altgriechisch Θεαίτητος Theaítētos, latinisiert Theaetetus, eingedeutscht auch Theätet) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Darin wird ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch wörtlich wiedergegeben. Beteiligt sind Platons Lehrer Sokrates und zwei Mathematiker: der junge Theaitetos, nach dem der Dialog benannt ist, und dessen Lehrer Theodoros von Kyrene.

Das Thema bilden Kernfragen der Erkenntnistheorie. Erörtert wird, worin Erkenntnis besteht und wie man gesichertes Wissen von wahren, aber unbewiesenen Behauptungen unterscheidet. Dabei stellt sich die Frage, ob eine solche allgemeine Unterscheidung überhaupt möglich ist und überzeugend begründet werden kann. Es soll geklärt werden, unter welchen Voraussetzungen man den Anspruch erheben kann, etwas zu wissen und darüber nachweislich wahre Aussagen zu machen. Benötigt wird ein unanfechtbares Kriterium für erwiesene Wahrheit.

Im Verlauf der Diskussion scheitern alle Versuche, den Unterschied zwischen Wissen und richtigem Meinen zu bestimmen. Wenn sinnvolle Aussagen überhaupt möglich sind, muss es objektive Wahrheit geben, denn jeder Diskurs setzt die Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ voraus. Es gelingt aber nicht, mittels eines allgemein anwendbaren Kriteriums mutmaßlich richtige von nachweislich richtigen Vorstellungen abzugrenzen. Jede der vorgeschlagenen Definitionen von „Wissen“ trifft auch auf eine richtige, aber unbewiesene Annahme zu. Damit erweist sich die Verwendung des Begriffs „Wissen“ als grundsätzlich problematisch. Anscheinend kann man zwar wahre Aussagen machen, aber nicht wirklich wissen, dass sie wahr sind. Der Dialog endet in einer Ratlosigkeit (Aporie).

In der philosophiegeschichtlichen Forschung haben die erkenntnistheoretischen Erörterungen im Theaitetos zu lebhaften Debatten geführt, die weiterhin andauern. Dabei geht es vor allem um die Frage nach Platons eigener Position. Einer Hypothese zufolge hat er die erkenntnistheoretische Skepsis, die sich aus dem Fehlschlag der Bemühungen im Dialog zu ergeben scheint, zumindest zeitweilig selbst vertreten, nachdem er mit seiner Ideenlehre in unüberwindlich scheinende logische Schwierigkeiten geraten war. Die Gegenmeinung besagt, er habe die pessimistische Einschätzung der Möglichkeit von Wissen nicht geteilt. Vielmehr habe er sie im Theaitetos nur dargelegt, um die Leser dazu anzuregen, das Problem zu erfassen und zu lösen.

Inhaltsverzeichnis

Ort, Zeit und Umstände

Die Gesprächssituation ist wahrscheinlich von Platon frei erfunden. Die Dialoghandlung ist in eine ebenfalls fiktive Rahmenhandlung eingebettet. Zwei ehemalige Schüler des schon vor langer Zeit hingerichteten Sokrates, Eukleides und Terpsion, führen das Rahmengespräch. Sie treffen in ihrer Heimatstadt Megara im äußersten Westen der Landschaft Attika zusammen. Eukleides erzählt, dass er von Sokrates viel über dessen denkwürdige Unterredungen mit dem damals noch sehr jungen Theaitetos gehört hat. Diese Gespräche fanden in Athen, der Heimatstadt von Sokrates und Theaitetos, statt. Eine solche Diskussion hat Eukleides, dem Bericht des Sokrates folgend, aus dem Gedächtnis in einem Buch aufgezeichnet. Dort gibt er den Gesprächsverlauf durchgängig in direkter Rede wieder. Auf Terpsions Wunsch lässt er nun das Buch vorlesen. Dessen Inhalt macht die Binnenhandlung des Theaitetos aus.

Für die Zeit der Rahmenhandlung bieten die Angaben des Eukleides einen wichtigen Anhaltspunkt. Er hat soeben im Hafen von Megara Theaitetos getroffen, der kürzlich in einem Kampf bei Korinth verwundet worden ist und nun nach Athen gebracht wird. Gemeint ist anscheinend eine militärische Auseinandersetzung im Rahmen des Korinthischen Krieges, aber nicht die Schlacht von Korinth im Jahr 392 v. Chr., sondern möglicherweise ein Gefecht zwischen athenischen und spartanischen Truppen im Frühjahr 391 v. Chr. Demnach liegt der Tod des Sokrates, der 399 v. Chr. hingerichtet wurde, zur Zeit der Rahmenhandlung schon acht Jahre zurück. Allerdings ist diese Datierung umstritten; nach einer alternativen, von vielen Forschern akzeptierten Hypothese fällt die Teilnahme des Theaitetos an Kämpfen bei Korinth in das Jahr 369 v. Chr. Damals unterlag eine Allianz, an der die Athener beteiligt waren, einer Streitmacht des thebanischen Feldherrn Epameinondas.[1]

Der Theaitetos ist der erste Teil einer Trilogie, einer Gruppe von drei inhaltlich und szenisch verknüpften Dialogen, die sich innerhalb von zwei Tagen abspielen. Am ersten Tag findet das Gespräch von Sokrates, Theaitetos und Theodoros statt, das die Handlung des Theaitetos bildet. Der folgende Tag beginnt mit der in Platons Dialog Sophistes dargestellten Diskussion, in der sich Sokrates ganz zurückhält. Dort tritt ein neuer Gesprächsteilnehmer auf, der „Fremde aus Elea“, der mit Theaitetos und Theodoros Definitionsfragen untersucht. Dabei kommt die schon im Theaitetos behandelte Wahrheitsproblematik wiederum ins Blickfeld, diesmal unter einem anderen Gesichtspunkt. Am gleichen Tag folgt der dritte Dialog, der Politikos („Staatsmann“). Dort wird die Vorgehensweise beim Definieren anhand des Beispiels der Definition des Begriffs „Staatsmann“ erprobt.

Der Zeitpunkt der drei Diskussionen ist das Frühjahr 399 v. Chr.; der Prozess gegen Sokrates, in dem er zum Tode verurteilt wird, steht bevor. Im Theaitetos wird erwähnt, dass die Anklage gegen ihn bereits erhoben ist.[2] Die zeitliche Nähe zur Hinrichtung des Philosophen, einem Platons Zeitgenossen vertrauten Ereignis, bildet unausgesprochen den Hintergrund des Geschehens. Sie trägt zu der Wirkung bei, die Platon bei den Lesern erzielen will. Die Auseinandersetzung mit diesem für die Sokratiker und Platoniker erschütternden Vorgang ist ein wesentlicher Aspekt von Platons schriftstellerischer Tätigkeit.[3]

Der Schauplatz der Handlung des Theaitetos ist die Palaistra – ein für Ringkämpfe bestimmter Übungsplatz – in einem athenischen Gymnasion. Die Gymnasien dienten damals in erster Linie der körperlichen Ertüchtigung; außerdem war eine Palaistra auch ein sozialer Treffpunkt der Jugend. Aus den Schilderungen in Platons Dialogen geht hervor, dass sich Sokrates gern an solchen Orten aufhielt. Dort bot sich ihm Gelegenheit zu fruchtbaren philosophischen Gesprächen mit jungen Männern und Jugendlichen. Neben den drei Gesprächspartnern Sokrates, Theaitetos und Theodoros sind noch zwei Freunde des Theaitetos anwesend,[4] die schweigend zuhören. Einer von ihnen ist Sokrates der Jüngere.[5]

Die Teilnehmer

Büste des Sokrates (1. Jahrhundert, Louvre, Paris)

Sokrates

Wie in vielen anderen Dialogen Platons übernimmt auch hier Sokrates die Rolle des Gesprächslenkers. In der Kunst der philosophischen Untersuchung ist er den beiden Mathematikern weit überlegen. Er zeigt ihnen, dass ihre bisherigen Vorstellungen einer Nachprüfung nicht standhalten. Die Ratlosigkeit, in die er seine Gesprächspartner stürzt, ist von ihm beabsichtigt; sie ist ein didaktisches Mittel, mit dem er zu weiteren Anstrengungen anspornen will. Um diese Wirkung zu erzielen, bringt er die Unzulänglichkeit der Ansätze der anderen ans Licht und vermeidet es dabei sorgfältig, sich zu einer eigenen Auffassung zu bekennen. Auf den Grund für diese Zurückhaltung, die ein Hauptmerkmal seiner gewohnten Vorgehensweise ist, geht er im Theaitetos näher ein. Er beschreibt sich als Geburtshelfer, der zwar selbst unwissend sei, aber anderen zur „Geburt“ ihrer Einsichten verhelfen könne.

Nach einer verbreiteten, früher allgemein vorherrschenden Interpretation fungiert Sokrates hier wie auch in anderen Werken Platons als „Sprachrohr“ des Autors; das heißt, er gibt dessen Sichtweise oder zumindest einen Teil des platonischen Konzepts wieder. Allerdings wird diese Gleichsetzung von manchen Philosophiehistorikern abgelehnt oder nur mit erheblichen Einschränkungen akzeptiert. Hinzu kommt, dass manche Äußerungen des platonischen Sokrates nicht oder nur teilweise ernst gemeint sind. Unklar und strittig ist, inwieweit die Positionen von Platons Dialogfigur mit denen des historischen Sokrates übereinstimmen. Ein analoges Problem besteht hinsichtlich der Lehre des berühmten Sophisten Protagoras, die Sokrates im Theaitetos beschreibt und bekämpft: Die Frage, wie getreu Platons Darstellung die Denkweise des historischen Protagoras wiedergibt, ist umstritten. Deutlich erkennbar ist jedenfalls Platons Absicht, Protagoras in ungünstigem Licht erscheinen zu lassen.[6]

Theodoros

Der Mathematiker Theodoros ist keine erfundene Gestalt; an seiner historischen Existenz besteht kein Zweifel und Platons Angaben zu ihm gelten großenteils als glaubhaft. Er stammte aus Kyrene, einer griechischen Stadt im heutigen Libyen. Dass er zur Generation des Sokrates gehörte, ergibt sich nicht nur aus Platons Darstellung, sondern geht auch aus der Geschichte der Geometrie des Eudemos von Rhodos hervor.[7] Die Angaben der Quellen führen zur Datierung seiner Geburt um 475/460 v. Chr.[8] Da er Sokrates überlebte, ist er frühestens 399 v. Chr. gestorben. Er war ein Schüler und Freund des Protagoras,[9] doch wandte er sich schon früh von der Sophistik ab und der Geometrie zu.[10] Nach Platons wohl zutreffenden Angaben war er nicht nur Mathematiker, sondern galt auch in der Astronomie und Musik als hervorragender Fachmann[11] und erteilte in diesen Fächern Unterricht.[12] Vielleicht zählte Platon selbst zu seinen Schülern.[13] Allerdings ist ungewiss, ob Theodoros jemals in Athen war. Der Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios behauptet, Platon habe ihn in Kyrene aufgesucht.[14] Möglicherweise ist sein Aufenthalt in Athen, von dem im Theaitetos berichtet wird, eine Erfindung Platons zu dem literarischen Zweck, ihn mit Sokrates zusammentreffen zu lassen.[15] Der spätantike Philosoph Iamblichos zählte Theodoros zu den Pythagoreern,[16] doch wird die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht in der Forschung bezweifelt.[17]

Zur Zeit der Handlung des Theaitetos ist Theodoros ebenso wie Sokrates bereits ein alter Mann. Nach der Darstellung im Dialog betrachtet er sich nicht als Philosophen, sondern beschränkt sich bewusst auf sein Fach, die Geometrie, in die er sich nach seinen Worten „gerettet“ hat.[18] Somit gehört er in Platons Augen nicht zur Elite der Weisheitsliebenden. An philosophischen Untersuchungen will er sich nicht beteiligen, da er sich auf diesem Gebiet für unzuständig hält und auch meint, dafür zu alt zu sein.[19] Trotz seines Sträubens wird er aber von Sokrates in die gemeinsame philosophische Wahrheitssuche einbezogen.[20]

