USA erniedrigen Europa vor aller Augen
aus e-mail von Doris Pumphrey, 21. August 2025, 20:16 Uhr
_RTDE 21.8.2025
_*Theater und Neurose: USA erniedrigen Europa vor aller Augen
*Das Gipfeltreffen in Washington zeigte eines deutlich: Europa kann
nicht formulieren, worin seine eigenen Interessen bestehen. Der
Bedeutungsverlust der EU begann nicht unter Donald Trump und wird auch
nicht nach seiner Präsidentschaft enden. Ungefährlich ist dies aber nicht.
/Von Fjodor Lukjanow/
Donald Trumps Treffen mit den europäischen Staatschefs im Weißen Haus
war ein äußerst schillerndes Spektakel, das man aus theatralischer Sicht
interpretieren kann: Wer trat in welcher Rolle auf und wie gut meisterte
er diese? Doch das ist nur die äußere Erscheinung. Bei genauerer
Betrachtung zeigt sich, dass der wesentliche Inhalt nicht mit der
Ukraine-Krise zusammenhängt. Die Versuche, diese Krise zu lösen, dauern
an, und es ist schwer zu sagen, wie sie enden werden. Klar ist aber,
dass es nichteuropäische Länder sein werden, die die finale
Konfiguration bestimmen. Dabei trat der Charakter der Beziehungen
innerhalb der westlichen Gemeinschaft während des Gipfeltreffens in
vollem Umfang zutage. Und das ist das wichtigste Ergebnis im Hinblick
auf die Bewertung künftiger politischer Perspektiven.
Aufgrund der Kommunikation der europäischen Führer mit Trump lässt sich
eine Schlussfolgerung ziehen: Europa hat keine politische Subjektivität
in Beziehungen mit den USA. Alle Bemühungen der Staatschefs der Alten
Welt zielen auf die Ausarbeitung einer Verhaltenstaktik ab: Was ist zu
tun, damit sich der US-Präsident ("Papi" in den Worten des
NATO-Generalsekretärs Mark Rutte) nicht ärgert, in schlechte Laune gerät
und sie bestraft? Das klingt absurd, doch gerade das ist es, was
passiert. Und die Quellen melden stolz, welche wertvollen Ratschläge der
britische Ministerpräsident Keir Starmer dem ukrainischen Staatschef
Wladimir Selenskij erteilte: was er anziehen soll, wie zu danken ist,
welche Worte zu benutzen sind und so weiter.
Sicher sollte "Papis" Persönlichkeit berücksichtigt werden, doch den
Kern ändert das nicht. Europa ist gezwungen, sich zu drehen und zu
winden, um es sich nicht mit den USA zu verscherzen, denn die Alte Welt
spürt plötzlich ihre äußerste strategische, politische und
wirtschaftliche Abhängigkeit von der Neuen Welt. Einfacher gesagt: Ohne
Amerika kann Europa sehr wenig – selbst in Angelegenheiten, die direkt
europäische Interessen betreffen.
All das ereignete sich nicht erst jetzt und nicht plötzlich. Die Phase,
deren Kulmination wir heute sehen, begann noch unter Trumps Vorgänger
Joe Biden. Gerade er bürdete Europa faktisch die Hauptlast des Konflikts
mit Russland auf – weniger die direkte finanzielle, als vielmehr die
politische und makroökonomische. Auch wenn all das von eindringlichen
Beteuerungen beispielloser transatlantischer Solidarität begleitet
wurde, fand in Wirklichkeit eine Übertragung der wirtschaftlichen
Profite auf die USA und der Ausgaben an die Alte Welt statt.
Unter Trump verlor dieser Prozess seinen bisherigen latenten Charakter,
und wurde offen und sogar demonstrativ. Sicher spielen dabei die
Eigenarten des gegenwärtigen Herrn des Weißen Hauses eine Rolle, doch
das gilt eher für äußere Erscheinungen, als für den Kern der Sache.
Trump zeigt ohne Scheu, dass ihn Europa ausschließlich als ein
Instrument zur Lösung bestimmter Probleme interessiert, und zwar vor
allem als ein Finanzinstrument, das die Vereinigten Staaten entlastet.
Außerdem verfügt Europa nach Trumps Ansicht noch über einige weitere
nützliche Funktionen. Wahrscheinlich wird es mit der technischen
Unterstützung der Ukraine beauftragt, die nach der Regulierung des
Konflikts notwendig sein wird. Doch Europa wird nicht als ein Partner
erachtet, dessen Position im Fall ihrer Abweichung von derjenigen der
USA zu berücksichtigen sei. Der Verlauf von Verhandlungen zum
Handelsabkommen vor einigen Wochen und die getroffene Vereinbarung
wurden zum Beleg dafür.
