nachdenkseiten.de, vom 28. Juli 2025 um 11:00 Ein Artikel von Éva Péli
Das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) ist weit mehr als nur ein Treffen von Ökonomen und Geschäftsleuten. In einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Umbrüche und verhärteter Fronten bietet es auch eine seltene Plattform für den Dialog – und für einen Blick auf Russlands Sicht der sich neu formierenden Weltordnung. Christoph Polajner von der Eurasien Gesellschaft nimmt seit 2022 regelmäßig an diesem Forum teil, um genau diese Perspektiven zu erkunden und Gesprächskanäle offenzuhalten, die anderswo längst geschlossen sind. Im zweiteiligen Interview spricht er über seine Eindrücke vom diesjährigen SPIEF, die Verschiebungen in der internationalen Wirtschaft und Diplomatie und die entscheidende Frage, wie eine stabile europäische Sicherheitsarchitektur in einer multipolaren Welt wiederhergestellt werden kann. Das Interview mit Christoph Polajner führte Éva Péli am 14. Juli 2025.
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Éva Péli: Herr Polajner, Sie nehmen seit 2022 regelmäßig als Vertreter der Eurasien Gesellschaft am SPIEF teil und waren auch im Juni dort. Was motiviert Sie zu dieser kontinuierlichen Präsenz, besonders in der aktuellen Zeit?
Christoph Polajner: Das stimmt. Ich bin seit 2014 regelmäßig in der Region und habe zwischen 2015 und 2017 in der Ukraine und Russland zum Ukraine-Konflikt gearbeitet. Gesprächskanäle aus dieser Zeit habe ich, wo immer es ging, gepflegt und ausgebaut. In der Eurasien Gesellschaft haben wir entschieden, dass ich dies auch in meiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft tue, da wir uns als eine Plattform verstehen, die Menschen zusammenbringt, die sich für eine friedliche Koexistenz und kooperative Beziehungen der Länder Europas und Asiens einsetzen. Ich nehme an verschiedenen Konferenzen in Russland teil und seit 2022 auch am SPIEF.
Was mich vor allem bewegt, ist die Zukunft Deutschlands, Europas und der internationalen Ordnung. In meiner früheren Tätigkeit bei einer humanitären Organisation bin ich in verschiedenen Konfliktregionen gewesen und habe dort die Spannungsrisse in der internationalen Ordnung gesehen. Ordnungsvorstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt gehen immer weiter auseinander und werden zunehmend ausgekämpft. Meine große Befürchtung ist, dass das 21. Jahrhundert wenigstens so blutig wie das 20. wird, wenn es uns nicht gelingt, uns durch Verhandlungen auf eine neue und stabile internationale Ordnung zu verständigen. Mit den heutigen Waffen wäre das noch verheerender als in der Vergangenheit.
Wir verlieren im Moment viel Zeit. Auf russischer Seite gibt es viele Gesprächspartner, und wir hätten die letzten Jahre dringend nutzen müssen, um mehr Gespräche zu führen und Lösungen zu erarbeiten. Ziel ist es, den Krieg in der Ukraine schnell zu beenden, das Sterben zu stoppen, die Gräben in Europa nicht noch tiefer werden zu lassen und einen einheitlichen europäischen Raum mit Russland zu schaffen. Als Europäer sind wir, selbst mit den Russen, nicht einmal mehr zehn Prozent der Weltbevölkerung und fallen nicht nur demographisch immer weiter zurück, sondern gegenüber Asien und den USA auch technologisch. Ich bin überzeugt, dass die beste Lösung darin besteht, den Konflikt zu beenden, wieder aufeinander zuzugehen und eine stabile europäische Ordnung zu etablieren. Die Eurasien Gesellschaft möchte dabei einen kleinen Beitrag leisten, indem wir Fachleute zusammenbringen und erste Gespräche in diese Richtung führen. Mit der Wahl Donald Trumps sind nun auch die USA wieder im Dialog mit Russland und damit fast die ganze Welt – mit Ausnahme der meisten EU-Staaten.
Es zeigt sich, dass man entgegen der hiesigen Berichterstattung viele Menschen treffen kann, die sich intensiv mit der Entstehung des Konflikts, seinen Ursachen und möglichen Lösungen auseinandersetzen. Die Meinungen in Russland im Hinblick auf Lösungsmöglichkeiten für den Konflikt und das Potenzial der Wiederannäherung unserer Länder sind tatsächlich vielfältig. Der persönliche Austausch hilft, diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, und kann auch dazu beitragen, Zerr- und Feindbilder abzubauen und Vertrauen wiederaufzubauen.
Für diejenigen, die es nicht kennen: Können Sie das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum kurz vorstellen und seine internationale Bedeutung, auch jenseits der Wirtschaft, umreißen?
Ja, das St. Petersburg International Economic Forum, kurz SPIEF, wurde 1997 ins Leben gerufen und hat sich seitdem zu einer sehr wichtigen Wirtschaftskonferenz entwickelt – nicht nur in Russland, sondern auch international. Es entstand in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase für Russland, als die Wirtschaft nach der Schocktherapie zusammengebrochen war und das Land deindustrialisiert wurde. Über die Jahre ist es zu einer Konferenz herangewachsen, die auch international auf großes Interesse stieß. Bis 2021 kamen die größten Delegationen aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Im Laufe der Zeit gewann natürlich auch China an Bedeutung für Russland, und dementsprechend nahmen auch immer mehr chinesische Delegationen teil.
Das Interessante am SPIEF ist, dass neben rein wirtschaftlichen Fragen auch viele Fragen der internationalen Ordnung besprochen werden. Das hat es für mich persönlich besonders attraktiv gemacht. Ich bin nicht primär mit wirtschaftlichem Interesse angereist, sondern um zu verstehen, wie Russland auf Fragen der internationalen Ordnung und die Veränderungen im globalen System blickt. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass auch mit wirtschaftlicher Vernunft argumentiert werden muss, um diesen Krieg zu beenden, da humanitäre Argumente und die Risiken einer weiteren Eskalation bisher offensichtlich nicht ausgereicht haben, hier zu einem notwendigen Umdenken zu gelangen.
Welchen Gesamteindruck haben Sie vom diesjährigen SPIEF gewonnen, und welche Schwerpunktthemen – insbesondere im Hinblick auf die internationale Ordnung – waren prägend?
Ich habe insgesamt einen sehr positiven Eindruck von der Veranstaltung. Das liegt daran, dass eine Vielzahl von Themen besprochen wurde, die ich momentan für äußerst relevant halte. Man kann hier eine klare Linie ziehen, die sich von den Inhalten des Jahres 2022, als ich erstmals dort war, über die folgenden Jahre bis hin zum diesjährigen Forum im Juni durchzieht.
