5. IPG: Ein verwundeter Iran ist unberechenbar – und könnte zur Bombe greifen.
Der Westen braucht einen grundlegenden Kurswechsel in seiner Iranpolitik.
https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/wie-einst-nixon-8396/?utm_campaign=de_40_20250707&utm_medium=email&utm_source=newsletter
Naher Osten/Nordafrika
07.07.2025
Wie einst Nixon
Ein verwundeter Iran ist unberechenbar – und könnte zur Bombe greifen.
Der Westen braucht einen grundlegenden Kurswechsel in seiner Iranpolitik.
Marcus Schneider <https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/marcus-schneider/>
Marcus Schneider Marcus Schneider leitet das FES-Regionalprojekt für
Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten mit Sitz in Beirut, Libanon.
Zuvor war er für die FES unter anderem als Leiter der Büros in
Botswana und Madagaskar tätig.
Das Ende des Zwölftagekrieges hinterlässt einen Iran in extrem
gefährlicher Lage. Das Land ist tief verwundet und gedemütigt. Es hat
jedoch auch Resilienz bewiesen – und könnte deshalb gerade in seiner
Entschlossenheit umso bestärkter sein. Das Risiko ist hoch, dass sich
das schwer angeschlagene Land nun zu einem unberechenbaren Akteur
entwickelt. Um dies zu verhindern, braucht es einen neuen Ansatz in
der Iranpolitik.
Unklar ist bis heute, wie erfolgreich die Bombardierungen der
iranischen Nuklearanlagen tatsächlich waren. Optimistische
Einschätzungen gehen davon aus, dass das Atomprogramm um Jahre
zurückgeworfen wurde; weniger günstige sprechen lediglich von einigen
Monaten. Das Programm hatte von jeher zwei Aspekte: einen technischen
und einen politischen. Während der Krieg den technischen Aspekt
möglicherweise aufgehalten hat, hat er den politischen eher befördert.
Bis zuletzt gingen amerikanische Geheimdienste davon aus, dass die
politische Entscheidung zur nuklearen Bewaffnung von der iranischen
Führung nicht getroffen wurde. Der Krieg hat die Anreizstruktur jedoch
grundlegend verändert. Aus Sicht des Regimes erscheint es nun
rational, die Bombe anzustreben – als ultimative Überlebensversicherung
und um sich aus dem geopolitischen Abwärtsstrudel zu befreien.
Die angekündigte Aussetzung der Zusammenarbeit mit der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEO) ist dabei nur ein erster Schritt.
Der Ausstieg aus dem Nichtverbreitungsvertrag könnte dem folgen.
In jedem Fall legt Teheran bewusst einen Mantel der Dunkelheit über sein
Atomprogramm – ein Horrorszenario für den Westen.
Doch das Kriegsende ist auch eine Stunde der Wahrheit für die
Islamische Republik. Nie zuvor war das Land sicherheitspolitisch in
einer ähnlich prekären Lage. Die über Jahrzehnte aufgebaute
Abschreckungsstrategie liegt in Trümmern. Aus der Levante – und damit
dem für das Regime ideologisch so zentralen Kampf um Palästina – wurde
der Iran gänzlich verdrängt. Die viel beschworene „Achse des
Widerstands“ mit ihrem Konzept der „Vereinigung der Schlachtfelder“
hat versagt. Kein einziger Verbündeter ist Teheran zu Hilfe geeilt.
Auch der „Blick nach Osten“ – die Einbindung in chinesisch-russische
Strukturen und eine imaginierte autoritär-antiwestliche Koalition –
hat dem Land im Moment der Not kaum etwas Konkretes gebracht. Die
bittere Erkenntnis aus diesem Krieg ist die einer tiefen Einsamkeit.
Es ist nicht die Stärke, sondern es ist gerade die eigene Schwäche,
die den Iran so gefährlich macht.
Aus dieser Einsamkeit erwächst Revanchismus. Der Krieg hatte nicht nur
das Ziel, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Vielmehr wurde laut
israelischem Premierminister und zahlreichen westlichen Politiken ein
Regimewechsel in Teheran angestrebt. Gerade dieses Ziel erweist sich
nun jedoch als Hindernis für jede Diplomatie. Bereits der amerikanische
Ausstieg aus dem 2015 geschlossenen Atomabkommen hatte das Misstrauen
in Teheran vertieft.
Die nun erfolgte, von den USA
gedeckte israelische Aggression – inmitten eines laufenden
Verhandlungsprozesses – dürfte dieses Misstrauen in schwindelerregende
Höhen getrieben haben. In einer Welt ohne Regeln scheint für ein Land,
das sich weltanschaulich-geopolitisch dem Hegemon entgegenstellt, nur
ein gangbarer Weg: der nordkoreanische. Frei nach Carl Schmitt:
souverän ist, wer über die Bombe verfügt.
