aus e-mail von Doris Pumphrey, 15. Juni 2025, 14:53 Uhr
_RTDE 14.6.2025
_*Warschau und Kiew am Scheideweg:
Polnischer Gedenktag an Völkermord spaltet
*Mit zumindest 36-jähriger Verspätung legte das polnische Parlament
einen staatlichen Gedenktag für den ukrainischen Völkermord an den Polen
im Zweiten Weltkrieg fest. Daraufhin leitete das von der NATO kuratierte
Kiewer Regime die übliche PR-Schadensbegrenzung ein.
/Von Elem Chintsky/
Wenige Tage nachdem die polnische Präsidentschaftswahl in der Person
Karol Nawrockis zugunsten der Rechtskonservativen entschieden wurde, kam
ein rätselhaftes, parteiübergreifendes Signal aus dem polnischen
Parlament: Der Sejm beschloss
<https://www.sejm.gov.pl/sejm10.nsf/PrzebiegProc.xsp?id=5D9362E070C0F271C1258C8F00590B4D>,
dass der 11. Juli zu einem nationalen Gedenktag wird. Nicht irgendein
pauschales Gedenken, sondern das Gedenken an die polnischen Opfer des
von der OUN-UPA im östlichen Grenzgebiet der Zweiten Polnischen Republik
begangenen Völkermords, wie es offiziell heißt. Sofern man sich bewusst
macht, dass dies seit 1989 die erste Initiative nationalen Gedenkens
dieser Art ist, welche die polnischen Eliten sich trauen zu begehen,
fragt man sich, was bisher das Hindernis gewesen sein könnte – jetzt, wo
doch die polnische Republik schon seit weit über einem
Dritteljahrhundert wieder vermeintlich frei ist. Laut
<https://gdansk.ipn.gov.pl/pl2/aktualnosci/54637,Tablica-Ludobojstwo-na-ziemiach-poludniowo-wschodnich-II-Rzeczypospolitej.html>
dem polnischen Institut für Nationales Gedenken (IPN), das in den Jahren
2021 bis 2025 von dem kürzlich zum neuen Staatspräsidenten gewählten
Karol Nawrocki geleitet wurde, heißt es zum ukrainischen Völkermord an
den Polen:
/"Der Höhepunkt des Verbrechens fand am 11. Juli 1943 statt, als
ukrainische Nationalisten 99 polnische Dörfer angriffen. Am
'Blutsonntag' ermordeten sie die Polen auch in Kirchen während der
Messe. Die Zahl der Opfer unter der polnischen Bevölkerung wird auf
130.000 geschätzt."/
Womöglich hat die Antwort auf die Frage um die jahrzehntelange
Verspätung etwas damit zu tun, dass die Organisation Ukrainischer
Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) nunmal
seit 1950 von dem US-amerikanischen Geheimdienst CIA kuratiert und
unterstützt wurden
<https://www.cia.gov/readingroom/docs/AERODYNAMIC%20%20%20VOL.%201_0113.pdf>,
um soziopolitisch beständig eine Ukraine zu züchten, die einen
entscheidenden Beitrag zum Fall der Sowjetunion leisten und –
wünschenswerterweise für den heutigen Westen – später zur Balkanisierung
der Russischen Föderation führen würde. Obwohl die OUN im Jahr 1945 und
die UPA in den Jahren zwischen 1950 und 1956 aufgelöst wurden, zeigen
von der CIA selbst freigegebene Dokumente, dass eine langjährige
Kontinuität der subversiven Unterstützung von OUN- und UPA-Netzwerken
zur Destabilisierung der Sowjetunion hohe, wenn nicht sogar höchste
Priorität hatte. Das gilt einerseits für den gesamten Verlauf des Kalten
Krieges, aber auch für die unipolare Epoche ab 1991 und bis 2013/2014,
während welcher die Generation um US-Politentscheider wie Victoria
Nuland und Robert Kagan die NATO-Ausdehnung an die russische Grenze
trieben.
