6. Forum Friedensethik: Rede der Aachener Philosophieprofessorin Maria Reicher-Marek am Nakba-Tag
https://forum-friedensethik.de/nakba-und-deutsche-verantwortung/
Rede der Aachener Philosophieprofessorin Maria Reicher-Marek am Nakba-Tag
Das öffentliche und offizielle Deutschland gedenkt dieser Tage der
Beendigung des Krieges vor 80 Jahren und der Befreiung vom
Nationalsozialismus. Das ist richtig und wichtig. Dass wir uns an die
Vergangenheit erinnern, dass wir uns an die Verstorbenen erinnern,
auch und gerade an die Opfer vergangener Verbrechen, ist ein
wesentlicher Teil unseres Mensch-Seins.
Es ist aber auch wichtig für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft.
Denn wer aus der Geschichte nicht lernt, ist bekanntlich dazu
verdammt, sie zu wiederholen.
Heute, am Nakba-Tag, gedenken wir der palästinensischen Opfer der
Nakba, der Katastrophe der massenhaften Vertreibung und Ermordung von
Palästinenser/in-nen im Zuge der Gründung des Staates Israel von 1947
bis 1949:
Wir gedenken der rund 15.000 Palästinenser/innen, die von 1947 bis
1949 ermordet wurden – ermordet zunächst von paramilitärischen
zionistischen Einheiten, später – nach der Gründung des Staates Israel
– von der regulären israelischen Armee.
Wir gedenken der rund 750.000 Palästinenser/innen, die von 1947 bis
1949 enteignet und aus ihren Häusern vertrieben wurden. Hunderte
palästinen-sische Dörfer und Städte wurden zerstört.
Auf den Ruinen entstanden jüdische Dörfer und Städte. Die meisten
Vertriebenen fanden nirgendwo eine neue Heimat, lebten fortan als
Flüchtlinge in Lagern, fast immer in prekären Verhältnissen, oft
rechtlos. Hunderttausende Einzelschicksale, Hunderttausende zerstörte
Existenzen.
Wir stehen hier und gedenken dieser Opfer. Das ist gut so. Doch warum
ist das Gedenken an die palästinensischen Opfer der israelischen
Staatsgründung nicht Teil der offiziellen Erinnerungskultur unseres
Landes? Weil es uns nichts angeht? Weil es nichts mit unserer
Geschichte zu tun hat?
Das ist ein Irrtum. Die Leiden des palästinensischen Volkes haben sehr
viel mit unserer Geschichte zu tun. Denn die unmittelbare Ursache
dieser Leiden ist die Gründung des Staates Israel im Land Palästina.
1947 beschloss die UN-Generalversammlung einen Teilungsplan für
Palästina. Erklärtes Ziel war die Gründung eines jüdischen Staates.
Die Abstimmung über diesen Plan war auf des Messers Schneide. Die
erforderliche Mehrheit wurde mit knapper Not erreicht, und das erst
nach massiver zionistischer Lobby-Arbeit mit teils mafiösen Methoden.
Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist es grundsätzlich
problematisch, darüber zu spekulieren, was gewesen wäre, wenn. Doch in
diesem Fall kann man wohl mit Fug und Recht sagen: Diesen
Teilungsbeschluss hätte es so nicht gegeben, wäre die Welt nicht unter
dem Eindruck des Holocaust gewesen. Es war das Gefühl, dass die Welt
dem jüdischen Volk Wiedergutmachung schuldet, das den Ausschlag gab.
Ohne Holocaust kein Israel, ohne Israel keine Nakba. Daher ist die
Nakba untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Das
palästinensische Volk ist ein Sekundäropfer des Holocaust. Sofern wir
eine besondere Verantwortung für die Opfer des Holocaust haben, haben
wir diese Verantwortung also nicht nur für das jüdische Volk, sondern
ebenso für das palästinensische.
Der Begriff der „historischen Verantwortung“ fordert mich als
Philosophin heraus. Denn Verantwortung im eigentlichen Sinn kann man
nur haben für Geschehnisse, deren Verlauf man hätte beeinflussen
können. Darum gilt für die meisten von uns, dass wir keine
Verantwortung für den Holocaust tragen. Das ist kein Verdienst, es ist
bloß die Gnade der späten Geburt.
Ist also die viel beschworene „historische Verantwortung“ eine
Fiktion? – Nicht ganz. Ich denke, man kann schon sinnvoll von
historischer Verantwortung sprechen, und zwar in folgendem Sinn: Es
gibt so etwas wie eine Verantwortung, sich der Geschichte zu erinnern,
um aus ihr zu lernen. Wir sind im vollen Sinne des Wortes
verantwortlich für das, was jetzt geschieht, sofern wir irgend-eine
Möglichkeit haben, Einfluss darauf zu nehmen.
Die Nakba endete nicht 1949. Was zwischen 1947 und 1949 geschah, war
nur eine erste große Welle der „ethnischen Säuberungen“ (man verzeihe
mir die Verwendung dieses fürchterlichen Ausdrucks). Eine zweite Welle
folgte 1967. Da wurden abermals Hunderttausende Palästinenser_innen
vertrieben.
