Das Gegenteil des Vergessens
Warum das Gedenken die Bedingung der Möglichkeit einer Zukunft ist: zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. von Omri Boehm
Das kann im Umkehrschluss bedeuten, dass die alttestamentarische jüdische Traditionen des Gedenkens auch die Vernichtung der Paläsninenser rechtfertigen kann.SZ, 7. 4. 2025, S. 11,
Der jüdisch-amerikanische Historiker Yosef Chaim Yerushalmi war einer der besten Kenner der Geschichte des jüdischen Gedächtnisses. Sein klassisches Werk „Zakhor“, das 1988 auf Deutsch unter dem Titel „Zachor – Erinnere Dich!“ erschien, endet mit einer Frage: „Was wäre, wenn das Gegenteil des Vergessens nicht das Erinnern ist, sondern die Gerechtigkeit?“ Yerushalmi selbst hat die Frage bis zu seinem Tod im Jahr 2009 nie beantwortet und sich auch nicht die Mühe gemacht zu erklären, was er mit ihr sagen wollte. Aber sie ist ein guter Ausgangspunkt, um über die Bedeutung und die Macht des Gedenkens nachzudenken in einer Zeit, in der dieses Gedenken vor neuen, unerträglichen Herausforderungen steht.
Yerushalmi zufolge gibt es in der jüdischen Tradition eine scharfe Trennung zwischen Geschichte und Erinnerung. Geschichte wird in der dritten Person geschrieben und nimmt für sich in Anspruch, faktisches Wissen über die Vergangenheit zu vermitteln. Erinnerung kann dagegen nur in der ersten Person erzählt werden, ob im Singular oder im Plural. Sie ist weder bloß faktisch noch bloß beschreibend, sie erhebt vielmehr einen Anspruch an uns, sie ist ein Aufruf zum Handeln. Der wesentliche Unterschied ist daher, dass es in der Geschichte tatsächlich um die Vergangenheit geht, während die Erinnerung letztlich auf Gegenwart und Zukunft gerichtet ist. Und genau das ist auch der Grund dafür, dass es möglich ist, sich zu erinnern – und dennoch zu vergessen. Mit anderen Worten: Das Gegenteil von Vergessen ist nicht nur das Wissen um die Vergangenheit, sondern auch die künftige Einhaltung der Pflichten, die uns von dieser Vergangenheit auferlegt worden sind.
Diese Erkenntnis erlaubt es, einen Widerspruch aufzulösen, der im Zentrum jüdischen Lebens und Nachdenkens zu liegen scheint. Einerseits beschäftigt sich das Judentum bekanntlich intensiv mit Erinnerung, andererseits steht es in einer prophetischen Tradition, die sich vor allem für die Zukunft interessiert oder sogar für das Utopische und Ideale. Das ist aber gar kein Widerspruch. Denn wenn die Propheten immer wieder fordern „Erinnere Dich!“ – Zakhor! –, dann wollen sie eigentlich, dass wir nie vergessen, dass wir der Vergangenheit nur gerecht werden, wenn wir in der Zukunft nach Gerechtigkeit streben.
Ich möchte von hier aber noch einen Schritt weitergehen, weil ich Yerushalmis Gedanken hier nur für den Anfang halte. Das höchste Ziel, das uns die Propheten gezeigt haben, ist nämlich nicht die Gerechtigkeit, sondern der Frieden. Martin Buber etwa hat das deutlich gesehen. Am klarsten zum Ausdruck gebracht hat es allerdings Hermann Cohen, als er erklärte, dass Gerechtigkeit nicht das höchste moralische Ziel sein kann, weil sie von Abwägung und Beurteilung abhängt und deshalb auf Unvollständigkeit und Trennungen beruht. Der Frieden stehe im Gegensatz dazu in der jüdischen Tradition für das, was für die Griechen die Harmonie gewesen sei: das Vollkommene oder das Ganze. Das Wort „shalem“ bedeutet im Hebräischen „ganz“ und ist der Ursprung des hebräischen Wortes für Frieden: „Shalom“. Der Frieden vervollständigt die Gerechtigkeit, indem er sie universalisiert. Kann es also sein, dass das Gegenteil des Vergessens weder bloß das Erinnern noch die Gerechtigkeit ist, sondern der Frieden?
Cohen hatte bei diesen Überlegungen nicht nur die Propheten im Sinn, sondern auch das zentrale Ideal der Aufklärung, dem Kant seine folgenreichste Schrift widmete: „Zum ewigen Frieden“. Zur Lehre Heraklits, nach der „der Krieg der Vater aller Dinge“ ist – was traditionell all diejenigen überzeugt, die sich als „Realisten“ bezeichnen –, entwerfen die hebräischen Propheten und Kant eine radikale Alternative. Nicht die vermeintliche Notwendigkeit des Krieges, sondern das Ideal des Friedens soll für sie der Ursprung menschlicher Beziehungen, menschlicher Politik und menschlichen Rechts sein.