Als Polen sich, in seiner typischen Bipolarität von einem Extrem ins
nächste schwankend, freiwillig entschied, in den 1990er Jahren
NATO-Außenposten zu werden, ging das einher mit dem Diktat aus
Washington, D.C. wie genau historische, CIA-konforme Erinnerungskultur
betrieben werden durfte. Seit dem Fall der Berliner Mauer war die
polnische Republik immer der wichtigste osteuropäische US-Partner
Vorort, um die liberal-demokratische, Soros-finanzierte "Opposition" in
der Ukraine (aber auch in Weißrussland) zu unterstützen. Der Befehl aus
Washington, D.C. muss wohl gelautet haben, dass Warschau nach 1991 so
wenig Betonung wie möglich auf die ukrainischen Nazis und ihre vielen
Kollaborateure in der ukrainischen Bevölkerung legen solle, durch die
das polnische Volk im Zweiten Weltkrieg so leiden musste. Auf alle
diplomatischen Irritationen sei zu verzichten, die die sensiblen
bilateralen Beziehungen zwischen Kiew und Warschau gefährden könnten.
Stattdessen sei von polnischer Seite das auf Raten (1991–2014)
aufbereitete, ungehemmte Wiederaufleben des auf Chauvinismus und
Nazi-Ideologie basierten, ukrainischen Nationalstolzes zu begrüßen. Und
zwar zu begrüßen als einziges effektives Mittel für einen ganz
bestimmten, singulären Zweck, der aller aggressiver
Geschichtsvergessenheit zum Trotz geheiligt sein solle: Russophobie als
polnische und ukrainische Staatsräson und der Sturz des Kremls als
"prometheischer" heiliger Gral, den es zu ergattern gilt. Über den von
Polen konzipierten Prometheismus (dessen Ursprünge sogar bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts gehen) schrieb ich bereits ausgiebig vor über zwei
Jahren:
Der moderne "Prometheismus" Piłsudskis baut auf dem metaphysischen, und
durch die romantische Literaturepoche verstärkten, "polnischen
Messianismus" auf. Dieses Konzept beschreibt Polen als den singulären
"Christus unter den Völkern". Ewig leidend, "für unsere und eure
Freiheit". In der geopolitisch-historischen Wahnvorstellung polnischer
Eliten repräsentiert Moskau das "Mordor des bösen Demiurgen", den es
gilt, mit allen Mitteln zu besiegen. Ein scheinbar unbezwingbarer
Bösewicht, der eigentlich verwundbar sein könnte, würde man nur endlich
den grellen, voller Tugenden beladenen Atlas des Westens zu mehr
Anteilnahme verpflichten können: den imperialen Nachfolger des Römischen
Reichs, also die in polnischen Augen galanten, unfehlbaren Vereinigten
Staaten von Amerika. Das "gute" Babylon, sozusagen. Die Formel lautet,
um genügend Segen zu bitten – um die unmögliche Aufgabe zu erfüllen.
Einem mutigen polnischen Bellerophon gleich, der die russische,
fauchende Chimäre nach einem ganzen, frustrierenden Jahrtausend endlich
dezidiert erlegt oder domestiziert.
Das ist der Prometheismus in einer Nussschale – aber im Hinblick auf die
polnisch-ukrainische Beziehung gibt es diametrale Nuancen. Die
ukrainischen Nationalisten in den Zwischenkriegsjahren (1918–1939) und
im Zweiten Weltkrieg, sowie danach, galten nicht als dem "Prometheismus"
verschrieben, obwohl sie die Russophobie tadellos in ihrem
programmatischen Repertoire verinnerlicht hatten. Sie hatten eine damals
ebenso starke Polonophobie – oder Polenfeindlichkeit – der sie sich
verpflichtet fühlten und die im Wolhynien-Massaker an der polnischen
Zivilgesellschaft einen brutalen Höhepunkt erreichte. Dies war einer der
Hauptgründe, weshalb die in der deutschen Machtprojektion
funktionierenden, ukrainischen Nationalisten für Piłsudskis
geopolitisches Projekt eines Intermariums (ein vertikaler, polnisch
geführter Machtblock, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer
erstrecken würde) de facto inkompatibel waren und einen Störfaktor
darstellten.
