4. IPG: Thomas L. Friedmann: Das erschöpfte Land
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Naher Osten/Nordafrika
28.05.2025 | Thomas L. Friedman <https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/thomas-l-friedman/>
Das erschöpfte Land
Thomas L. Friedman ist Kommentator bei der New York Times mit
Schwerpunkt Außenpolitik. Er arbeitet seit 1981 für die Zeitung und
hat dreimal den Pulitzer-Preis erhalten. Er hat sieben Bücher
verfasst, unter anderem „Von Beirut nach Jerusalem“, für das er mit
dem National Book Award ausgezeichnet wurde.
ch habe gerade eine Woche in Israel verbracht. Auch wenn es auf den
ersten Blick so wirkt, als hätte sich seit dem 7. Oktober 2023 wenig
verändert – der zähe Krieg im Gazastreifen zieht sich unvermindert hin
–, so war diesmal doch etwas anders. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn
spürte ich dort eine neue Stimmung.
Noch ist es zu früh, um von einer breit angelegten
Anti-Kriegs-Bewegung zu sprechen – eine solche wird wohl erst
entstehen, wenn alle israelischen Geiseln zurückgekehrt sind. Aber es
gibt deutliche Signale: Immer mehr Israelis, von links über die
politische Mitte bis hin zu Teilen der Rechten, kommen zu dem Schluss,
dass dieser Krieg für Israel ein moralisches, diplomatisches und
strategisches Desaster ist.
Der ehemalige Premierminister Ehud Olmert schrieb: „Die israelische
Regierung führt derzeit einen Krieg ohne Ziel, ohne Planung und ohne
Aussicht auf Erfolg.“
Aus der politischen Mitte meldete sich der ehemalige Premierminister
Ehud Olmert mit einem Essay in der Zeitung Haaretz zu Wort. Darin
rechnet er mit Premierminister Benjamin Netanjahu und dessen Koalition
ab: „Die israelische Regierung führt derzeit einen Krieg ohne Ziel,
ohne Planung und ohne Aussicht auf Erfolg“, so Olmert. „Was wir in
Gaza tun, ist ein Vernichtungskrieg: wahllos, grenzenlos, grausam und
kriminell gegenüber der Zivilbevölkerung.“ Seine Schlussfolgerung:
„Ja, Israel begeht Kriegsverbrechen.“
Auch innerhalb der rechten Likud-Partei regt sich Kritik: Amit Halevi,
ein erklärter Kriegsbefürworter und Mitglied von Netanjahus Partei,
wurde nach seiner Gegenstimme zur Verlängerung der Notfall-Einberufung
von Reservisten aus dem Verteidigungs- und Außenausschuss der Knesset
ausgeschlossen. In einem Interview mit Yediot Ahronot sprach Halevi
Klartext: „Dieser Krieg ist ein Betrug. Man hat uns über seine Erfolge
belogen.“ Seit 20 Monaten führe Israel einen Krieg mit gescheiterten
Plänen – und die Hamas sei nach wie vor nicht besiegt.
Auf der linken Seite sprach Yair Golan, Vorsitzender der liberalen
Allianz „Demokraten“, im israelischen Rundfunk von einer drohenden
internationalen Isolation: „Israel droht ein Paria-Staat zu werden,
wie es einst Südafrika war, wenn wir nicht wieder anfangen, uns wie
ein normales Land zu verhalten.
Ein normales Land kämpft nicht gegen Zivilisten, tötet keine Babys als
Hobby und setzt sich nicht das Ziel, Bevölkerungen zu vertreiben.“ Auf
Kritik wegen seiner Wortwahl reagierte Golan mit einer Klarstellung:
Er richte sich nicht gegen das Militär, sondern gegen die Politiker,
die den Krieg aus Gründen fortsetzen, die nichts mehr mit Israels
Sicherheitsinteressen zu tun hätten.
Golan hat wohl ein unglückliches Wort gewählt, aber seine Warnung ist
berechtigt. Solange keine unabhängigen ausländischen Journalisten aus
Gaza berichten dürfen, bleibt das volle Ausmaß der Zerstörung
verborgen. Doch wenn der Krieg endet und Reporter frei berichten
können, wird der Schock über das menschliche Leid groß sein – für
Israel und für Jüdinnen und Juden weltweit.
Golan fordert daher: einen sofortigen Waffenstillstand, die
Rückführung der Geiseln, internationale – auch arabische – Truppen
nach Gaza, die Reste der Hamas später bekämpfen. Wer in einem Loch
steckt, sollte aufhören zu graben. Netanjahu aber gräbt weiter – aus
der Überzeugung, die Hamas durch Bomben zur Herausgabe der Geiseln
zwingen zu können, und weil ihm seine religiös-nationalistische
Koalition signalisiert hat: Stoppt der Krieg, ist seine Regierung am
Ende.
Der Preis dafür: täglich neue zivile Opfer in Gaza. Der
Haaretz-Militärexperte Amos Harel erklärt den Hintergrund vieler
Angriffe: „Viele Bombeneinsätze sind in Wirklichkeit Attentatsversuche
auf Hamas-Führer – oft während sie mit ihren Familien zusammen sind.
