Ein Tag in Eisenhüttenstadt...
aus e-mail von Doris Pumphrey, vom 31. Mai 2025, 9:16 Uhr
Berliner Zeitung 30.5.2025
*Ein Tag in Eisenhüttenstadt:
„Wir waren doch die Wohlstandsfestung der DDR“
*Eisenhüttenstadt ist die erste nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete
Kommune, die „erste sozialistische Planstadt“. Nach der Wende kam die
Krise, heute lebt sie wieder auf. Eine Reportage.
Diese Stadt unterscheidet sich von jeder anderen. Das fiel mir zunächst
bei zwei kurzen Besuchen auf, ohne dass ich das „Anders-Sein“ von
Eisenhüttenstadt in Worte oder gar Begriffe fassen konnte. Daher wollte
ich es endlich genau wissen.
Will man etwas Unklares wirklich begreifen und sogar durchdringen, so
sagte ich mir, muss man vor Ort sein, sehen, hören und mit den Menschen
sprechen. So mache ich mich mit dem Auto von Berlin kommend auf den Weg.
Auf der A 12, noch vor der ungleich größeren Stadt Frankfurt/Oder und
der Abbiegung auf die Bundesstraße macht die kleine Gemeinde mit einem
braunweißem Autobahnschild auf sich aufmerksam: „Planstadt
Eisenhüttenstadt“.
Dann fahre ich in die Kommune meiner Neugier. Wieder stellt sich sofort
das starke Empfinden ein, etwas ganz Außergewöhnliches zu sehen, ein
Eindruck, der mir bei westdeutschen Städten in dieser eigentümlichen
Form selten begegnet ist. In der Erich-Weinert-Straße parke ich, genannt
nach einem tapferen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und
einem der ersten Schriftsteller der noch sehr jungen DDR. Schnell
entdecke ich die nach ihm benannte Grundschule, die wie die sechs für
die Stadt typische Wohnkomplexe, als Quadrate angeordnet, Freundlichkeit
ausstrahlt. Kopfsteinpflaster davor, mondäne Architektur, Balkon, viel
Grün, heller Anstrich.
Die Schule feierte vor kurzem ihren 70. Geburtstag; sie steht unter
Denkmalschutz. Die Sekretärin, mit der ich schnell ins Gespräch komme,
sagt: „Ich lebe seit Geburt hier und gerne, alles ist großzügig
angelegt.“ Die Kinder eilen an uns vorbei in die Schule; heute läuft ein
Zirkus-Projekt, da will niemand zu spät sein.
*Der typische Lebenslauf eines Stahlwerkers
*Gegenüber an einem Imbiss treffe ich auf einen Rentner, der früher hier
zur Schule ging und in einem anderen Wohnkomplex zu Hause ist. Er
erzählt mir seinen typischen Lebenslauf eines Stahlwerkers dieser Stadt:
„Ich bin 1966 eingeschult, mein Vater war beim EKO.“ Alle nennen es hier
EKO, das Eisenhüttenkombinat Ost, den alles dominierenden Arbeitgeber.
„Ich war Elektriker und Dreher und arbeitete als Zerspaner im
Kaltwalzwerk, dann musste ich rüber ins Stahlwerk.“ Hier stehen die
einstigen Fundamente noch heute. Er habe im 5. Wohnkomplex gewohnt, dort
lebt er auch heute noch, „ich zog und ziehe hier niemals weg.“ Damals
zahlte er 71 Mark Miete, heute sind es 570 Euro. Jeder Komplex hatte
hier eine Schule, Kita und HO plus Konsumladen, „es funktionierte
alles.“ Der Vater kam nach dem großen Krieg aus dem polnischen Guben,
und da Arbeit Pflicht war, fand er wie Tausende andere gut bezahlte
Beschäftigung in der neu aufgebauten Stadt, wo früher nur Kiefern standen.
*Mustersiedlung mit attraktiven Löhnen
*Eisenhüttenstadt ist die erste nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete
Kommune, die „erste sozialistische Planstadt“, weil man unbedingt Stahl
produzieren musste und den enormen Vorteil des westdeutschen
Ruhrgebietes nicht vorweisen konnte. Was wir nicht vergessen sollten: In
Ostdeutschland wurde kurz nach dem Krieg fast die gesamte Eisen- und
Stahlindustrie demontiert und als Reparation in die Sowjetunion überführt.
Ab 1950 wurde gebaut; damals hieß die Stadt bis 1961 noch Stalinstadt.
Hier entdeckten die Genossen und Architekten günstige Verbindungen nach
Ost und West, auf Wasserwegen, Straßen und abenteuerlichen
Schienensträngen. Die Bauherren stellten das Hüttenwerk mit dem
Stahlkocher mitten in den verwehten Forst und in versumpfte Wiesen und
versprachen sich dadurch Unabhängigkeit von Thyssen Stahl.
