Europas Rolle im Krieg gegen China Führende deutsche Außenpolitik-Zeitschrift schlägt massive Aufrüstung zugunsten der Militarisierung der Asien-Pazifik-Region vor. Experte: Begriff „Indo-Pazifik“ ist eng mit Plänen zur Wahrung der US-Hegemonie verknüpft.
german-foreign-policy.com, 12. November 2024
BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Die führende Fachzeitschrift der deutschen Außenpolitik präsentiert ein Plädoyer für eine umfassende Aufrüstung Deutschlands und ganz Europas zugunsten einer energischen Militarisierung der Asien-Pazifik-Region. Wie es in der Zeitschrift Internationale Politik heißt, die von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) herausgegeben wird, müssten die europäischen Staaten ihre Streitkräfte rasch stärken und die Kontrolle nicht nur über den eigenen Kontinent, sondern auch über „das Mittelmeer sowie gegebenenfalls das Rote Meer und die Meerenge von Bab al-Mandab ... sichern“, um „den Bedarf an US-Truppen in Europa zu reduzieren“. Gelinge dies, dann hätten die Vereinigten Staaten genügend militärische Kapazitäten frei, sollte „ein Krieg im Indo-Pazifik“ losbrechen. Auf einen möglichen Krieg gegen China sollten sich die Staaten Europas zudem vorbereiten, indem sie ihre rüstungsindustriellen Kapazitäten aufstockten, um bei Bedarf etwa verschossene US-Munition zu ersetzen. In den Staaten der Asien-Pazifik-Region selbst beobachten Experten eine zunehmende Abkehr von der schwindenden westlichen Dominanz und eine verstärkte „Asianisierung“ ihrer Militärbeziehungen.
Zitat: Unabhängige Außenpolitik
Hintergrund der Forderungen nach einer stärkeren Militärpräsenz Deutschlands bzw. Europas in der Asien-Pazifik-Region ist zum einen der sich zuspitzende Machtkampf des Westens gegen China, zum anderen die Erkenntnis, dass die Staaten der Region sich der im Rückgang begriffenen westlichen Dominanz zunehmend verweigern und militärpolitisch eigene Wege gehen. Felix Heiduk, Leiter der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), beschreibt dies als „Asianisierung“ der regionalen „Sicherheitsarchitektur“.[1] Ein aktuelles Beispiel bietet Indonesien. Das Land führt seit 2007 regelmäßige Manöver mit den Vereinigten Staaten durch, die zuletzt vom 26. August bis zum 6. September 2024 abgehalten wurden.[2] Inzwischen erweitert es jedoch seine Militärbeziehungen und arbeitet in zunehmendem Maß mit Russland zusammen. Er betrachte „Russland als einen großen Freund“ und wolle die Beziehungen zu Moskau „ausbauen“, hatte Prabowo Subianto, damals Verteidigungsminister, heute Präsident seines Landes, im Juli anlässlich eines Treffens mit Russlands Präsident Wladimir Putin geäußert.[3] In der vergangenen Woche hielten Russland und Indonesien ihr erstes gemeinsames Marinemanöver ab. Dies sei Ausdruck einer unabhängigen Außen- und Militärpolitik, die man künftig pflegen wolle, hieß es dazu in Jakarta.
Kampfbegriff „Indo-Pazifik“
Formuliert werden die Forderungen nach einem Ausbau der militärischen Aktivitäten in der Asien-Pazifik-Region seit mehreren Jahren meist unter Bezug auf den Begriff „Indo-Pazifik“. Dabei handelt es sich – darauf weist Heiduk in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik ausdrücklich hin – um eine Wortschöpfung, die „weder geografischer Natur noch wertneutral“ ist, sondern „durch und durch politisch“.[4] „Das Konzept des ‘Free and Open Indo-Pacific‘, das die USA von Japan übernommen haben“, konstatiert Heiduk, „zielt auf die Eindämmung Chinas zum Zwecke der Aufrechterhaltung der US-Hegemonie in Asien ab“ und ist dabei „untrennbar verknüpft mit der wachsenden strategischen Rivalität zwischen Washington und Peking“. „In diesem geopolitisch verstandenen Raum“, fährt der SWP-Experte fort, „positioniert sich Deutschland nun auch.“ Heiduk weist auf die Asien-Pazifik-Fahrten deutscher Kriegsschiffe in den Jahren 2021 und 2024 sowie auf die Manöver der deutschen Luftwaffe und des Deutschen Heeres in Australien und anderen Ländern der Asien-Pazifik-Region hin. Sie finden im Rahmen der offiziellen Berliner „Indo-Pazifik-Strategie“ statt, mit der Deutschland formell den US-Kampfbegriff für den großen Machtkampf gegen China übernimmt.[5]
„Unterfinanziert und überdehnt“
Exemplarisch Ausdruck verleiht den immer weiter anschwellenden Forderungen nach einer ausgedehnten Militarisierung der Asien-Pazifik-Region in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Internationalen Politik Max Bergmann, ein Experte des Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS). Wie Bergmann schreibt, mangele es den Staaten Europas – Bergmann bezieht ausdrücklich auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien oder Norwegen ein – militärisch „an Hard Power“.[6] Europa habe „in den vergangenen zwei Jahrzehnten sein Militär derart unterfinanziert“, dass seine Priorität nun vorläufig „im Wiederaufbau seiner Landstreitkräfte bestehen“ müsse, heißt es in dem Beitrag. Zudem seien „globale Militärmächte wie Großbritannien oder Frankreich vollkommen überdehnt“; so verfügten sie über schlagkräftige Waffensysteme – insbesondere in Sachen Unterwasser-Kriegsführung –, doch sei „das Militär beider Staaten ... zu dünn präsent“. Zwar sei es für die Staaten Europas derzeit in der Tat vordringlich, sich militärisch gegen Russland in Stellung zu bringen. Doch könne der Kontinent „im Indo-Pazifik“ langfristig trotz allem „eine wichtige sicherheitspolitische Rolle“ spielen, urteilt Bergmann.