Viele von ihnen waren schon Opfer der ersten Welle gewesen. Was wir
gegenwärtig beobachten, ist die dritte große Welle. Sie ist viel
größer und vor allem noch viel blutiger als die vorangegangen. Sie
betrifft nicht allein Gaza, sondern auch das Westjordanland. Die
israelische Armee hat seit Oktober 2023 in Gaza Zehntau-sende Menschen
getötet und ca. zwei Millionen vertrieben, viele davon mehrfach. Im
gleichen Zeitraum wurden im Westjordanland ca. 40.000 Menschen
vertrieben und beinahe 1000 getötet.
Das Ziel ist die ethnische Säuberung des Gazastreifens und
mittelfristig auch des Westjordanlandes, damit das von den
Ultrazionisten erträumte „Groß-Israel“ verwirklicht werden kann: ein
jüdischer Staat „from the river to the sea“, also vom Jordan bis zum
Mittelmeer. Dafür ist jedes Mittel Recht, auch der Genozid an den
Palästinensern.
Wenn wir aus unserer eigenen Geschichte lernen wollen, dann müssen wir
uns fragen: Wie konnte der Holocaust geschehen? Was sind die
Kernmerkmale jener Ideologie, die den Holocaust ermöglicht haben? Es
ist vermutlich vereinfachend, aber ich glaube, es gibt drei
Kernmerkmale:
Erstens: der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Rasse bzw. die
Minderwertigkeit anderer Rassen.
Zweitens: die „Entmenschlichung“ der vermeintlich minderwertigen
Rassen.
Drittens: die Überzeugung, dass die überlegene Rasse das Recht auf
einen ethnisch reinen Staat hat, auch wenn dies die Auslöschung der
minderwertigen Rassen erfordert.
Diese Ideologie nenne ich jetzt „Faschismus“, um einen prägnanten
Namen dafür zu haben. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass sich in
diesem Land der Faschismus wieder ausbreiten könnte. Viele Tausende
gehen auf die Straße, um dieser Sorge Ausdruck zu verleihen. Gut so!
Wehret den Anfängen!
Doch in Israel ist es längst zu spät, den Anfängen zu wehren. Hier
können wir Faschismus in seiner vollen Pracht und Blüte studieren. Wer
das nicht glaubt, der möge einmal im Internet nach Statements von
israelischen Politikern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen
Lebens suchen – vor allem nach solchen, die an das israelische
Publikum gerichtet sind.
Als Beispiel zitiere ich hier ein Posting von Elad Barashi. Elad
Barashi ist ein einflussreicher israelischer Fernsehproduzent. Er
leitet den Haus- und Hofsender von Premierminister Netanjahu. Barashi
schrieb am 27. Februar dieses Jahres:
„Gaza befindet sich im Todestrakt. 2,6 Millionen Terroristen in Gaza
sind zum Tode verurteilt. Sie verdienen den Tod. Menschen, Frauen,
Kinder auf jede erdenkliche Art und Weise, lasst es einen Holocaust in
Gaza geben – ja, lesen Sie das ruhig noch einmal – H-O-L-O-C-A-U-S-T.
Wenn man mich fragt, so braucht es Gaskammern, Zugwaggons und andere
grausame Arten des Todes für diese Nazis. (…) Überfahren. Ausrotten.
Abschlachten. Dem Erdboden gleichmachen. Demontieren. Zerschmettern.
Ohne Gewis-sen und Gnade sind Kinder und Eltern, Frauen und Mädchen zu
einem grausamen und schweren Tod verurteilt. Gaza verdient den Tod.
Lasst es einen Holocaust in Gaza geben.“
“Nie wieder!” ist Konsens in dieser Republik. Hier ist ein
palästinensischer Blick auf unser “Nie wieder!”:
Hungersnot. Verdrängung. Bombardierung. Und über all dem die stille
Arroganz einer Welt, die immer noch von ihrer eigenen moralischen
Überlegenheit überzeugt ist. Das Schweigen. Die rhetorische Akrobatik.
Die frommen Erklärungen. Die Lügen. Das „Nie wieder“ war nie für uns
bestimmt. Nicht für Muslime. Nicht für Afrikaner. Nicht für Araber.
Nicht für diejenigen, deren Leben außerhalb des engen Kreises der
westlichen Empathie liegt. Das „Nie wieder“ ist reserviert – für
diejenigen, die wie sie aussehen oder ihren Interessen dienen. Für den
Rest von uns gibt es nur:
Wieder.
Und wieder.
Und immer wieder.“
Sakir Khader, palästinensisch-niederländischer Dokumentarfotograf und
Filmregisseur, 4. Mai 2025
Ich möchte diese Rede mit den Worten von Margot Friedländer
beschließen, der Überlebenden des KZ Theresienstadt, die vor wenigen
Tagen im Alter von 103 Jahren starb:
„Was war, können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder
geschehen. Nie wieder soll auch nur einem Menschen das zugefügt
werden, was damals mit Menschen gemacht wurde, weil Menschen nicht als
Menschen anerkannt wurden.“
---------
siehe auch die Homepage von Frau Prof.in Maria Reicher-Marek:
http://www.dienichtvergisst.blog <http://www.dienichtvergisst.blog/>
——
7. Der Spiegel: Krieg im Gazastreifen - Israels gefährliche Hilfe
https://www.spiegel.de/ausland/gaza-wie-israel-durch-ein-neues-hilfssystem-millionen-menschen-vertreiben-koennte-a-54f39283-f7bb-4310-a47e-0d630741e593
Krieg im Gazastreifen - Israels gefährliche Hilfe
Während die israelische Armee den Gazastreifen massiv bombardiert,
startet eine neue, private Hilfsorganisation ihren Betrieb.