Gerade 2022 wurde intensiv über die Veränderung der internationalen Ordnung gesprochen. Für mich war dabei besonders interessant zu sehen, dass der Diskurs in Russland ein völlig anderer war als in Deutschland. Hier hatten wir den Eindruck, dass das westeuropäische beziehungsweise US-amerikanische Modell letztlich das einzig erfolgreiche sei. Es war unser System, das wir exportieren und für das wir werben wollten. Im Kern ging es um die Kontinuität der internationalen Strukturen: die Ausdehnung von NATO und EU und nur marginale Anpassungen bei Organisationen wie den Vereinten Nationen, der Weltbank oder dem IWF. Damals, 2022, betrachteten wir den Ukraine-Konflikt vor allem als eine regionale Angelegenheit, die auf russisches Expansionsstreben zurückzuführen ist.
Auf dem SPIEF hingegen wurde, sowohl 2022 als auch in den Folgejahren, eine andere Perspektive eingenommen. Man hat dort die Ansicht vertreten, dass die gesamte internationale Ordnung im Umbruch sei, dass das System von Jalta und Potsdam und die unipolare Welt, die wir seit dem Ende des Kalten Krieges hatten, nun aufbricht. Die Wahrnehmung war bereits 2022, dass eine neue, multipolare Ordnung entsteht und neue Organisationen an Bedeutung gewinnen würden. Dies wurde sehr intensiv diskutiert, sowohl von russischer Seite als auch von den zahlreichen Teilnehmern aus Ländern des sogenannten Globalen Südens.
Apropos Teilnehmer: Hat sich die Zusammensetzung des Forums im Vergleich zu den Jahren vor 2022 signifikant verändert, und welche Trends sind hierbei besonders auffällig?
Die Zusammensetzung hat sich sehr stark verändert. Bis einschließlich 2021 gab es hochrangige Delegationen aus Deutschland, verschiedenen anderen europäischen Staaten und den USA. Insbesondere 2022, aber auch in den Folgejahren war die Anzahl der Teilnehmer aus der Europäischen Union sehr überschaubar. Auffällig war die durchgehende US-Präsenz seit 2022. In diesem Jahr war ich Zuhörer bei einem bemerkenswerten Panel zur Zukunft der US-amerikanisch-russischen Beziehungen mit Teilnehmern aus beiden Staaten, dort wurden Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Wiederannäherung diskutiert. Hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die US-Teilnehmer agierten wesentlich pragmatischer als viele politische und wirtschaftliche Akteure aus der EU.
Wie erklären Sie die bemerkenswerte US-Präsenz, besonders im Vergleich zur Zurückhaltung europäischer Delegationen, obwohl die USA traditionell als Treiber der Konfrontation gelten?
Ich glaube, die US-Amerikaner waren schon immer pragmatischer als wir. Was bei der aktuellen US-Administration auffällt, ist, dass sie wesentlich weniger ideologisch ist als die vorangegangene. Der Konflikt mit Russland wird nicht mehr als Kampf zwischen Gut und Böse betrachtet, sondern als ein Konflikt unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Interessen. Diese versucht man zu verstehen, um darüber zu verhandeln und letztendlich Kompromisse zu finden.
Die Interessen Washingtons werden teilweise öffentlich kommuniziert: sowohl der Zugang zu natürlichen Ressourcen in der Ukraine und Russland als auch eine verstärkte Präsenz US-amerikanischer Firmen auf dem russischen Markt. Als deutscher Staatsbürger habe ich mit einigen Bedenken den Rückzug vieler deutscher Unternehmen vom russischen Markt und die zum Teil zu Ramschpreisen erfolgte Veräußerung des dortigen Geschäfts an unterschiedliche Investoren beobachtet. Das geschah teils in sanktionierten Bereichen, wo sie nicht mehr arbeiten konnten, teils aber auch in anderen Sektoren, wo die Entscheidung zum Rückzug aufgrund von politischem oder öffentlichem Druck oder aus anderen Gründen getroffen wurde.
Meiner Wahrnehmung nach haben sich die US-Amerikaner wesentlich weniger zurückgezogen. Sie durften zwar aufgrund der Sanktionen ihrer Regierung nicht mehr neu in Russland investieren, aber viele betreiben das etablierte Geschäft weiter, pflegen deutlich mehr Kontakte und denken vorausschauend an die Zeit nach dem Konflikt, um bei einer möglichen Wiederaufnahme von Aktivitäten gut vorbereitet zu sein.
Ein gutes Beispiel sind hier die Bemühungen der US-Handelskammer in Russland in den letzten Monaten. Sie möchte russische Individuen von der Sanktionsliste streichen, um ihnen die Reise in die USA zu ermöglichen und so verschiedene Gesprächskanäle wieder zu eröffnen. Sie wirbt auch – übrigens gemeinsam mit der französischen Handelskammer – dafür, die Sanktionen gegen die zivile Luftfahrt in Russland abzubauen, um – neben sicherlich auch vorhandenen wirtschaftlichen Interessen – die Sicherheit des Luftverkehrs nicht weiter zu gefährden. Dass Passagiermaschinen vom Himmel stürzen, kann sich niemand wünschen (Anm. d. Red.: Wie nun, nachdem das Interview geführt wurde, mit einer Maschine des Herstellers Antonov leider passiert ist), und welche Reputationsrisiken damit für die Hersteller unabhängig von der Ursache verbunden sind, muss Boeing gerade erleben. Airbus würde es nicht anders gehen, und das kann nicht in unserem Interesse sein. In China arbeiten die Firmen COMAC und AVIC daran, den bisherigen Platzhirschen Boeing und Airbus Konkurrenz zu machen, in Russland UAC, und in Brasilien stellt Embraer gute Regionalflugzeuge her.
Mehrfach war bei Gesprächen am Rande des Forums zu hören, dass zwischen US-Amerikanern und Russen über die Wiederaufnahme von direkten Flugverbindungen noch in diesem Jahr gesprochen wird. Mir ist nicht bekannt, dass zwischen der EU und Russland überlegt wird, die jeweiligen Lufträume auch nur für Überflüge wieder zu öffnen. Die Lufthansa verliert dadurch Marktanteile an asiatische Fluglinien, die den kurzen und kostengünstigen Weg über Russland nehmen, während die Lufthansa das meidet.