Europa wählte die Taktik der hemmungslosen Schmeichelei und versucht, in
deren Flut sorgfältig eigene Widersprüche und Vorschläge
hineinzustreuen. Die Wirksamkeit einer solchen Herangehensweise
erscheint fraglich. Trump nimmt Schmeichelei gerne entgegen, weil er die
Lobpreisungen für eine Feststellung seiner angeblich offensichtlichen
Stärken hält. Dabei handelt er natürlich nach eigenem Ermessen: Wenn ihr
mich schon so bewundert, mache ich alles richtig, macht also mit! Und
verehrt mich bitte weiter.
Man könnte einwenden, dass Europa hier in der gleichen Lage ist, wie
alle anderen Verhandlungspartner der USA, doch das ist nicht so. Unter
den US-Verbündeten bezog Kanada unter dem neuen Ministerpräsidenten eine
recht unnachgiebige Position, und Trump fuhr seine Pöbeleien herunter.
Außerhalb der atlantischen Gemeinschaft ist die Lage schon ganz anders.
Trumps Druck gegen große nichtwestliche Länder – China, Indien,
Brasilien, Südafrika –, der aus unterschiedlichen Gründen, aber mit
ähnlichen Mitteln erfolgte, zwang sie nicht zum Gehorsam. Niemand will
einen Konflikt provozieren, doch ebenso wenig lassen sich die
Regierungen dieser Länder offen erpressen. Also ist Europa der
unbestrittene Meister in der Bereitschaft, sich beim "großen Bruder"
einzuschmeicheln.
Die Europäer mögen sich selbst einreden, dass das Problem konkret in
Trumps Persönlichkeit liegt. Angeblich würden sich die Dinge bessern,
wenn sich der Herr des Weißen Hauses ändert. Sicher werden wir nicht so
schnell wieder einen so schillernden US-Präsidenten wie Trump sehen,
doch die Enttäuschung der Europäer wird umso bitterer ausfallen, wenn
sie erleben, dass neue Staatschefs der USA, sogar Demokraten, zwar den
Stil, aber nicht den Kern des Verhaltens ändern werden. Während eines
Vierteljahrhunderts, seit der Präsidentschaft von George Bush, blendete
Europa Washingtons strategischen Kurs, sich zunehmend von atlantischen
Verbündeten zugunsten anderer Ziele abzuwenden, sorgfältig aus. Indessen
war dieser Kurs – sehr konsequent – unabhängig davon, wer im Weißen Haus
herrschte. Auch nach Trump wird sich dieser Prozess fortsetzen. Und wenn
man die außerordentliche Bereitschaft der gegenwärtigen EU-Führer zur
Selbsterniedrigung betrachtet, werden die kommenden US-Präsidenten von
ihnen das Gleiche erwarten.
Eine andere wichtige Frage ist, wie Moskau danach die Beziehungen zu
einem solchen Europa aufbauen soll, wenn diese überhaupt irgendwann
aufgebaut werden. Immerhin waren russisch-europäische Beziehungen gerade
in jenen Zeiten besonders produktiv, in denen die Alte Welt ihre eigenen
Interessen bewusst wahrnahm und verfolgte und in der Lage war, sie
zumindest teilweise vor äußeren Einflüssen, darunter auch dem Druck der
USA, zu schützen. So war es Anfang der 1980er Jahre, als der
sowjetisch-amerikanische Dialog zwar extrem abkühlte, die
westeuropäischen Verbündeten der USA aber Reagan dazu brachten, die
Umsetzung von großen europäischen Energieprojekten gemeinsam mit der
Sowjetunion nicht zu behindern – weil sie für Europa selbst notwendig
und vorteilhaft waren. Inzwischen besteht das Problem darin, dass sich
Europa ausschließlich im US-amerikanischen Kielwasser bewegt. Europa ist
nicht in der Lage, für sich selbst zu formulieren, worin sein Vorteil
besteht, und folgt daher entweder bewusst oder unbewusst den USA. Dabei
gehen die USA ausschließlich von eigenen Interessen aus und betrachten
Europa teils als Konkurrenten, teils als Ressource.
Es ist unklar, worin für Russland der Sinn bestünde, sich mit einem
solchen Europa auszutauschen. Doch in jedem Fall ist das eine
hypothetische Frage und betrifft eine ferne Zukunft. Gegenwärtig kann
dieses Problem zu einer schweren gesellschaftlichen und politischen
Neurose in der Alten Welt führen. Und wie die Geschichte zeigt, kann
dies sowohl für Europa, als auch für seine Nachbarn gefährlich werden.
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*/Fjodor Lukjanow/*/ist Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global
Affairs, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und
Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen
Diskussionsklubs Waldai./
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.



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