Unabhängige Beobachter sehen darin ein Werkzeug zur Vertreibung der
Bevölkerung, das den Hunger kaum lindern wird.
Von Thore Schröder, Tel Aviv
27.05.2025, 17.15 Uhr
Die Fotos vom Start der vermeintlich großen, neuen Hilfsoperation für
den Gazastreifen zeigen arabische Männer in Jeans und Turnschuhen,
wahrscheinlich Lastwagenfahrer, die einzelne Kartons auf ihren
Schultern tragen.
Die Gaza Humanitarian Foundation (GHF) veröffentlichte die Aufnahmen
am Dienstagmorgen, um den Beginn ihrer Arbeit im Kriegsgebiet zu
demonstrieren. Die Ausgabe von Hilfsgütern werde später am Tag an
einer »sicheren Verteilstelle« nahe der ägyptischen Grenze im
äußersten Süden beginnen. Am Nachmittag veröffentlichte die
israelische Armee dann weitere Fotos und erklärte, zwei Stellen hätten
ihren Betrieb aufgenommen.
Damit startet eine Initiative, die unter nebulösen Umständen zustande
gekommen ist – und von der humanitäre Helfer sagen, dass sie vorrangig
der Vertreibung der Menschen im Gazastreifen dienen könnte. Während
die GHF ihre Arbeit aufnimmt, hat die israelische Armee ihre
Bombenkampagne ausgeweitet, weite Teile Gazas zu Evakuierungsgebieten
erklärt und einen »beispiellosen Angriff« angekündigt.
Vieles deutet darauf hin, dass sich die verheerende humanitäre Lage im
Küstengebiet nach mehr als 19 Monaten Krieg nochmals zuspitzen wird.
Dabei warnen Helfer bereits seit Wochen vor einer bevorstehenden
Hungersnot und beklagen einen Mangel sämtlicher anderer
lebensnotwendiger Güter. Es wirkt, als diene all das einem Ziel:
Israels von Rechtsextremen gesteuerte Regierung propagiert die
Aussiedlung der Menschen aus dem Küstengebiet und die Errichtung neuer
jüdischer Siedlungen.
Rücktritt vor dem Start
Wer noch nicht von der GHF-Initiative gehört hatte, musste spätestens
am Sonntagabend stutzig werden. Noch vor dem Start erklärte Direktor
Jake Wood seinen Rücktritt. Die Pläne der Organisation seien nicht mit
seinen »humanitären Grundsätzen der Menschlichkeit, Neutralität,
Unparteilichkeit und Unabhängigkeit« vereinbar, erklärte er. Laut
»Washington Post« trat Chief Operating Officer David Burke ebenfalls
zurück.
Die GHF wird von den USA und der israelischen Regierung von
Premierminister Benjamin Netanyahu als Lösung der humanitären Krise in
Gaza propagiert. Israel hatte die Einfuhr sämtlicher Hilfen seit
Anfang März für mehr als zwei Monate blockiert.
Angeblich, um den Zugriff der Hamas darauf zu verhindern und den Druck
auf die Geiselverhandlungen zu erhöhen. Israelische Politiker und
Militärs behaupteten seit Kriegsbeginn immer wieder, dass die Hamas
systematisch Hilfsgüter stehlen und sich so finanzieren würde.
Stichhaltige Beweise dafür legte sie nicht vor.
Anfang vergangener Woche musste die israelische Regierung dem
gestiegenen internationalen Druck nachgeben. Uno-Organisationen
konnten ihre Hilfslieferungen vorübergehend in geringem Maß wieder
aufnehmen. Bald schon soll aber nur GHF, flankiert von privaten
US-Sicherheitsfirmen und israelischen Soldaten, die Versorgung
Hunderttausender Menschen übernehmen.
Hilfe als Werkzeug zur Vertreibung
Dafür sollen sich einzelne palästinensische Familienmitglieder alle
paar Tage zu einer von anfangs lediglich vier Ausgabestellen im
Küstenstreifen begeben, um dort jeweils einen 20-Kilo-Karton mit
Hilfsgütern entgegenzunehmen. Beim Zutritt müssen sie israelische
Militärposten passieren, sich wahrscheinlich einem Gesichts-Scan und
anderen Checks unterziehen. Die Uno beklagt, dass dies internationalem
humanitärem Recht widerspreche:
- Humanitäre Hilfe müsse unvoreingenommen jedem Einzelnen zugänglich
gemacht werden. Bereits ausgehungerte, geschwächte Menschen –
insbesondere Senioren, Frauen und Kinder – könnten die Strecken zu und
von den Ausgabestellen nicht bewältigen.
- Die Gefahr von Massenpaniken und Plünderungen sei groß.