Insgesamt ist auf dem Forum eine deutliche Zunahme der Teilnehmer aus dem sogenannten Globalen Süden erkennbar. Dies war in all den Jahren sichtbar und ging Hand in Hand mit einer stärkeren Präsenz der Firmen aus diesen Ländern in Russland. Nehmen wir den Automobilbereich: Deutsche Firmen waren dort früher sehr gut vertreten. Was einem bei regelmäßigen Reisen nach Russland gleich auffällt, ist, wie stark sich das Bild auf den Straßen verändert. Mit jedem Jahr, in dem ich dort war, gab es mehr chinesische Autos. Das liegt natürlich daran, dass die gegen Russland verhängten Sanktionen keine globalen UN-Sanktionen sind, sondern Sanktionen der EU und der USA. Andere Staaten sind daran nicht gebunden. Die Chinesen haben das für sich genutzt und ihre Autos verstärkt nach Russland exportiert und dort auch zum Teil montiert, wodurch sie deutlich an Marktanteilen gewonnen haben. Dies lief nicht ohne Probleme ab, da man in kurzer Zeit kein großes Händler- und Ersatzteilnetz aufbauen oder umbauen kann, wo die Händlernetze von europäischen Firmen übernommen wurden. Aber auch diese Schwierigkeiten werden nach und nach angegangen.
Welche Rolle spielte das Verhältnis zum Westen, insbesondere zu Westeuropa und Deutschland, in den Diskussionen auf dem Forum? Wie zeigte sich die russische Haltung dazu?
Das Verhältnis zum Westen spielte tatsächlich eine sehr große Rolle, geprägt von einer tiefen Enttäuschung auf russischer Seite. Besonders im Hinblick auf Deutschland herrscht das Gefühl vor, dass man den Deutschen in der Vergangenheit entgegengekommen sei. Man verweist auf die jahrzehntelange erfolgreiche Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die maßgebliche Unterstützung der deutschen Wiedervereinigung – inklusive des berühmten Gesprächs zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl in Strickjacken im Kaukasus vor genau 35 Jahren – und den Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland. Russland habe Deutschland, den Europäern und US-Amerikanern damals viel Vertrauen entgegengebracht.
Viel wurde auch über die NATO-Erweiterung diskutiert. Hierzulande wird oft argumentiert, es gäbe keine schriftlichen Vereinbarungen darüber, die NATO nicht auszudehnen. Die russische Seite hält dem entgegen, dass man den mündlichen Zusagen damals vertraut habe. Viele wichtige Abkommen, auch während des Kalten Krieges oder der Kuba-Krise 1962, seien nicht als völkerrechtliche Verträge, sondern als „Gentleman’s Agreements“ getroffen und eingehalten worden. Es wurde sehr deutlich, dass auf russischer Seite ein starkes Gefühl vorherrscht, immer wieder einen Vertrauensvorschuss gegeben und enttäuscht worden zu sein.
Diese Enttäuschung manifestierte sich in mehreren Punkten: der NATO-Erweiterung, der russischen Wahrnehmung einer gezielten Organisation der Maidan-Demonstrationen und der aus russischer Sicht nicht eingehaltenen Zusage für Neuwahlen danach. Auch die Minsker Abkommen und die Aussage der ehemaligen Bundeskanzlerin, diese seien lediglich geschlossen worden, um Zeit zu gewinnen, wurden als eklatanter Vertrauensbruch wahrgenommen. Diese tiefsitzende Enttäuschung führte zu dem klaren Entschluss, Konsequenzen zu ziehen. Russland, so die Sichtweise dort, habe lange versucht, Teil Europas zu werden, sei aber an den EU-Staaten und den USA gescheitert. Folglich will man nun mit neuen Partnern, insbesondere den BRICS-Staaten und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), eine neue internationale Ordnung aufbauen.
Zudem besteht Russland für eine Beendigung des Krieges darauf, dass die Ukraine weder Teil der NATO noch eines anderen gegen Russland gerichteten Bündnisses und auch kein Stationierungsraum für ausländische Truppen oder Offensivwaffen wird. Dass sich die Position der US-amerikanischen Administration hierzu geändert hat und im Abschlussdokument des letzten NATO-Gipfels nicht mehr die Rede davon ist, dass „die Zukunft der Ukraine in der NATO liegt“ und man die Ukraine auf ihrem „unumkehrbaren Weg zur euro-atlantischen Integration unterstützen wolle“, wie es noch auf dem NATO-Gipfel 2024 formuliert worden war, wird als positiv wahrgenommen. Aber, wie mir mehrere Gesprächspartner sagten: „Niemand ist bereit, uns das zu garantieren.“
Auf persönlicher Ebene waren die Gespräche überwiegend freundlich. Dennoch spürt man über die Jahre, dass sich ein leichter „Schleier“ über manche Themen und Begegnungen gelegt hat; es ist nicht mehr so unbeschwert wie noch vor zehn Jahren. Dies ist eine Folge der verhärteten Positionen und der zunehmenden Kriegstoten auch auf russischer Seite. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass manche Firmen, die sich aus Russland zurückzogen, über das Notwendige hinaus agierten, um russischen Partnern die Geschäftsfortführung maximal zu erschweren, und auch die Bundesregierung in der nationalen Umsetzung von Sanktionen eifriger ist als manch anderer europäischer Staat.
Lesen Sie im zweiten Teil dieses Interviews mehr über die Rolle des Ukraine-Kriegs, die Resilienz der russischen Wirtschaft und die langfristigen strategischen Neuausrichtungen Russlands.
Über den Interviewpartner: Christoph Polajner berät in den Schnittpunkten von Geopolitik, Geoökonomie, Außenpolitik und Wirtschaft und ist Gründungsmitglied und Stellvertretender Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft mit Sitz in Berlin. Seine geographischen Schwerpunkte sind China und Russland, inhaltlich sind es Eurasien, die BRICS, die Shanghai Cooperation Organization, der Ukrainekonflikt und die chinesisch-russischen Beziehungen. Er war lange Jahre weltweit tätig: in Lateinamerika, Afrika, Südostasien, Zentralasien, der Ukraine, China und Russland, den Großteil der Zeit für eine humanitäre Organisation. Er hat einen Master-Abschluss in Chinese Studies mit den Schwerpunkten chinesischer Außenpolitik und Wirtschaft.

Titelbild: Quelle: Christoph Polajner

Rubriken: Außen- und Sicherheitspolitik Audio-Podcast Interviews Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen Wirtschaftspolitik und Konjunktur
Schlagwörter: BRICSChinaFlugverkehrmultipolare WeltPolajner, Christoph Russland Ukraine USA Wirtschaftssanktionen
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unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
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nachdenkseiten.de, vom 29. Juli 2025 um 14:33 Ein Artikel von Éva Péli
Im ersten Teil unseres Interviews mit Christoph Polajner von der Eurasien Gesellschaft haben wir über Russlands Sicht auf die sich wandelnde Weltordnung und die veränderten Beziehungen zum Westen gesprochen, wie sie auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) diskutiert wurden. Im folgenden zweiten Teil beleuchtet Polajner die Rolle des Ukraine-Kriegs, die Resilienz der russischen Wirtschaft angesichts der Sanktionen und Russlands langfristige strategische Neuausrichtungen. Das Interview führte Éva Péli am 14. Juli 2025.