Kant wusste selbstverständlich genauso gut wie vor ihm die Propheten, dass die Realität unserer Welt brutal ist. Aber genau das war der Punkt. Es ging ihm darum, dass wir uns inmitten der brutalen oder, wie er schrieb, „barbarischen“ Realität Gesetzen unterwerfen müssen, deren Ideal der Frieden ist, weil nur so sichergestellt ist, dass er trotz allem möglich bleibt. Der Weg einer Menschheit, so Kants Warnung, die dem Ideal des Friedens nicht treu bliebe, führe unweigerlich in die Vernichtung.
Wenn wir uns heute an die Schrecken Buchenwalds erinnern, wenn wir uns die unerträglichen Bilder noch einmal vor Augen führen, die hier aufgenommen wurden bei der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen, und wenn wir in die Augen der letzten Überlebenden blicken, die noch unter uns sind – einige von ihnen sind auf ebendiesen Bildern zu sehen –, dann muss ich an diese Warnung Kants denken und die Lehre der Propheten. Können wir das Vergessen jemals verhindern, wenn das Erinnern nicht von einem unbeirrbaren Engagement für den Frieden begleitet wird?
Es gibt natürlich noch andere, konkurrierende jüdische Traditionen des Gedenkens. Eine alternative Tradition beginnt mit einer Forderung, die uns derzeit nur allzu vertraut ist: „Gedenke (zakhor) dessen, was dir von Amalek angetan wurde“, und „rottet seinen Samen aus“. Diese Tradition oder der Frieden – für welche entscheiden wir uns? Und zu welchem Preis?
„Zum ewigen Frieden“ wurde 1795 veröffentlicht und erschien zu Kants Lebzeiten völlig utopisch. „Gut in der Theorie, aber nichts für die Praxis“, so lautete schon damals der bekannte Spruch seiner „realistischen“ Gegner. Die Kernideen des Textes wurden nach dem Zweiten Weltkrieg trotzdem in das Völkerrecht aufgenommen, als Reaktion auf die Verheerungen des Krieges und die Bilder aus den KZs.
In den Fotografien, die aus Buchenwald – und aus Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen – kamen, blickte die Menschheit in den Spiegel und entdeckte, dass sie nicht nur in einen entfesselten Krieg und einen Massenmord verwickelt war. Der fanatische Antisemitismus, der im Nazi-Deutschland zu dem Versuch geführt hatte, die Juden systematisch zu vernichten, war auch ein Angriff auf die Idee der Menschenwürde selbst. Neu war die Idee der Menschenwürde auch schon damals nicht, aber sie wurde durch die Bilder endlich als zentrale Grundlage für unser gemeinsames Leben auf der Erde erkannt und – was oft übersehen wird – erstmals in staatliche Verfassungen und internationale Konventionen aufgenommen. Die Errungenschaft von Dokumenten wie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder dem Grundgesetz liegt darin, dass an ihnen deutlich wird, dass Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht keine willkürlichen Setzungen sind, sondern aus einer moralischen Verpflichtung hervorgehen.
Nach Gräueln wie in Buchenwald wurde ein zuvor vollkommen utopisch anmutender Gedanke zur Kernidee einer Entwicklung, die zum Ziel hatte, dass Menschen nicht nur als Bürger durch ihre Staaten geschützt sind, sondern auch vor ihren Staaten – und sogar dann, wenn sie – wie die Juden hier in Buchenwald – gar keine Bürger sind. Mit anderen Worten: Durch die Aufnahme der Menschenwürde ins Recht weigerte sich die Menschheit, den Krieg – den letzten Widerspruch zu jedem Ideal – als Vater aller Dinge anzuerkennen. Stattdessen hat sie sich dafür entschieden, ein großes „Nie wieder“ in die menschliche Existenz einzuschreiben, indem sie die Verbindlichkeit unserer Gesetze aus den Idealen Würde und Frieden ableitetet. Als stärksten Ausdruck unserer Verpflichtung gegenüber der Zukunft wegen unserer Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit.
Gelegentlich wird behauptet, dass die Aussage „nie wieder“ zwei Formulierungen zulässt. Die eine ist einfach nie wieder. Die andere lautet – angesichts des völkermörderischen Antisemitismus, der in die „Endlösung“ mündete, „nie wieder für uns“. Danach besteht die künftige Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass den Juden niemals mehr die Vernichtung droht. Es ist an der Zeit, diese Unterscheidung aufzugeben. „Nie wieder“ ist nur in seiner universellen Form gültig, und nur dann kann es seiner besonderen Formulierung gerecht werden.