- Die Tatsache, dass im Norden Gazas kein einziger Ausgabepunkt
vorgesehen ist, im äußersten Süden aber drei, weise darauf hin, dass
sich hinter der Initiative »eine mögliche Politik der
Zwangsumsiedlung« verstecke, heißt es in einem Uno-Papier.
Ein israelischer Plan
Recherchen internationaler und israelischer Medien legten in den
vergangenen Tagen offen, dass die Initiative zur Privatisierung der
Hilfe entgegen Beteuerungen der Netanyahu-Regierung auf israelische
Stellen zurückgeht.
Laut »New York Times« hätten Ende 2023 gleich gesinnte Beamte,
Militärs und Geschäftsleute mit engen Verbindungen zur israelischen
Regierung diskutiert, wie die Uno bei den Hilfsausgaben umgangen
werden könnte, ohne dass die Israelis selbst die Verantwortung
übernehmen müssten. Später einigten sich die Teilnehmer der Gespräche
darauf, die Verteilung der Lebensmittel durch private Auftragnehmer zu
organisieren.
Mit der Absicherung der neuen Ausgabestellen beauftragten die Israelis
federführend den privaten US- Sicherheitsdienstleister Safe Reach
Solutions (SRS). Laut »Haaretz« wurden »die israelische Armee und das
Verteidigungsministerium vollständig von der Auswahl des Unternehmens
ausgeschlossen«.
Die Verantwortung habe bei Roman Gofman, dem Militärberater von
Premierminister Benjamin Netanyahu, gelegen. In der Öffentlichkeit
hatten israelische Beamte dagegen immer betont, dass es sich um eine
US- Initiative handle.
GHF ist in den USA und der Schweiz registriert. Mehrere bekannte
internationale Hilfsorganisationen haben ihre Beteiligung dementiert.
Laut »Reuters« prüfen Schweizer Behörden derzeit, ob die Mission von
GHF mit dem Schweizer und internationalen humanitären Recht vereinbar ist.
Völlige Zerstörung und dauerhafte Besatzung
Netanyahu hat den »Trump-Riviera-Plan«, der die massenhafte
»freiwillige Ausreise« von Palästinenserinnen und Palästinensern aus
Gaza vorsieht, vergangene Woche zur Bedingung für ein Kriegsende
erklärt. »Jeder in Israel weiß, dass er den Krieg so lange
weiterführen will, wie es geht«, sagt der Sicherheitsanalyst und
frühere Geheimdienstler Michael Milshtein von der Universität Tel Aviv.
Das diene Netanyahus politischen und persönlichen Zielen
Finanzminister Bezalel Smotrich sagte am Montag, humanitäre Hilfe
werde nur zugelassen, »damit die Welt uns nicht aufhält und uns
Kriegsverbrechen vorwirft«. Es gehe darum, alles zu vernichten, »was
im Gazastreifen noch übrig ist«. Das rechtsextreme Kabinettsmitglied
hat immer wieder die dauerhafte Besetzung und Besiedlung des
Küstenstreifens propagiert.
Die Armee erklärte am Sonntag, binnen zwei Monaten 75 Prozent Gazas
dauerhaft besetzen und die rund zwei Millionen Einwohner auf einem
Viertel der Fläche konzentrieren zu wollen.
Am Montag erklärte ein Militärsprecher noch weitere Teile Südgazas zu
Evakuierungsgebieten und kündigte einen »beispiellosen Angriff« an.
Insgesamt fünf Divisionen sind in Gaza nun aktiv. Sicherheitsanalyst
Milshtein geht davon aus, dass es insgesamt »einige Zehntausend
Soldaten sind, so viele wie seit Anfang 2024 nicht mehr«.
Internationale Diplomaten hatten vergangene Woche der Londoner »Times«
angeblich eine Karte des israelischen Operationsplans vorgelegt, der
eine weitere Zerschneidung des Gazastreifens vorsehe. Danach solle die
Bevölkerung in kleinen Gebieten um Gaza-Stadt, Deir al-Balah und Chan
Junis zusammengetrieben werden. Bereits jetzt sind 90 Prozent der
Bewohnerinnen und Bewohner Gazas mindestens einmal seit dem 7. Oktober
vertrieben worden.
Die meisten leben in informellen Camps ohne verlässliche
Wasserversorgung, zwischen Abwasser und Müll. Auch das
Gesundheitssystem hat die israelische Armee systematisch zerstört.
Israelische Bomben töten jeden Tag Dutzende Zivilisten in
Flüchtlingsunterkünften. (…)
-------
siehe auch:
https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-05/hunger-gaza-hilfsgueter-israel-faq
——
8. Haaretz: Deutschlands Versklavung durch seine Vergangenheit hat es viel zu lange zum Thema Gaza schweigen lassen
Englisches Original: https://www.haaretz.com/opinion/2025-05-29/ty-article-opinion/.premium/germanys-enslavement-to-its-past-kept-it-silent-on-gaza-for-far-too-long/00000197-1830-d0e9-abd7-3db0ec550000?gift=48a288470f43418eaa8e551278ceb2bc
Deutschlands Versklavung durch seine Vergangenheit hat es viel zu lange zum Thema Gaza schweigen lassen
Gideon Levy <https://www.haaretz.com/ty-WRITER/0000017f-da24-d249-ab7f-fbe4caac0000>
Haaretz, 29. Mai 2025
Deutschland hat die Erinnerung an den Holocaust und seine Lehren
verraten. Ein Land, das es als seine höchste Aufgabe ansah, nicht zu
vergessen, hat vergessen. Ein Land, das sich selbst sagte, dass es
niemals schweigen würde, hat geschwiegen.
