aus e-mail von Doris Pumphrey, 19. August 2025, 16:07 Uhr
_RTDE 19.8.2025
_*Propaganda: Wie der Donbass plötzlich superwichtig wird
*Auf einmal heißt es in der deutschen Presse, ohne den Donbass könne die
Ukraine nicht leben. Aber natürlich geht es nur um das Gebiet. Um die
Menschen ging es nie. Die wollte Berlin immer so sehr loswerden wie
Kiew. Sonst wäre die Geschichte anders verlaufen.
/Von Dagmar Henn/
Wenn man die Berichterstattung der deutschen Medien im Jahr 2014 noch im
Ohr hat, dann wirkt es sehr eigenartig, wie auf einmal über den Donbass
geschrieben wurde. Ja, das war schon immer eine Gegend, die sehr viel
mit dem deutschen Ruhrgebiet gemein hatte, von der Allgegenwart von
Kohle und Stahl über die ineinander verschmolzenen Städte bis hin zur
Mentalität der Bewohner. Aber plötzlich, und nur, weil gerade auch in
der EU zumindest die Möglichkeit nicht mehr verleugnet werden kann, dass
der Donbass komplett aus der Ukraine ausscheidet, wird diese Region
bedeutend und geradezu unverzichtbar, wenn man den Meldungen glauben soll.
Damals, als sich die Donbassbewohner gegen den Maidan-Putsch in Kiew
stemmten, klang das ganz anders. Da waren das die
Modernisierungsverlierer, die der Sowjetunion nachtrauerten, die
Watniks, also die Träger wattierter Jacken, wie sie in der Roten Armee
einst üblich waren, oder, wenn man auf die ukrainischen Seiten blickte,
gar die Kartoffelkäfer, nach den orange-schwarzen Streifen der
Georgsbänder. Es gab im Frühjahr 2014 einen Artikel der
/ZDF/-Journalistin Katrin Eigendorf (der leider nicht mehr online
verfügbar ist, weil solche Texte nur ein Jahr lang online bleiben), den
könnte man in Journalistenschulen als Musterbeispiel des Klassendünkels
verwerten. Eigendorf, die Hamburger Tochter aus besserem Hause, lästerte
völlig ungehemmt über die ihrer Meinung nach ungebildeten,
rückständigen, schmutzigen und alkoholisierten Proleten des Donbass, die
nun einmal die vornehmere europäische Freiheit in Kiew nicht verstünden.
Aber eigentlich, so der Tonfall nicht nur bei Eigendorf, könne die
Ukraine froh sein, diese Proleten loszuwerden.
Als dann die Demonstrationen begannen ‒ im März, große Demonstrationen
übrigens, nicht nur in Donezk oder Lugansk oder Mariupol, auch in
Charkow ‒ und eine föderale Verfassung für die Ukraine gefordert wurde,
war jedenfalls die Reaktion eine völlig andere als auf den Maidan.
Immerhin, die Krim war schließlich schon dabei, die Ukraine zu
verlassen, und führte Ende März ein entsprechendes Referendum durch. Im
Donbass griffen die Demonstranten Anfang April zu einem Mittel, das in
genau dieser Weise wenige Monate zuvor von der Gegenseite in der West-
und Zentralukraine eingesetzt worden war: Sie besetzten
Verwaltungsgebäude. Sogar die Anleitungen, wie man Barrikaden baut,
waren identisch ‒ auch hier wurden Altreifen per LKW herangekarrt, zu
Barrieren aufgeschichtet, mit Baustahl stabilisiert und bei Bedarf mit
Molotow-Cocktails in Brand gesetzt. Nur berichtet wurde darüber in
Deutschland ganz anders.
Während die Proteste in Kiew selbst dann noch als "friedlich" verkauft
wurden, als mit einer ziemlich bösartigen Version des Molotow-Cocktails
aus aufgelöstem Styropor und Alkohol Polizisten in Brand gesetzt wurden
(das Zeug wirkt wie Napalm), waren die Besetzer in Donezk und Lugansk
sofort gleichzeitig Terroristen und russische Agenten. Schließlich: Von
den Großdemonstrationen zuvor wurde nicht berichtet, für das Publikum im
Westen hatten sie nicht stattgefunden. Ebenso wenig wie Vorfälle wie der
Überfall des Rechten Sektors auf eine dieser Demonstrationen in Charkow,
mit Schusswaffen. Was dann selbstverständlich nach dem 2. Mai 2014 in
Odessa weiterging, mit dem Schweigen über das Massaker, das die
ukrainische Nationalgarde am 9. Mai in Mariupol anrichtete ‒ mit einer
Ausnahme: Zwei westliche Reporter waren an diesem Tag vor Ort. Einer vom
britischen /ITV/ und einer vom deutschen /RTL./ Beide berichteten, aber
beide Berichte verschwanden sehr schnell wieder aus dem Angebot...