Für die westliche Iranpolitik, die aufgrund der selbstverschuldeten
europäischen Irrelevanz eine mittlerweile rein amerikanische
Angelegenheit ist, ergeben sich aus dieser iranischen Anreizstruktur
zwei Optionen: Die erste besteht darin, das geschwächte Land weiter in
die Ecke zu drängen: eine Politik des „maximalen Drucks“ im Geiste der
trumpschen „Peace through Strength“-Doktrin. Da ein Einlenken für
Teheran einer ideologischen Selbstaufgabe gleichkäme, würde eine
solche Politik zwangsläufig zum nächsten Krieg oder, allerdings wenig
wahrscheinlich, zum erhofften Regimewechsel führen.
Dass ein solches Szenario ähnlich glimpflich verläuft wie der letzte Krieg, ist
keineswegs sicher. Ein Regime im Überlebensmodus hätte noch andere
Eskalationsstufen zur Verfügung, die es bisher bewusst vermieden hat.
Der äußere Druck auf das Regime hat einen paradoxen Effekt: Einerseits
soll er das Land vom Griff nach der Bombe abhalten, andererseits
verstärkt er aus Sicht Teherans gerade diesen Anreiz. Es ist nicht die
Stärke, sondern es ist gerade die eigene Schwäche, die den Iran so
gefährlich macht.
Daraus ergibt sich für den Westen eine zweite Option: Statt das Land
durch Druck zur Bombe zu treiben, müsste es darum gehen, Teheran einen
Ausweg aus der strategischen Sackgasse zu weisen. Realistisch
betrachtet ist die Islamische Republik in ihrem jetzigen Zustand
militärisch keine Bedrohung mehr – weder für den Westen noch für
Israel. Wenn sie denn nicht zur Bombe greift. Innenpolitisch steht das
Land ohnehin vor großen Umbrüchen.
Es kann in Richtung „Nordkoreanisierung“ und Radikalisierung abgleiten.
Doch gerade jetzt ist es möglicherweise auch empfänglicher denn je für
einen „Grand Bargain“, einen historischen Kompromiss, der seine außenpolitische
Ausrichtung grundsätzlich verändert.
Der Oberste Revolutionsführer Ali Khamenei war während des Krieges
kaum präsent. Versteckt in einem Bunker, wartete er das Ende ab. Auch
wenn das Regime den Widerstand gegen die Angriffe nun als Sieg feiert,
ist unbestreitbar, dass es versagt hat, die eigene Bevölkerung vor
einer ausländischen Aggression zu schützen. Mit 86 Jahren wird sich
Khamenei von dieser Niederlage kaum erholen. Alles deutet auf Wandel
hin, die Frage ist nur: in welche Richtung?
Den klügeren Regimetreuen dürfte nicht entgangen sein, wie tief der
Graben zwischen Elite und Volk inzwischen ist.
Außenpolitischer Druck wird das Regime, auch unter neuer Führung,
stark abhängig von den mächtigen, wenn auch geschwächten
Revolutionsgarden machen. Dies dürfte nicht nur den Griff zur Bombe
beschleunigen, sondern auch die innenpolitische Repression
verschärfen. Bereits während des Krieges begannen Massenverhaftungen
von Oppositionellen und vermeintlichen Kollaborateuren. Das Regime
versinkt in Paranoia.
Die „Theory of Change“ der „Maximaler Druck“-Fraktion im Westen lautet
folgendermaßen: je isolierter das Regime, je härter die Sanktionen,
desto wahrscheinlicher ein Volksaufstand bis hin zum Regimewechsel.
Doch die historische Bilanz dieser Annahme ist bestenfalls
durchwachsen. Die Revolution von 1979 erfolgte nach einer Phase
beispiellosen Wirtschaftswachstums und internationaler Anbindung.
Die Sanktionspolitik schwächt zwar das Regime, allerdings ebenso die
Gesellschaft. Letztere ist womöglich der größere Verlierer und dadurch
gerade nicht in der Lage, grundlegende Veränderungen zu erzwingen.
Trotz ihrer Beharrlichkeit ist die iranische Führung kein Monolith.
Sollte Amerika Iran einen echten „Grand Bargain“ anbieten –
vollständiger Sanktionsverzicht und Wiedereingliederung in die
Weltwirtschaft gegen internationale Kontrolle des Atomprogramms –,
könnten sich künftige Machthaber grundlegende Fragen stellen. Die
außen- und innenpolitische Radikalisierung mag derzeit vielen im
Regime als alternativlos erscheinen, ist aber nicht risikolos.