Theaitetos

Auch bei Theaitetos handelt es sich um eine historische Person. Platons Angaben, wonach er Mathematiker und Schüler des Theodoros war und als Jugendlicher kurz vor dem Tod des Sokrates in den Kreis von dessen Gesprächspartnern eintrat, treffen wohl zu. Auch die Darstellung im Dialog, der zufolge er bei Korinth verwundet wurde, überdies dort an einer Seuche schwer erkrankte und daher auf der Heimreise dem Tode nahe war, gilt in den Grundzügen als glaubhaft. Strittig ist aber, bei welchen Kampfhandlungen – 391 oder 369 v. Chr. – dies geschah. Aus Platons Darstellung lässt sich erschließen, dass Theaitetos um 415 v. Chr. geboren wurde. Falls er 391 trotz seines sehr schlechten Gesundheitszustands überlebte oder falls er erst 369 bei Korinth kämpfte, kann er – wie manche Forscher vermuten – der Platonischen Akademie angehört haben, die um 387 gegründet wurde.[21]

Platon schätzte Theaitetos offenbar sehr. Im Dialog zeichnete er ein außerordentlich vorteilhaftes Bild vom Intellekt und Charakter des noch sehr jungen, hochbegabten und für philosophische Fragen aufgeschlossenen Mathematikers. Als Dialogfigur ist Theaitetos das Muster eines vielversprechenden künftigen Philosophen, der sich für eine staatsmännische Führungsaufgabe in einem Idealstaat qualifizieren könnte. Äußerlich war er allerdings nach Platons Schilderung unansehnlich, was seinen sozialen Rang bei den schönheitsbewussten Athenern minderte. Wegen seines Mangels an körperlicher Attraktivität kam er für die homoerotischen Beziehungen, die im Milieu des Kreises um Sokrates eine wichtige Rolle spielten, nicht in Betracht.[22]

Eukleides und Terpsion

Eukleides von Megara, dem Platon in der Rahmenhandlung die Rolle des Berichterstatters zuweist, war der Begründer einer philosophischen Richtung, die unter der Bezeichnung „Megariker“ bekannt wurde. In Platons Dialog Phaidon wird er unter den Freunden des Sokrates genannt, die bei der Hinrichtung des Philosophen anwesend waren. Als Platon und einige andere Sokratiker nach dem Tod des Sokrates Athen verließen, nahm sie Eukleides in Megara auf.[23]

Terpsion ist der einzige der fünf namentlich genannten Sprecher des Dialogs, dessen historische Existenz unsicher ist, denn sie ist nur in Schriften bezeugt, die von Platon stammen oder deren Autoren von seinen Angaben ausgingen. Ebenso wie Eukleides war er nach Platons Bericht im Phaidon beim Tod des Sokrates unter den Anwesenden.[24]

Inhalt

Die Rahmenhandlung

In Megara treffen sich zwei Bürger, Eukleides und Terpsion, die beide einst in Athen Schüler des vor Jahren hingerichteten Philosophen Sokrates waren. Eukleides kommt vom Hafen, wo er Theaitetos begegnet ist, einem Athener, der früher ebenfalls zum Umkreis des Sokrates gehörte. Er erzählt, dass Theaitetos, der an einem Feldzug teilgenommen hat, bei Korinth schwer verwundet worden ist, außerdem an der im Heer grassierenden Ruhr erkrankt ist und jetzt dem Tode nahe scheint. Diese Begegnung hat Eukleides daran erinnert, dass Sokrates Theaitetos sehr schätzte und von fruchtbaren Unterredungen erzählte, die er mit ihm hatte. Darüber machte Eukleides damals aus dem Gedächtnis Aufzeichnungen, die er später in Buchform zusammenstellte. In dem Buch gibt er einen Dialog des Sokrates mit Theaitetos und dem Mathematiker Theodoros von Kyrene in direkter Rede wieder. Gern erfüllt er Terpsions Wunsch, ihm den Inhalt mitzuteilen. Die beiden begeben sich in das Haus des Eukleides, der das Buch sogleich vorlesen lässt.[25]

Das einleitende Gespräch

Sokrates fragt Theodoros, der sich offenbar schon einige Zeit in Athen aufhält und Mathematikunterricht erteilt, wer von den jungen Leuten ihm durch besondere Begabung aufgefallen sei. Theodoros nennt einen, Theaitetos, den er als seinen begabtesten Schüler betrachtet. Theaitetos sei ihm nicht nur durch seine vorzügliche Auffassungsgabe aufgefallen, sondern auch durch seinen vortrefflichen Charakter, seine Gelassenheit und Ausdauer. Eine solche Verbindung von Scharfsinn und Tugend sei selten. Körperlich sei Theaitetos allerdings keine anziehende Erscheinung, vielmehr sehe er dem für sein unattraktives Äußeres bekannten Sokrates ähnlich. Auf Wunsch des Sokrates wird Theaitetos gebeten heranzutreten.[26]

Theaitetos erzählt, dass er unter der Anleitung des Theodoros auf mathematischem, astronomischem und musikalischem Gebiet sachkundig wird. Unter Sachkunde (sophía) versteht er, wie er auf Nachfrage des Sokrates erklärt, nichts anderes als Wissen (epistḗmē); diese beiden Begriffe seien gleichbedeutend. Für Sokrates ist dies aber nicht selbstverständlich, sondern begründungsbedürftig; er verlangt nach einer Bestimmung des Begriffs „Wissen“.[27]

Die Frage nach dem Wissen

Theaitetos, dem die philosophische Suche nach dem Allgemeingültigen nicht vertraut ist, versucht den Begriff zu erläutern, indem er Beispiele nennt. Unter Wissen versteht er sowohl das, was Theodoros in der Mathematik und den anderen Fächern lehrt, als auch die beruflichen Kenntnisse, über die Handwerker verfügen. Sokrates macht ihn darauf aufmerksam, dass sich alle diese Kenntnisse jeweils auf ein bestimmtes Fachgebiet beziehen. Gefragt wird aber nicht nach einzelnen Wissensgebieten, sondern nach dem Wissen an sich. Gesucht ist eine Begriffsbestimmung, die auf jede Art von Wissen zutrifft.[28]

Theaitetos merkt, dass es nicht um eine Veranschaulichung, sondern um eine allgemeine Definition geht. Dazu fällt ihm ein mathematisches Beispiel ein. Auch in der Geometrie kommt es darauf an, nicht nur für einzelne Figuren die Richtigkeit einer Behauptung zu prüfen, sondern Allgemeingültiges zu finden. Theodoros konnte mathematisch beweisen oder zumindest anhand einer Konstruktion zeichnerisch demonstrieren, dass die Seitenlänge eines Quadrates vom Flächeninhalt 3 Quadratfuß (die Quadratwurzel aus 3) mit der Längeneinheit 1 Fuß inkommensurabel und somit eine irrationale Zahl ist. Dies zeigte er auch für die Quadratwurzeln der natürlichen Zahlen, die keine Quadratzahlen sind, von 5 bis 17. Dann brach er aber ab. Davon ausgehend formulierten Theaitetos und Sokrates der Jüngere das allgemeine Gesetz für die Quadratwurzeln aus nichtquadratischen natürlichen Zahlen und für die Kubikwurzeln aus nichtkubischen natürlichen Zahlen. Sokrates lobt diese Entdeckung und ermuntert Theaitetos, nun auch hinsichtlich des Wissens das Allgemeingültige zu suchen und sich nicht von der Schwierigkeit der Aufgabe entmutigen zu lassen.[29]

Die mäeutische Vorgehensweise

Theaitetos bekennt, dass die Frage nach der Natur des Wissens ihn schon oft beschäftigt hat und ihn weiterhin nicht loslässt. Seine bisherigen Klärungsversuche haben aber zu nichts geführt. Sokrates vergleicht diese geistige Konstellation mit einer Schwangerschaft: Theaitetos ist mit einem Konzept, einer Lösungsidee „schwanger“ und leidet nun unter „Geburtsschmerzen“. Für solche Situationen ist Sokrates Spezialist. Seine Mutter war Hebamme, und er selbst praktiziert auf geistigem Gebiet die „Hebammenkunst“, die Mäeutik.[30]

Hebammen sind stets ältere Frauen, die diesen Beruf ausüben, wenn sie selbst keine Kinder mehr bekommen können. Sie wissen, wie man die Wehen beeinflusst, eine schwere Geburt bewältigt oder auch eine Abtreibung durchführt. Außerdem wären sie dank ihrer vorzüglichen Menschenkenntnis auch die besten Heiratsvermittlerinnen, doch halten sie sich bei der Ehestiftung zurück, um nicht als Kupplerinnen in Verruf zu geraten.[31]

Analog verhält es sich in mancherlei Hinsicht mit der Mäeutik, der Hebammenkunst des Sokrates. Er steht nicht Frauen bei, sondern Männern, und ihm geht es nicht um körperliche, sondern um geistige Geburten. Sich selbst hält er für unfruchtbar, das heißt unweise. Ihm kommen, wie er behauptet, keine eigenen Einfälle, aber anderen hilft er dabei, das in ihnen geistig Herangereifte ans Licht zu bringen, es gleichsam zu gebären. Mit den geistigen Wehen kennt er sich bestens aus. Die Geburtshilfe leistet er mit zielführenden Fragen, die er den „Schwangeren“ stellt; damit ermöglicht er ihnen die Klärung ihrer noch unausgereiften oder falschen Vorstellungen und Gedanken. Da er sich darauf beschränkt, in diesem Sinne Hilfestellung zu bieten, ist er kein Lehrer im eigentlichen Sinn, denn er gibt kein Wissen weiter. Die Hebammenkunst bringt nichts hervor als das, was im „Schwangeren“ bereits vorhanden ist und ans Licht drängt. Auch die Beratung bei der „Partnersuche“ weiß Sokrates zu übernehmen: Wenn jemand für seine Art der Wahrheitssuche ungeeignet ist und daher unter seiner Anleitung keine Fortschritte machen würde, dann empfiehlt er ihm einen Lehrmeister, der zu ihm passt und ihn auf konventionelle Weise belehrt.[32]

Allerdings besteht, wie Sokrates ausführt, auch ein wesentlicher Unterschied zwischen der philosophischen Mäeutik und der Tätigkeit der Hebammen: Diese haben es nur mit echten Kindern und wirklichen Geburten zu tun, während bei den geistigen Schwangerschaften auch Trugbilder zur Welt kommen. Daher ist die Mäeutik des Philosophen anspruchsvoller als der Hebammenberuf: Der geistige Geburtshelfer muss nicht nur während der Wehen Beistand leisten, sondern auch die Natur dessen, was hervorgebracht wird, einschätzen können. Die Unterscheidung zwischen brauchbaren Erkenntnissen und abwegigen Gedanken ist der wichtigste Teil seiner Arbeit und die größte Herausforderung. Er bringt seine Gesprächspartner dazu, vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Dabei stößt er allerdings oft auf Unverständnis, wenn die von ihm Betreuten nicht erkennen, dass es zu ihrem Besten geschieht. Nun soll sich Theaitetos der Führung des erfahrenen Geburtshelfers anvertrauen, indem er dessen Fragen beantwortet.[33]