Am 11. Mai gab es dann zwei Referenden, in Donezk und in Lugansk, mit
beeindruckender Beteiligung. Schon vor diesen Referenden wurde mit allen
Mitteln versucht, die Durchführung zu behindern ‒ bis hin zur Entführung
und Ermordung von Organisatoren. Ende Mai schließlich tobte endgültig
ein Bürgerkrieg, und Hubschrauber und Flugzeuge der ukrainischen Armee
flogen Luftangriffe, nicht nur auf Stellungen der Milizen, sondern auch
auf Straßenkreuzungen in Donezk. Ich sehe immer noch das Bild eines
getroffenen Autos vor mir, das quer auf der mehrspurigen Straße zum
Flughafen steht ‒ erste zufällige Opfer willkürlicher Gewalt.
Nichts, wirklich nichts davon war für die deutsche Berichterstattung
relevant. Stattdessen wurden Geschichten über die russische Armee
gesponnen, die über die Grenze hinweg die "Separatisten" unterstützt
hätte. Ein Ton, der bereits im Zusammenhang mit der Krim eingeführt
worden war, wo so getan wurde, als seien die völlig legal dort
stationierten russischen Soldaten völlig Fremde. Übrigens, bei der Krim
war der Moment, der die Stimmung dort am deutlichsten zeigte, als sich
von den etwa 20.000 ukrainischen Soldaten, die auf der Krim lebten, nur
ungefähr 2.000 der ukrainischen Armee anschlossen ‒ der Rest blieb auf
der Halbinsel und wechselte den Dienstherrn.
Aber zurück in den Donbass. Die Brutalität, mit der damals der
Bürgerkrieg aus Kiew begonnen wurde, war wirklich beeindruckend. Es kam
sofort das ganze Arsenal zum Einsatz, Raketen eingeschlossen (Am selben
Tag, als in Kiew wieder einmal verkündet wurde, man setze keine Raketen
ein, gab es aus dem Donbass ein Foto, auf dem eine Uragan-Rakete in ein
Wohnzimmer ragte). Noch etwas, das nicht berichtet wurde. Auf Seiten mit
lokaler Berichterstattung aus Städten wie Gorlowka gab es
Beschussmeldungen, als wäre das eine besondere Art des Wetterberichts.
Die fehlende Hemmung, zivile Ziele zu bombardieren, ließ erkennen, dass
das eine ganz spezielle Art von Bürgerkrieg war, in völliger
Übereinstimmung mit den Losungen, die auf Seiten der ukrainischen
Nationalisten vorherrschten: Koffer-Bahnhof-Moskau, beispielsweise. Und
das ist noch die nette Geschmacksrichtung. Nein, an der Art der
Kriegsführung war klar zu erkennen, da wollte man das Gebiet, aber nicht
die Einwohner.
Übrigens, beim Referendum gab es einen der größeren "Unfälle" der
deutschen Berichterstattung: Das /ZDF/ hatte Aufnahmen aus Krasnoarmeisk
(richtig, genau dem Ort, der heute als Pokrowsk so umkämpft ist) falsch
zugeschrieben und aus einem Überfall des Rechten Sektors auf ein
Stimmlokal einen Angriff der "Separatisten" gemacht. Später wurde diese
Falschmeldung dann korrigiert, aber wie immer in solchen Fällen nützte
das wenig. Ohnehin war man dann dank MH17 längst wieder weiter.
/"Kramatorsk zählte vor dem Krieg 150.000 Einwohner, Slowjansk 106.000
Einwohner. Selbst wenn es mittlerweile weniger sind, würden im Gebiet
Donezk absehbar mehrere hunderttausend ukrainische Staatsbürger unter
russische Besatzung geraten ‒ oder flüchten."/
Das stammt aus der aktuellen Berichterstattung
<https://www.n-tv.de/politik/Wenn-die-Ukraine-den-Donbass-aufgeben-muesste-article25972044.html>
von /ntv/. 2014, als die ukrainische Armee über den Donbass herfiel,
flüchteten Hunderttausende nach Russland. /Ntv/ schreibt
praktischerweise nicht, ob sich "vor dem Krieg" auf 2014 bezieht oder
auf 2022. Eine der Hauptfluchtrouten wurde damals besonders gerne von
der ukrainischen Armee unter Beschuss genommen, mit Fliegern und mit
Raketenwerfern, gegen die Fahrzeuge von fliehenden Zivilisten. Im
Frühjahr 2015, auf dem Weg nach Donezk, kam ich über diese Straße. Es
war noch immer eine Fahrt in Schlangenlinien, wegen der Einschlaglöcher
in der Straße, und links und rechts standen immer wieder Fahrzeugruinen.