Scheitert sie, ist ein neuer Krieg unausweichlich. Der Ausgang wäre
ungewiss. Verringert sich jedoch der äußere Druck, könnte die Zeit für
innere Reformen kommen. Den klügeren Regimetreuen dürfte nicht
entgangen sein, wie tief der Graben zwischen Elite und Volk inzwischen
ist. Auf Dauer überlebt kein Regime gegen den Widerstand der eigenen
Bevölkerung.
Hier lohnt sich ein Blick nach Saudi-Arabien: Das Königreich hat
zuletzt umfassende Reformen von oben durchgesetzt. Im Einklang mit den
Hoffnungen großer Teile seiner Bevölkerung hat der Kronprinz einen
rigiden Islamismus hinter sich gelassen, ohne das politische Primat
des Königshauses aufs Spiel zu setzen. Ganz im Gegenteil.
Im Unterschied zur Islamischen Republik ist Saudi-Arabien heute eine
Zustimmungsautokratie. Der weltanschauliche, aber gleichzeitig
regime-stabilisierende Wandel im Lande des einstigen Erzkonkurrenten
im Kampf um die regionale Vorherrschaft dürfte auch Teheran nicht
entgangen sein.
Nicht nur für den Iran, auch für den Westen könnte Riad ein Vorbild
sein. Saudi-Arabien hat sich außenpolitisch neu erfunden – und dem
einstigen Erzfeind Iran die Hand gereicht. Die arabisch-iranische
Annäherung ist heute ein Fakt. Im Westen kaum beachtet, hat der Iran
regional durchaus einen Zivilisierungs- und Integrationsprozess
durchlaufen. Aus saudischer Sicht hat sich das Experiment gelohnt:
Als der Worst Case – ein israelisch-iranischer Krieg – eintrat, hat
Teheran nicht gegen die mit den USA verbündeten Golfstaaten
zurückgeschlagen. Das zeigt zweierlei: Teheran ist rational genug,
kein Harakiri zu begehen. Und: es ist in der Lage, auch langjährige
ideologische Feindschaften pragmatisch zu überwinden.
Für eine „Saudisierung“ der westlichen Iranpolitik wäre wohl niemand
geeigneter als US-Präsident Donald Trump. Der von ihm so benannte
Zwölftagekrieg war zwar ein Rückfall in alte amerikanische Reflexe.
Das von Washington sehr schnell erzwungene Kriegsende hat jedoch
ebenso klargemacht, wie risikoavers Trump letztlich ist. Bloß keinen
neuen „Forever War“ mit ungewissem Ausgang. Frieden mit Iran ist – wie
der Sanktionsverzicht für Syrien – nichts für Ideologen.
Er setzt jemanden voraus, der maximale Disruption mit maximalem Pragmatismus
verbindet. Nixon ging einst nach China – warum nicht Trump nach Teheran?
———
6. SZ: Krieg in Nahost - Die Todeszahlen aus Gaza dürften deutlich höher sein
https://www.sueddeutsche.de/politik/todeszahlen-gaza-zu-niedrig-israel-krieg-li.3275334
Krieg in Nahost
Die Todeszahlen aus Gaza dürften deutlich höher sein
29. Juni 2025, 16:32 Uhr
Bisher waren alle Schätzungen von den Zahlen des
Gesundheitsministeriums im Gazastreifen abhängig. Jetzt haben
Wissenschaftler erstmals eigene Daten erhoben. Das Ergebnis: Die
tatsächliche Zahl der Toten ist wahrscheinlich viel höher.
Von Leonard Scharfenberg
Die Diskussion über die Zahl der Toten von Gaza ist bisher vor allem
durch eine einzige Frage geprägt gewesen: Hält man die Erhebungen des
von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza für
glaubwürdig oder nicht? Vielen Expertinnen und Experten zufolge sind
die Listen des Ministeriums nachvollziehbar und realistisch, Israel
sprach dagegen stets von „Terrorpropaganda“.
Bisherige wissenschaftliche Arbeiten sahen sich demselben Problem
ausgesetzt, da sie sich immer zumindest teilweise auf die bisher
einzig verfügbare umfassende Datenbasis gestützt hatten: die des
Gesundheitsministeriums und seiner Krankenhäuser.
Jetzt ist es erstmals Wissenschaftlern gelungen, eine unabhängige
Datengrundlage zu schaffen. Und das Ergebnis ist deutlich: Die
Todeszahlen des Gesundheitsministeriums dürften zu niedrig sein. Im
Zeitraum zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 5. Januar 2025 betrage
die Zahl direkter Kriegstoter in Gaza etwa 75 200.