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Éva Péli: Herr Polajner, war der Ukraine-Krieg ein dominantes Thema auf dem Forum, und welche Facetten des Konflikts wurden dabei von russischer Seite diskutiert?
Christoph Polajner: Ja, selbstverständlich, in den vergangenen und auch in diesem Jahr war der Konflikt ein großes Thema, sowohl seine Ursachen als auch seine Auswirkungen auf Russland und die internationale Sicherheit und Ordnung. Es gab Diskussionen darüber, wie man Rückkehrer aus den Kämpfen – also demobilisierte Soldaten oder Verwundete – wieder in die russische Gesellschaft und Wirtschaft integrieren kann. Es wurden auch die Probleme für die russische Wirtschaft angesprochen – wie weggebrochene Lieferketten oder die hohen Zinsen, die vielen Firmen die Kreditaufnahme erschweren – als auch die aus den Sanktionen resultierenden Vorteile. Ich habe eine ganze Reihe von Personen getroffen, die sagten, die Sanktionen seien unterm Strich gut für die russische Wirtschaft gewesen. Nach der Deindustrialisierung in den 90er-Jahren hatte Russland seine Wirtschaft stark auf den Export von Rohstoffen und den Import vieler benötigter Güter ausgerichtet. Mehrere Teilnehmer äußerten, dass die EU und die USA Russland durch die Sanktionen gezwungen hätten, „die Ärmel hochzukrempeln“ und die Dinge selbst herzustellen.
Ich glaube, das ist eine wesentliche Lehre, die die Russen aus den Sanktionen gezogen haben: Sie müssen in vielen wesentlichen Wirtschaftsbereichen weitestgehend souverän werden. Das bedeutet, eine eigene industrielle Basis aufzubauen und viele Dinge auch im Bereich der Hochtechnologie selbst herzustellen, wie zum Beispiel eine eigene russische Cloud. Ziel ist es, nie wieder in die Abhängigkeit zu geraten, in der man sich zwischenzeitlich befand.
Wie beurteilen Sie den Zustand der russischen Wirtschaft? Welche Resilienz und welche Herausforderungen wurden dabei sichtbar?
Ich kann den Zustand der russischen Wirtschaft nur auf Basis meiner Eindrücke und der Diskussionen vor Ort bewerten. Doch generell, und das hat sich mittlerweile auch hierzulande herumgesprochen, war die russische Wirtschaft in den letzten Jahren wesentlich resilienter als viele vermuteten. 2022 herrschte hier die weit verbreitete Annahme, die russische Wirtschaft würde kollabieren und dies zu politischen Veränderungen in Russland führen. Dies ist erkennbar nicht eingetreten; Russland verzeichnete in den vergangenen beiden Jahren Wirtschaftswachstumszahlen von über vier Prozent. In diesem Jahr geht die Regierung von 2,5 Prozent aus.
Auf den ersten Blick sind kaum Auswirkungen der Sanktionen erkennbar. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch in Teilbereichen Probleme: Nicht alles kann substituiert werden, oder nur zu hohen Preisen. Gewisse Investitionen konnten zwar einige Jahre aufgeschoben werden, doch wie bei einem Gummiband, das man nicht beliebig weit dehnen kann, gibt es auch hier Grenzen. Die Auswirkungen der hohen Zinsen sind klar spürbar. Der Leitzins der Zentralbank hat sich seit Anfang 2022 auf zwischenzeitlich 21 Prozent fast verdreifacht und wurde kürzlich auf 20 Prozent gesenkt (Anm. d. Red.: In der Zeit zwischen dem Interview und der Veröffentlichung wurde der Leitzins um weitere zwei Prozentpunkte auf 18 Prozent gesenkt. Die grundsätzliche Problematik bleibt bestehen).
Für Unternehmen bedeutet das, dass sie rund 25 Prozent Zinsen für neue Kredite bezahlen. Kaum eine Firma kann dies erwirtschaften, besonders in kapitalintensiven Branchen oder bei mehrjährigen Projekten. Dies führt zu Problemen in bestimmten Sektoren und hemmt die Investitionsbereitschaft. Auch wenn das Eigenkapital vorhanden ist, braucht es eine außergewöhnlich gute Geschäftsidee, um das Risiko einer Investition einzugehen und noch höhere Erträge zu erzielen, wenn man das Geld auch zu 20 Prozent Verzinsung bei der Bank anlegen kann. Dies ist sehr deutlich wahrnehmbar. Der Staat versucht, die hohen Zinsen mit Instrumenten wie Förderkreditprogrammen oder Innovationsförderprogrammen teilweise abzufedern. Gleichzeitig ermöglicht die Situation vielen Menschen, sich mit guten Geschäftsideen selbstständig zu machen, oder bestehenden Unternehmen, ihre Geschäftsfelder auszudehnen. Dies geschieht oft in einem temporären „Schutzraum“, da ein Teil der ausländischen Konkurrenz den Markt verlassen hat.
Welche langfristigen Zukunftsperspektiven und strategischen Neuausrichtungen Russlands wurden auf dem Forum diskutiert?
Wir haben bereits einige Punkte angesprochen. Erstens, die unumkehrbare Veränderung des internationalen Systems. Russland ist überzeugt, dass eine Rückkehr zur Ordnung von 2021 ausgeschlossen ist; die Weltordnung der nahen und mittleren Zukunft wird eine andere sein. Präsident Putin betonte bereits 2022 auf dem Forum, dass Russland diese neue Ordnung aktiv mitgestalten müsse, um seine staatliche Souveränität zu bewahren. Diese Souveränität sei unteilbar und müsse in allen Bereichen vorangetrieben werden. Abzuwarten und die Dinge geschehen zu lassen, wäre das Gefährlichste.
Zweitens: Russland hat dafür eine Reihe von Partnern identifiziert und baut diese Beziehungen intensiv aus, allen voran mit China, aber auch mit vielen Staaten aus Zentral- und Südostasien, Afrika, der arabischen Welt und Lateinamerika, dem sogenannten Globalen Süden. Diese Formate entwickeln sich erst mit der Zeit. Ich habe 2022 sehr deutlich wahrgenommen, dass es noch ein großer Findungsprozess war. Das Forum im Juni 2022 war von der Notwendigkeit geprägt, zu analysieren, was in den Monaten zuvor geschehen war, wie es einzuordnen ist und welche Möglichkeiten bestehen.