Ein Land, das einst sagte: „Nie wieder“, und jetzt: „Wieder“, mit
Waffen, mit Geld, mit Schweigen. Es gibt kein Land, das besser als
Deutschland darin sein sollte, „ekelhafte Vorgänge zu erkennen“. Jeder
Deutsche weiß viel mehr über sie als Yair Golan. Hier in Israel sind
sie in vollem Gange, doch Deutschland hat sie noch nicht als das
erkannt, was sie sind. Es ist erst vor kurzem aufgewacht, zu spät und
zu wenig wirksam.
Wenn Deutschland den Fahnenmarsch in Jerusalem sieht, muss es die
Kristallnacht sehen. Wenn es die Ähnlichkeiten nicht sieht, verrät es
die Erinnerung an den Holocaust. Wenn es auf Gaza schaut, muss es die
Konzentrationslager und Ghettos sehen, die es gebaut hat. Wenn sie die
hungernden Menschen im Gazastreifen sieht, muss sie die elenden
Überlebenden der Lager sehen.
Wenn sie das faschistische Gerede israelischer Minister und anderer
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über das Töten und den
Bevölkerungstransfer, darüber, dass es „keine Unschuldigen“ gibt, und
über das Töten von Babys hört, muss sie die abschreckenden Stimmen aus
ihrer Vergangenheit hören, die das Gleiche auf Deutsch sagten.
Es hat kein Recht zu schweigen. Es muss die Fahne des europäischen
Widerstands gegen das, was im Gazastreifen geschieht, hochhalten.
Dennoch hinkt es weiterhin hinter dem Rest Europas her, wenn auch auf
unangenehme Weise, nicht nur wegen seiner Vergangenheit, sondern auch
wegen seiner indirekten Verantwortung für die Nakba, die ohne den
Holocaust wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte. Deutschland
schuldet auch dem palästinensischen Volk eine moralische Teilschuld.
Die israelische Besatzung wäre ohne die Unterstützung der Vereinigten
Staaten und Deutschlands nicht möglich gewesen. Während dieser Zeit
galt Deutschland als Israels zweitbester Freund. Die Unterstützung war
umfassend und bedingungslos. Jetzt wird Deutschland für die langen
Jahre der strengen Selbstzensur bezahlen, in denen es verboten war,
Israel, das heilige Opfer, zu kritisieren.
Jegliche Kritik an Israel wurde als Antisemitismus abgestempelt. Der
gerechte Kampf für die Rechte der Palästinenser wurde kriminalisiert.
Ein Land, in dem ein großes Medienimperium von seinen Journalisten
immer noch den Schwur verlangt, als Bedingung für eine Anstellung
niemals das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, kann nicht
behaupten, die Meinungsfreiheit zu ehren. Und wenn Israels aktuelle
Politik seine Existenz gefährdet, sollten sie dann nicht das Recht
haben, sie zu kritisieren?
In Deutschland ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Israel zu
kritisieren, egal was es tut. Das ist keine Freundschaft, das ist
Versklavung an eine Vergangenheit, und das muss angesichts der
Ereignisse in Gazaaufhören.
Die „besondere Beziehung“ kann nicht ein Gütesiegel für
Kriegsverbrechen beinhalten. Deutschland hat kein Recht, den
Internationalen Strafgerichtshof, der als Reaktion auf seine
Verbrechen eingerichtet wurde, zu ignorieren, indem es darüber
debattiert, wann es einen israelischen Premierminister einlädt, der
wegen Kriegsverbrechen gesucht wird. Es hat kein Recht, die Klischees
der Vergangenheit zu wiederholen und Blumen in Yad Vashem
niederzulegen, das 90 Autominuten von Khan Yunis entfernt liegt.
Deutschland steht nun vor seiner größten moralischen Prüfung seit dem
Holocaust. Wenige Wochen nach dem Einmarsch von Wladimir Putin in die
Ukraine war es Deutschland, das die Sanktionen gegen Russland
anführte. Zwanzig Monate nach dem Einmarsch in den Gazastreifen hat
Deutschland immer noch keine Schritte gegen Israel unternommen,
abgesehen von den gleichen Lippenbekenntnissen wie andere europäische Länder.
Deutschland muss sich ändern, nicht trotz seiner Vergangenheit,
sondern wegen ihr. Es reicht nicht aus, dass Bundeskanzler Friedrich
Merz sagt, die Bombardierung des Gazastreifens sei nicht mehr zu
rechtfertigen. Er muss Maßnahmen ergreifen, die helfen, sie zu
beenden. Es reicht nicht, dass Außenminister Johann Wadephul sagt,
Deutschland werde sich nicht „in eine Situation bringen lassen, in der
wir erzwungene Solidarität zeigen müssen.“
Es ist an der Zeit, dass Deutschland sich mit den Opfern
solidarisiert, dass es sich von den Fesseln der Vergangenheit befreit,
die es von den Lehren des Holocaust entfremden. Deutschland kann nicht
länger untätig bleiben und sich mit lauwarmen Verurteilungen begnügen.