Die Zahlen des Gesundheitsministeriums weisen für dieselbe Zeit
rückwirkend exakt 45 805 Tote auf. Die tatsächliche Zahl dürfte den
Wissenschaftlern zufolge also etwa 60 Prozent höher liegen als vom
Gesundheitsministerium festgestellt.
Die Wissenschaftler haben sich dabei einer naheliegenden Methode
bedient: der Befragung von Haushalten. Zusammengearbeitet haben die
britischen, amerikanischen, norwegischen und belgischen Forscher dafür
mit palästinensischen Kollegen des PCPSR (Palestinian Center for
Policy and Survey Research), einer unabhängigen Forschungsorganisation
mit Sitz im Westjordanland, zu großen Teilen gefördert von privaten
Stiftungen und der Europäischen Union.
Das PCPSR verfügt über Mitarbeiter im Gazastreifen, die an 200
zufällig ausgewählte Orte gefahren sind, um dort wiederum jeweils in
zehn zufällig ausgewählten Haushalten Interviews zu führen.
„Wir hatten zwei große Probleme, erstens die Fluchtbewegungen,
zweitens die Evakuierungsbefehle für Teile des Gazastreifens“, sagt
Michael Spagat, einer der Studienautoren und Professor am Royal
Holloway College in London. Die Interviews wurden nicht in den
sogenannten „No-Go-Zones“ geführt, die durch Israel mit
Evakuierungsbefehlen belegt waren, Ende des vergangenen Jahres war das
zum Beispiel die südliche Stadt Rafah.
Es sei jedoch explizit versucht worden, Vertriebene aus diesen
jeweiligen Gebieten zu befragen. Alle befragten Haushalte mussten
ihren ursprünglichen Wohnort angeben. Die Ergebnisse wurden dann nach
diesem und anderen Kriterien gewichtet, um ein möglichst
repräsentatives Bild zu ermöglichen.
Bei der Veröffentlichung handelt es sich bisher allerdings um einen
sogenannten Preprint. Sie ist also noch nicht in einer Fachzeitschrift
erschienen und somit auch noch nicht von anderen Wissenschaftlern
begutachtet und gegengeprüft worden.
Auch die neuen Zahlen zeigen: Die meisten Todesopfer sind Zivilisten
Das Ergebnis der Arbeit deckt sich aber mit anderen bisher
erschienenen Studien. Etwa mit einer im Februar im Fachmagazin Lancet
erschienenen Arbeit, die Listen des Ministeriums mit denen aus
Krankenhäusern und Social-Media-Inhalten verglich und aus den
Übereinstimmungen die wahrscheinliche Zahl der nicht erfassten Toten
berechnete.
Diese Studie, die sich der Zeitspanne bis Juni 2024 widmete, stellte
um 40 Prozent höhere Zahlen fest.
Eines zeigt Spagats Team klar: Die israelische Behauptung, man
unternehme alles für den Schutz von Zivilistinnen und Zivilisten in
Gaza, lässt sich durch die Zahlen nicht stützen. Mehr als 30 Prozent
der direkten Toten sind Kinder unter 18. Weitere 22 Prozent Frauen,
etwa vier Prozent Menschen über 65. Selbst wenn alle getöteten Männer
zwischen 18 und 64 Jahren Hamas-Kämpfer gewesen wären, wäre das immer
noch eine katastrophale Bilanz.
Zu den genannten Kriegstoten kommen all jene, die etwa durch
ausbleibende medizinische Behandlung, Mangelernährung oder
einstürzende Gebäude ums Leben kommen. Auch die Zahl dieser Toten gibt
Spagats Team an: Die Wissenschaftler schätzen für den untersuchten
Zeitraum eine Übersterblichkeit von 8540 indirekten Toten. Eine Zahl,
die anderen Experten wie James Smith „verdächtig niedrig“ vorkommt.
Der Arzt hat am University College London zu den Bedingungen in Gaza
geforscht, war auch selbst in einem Einsatz vor Ort. „Alle, die dort
waren, sind überrascht von dieser Zahl“, sagt er. Spagat entgegnet,
der Gazastreifen habe vor dem Krieg eine recht junge und gesunde
Bevölkerung gehabt. „Im Moment gibt es viele Menschen, die noch
irgendwie überleben, aber in ziemlich schlechter Verfassung sind.
Unterernährt, verletzt, ohne medizinische Hilfe“, erklärt er. Wenn
jetzt eine ernste Infektionskrankheit ausbreche, könne die Zahl rapide
steigen.