Hier wurden durch Erz aus der Sowjetunion und Steinkohle aus Polen
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/polen> eigene Formen gegossen,
die Produkte flossen zumeist den Bruderländern zu. Die Regierung schuf
eine Mustersiedlung mit attraktiven Löhnen, zentralem Boulevard, das für
damalige Verhältnisse geradezu luxuriös war: Kino, Kulturpalast,
Krankenhaus, Autoladen und Theater. Stalinstadt nannte sich mit großem
Stolz „Stadt ohne Vergangenheit“. Das hinderte aber nicht, Alleen nach
Puschkin, Heine, Thälmann und Lenin zu benennen. Eindrucksvoll sind die
vielen Grünflächen, die zwischen den Wohnkomplexen für Ruhe und
Gelassenheit sorgen. Es war auch vom Durchschnittsalter eine junge
Stadt, schon 1955, fünf Jahre nach Baubeginn, lag der Altersdurchschnitt
bei 23 Jahren. Die neue Kommune avancierte schnell zur kinderreichsten
in der DDR.
In den Sommertagen fuhren die jungen Städter in ein eigenes Ferienheim:
Haus Goor in Putbus auf Rügen. Die sonst bekannte Mangelwirtschaft gab
es in Eisenhüttenstadt kaum, jedenfalls in der Glanzzeit bis Ende der
70er-Jahre. Für viele stellte die schnell hochgezogene Stadt ein
intaktes DDR-Museum unter freiem Himmel dar. Die Erbauer und Architekten
schlossen sich den Ideen des sozialen Wohnungsbaus der 20er-Jahre an,
stehen also in der Tradition von Bruno Taut und Walter Gropius. Stadt
und Landschaft sollten eine harmonische Einheit bilden und die Bewohner
sich in einem vergleichsweise großen sozialen Raum zu Hause fühlen. Und
wenn ich heute mit den Einwohnern spreche, sind sie unbedingt „stolz“
auf ihre kleine Stadt. Eine ältere Frau sagt mir: „Wir waren doch die
Wohlstandsfestung der DDR.“
*EKO war Kernpunkt der Stadt
*Hauptpunkt der damals jüngsten deutschen Stadt war das EKO. Stadt und
Werk gehören bis heute zusammen. Während die Arbeitssuchenden aus vielen
Orten der jungen Republik in die entstehende Modellstadt strömten, wurde
in Rekordzeit das EKO hochgezogen: Hochofenwerk, Stahlwerk, Walzwerk,
Gießereien und Großschmiede. Das war die Hütte, das war lange das alles
bestimmende Arbeitsleben. Der ganze Stolz der Stahlarbeiter symbolisiert
ihr Lied des Aufbruchs: „Die Presslufthämmer gingen, sie schlugen Schlag
auf Schlag. Und um des Menschen Lippen ein stolzes Lächeln lag.“ Eine
bekannte Zeichnung von Oskar Nerlinger „Der Bauingenieur“ zeigt in
Schwarz-Weiß einen selbstbewussten Mann in Arbeitskleidung; seine rechte
Hand in die Hüfte gestemmt, der Blick ist klar. Die Hochöfen liefen Tag
und Nacht, das Schichtsystem machte es möglich.
Abends, wenn noch Kraft und Zeit blieb, lockten Gaststätten, das
Friedrich-Wolf-Theater und natürlich Tanz. Es gab Grünflächen für die
Jüngsten und kleine Haine zum Flanieren. Es entstand sogar eine breite
Volksbewegung, die „1000 Bäume für Stalinstadt“ beschafften und das nur
in zwei Jahren.
So gehe ich durch Straßen mit vielen begrünten Flächen und erreiche das
Museum „Utopie und Alltag“. Vor diesem steht selbstbewusst eine
gusseiserne Weltkugel. Das Dokumentationszentrum, früher ein
Kindergarten, wird hier nur DOK genannt und widmet sich seit 1993 der
DDR-Kultur- und Alltagsgeschichte. Viel erfährt man über das Leben in
der Planstadt. Die Ausstellungen sind vielschichtig: Die bekannte
Fotografin Helga Paris wurde hier genauso gewürdigt wie die Themen
Werbung, Freizeit und Urlaub in der einstigen Republik.
*Herausforderungen der Stadt nach der Wende
*Mit so vielen Eindrücken gestärkt eile ich ins Rathaus. Ein großes
Relief von Werktätigen erobert sofort meinen Blick. Bürgermeister Frank
Balzer (SPD), seit 2018 im Amt, empfängt mich fröhlich in seinem Büro.