Angesichts der schrecklichen Situation in Gaza ist dies Schweigen, ein
schändliches Schweigen Deutschlands.
——
9. DLF: Völkerrechtler - Waffenlieferungen für Gazakrieg verstoßen gegen Völkerrecht
https://www.deutschlandfunk.de/interview-mit-voelkerrechtler-alexander-schwarz-zu-waffenlieferungen-an-israel-100.html
Völkerrechtler
Waffenlieferungen für Gazakrieg verstoßen gegen Völkerrecht
Schulz, Josephine | 31. Mai 2025, 07:15 Uhr
——
10. Berl.Z.: Frieden in Gaza durch Druck auf Israel – frühere Staatsbeamte fordern Waffenexportverbot
https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/gaza-frieden-bundesregierung-li.2329107
Frieden in Gaza durch Druck auf Israel – frühere Staatsbeamte fordern Waffenexportverbot
Internationale Kritik an Israels Militäreinsatz in Gaza wird lauter.
Ehemalige hochrangige Beamte mahnen konkrete Schritte an. Wie verhält
sich die Bundesregierung?
Simon Zeise
29.05.2025 17:54 Uhr
Allen diplomatischen Bemühungen zum Trotz geht das Sterben in Gaza
unvermindert weiter. Die israelische Armee beschoss am Donnerstag das
Flüchtlingslager in Bureidsch und tötete mindestens 55 Zivilisten,
berichtet der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira.
——
11. Verfassungsblog: Völkerstrafrechtler Kai Ambos (Göttingen): "Auch deutsche Beamte könnten sich strafbar gemacht haben"
Völkerstrafrechtler Kai Ambos (Göttingen): "Auch deutsche Beamte könnten sich strafbar gemacht haben"
https://verfassungsblog.de/auch-deutsche-beamte-konnten-sich-strafbar-gemacht-haben/
30 May 2025
„Auch deutsche Beamte könnten sich strafbar gemacht haben“
Fünf Fragen an Kai Ambos
„Was wir derzeit in Gaza tun, ist ein Krieg der Verwüstung: wahlloses,
grenzenloses, grausames und kriminelles Töten von Zivilisten.” Mit
diesen Worten meldete sich jüngst der ehemalige israelische
Ministerpräsident Ehud Olmert.
Auch in Deutschland ändert sich seit Kurzem die Tonlage – nicht
zuletzt deswegen, weil die Rolle der Bundesrepublik in diesem Krieg
Fragen von völkerrechtlicher und strafrechtlicher Verantwortung
aufwirft. Welche Völkerrechtsverstöße durch die Bundesrepublik stehen
im Raum? Und müssen auch deutsche Politiker, Beamte und
Rüstungsunternehmer mit strafrechtlicher Verfolgung wegen ihrer Rolle
bei Waffenexporten nach Israel rechnen?
Wir haben mit Kai Ambos, einem global führenden Experten für
Völkerstrafrecht und Richter an den Kosovo Specialist Chambers Den
Haag, über diese Frage gesprochen.
1. Die Haltung der Bundesregierung zum Gaza-Krieg hat sich in den
letzten Tagen spürbar verändert. Friedrich Merz sagte am Montag, dass
sich das israelische Vorgehen in Gaza „nicht mehr mit einem Kampf
gegen den Terrorismus” begründen lässt. In der Bundestagsfraktion der
SPD werden Stimmen lauter, die einen Stopp von Waffenexporten nach
Israel fordern. Und auch Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der
Bundesregierung, verwies darauf, dass das Aushungern von Menschen
keine deutsche Staatsräson sein könne. Warum kommt es nun zu diesem
Umschwung?
Die uns täglich erreichenden Bilder sprechen für sich. Kein
unbefangener Beobachter kann die Augen davor verschließen, dass die
israelische Kriegsführung leider schon lange jegliche
Verhältnismäßigkeitsgrenze überschritten hat. Das Gebot des
humanitären Völkerrechts, zwischen zivilen und militärischen Zielen zu
unterscheiden, wird massiv missachtet.
Hinzu kommen die Ankündigungen, den Gazastreifen erneut zu besetzen
und zu annektieren sowie die palästinensische Bevölkerung zu
vertreiben. Wie können wir einer Regierung beistehen, die vor unseren
Augen eine Kollektivbestrafung einer Zivilbevölkerung wegen der
Verbrechen der Hamas exekutiert?
Die auch von ihrer eigenen Bevölkerung massiv wegen dieser
Kriegsführung kritisiert wird? Nichts kann diese Inhumanität
rechtfertigen, schon gar nicht die leere Floskel der Staatsräson, von
der meines Wissens kein deutscher Politiker behauptet, dass sie das
Grundgesetz und das Völkerrecht verdrängt. Und vergessen wir nicht,
dass einige Kilometer östlich von Gaza, im Westjordanland, die Idee
eines palästinensischen Staates durch weitere Siedlungen gerade
endgültig beerdigt wird.