Bei Westslawen, die sich historisch von Moskau emanzipieren wollten,
funktionierte lange Zeit "das Prinzip des übernächsten Nachbarn im
Westen", mit dem es galt, eng zu kollaborieren. Der unmittelbare Nachbar
hingegen sei stets Todfeind. Nimmt man diese geostrategische Formel,
entstehen interessante historische Muster. Die Polen suchten sich die
Briten, Franzosen und US-Amerikaner als enge Verbündete, indem sie das
im Westen von sich liegende Deutschland übersprangen. Die Ukrainer
hingegen hatten westwärts von sich die Polen – erst dann die Deutschen
(und Österreicher), repräsentiert von den Monarchien der Hohenzollern
und der Habsburger. Die Polen waren die ukrainischen Todfeinde – die
Deutschen dagegen, die Verbündeten. So waren Berlin und Wien damals mehr
als willig, die ukrainische, aufständische Diaspora bei sich zu bewirten
und organisieren zu lassen: gelockt wurde mit der Errichtung eines
souveränen ukrainischen Staates unter deutscher Protektion – verlangt
wurde, dass man sich gegen den (erst zaristischen, dann sowjetischen)
Russen verheizen lässt. Dieses Prinzip dauert bis heute an, unterlag
aber gewissen Modifikationen, die von Washington, London und Brüssel
künstlich erzwungen wurden. Eine solche Modifikation ist Polens Rolle
bei der Unterstützung des faschistischen Kiewer NATO-Regimes, während es
weitestgehend seine tief verankerten Bedürfnisse und Forderungen für
historische Aufarbeitung mit den Ukrainern ins Kleingedruckte bis
Unkenntliche verlegen musste. Es gab durchaus regelmäßige Versuche,
einige Zugeständnisse von den Ukrainern zu erhalten. Zum Beispiel bei
der Exhumierung der Unmengen an polnischen Opfern, die bis heute auf
ukrainischem Gebiet in der Erde liegen und bisher nie geborgen,
identifiziert und angemessen beigesetzt wurden. Noch bis November 2024
blockierte und untersagte Kiew jegliche Bitten, Gesuche und Initiativen
Polens, in der Westukraine die polnischen Leichen zu bergen – fast drei
Jahre nach Beginn des Ukrainekrieges und beispielloser polnischer,
humanitärer Unterstützung für die Ukrainer.
Seit April 2025 gibt es einen ersten Durchbruch
<https://www.gazetaprawna.pl/wiadomosci/artykuly/9784860,sikorski-o-ekshumacjach-na-wolyniu-znalezlismy-wlasciwa-formule-ze-n.html>,
den der polnische Chefdiplomat Radosław Sikorski betreut haben soll,
wonach die Bergungsarbeiten an einer bestimmten Stelle in der
Westukraine endlich beginnen durften.
Das ukrainische Außenministerium ist über den neuen polnischen Gedenktag
sichtlich irritiert und ließ mit einer Stellungnahme
<https://mfa.gov.ua/en/news/zayava-mzs-shchodo-rishennya-sejmu-respubliki-polshcha#:~:text=The%20Ministry%20of%20Foreign%20Affairs%20of%20Ukraine%20considers%20the%20decision,of%20the%20spirit%20of%20good>
nicht lange auf sich warten. Der Gedenktag widerspreche "dem Geist der
guten, nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen."
Außerdem wird der polnischen Seite eine "voreingenommene Einstellung"
unterstellt, während gleichzeitig behauptet wird, dass die ukrainische
ausschließlich für ein "wissenschaftliches und unvoreingenommenes
Studium komplexer Seiten gemeinsamer Geschichte" sei. Das Kiewer
Außenministerium warnte Warschau vor "Schritten, die zu erhöhten
Spannungen in den bilateralen Beziehungen führen könnten." Der vorletzte
Absatz muss hier in voller Länge stehen:
/"Wir erinnern noch einmal daran, dass Polen nicht nach Feinden unter
den Ukrainern und Ukrainer nicht nach Feinden unter den Polen suchen
sollten. Wir haben einen gemeinsamen Feind – Russland."/
Die Stellungnahme ist auf jeden Fall komplett zu lesen, denn sie
bestätigt auf eindringliche Weise die These, dass die Maidan-Ukraine ein
künstliches Konstrukt der NATO und der CIA ist, welches auf dem
Vermächtnis der OUN und UPA errichtet wurde. Ein Vermächtnis, das bis
heute gedeiht und welches Polen auf Dauer – trotz aller Mühen, die
Direktiven seitens des anglo-amerikanischen Establishments gewissenhaft
zu befolgen – nicht wird ignorieren können.