Mein Vater hatte mich einst gelehrt: „Erkenne den Menschen an ihren
Augen.“ Und ich sehe beim ersten Mann der Stadt Witz, Schalk und
Freundlichkeit. „Ich bin ein Kind dieser Zeit“, sagt er, damit das
erstmal klar ist. Natürlich hat auch er im EKO gearbeitet, so wie sein
Vater auch. Ein übergreifendes Generationsthema – eindrucksvoll. „Das
Werk und die Stadt sind eine Symbiose eingegangen.“ So habe sich die
Kommune „im Sekunden Takt mit dem riesigen Werk mitentwickelt.“
1982 sei die österreichische Riesenfirma VOEST eingestiegen und konnte
das EKO weiterentwickeln. Ein Warmwalzwerk wurde gebaut, man war hier an
der Oder konkurrenzfähig. Rund 11000 Arbeiter und Arbeiterinnen
schufteten dort kurz vor der Wende; einige im Haus der Gewerkschaft, in
der Polytechnik und sogar im Kulturhaus.
Ich verstehe nicht, warum die Genossen diesen verbindlichen Mann für den
kommenden September bei der Wahl nicht mehr aufstellen: Besser als
Balzer kann man diese Stadt nicht vermitteln. Und der Fröhliche holt
aus: „Wir wollten ja den neuen Menschen schaffen. Wir hatten viel Zuzug,
bekamen Wohnung, Kitaplatz und guten Lohn. Wir hatten bereits früh
Warmwasser und Heizung. Bückware gab es bei uns auf dem Ladentisch.“
Allerdings gab es in den 80er-Jahren, wie überall in der Republik, die
ersten Engpässe.
Als die Wende kam, vergrößerten sich die Herausforderungen dramatisch.
Von 54.000 Einwohnern schrumpfte die Zahl auf heute rund 24.000.
Insbesondere junge Menschen sahen keine Perspektive mehr. Es entstanden
riesige Personalabbauprogramme, sodass man von einst 11.000 rund 2500
Mitarbeiter unter neuen Eigentümern erhalten konnte. Man muss diese
Dimensionen verstehen, um zu begreifen, warum heute so viele Menschen in
der Region vom Staat ernüchtert und enttäuscht sind. „Eisenhüttenstadt“,
so betont der Bürgermeister, „musste sich neu erfinden.“ Die Zuschüsse
fielen, ähnlich wie die Unterstützung für West-Berlin, plötzlich fast
gänzlich weg. Es entstand ein riesiger Leerstand im Wohnungsbestand, und
der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe reiste oft nach
Eisenhüttenstadt, um den Ratlosen Mut zu machen. „Für viele Bewohner
dieser Stadt“, sagte er damals, „ist das EKO leider nur noch Erinnerung
an den ehemaligen Arbeitsplatz.“ Viele lebten in diesen 90er-Jahren
praktische Solidarität mit Kollegen vor. „Davor ziehe meinen Hut“, sagte
Stolpe.
*Die Privatisierung gelang
*Die Privatisierung gelang schließlich, dank einer Kraftanstrengung von
Stadt, Land, EU und privater Wirtschaft. Inzwischen, so sagt es der
Bürgermeister Balzer, werden wieder erfolgreich Fachkräfte angeworben.
„Ich sage ausdrücklich Danke zu jenen, die hiergeblieben und
zurückgekommen sind und die sich für die Stadt engagieren.“ Es gebe noch
marode Schulen und Turnhallen. Bei fünf Fördermittelanträgen sei man
rausgeflogen, die Stadt fühle sich schon von der Potsdamer
Landesregierung vernachlässigt. Bei diesen Worten denke ich an Ernst
Reuters Rede kurz nach dem Krieg, der die Welt aufrief, Berlin nicht
allein zu lassen. „Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt.“ Das
wünsche ich mir im etwas kleineren Format auch für Eisenhüttenstadt.
Balzer ist stolz, dass zwei Filme vor einigen Jahren in seiner Stadt
gedreht wurden und bekannter machten: „Und der Zukunft zugewandt“ mit
Alexandra Maria Lara, Robert Stadlober und Stefan Kurz sowie „Das
fliegende Klassenzimmer“ nach einem Roman von Erich Kästner. Balzer
verabschiedet mich mit einer Ermutigung: „Schauen Sie. Wir sind nach der
Wende viel heller geworden, es gab einen neuen Anstrich. Dafür hat die
Wohnungsbaugesellschaft gesorgt. Solidarität kannten wir immer schon.“
Nach dem Abschied fahre ich langsam nach Hause, langsam aus der
einstigen Planstadt. Und ich denke: Was für eine kurze, intensive
Geschichte einer Kommune. Es hat inzwischen zu regnen angefangen. Aber
das kann jetzt nichts trüben. Denn ich spüre noch etwas Entscheidendes,
sage es plötzlich laut und nun kann ich es auch schreiben: Ja, diese
Stadt ist schön.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.





Quelle: Legion-media.ru © Sipa 