Die erste Begriffsbestimmung des Wissens

Der erste Versuch des Theaitetos, die Natur des Wissens zu bestimmen, geht von der Wahrnehmung (aísthēsis)[34] aus, das heißt von der Unmittelbarkeit der Evidenz. Der junge Mathematiker meint, Wissen (epistḗmē) beruhe auf Wahrnehmung. Somit könne man es mit deren Inhalt, dem Wahrgenommenen und daher Offenkundigen, gleichsetzen; zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis oder Wissen bestehe kein Unterschied. Sokrates weist darauf hin, dass der berühmte Sophist Protagoras auch so denke. Von Protagoras stammt der bekannte Spruch „Der Mensch ist das Maß aller Dinge: der seienden, dass sie sind, und der nichtseienden, dass sie nicht sind.“ Demnach sind die Dinge so, wie sie jeweils dem Betrachter erscheinen; der Wahrnehmende legt fest, dass etwas so ist, wie es ihm erscheint, und das ist der einzige Zugang zur Wirklichkeit, den er haben kann. Diese Theorie führt zur Konsequenz, dass es keine objektiv wahren Aussagen über Sachverhalte gibt, sondern nur Aussagen über Eindrücke. Man kann also nicht behaupten, etwas sei groß oder schwer, sondern nur, es erscheine einer bestimmten Person zu einem bestimmten Zeitpunkt so. Einem anderen mag es klein oder leicht vorkommen. Was ein Frierender als kalt empfindet, ist für jemand, der nicht friert, nicht kalt. Dieser Relativismus ist nach Sokrates’ Vermutung eine Geheimlehre des Protagoras, die der Sophist nur seinen (zahlenden) Schülern offenbart hat. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, über den fast alle Denker – Sokrates hebt hier Heraklit und Empedokles namentlich hervor – einig sind:[35] Da alles in unablässigem Wandel begriffen ist, gibt es nichts, was „ist“, denn Sein würde eine Beständigkeit voraussetzen, die es nicht gibt. Alles verändert sich; es „ist“ nicht, sondern es wird („flux theory“). Dieser Wandel allein ist produktiv; Stillstand wäre Vernichtung, so wie das Weltall unterginge, wenn die Sonne stillstünde. Somit gibt es keine objektive, absolute Wahrheit, sondern nur relative Gegebenheiten und zutreffende Aussagen über momentane Verhältnisse. Unterschiedlich sind sowohl die Wahrnehmungen verschiedener Betrachter als auch diejenigen desselben Betrachters zu verschiedenen Zeiten.[36]

Angesichts der Schilderung der Relativität aller Dinge und Verhältnisse gerät Theaitetos ins Staunen. Sokrates macht ihn darauf aufmerksam, dass die Verwunderung – die Fähigkeit, Tatsachen nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen – den Anfang der Philosophie bildet.[37]

Anschließend beschreibt Sokrates ausführlich die Sichtweise der Denker, die sowohl in der Außenwelt als auch innerhalb der Seele nur Vorgänge annehmen und klassifizieren. In ihrem Weltbild existiert nirgends ein „Dieses“ oder „Jenes“ als wirkliches, fortbestehendes „Ding“. Es gibt nur ein Zusammenwirken von Faktoren, das die wechselnde Beschaffenheit der Wahrnehmungsobjekte verursacht. Theaitetos kann sich diesem Gedankengang nicht verschließen, weiß aber nicht, was er davon halten soll.[38]

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wahrnehmungen können unzuverlässig und irreführend sein. Sinnestäuschungen, Träume, Fieberphantasien und Wahnsinn erzeugen Eindrücke, die keine Gegenstücke in der äußeren Wirklichkeit haben. Der Träumende glaubt den Trauminhalt wirklich wahrzunehmen und zu erleben. Es ist unmöglich zu beweisen, dass man im gegenwärtigen Augenblick weder träumt noch phantasiert, sondern etwas Wirkliches wahrnimmt. Damit ist die Wahrnehmung als Wissensquelle diskreditiert, denn auf sie ist kein Verlass.[39]

Diese Überlegungen haben Konsequenzen für die Frage nach Wahrheit, Erkenntnis und Wissen. In einer Welt, in der nichts beständig ist, sind überzeitliche Wahrheiten und immer gültige Urteile unmöglich. Somit muss die Annahme, es gebe eine erkennbare objektive Wahrheit, einen Sachverhalt „an sich“, verworfen werden. An die Stelle einer objektiven Wahrheit tritt eine subjektive und zeitabhängige. Das, was einem Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt als real erscheint, ist für ihn zu dieser Zeit die ganze Wirklichkeit, und nur in dieser Form kann es Wirklichkeit geben. Das, was sich dem Wahrnehmenden zeigt, ist wahr, aber nur bezogen auf ihn und auf den jeweiligen Zeitpunkt. Jede Konstellation ist einmalig. So macht sich jeder zum Richter über seine eigene momentane Wahrheit, die dann in diesem begrenzten Rahmen unbedingt gilt. Damit ist die Ausgangsthese des Theaitetos gerettet und sogar untermauert: Alles Wahrgenommene ist per Definition so, wie es jeweils erscheint, wahr. Dank dem konsequenten Verzicht auf jeden objektiven Wahrheitsanspruch kann das subjektive Urteil zu einer unfehlbaren Instanz erhoben werden. Aus dieser Perspektive fallen Wahrnehmung und Wissen in eins zusammen.[40]

Kritik an der ersten Begriffsbestimmung

Mit Unterstützung des Geburtshelfers Sokrates hat Theaitetos sein geistiges Kind zur Welt gebracht. Nun muss geprüft werden, was es taugt. Sokrates übt fundamentale Kritik am Konzept des Protagoras. Zugleich übernimmt er aber auch die Verteidigung der Position, die er angreift, denn der bereits verstorbene Protagoras kann seiner Lehre nicht „zu Hilfe kommen“. Den Angriff eröffnet Sokrates mit dem Argument, es gebe für Protagoras keinen Grund, den Menschen und nicht etwa den Affen oder das Schwein zum Maß aller Dinge zu machen. Wenn alle Meinungen als subjektive Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinander stünden, werde jeder Diskurs sinnlos, denn eine Diskussion habe immer den Zweck, Aussagen zu vergleichen und nach ihrem Wahrheitsgehalt zu bewerten. Dies setze einen überindividuellen Maßstab voraus. Allerdings könnte, wie Sokrates sogleich hinzufügt, Protagoras einwenden, die Wahl des Menschen als Maßstab sei tatsächlich willkürlich und man könne ebenso ein Tier wählen. Das sei nur für die dünkelhafte Menge eine schockierende Vorstellung. Auch gegen den Einwand, die Bestreitung einer objektiven Wahrheit verunmögliche einen vernünftigen Diskurs, könnte sich Protagoras leicht verteidigen. Er könnte vorbringen, er verfüge durchaus über ein Bewertungskriterium, an dem sich der Diskurs orientieren könne: Es gehe nicht darum, ob etwas objektiv wahr oder falsch sei, sondern nur darum, was besser und was schlechter sei. Darüber könne man sinnvoll reden und andere belehren.[41]

In der Rolle des Kritikers zeigt Sokrates jedoch, dass die Gleichsetzung von Wahrgenommenem und Gewusstem der Realität nicht gerecht wird. Man kann etwas wahrnehmen, ohne es zu verstehen. Wissen ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Sehen oder Hören, sondern aus der Fähigkeit zur Verarbeitung der Eindrücke, die Verständnis ermöglicht. Beispielsweise muss man, um eine Mitteilung aufzunehmen, die Sprache des Mitteilenden verstehen. Man benötigt die Erinnerung, und diese ist eine auch ohne aktuelle Wahrnehmungen aktive Funktion. Eine weitere Kritik des Sokrates, der nun auch Theodoros in die Untersuchung einbezieht, zielt auf mangelnde Konsistenz der Position des Protagoras. Hier geht Sokrates von folgenden Überlegungen aus: Protagoras gerät in einen Selbstwiderspruch, wenn er das Gegenteil seiner Auffassung ausschließt, denn dieses ist nach seinem Konzept ebenso wahr wie seine Lehre, solange jemand es vertritt. Auch sein Grundsatz, es gebe keine Wahrheit schlechthin, sondern nur Wahrheit „für jemand“, ist nicht an sich richtig, sondern nur weil und solange ihn jemand für zutreffend hält. Die Ersetzung von „wahr“ und „falsch“ durch „besser“ und „schlechter“ oder „nützlicher“ und „schädlicher“ scheitert daran, dass gerade dort, wo es um die Nützlichkeitsfrage geht, die Relativierung der Wahrheit nicht überzeugen kann. Dies kann man etwa in der Medizin oder in der Politik sehen. In diesen Bereichen gibt es Berater, die zu beurteilen haben, was nützlich ist. Die Berater sind aber untereinander verschiedener Meinung; manchmal sind sie und die von ihnen beratenen Entscheidungsträger im Irrtum. Somit würde ein objektives Kriterium für die Einschätzung des Nutzens von Ratschlägen benötigt. Das ist aber mit einem konsequenten Relativismus unvereinbar.[42]

Abschweifung über die philosophische Lebensweise („Digression“)

Theodoros meint, es schade nichts, wenn man von einer Untersuchung zu einer anderen, umfassenderen voranschreite, denn Zeit zum Diskutieren sei zur Genüge vorhanden. Daran anknüpfend vergleicht Sokrates den philosophischen Diskurs mit dem juristischen. Da er damit vom ursprünglichen Thema des Dialogs abschweift, werden diese Ausführungen als „Digression“ oder „Exkurs“ im Theaitetos bezeichnet. Auch die Bezeichnung „Episode“ wird verwendet.[43]

Ausführlich schildert Sokrates, was die Lebensweise und den Diskurs der Philosophen von der Haltung und dem Verhalten der Nichtphilosophen unterscheidet. Im Brennpunkt des Interesses der gewöhnlichen Bürger stehen im demokratischen Staat der Athener zwei Bereiche des öffentlichen Lebens: die in den Volksversammlungen ausgetragenen politischen Auseinandersetzungen und das in Athen stark politisierte Justizwesen. Der Philosoph hält sich von beiden fern. Für Sokrates gleicht der Nichtphilosoph einem Sklaven, da er Zwängen unterliegt, von denen der Philosoph frei ist.[44]

Wer als Prozessbeteiligter vor Gericht aufzutreten hat, steht immer unter Druck. Seine Redezeit ist begrenzt; er darf seine Themen nicht frei wählen, sondern muss sich darauf beschränken, auf die Argumentation der Gegenseite zu erwidern. Inhaltlich geht es nicht um sachliche Gesichtspunkte, sondern nur um die Durchsetzung persönlicher Interessen. Es kommt nur darauf an, die Richter zu beeinflussen, und dazu benötigt man List, Lüge und Schmeichelei. Die Wahrheit interessiert nicht. Daher werden die Bürger, die sich von Jugend auf mit dem Gerichtswesen befassen, seelisch verkrüppelt. Sie haben kein Rückgrat, sondern sind Knechte derer, denen sie zu dienen haben. Ähnlich verhält es sich im sonstigen öffentlichen Leben, wo es darauf ankommt, einen Gegner mit Schmähungen anzugreifen oder einen Mächtigen zu loben. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Wahrung des eigenen sozialen Rangs, der einerseits vom Vermögen, andererseits vom familiären Hintergrund abhängt. Besonders wichtig ist die Abstammung, die man genealogisch über zahlreiche Generationen bis zu mythischen Gestalten wie Herakles zurückverfolgt.[45]

Ganz anders ist das Leben der Philosophen ausgerichtet. Der Politikbetrieb und das Gerichtswesen sind ihnen so gleichgültig, dass sie nicht einmal wissen, wo sich das Gericht, das Rathaus oder Versammlungsstätten befinden. Machtkämpfe um Ämter nehmen sie nicht zur Kenntnis. Wer von wem abstammt, interessiert sie ebenso wenig wie fremde Besitztümer und die Privatangelegenheiten ihrer Nachbarn. Über die Gesetzgebung und die Volksbeschlüsse wissen sie nicht Bescheid. Ihre Aufmerksamkeit gilt nur der Erforschung der Natur der Dinge, insbesondere der menschlichen Natur, und der richtigen Lebensführung. Für diese Themen haben sie beliebig viel Zeit. Dabei ist ihre Richtschnur das Göttliche; ihr Ziel ist, der Gottheit möglichst ähnlich zu werden, indem sie die göttlichen Tugenden kultivieren.[46]

Aus diesem Gegensatz zwischen den Philosophen und der Masse der unphilosophischen Bürger ergibt sich eine gegenseitige Geringschätzung. Jede der beiden Seiten erscheint der anderen lächerlich und für wichtige Aufgaben untauglich; jede hält das, was aus der Sicht der anderen das Wichtigste ist, für belanglos. Vor Gericht ist ein Philosoph hilflos, da ihm die dortigen Verhaltensregeln völlig fremd sind. Sokrates veranschaulicht die gegensätzlichen Haltungen mit der Anekdote von Thales, einem vorsokratischen Philosophen, der die Himmelskörper betrachtend in einen Brunnen fiel. Eine thrakische Magd, die das sah, verspottete ihn: Er wolle den Himmel erkunden, kenne aber nicht einmal das, was vor seinen Füßen liege. Die Weltfremdheit der Philosophen wird von Sokrates positiv bewertet, er sieht sie als Zeichen ihrer inneren Freiheit. Außerdem meint er, man könne jeden Verächter der Philosophie mit Argumenten in Verlegenheit bringen, wenn er bereit sei, einen solchen Dialog durchzuhalten.[47]