Diese Funktionäre leben nicht mehr in Privathäusern oder Wohngebäuden
– sie befinden sich in der Regel in überfüllten Zeltlagern mit
Tausenden von Zivilisten.
Selbst wenn das Militär mehrere Vorsichtsmaßnahmen ergreift, führen
diese Angriffe zu massenhaften Tötungen.“ Doch es ist nicht allein die
Zahl der toten Zivilistinnen und Zivilisten, die die Stimmung in
Israel kippen lässt. Es ist die Erschöpfung der Gesellschaft
insgesamt. Harel nennt Selbstmorde (die vom Militär nicht gemeldet
werden), zerbrechende Familien, ruinierte Existenzen. Die Regierung
verspricht derweil weiterhin den „Sieg“.
Der Krieg dringt bis in die Kinderzimmer vor. Die
Nachrichtensprecherin Lucy Aharish, die erste israelische Muslimin im
hebräischsprachigen Hauptprogramm, erzählte mir eine Geschichte über
ihren vierjährigen Sohn Adam. Während einer Gedenkminute für gefallene
Soldatinnen und Soldaten ertönte das charakteristische Sirenensignal.
Adam, auf dem Boden spielend, reagierte panisch und begann, seine
Spielsachen einzusammeln – bereit für den Schutzraum.
Aharish erklärte ihm: „Diese Sirene ist anders. Dafür stehen wir still
– zum Gedenken an Helden, die uns beschützt haben.“ Wenn Kinder
zwischen Sirenentönen unterscheiden lernen müssen – jenen, bei denen
man stehen bleibt, und jenen, bei denen man sich in Sicherheit bringen
muss –, dann dauert ein Krieg schon viel zu lange.
Auch in Gaza regt sich leiser Protest, trotz der Lebensgefahr durch
die Hamas.
Auch in Gaza regt sich leiser Protest, trotz der Lebensgefahr durch
die Hamas. Laut einer Umfrage des unabhängigen palästinensischen
Meinungsforschungsinstituts PSR in Ramallah unterstützen 48 Prozent
der Befragten die jüngsten Anti-Hamas-Proteste. Die Hamas wird sich am
Ende ebenso verantworten müssen. Sie griff am 7. Oktober 2023
israelische Grenzgemeinden an, provozierte damit die absehbare
israelische Reaktion – und opferte die eigene Zivilbevölkerung, um
internationale Sympathie zu gewinnen.
Ihre Führer versteckten sich in Tunneln oder im Ausland. Gaza ist
heute unbewohnbar, doch die Hamas verlangt weiter einen vollständigen
israelischen Rückzug und einen unbefristeten Waffenstillstand als
Preis für die Freilassung der Geiseln. Ein Pyrrhussieg – wäre die
Hamas erfolgreich, hätte sie alles zerstört, um den Status quo vom 6.
Oktober 2023 wiederherzustellen.
Paradoxerweise hat Netanjahu mit seinem brutalen Vorgehen das
„Widerstandsnetzwerk“ des Iran geschwächt. Libanon, Syrien, der Irak,
die Palästinensische Autonomiebehörde – sie alle wären heute offener
für eine Annäherung an Israel und die Abraham-Abkommen. Doch Netanjahu
nutzt diese historische Chance nicht. Er verweigert jegliche
Initiative in Richtung einer Zwei-Staaten-Lösung mit einer
reformierten Autonomiebehörde.
Stattdessen hält er an einer Koalition mit rechtsextremen Siedlern und
Ultraorthodoxen fest, die ihn nur stützen, solange ihre Interessen
gewahrt bleiben. Die Fragen, die mir Israelis stellten, wenn ich
Kritik an Netanjahu äußerte, waren bezeichnend: „Glaubst du, Trump
kann uns retten?“ – das wohl deutlichste Indiz für den Zustand einer
angeschlagenen Demokratie.
Nach meiner Rückkehr aus Israel hatte ich das Gefühl, dieselbe
politische Tragödie wie dort nun auf der „Hauptbühne“ zu sehen – in
den USA. Trump und Netanjahu bedienen sich derselben Methoden zur
Aushöhlung demokratischer Institutionen: Angriffe auf Justiz und Deep
State, Machtsicherung durch Polarisierung. Trump, um sich zu
bereichern und Eliten zu stärken. Netanjahu, um Korruptionsprozesse zu
entgehen und Macht an Siedler und Ultraorthodoxe zu übertragen.
Schon am Tag nach Netanjahus Wahlsieg 2022 schrieb ich: „Das Israel,
das wir kannten, ist verschwunden.“ Ich hoffe, ich lag falsch. Und ich
hoffe noch mehr, dass ich nicht bald dasselbe über Amerika schreiben
muss. Das Jahr 2026 wird entscheidend sein: Dann stehen in Israel
Wahlen an, und in den USA Zwischenwahlen. Alle, denen an Demokratie
und Anstand gelegen ist, haben bis dahin eine Aufgabe: Organisieren,
organisieren, organisieren – um die Macht zu gewinnen.