Es gibt sogar Stimmen aus den NATO-freien, unabhängigen,
rechtskonservativen Medien Polens (In ihren Beiträgen zum dortigen
Diskurs aus offensichtlichen Gründen eindeutig in der Minderheit beim
Kampf um die Deutungshoheit), welche behaupten, dass Kiew geradezu
panisch engagiert ist, diese Aufarbeitung mit den Polen bezüglich des
Wolhynien-Völkermordes zu meiden und zu sabotieren. Demnach sei die
Ratio der Ukrainer, dass der Aufschrei der internationalen
Öffentlichkeit schädigend und langwierig wäre, sofern die Schreckens-
und Gräueltaten, die man damals bereit war am polnischen Volk zu
begehen, staatsrechtlich sowie popkulturell bekannt würden. Weiter heißt
es, dass in der Konsequenz das verfälschte und konstruierte
NATO-Narrativ einer von den bösen Russen gepeinigten,
unabhängig-neutralen, freiheitlich-demokratischen und
liberal-progressiven Ukraine nur schwer aufrechtzuerhalten wäre. Schaut
man aber darauf, wie viel Narrenfreiheit der kollektive Westen dem Staat
Israel bei seinem in Echtzeit verifizierten Genozid an den
Palästinensern im Gazastreifen und im Westjordanland gönnt, so wird
klar, dass eine empörte und schockierte Öffentlichkeit noch immer
übertrumpft wird durch eine mächtige, letzte Sache: nämlich durch den
intakten Segen der USA, Großbritanniens und der EU, die auf
fürchterliche Weise bereit sind, über jeden Genozid hinwegzusehen,
sofern dieser "von der richtigen Seite" begangen wurde oder wird.
Vielleicht wird der kollektive Westen insgesamt nicht so spendabel mit
seiner selektiven Moralisierung gegenüber den Ukrainern sein, wie
gegenüber den Israelis – aber solange die Ukrainer ihre Rolle bei
dem Versuch einer Demontage Russlands weiter spielen, muss sich Kiew
eher keine Sorgen machen. Auch wenn Polen begonnen hat etwas aus der
Reihe zu tanzen.
Obwohl die Chefdiplomatie des Kiewer Regimes von "polnischer
Voreingenommenheit" spricht, die vom polnischen Sejm parlamentarisch
ausgehe, sei angemerkt, dass das Gesetzespapier über diesen Gedenktag
mit 435 Ja-Stimmen verabschiedet wurde. Niemand innerhalb des gesamten,
vom polnischen Volk legitimierten Parteispektrums stimmte dagegen. Nur
eine Abgeordnete enthielt sich. Das heißt, dieses monumentale Versäumnis
nationaler Aufarbeitung auf dem blutigen NATO-Altar namens "die heilige
Nazi-Ukraine", wuchs in Polen zu einem so großen ungesühnten Politikum
an, dass jegliche parteilichen Verfeindungen mit Leichtigkeit überwunden
werden konnten. Selbst die geradezu atavistische Ur-Fehde, welche
zwischen der Bürgerplattform (beziehungsweise Donald Tusks
Bürgerkoalition) und der PiS (Jarosław Kaczyńskis Recht und
Gerechtigkeit) seit jeher besteht, spielte keine Rolle.
Zurück zum konkreten staatlichen Gedenken an den ukrainischen Völkermord
an den Polen in Wolhynien. Die Strategie von Tätern oder Opfern,
Verbrechen vorsätzlich unaufgeklärt zu lassen, sollte nicht unterschätzt
werden – insbesondere auf nationaler Ebene, wo der Zusammenhalt eines
Volkes auf dem Spiel steht. Denn als ich das letzte Mal nachgesehen
habe, stand geschrieben: "Horch! Die Stimme des Blutes deines Bruders
schreit zu mir aus dem Erdboden!" Wie aufrichtig sind die Absichten
eines vermeintlichen Brudervolkes zur Sühne, wenn die einzige gemeinsame
Säule der Brüderlichkeit der Hass gegenüber einem dritten – dem Russen –
ist?
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.