Das Scheitern der ersten Begriffsbestimmung

Nach der Abschweifung kehrt Sokrates zur Widerlegung der subjektivistischen Gegenauffassung zurück. Wie er nun darlegt, steht der Ersetzung von „wahr“ und „falsch“ durch subjektive Werturteile über den Nutzen der Umstand entgegen, dass Nützlichkeitserwägungen auch auf die Zukunft ausgerichtet sind. Die Zukunft wird zeigen, ob Annahmen über den Nutzen von etwas zutreffen oder nicht, etwa bei einem Gesetz, das sich bewährt oder seinen Zweck nicht erfüllt. Oft wird der Zweck verfehlt. Daher kann die Behauptung nicht stimmen, der Mensch trage das Kriterium für das, was für ihn nützlich ist, stets in sich. Vielmehr muss er sich darüber von einer Zukunft, die er noch nicht kennt, belehren lassen.[48]

Auch die andere Stütze des Subjektivismus, die Bestreitung jeder Beständigkeit, hält der Nachprüfung nicht stand. Zahlreiche Weltdeuter behaupten, es gebe nichts Seiendes und Ruhendes, sondern nur Werdendes und Bewegtes. Die Prozesse, die nach ihrer Meinung die gesamte Wirklichkeit ausmachen, zerfallen in zwei Hauptarten: Ortswechsel und Änderung der Beschaffenheit. Demnach müssen sie, wie Sokrates nun feststellt, annehmen, dass alles immer gleichzeitig beiden Arten der Veränderung unterliege, da es sonst zumindest in einer Hinsicht Beständigkeit gäbe. Wenn dies aber so ist, wird nicht nur das Sein aufgehoben, sondern auch die Basis eines rationalen Diskurses. Wenn beispielsweise etwas Weißes in jedem Augenblick einer farblichen Veränderung unterliegt, kann der Begriff „weiß“ nicht zeitunabhängig definiert und verwendet werden. Das heißt, er ist unbrauchbar. Jede Äußerung, mit der etwas als „so“ bezeichnet wird, fixiert einen angenommenen Sachverhalt und ist damit in einer Welt, die nichts Gleichbleibendes aufweist, unangemessen.[49]

Schließlich kehrt Sokrates zur Prüfung der Ausgangsthese des Theaitetos zurück, wonach Erkenntnis auf Wahrnehmung reduzierbar ist. Er legt dar, dass man stets mittels der einzelnen Sinnesorgane wahrnimmt, von denen jedes einer bestimmten Art von Wahrnehmung zugeordnet ist. Weder kann das Auge das Ohr ersetzen noch umgekehrt, denn Sehen und Hören sind zwei völlig getrennte, verschiedenartige Vorgänge. Wenn aus den Sinneswahrnehmungen Kenntnis eines Sachverhalts werden soll, wird eine Instanz benötigt, welche die Informationen der einzelnen Sinnesorgane aufnimmt, zusammenfasst und auswertet. Man kann diese Instanz „Seele“ nennen. Die Auswertung geschieht durch Vergleichen und Folgern, was eine Kenntnis von Eigenschaften wie „gleich“ und „verschieden“, „ähnlich“ und „unähnlich“, „schön“ und „hässlich“ voraussetzt. Somit erfordert Erkenntnis den Besitz von Begriffen, die nicht zum Inhalt der Wahrnehmungen gehören. Also ist es nicht möglich, Erkenntnis und Wissen restlos auf Wahrnehmung zurückzuführen und entsprechend zu definieren.[50]

Die zweite Begriffsbestimmung und die Frage nach dem Irrtum

Nach dem Fehlschlag der ersten Begriffsbestimmung schlägt Theaitetos eine neue vor. Da die Reduzierung des Wissens auf materielle Vorgänge, die Sinneswahrnehmungen, missglückt ist, nimmt er diesmal einen geistigen Vorgang zum Ausgangspunkt: die Meinungsbildung, das Vorstellen. Vorstellungen können korrekt oder irrig sein. Daher definiert Theaitetos das Wissen als richtige Meinung (alēthḗs dóxa). Dann stellen sich aber, wie Sokrates zu bedenken gibt, sogleich die Fragen, was den Irrtum ausmacht und wie eine falsche Meinung überhaupt zustande kommen kann.[51]

Die erste Schwierigkeit besteht darin, dass ein Irrtum theoretisch unmöglich scheint. Zwischen Wissen und Nichtwissen scheint es kein Mittleres zu geben; man kann etwas nicht zugleich wissen und nicht wissen. Wenn man etwas kennt, kann man sich keine falsche Vorstellung darüber bilden, und wenn man etwas nicht kennt, kommt man nicht auf den Gedanken, sich darüber eine Vorstellung zu bilden. Wer beispielsweise Sokrates und Theaitetos nicht kennt, dem käme es nicht in den Sinn, Sokrates für Theaitetos zu halten.[52]

Die zweite Schwierigkeit ergibt sich, wenn man den Irrtum als Annahme definiert, deren Gegenstand in Wirklichkeit nicht existiert. Demnach ist eine Vorstellung dann falsch, wenn sie sich auf etwas Nichtseiendes bezieht. Man kann sich aber nur Seiendes vorstellen. Eine Vorstellung, die sich auf etwas bezieht, was nicht ist, bezieht sich nicht auf etwas, sondern auf nichts. Somit ist sie selbst nicht etwas, sondern nichts. Da es aber Irrtümer gibt, ist die Definition unbrauchbar.[53]

Ein Ausweg könnte darin bestehen, dass man den Irrtum nicht als Annahme von Nichtseiendem bestimmt, sondern als Verwechslung von Seiendem (fachsprachlich „Allodoxie“). Zwei Dinge oder Eigenschaften, die tatsächliche Gegebenheiten sind, werden irrtümlich in Gedanken vertauscht. Aber auch dann scheint es unerklärlich, wie es zu einem Irrtum kommen kann. Die Seele kennt die gegensätzlichen Qualitäten, die nicht zugleich im selben Objekt vorhanden sein können. Es ist nicht einsichtig, wie sie dazu kommen sollte, das Schöne für hässlich zu halten, das Langsame für schnell, das Rind für ein Pferd oder zwei für eins.[54]

Das Gedächtnis als Wachsblock

Darauf wird eine andere mögliche Erklärung des Irrens geprüft, die das Gedächtnis einbezieht und die strikte Trennung von Wissen und Nichtwissen aufgibt. Aus der Ferne kann man Sokrates mit einem Unbekannten verwechseln, also in Unkenntnis sein, obwohl man weiß, wie Sokrates aussieht. Urteile beruhen auf der Verknüpfung von Wahrnehmungen mit Gedächtniseindrücken. Das Gedächtnis ist mit einem wächsernen Block vergleichbar, der Abdrücke aufnimmt. Dieser ist bei jeder Person anders: bei manchen größer, bei anderen kleiner, bei den einen von reinerem Wachs, bei den anderen von schmutzigerem; auch die Härte und Feuchtigkeit variiert. Die Qualität der Abdrücke ist sehr unterschiedlich, wobei die jeweilige Beschaffenheit des Wachses die Rahmenbedingungen für Gelehrigkeit und Vergesslichkeit setzt. Irrtümer kommen zustande, wenn bereits vorhandene Abdrücke den späteren Wahrnehmungen falsch zugeordnet werden. Wenn eine Wahrnehmung nicht deutlich genug ist, etwa wenn jemand aus der Ferne gesehen wird, kann der passende Abdruck verfehlt werden. Diesem Erklärungsvorschlag des Sokrates stimmt Theaitetos begeistert zu, doch bald verflüchtigt sich seine Erleichterung, denn Sokrates trägt sogleich eine Widerlegung vor. Die Erklärung ist unzulänglich, denn es gibt auch mathematische Irrtümer, und diese beruhen nicht auf fehlgeschlagenen Verknüpfungen von Wahrnehmungen mit Gedanken und Gedächtniseindrücken.[55]

Das Gedächtnis als Taubenschlag

Schließlich schlägt Sokrates eine Vorgehensweise vor, die er selbst als unverschämt bezeichnet: Es soll versucht werden, die Beschaffenheit des Wissens zu klären, obwohl es noch nicht gelungen ist, den Bedeutungsumfang dieses Begriffs abzugrenzen. Das findet Sokrates zwar methodisch bedenklich, doch wagt er diesen Schritt nun angesichts des aktuellen Dilemmas. Dabei führt er eine Unterscheidung zwischen dem „Haben“ und dem „Besitzen“ von Wissen ein. Wissen sei erst dann wirklich vorhanden, wenn man es habe, nicht schon wenn man es nur besitze. Dies veranschaulicht Sokrates durch den Vergleich mit einem Kleid, das man besitzt, wenn man es gekauft hat, aber erst „hat“, wenn man es auch trägt. Der persönliche Wissensschatz lässt sich mit einem Taubenschlag vergleichen, in dem jemand Tauben oder andere Vögel hält, die er gejagt und gefangen hat. Die Vögel entsprechen den einzelnen Kenntnissen. Wenn der Besitzer nun einen bestimmten Vogel benötigt, muss er sich innerhalb des Taubenschlags nochmals auf die Jagd nach ihm machen. Erst wenn er ihn dann in den Händen hält, „hat“ er ihn. Greift er versehentlich in dem Durcheinander nach einem falschen Vogel, so hat er den gewünschten nicht, obwohl er ihn schon besitzt. Dies entspricht dem Verwechseln von gespeicherten Wissensinhalten, das die Ursache von Denkfehlern wie etwa der mathematischen Irrtümer ist.[56]

Wiederum stimmt Theaitetos zu, und er ergänzt, dass nicht alle Vögel Wissensinhalten entsprechen müssen; manche von ihnen können auch Fehlinformationen sein, die ebenfalls in der Seele herumfliegen. Dann ist ein Irrtum nicht auf eine Verwechslung von Wissensstücken, sondern auf das Ergreifen einer gespeicherten Fehlinformation zurückzuführen. Doch auch diesen Ansatz lässt Sokrates sogleich scheitern. Er macht darauf aufmerksam, dass sich hier wiederum die Schwierigkeit einer paradoxen Vermischung von Wissen und Nichtwissen erhebt: Der Besitzer des „Taubenschlags“ hält die Fehlinformation, die er erwischt hat, für Wissen. Demnach fehlt ihm diesbezüglich die Fähigkeit, Wissen von Nichtwissen zu unterscheiden. Wenn er aber ein Wissensstück und ein Nichtwissensstück nicht auseinanderhalten kann, hat er in Wirklichkeit keine Kenntnis von dem Wissensstück, also ist es kein solches. Wenn er sie auseinanderhalten könnte, so hätte er ein Wissen über das Nichtwissensstück; dann aber wäre dieses kein solches, sondern ein Wissensinhalt. Man muss also, wenn man dem Paradox entgehen und die Möglichkeit von Irrtümern erklären will, eine gesonderte Wissensart einführen, das Wissen über das Wissen und das Nichtwissen. Dieses muss sich dann in einem separaten „Taubenschlag“ befinden, wobei der Besitzer wiederum die dortigen „Vögel“ zwar besitzt, aber nicht immer „hat“. Damit gerät man aber in einen infiniten Regress, da der übergeordnete Speicher, in dem sich das Wissen und das Nichtwissen über Wissen und Nichtwissen befinden, seinerseits einen weiteren, ihm übergeordneten Speicher erfordert.[57]

Die Unzulänglichkeit der zweiten Begriffsbestimmung

Schließlich kehrt Sokrates zur zweiten Begriffsbestimmung zurück, zur Gleichsetzung des Wissens mit einer richtigen Meinung, und zeigt ihre Untauglichkeit. Vor Gericht kann man durch geschicktes Auftreten die Richter davon überzeugen, dass ein Angeklagter eine Straftat begangen hat, auch wenn es keine Zeugen gibt. Das führt dann zur Verurteilung. Der Richter kann aber, auch wenn die Tat tatsächlich begangen wurde, dies nicht wissen, denn er war nicht dabei und es gibt keinen Beweis. Er fällt dann also ein korrektes Urteil aufgrund einer richtigen Meinung, die er hat, obwohl er keinerlei Wissen über den Tathergang besitzt.[58]