Denn nichts anderes zählt. Und alles steht auf dem Spiel.
Dieser Artikel erschien ursprünglich in The New York Times <https://www.nytimes.com/2025/05/27/opinion/israel-gaza-netanyahu.html>. <https://www.nytimes.com/2025/05/27/opinion/israel-gaza-netanyahu.html>
——
5. Die Zeit: Nahost: Greta Thunberg hat Israel nach gestoppter Hilfsaktion verlassen
https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-06/greta-thunberg-israel-schiff-hilfsgueter-gaza?dicbo=v2-K5T0Ydy
Nahost: Greta Thunberg hat Israel nach gestoppter Hilfsaktion verlassen
Ein Flugzeug soll Greta Thunberg über Frankreich nach Schweden
bringen. Acht weitere Aktivisten vom abgefangenen Schiff "Madleen"
verweigern offenbar die Ausreise.
Aktualisiert am 10. Juni 2025, 10:38 Uhr
Quelle: ZEIT ONLINE, Reuters, mks , jsp
Nach ihrer gestoppten Hilfsaktion für Gaza ist die schwedische
Aktivistin Greta Thunberg aus Israel ausgereist. Das israelische
Außenministerium veröffentlichte auf X ein Foto der Aktivistin im
Flugzeug. Dieses soll Thunberg demnach zunächst nach Frankreich und
dann nach Schweden bringen. Wie das Nachrichtenportal ynet berichtete,
unterzeichneten neben Thunberg drei weitere Aktivisten die notwendigen
Ausweisungsdokumente.
Andere Aktivistinnen des abgefangenen Schiffs Madleen sollen laut dem
Medienbericht vorerst in israelischer Haft bleiben. Acht von ihnen
hätten sich geweigert, die Ausweisungspapiere zu unterzeichnen.
Darunter sei auch die französische EU-Parlamentsabgeordnete Rima Hassan.
ynet zufolge sollen die acht verbliebenen Aktivisten so lange in einer
Haftanstalt in der Nähe des internationalen Flughafens Ben Gurion bei
Tel Aviv in Gewahrsam bleiben, bis sie das Formular unterzeichnen oder
maximal 96 Stunden nach ihrer Festnahme vergangen sind.
Die Madleen war vor gut einer Woche von Sizilien aus in See gestochen.
Thunberg und die anderen Aktivisten, darunter auch Yasemin Acar aus
Deutschland, wollten Hilfsgüter wie Babynahrung und medizinische Güter
in den Gazastreifenbringen. Zugleich wollten sie mit der Aktion
internationale Aufmerksamkeit auf die humanitäre Lage richten.
Die israelische Armee hatte das Segelschiff auf dem Weg in den
Gazastreifen am frühen Montagmorgen abgefangen – nach Angaben des
Bündnisses Freedom Flotilla Coalition rund 200 Kilometer von der Küste
des Gazastreifens in internationalen Gewässern. Am Montagabend war das
Schiff dann in der israelischen Hafenstadt Aschdod eingelaufen.
—
Für die sofortige Freilassung der "Freedom-Flotilla-Crew“
sende ich nachfolgend einen Textvorschlag:
poststelle@auswaertiges-amt.de <mailto:poststelle@auswaertiges-amt.de>
Betreff: Für die sofortige Freilassung der "Freedom-Flotilla-Crew"
und für den Schutz der deutschen Staatsbürgerin Yasemin Acar
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großer Sorge habe ich die Lage der zivilen Hilfsmission „Freedom
Flotilla“ verfolgt, insbesondere des Schiffes "Madleen", das sich mit
humanitärer Fracht, wie z.B. Babynahrung, Medikamenten und
Wasseraufbereitungssystemen auf dem Weg nach Gaza befand.
Begleitet wurde die Hilfsmission von 12 unbewaffneten, friedlichen
Zivilist*innen, unter ihnen die deutsche Staatsbürgerin Yasemin Acar.
Die Hilfsmission erfolgte im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht
und der UN-Seerechtskonvention.
Die "Madleen" befand sich in internationalen Gewässern und führte
ausschließlich Hilfsgüter mit sich.
Berichten zufolge wurde das Schiff von Drohnen überwacht, das
Navigationssystem gestört, die Sicherheit der Besatzung durch Beschuss
mit einer weißen Substanz akut gefährdet.
Alarmierend ist erfolgte Festsetzung aller 12 Aktivisten durch die
israelische Armee, die das Schiff mit militärischen Mitteln in
internationalen Gewässern gestoppt hat. Dies stellt eine Eskalation
und einen möglichen Bruch internationalen Rechts dar. Eine gewaltsame
Intervention gegen eine zivile Hilfsmission ist völkerrechtswidrig und
gefährdet Menschenleben.
Mehr als 200 europäische Parlamentarier*innen sowie UN-Expert*innen
haben den Schutz und die ungehinderte Passage der Hilfsmission
gefordert.
Auch die WHO warnt: Über 90 % der Menschen in Gaza leiden an Hunger
und unter akuter Nahrungsmittelknappheit.