Einiges ist in den letzten Jahren sicherlich besser gelungen, als viele damals dachten, manches aber auch schlechter. Ich habe beispielsweise eine gewisse Enttäuschung wahrgenommen: Trotz der vielen Partner, die Russland gefunden hat, ist der Zugang zu den Finanzmärkten schwierig geblieben, da viele Staaten Angst vor US-amerikanischen oder europäischen Sekundärsanktionen haben.
Bereits 2022 wurde intensiv darüber diskutiert, Alternativen zum US-Dollar als Reserve- und Handelswährung zu etablieren und den Handel zwischen einzelnen Staaten verstärkt in nationalen Währungen abzuwickeln. Auch die Suche nach Alternativen zum SWIFT-System, von dem viele russische Banken ausgeschlossen wurden, war ein zentrales Thema. Solche Entwicklungen geschehen nicht über Nacht. Es gab Diskussionen innerhalb der BRICS-Staaten, wo es durchaus unterschiedliche Positionen dazu gibt. Mein Eindruck ist jedoch, dass gerade die massiven Sanktionen der EU und der USA einen Katalysator-Effekt hatten und diese Prozesse, die vielleicht ohnehin stattgefunden hätten, deutlich beschleunigt haben.
Was waren die Schlüsselthemen, die für die zukünftigen deutsch-russischen und europäischen Wirtschaftsbeziehungen von besonderer Relevanz waren, und welche grundlegenden Veränderungen zeichnen sich hier ab?
Ein ganz klares Schlüsselthema war die deutliche Abwendung Russlands von der Europäischen Union. Mein Eindruck ist, dass Russland von den späten 1980ern bis in die 2000er-Jahre hinein stark daran interessiert war, Teil eines gemeinsamen europäischen Raums zu werden. Das war auch in den Anfängen der Amtszeit von Präsident Putin deutlich erkennbar. Dies hat im Laufe der Zeit etwas abgenommen, wie auch an seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 deutlich wurde.
2014 markierten die Annexion der Krim sowie die darauffolgenden Sanktionen der EU und der USA gegen Russland einen weiteren deutlichen Einschnitt und eine klare Zuwendung Russlands zu China. Auch hier hatten die Sanktionen einen Katalysatoreffekt. Der Bau der Pipeline „Kraft Sibiriens 1“ zum Transport von Gas aus Russland nach China war lange Jahre zwischen beiden Staaten verhandelt worden. Erst unter dem Druck der Sanktionen kam es 2014 zum Durchbruch in den Verhandlungen und zur Unterzeichnung eines Vertrags mit 30-jähriger Laufzeit.
2022 hat sich die geopolitische Neuorientierung Russlands nochmals verstärkt: Russland hat, teils erzwungen, teils aus eigenem Antrieb, die Entscheidung getroffen, sich dem Globalen Süden zuzuwenden. Das hat strukturelle Konsequenzen für die Entwicklung von Organisationen wie den BRICS oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) und auch für die Infrastruktur. Es gibt vermehrte Investitionen im Fernen Osten und eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen mit der Volksrepublik China. Auch hierzu gab es in diesem Jahr eine interessante Podiumsdiskussion.
Ein zweiter wichtiger Punkt war der Abzug europäischer Unternehmen aus Russland. Die russische Position hierzu ist klar: Man habe die Firmen nicht zum Verlassen des Landes gezwungen. Insbesondere seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wird in Russland und den USA zunehmend darüber diskutiert, unter welchen Bedingungen Firmen aus der EU oder den Vereinigten Staaten nach Russland zurückkehren könnten. Es gibt hierzu regelmäßige Diskussionen und verschiedene Vorschläge, wobei die Positionen sehr unterschiedlich sind. Einige wirtschaftlich erfolgreiche Russen wünschen keine europäische oder US-amerikanische Konkurrenz mehr. Präsident Putin selbst vertritt die Position, dass Konkurrenz für die russische Wirtschaft wichtig sei und eine Rückkehr der Firmen prinzipiell erlaubt werden solle. Man wolle jedoch prüfen, wie sich die Firmen in der Vergangenheit positioniert haben, wie wichtig sie für den russischen Markt seien, und dann über die Bedingungen einer Rückkehr sprechen.
Auch hier ist mein Eindruck, dass eine Rückkehr zur Situation von 2021 nicht möglich sein wird. Wie in den 1990er-Jahren muss man sich jetzt erst wieder neu finden und neu verhandeln, unter welchen Regeln man auf welchen Ebenen miteinander umgeht. Ich sehe hier, vielleicht auch aufgrund meiner früheren Arbeit in China, eine Tendenz Russlands zu einem kontrollierten Öffnungsmodell des Marktes, ähnlich dem chinesischen Modell. Der Marktzugang würde dann unter ganz anderen Bedingungen erfolgen als in den 1990er-Jahren. Wir hatten zu Beginn von der Entstehung des SPIEF in den Jahren nach der Schocktherapie gesprochen. Die Sanktionen sind eine zweite Schocktherapie für die russische Wirtschaft, aber dieses Mal vielleicht in Teilen heilsamer.
Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews: „Ein Blick hinter die Kulissen des SPIEF: Russlands Perspektive auf eine sich wandelnde Weltordnung“
Über den Interviewpartner: Christoph Polajner berät in den Schnittpunkten von Geopolitik, Geoökonomie, Außenpolitik und Wirtschaft und ist Gründungsmitglied und Stellvertretender Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft mit Sitz in Berlin. Seine geographischen Schwerpunkte sind China und Russland, inhaltlich sind es Eurasien, die BRICS, die Shanghai Cooperation Organization, der Ukrainekonflikt und die chinesisch-russischen Beziehungen. Er war lange Jahre weltweit tätig: in Lateinamerika, Afrika, Südostasien, Zentralasien, der Ukraine, China und Russland, den Großteil der Zeit für eine humanitäre Organisation. Er hat einen Master-Abschluss in Chinese Studies mit den Schwerpunkten chinesischer Außenpolitik und Wirtschaft.