Der dritte Bestimmungsversuch und sein Misslingen

Nun unterbreitet Theaitetos seinem kritischen Gesprächspartner eine ergänzte neue Version seines Definitionsvorschlags: Wissen sei eine „mit einer Erklärung (lógos) verbundene“ richtige Meinung, das heißt eine, deren Richtigkeit durch eine vernünftige Argumentation nachgewiesen sei. Nicht alle richtigen Aussagen seien „erklärt“, und Unerklärtes sei kein Gegenstand von Wissen.[59] Sokrates trägt dazu ergänzend eine Theorie vor, die er als „Traum“[60] bezeichnet. Dem „Traum“ zufolge gibt es Grundbestandteile oder Urelemente (prṓta stoicheía) von allem, die zwar wahrgenommen[61] und benannt, aber auf nichts anderes zurückgeführt werden können und daher unerklärbar sind. Erst aus der Verbindung dieser Urelemente zu Strukturen entstehen erklärbare Dinge. Erkenntnis bezieht sich immer nur auf die Zusammensetzungen, nicht auf deren Grundbestandteile. Die Grundbestandteile können prinzipiell kein Gegenstand von Wissen sein.[62] Mit der Einführung von Urelementen kann die Zirkularität vermieden werden, die sich aus der Forderung ergibt, jeden Begriff durch eine Erklärung zu bestimmen. Diese Forderung könnte nur durch Rückgriff auf andere Begriffe, die als bekannt vorausgesetzt werden müssten, erfüllt werden. Dadurch entstünde ein System, dessen Bestandteile aufeinander zurückgeführt würden. Ein solches System wäre selbst auf nichts zurückführbar, also ohne Begründung. Die Forderung, alles zu erklären, ist daher unerfüllbar.

Wiederum findet die von Sokrates vorgetragene Theorie den Beifall des Theaitetos, und ein weiteres Mal widerlegt Sokrates seinen eigenen Vorschlag. Wenn das aus Elementen Zusammengesetzte nichts als die Summe seiner Elemente ist, ist es unerklärbar, da sich aus der Zusammenfügung von lauter Unerklärbarem nichts Erklärbares ergeben kann. Ist aber das Zusammengesetzte etwas anderes als die Summe seiner Teile, nämlich eine Form mit eigenständiger Beschaffenheit, so muss diese Form ebenfalls unerklärbar sein, da sie weder auf die Elemente noch auf etwas anderes zurückgeführt werden kann. Somit bildet die Annahme von undefinierbaren Urelementen keine Basis für eine Theorie des Wissens, sie schließt sogar die Möglichkeit von Wissen aus. Erkenntnis über Verknüpfungen setzt voraus, dass deren Elemente erklärbar sind.[63]

Hier stellt sich für Sokrates die Frage, was es eigentlich bedeutet, etwas zu erklären. Man kann das Erklären bestimmen als vollständiges Erfassen und analytische Beschreibung aller Elemente der Zusammensetzung, die erklärt werden soll, oder als Angabe des charakteristischen Unterscheidungsmerkmals für den Begriff, der zu erklären ist. Beide Bestimmungen sind aber für die Lösung der Aufgabe, die Besonderheit des Wissens zu benennen, nutzlos. Weder die eine noch die andere ermöglicht eine klare Abgrenzung des Wissens vom richtigen Meinen. Überdies enthält die Definition des Wissens als richtige Meinung mit „Erklärung“ einen logischen Zirkel, wenn die „Erklärung“ darauf beruht, dass der Erklärende das charakteristische Merkmal des Wissensobjekts kennt. Die Kenntnis des Merkmals ist ein Wissen, sie setzt also das, was zu definieren ist, bereits voraus.[64]

Die Schlussbilanz

Es ergibt sich eine ernüchternde Schlussbilanz: Was Wissen ist, bleibt offen. Mehr als irrige Meinungen hat die Hebammenkunst bei Theaitetos nicht zutage fördern können. Theaitetos räumt das ein. Dennoch wertet Sokrates den Dialog nicht als Fehlschlag, sondern sieht in der gewonnenen Einsicht einen Fortschritt. Da ein Verständnis der Problematik erreicht wurde, wird ein künftiger neuer Lösungsvorschlag besser sein als die bisherigen, und auf jeden Fall weiß Theaitetos jetzt, wie es mit seinem Kenntnisstand bestellt ist.[65] Info: https://de.wikipedia.org/wiki/Theaitetos

03.02.2023

Theaitetos (Wikipedia II von III)

Interpretation und philosophischer Gehalt

Die Frage nach Platons erkenntnistheoretischer Position

Im Theaitetos gibt Platon ebenso wie auch in seinen anderen Dialogen nicht direkt zu erkennen, wie er selbst über die aufgeworfenen Fragen denkt. Auch wenn man von der traditionell herrschenden Auffassung ausgeht, wonach Sokrates als das „Sprachrohr“ des Autors zu betrachten ist, bleibt manches unklar. Platon lässt seinen Sokrates eine subjektivistische, phänomenalistische und sensualistische Erkenntnistheorie bekämpfen, die er als Konsequenz von Behauptungen Heraklits und des Protagoras darstellt. Sokrates bringt aber auch Gegenargumente zugunsten der von ihm abgelehnten Position vor. Unklar ist, ob Platon beabsichtigt hat, die kritisierten Thesen gänzlich zu widerlegen, oder ob er nur ihren Geltungsbereich einschränken wollte. Die letztere Interpretation wird in der Forschungsliteratur seit Myles Burnyeat (1990)[66] „Reading A“ genannt, die andere „Reading B“. Nach „Reading A“ hat Platon den Lehren Heraklits und des Protagoras einen auf die Welt der wandelbaren Dinge beschränkten Wahrheitsgehalt zugebilligt. Verworfen hat er nach dieser Interpretation nur eine starke, relativistische Version der kritisch untersuchten Thesen, welche die Existenz eines erkennbaren überzeitlichen Seins bestreitet und eine Erkenntnis objektiver Wahrheit ausschließt. Umstritten ist auch die Stichhaltigkeit einzelner Argumente, die im Dialog hierzu vorgebracht werden.[67]

Eine weitere Interpretation lautet, der Theaitetos sei eher eine methodische Übung als ein Plädoyer für eine bestimmte Lehre. Die Diskussion werde ergebnisoffen geführt und es werde vom Leser nicht erwartet, eine der typischen Lehrmeinungen Platons aus seiner mittleren Schaffensperiode zu akzeptieren. Eine andere Deutungsrichtung betont den erzielten Erkenntnisfortschritt; es finde im Verlauf der Diskussion eine wirkliche Annäherung an die von Platon für richtig gehaltene Erkenntnistheorie statt. Somit seien die Bemühungen der Gesprächspartner nur scheinbar fehlgeschlagen. Einer Forschungshypothese zufolge soll der Leser dazu angeregt werden, anhand der im Dialog gewonnenen Einsichten die Antwort auf die Frage nach dem Wissen selbst zu finden.[68] Jörg Hardy meint, Platon gebe deutliche Hinweise darauf, wie die Probleme zu lösen seien. Er lasse die Dialogpartner vom Prinzip der Problemlösung durch Fehleranalyse Gebrauch machen. Dieses könne man auch als hermeneutisches Prinzip für das Verständnis des Dialoges fruchtbar machen.[69] Auch Dorothea Frede nimmt an, Platon habe einen Ausweg gesehen. Sie glaubt, er habe angedeutet, wo man danach suchen solle.[70] Eugenio Benitez und Livia Guimaraes interpretieren den Ausgang des Dialogs zwar als tatsächliches Scheitern bei der Beantwortung der Ausgangsfrage nach dem Wissen, machen aber geltend, die Erfahrungen bei der Wahrheitssuche hätten einen Ertrag erbracht, der diesen Fehlschlag aufwiege.[71]

Unterschiedliche Meinungen gibt es auch darüber, ob Platon selbst der Überzeugung war, über eine stichhaltige Begriffsbestimmung des Wissens zu verfügen, oder ob er seine Bemühungen auf diesem Gebiet für gescheitert hielt und im Dialog die Bilanz seiner vergeblichen Suche nach einer Antwort auf die Ausgangsfrage vorgelegt hat.[72]

Interpretationsprobleme ergeben sich bei der Klärung der Frage, was Platon eigentlich unter „Wissen“ verstanden hat. In der modernen Erkenntnistheorie wird zwischen „propositionalem“ Wissen („wissen, dass“) und Wissen mit einem direkten Objekt („kennen“) unterschieden. In der altgriechischen Sprache gibt es keine Begriffe, die eine solche Differenzierung ausdrücken. Daraus ergibt sich eine Doppeldeutigkeit, die das Verständnis des erkenntnistheoretischen Diskurses im Theaitetos behindert.[73]

Die Frage der Lehrentwicklung Platons

Die Frage, ob Platon im Rahmen einer Entwicklung seiner Lehre seine Haltung zu Hauptfragen der Metaphysik und Erkenntnistheorie grundlegend geändert hat, gehört zu den umstrittensten Themen der Platonforschung. Die Auffassung der „Unitarier“, die meinen, er habe durchgängig eine kohärente Sichtweise vertreten, steht der „Entwicklungshypothese“ der „Revisionisten“ entgegen, die einen gravierenden Sinneswandel annehmen. Als wichtiges Argument zugunsten der Entwicklungshypothese gilt aus revisionistischer Sicht der Umstand, dass Platon im Theaitetos die Frage nach der wissenschaftlichen Erkenntnis ins Zentrum stellt, ohne dabei seine Ideenlehre ins Spiel zu bringen. Die Ideenlehre hatte er zu der Zeit, als er den Theaitetos schrieb, bereits konzipiert und im Dialog Politeia dargelegt. Sie besagt, dass Ideen als eigenständige, dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnete Entitäten existieren. Solche „platonische Ideen“, beispielsweise „das Schöne an sich“ oder „der Kreis an sich“, sind nach der Ideenlehre eine objektive metaphysische Realität. Sie bilden die Voraussetzung für die Existenz und Erkennbarkeit der einzelnen Sinnesobjekte, deren Urbilder sie sind. Somit müsste die Ideenlehre bei der Beantwortung der im Theaitetos erörterten Frage nach dem Wesen des Wissens eine wichtige Rolle spielen. Ihre dortige Nichterwähnung ist für die Revisionisten ein Beleg dafür, dass Platon von seiner Ideenlehre abgerückt ist, nachdem er bei ihrer Ausarbeitung auf unüberwindlich scheinende Hindernisse gestoßen war. Die gegenteilige Auffassung der Unitarier lautet, Platon habe im Theaitetos zeigen wollen, dass der Versuch, eine stichhaltige Begriffsbestimmung des Wissens zu finden, ohne die Annahme von platonischen Ideen zum Scheitern verurteilt sei. Damit habe er den Leser zur Erkenntnis führen wollen, dass die Ideenlehre für die Erarbeitung einer Erkenntnistheorie unabdingbar sei.[74]

Ein spezieller Aspekt der Auseinandersetzung zwischen Unitaristen und Revisionisten ist die Frage, ob Platon im Theaitetos an seiner früheren Überzeugung festgehalten hat, wonach hinsichtlich des Bereichs der Sinnesobjekte kein Wissen möglich ist, sondern nur ein Meinen, und nur metaphysische Entitäten als Wissensobjekte in Betracht kommen. In diesem Modell besteht zwischen Wissen und Meinen eine unaufhebbare Diskontinuität. Es gibt nichts, was zu einer richtigen Meinung hinzukommen könnte, sodass aus ihr Wissen wird. Nach einer insbesondere von Myles Burnyeat vorgetragenen revisionistischen Deutung verwarf Platon im Theaitetos diese erkenntnistheoretische Position, die er im Dialog Politeia vertreten hatte, und nahm nunmehr an, dass es ein Wissen über sinnlich Wahrgenommenes geben kann und somit Wissen und Meinen dieselben Objekte haben können. Die gegenteilige unitarische Interpretation, wonach Platon die Erkenntnistheorie der Politeia beibehielt und im Theaitetos bekräftigte, verteidigt Lloyd P. Gerson.[75]