Die Bundesrepublik Deutschland ist verpflichtet, ihre Staatsbürger zu
schützen und den humanitären Zugang zu ermöglichen.
Ich appelliere daher eindringlich an die Bundesregierung:
1.) Die Sicherheit von Yasemin Acar aktiv zu gewährleisten.
2.) Sich für die Freilassung aller 12 Aktivistinnen und Aktivisten der Madleen einzusetzen.
3. Die Mission, humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen, öffentlich zu unterstützen.
4. Völkerrecht und humanitären Zugang diplomatisch nachdrücklich einzufordern.
Bitte handeln Sie im Sinne von Völkerrecht, Menschlichkeit, Recht und Frieden!
Mit freundlichen Grüßen
N.N.
———
6. Amnesty International: Offener Brief zu Gaza: Prominente fordern Bundesregierung zum Handeln auf
https://www.amnesty.de/aktuell/deutschland-gaza-israel-offener-brief-forderungen-bundesregierung
Amnesty International: Offener Brief zu Gaza: Prominente fordern Bundesregierung zum Handeln auf
Aktuell Deutschland
04. Juni 2025
Offener Brief zu Gaza: Prominente fordern Bundesregierung zum Handeln auf
Täglich wird die Lage der Menschen in Gaza schlimmer: Mit ihren
Angriffen hat die israelische Armee zehntausende Zivilist*innen
getötet – Kinder, Ältere, Frauen, Männer. Der Hunger breitet sich in
Gaza aus, Kinder und Babys sterben. Es ist eine beispiellose,
menschengemachte humanitäre Katastrophe. Und die deutsche Politik
macht sich mitschuldig, weil sie nicht die nötigen Konsequenzen zieht.
Deswegen hat sich Amnesty International gemeinsam mit über 60
prominenten Personen des öffentlichen Lebens in einem offenen Brief an
die Bundesregierung gewandt. Mit dabei sind Enissa Amani, Sandra
Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl und Kurt Krömer.
Initiiert hat die Aktion Said Atris Hashemi, ein Hinterbliebener des
Anschlags von Hanau. Wir fordern unter anderem, dass die
Bundesregierung Rüstungsexporte nach Israel aussetzt und sich für
einen sofortigen Waffenstillstand und ungehinderten Zugang zu
humanitärer Hilfe einsetzt.
Unterzeichne den Brief auf weact.campact.de <https://weact.campact.de/petitions/stoppt-die-kriegsverbrechen-in-gaza>
——
Lies hier den vollständigen Brief <https://www.amnesty.de/sites/default/files/2025-06/Offener-Brief-Deutschland-Gaza-Israel-Forderungen-an-Bundesregierung-Juni-2025.pdf> mit unseren Forderungen:
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr geehrter Herr Vizekanzler Klingbeil,
sehr geehrter Herr Außenminister Wadephul,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
sehr geehrte Mitglieder des Bundestages,
viele Bürgerinnen und Bürger dieses Landes empfinden eine tiefe Scham
angesichts der deutschen Positionierung im Nahostkonflikt. Laut
Umfragen kritisieren 80 Prozent der Bevölkerung das militärische
Vorgehen Israels in Gaza und 60 Prozent sprechen sich gegen
Waffenlieferungen nach Israel aus.
Wir schreiben Ihnen daher mit großer Bestürzung angesichts der
anhaltenden humanitären Katastrophe im Gazastreifen und der Rolle
Deutschlands in diesem bewaffneten Konflikt, für den der
Internationale Gerichtshof bereits vor 17 Monaten ein "reales und
unmittelbares" Risiko eines Genozids für plausibel beschied.
International renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
warnen bereits seit dem 15. Oktober 2023 vor einem möglichen Genozid –
und zwar auf Basis dokumentierter höchstgerichtlich fixierter Aussagen
der israelischen Regierung und Armeeführung.
Seitdem hat sich die Katastrophe vor den Augen der Weltöffentlichkeit
und der deutschen Politik immer weiter verschärft. Die Verantwortung,
trotz dieser eindringlichen Warnungen nicht den völkerrechtlichen
Verpflichtungen zur Verhinderung eines Völkermordes nachgekommen zu
sein, wiegt schwer.
Die Kriegsverbrechen des 7. Oktober 2023 durch die Hamas haben die
israelische Bevölkerung tief erschüttert und traumatisiert. Allen
Betroffenen, insbesondere den Geiseln und ihren Angehörigen, gilt
unsere Solidarität sowie unser tiefes Mitgefühl und wir sehen uns in
der Pflicht, ihre Forderungen nach einem sofortigen Waffenstillstand
zu stützen.
Die militärische Antwort der israelischen Regierung nach dem 7.
Oktober 2023 darf jedoch nicht als Rechtfertigung für eine
Kriegsführung dienen, die von einer Vielzahl internationaler
Völkerrechtler und Völkerrechtlerinnen mittlerweile als unverhältnis-
und unrechtmäßig eingestuft wird. Zumal sie mit der Begehung
zahlreicher Kriegsverbrechen durch die israelische Regierung und Armee
einhergeht, darunter Aushungerung und Vertreibung. Inzwischen äußert
sich die israelische Regierung offen zu ihren Plänen einer
vollständigen Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und einer
Annexion des Gazastreifens.