Nein, wenn man statistisch bewerten wollte, was passierte, wenn Kiew aus
diesen Gebieten verschwindet, dauerhaft, dann gäbe es sicher auch eine
kleinere Bewegung fort, Richtung Westen ‒ aber doch eine weit größere
zurück, von jenen Menschen, die zum Teil bereits 2014 die Ukraine
Richtung Russland verlassen haben. Die es aber in der deutschen Presse
selbstverständlich auch nicht gibt, denn der ganze blutige Bürgerkrieg
hat nur fragmentarisch stattgefunden.
Nur deshalb ist es überhaupt möglich, so zu tun, als wollte man im
Donbass weiter ukrainisch bleiben. Für die deutschen Medien sind ohnehin
ganz andere Dinge wichtig als die Menschen im Donbass. So beispielsweise
<https://www.morgenpost.de/politik/article409773988/warum-die-ukraine-diese-region-niemals-aufgeben-wird.html>
die /Berliner Morgenpost/:
/"Dort liegen die strategisch wichtigen Städte Slowjansk, Kramatorsk,
Druschkiwka und Kostjantyniwka – der sogenannte 'Festungsgürtel des
Donbass'. Schon seit 2014 hat die Ukraine in den vier Städten die
Rüstungsindustrie und Bunkeranlagen massiv ausgebaut."/
Man sollte dazusagen, dass sich dieser Ausbau damals gegen die eigenen
Bürger richtete, die eigentlich über die Minsker Abkommen durch eine
Verfassungsänderung und eine Autonomie eine Perspektive hätten erhalten
sollen, über die ein Verbleib in der Ukraine möglich gewesen wäre. Ja,
Kiew bunkerte sich gegen die eigenen Staatsbürger als Besatzungsmacht
ein, und der Hauptgrund, warum jetzt in Deutschland so vielstimmig
darauf gedrängt wird, die Ukraine dürfe sich nicht aus dem Donbass
zurückziehen müssen, ist, dann wäre "für Russland der Weg Richtung
Westen frei". Und natürlich, wieder /ntv/, "im Donbass liegen viele der
Bodenschätze, mit denen die Ukraine sich gemäß einem Abkommen eigentlich
US-Hilfe erkaufen will".
Der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte gegen die
Bewohner des Donbass besonders deutlich gewettert. Seine Aussage, für
jeden getöteten ukrainischen Soldaten müssten "hunderte Separatisten mit
ihrem Leben bezahlen", wurde in Deutschland damals (2014) kommentarlos
abgedruckt, als sei so etwas die normalste Sache der Welt. Seine Tirade,
bei der er, ganz und gar nicht nüchtern, beim WEF in Davos den
Donbass-Bewohnern zurief, "unsere Kinder werden in die Schule gehen,
eure werden im Keller sitzen", wurde natürlich nicht übermittelt.
Bestimmte Gewohnheiten verschwinden nicht. Wenn /ntv/ jetzt schreibt:
"/In diesem Sommer gab es in der besetzten Millionenstadt Donezk
Probleme mit Trinkwasser, weil die Zuleitung, der Kanal Siwerskyj
Donez-Donbass, an mehreren Stellen zerstört ist"/, und
selbstverständlich nicht erwähnt, dass dieser Kanal bereits während der
Belagerung von Slawjansk 2014 Ziel der ukrainischen Angriffe war, ebenso
wie die Wasserversorgung von Donezk. Ein Kriegsverbrechen, übrigens.
Aber in völliger Übereinstimmung mit einer Politik, die von vornherein
darauf abzielte, das Territorium zu halten, aber die Menschen zu vertreiben.
Nun, auf einmal ist der Donbass so wichtig. So unverzichtbar. Dabei
hätte Kiew ihn haben können, unblutig. Es wäre nur nötig gewesen, die
Minsker Abkommen einzuhalten und mit den beiden Donbassrepubliken zu
verhandeln. Stattdessen wurde lieber acht Jahre lang weitergeschossen,
bis dann im Frühjahr 2022 der große Angriff vorbereitet wurde, der die
Region endgültig unterwerfen sollte. Das Ergebnis, das können inzwischen
alle sehen, war zum Glück das Gegenteil. Und ja, man hätte im Westen
daraus lernen können, dass Diplomatie und die Einhaltung von Verträgen
weiter bringt als kriegerisches Auftrumpfen gefolgt von einer deutlichen
Antwort. Aber danach sieht es gerade ganz und gar nicht aus. Jedenfalls
nicht in Deutschland.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.