Tag der Bundeswehr: Abenteuer und Romantik für Kinder und Jugendliche
aus e-mail von Doris Pumphrey, vom 1. Juli 2025, 19:05 Uhr
Berliner Zeitung 1.7.2025
*Kinder in Panzern: So war der Tag der Bundeswehr in Neubrandenburg
*Am Tag der Bundeswehr inszeniert sich die Armee als Abenteuerspielplatz
für kleine und große Kinder. Unser Autor hat mitgebaggert und
mitgeschossen.
Kevin Gensheimer
Auf einem gepanzerten Fahrzeug steht ein Bobbycar. Davor steht eine
Familie und schaut sich die Konstruktion belustigt an. Das Kind trägt
einen Sportbeutel mit Flecktarnmuster auf dem Rücken. Dort steht:
„Unterwegs zu meinen Stärken“. Ein paar Meter weiter befindet sich eine
Hüpfburg, ebenfalls in Tarnfarben. Direkt daneben findet die Hundeshow
statt. Am Ende des Geländes der Tollense-Kaserne in Neubrandenburg gibt
es eine Vorführung der Panzergrenadiere im Angriff. Willkommen beim Tag
der Bundeswehr!
Im August vergangenen Jahres schrieb ich, dass ich nicht bereit sei, für
Deutschland zu kämpfen. Schon damals waren Debatten über Aufrüstung in
aller Munde. Seitdem hat sich noch mal einiges zugespitzt. Die Jusos
haben sich am vergangenen Wochenende beim SPD-Parteitag mit
Verteidigungsminister Boris Pistorius auf einen neuen Wehrdienst
geeinigt, „der auf Freiwilligkeit beruht und sich am schwedischen
Wehrdienstmodell orientiert“. Wohlgemerkt: Dieser Dienst beruht laut
Koalitionsvertrag nur „zunächst“ auf Freiwilligkeit. Außerdem haben sich
die Nato-Staaten vor wenigen Tagen auf das Fünf-Prozent-Ziel geeinigt.
Ab 2035 sollen jährlich fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts
für Verteidigung und Sicherheit ausgegeben werden.
Die Bundeswehr rüstet also auf – und braucht dafür Personal. 60.000
Soldaten zusätzlich brauche die Bundeswehr, so Pistorius. Um das
durchzusetzen, hilft nicht nur Geld für Kriegsmaterial allein, sondern
auch Werbung für das deutsche Militär. Der Tag der Bundeswehr ist dafür
die beste Gelegenheit. An zehn Standorten im ganzen Land lädt die
deutsche Armee in Kasernen ein, um Kriegsmaterial wie Panzer, Waffen und
Flugzeuge zu präsentieren. Hier soll die Bundeswehr erfahrbar gemacht
werden: erlebnisorientiert und kinderfreundlich.
*Tag der Bundeswehr 2025: „Gefechtsromantik“ in Neubrandenburg
*In der Tollense-Kaserne, in Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern,
gibt es am Samstagmorgen eine Vorführung der Panzergrenadiere im
Angriff. Auf einem angrenzenden Feld, dem sogenannten Bienenacker, zeigt
die 41. Panzergrenadierbrigade, was sie so kann. Die Besucher auf der
Tribüne – vor allen Dingen sind hier Familien mit Kindern anwesend –
bekommen Ohrstöpsel gereicht, die sie sich vor Beginn der Show in die
Ohren stecken müssen. Über Bildschirme wird gezeigt, wie man die
Schaumstoffstücke richtig in die Ohren einführt.
Vor der Tribüne ist ein Graben präpariert, der von dem Pionierpanzer
Dachs freigeschaufelt wird. Danach rollen die Schützenpanzer Marder
darüber. Drohnen sausen durch die Luft. Mit Pyrotechnik, präparierten
Rauchwolken und Kampfgeräuschen vom Tonband wird eine Gefechtssituation
simuliert. „Wer sich für Teamgeist interessiert, der ist bei der
Panzergrenadierbrigade genau richtig“, sagt der Kommentator während der
Vorführung über die Lautsprecheranlage. Nach der Show, wenige Minuten
später, schießen drei Eurofighter über das Gelände. Sie sind extra vom
Flughafen Rostock-Laage für diese Vorführung gestartet. Nur ein paar
Sekunden sieht man sie am Himmel ehe sie wieder hinter den Wolken
verschwinden.
Mir wird vom Presseteam der Bundeswehr angeboten, dass ich heute nicht
nur zuschauen, sondern auch selbst ausprobieren kann. Wenn ich möchte,
könne ich mal schießen, sogar im Panzer dürfe ich mitfahren. Zunächst
aber laufe ich durch einen Graben, der extra für den heutigen Tag
ausgehoben wurde und uns den Alltag an der Front simulieren soll. Von
„Gefechtsromantik“ spricht ein Soldat im Graben. In einem Kampfstand
treffe ich einen anderen Soldaten, der seine Uniform trägt und sich
sogar extra für heute Tarnschminke ins Gesicht geschmiert hat. Ich will
von ihm wissen, wie lange man braucht, um einen solchen Kampfstand zu
bauen. „Nach Vorschrift: zwei Mann, acht Stunden“, sagt er, „aber für
heute haben wir uns einen Bagger geliehen.“
Die Bagger stehen ein paar Meter weiter, denn auch diese können heute
ausprobiert werden. Davor ist eine lange Schlange, hauptsächlich stehen
dort Familienväter mit ihren kleinen Söhnen, die gerne selbst mal
baggern wollen. Heute geht das. Auch ich darf mich in das Fahrzeug
setzen. Ein Bundeswehrsoldat erklärt mir, wie man die Baumaschine
steuert. Dann schaufle ich Sand vom einen Ende der Grube in das andere
und vor lauter Baggern vergesse ich für einen kurzen Moment, dass es bei
der Bundeswehr neben baggern und buddeln vor allen Dingen ums Töten geht.