Diese militärische Gewalt dient nicht der Befreiung der noch lebenden
Geiseln, deren Rettung höchste Priorität haben muss. Dieselbe
Priorität gilt für Leben, Schutz und Würde der palästinensischen
Zivilisten und Zivilistinnen. Im Sinne des universellen Völker- und
Menschenrechts sowie der Unantastbarkeit der Menschenwürde müssen
Bundesregierung und Bundestag sich ihnen nicht nur in gleichem Maße
zuwenden, sondern entschiedener handeln:
Internationale Organisationen, darunter die Vereinten Nationen, das
Internationale Komitee des Roten Kreuzes, Amnesty International und
Medico International sowie zahlreicheWissenschaftler und Politiker
weiterer EU-Länder fordern einen sofortigen Stopp von
Waffenlieferungen an Israel sowie eine umfassende humanitäre
Unterstützung für die betroffene Zivilbevölkerung.
Humanitäre Hilfe muss sofortigen Zugang zum gesamten Gazastreifen
erhalten. Ihre Verteilung sollte durch zivile, humanitäre und
UN-Organisationen nach den Prinzipien der Unparteilichkeit und
Neutralität erfolgen – und keine weiteren Vertreibungen verursachen.
Die derzeitige international kritisierte Verteilungspraxis bewirkt das
Gegenteil: Sie schließt die vulnerabelsten Gruppen faktisch aus –
darunter Schwangere, Frauen, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit
Behinderungen und Verwundete, die die Verteilstationen nicht erreichen
können. Diese Praxis führt zu neuer, erzwungener Vertreibung.
Deutschland hat sich stets zu den universellen Prinzipien des
Völkerrechts und der Menschenrechte bekannt. Es ist daher
unerlässlich, dass die Bundesregierung ihre Außenpolitik auch in
diesem konkreten Fall an diesen Werten ausrichtet und sich aufgrund
Deutschlands historischer Verantwortung gegenüber Israel nicht selbst
von der Pflicht entbindet, Völkerrechtsverletzungen klar zu benennen
und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Denn die Staatsräson steht
weder über dem Völkerrecht noch über dem für seine
Völkerrechtsfreundlichkeit bekannten Grundgesetz.
Deutschland hat aufgrund seiner historischen Schuld eine besondere
Verantwortung: sowohl für die Einhaltung des Völkerrechts und der
universellen Menschenrechte als auch für den Einsatz gegen
Antisemitismus und Rassismus. Das völkerrechtlich verbriefte Recht des
palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung muss das politische
Handeln Deutschlands deshalb mitbestimmen. Nur so kann ein Frieden in
der Region und die Sicherheit Israels und Palästinas gewährleistet
werden.
Wir fordern daher:
1. Deutliche Positionierung und Einsatz der deutschen Bundesregierung
für einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand zwischen den
Konfliktparteien, um weiteres Leid der Zivilbevölkerungen zu
verhindern.
2. Prüfung und Aussetzung von Rüstungsexporten nach Israel,
insbesondere solcher, die in Gaza, in den besetzten Gebieten des
Westjordanlandes, im Libanon und in Syrien zu Völkerrechtsverletzungen
beitragen oder das Überleben der Geiseln und der palästinensischen
Zivilbevölkerung gefährden.
3. Einsatz für die ungehinderte humanitäre Hilfe für alle Menschen im
gesamten Gazastreifen, einschließlich der Bereitstellung von
Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und anderer
lebensnotwendiger Güter durch zivile humanitäre Hilfsorganisationen
und UN-Organisationen nach den für humanitäre Hilfe geltenden
Prinzipien.
4. Stärkung des internationalen Strafgerichtshofs und internationaler
Organisationen, indem die Bundesregierung unmissverständlich erklärt,
dass Deutschland sich an internationales Recht halten wird –
einschließlich der Pflicht, den Haftbefehl des Internationalen
Strafgerichtshofs gegen israelische Politiker zu vollstrecken.
5. Koordinierung mit der Politik europäischer und internationaler
Partner wie u.a. Frankreich, Kanada oder Spanien, die sich für eine
menschenrechtsbasierte Nahostpolitik positionieren, sowie eine
proaktive Unterstützung gemeinsamer Maßnahmen, um dadurch
politischenDruck auf die israelische Regierung auszuüben – mit dem
Ziel der sofortigen Beendigung des Krieges, dem Ende der Besatzung,
dem Ende der Luft-, See- und Bodenblockade Gazas, dem Ende der laut
Internationalem Gerichtshof illegalen Siedlungspolitik im
Westjordanland sowie der dortigen fortlaufenden Gewalteskalation
gegenüber palästinensischen Zivilisten und Zivilistinnen, als auch dem
Recht von Israelis und Palästinensern auf Gerechtigkeit, Sicherheit
und Selbstbestimmung.