Zumal eine Welt, in der nur den Juden der Ausrottungskrieg, den sie erfahren mussten, künftig erspart bleiben soll, eine Welt ist, in der auch ihnen weitere Ausrottungskriege nicht erspart bleiben werden. Eine Welt, in der eine Wiederholung der Schrecken von Buchenwald weiter möglich ist, ist eine Welt, in der sich diese Schrecken überall wiederholen können – und auch wieder Juden treffen können. Umso mehr als Antisemitismus bekanntlich alles andere als vorbei ist.
Nur eine internationale Gemeinschaft, die sich verpflichtet, die Möglichkeit unbegrenzter Kriege für immer auszuschließen, ist eine Gemeinschaft, die garantieren kann, dass sich dieselben Verbrechen nicht wiederholen. Wenn in diesen Tagen vom brutalen Massaker des 7. Oktobers gesprochen wird, heißt es auch manchmal „Nie wieder!“. Andere blicken auf die Zerstörung und den Hunger in Gaza und sagen dasselbe. Sofern beides ein Vergleich mit dem Holocaust sein soll, ist das eine so irreführend wie das andere.
In beiden Aussagen steckt allerdings auch ein Körnchen Wahrheit. Zum einen, insofern beide auf die erschütternde Tatsache verweisen, dass zweimal die vollständige Entmenschlichung von Gesellschaften nicht verhindert wurde; zum anderen, insofern beide offenbaren, als die internationale Gemeinschaft zwar durch ihre verschiedenen Bündnisse gespalten sein mag, aber vereint ist in ihrer Bereitschaft, entmenschlichende Verbrechen, die die Möglichkeit des Friedens untergraben, zu tolerieren und manchmal sogar zu rechtfertigen. Nur eine internationale Gemeinschaft, die sich dem entgegenstellen würde, wäre eine, die sich wirklich dafür einsetzt, dass sich ein Buchenwald niemals wiederholt.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Welt heute, am 80. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds, in eine neue Epoche eintritt. Die USA, die dieses Lager befreit haben, wenden sich heute von ihren liberalen europäischen Verbündeten ebenso ab wie von Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht, während Wladimir Putin einen brachialen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Das wiederum zwingt die EU, um ihren Schutz selbst in die Hand nehmen können, sich zu einer Militärgroßmacht hochzurüsten.
Und während das passiert, genießen auf dem alten Kontinent auch noch überall Rechtspopulisten lange ungekannten Zuspruch und verbünden sich mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt. Brandgefährlich sind diese europäischen Nationalisten nicht unbedingt deswegen, weil sie ihre faschistischen und antisemitischen Wurzeln verleugnen. Brandgefährlich sind sie vor allem, weil sie behaupten, dass sie diejenigen seien, die wirklich die Verantwortung für die Vergangenheit übernähmen, und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil sie Rechtsstaatlichkeit, Völkerrecht und die europäische Aufklärung verachten.
Vor diesen Leuten sollten wir laut warnen – aber gleichzeitig auch nicht vergessen, uns selbst zu hinterfragen. Damit wir – als demokratische Linke, demokratische Rechte und demokratische Mitte – im gemeinsamen Kampf gegen die Nationalisten ganz sicher sein können, eine echte Alternative zu sein. Eine Alternative, die sich unmissverständlich zur Rechtsstaatlichkeit und zum Völkerrecht bekennt. Eine Alternative, die versteht, warum wir der Versuchung widerstehen müssen, die von den neorealistischen Doktrinen ausgeht, die Menschenwürde und Frieden als naive, edle Lügen abtun und fordern, die Macht Europas auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit auszubauen. Doktrinen dieser Art werden uns ganz schnell von „nie wieder“ zu „wieder“ bringen. Es ist nicht nüchtern-realistisch, die Ausrottungskriege zu übersehen, vor denen uns Ideale wie Menschenwürde und Frieden schützen. Deshalb ist es nötig, gerade heute an Buchenwald zu erinnern. Genug ist das allerdings nicht. Wir müssen auch dafür sorgen, dass wir niemals vergessen.
Aus dem Englischen von Jens-Christian Rabe.
Der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm, geboren 1979, ist Professor für Philosophie an der New School for Social Research in New York. 2022 erschien von ihm „Radikaler Universalismus“ im Propyläen Verlag.
Info: https://epaper.sueddeutsche.de/webreader-v3/index.html#/869008/11
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
unser weiterer Kommentar: Zitat daraus: Es gibt natürlich noch andere, konkurrierende jüdische Traditionen des Gedenkens. Eine alternative Tradition beginnt mit einer Forderung, die uns derzeit nur allzu vertraut ist: „Gedenke (zakhor) dessen, was dir von Amalek angetan wurde“, und „rottet seinen Samen aus“. Diese Tradition oder der Frieden – für welche entscheiden wir uns? Und zu welchem Preis? Zitatende
Analog kann das bedeuten, dass die alttestamentarische jüdische Traditionen des Gedenkens auch die Vernichtung der Paläsninenser rechtfertigen kann.