Mittlerweile dürften die Zahlen ohnehin noch einmal stark angestiegen
sein, das sagen sowohl Smith als auch Spagat. Der Mangel an
Lebensmitteln und Medizin könnte insbesondere die Zahl der indirekten
Kriegstoten in die Höhe getrieben haben. „Wenn das alles einmal vorbei
ist“, sagt Spagat, „dann braucht es ein riesiges Projekt, sicher ein
Jahrzehnt lang, um wirklich zu rekonstruieren, was in Gaza alles
geschehen ist.“
——
7. SZ: Westjordanland - Gewaltsame Grüße von der „Hügeljugend“
https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/westjordanland-gewalt-siedler-huegeljugend-e881232/?sc_src=email_4310581&sc_lid=415096061&sc_uid=Wl36dvvnOD&sc_llid=33154&utm_medium=email&utm_source=emarsys&utm_campaign=SZ_am_Morgen_070725&sc_eh=&reduced=true
Westjordanland
Gewaltsame Grüße von der „Hügeljugend“
Die Angriffe jüdischer Siedler auf Palästinenser im Westjordanland nehmen massiv zu.
Zuletzt wurde auch eine Basis der israelischen Armee attackiert.
Von Kristiana Ludwig <https://www.sueddeutsche.de/autoren/kristiana-ludwig-1.2610826>
6. Juli 2025
(…)
---
siehe auch:
https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/israel-palaestinenser-westjordanland-siedler-e193610/?reduced=true
———
8. FAZ: Protest gegen den Gazakrieg - „Israels Armee ist zu einer Miliz geworden“
https://zeitung.faz.net/faz/politik/2025-07-07/9fa2090c63663c4087d6e4119aef21fd/?GEPC=s5
Protest gegen den Gazakrieg
„Israels Armee ist zu einer Miliz geworden“
Von Franca Wittenbrink
7. Juli 2025
Die Kriegsmüdigkeit der israelischen Gesellschaft macht
sich auch in den Streitkräften bemerkbar. Immer mehr Reservisten
fordern ein Ende der Kämpfe in Gaza – und verweigern den Dienst im
Militär.
Am Ende, sagt Yuval Ben-Ari, ging alles ganz schnell. Mehrere Monate
hatte der Israeli seit dem Beginn des jüngsten Krieges im Süden
Libanons und im Gazastreifen gedient, drei Rotationen in Folge, jede
davon freiwillig. „Ich wollte mein Land verteidigen, meine Familie,
meine Freunde“, sagt er über die Zeit nach dem 7. Oktober. Dann, in
einer Nacht im März dieses Jahres, entschied er sich anders.
Inmitten der Trümmerberge und Ruinen von Rafah tippte der Reservist
sein Entlassungsschreiben, am nächsten Morgen teilte er seinem
Kommandeur mit, dass er die Einheit im Gazastreifen verlassen werde.
„Ich habe mich dafür geschämt, diese Uniform zu tragen“, sagt der 42
Jahre alte Israeli, den fast sein ganzes Leben mit der Armee
verbindet. Wenige Stunden später hielt er ein Militärfahrzeug auf dem
Weg zur Grenze an, sprang auf und ließ sich zurück nach Israel
bringen. „Für mich gibt es keinen Weg zurück“, sagt Ben-Ari heute.
„Ich habe viel gesehen, und ich hatte viel Zeit nachzudenken. Genug
ist genug.“
Die Kehrtwende, von der Ben-Ari erzählt, wäre unter israelischen
Reservisten lange nur schwer vorstellbar gewesen. 300.000 Männer und
Frauen zog das Militär nach dem Terrorüberfall der Hamas vom 7.
Oktober zum Reservedienst ein, Angaben der Armee zufolge schlugen
zusätzlich Zehntausende Freiwillige auf den Militärbasen auf.
Aus den USA, aus Europa, aus Asien reisten im Herbst 2023 etliche
Israelis in ihre Heimat zurück, um ihr Land im Kampf gegen die Hamas
in Gaza und die Hizbullah in Libanon zu unterstützen. Selbst
diejenigen, die der Armee zuvor kritisch gegenübergestanden hatten,
meldeten sich damals bei ihren Einheiten zurück.
Doch mehr als 20 Monate nach Beginn der Großoffensive im Gazastreifen
hat sich das Bild verändert. Während abermals über einen
Waffenstillstand verhandelt wird, macht sich die Kriegsmüdigkeit der
israelischen Gesellschaft auch in den Streitkräften bemerkbar.
Israelische Medien gehen davon aus, dass seit Anfang des Jahres mehr
als 100.000 Reservisten nicht mehr zum Militärdienst erschienen sind.
Die meisten von ihnen sind ausgebrannt, leiden unter den Folgen
traumatischer Erlebnisse, haben Beruf und Familie über Monate
vernachlässigt.