Wir appellieren an Sie, die moralischen Grundsätze, die das
gesellschaftliche Fundament der Bundesrepublik bilden, vollumfänglich
und ohne Ausnahme zu respektieren. Richten Sie die deutsche
Außenpolitik so aus, dass sie dem Anspruch der Demokraten und
Demokratinnen dieses Landes gerecht wird und dass Deutschland eine
friedensfördernde Rolle in der Welt einnimmt - auf dem festen
Fundament der Menschenrechte und Menschenwürde.
(Erst-)Unterzeichnende in alphabetischer Reihenfolge
(…)
—
Hier der Link zur pdf-Version:
Offener-Brief-Deutschland-Gaza-Israel-Forderungen-an-Bundesregierung-Juni-2025.pdf(pdf, 79.81 KB) <https://www.amnesty.de/sites/default/files/2025-06/Offener-Brief-Deutschland-Gaza-Israel-Forderungen-an-Bundesregierung-Juni-2025.pdf>
—
7. Reporter-ohne-Grenzen: Weltweiter Appell: Wir fordern Zugang nach Gaza
https://www.reporter-ohne-grenzen.de/palaestinensergebiete/alle-meldungen/meldung/rsf-cpj-und-ueber-130-medien-fordern-zugang-nach-gaza
Gaza/ Israel 05.06.2025
Weltweiter Appell: Wir fordern Zugang nach Gaza
Über 130 Medien und Pressefreiheitsorganisationen aus aller Welt haben
sich dem Aufruf von Reporter ohne Grenzen (RSF) und dem Committee to
Protect Journalists (CPJ) angeschlossen und freien Zugang für
Berichterstattende nach Gaza gefordert. Die Organisationen fordern
außerdem den Schutz palästinensischer Medienschaffender. In den
vergangenen 20 Monaten wurden fast 200 von ihnen von der israelischen
Armee getötet, 45 im Zusammenhang mit ihrer Arbeit.
Die palästinensischen Journalistinnen und Reporter in Gaza sind die
einzigen Zeugen vor Ort. Sie arbeiten unter unerträglichen
Bedingungen, wurden teils mehrfach vertrieben, leiden immer wieder
Hunger und leben in ständiger Lebensgefahr.
„Wir sehen in der fortgesetzten Medienblockade des Gazastreifens den
systematischen Versuch der israelischen Seite, Fakten zu verschleiern,
Informationen aus dem Krieg zu unterdrücken und die palästinensische
Presse und Bevölkerung zu isolieren“, sagt RSF-Geschäftsführerin Anja
Osterhaus. „Wir fordern Regierungen, Institutionen und Staatschefs auf
der ganzen Welt auf, ihr Schweigen zu beenden. Sonst machen sie sich
mitschuldig. Nach dem humanitären Völkerrecht ist die Tötung eines
Journalisten ein Kriegsverbrechen.”
Solche Verbrechen werden auch durch die anhaltende Straflosigkeit
ermöglicht. RSF hat deshalb wiederholt Fälle an den Internationalen
Strafgerichtshof (IStGH) verwiesen und ihn aufgefordert, mutmaßliche
Kriegsverbrechen der israelischen Armee gegen Journalistinnen und
Journalisten in Gaza zu untersuchen. RSF leistet auch Hilfe für
palästinensische Journalisten vor Ort, insbesondere in Gaza, durch
Partnerschaften mit lokalen Organisationen wie ARIJ (Arab Reporters
for Investigative Journalism).
Auch die Foreign Press Association (FPA) hat sich bereits mehrfach an
das Oberste Gericht in Israel gewandt und freien Zugang nach Gaza
gefordert. Noch nie zuvor habe Israel eine so lange und strenge
Informationssperre verhängt. Das Gericht hat eine Entscheidung jedoch
immer wieder verschoben.
—
Der vollständige Text in englischer Sprache findet sich hier:
https://rsf.org/sites/default/files/medias/file/2025/06/Tribune%20Gaza%20Presse%20-%20EN.pdf
——
8. IPG: Hanna Voss: Widersprüchliche Signale
https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/widerspruechliche-signale-8336/?utm_campaign=de_40_20250610&utm_medium=email&utm_source=newsletter
Naher Osten/Nordafrika 10.06.2025 | Hanna Voss <https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/hanna-voss/>
Widersprüchliche Signale
Die Atomverhandlungen zwischen den USA und dem Iran verlaufen überraschend positiv –
trotz aller Probleme. Warum Europa dabei nur Zaungast ist.
Hanna Voss war Redakteurin für die taz am Wochenende und ist nun im
Auslandsbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut tätig.
Zum nunmehr fünften Mal haben sie sich Ende Mai getroffen, die
Unterhändler der USA und des Iran. In der Welt des Datings würde das
schon etwas Ernsteres bedeuten, da gibt es Potenzial, das ist keine
verschwendete Zeit. Im Oman, der als Vermittler fungiert, und in Rom
haben die Verhandlungen bislang stattgefunden, weitere Runden sind
geplant. Das ist angesichts der Brisanz des Themas zunächst einmal vor
allem eines – positiv.