Titelbild: Christoph Polajner
Rubriken: Außen- und Sicherheitspolitik Audio-Podcast Interviews Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen Wirtschaftspolitik und Konjunktur
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unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
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nachdenkseiten.de, 30. Juli 2025 um 12:00 Ein Artikel von Éva Péli
Die Idee eines gemeinsamen europäischen Hauses scheint verblasst. In einer Welt im Umbruch fordert Christoph Polajner, stellvertretender Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft, eindringlich eine Rückkehr zum Dialog und die Überwindung der tiefen Gräben, die Europa spalten. Er nimmt regelmäßig am Sankt Petersburger Wirtschaftsforum teil und plädiert für eine Abkehr von Konfrontation zugunsten einer positiven Zukunftsvision und des Aufbaus neuer Sicherheitsarchitekturen. Mit Christoph Polajner sprach Éva Péli.
Éva Péli: Herr Polajner, was genau unternimmt die Eurasien Gesellschaft, um die noch vorhandenen Brücken zwischen Europa und Eurasien zu stärken?
Christoph Polajner: Das ist ein erklärtes Ziel unserer Gesellschaft, auch wenn wir natürlich sehr klein sind und unsere Möglichkeiten bescheiden einschätzen müssen. Unser Hauptanliegen ist es, Menschen zusammenzubringen, die sich für eine friedliche Koexistenz der Länder Europas und Asiens einsetzen und das Potenzial der Zusammenarbeit erkennen. Diesen Fokus auf das Kooperationspotenzial vermisse ich oft im hiesigen Diskurs.
Vor diesem Hintergrund war das Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg sehr inspirierend. Dort wurden viele Ideen diskutiert, mit denen ich mich seit Langem beschäftige, wie beispielsweise die Veränderung der internationalen Ordnung und der internationalen Institutionen, Weltreservewährungen, Konnektivität sowohl im Hinblick auf den Ausbau der Landverbindungen zwischen Europa und Asien als auch auf die Nordostpassage, also den Seeweg von der Nordsee entlang der russischen Küste nach Asien. Was ich meinerseits dort immer wieder in Gespräche eingebracht habe, ist die Wiederbelebung der Idee eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok.
Unsere Rolle sehen wir darin, Gesprächskanäle aufrechtzuerhalten, gerade in einer Zeit, in der es zwischen Russland und den EU-Staaten kaum noch Austausch zu Themen wie dem Krieg in der Ukraine, europäischer Sicherheit, der internationalen Ordnung und der Wiederherstellung der bilateralen Beziehungen gibt. Wir möchten auch vermitteln, dass es hier nach wie vor Personen gibt, die an einen geeinten und friedlichen europäischen Raum glauben. Ich persönlich erinnere mich gern an die Stimmung der frühen 90er-Jahre. In der Charta von Paris von 1990 heißt es „Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen.“ Wir hatten das Ziel, ein „gemeinsames europäisches Haus“ zu bauen. Leider ist diese Idee auf beiden Seiten des geteilten Europas – sowohl in der EU als auch in Russland – über drei Jahrzehnte hinweg verblasst. Aber ich bin froh, dass es auch auf russischer Seite noch Menschen gibt, die daran glauben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Europäer nur dann eine gute Zukunft haben, wenn wir diese Teilung des europäischen Raumes überwinden.
Wie beurteilen Sie die aktuellen Chancen Europas, diese Spaltung zu überwinden?
Im Moment erleben wir, dass sich die Welt rasant neu ordnet. Russland hat dies wesentlich früher erkannt als wir, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hierzulande hat man sich sehr in der jahrhundertelangen europäischen Vorherrschaft eingerichtet und in dem Gefühl, den Kalten Krieg gewonnen zu haben. Es gab zwar einzelne Dialogformate mit Russland und auch einige Konzepte für eine engere Zusammenarbeit, aber am Potenzial der Beziehungen gemessen war das viel zu wenig. Das lag sicherlich auch daran, dass viele bei uns das Land – außer vielleicht als Lieferant von Rohstoffen – als wenig relevant betrachteten.
Jetzt befinden wir uns in der für Europa sehr schlechten Situation, dass sich die Welt neu sortiert, der europäische Raum aber geteilt ist. Zwischen uns Europäern – also den Russen und Belarussen auf der einen Seite und den EU-Staaten auf der anderen Seite – fehlt die Diskussion darüber, welchen Platz wir in dieser neuen Welt einnehmen möchten. Das ist in fast allen anderen Teilen der Welt anders: Die US-Amerikaner, Chinesen, BRICS-Staaten, Afrikaner und Lateinamerikaner denken intensiv darüber nach. Aber wir als Europäer tun es nicht beziehungsweise wir definieren uns gegenseitig nur in Abgrenzung zum jeweils anderen Teil des europäischen Kulturraums und bemühen uns, uns durch Waffen, Munition und Sanktionen gegenseitig möglichst großen Schaden zuzufügen. Dadurch fällt Europa als Ganzes zurück, und so viel ist klar: Der Rest der Welt wartet nicht auf uns.
Russland organisiert das Wirtschaftsforum in St. Petersburg, sie laden ein, und selbst wir als kleine Organisation können hinreisen. Man wird freundlich empfangen und kommt mit vielen Menschen ins Gespräch. Das ist eine gute Gelegenheit, die vorangehend genannten Fragen zu diskutieren – aber es nehmen sehr wenige Personen aus der EU teil. Auf der anderen Seite gibt es, wenn auch mit etwas Verspätung, ähnliche Diskussionen hier in Deutschland, beispielsweise auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die zuletzt ebenfalls den Titel „Multipolarität“ trug – aber wir laden keine Menschen aus Russland mehr ein. Das bedeutet, dass wir keine Plattformen haben, auf denen wir als Europäer gemeinsam darüber sprechen könnten, wie der Krieg beendet wird, wie wir eine europäische Sicherheitsarchitektur aufbauen, welchen Platz wir in einer sich neu ordnenden Welt einnehmen möchten, wie wir wirtschaftlich oder auch als Menschen wieder zusammenfinden möchten.
Der ungarische Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó ist auch zum Forum gereist. Welche Bedeutung messen Sie der Haltung Ungarns bei?
Es war meiner Ansicht nach sehr gut, dass Herr Szijjártó persönlich an der Konferenz teilgenommen hat. Mir gefiel besonders die relativ konstruktive ungarische Position. Er wiederholte das Angebot, dass Ungarn als Verhandlungsort für eine Lösung des Ukrainekriegs dienen könne – ein Vorschlag, den er bereits Ende Februar 2022 gemacht hatte. Der Außenminister hob auch klar hervor, dass sein Land natürlich daran interessiert sei, die Beziehungen zu Russland auszubauen – auch die wirtschaftlichen; genauso, wie Ungarn auch sehr erfolgreich die Beziehungen zu China ausbaut.