Bei einigen kommen grundsätzliche Zweifel an der Kriegsführung der
Regierung hinzu, dazu die Verzweiflung darüber, dass die in den Händen
der Hamas verbliebenen Geiseln noch immer nicht wieder frei sind. Für
Ben-Ari steht neben alledem ein Thema im Fokus, über das in Israel nur
wenig gesprochen wird: „Das Leid in Gaza hat ein Ausmaß erreicht, für
das es keine Rechtfertigung mehr gibt“, sagt er. „Ich habe lange
geglaubt, dass dieser Krieg richtig ist. Aber er ist ein Verbrechen.“
„Macht dies kaputt, macht das kaputt“
Ben-Ari sitzt in einem Café in der Tel Aviver Innenstadt und schüttelt
nachdenklich den Kopf. Monatelang habe er nach dem Schock des 7.
Oktober darum gekämpft, als Reservist in die Armee zurückzukehren,
erzählt er. Trotz einer Verletzung am Fuß, trotz der Warnungen seines
Arztes. Als er schließlich mit einer Kampfeinheit in den Süden
Libanons gehen durfte, sei er glücklich gewesen.
„Es hat sich vertraut angefühlt, wieder eine Waffe in der Hand zu
halten“, sagt er mit einem bitteren Lächeln und deutet mit den Armen
den Griff um ein Gewehr an. Die ersten sechs Wochen seien gut
verlaufen, die Erfolge im Kampf gegen die Hizbullah hätten ihm Aufwind
gegeben. „Vor meinem ersten Einsatz in Gaza war ich hoch motiviert“,
sagt Ben-Ari. Doch dann kam sein Bild ins Wanken.
Der junge Israeli kramt sein Handy hervor und scrollt durch die
Fotogalerie. Sandfarbene Trümmerberge sind dort zu sehen, eingestürzte
Häuser, menschenleere Schotterpisten. „In den israelischen Medien
konnte man lange nur wenige Bilder aus Gaza finden. Als ich diese
Zerstörung mit eigenen Augen sah, war ich vollkommen geschockt“,
erzählt er über seine Zeit im Netzarim-Korridor.
Mehrere Wochen lang half er, das von Israel kontrollierte Gebiet im
Zentrum des Küstenstreifens zu überwachen und die wenigen noch
stehenden Gebäude abzureißen. „Es war völlig wahllos“, sagt er und
imitiert mit barschem Ton die Befehle der Kommandeure: „Macht dies
kaputt, macht das kaputt.“ Eine Begründung dafür habe es nur selten
gegeben.
Um seine Erlebnisse zu verarbeiten, begann Ben-Ari, Tagebuch zu
schreiben. Die Zeitung „Haaretz“ veröffentlichte später Auszüge
daraus. „Diese Woche habe ich ein Flüchtlingslager per Drohne
überwacht“, steht da zum Beispiel. „Hier backt ein Mann Pitas. Neben
ihm schläft ein Mann auf einer Matratze. Wie kann ein Mensch inmitten
eines solchen Grauens aufwachen und die Kraft finden, aufzustehen,
Nahrung zu finden und zu versuchen zu überleben? Welche Zukunft bietet
ihm die Welt? Hitze, Fliegen, Gestank, schmutziges Wasser. Ein
weiterer Tag vergeht.“
Bei Ben-Aris zweitem Einsatz, diesmal im Philadelphi-Korridor, waren
seine Zweifel bereits größer geworden. Gerade hatte Netanjahu zum
wiederholten Mal ein Waffenstillstandsabkommen mit der Hamas platzen
lassen, die Berichte über Kriegsverbrechen der Armee häuften sich.
Dann gingen die Bilder der 15 Sanitäter um die Welt, die nahe Rafah
von israelischen Soldaten erschossen wurden.
„Was zur Hölle machen wir hier eigentlich?“, habe er sich gefragt.
Doch bei seinen Kameraden sei er damit auf wenig Verständnis gestoßen.
Die Stimmung in der Truppe gegenüber den Palästinensern sei zunehmend
radikaler geworden, erzählt Ben-Ari. Um Regeln hätten sich die meist
jungen, von monatelangen Kämpfen ausgezehrten Männer kaum noch
geschert. Parolenartig habe er den Satz „Es gibt unschuldige
Palästinenser in Gaza“ wiederholt – wissen wollte davon keiner etwas.