Einer der namhaftesten Revisionisten war Gilbert Ryle. Er zählte den Theaitetos zu einer Gruppe von späten Dialogen, in denen Platon seine Ideenlehre nicht mehr für die Argumentation herangezogen habe, nachdem er ihre Problematik erkannt habe.[76]

Anne Balansard weist darauf hin, dass die Einteilung der Philosophiehistoriker in die zwei „Lager“ der Unitarier und der Revisionisten zu grob ist und der Meinungsvielfalt innerhalb der beiden „Lager“ nicht gerecht wird.[77]

Die Einschätzung des logischen Atomismus

Die im „Traum“ des Sokrates formulierte Annahme, es gebe letzte Einheiten als unmittelbare Gegebenheiten, die auf nichts zurückführbar seien, wird im modernen philosophischen Diskurs als „atomistisches“ Konzept bezeichnet. Gilbert Ryle hielt den „Traum“ für eine Vorwegnahme des modernen logischen Atomismus, den Platon kritisch analysiert habe.[78]

Nach der Interpretation von Michael-Thomas Liske hat Platon im Theaitetos noch atomistisch gedacht, das heißt, er hat das Wissen eines Sachverhalts als Vertrautheit mit einem einzelnen, nicht weiter aufzuschlüsselnden Gegenstand, als Kennen eines isolierten Objekts aufgefasst. Er hat dort aber bereits die Schwierigkeiten des Atomismus erkannt und damit gegenüber seiner mittleren Schaffensperiode einen Fortschritt erzielt. Erst später hat er im Dialog Sophistes die atomistische Position überwunden.[79]

Unwissenheit und Mäeutik

Oft diskutiert wird in der Forschung das Paradox des sokratischen Nichtwissens: Platons Sokrates betont seine eigene Unwissenheit, er behauptet „unfruchtbar“ zu sein und nichts „als das Seinige“ vorzubringen, erhebt aber zugleich den Anspruch, anderen mit der Mäeutik bei der Erkenntnissuche wirkungsvoll beistehen zu können. Bei der Deutung dieser Aussagen ist zu beachten, dass es unterschiedlich enge Definitionen des Begriffs „Wissen“ (epistḗmē) gibt. Wenn Sokrates von seiner eigenen Unfruchtbarkeit und Unwissenheit spricht, hat er eine sehr enge Definition im Sinn. Er denkt dann an ein unumstößliches Wissen im Sinne einer auf zwingender Beweisführung basierenden Wahrheitskenntnis. Nur ein solches Wissen, über das er nach seinen Worten nicht verfügt, könnte ihn befriedigen. Da er es nicht hat „gebären“ können, hält er sich für geistig unfruchtbar. Er kennt auch niemand, der es besitzt. Mit den Geburten, zu denen er anderen verhilft, meint er nur Ergebnisse, die er zwar für gut begründet und richtig hält, deren Richtigkeit er aber nicht beweisen kann. Diese Ergebnisse sind zwar wertvoll, stellen aber kein Wissen im strengen Sinn dar.[80]

Das philosophische Leben

Auffällig ist das in der Digression gezeichnete Bild eines weltfremden und radikal unpolitischen Philosophen, den Sokrates dort als vorbildlich darstellt. Die Haltung dieses Philosophen kontrastiert mit dem Eindruck von Sokrates’ eigener Lebensweise, den Platon in anderen Werken vermittelt. Dort erscheint Sokrates – für Platon das Ideal eines Philosophen – als kritischer, aber loyaler Staatsbürger. Der platonische Sokrates ist über die Entwicklungen im öffentlichen Leben gut informiert, kennt sich sowohl in der Politik als auch im Gerichtswesen und in der Rhetorik aus und hat sich Verdienste um das Gemeinwohl erworben. Daher ist die in der Digression gebotene Schilderung eines angesichts konkreter Herausforderungen hilflosen, sozial ahnungslosen Theoretikers erklärungsbedürftig. Einer Deutungsrichtung zufolge handelt es sich dabei um eine karikierende Darstellung, die keineswegs dem platonischen Ideal eines auch zur Staatslenkung befähigten Philosophen entspricht; vielmehr kritisiert Platon dieses Extrem einer unpraktischen Lebensführung.[81] Andere Forscher betrachten die Beschreibung des philosophischen Lebens in der Digression nicht als Karikatur, sondern als von Platon ernst gemeintes Konzept.[82]

Oft wird das Philosophenbild in der Digression im Sinne einer zwingenden Forderung nach Abkehr von der Alltagswelt gedeutet. Platon sei der Ansicht gewesen, ein Philosoph habe sich ausschließlich mit dem Allgemeinen zu befassen; das Einzelne, Besondere sei der Beachtung nicht wert und stelle nur eine Störung dar. Nach einer anderen Interpretation, die andere Texte Platons einbezieht, wertete er die Beschäftigung mit dem Besonderen neutral: Er verwarf sie nicht, sondern meinte, dass sie den Philosophen beim Streben nach seinem Ziel weder fördere noch behindere, sofern sie ihn nicht davon ablenke.[83]

Die angebliche Selbstwiderlegung des Relativismus

Ein oft erörtertes Thema der Forschung ist das von Platons Sokrates gegen den Relativismus vorgebrachte Argument, er sei logisch selbstwiderlegend. Diese Kritik an der relativistischen Erkenntnistheorie ist in der Fachliteratur unter der englischen Bezeichnung „exquisite argument“ bekannt; daneben wird auch die von Sextus Empiricus eingeführte Bezeichnung peritropḗ („Umschwung“) verwendet. Das Argument wird seit Platon in verschiedenen Abwandlungen angeführt und in Diskussionen über den Skeptizismus erörtert. Im Theaitetos richtet es sich gegen eine Lehre, die dort auf Protagoras zurückgeführt wird. Der Gedankengang lautet zunächst:[84]

P: Jedes Urteil ist für den Urteilenden wahr (Behauptung des Protagoras).
P’: Viele urteilen, dass P falsch sei.
C: Da P’ nach P wahr ist, ist P falsch.

In dieser Form ist das Argument fehlerhaft, da der Schluss C unzulässig ist. In C liegt eine Aussage über die absolute Geltung von P vor. Eine solche wird aber im relativistischen Konzept ausgeschlossen: P soll nur für den jeweils Urteilenden wahr sein. Dennoch wird im Argument eine überindividuelle Geltung von Aussagen stillschweigend unterstellt und damit ein scheinbarer Selbstwiderspruch der Gegenposition konstruiert.

Diesem Einwand gegen das Argument kommt Sokrates zuvor, indem er darauf hinweist, dass die Gegner des Relativismus, die P für falsch halten, ihre eigene Position für objektiv richtig halten.[85] Ihre Meinung über die Richtigkeit ihrer Position ist aber auch ein Urteil, auf das P anwendbar ist, und daher nach P nicht weniger zutreffend als P. Das Argument lautet somit:

P: Jedes Urteil ist für den Urteilenden wahr.
P’’: Viele urteilen, dass das Urteil, P sei falsch, nicht nur für den Urteilenden, sondern auch an sich wahr sei.
C: Da das Urteil P’’, die Falschheit von P sei an sich wahr, tatsächlich von jemand gefällt wird, ist es nach P nicht weniger zutreffend als P selbst. Demnach ist P selbstwiderlegend.

Hier wird allerdings derselbe Fehler wie in der einfacheren Fassung des Arguments begangen, denn auch die Behauptung, P sei an sich falsch, ist in einem relativistischen Modell nur für diejenigen wahr, die dieses Urteil fällen. Somit ist die These des Protagoras rein logisch betrachtet nicht selbstwidersprüchlich. Sie ist gegen Widerlegung immun. Allerdings ist Protagoras inhaltlich außerstande, für den Relativismus einen höheren Wahrheitsgehalt zu beanspruchen als den, den er auch nichtrelativistischen Positionen zubilligen muss. Die Konsequenzen aus diesem Sachverhalt sind so gravierend, dass nach einer Forschungsmeinung die Argumentation des Sokrates die Befürworter des Relativismus zumindest in beträchtliche Schwierigkeiten bringt.[86]

Die mathematische Untersuchung

Wurzelschnecke

Nach der Darstellung im Dialog hat Theodoros geometrisch gezeigt, dass die Quadratwurzeln aus den nichtquadratischen natürlichen Zahlen von 3 bis 17 irrational sind, und Theaitetos hat diese Entdeckung verallgemeinert. Wie Theodoros den Beweis führte, ist nicht überliefert;[87] in der Forschung wird sogar bezweifelt, dass es sich tatsächlich um einen mathematischen Beweis handelt. Holger Thesleff, der eine schon 1941 von Jakob Heinrich Anderhub vorgetragene Idee aufgreift, meint, Theodoros habe seine Annahme nicht bewiesen, sondern nur anhand einer Konstruktion zeichnerisch demonstriert, und er habe bei 17 abbrechen müssen, weil die spiralförmige Zeichnung nur für 17 Dreiecke Platz bietet. Es handelt sich um die zur Konstruktion von Wurzeln verwendete „Wurzelschnecke“, die „Rad des Theodorus“ oder „Spirale des Theodorus“ genannt wird.[88]

Im Dialog behauptet Theaitetos, ihm und Sokrates dem Jüngeren sei eine Verallgemeinerung des Satzes seines Lehrers Theodoros gelungen. Eine Reihe von Forschern meinen, diese Angabe sei im Kern historisch glaubwürdig, wenn auch von Platon in einer seinem literarischen Zweck dienenden Gestalt dargeboten. Anderer Ansicht ist Árpád Szabó. Nach seiner Hypothese war Theaitetos nicht der Entdecker der verallgemeinerten Geltung des Satzes, sondern hat sich nur naiv eingebildet, einen wesentlichen Beitrag zur mathematischen Forschung geleistet zu haben. In Wirklichkeit hat ihn sein Lehrer im Unterricht zu einer Erkenntnis angeleitet, die ihm – Theodoros – und anderen Mathematikern längst geläufig war.[89] Gegen diese Ansicht wendet sich Myles Burnyeat. Er hält an der traditionellen Deutung fest, wonach der Darstellung im Dialog zu entnehmen ist, dass Theaitetos eine echte Forschungsleistung vollbracht hat, und diese Leistung eine historische Tatsache ist.[90]


Büste Platons (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München)

Entstehung

Chronologisch wird der Theaitetos nach stilistischen Kriterien noch zur mittleren Gruppe der Dialoge Platons gezählt, doch unter inhaltlichem Gesichtspunkt gehört er eher schon zum Spätwerk. Man kann ihn daher einer Übergangsphase zwischen diesen beiden Schaffensperioden des Philosophen zuweisen, während die beiden anderen Dialoge der Trilogie, der Sophistes und der Politikos, unter die späten Werke eingeordnet werden.[91] Vermutlich fällt der Abschluss der Arbeit am Theaitetos in die frühen 360er Jahre.[92]

Möglicherweise hat Platon den Prolog, der die Rahmenhandlung enthält, überarbeitet. Den Anlass zu dieser Vermutung bietet eine Bemerkung eines unbekannten Kommentators, der wohl in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. tätig war. Er berichtet, dass zu seiner Zeit auch eine andere, „eher frostige“ Fassung des Prologs im Umlauf war. Zwar hielt der Kommentator die überlieferte Fassung für die allein authentische, doch ist in der Forschung die Möglichkeit erwogen worden, dass beide Prologe von Platon stammen. Die meisten Befürworter dieser Hypothese halten die überlieferte Version für die jüngere. Sie bietet jedenfalls nach dem heutigen Forschungsstand den definitiven Text.[93]


Eine Randbemerkung auf einer Seite der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Theaitetos-Handschrift, des Codex Clarkianus

Textüberlieferung

Die antike Textüberlieferung besteht aus einigen auf Papyrus geschriebenen Fragmenten aus der römischen Kaiserzeit. Das älteste stammt aus dem 2. Jahrhundert, das jüngste aus dem 5. oder 6. Jahrhundert.[94] Ferner bietet der Anfang eines Kommentars zu dem Dialog, der in einer Papyrus-Handschrift aus dem 2. Jahrhundert erhalten ist, eine Reihe von Lesarten, die für die Textkritik relevant sind.[95]

Die älteste erhaltene mittelalterliche Theaitetos-Handschrift wurde im Jahr 895 im Byzantinischen Reich für Arethas von Caesarea angefertigt.[96]

Rezeption

Antike

Über die Nachwirkung des Theaitetos in der Antike ist relativ wenig bekannt. Die Spärlichkeit der Belege kann aber auf die ungünstige Überlieferungslage zurückzuführen sein und erlaubt nicht die Folgerung, dass die Thematik auf geringes Interesse stieß.