Munition für den Krieg
Der CSIS-Experte schlägt dazu sechs Maßnahmen vor. Zunächst gelte es „den Bedarf an US-Truppen in Europa zu reduzieren“, erklärt Bergmann: „Europas größter Beitrag ... läge darin, den europäischen Kontinent, das Mittelmeer sowie gegebenenfalls das Rote Meer und die Meerenge von Bab al-Mandab zu sichern.“[7] Dann könnten sich die USA umfassend ihrem Aufmarsch in der Asien-Pazifik-Region widmen. „Ein Krieg im Indo-Pazifik“ werde „alle Kapazitäten der Vereinigten Staaten beanspruchen“, heißt es weiter; er werde die Vereinigten Staaten zwingen, militärische Mittel aus Europa in die Asien-Pazifik-Region zu verlegen und „ihre gesamte Produktion von Rüstungsgütern der Versorgung der US-Streitkräfte im Indo-Pazifik“ zu widmen. Dies sei nur möglich, wenn Europa militärisch erheblich gestärkt sei. In diesem Falle seien die europäischen Staaten allerdings wohl auch in der Lage, den USA in einem etwaigen Krieg gegen China mit der Lieferung von Waffen oder Munition zur Seite zu stehen. „Kriegssimulationen“, die das CSIS durchgeführt habe, hätten gezeigt, dass die US-Streitkräfte in jeglichem Konflikt „schnell ihre Vorräte an präzisionsgelenkter Munition verbrauchen würden“. Als Ersatzlieferant könne dann Europa einspringen.
Kein „Dritter Weg“ Europas
Bergmann schlägt darüber hinaus weitere Hilfsfunktionen vor, die die Staaten Europas ausüben sollten. So sollten sie „diplomatische und sicherheitspolitische Verbindungen“ zu Staaten knüpfen, mit denen die USA nur mit Einschränkungen kooperieren könnten – etwa zu Vietnam, dem es offenbar schwerfalle, „den historischen Ballast gänzlich über Bord zu werfen“.[8] Freilich dürfe dies gewiss nicht heißen, dass Europa „einen gaullistischen Dritten Weg zwischen den USA und China beschreiten“ solle; seine „Interessen“ entsprächen schließlich „den strategischen Zielen der USA“. Europa solle sich zudem konsequent für eine „regelbasierte internationale Ordnung“ einsetzen – umso mehr, als es „diplomatisch zu Peinlichkeiten führen“ könne, wenn die Vereinigten Staaten dies täten. Die Staaten Europas sollten darüber hinaus enge militärpolitische und rüstungsindustrielle Bindungen in die Asien-Pazifik-Region aufbauen und schließlich auch ihre eigene militärische Präsenz in der Region stärken. „Am wirkungsvollsten könnte es sein“, erklärt Bergmann, „wenn Europa eine Marinemission für die Region aufbauen würde“, in der es sämtliche „europäischen Marineaktivitäten unter der EU-Flagge“ koordiniere. Damit könne es gelingen, der Volksrepublik China erfolgreich entgegenzutreten – jedenfalls militärisch.
[1] Felix Heiduk: Militärdiplomatie und Machtpolitik: Die Bundeswehr im Indo-Pazifik. In: Internationale Politik, November/Dezember 2024. S. 62-65.
[2] Isaac Copeland: Super Garuda Shield 2024: Highlighting multinational partnerships, joint interoperability. army.mil 06.09.2024.
[3] Russische Marine übt in Java-See. Frankfurter Allgemeine Zeitung 05.11.2024. S. auch Kriegsübungen in Südostasien (II).
[4] Felix Heiduk: Militärdiplomatie und Machtpolitik: Die Bundeswehr im Indo-Pazifik. In: Internationale Politik, November/Dezember 2024. S. 62-65.
[5] S. dazu Deutschland im Indo-Pazifik (I).
[6], [7], [8] Max Bergmann: Europas militärische Rolle im Indo-Pazifik. In: Internationale Politik, November/Dezember 2024. S. 56-61.
Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9752
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, awie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.





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