Ungarn ist für mich innerhalb der EU ein positives Beispiel dafür, wie ein Land die Veränderungen in der internationalen Ordnung richtig analysiert und konstruktiv darauf reagiert, statt in ideologisch verhärteten Positionen zu verharren. Ich würde mich sehr freuen, wenn es gelänge, Menschen aus Russland und der Europäischen Union, auch die US-Amerikaner, in Ungarn zusammenzubringen, um diese Sonderstellung Ungarns und das daraus resultierende Potenzial zu nutzen, um wieder Frieden in Europa zu schaffen.
Inwiefern teilt die Eurasien Gesellschaft diese Einschätzung Ungarns, und welche konkreten Initiativen verfolgen Sie, um den Dialog voranzutreiben?
In den letzten Jahren sprach ich mit vielen Personen in Deutschland und einigen anderen EU-Ländern, die auch davon überzeugt sind, dass wir einen Dialog mit Russland zu diesen Themen brauchen, die es aber aufgrund des medialen und politischen Klimas hier als zu riskant erachten, selbst nach Russland zu reisen. Ähnlich ist es auf russischer Seite. Dort kommt hinzu, dass manche davon ausgehen, für viele EU-Staaten kein Visum zu bekommen. Wir versuchen, die Gesprächskanäle zwischen diesen Personen aufrechtzuerhalten und ganz konkrete Ideen auf beide Seiten zu tragen: Zum Beispiel, was genau die russische Position zur Beendigung des Krieges in der Ukraine ist oder wie erste Elemente für eine neue europäische Sicherheitsarchitektur aussehen könnten, erste Gespräche für Vorgespräche zu einer wirtschaftlichen Wiederannäherung, oder für die Idee einer Wiederaufnahme von Schüler- und Städtepartnerschaften zu werben.
Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir hätten uns sehr gewünscht, größere Gesprächsformate zu organisieren, in denen wir Fachleute von beiden Seiten zusammenbringen. Das haben wir die vergangenen Jahre mehrfach versucht, vorwiegend in Drittstaaten. Auch Ungarn wurde hierbei sowohl von mehreren Personen aus Russland als auch aus der EU als Staat genannt, in dem sie an einer solchen Veranstaltung teilnehmen könnten.
Bisher scheiterte das Vorhaben aus verschiedenen Gründen. Bedenken potenzieller Teilnehmer hinsichtlich eines steigenden Risikos medialer Angriffe oder mangelnde Finanzierung stehen hier sicherlich ganz oben auf der Liste. Beide Punkte haben mir zu denken gegeben. Man trifft hier viele Personen, die im Gespräch unter vier Augen wie wir der Meinung sind, dass wir diesen Krieg schnellstmöglich beenden und mit Russland wieder zusammenfinden müssen. Sie möchten sich aber nicht öffentlich in diese Richtung äußern oder konkrete Schritte in diese Richtung unternehmen. „Wenn selbst Gerhard Schröder und Papst Franziskus für ihre Friedensbemühungen so massiv angegriffen werden, was glauben Sie, wie es mir dann erst ergeht?“ Der Tenor der medialen Berichterstattung zu einzelnen Initiativen, die andere in diese Richtung ergriffen haben und die öffentlich bekannt geworden sind, zeigt ja auch, dass solche Befürchtungen nicht ganz unbegründet sind. Man muss sich aber fragen, was das über das Debattenklima in unserem Land aussagt.
Es verwundert mich auch sehr, dass wir in einer Situation mit dem größten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, wahrscheinlich Hunderten von Opfern pro Tag, gewaltigen wirtschaftlichen Schäden durch Sanktionen und dem Risiko einer Eskalation zu einem großen europäischen Krieg keine Ressourcen bereitstellen, um Fachleute zumindest auf Arbeitsebene zusammenzubringen und Auswege aus diesem Konflikt zu suchen. Für die von uns angedachten Formate sind relativ kleine Beträge von nur wenigen Zehntausend Euro erforderlich. Wenn man bedenkt, was eine Artilleriegranate in der Herstellung kostet, ist das der Preis von ein paar Granaten, um über Auswege aus dem Konflikt zu sprechen. Das ist meiner Meinung nach dringend erforderlich, da die Antworten auf viele dieser Fragen nicht einfach sind. Wir haben leider den Zerfall eines Großteils der Sicherheits- und Rüstungskontrollarchitektur erlebt: Mit dem KSE-Vertrag von 1990 (Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa) haben wir ein sicheres und stabiles Gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte auf niedrigerem Niveau umgesetzt. Inzwischen rüsten wir auf beiden Seiten des europäischen Raums wieder massiv auf. Der INF-Vertrag zu den Mittelstreckenwaffen und „Open Skies“ (Vertrag über den Offenen Himmel) sind aufgekündigt, New-START ist ausgesetzt, Formate wie der NATO-Russland-Rat haben seit Jahren nicht stattgefunden.
Wir können die alten Verträge nicht einfach wiederbeleben. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir Sicherheit in Europa, eine neue europäische Sicherheitsarchitektur unter den aktuellen Bedingungen wiederherstellen können. Dafür braucht es viele und lange Gespräche von Fachleuten. Dasselbe gilt für die Frage, wie konkret ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine aussieht.
Ausländische Diplomaten sagten mir auf verschiedenen Veranstaltungen, dass sie erstaunt über die Beschwerden der Europäer seien, dass die Trump-Administration mit den Russen verhandele, während die Vertreter der EU nicht einmal einen Platz am „Katzentisch“ hätten. Sie fragten mich dann aber auch: Wo waren denn die Initiativen der EU der letzten Jahre? Wo haben denn die Franzosen mit den Deutschen, Italienern und Polen beispielsweise wirklich eine Konferenz ins Leben gerufen, um diesen Konflikt zu beenden? Das ist auch die große Gefahr, die ich sehe: dass die neue internationale Ordnung ohne uns gestaltet wird und die Interessen der EU dabei nicht berücksichtigt werden; und dass wir ein großes Risiko eingehen, dass dieser Konflikt entweder noch sehr lange andauert – mit einer blutigen Trennungslinie durch den europäischen Raum – oder dass er zu einem großen europäischen Krieg eskaliert. Wir verschenken seit Jahren Zeit, die wir dringend bräuchten, um den Konflikt in Europa zu beenden und eine Rolle für Europa in einer sich neu herausbildenden Welt zu finden.
Angesichts dieser Herausforderungen: Welche konkreten Schritte oder Veränderungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um die aktuelle Situation in Europa zu verbessern?