Eine Garantie für das Zustandekommen eines neuen Atomabkommens nach
dem Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) von 2015 ist es nicht.
Nennenswerte Ergebnisse gab es bislang keine. Und die Vereinigten
Staaten senden die ebenfalls aus dem Datingleben bekannten mixed
signals, widersprüchliche Signale:
Zwar ist es niemand Geringeres als Donald Trump persönlich, der nicht
müde wird zu betonen, dass er keinen Krieg mit Iran anstrebe. Darüber
soll er in den vergangenen Wochen auch immer wieder mit Israels
Premierminister Benjamin Netanjahu aneinandergeraten sein, der
Washington allem Anschein nach in eine militärische Auseinandersetzung
mit Teheran hineinziehen will.
Doch andere Mitglieder aus Trumps Administration, allen voran der
kürzlich gefeuerte Sicherheitsberater Mike Waltzsowie Außenminister
Marco Rubio und zuletzt immer wieder auch Trumps Unterhändler für
alles, Steve Witkoff, fordern die vollständige Abwicklung des
iranischen Nuklearprogramms, inklusive der Urananreicherung. Dabei
hatte Witkoff zu Beginn der Verhandlungen Mitte April noch erklärt,
das Ziel sei die Schaffung von Begrenzung und Transparenz bei
gleichzeitiger Verifizierung des friedlichen Charakters des iranischen
Atomprogramms.
Dann folgte die Kehrtwende. Für Iran ist eine solche Forderung
inakzeptabel; sollte diese schlussendlich ihren Weg in den
Forderungskatalog der USA finden, spricht wenig für erfolggekrönte
Verhandlungen. Irans Außenminister Abbas Araghchi erklärte indes
einigermaßen gelassen, entscheidend seien die Verhandlungen selbst,
nicht öffentliche Aussagen.
Anfang Juni schloss sich dann auch Donald Trump auf seiner Plattform
Truth Social diesem Kurs an und sprach sich kategorisch gegen jegliche
iranische Urananreicherung aus. Gemessen an seinen bisherigen
Äußerungen wirkt das zwar einmal mehr sprunghaft und als würde der
US-Präsident seine Haltung nach Tagesform wechseln.
Möglicherweise steckt dahinter aber Kalkül: Zum einen könnte es darum
gehen, Teheran über die tatsächlichen Absichten der USA im Unklaren zu
lassen und so den Verhandlungsdruck zu erhöhen. Zum anderen dürfte
Trump damit auch versuchen, die Falken in den eigenen Reihen vorerst
zu besänftigen und seinem Verhandlungsteam etwas Luft zu verschaffen.
Auch die iranische Seite weiß, was es bedeutet, ein Gesicht nach außen
wahren zu müssen, das einem nach innen einen größeren
Handlungsspielraum erlaubt.
Auch die iranische Seite weiß, was es bedeutet, ein Gesicht nach außen
wahren zu müssen, das einem nach innen einen größeren
Handlungsspielraum erlaubt: Ohne die Zustimmung von Irans Oberstem
Führer Ali Khamenei wäre es der Regierung von Masoud Pezeshkian nicht
möglich, die Verhandlungen mit den USA zu führen. Khamenei muss das
genehmigen – und positioniert sich gleichzeitig als einer der
schärfsten Kritiker der Gespräche.
Denn auch Khamenei will diejenigen zufriedenstellen, auf die sich
seine Macht maßgeblich stützt: die Hardliner, die Verhandlungen mit
„dem großen Satan“ rundheraus ablehnen. Und die, wohl nicht einmal zu
Unrecht, befürchten, den USA könne man generell nicht trauen,
insbesondere aber unter einem Präsidenten Donald Trump, der 2018
einseitig aus dem JCPOA ausgestiegen war. Doch auch Khamenei dürfte im
Angesicht der tiefen wirtschaftlichen Misere, in der sein Land steckt,
ein gewisses Interesse an erfolgreichen Verhandlungen haben – und
damit an der Aufhebung von Wirtschaftssanktionen.
Innenpolitisch wird die Regierung Pezeshkian also nicht nur von
Khamenei, sondern auch mit populistischen, von Hardliner-Kreisen
gestreuten Narrativen unter Druck gesetzt, die sie in der öffentlichen
Wahrnehmung beschädigen soll. Das zeigt sich immer wieder an den
Debatten um Doppelstaatsbürgerschaften und westliche Kontakte von
Regierungsmitgliedern, zuletzt im Falle des früheren Außenministers
Javad Zarif und von Vizepräsident Mohammad Reza Aref, die nahelegen
sollen, dass Doppelstaatsbürgerschaften auch doppelte Loyalitäten
bedeuten, also etwa mangelnde Verlässlichkeit gegenüber den Interessen
der Islamischen Republik. Dahinter steht die Sorge der Hardliner,
Pezeshkian könne durch außenpolitische Annäherungen – eben durch die
Nukleargespräche mit den USA – an innenpolitischer Popularität gewinnen.