Ben-Ari streift sich mit der Hand über den kahlgeschorenen Kopf. „Die
Armee ist zu einer Miliz geworden“, sagt er dann. „Krieg ist ein
dreckiges Geschäft. Er macht die Menschen kaputt.“
Als Netanjahu im März dieses Jahres verkündete, eine weitere
Großoffensive zu starten und ganz Rafah einzunehmen, platzte dem
Israeli der Kragen. „Es gab strategisch überhaupt keine Rechtfertigung
mehr dafür“, sagt er. „Netanjahu ging es nur noch um seinen eigenen
Machterhalt.“
Es ist ein Thema, das Ben-Ari in Rage versetzt. „Völliger Wahnsinn“
sei es, dass der Ministerpräsident sich ernsthaft hinter den Plan
Donald Trumps stelle, die Bevölkerung Gazas in andere Länder
umzusiedeln. Ähnlich stehe es um die Äußerungen von Netanjahus
rechtsreligiösen Koalitionspartnern, die etwa fordern, die
palästinensische Bevölkerung auszuhungern. „Ich habe lange ein Problem
mit Begriffen wie ethnischer Säuberung oder Genozid gehabt“, sagt
Ben-Ari. „Aber mittlerweile spricht die Regierung ihre Pläne ja völlig
unverhohlen selbst aus.“
Es ist dunkel geworden in Tel Aviv, die Straßen um das Café haben sich
mit zahlreichen Israelis gefüllt. In den Händen tragen sie Flaggen und
Protestplakate gegen Benjamin Netanjahu, auf den T-Shirts prangen
Fotos der in Gaza verbliebenen Geiseln. Ben-Ari mischt sich unter die
Demonstranten, doch sein Blick ist skeptisch.
Es sei gut, dass mittlerweile so viele Menschen den Krieg offen
ablehnen, findet er. Das Leid der Palästinenser im Gazastreifen spiele
bei alledem aber noch immer kaum eine Rolle. Den Druck, der mit den
wöchentlichen Protesten auf die Regierung ausgeübt werde, hält er
ohnehin für begrenzt. „Netanjahu ist das doch völlig egal“, sagt
Ben-Ari. „Wahrscheinlich müssen ihm wirklich erst die Kämpfer
ausgehen, damit er diesen Krieg beendet.“
„Es ist falsch, diesen Krieg weiter zu unterstützen“
Die Einschätzung des Israelis teilen nicht nur viele derjenigen, die
in den vergangenen Monaten am Boden gekämpft haben. Auch in der
Luftwaffe scheint sich langsam Skepsis auszubreiten. Etwa 1000
ehemalige und aktive Reservisten der „Speerspitze“ der israelischen
Armee unterzeichneten im April dieses Jahres einen offenen Brief gegen
den Krieg in Gaza. Einer von ihnen war Amit, der eigentlich anders heißt.
Der 59 Jahre alte Israeli sitzt auf einem Sofa in seiner Wohnung in
Ramat Aviv, einem Vorort von Tel Aviv, und blickt zerknirscht aus dem
Fenster. Gerade hat er seinen Sohn verabschiedet, der an diesem Abend
nach einer mehrwöchigen Pause zurück auf seine Militärbasis fahren
wird. Wie so oft kam es beim Abschied zum Streit. „Sie machen einen
gefährlichen Job“, sagt Amit über die Einheit seines Sohnes, die für
die Entschärfung von explosivem Material zuständig ist. Immer wieder
sterben israelische Soldaten bei dieser Arbeit, erst vor wenigen
Wochen wurden vier junge Männer in Rafah getötet, weil sie auf eine
Sprengfalle traten. Doch Amits Unbehagen rührt nicht nur von der Sorge
um seinen Sohn her.
„Es ist falsch, diesen Krieg weiter zu unterstützen“, sagt auch er.
„Der Einzige, dem wir damit jetzt noch helfen, ist Benjamin
Netanjahu.“
Dass er seinen Sohn, selbst ein scharfer Kritiker des
Ministerpräsidenten, davon nicht überzeugen konnte, macht Amit zu
schaffen. Theoretisch drohen Verweigerern empfindliche Strafen bis hin
zur Verhaftung, in vielen Fällen drücken die zuständigen Kommandeure
jedoch ein Auge zu. Beobachter sehen darin den Versuch der Regierung,
das wachsende Problem herunterzuspielen und größere Aufmerksamkeit zu
vermeiden. Amit vermutet aber ohnehin andere Beweggründe hinter der
Entscheidung seines Sohnes:
„Als Teil einer Armeeeinheit fühlt man sich verantwortlich für sein
Team“, sagt er. „Es ist nicht leicht, zu Hause zu sitzen, während die
eigenen Freunde ihr Leben riskieren.“ Das Militär sei für die meisten
Israelis ein fester Bestandteil der eigenen Identität, die Kameraden
seien fast wie Familienmitglieder. Amit atmet langsam aus, dann
schweift sein Blick zurück zum Fenster. „Er will sie nicht im Stich
lassen“, sagt er dann. „Wer könnte ihm das verübeln.“
Sorge um die Geiseln
Das Verständnis für den Entschluss seines Sohnes hat auch mit Amits
eigener Geschichte zu tun. „Ich habe meinen Beruf geliebt“, sagt er
und blättert durch ein Bilderalbum, das vor ihm auf dem Tisch liegt.