2. Zahlreiche renommierte Juristinnen und Juristen haben schon seit
Längerem wenig Zweifel daran, dass die israelische Armee in Gaza
schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. Seit der Klage
Südafrikas vor dem Internationalen Gerichtshof steht zudem der Vorwurf
des Genozids im Raum. Inzwischen liegt diese Klage fast eineinhalb
Jahre zurück. Hat sich Ihr Blick auf den Vorwurf des Genozids seitdem
verändert?
Ich habe noch im Januar 2024 den Genozid-Vorwurf abgelehnt. Seitdem
halten den Vorwurf mehr und mehr Wissenschaftler, auch Völkerrechtler,
für berechtigt. Wie gerade mit Stefanie Bock dargelegt, bin ich wegen
der schwer nachweisbaren Zerstörungsabsicht zwar nach wie vor
skeptisch. Doch die Indizien, die einen solchen Vorwurf nahelegen,
verdichten sich mit jedem Tag, den dieser brutale Krieg weitergeht.
3. Lassen Sie uns kurz über die Rolle der Bundesrepublik sprechen.
Auch nachdem bereits länger über schwerste Verbrechen gegen die
Menschlichkeit berichtet wurde, lieferte die Bundesrepublik weiterhin
Rüstungsgüter an Israel. Auch in der gegenwärtigen Phase des Krieges,
die als besonders grausam beschrieben wird, zeichnet sich kein
Lieferstopp ab, trotz Sorgen aus der SPD-Fraktion, dass sich die
Bundesrepublik hierdurch an Kriegsverbrechen beteiligen könnte und
„selbst juristisch von internationalen Gerichten belangt wird”. Um
welche möglichen Völkerrechtsverstöße durch die Bundesrepublik geht
es?
Deutschland darf nach dem Waffenhandelsvertrag (Arms Trade Treaty,
ATT) keine Waffen liefern, wenn ein „überwiegendes Risiko“
(„overriding risk“) besteht, dass mit diesen Waffen völkerrechtliche
Verbrechen begangen werden. Ein solches Verbot folgt auch aus dem
Recht der Staatenverantwortlichkeit, weil die Begehung solcher
Verbrechen ein völkerrechtliches Unrecht darstellt, an dem sich kein
Staat (durch Waffenlieferungen oder auf andere Weise) beteiligen darf.
Ein waffenexportierender Staat muss ein Kontrollsystem vorhalten, das
sich nicht alleine auf Zusicherungen des Empfangsstaats verlässt,
sondern mittels dessen selbständig und substantiell kontrolliert
werden kann, dass die völkerrechtlichen Verbote eingehalten werden.
Der Arms Trade Treaty begründet eine präventive Pflicht zur
Risikobewertung. Es geht mit anderen Worten um die Durchführung einer
ex-ante-Risikoanalyse. Entscheidend ist damit nicht, ob eine Waffe
später tatsächlich für Kriegsverbrechen oder schwere Verstöße gegen
humanitäres Völkerrecht eingesetzt wird, sondern allein, ob das
genannte „überwiegende Risiko“ eines solchen Einsatzes bereits im
Zeitpunkt der Genehmigung besteht.
Ein solches Risiko liegt bereits dann vor, wenn ernsthafte, plausible
Hinweise vorliegen, dass die Waffen im Kontext dokumentierter,
systematischer Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verwendet
werden – selbst wenn keine konkrete Einzelverwendung vorhersehbar ist.
Solche Hinweise liegen bezüglich des besetzten palästinensischen
Gebiets (Gaza und Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalem) seit
Jahren vor und haben sich in diesem Gaza-Krieg dermaßen verdichtet,
dass von einem „überwiegenden Risiko“ auf jeden Fall ausgegangen
werden muss.
Eine unterlassene oder defizitäre Risikobewertung stellt ein
völkerrechtswidriges Verhalten dar – unabhängig vom späteren
Missbrauch der Waffen oder vom Wissen des Exportstaates über eine
konkrete Missbrauchsabsicht. Die konkrete Ausgestaltung einer solchen
Risikobewertung verlangt nach verbindlich zu berücksichtigenden
Referenzdokumenten – wie etwa dem Gemeinsamen Standpunkt der EU
(2008/944/CFSP) sowie dem EU Users Guide –, dass bestimmte
Risikoindikatoren herangezogen werden, welche eine Genehmigung
ausschließen oder zumindest eine besonders strenge Prüfung verlangen.
Zu diesen Risikoindikatoren gehören unter anderem nachgewiesene
Verstöße des Empfängerstaats gegen das humanitäre Völkerrecht in der
Vergangenheit, das Fehlen unabhängiger Ermittlungen zu behaupteten
Verstößen, mangelnde Rechenschaftspflichten im Empfängerland sowie
eine Bewertung des konkreten Materials und seiner beabsichtigten
Nutzung. Beteiligt sich der Empfängerstaat an einem bewaffneten
Konflikt, gilt dies zudem als besonders risikoträchtiger Kontext.
Trotz der beeindruckenden Präsentation Deutschlands vor dem IGH im von
Nicaragua angestrengten Verfahren wegen einer möglichen Beihilfe zu
einem israelischen Genozid bestehen schon lange Zweifel an der
Wirksamkeit der deutschen Waffenexportkontrolle, von der Transparenz
des Systems ganz zu schweigen (kritisch etwa hier und hier).