Dass es bei all den außen- und innenpolitischen Beweggründen auf
beiden Seiten zu einer raschen Einigung kommt, ist also
unwahrscheinlich. Zu hoffen ist, dass sich beide Parteien im Kern
einig sind und sich nicht von verbalen, gegebenenfalls taktischen,
Schnellschüssen der anderen Seite verschrecken lassen. Ein weiterer
Unsicherheitsfaktor in den Verhandlungen bleibt Bibi Netanjahu: Sollte
es Israels Premier doch noch gelingen, das gerade scheinbar deutlich
abgekühlte Verhältnis zum US-Präsidenten wieder zu erwärmen und diesen
in eine militärische Auseinandersetzung mit Iran zu schubsen, die in
seiner Vorstellung die israelische Neuordnung des Nahen Ostens
komplementieren würde, stünde die gesamte Region am Rande des Abgrunds.
Netanjahus Größenwahn, der nach den militärischen Erfolgen gegen Hamas
und Hisbollah und angesichts eines praktisch ungestört
vorangetriebenen Kriegs in Gaza – der von einer überwältigenden
Mehrheit internationaler Analysten als Völkermord bewertet wird –
keine Grenzen kennen dürfte, verstellt ihm die Sicht: Iran verfügt
über das nötige Wissen – und Wissen lässt sich nicht einfach
auslöschen. Die iranischen Nuklearanlagen sind zudem über mehrere
Standorte verteilt, viele davon tief unter der Erde und stark
befestigt – die bekanntesten Beispiele sind Fordow und Natanz.
Ein begrenzter Militärschlag wäre daher kaum in der Lage, das Programm
um mehr als einige Monate zurückzuwerfen, geschweige denn zu
zerstören. Im Gegenteil: Ein Angriff würde Iran vermutlich den Vorwand
liefern, sein Atomprogramm sofort und mit Hochdruck in Richtung
Waffenfähigkeit voranzutreiben – möglicherweise im Geheimen, indem
entscheidende Materialien in nicht deklarierte Anlagen verlagert
würden. Ein militärischer Schlag gegen das Programm könnte also einen
umfassenden und langwierigen Krieg – keine kurze, gezielte Operation –
bedeuten, die dann auch Donald Trumps komplette Präsidentschaft prägen dürfte.
Doch die europäischen Staaten, die eigentlich geeignete Kandidaten
wären, um in einem solchen Szenario eine vermittelnde Rolle zu
übernehmen, sind zu Zaungästen geschrumpft.
Doch die europäischen Staaten, die eigentlich geeignete Kandidaten
wären, um in einem solchen Szenario eine vermittelnde Rolle zu
übernehmen, sind zu Zaungästen geschrumpft. Waren die sogenannten E3,
Frankreich, Großbritannien und Deutschland, noch treibende Kraft bei
den Nukleargesprächen und der Verabschiedung des JCPOA 2015, sind sie
bei den gegenwärtigen Gesprächen außen vor.
Mit Wiederbeginn des Austauschs zwischen Washington und Teheran wurde
von iranischer Seite offenbar bewusst darauf gedrängt, die E3 aus den
Verhandlungen herauszuhalten. Grund dafür ist nicht nur ein tief
sitzender Vertrauensverlust – aus Sicht Teherans hatten die E3 weder
das 2015er Atomabkommen ausreichend gegen US-Druck verteidigt noch
eigene Handlungsspielräume genutzt, um den europäisch-iranischen
Handel vor den US-Sanktionen zu schützen. Auch deshalb ist die Frage
nach belastbaren Sanktionslockerungen bei den jetzigen Gesprächen für
den Iran zentral.
Die iranische Seite versucht auch, die Verhandlungen gezielt über die
im Oktober auslaufende Snapback-Frist hinaus zu verzögern – bis zu
diesem Zeitpunkt können die E3 die im JCPOA verankerten Sanktionen der
Vereinten Nationen gegen Iran wieder in Kraft setzen. Aus
diplomatischen Kreisen ist zu hören, der Prozess müsste spätestens im
Juli angestoßen werden, um bis Oktober wirksam zu werden. Nutzen die
Europäer den Snapback nicht, droht ihnen weiterer Bedeutungsverlust.
Mitsamt der Gefahr, dass das Nukleardossier dauerhaft von der Agenda
des UN-Sicherheitsratsverschwinden könnte und China und Russland
künftig ihr Veto einlegen könnten, sobald der Sicherheitsrat sich
erneut mit Irans Atomprogramm befassen soll.
Wird der Snapback-Mechanismus hingegen aktiviert, bliebe Europa über
Frankreich und Großbritannien Teil des sicherheitspolitischen
Entscheidungsprozesses und könnte multilateralen Druck auf Teheran
aufrechterhalten. Angesichts der anhaltenden und eklatanten Verstöße
Irans gegen das Abkommen, mit denen sich das Land der Bombe ohnehin
zunehmend nähert, wäre ein solcher Schritt – klug kommuniziert –
durchaus geboten. Und nicht zuletzt ein Signal, dass Europa bereit
ist, seine eigenen Instrumente konsequent zu nutzen, statt sich weiter
an den diplomatischen Rand drängen zu lassen.
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