Dann zeigt er auf ein altes Foto, das ihn als jungen, uniformierten
Mann in einem Kampfflugzeug zeigt. Stolz lächelt der damalige
Luftwaffenpilot darauf in die Kamera, neben sich seine kleine Tochter,
die zu Besuch auf die Militärbasis gekommen war. „Ich war immer bereit
dazu, mein Land gegen die Feinde Israels zu verteidigen“, sagt er. „Es
gibt Kriege, die geführt werden müssen. Aber das, was jetzt in Gaza
passiert, hat damit nichts mehr zu tun.“
Auch Amit hatte das nach dem 7. Oktober noch anders gesehen. Nach dem
brutalen Terrorüberfall der Hamas meldete er sich zum Reservedienst,
obwohl er aufgrund seines Alters nicht mehr als Pilot fliegen durfte.
Gefragt waren seine Fähigkeiten trotzdem. 290 Tage war er seit
Kriegsbeginn im Einsatz, übernahm die Koordinierung zwischen den
Truppen am Boden und der Luftwaffe, gab das Kommando für einzelne
Bombenangriffe.
„Es war richtig, die Verantwortlichen für den 7. Oktober umzubringen“,
sagt er bestimmt. „Meine Vorstellung, was mit diesen Terroristen
passieren muss, hat keine Grenzen.“ Doch mittlerweile sei die Lage
eine andere. Die Kommandostruktur der Hamas sei längst ausgeschaltet,
militärisch gebe es für die Armee keine Ziele mehr zu erreichen.
„Alles, was wir jetzt noch tun, bringt allein unsere eigenen Leute in
Gefahr“, sagt Amit. „Wir haben schon jetzt viel zu viele verloren. Das
alles muss aufhören.“
Mit den „eigenen Leuten“ meint Amit nicht nur die mehr als 800
israelischen Soldaten, die seit Kriegsbeginn im Gazastreifen und in
Libanon getötet wurden. Vor allem spielt er damit auf die israelischen
Geiseln an, die bis heute nicht aus dem Gazastreifen zurückgekehrt
sind. Netanjahus Beteuerungen, nur militärischer Druck auf die Hamas
könne zur Befreiung der Verschleppten führen, hält er für eine Lüge.
„Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Amit. Die Lage in Gaza sei so
unübersichtlich geworden, dass die Armee das Leben der Geiseln durch
ihre Einsätze nur noch weiter gefährde.
„Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind“
Auch Amit spricht über das Leid der Palästinenser, wenn auch betont an
nachgeordneter Stelle. „Kollateralschäden sind Teil eines Krieges, so
furchtbar das ist“, sagt er. Die Zehntausenden Zivilisten, die seit
dem 7. Oktober durch israelische Angriffe getötet wurden, hält aber
auch er für zu viele. „Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind“, murmelt er
leise. Dann kommt er auf einen Vorfall im Gazastreifen zu sprechen,
der ihn noch immer beschäftigt.
„Ich wollte gerade den Befehl für einen Luftschlag geben“, erzählt der
schmale Mann über einen Einsatz aus dem vergangenen Jahr. Per Drohne
habe er das Gebiet um einen Zielort überwacht, an dem sich ein
gesuchtes Hamas-Mitglied aufgehalten habe. Dann aber seien plötzlich
zwei spielende palästinensische Jungs mit einem Fußball um die Ecke
gebogen. „Offiziell hätte der Angriff trotzdem stattfinden dürfen“,
erklärt er und verweist auf die Vorgaben der Armee, die je nach
Zielperson genau vorgeben, wie viele zivile Opfer für eine Tötung in
Kauf genommen werden dürfen.
In dem beschrieben Fall hätte die Ranghöhe des gesuchten Terroristen
den „Kollateralschaden“ gerade noch gerechtfertigt. Amit aber
entschied sich anders. „Ich beschloss, die Kinder doppelt zu zählen
und so einen Abbruch der Aktion herbeizuführen“, sagt er. Dann macht
er eine längere Pause, bevor er weiterspricht. „Ich hoffe, dass nicht
alles schlecht war, was ich getan habe. Aber mein Einsatz für diese
Regierung ist zu Ende.“
——