Platons Schüler Aristoteles muss den Theaitetos gekannt haben, wie einigen Anspielungen bei ihm zu entnehmen ist, doch ist nicht überliefert, wie er dieses Werk aufgefasst hat.[97]

Der Begründer der Stoa, Zenon von Kition, scheint bei der Formulierung seiner Erkenntnislehre Material aus dem Theaitetos aufgegriffen zu haben, das er allerdings als Gegner des Platonismus in unplatonischem Sinn verwertete.[98]

In der Epoche der Jüngeren („skeptischen“) Akademie, die zwischen 268 und 264 v. Chr. begann und bis ins frühe 1. Jahrhundert v. Chr. dauerte, wurde der Theaitetos anscheinend bei den Akademikern besonders geschätzt, da er ihren erkenntnistheoretischen Skeptizismus stützen konnte. Es fehlt aber an zeitgenössischen Belegen für eine solche Rezeption.[99]

In der Tetralogienordnung der Werke Platons, die anscheinend im 1. Jahrhundert v. Chr. eingeführt wurde, gehört der Theaitetos zur zweiten Tetralogie. Der Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios zählte ihn zu den „prüfenden“ Schriften und gab als Alternativtitel Über das Wissen an. Dabei berief er sich auf eine heute verlorene Schrift des Gelehrten Thrasyllos.[100]


Ein Fragment des Theaitetos-Kommentars in dem ägyptischen Papyrus Berlin, Staatliche Museen, P. 7982 (2. Jahrhundert)

Aus der Epoche des Mittelplatonismus (1. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) liegen nur wenige Belege für die Nachwirkung des Theaitetos vor. Der frühe Mittelplatoniker Eudoros von Alexandria, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte, befasste sich in seinem nur fragmentarisch erhaltenen Werk Einteilung der Lehre der Philosophie mit dem Ziel des ethischen Handelns. Dabei griff er den in der Digression des Theaitetos vorgetragenen Gedanken der „Angleichung an Gott im Rahmen des Möglichen“ auf.[101] Das weitaus umfangreichste Zeugnis für die mittelplatonische Theaitetos-Rezeption ist ein Kommentar, dessen Anfang – die Kommentierung von etwas über einem Fünftel des Dialogtextes – erhalten geblieben ist. Diese Schrift ist vermutlich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. – jedenfalls nicht früher – entstanden und stellt somit den ältesten aller erhaltenen Platon-Kommentare dar. Der Verfasser ist ein unbekannter Mittelplatoniker. Er verteidigt seine Interpretation des kommentierten Textes gegen andere Deutungen und erwähnt mit impliziter Zustimmung die Argumentation von Platonikern, die sich gegen stoische Kritik am Platonismus wenden. Außerdem bekämpft er eine Theaitetos-Interpretation, der zufolge dieser Dialog eine erkenntnistheoretische Skepsis Platons belegt. Von den Vorschlägen, den anonymen Kommentator mit Eudoros von Alexandria, Albinos oder Alkinoos zu identifizieren, hat sich keiner in der Forschung durchgesetzt.[102] Plutarch befasste sich in der ersten seiner zehn Platonischen Fragen mit der Mäeutik. Er stellte und beantwortete dort die Frage, warum die Gottheit Sokrates anwies, als Geburtshelfer für andere zu fungieren, aber ihm eigene Fruchtbarkeit versagte.[103] Der Mittelplatoniker Alkinoos, der vermutlich im 2. Jahrhundert lebte, behandelte in seinem Lehrbuch (didaskalikós) der Grundsätze Platons das Ziel der Angleichung an die Gottheit. Er ging auch auf die Überlegungen des platonischen Sokrates zum Verhältnis von Erinnerung und Meinung ein und erwähnte dabei den Vergleich des Gedächtnisses mit einem Wachsblock.[104]

Die Angleichung an Gott als Ziel fand auch außerhalb des Platonismus Anklang. Der einflussreiche Aristoteliker Alexander von Aphrodisias ging darauf ein. Er befand, es sei das höchste Gut für den Menschen, der Gottheit ähnlich zu werden. Dies werde den Denkern durch die Betrachtung und die Erkenntnis des Wahren, die durch den Beweis zustande komme, zuteil. Solche Betrachtung werde zu Recht göttlich genannt, wenn man das betrachte, was am ehrwürdigsten sei.[105]

Auch die Neuplatoniker, eine im 3. Jahrhundert entstandene, in der Spätantike den philosophischen Diskurs dominierende Richtung, griffen Überlegungen aus dem Theaitetos auf. Sie beschäftigten sich vor allem mit Metaphysik, mit der religiösen Dimension des Platonismus und mit der Thematik der philosophischen Lebensweise. Daher war für sie die Digression im Theaitetos von besonderem Interesse. Die dort von Platons Sokrates erhobene Forderung, ein Philosoph solle sich auf die Aufgabe konzentrieren, der Gottheit möglichst ähnlich zu werden, fiel auf fruchtbaren Boden.[106] Sie wurde schon von Plotin, dem Begründer des Neuplatonismus, erörtert.[107] Iamblichos († um 320/325), der für den spätantiken Neuplatonismus eine wegweisende Rolle spielte, ließ in seiner Philosophenschule den Theaitetos als fünften der zwölf aus seiner Sicht wichtigsten Dialoge Platons studieren, wie der Verfasser der anonym überlieferten spätantiken Prolegomena zur Philosophie Platons berichtet.[108] Der berühmte Neuplatoniker Proklos (412–485), der die Philosophenschule in Athen leitete, kommentierte den Theaitetos, doch ist von seiner Beschäftigung mit dem Dialog nur wenig bekannt.[109]

In der römischen Kaiserzeit wurde Platons Ideal der Angleichung an Gott im Rahmen des Möglichen nicht nur von paganen Platonikern vertreten, sondern fand auch bei christlichen Autoren Anklang. Der stark vom Platonismus beeinflusste Kirchenvater Clemens von Alexandria, der im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert tätig war, zitierte die einschlägige Theaitetos-Stelle oft und sah darin einen Beleg für die Nähe des Platonismus zum Christentum.[110] Auch in die patristische Literatur der Spätantike fand das Motiv Eingang. Im 4. Jahrhundert griff der Kirchenvater Ambrosius von Mailand Platons berühmte Formulierung auf.[111] Beachtung fand bei den Kirchenvätern auch die in verschiedenen Versionen kursierende Thales-Anekdote.[112]


Der Anfang des Theaitetos in der Erstausgabe, Venedig 1513

Mittelalter und Frühe Neuzeit

Im Mittelalter war der Theaitetos manchen byzantinischen Gelehrten zugänglich, doch bei den lateinischsprachigen Gelehrten des Westens und im arabischsprachigen Raum war er unbekannt. Im Westen wurde er erst im Zeitalter des Renaissance-Humanismus wiederentdeckt. Die erste lateinische Übersetzung erstellte der Humanist Marsilio Ficino. Er veröffentlichte sie 1484 in Florenz in der Gesamtausgabe seiner Platon-Übersetzungen und machte den Dialog damit einem breiteren Lesepublikum zugänglich. Der Übersetzung stellte er eine Einleitung (argumentum) voran, aus der hervorgeht, dass er den Text durchweg als Darstellung von Platons eigener Lehre auffasste. Er betonte, dass der Körper keinerlei Beitrag zur Erkenntnis leisten könne. Der „Wachsblock“ sei in der Seele, nicht im Körper; er dürfe nicht mit dem Gehirn gleichgesetzt werden.[113]

Die Erstausgabe des griechischen Textes erschien im September 1513 in Venedig bei Aldo Manuzio als Teil der ersten Gesamtausgabe der Werke Platons. Der Herausgeber war Markos Musuros.

In den folgenden Jahrhunderten zeigten die Philosophen relativ wenig Interesse am Theaitetos. Gottfried Wilhelm Leibniz fertigte 1676 eine lateinische Zusammenfassung des Dialogs an.[114] George Berkeley ging in seiner 1744 publizierten Schrift Siris mehrmals auf Stellen in dem antiken Werk ein. Er fand darin eine Vorwegnahme von Grundsätzen seiner eigenen empiristisch geprägten Erkenntnistheorie.[115]

Moderne

Philosophische Aspekte

In der Moderne hat das anfänglich relativ geringe Interesse am philosophischen Gehalt des Werks seit dem frühen 20. Jahrhundert stark zugenommen. Paul Shorey äußerte 1933 die Meinung, man könne den Theaitetos als den gedankenreichsten Dialog Platons betrachten.[116] Als Meilensteine der Erforschung des Theaitetos gelten die 1935 publizierte Untersuchung von Francis Macdonald Cornford über die Erkenntnistheorie Platons[117] und der Kommentar von Myles Burnyeat (1990).[118]

Das Interesse der Philosophiehistoriker gilt hauptsächlich dem erkenntnistheoretischen Ertrag des Werks. Einem breiteren gebildeten Publikum sind in erster Linie der Abschnitt über die Hebammenkunst und die Digression über die philosophische Lebensform mit der Anekdote über Thales bekannt. Sie gehören zu den berühmtesten Passagen in Platons Gesamtwerk.[119]

Der Philosoph Victor Cousin veröffentlichte 1824 eine französische Theaitetos-Übersetzung. Er verteidigte sein metaphysisches Modell gegen empiristische und sensualistische Kritik und griff dabei auf die Argumentation des platonischen Sokrates im Theaitetos zurück.[120]

Der Neukantianer Paul Natorp äußerte sich 1903 in seiner Monographie Platos Ideenlehre. Er befand, der Gedankengang im Theaitetos sei „zwingend und unmittelbar überzeugend“, wenn man „des inneren Planes der Schrift sich einmal bemächtigt hat“. Nach Natorps Verständnis verwendete Platon, als er die Bestimmung des Wissens als wahre Meinung mit Erklärung untersuchte und verwarf, den Begriff dóxa („Meinung“) nicht im Sinne von „Urteil“, sondern im Sinne von „Vorstellung“. Der antike Denker bekämpfte den Dogmatismus der „wahren Vorstellung“, dem zufolge es nur darauf ankommt, eine gegebene Vorstellung mit gegebenen Dingen in die richtige Beziehung zu setzen, damit aus der „richtigen“ oder „wahren“ Vorstellung Erkenntnis wird. Natorp meinte, der Dialog enthalte eine tief angelegte, „für alle Zeit grundlegende Kritik der Sinnlichkeit“. Platon habe „klar die Bewusstseinseinheit als Grundfunktion der Erkenntnis ausgesprochen“. Er habe erkannt, dass das Bewusstsein die allgemeinen Bestimmungen wie Sein und Nichtsein, Identität und Verschiedenheit nicht mit Hilfe körperlicher Organe, sondern durch sich selbst auffasse. Die Erkenntnis beruhe auf den Relationsurteilen des von Platon als „Seele“ bezeichneten Bewusstseins.[121]

Ferdinand C. S. Schiller veröffentlichte 1908 den Aufsatz Plato or Protagoras?, in dem er die Verteidigung der Auffassung des Protagoras im Theaitetos untersuchte. Er sah darin die authentische Position des antiken Sophisten, den er als frühen Humanisten und Vorläufer seines eigenen Pragmatismus betrachtete. Aus moderner Sicht habe sich der Ansatz des Protagoras als richtig erwiesen, Platons Kritik daran sei verfehlt.[122]