Auch als ich im Panzer bin, dem GTK Boxer, und mir während der Fahrt mit
geöffneten Luken auf dem matschigen Acker der Wind um die Nase weht,
fühlt sich die Bundeswehr auf einmal nicht mehr wie eine Armee an, für
die man im Zweifel sein Leben lässt, sondern wie ein großes Abenteuer,
bei dem man mit Helm und Sonnenbrille im gepanzerten Gefährt wie bei
Kabel eins durch Matsch driftet. Vielen geht es wahrscheinlich so wie
mir. Die Station ist so gut besucht wie kaum eine andere an diesem Tag.
Kein Wunder: Hier dürfen Kinder ab 13 Jahren mitfahren.
*„Talent Scout“ der Bundeswehr: VIP-Tickets für Kinder ab 16 Jahren
*Panzerfahren macht hungrig. Hier beim Tag der Bundeswehr gibt es
Klassiker der Feldküche auch für Zivilisten. Erbsensuppe mit Würstchen
oder gegrilltes Fleisch und Bratwurst stehen auf der Speisekarte. Zur
Erfrischung werden mir die Getränke der Marke Julimond gereicht.
Tafelwasser, Roter Nektar und Zitroneneistee gibt es zur Auswahl. Die
Getränke von Julimond, so sagt man mir, kenne jeder Soldat. Im
Internetforum Reddit wird Julimond als die „Muttermilch des Dienstherrn“
bezeichnet.
A propos Muttermilch: Kleine Kinder sind auf dem Tag der Bundeswehr
omnipräsent. Das liegt vor allen Dingen am breiten Angebot für die
Allerkleinsten. Hier gibt es Hüpfburgen, Kletterwände und Trampoline. In
einem Sandkasten können die Kleinen auf Minensuche gehen – oder sich
daneben von einem Soldaten erklären lassen, in welchen Haushaltsgeräten
man Sprengfallen installieren kann: zum Beispiel in einem Laptop, in
einem Drucker oder in einer Mikrowelle.
Wer hingegen ein bisschen älter ist, der konnte sich im Vorfeld des Tags
der Bundeswehr für die Talent Scouts bewerben. „VIP-Experience bei der
Bundeswehr“ – so wurde das Programm für junge Menschen angeworben.
„Einmal Grenadier sein! In Neubrandenburg wirst du zum fitten
Allrounder! Steige in unsere modernen Panzer und drehe eine
Kasernenrunde.“ Die Jugendlichen, die eine VIP-Einladung gewonnen haben,
werden an diesem Tag von einem Soldaten über das Gelände begleitet und
bekommen Einblicke in den Soldatenalltag. Junge Menschen zwischen 16 und
20 Jahren konnten sich für das Programm bewerben.
Das Schießen mit dem Gewehr hingegen ist ab 18 Jahren. Zum ersten Mal in
meinem Leben halte ich eine Waffe in der Hand, wenn auch nur eine
präparierte, mit der man lediglich auf eine Projektion zielt. Auch hier
ist der Andrang groß. In einem verdunkelten Raum ist die Schießanlage
aufgebaut, bei der vier Personen gleichzeitig mit dem Sturmgewehr G36
hantieren können. Ein Soldat erklärt mir das Standardgewehr der
deutschen Bundeswehr, das vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geriet,
als bei Tests festgestellt wurde, dass die Genauigkeit des G36s
nachlässt, wenn es heißgeschossen ist.
Das G36 liegt erstaunlich leicht in der Hand und ist wirklich
kinderleicht zu bedienen. Ein Soldat zeigt mir kurz, wie es
funktioniert, dann geht es auch schon los: Auf eine Zielscheibe, die auf
einen Spiegel projiziert ist, richte ich das Gewehr und gebe zehn Schuss
ab. Das Gerät funktioniert mit Luftdruck und soll den Rückstoß eines
echten G36 zu 80 Prozent imitieren. Am Ende habe ich 72 von 1oo
möglichen Punkten erreicht. Das sei „gar nicht so schlecht“, erklärt mir
der Soldat.
Zum Ende meines Besuchs schaue ich am Talent Truck vorbei. Hier können
sich junge Menschen über Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr
informieren. Flyer für das Kommando Spezialkräfte (KSK), die Ausbildung
zum Piloten, Praktika ab 15 Jahren und zivile Ausbildungsberufe kann man
sich hier mitnehmen. Ich spreche einen 17-jährigen Schüler an, der sich
für die Ausbildung zum Koch interessiert und mir von seinen schlechten
Schulnoten berichtet. Jetzt wolle er lieber einen Beruf lernen und am
liebsten bei der Bundeswehr. Der Mitarbeiter vom Karriere-Truck erklärt
ihm, dass man gerade in der Feldküche dringend mehr Personal benötigt.
Über ein Online-Tool solle er sich doch mal bewerben.
Ich gehe mit positiven Gefühlen aus der Kaserne, die nach all den
spaßigen Eindrücken erst auf der Autofahrt nach Berlin allmählich ins
Gegenteil umschlagen. Für einen kurzen Moment hat man beim Tag der
Bundeswehr nämlich den Eindruck, die Bundeswehr sei ein ganz normaler
Arbeitgeber, wie die Kreissparkasse oder die Autowerkstatt um die Ecke.
Um die Brutalität des Krieges geht es hier kaum, sondern darum, junge
Menschen mit Spiel, Spaß und Action zur Verpflichtung zu bewegen. Der
Plan scheint aufzugehen: Der Tag der Bundeswehr fühlt sich an, wie ein
aufregender Ausflug – bis man sich fragt, wohin diese Reise eigentlich geht.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.