Das Wichtigste ist, dass wir den Krieg in der Ukraine beenden. Die Gelegenheiten hierzu, die sich zum Beispiel mit den Verhandlungen in Istanbul 2022 ergeben haben, sind leider nicht genutzt worden. Ich glaube, dass die Präsidentschaft Donald Trumps ein Verhandlungsfenster geöffnet hat. Das gilt es jetzt zu nutzen, bevor es sich wieder schließt, und die EU-Staaten müssten die Bemühungen der USA in diese Richtung unterstützten und nicht konterkarieren.
Wir brauchen wieder eine positive Zukunftsvision für Europa. Momentan sind die beherrschenden Themen: Rekordschulden, Aufrüstung, Munition, Wehrpflicht, lange Konfrontation und ein Europa, in dem – wie es Außenminister Wadephul formulierte –Russland für immer unser Feind bleiben wird.
Anfang der 1990er-Jahre, mit der Wiedervereinigung, hatten wir die Vorstellung, dass die Konfrontation in Europa überwunden sei und wir gemeinsam ein europäisches Haus bauen könnten. Diese Vision, dieser „Wind of Change“, hat viele Menschen begeistert. Wir waren damals mehrheitlich überzeugt, dass das die richtige Richtung war und dass wir in einem solchen Europa leben wollten – lieber als in dem, das wir vorher hatten, und ich glaube auch lieber als in dem, das wir jetzt haben. Diese Idee ist leider verblasst, nicht erst 2022, sondern über Jahrzehnte. Bei der Suche nach den Ursachen kann man nicht nur mit dem Finger auf Russland zeigen. Das liegt auch an den handelnden Akteuren bei uns, und das bringt mich zum dritten Punkt.
Helmut Kohl hat die historische Gelegenheit zur Wiedervereinigung genutzt. Die Chance, die Teilung Europas zu überwinden, wurde hingegen verspielt. Neben einem Mangel an geopolitischem Denken liegt das an der hier lange und bei einigen immer noch verbreiteten Überzeugung, dass unser System das Beste sei und wir nichts von anderen lernen könnten, außerdem müsse der Rest der Welt so werden wie wir. Diese Einstellung hat sich bereits im Rahmen der Wiedervereinigung gezeigt. Von dem Erhaltenswerten, was es in der DDR gab, ist fast nichts in den gemeinsamen deutschen Staat überführt worden. Die Einstellung zeigte sich auch im Umgang mit Russland als dem Verlierer des Kalten Krieges und gegenüber dem Rest der Welt.
Als ich nach langer Auslandszeit nach Deutschland zurückkam und hier Erfahrungen zu Themen wie Multipolarität, BRICS oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in verschiedene Formate eingebracht habe, fiel mir auf: Diese Themen waren hier manchem gar nicht bekannt, erschienen als unbedeutend oder als ein kurioses Hobby von mir; manchem waren sie gar unheimlich. 2022 hatte ich den Eindruck, dass manch einer froh war, wieder ein vertrautes Koordinatensystem zu haben: Gut gegen Böse, Ost gegen West. Im Oktober desselben Jahres sagte der damalige Hohe Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik der EU, Josep Borrell, Europa sei ein Garten und den Großteil der restlichen Welt ein Dschungel.
Welche Rolle spielt dabei die deutsche Politik und welche müsste sie spielen?
Die deutsche Politik ist in ihrem Aufbau häufig sehr provinziell, vieles versinkt selbst in einer epochalen Umbruchphase wie dieser im parteipolitischen Kleinklein. Viel zu häufig dominieren die Eigeninteressen einzelner Personen oder Parteien. Die eigene Wiederwahl steht in der Zielhierarchie bei vielen im Zweifelsfall an erster Stelle. Es gibt folglich ein feines Gespür für die Grenzen des Korridors des politisch Korrekten und ein Verständnis für innerparteiliche Machtstrukturen, aber wenig Gespür für andere Kulturräume und wenig Verständnis für die Veränderungen in der internationalen Ordnung. Längere internationale Erfahrung, intensive Beschäftigung mit anderen Kulturen und selbst gute Kenntnis von Fremdsprachen sind unter deutschen Politikern leider nach wie vor die Ausnahme. Folglich fehlt es am Erfahrungshorizont, um manche Entwicklungen einzuordnen.
In vielen Ländern außerhalb der EU nehme ich da eine ganz andere Mentalität wahr: Der Bedeutungszuwachs des Globalen Südens, die neuen Formate, das wird allen voran als Chance auf mehr Mitsprache in internationalen Angelegenheiten und neue und erfolgreichere Entwicklungsmodelle gesehen.
Die Welt ändert sich rasant; demographisch, technologisch, wirtschaftlich. Und da die unterschiedlichen Vorstellungen nicht in einem Verhandlungsprozess in Einklang gebracht werden, geraten wir in sehr unruhiges Fahrwasser. Ich frage mich manchmal, ob wir die richtigen Personen auf der Brücke haben, um das Land durch diese Stürme hindurchzusteuern, wenn es schon innerhalb des eigenen Landes (gesellschaftliche Polarisierung, Wiedervereinigung) und des eigenen Kulturraums (Russland) nicht gelingt, wie soll dann die Verständigung mit einem asiatischen Raum gelingen, in dem heute doppelt so viele Menschen Leben wie im Rest der Welt zusammen, oder mit einem Afrika aus über 50 Staaten, das bis zur Mitte des Jahrhunderts nochmal um eine Milliarde Menschen anwächst? Dass Bundeskanzler Merz kürzlich im Hinblick auf Russland erklärte, die Mittel der Diplomatie seien ausgeschöpft, macht mich da nicht zuversichtlicher.
Die meisten Menschen hier wünschen sich Frieden und Stabilität, Glück für ihre Familien und wirtschaftliche Sicherheit – und nicht die Ausdehnung der NATO um jeden Preis. Es ist, glaube ich, an der Zeit, dass bei uns verstärkt Menschen Verantwortung übernehmen, die Erfahrungen in anderen Teilen der Welt haben, respektvoll gegenüber anderen Ländern und Kulturen sind, diese aus sich heraus zu verstehen versuchen und im Austausch mit ihnen an einer internationalen Ordnung arbeiten, in der wir alle unseren Platz finden.
Lesen Sie die ersten beiden Teile des Gesprächs zu Christoph Polajners Teilnahme am SPIEF hier:
Titelbild: Die chinesische und russische Flagge auf einem Gebäude in St. Petersburg während des SPIEF 2025 – Quelle: Christoph Polajner
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Rubriken: Außen- und Sicherheitspolitik Interviews Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen
Schlagwörter: Deutsche EinheitEuropäische Unioneuropäischer Gedankefriedliche KoexistenzPolajner, ChristophRusslandStreitkulturUkraineUngarnzivilgesellschaftlicher Dialog
Info: https://www.nachdenkseiten.de/?p=136669 -3
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.