Für Martin Heidegger zählte der Theaitetos zu den wenigen Dialogen, die ihm die Textbasis für seine Interpretation der Philosophie Platons lieferten. Im Wintersemester 1931/1932 setzte er sich in einer Freiburger Vorlesung eingehend mit dem Werk auseinander. Dabei nahm er nicht die Haltung des „bloßen Lesers“ ein, sondern die eines mitfragenden Zuhörers. Heidegger meinte, es sei ein gravierendes Missverständnis, die Leitfrage „Was ist das Wissen?“ als Frage nach der Wissenschaft aufzufassen. Es handle sich auch nicht um eine erkenntnistheoretische Frage, sie beschränke sich nicht auf das Wissen als theoretische Erkenntnis und Beschäftigung der Gelehrten. Platons Thema sei vielmehr das „den ganzen Bereich und die Weite menschlichen Verhaltens durchherrschende und haltende und zugleich vielfältige Sich-auskennen“. Dazu gehöre auch „Wissen“ im Sinne von Ausdrücken wie „Jemand weiß sich zu benehmen“ oder „Er weiß sich durchzusetzen“. Gefragt werde, wie „der Mensch selbst in seinem Grundverhalten, dem Sich-auskennen in den Dingen, sich selbst nehmen will und soll, (...) wenn er ein Wissender sein soll“. Damit werde in einem ursprünglichen Sinn nach dem Menschen gefragt, und diese Frage sei „ein Angriff des Menschen auf sich selbst und sein vorläufiges Beharren im zunächst Geläufigen und seine Versessenheit auf das fürs erste Genügende“.[123] Es gehe um Wissen als Besitz von Wahrheit. Allerdings habe Platon Wahrheit und Unwahrheit als Richtigkeit der Aussage und Unwahrheit als deren Unrichtigkeit aufgefasst. Damit habe er die Einsicht verbaut, „daß und wie zum Wesen der Wahrheit die Unwahrheit gehört“. Wahrheit sei Unverborgenheit des Seienden. Unwahrheit bestehe im „Verstellen des Aussehens“ des Seienden, wobei aber das Seiende nicht schlechthin verborgen werde, denn es zeige sich ja. Es sei ein „Sich-verbergen im und durch das Sich-zeigen“, und das sei das Scheinen: eine Unverborgenheit, die „zugleich in sich, und zwar wesensmäßig, Verborgenheit“ sei.[124]

Ludwig Wittgenstein nahm in seinen ab 1936 entstandenen, aber erst 1953 postum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen auf den „Traum“ des platonischen Sokrates Bezug. Er identifizierte die dort eingeführten Urelemente, die „einfachen Bestandteile, aus denen sich die Realität zusammensetzt“, mit den „Gegenständen“ in seiner eigenen Terminologie und mit den „individuals“ bei Bertrand Russell.[125] In seiner Auseinandersetzung mit den Thesen des platonischen Sokrates problematisierte Wittgenstein den Begriff „zusammengesetzt“ als Gegenteil von „einfach“, der unterschiedlich definiert werde; man müsse sich erst über die Definition verständigen. Die These des Sokrates, man könne den Urelementen weder Sein noch Nichtsein beilegen, brachte Wittgenstein mit der Muster-Funktion von Elementen in Zusammenhang. Ein Muster sei ein Instrument der Sprache und als solches nicht ein Dargestelltes, sondern ein Mittel der Darstellung im Sprachspiel. Diese Überlegung veranschaulichte Wittgenstein mit dem Beispiel der Länge des Urmeters. Man könne über das Urmeter weder sagen, es sei 1 m lang, noch es sei nicht 1 m lang. Der Grund dafür sei dessen „eigenartige Rolle im Spiel des Messens mit dem Metermaß“. Analoges gelte für die Elemente des Sprachspiels, beispielsweise das „R“.[126] In seinem „Blauen Buch“ kritisierte Wittgenstein die Vorstellung des platonischen Sokrates, man müsse, um sich über die Bedeutung einer allgemeinen Bezeichnung klar zu werden, das gemeinsame Element in allen Anwendungen der Bezeichnung finden. Diese Vorstellung wirke bei philosophischen Untersuchungen hemmend. Man übergehe dann wie Sokrates konkrete Fälle als irrelevant, obwohl allein solche Fälle helfen könnten, den Gebrauch der allgemeinen Bezeichnung zu verstehen.[127]

Bertrand Russell behandelte das Verhältnis von Erkenntnis und Wahrnehmung nach dem Theaitetos ausführlich in seiner Philosophie des Abendlandes (A History of Western Philosophy, 1945). Er trug Argumente gegen die von Platons Sokrates geforderte Trennung von Wahrnehmung und Erkenntnis vor. Schlüssig sei die Beweisführung des Sokrates nur für die formalen Erkenntnisse in Logik und Mathematik, die nicht aus der Wahrnehmung abgeleitet seien.[128]

Karl Popper, ein scharfer Kritiker Platons, bezeichnete den Theaitetos als großartigen Dialog. Er zählte ihn zu einer Gruppe von Dialogen, deren Gedankengut eher dem historischen Sokrates zugehöre als Platon.[129]

Paul Feyerabend befürwortete in seiner Schrift Erkenntnis für freie Menschen den im Theaitetos dargestellten und bekämpften Relativismus. Feyerabend befand, der Relativismus von Platons Protagoras sei vernünftig und klug, da er eine Vielzahl von Traditionen und Werten beachte und keine objektiven Wertsätze einführe. Er sei auch zivilisiert, da Protagoras nicht annehme, „dass das winzige Dorf, in dem man wohnt, am Nabel der Welt liegt und dass seine seltsamen Sitten Maßstäbe für die ganze Menschheit sind“.[130]

Hans-Georg Gadamer nannte den Theaitetos einen der schwierigsten und tiefsinnigsten Dialoge Platons. Er werde wie das Grundbuch der antiken Erkenntnistheorie gelesen, doch sei der moderne Begriff der Erkenntnistheorie von dem Primat des Bewusstseins und Selbstbewusstseins bestimmt und weise damit in eine ganz andere Richtung als die Überlegungen im Theaitetos. Gadamer betonte die Bedeutung des Umstands, dass Sokrates in diesem Dialog mit Mathematikern diskutiert. Er meinte, man könne die Gesprächsführung des Sokrates, die Anwendung der „Hebammenkunst“ sowie das Verhalten von Theodoros und Theaitetos besser verstehen, wenn man die mathematische Denkweise als Hintergrund berücksichtige.[131]

Hans Blumenberg veröffentlichte 1987 seine Untersuchung Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie. Darin nahm er die Anekdote vom Sturz des Thales in der Digression des Theaitetos zum Ausgangspunkt. Er thematisierte den Gegensatz zwischen dem Theoretiker Thales und der Thrakerin mit ihrem Misstrauen gegen die „theoretischen Umtriebe“ und ihrem Lachen über den „Rückschlag der Theorie auf ihren Betreiber“. Dieses Grundverhältnis werde nicht aus der Welt verschwinden, „selbst wenn eines Tages die Vermehrung der Theoretiker zu ihrer Mehrheit ausarten sollte“. Die modernen Erzeuger des Produkts „Theorie“ seien viel komischer als ihr antiker Urahn Thales. Auch sie würden ihre „Thrakerinnen“ finden, wo sie sie nicht erwarteten.[132]

Die im Theaitetos erörterte Irrtumsthematik ist für die moderne Analytische Philosophie unter dem Gesichtspunkt der logischen Problematik interessant, die sich bei irrigen Identitätsannahmen („false identity beliefs“) ergibt. Dabei geht es um Kombinationen von Aussagen des Typus (1) Sokrates glaubt (irrtümlich), dass die Person, die er in der Ferne erblickt, Theaitetos sei (obwohl es in Wirklichkeit Theodoros ist); (2) Sokrates glaubt, Theodoros sei Theaitetos; (3) Sokrates kennt sowohl Theodoros als auch Theaitetos sehr gut; (4) Sokrates glaubt nicht, Theodoros sei Theaitetos. Wenn sich die Annahme in (1) auf die Personen bezieht, auf die sie sich nach der Ansicht des Sokrates bezieht (die erblickte Person und Theaitetos), dann folgt (2) aus (1). (1) und (3) können zugleich wahr sein. Wenn aber (3) der Fall ist, folgt aus (3) die Aussage (4), also das Gegenteil von (2). Die Ursache des Problems scheint darin zu liegen, dass die Richtigkeit der Aussage (5) „Die Annahmen des Sokrates beziehen sich auf das, worauf sie sich nach seiner Ansicht beziehen“ unterstellt wird. Ob daher (5) falsch ist, wie Logiker der Gottlob Frege folgenden Richtung meinen, ist strittig.[133]

Literarische Aspekte

Der einflussreiche Platon-Übersetzer Friedrich Schleiermacher äußerte sich 1805 über die literarische Qualität anerkennend. Er befand, die „gleichförmig durchgeführte Bauart des Ganzen und der einzelnen Teile“ sei wunderbar kunstvoll.[134]

1919 tadelte der renommierte Gräzist und Platon-Kenner Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff die Komposition des Dialogs, die er für unausgearbeitet hielt. Die Digression zeichne sich durch Fülle und Glanz aus und sei schön eingerahmt, ein Teil des Dialogs sei reichbewegt und witzig, doch im Schlussteil seien lange Strecken dürr und farblos. Dort dozierte Sokrates trotz seiner Behauptung, nur Helfer für die Entbindung fremder Gedanken zu sein. Das Werk mache einen unfertigen Eindruck.[135]

Die neueren Urteile über die literarische Qualität sind meist positiv ausgefallen. 1974 befand Olof Gigon, das Zusammenspiel von Sokrates, Theodoros und Theaitetos sei mit überlegener Kunst gestaltet. Die beiden Mathematiker seien daran, ebenbürtige Partner des Sokrates zu werden.[136] Auch Ernst Heitsch (1988) äußerte sich lobend. Er meinte, man gewinne erst beim zweiten Lesen einen Blick für die kunstreiche Anlage des Dialogs. Allerdings sei die Gesprächsführung außerordentlich verwickelt und schwerlich sogleich zu durchschauen. Gerade auch als literarische Komposition bedürfe der Theaitetos der Erläuterung.[137] Michael Erler (2007) stimmte Heitsch zu, er hielt die Komposition ebenfalls für durchdacht.[138]

Ausgaben und Übersetzungen

Ausgaben (teilweise mit Übersetzung)

  • Alexander Becker (Hrsg.): Platon: Theätet. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-27009-7 (Abdruck der Ausgabe von Auguste Diès, Paris 1926, ohne den kritischen Apparat, mit einer von Becker überarbeiteten Fassung der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und einem Kommentar von Becker)
  • Gunther Eigler (Hrsg.): Platon: Werke in acht Bänden. Bd. 6, 4. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5, S. 1–217 (Abdruck der kritischen Ausgabe von Auguste Diès mit der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 2. Auflage, Berlin 1818)
  • Winifred F. Hicken (Hrsg.): Theaitetos. In: Elizabeth A. Duke u. a. (Hrsg.): Platonis opera, Bd. 1, Oxford University Press, Oxford 1995, ISBN 0-19-814569-1, S. 277–382 (maßgebliche kritische Edition)
  • Ekkehard Martens (Hrsg.): Platon: Theätet. Durchgesehene und ergänzte Ausgabe, Reclam, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-15-006338-5 (unkritische Ausgabe mit Übersetzung)

Übersetzungen

  • Otto Apelt: Platon: Theätet. In: Otto Apelt (Hrsg.): Platon: Sämtliche Dialoge, Bd. 4, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1156-4 (mit Einleitung und Erläuterungen; Nachdruck der 4. Auflage, Leipzig 1923)
  • Rudolf Rufener: Platon: Spätdialoge I (= Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, Bd. 5). Artemis, Zürich/München 1974, ISBN 3-7608-3640-2, S. 3–124 (mit Einleitung von Olof Gigon S. XI–XXVI)
  • Friedrich Schleiermacher: Theaitetos. In: Erich Loewenthal (Hrsg.): Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden, Bd. 2, unveränderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17918-8, S. 561–661


Info: https://de.wikipedia.org/wiki/Theaitetos

Seite 2 von 240

< 1 2 3 4 5 .. 10 .. 20 .. 30 .. 100 .. 200 .. 210 .. 220 .. 230 .. 237 238 239 240 >
Diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahren Sie alles zum Datenschutz ok