Der Verfügung des IGH vom 30. April 2024 lässt sich nicht entnehmen,
dass die von Deutschland erteilten Exportgenehmigungen als rechtmäßig
eingestuft wurden. Vielmehr erinnerte der Gerichtshof Deutschland an
seine völkerrechtlichen Verpflichtungen, bei Waffenlieferungen das
Risiko von Völkerrechtsverletzungen zu berücksichtigen und zu
vermeiden. Es braucht also eine substantielle Exportkontrolle, die
sich vor allem nicht darin erschöpfen darf, dass sich Deutschland auf
Zusicherungen Israels verlässt, völkerrechtsgemäß zu handeln.
4. Sie haben gerade die völkerrechtliche Verantwortlichkeit der
Bundesrepublik beschrieben. Wie steht es um die strafrechtliche
Verantwortlichkeit von Einzelpersonen? Müssen beispielsweise deutsche
Beamtinnen und Beamte oder gar Politiker strafrechtliche Folgen
fürchten?
Tatsächlich könnten sich Einzelpersonen, die an solchen Waffenexporten
beteiligt sind oder sie ermöglichen, wegen Beihilfe zu den
(möglicherweise begangenen) völkerrechtlichen Verbrechen strafbar
machen. Das betrifft grundsätzlich Manager der beteiligten
Rüstungsunternehmen ebenso wie in den Genehmigungsprozess involvierte
Beamte oder führende Politiker, die Rüstungsexportentscheidungen (z.B.
als Mitglieder des Bundessicherheitsrats) treffen.
Existiert ein effektives Kontrollsystem, werden sich die Manager in
der Regel auf Rüstungsexportgenehmigungen verlassen können und dürfen,
sofern sie im Genehmigungsverfahren nicht getäuscht haben. Die
ordnungsgemäß erlangte Genehmigung dispensiert sie von
strafrechtlicher Haftung, weil man insoweit von einem
(tatbestandsausschließenden) erlaubten Risiko wird ausgehen können.
Im Falle von Beamtinnen und Beamten hängt eine eventuelle
strafrechtliche Haftung von Prüfungsumfang und -dichte und
insbesondere der subjektiven Seite ab: Wussten sie, dass mit den
Waffen völkerrechtliche Verbrechen begangen werden? Haben sie es für
möglich gehalten und billigend in Kauf genommen? Haben sie eine
Risikoabwägung unterlassen oder gar bewusst ignoriert
(Risikoverdrängung)? Oder kann man ihnen allenfalls eine (straflose)
fahrlässige Beihilfe vorwerfen, insbesondere aufgrund mangelnder
Sorgfalt bei der Prüfung der Genehmigungsvoraussetzungen? Für den
Waffenexport genehmigende Politiker dürfte Ähnliches gelten.
5. Wie kann man sich die Verfolgung dieser Taten praktisch vorstellen?
Wären deutsche Behörden mit den Ermittlungen gegen deutsche Beamte und
Rüstungsunternehmer betraut oder müssten Einzelpersonen sogar
Ermittlungen in Drittstaaten fürchten?
Sofern der Internationale Strafgerichtshof zuständig ist (wie für
Taten auf dem besetzten palästinensischen Gebiet), kann dort eine
Anzeige wegen Beihilfe zu Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit
oder Kriegsverbrechen durch die genannten Personen eingereicht werden.
Ebenso käme eine Strafbarkeit nach dem deutschen Völkerstrafgesetzbuch
i.V.m. § 27 StGB in Betracht, zuständige Ermittlungsbehörde wäre der
Generalbundesanwalt.
Auch Drittstaaten könnten bei solchen Taten ermitteln. Ihre
Zuständigkeit ergäbe sich entweder aus dem Weltrechtsprinzip oder
aufgrund eines klassischen strafanwendungsrechtlichen
Anknüpfungspunkts, etwa der Staatsangehörigkeit der Opfer (passiver
Personalitätsgrundsatz).
Das Hauptproblem wird natürlich darin bestehen, dass der
Verfolgerstaat der Tatverdächtigen habhaft werden müsste (was bei
deutschen Tatverdächtigen wegen des Auslieferungsverbots von Art. 16
Abs 2 GG – außerhalb des Europäischen Haftbefehls und bei von
Deutschland anerkannten internationalen Gerichten – eigentlich
ausgeschlossen ist). Möglicherweise erlaubt der Verfolgerstaat aber
Abwesenheitsverfahren.
Klar ist, dass sowohl die völkerrechtliche Verantwortung Deutschlands
wegen Waffenlieferungen nach Israel als auch die strafrechtliche
Verantwortlichkeit von Einzelpersonen im Raum steht. Insbesondere die
im Genehmigungsverfahren involvierten Beamtinnen und Beamten müssen
das Risiko strafrechtlicher Haftung angesichts der Schwere der
Verbrechen durchaus ernst nehmen.
Prof. Dr. Kai Ambos ist Professor für Straf- und Völkerrecht an der
Universität Göttingen und Richter am Kosovo Sondertribunal in Den
Haag. Er gibt hier seine persönliche Auffassung wieder.
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