Bürgerkriege in Westeuropa?
aus e-mail von Doris Pumphrey, 26. August 2025, 11:40 Uhr
Berliner Zeitung 23.8.2025
*Britischer Konfliktforscher: „Fast alle Voraussetzungen für
Bürgerkriege in Westeuropa sind erfüllt“
*Moritz Eichhorn
Die Begriffe Bürgerkrieg und Westeuropa passen eigentlich nicht zusammen
- zumindest nicht in der gängigen Vorstellung der Bewohner dieser
geordneten Breiten. Doch genau das trügt, sagt David Betz. Der Professor
am Londoner King’s College beschäftigt sich mit den Bedingungen für
Bürgerkriege und bewaffnete Aufstände. Er geht davon aus, dass es schon
in den nächsten Jahren in unserer Weltgegend zu solchen Konflikten
kommen kann. Damit ist er einer der ganz wenigen Forscher seiner
Disziplin, die das öffentlich sagen. Doch hinter verschlossenen Türen
sprächen viele seiner Kollegen davon, sagt Betz. Wie es so weit kommen
konnte, was zu erwarten ist und ob sich die erschreckenden Szenarien
verhindern lassen, erklärte er im Video-Call aus seinem Universitätsbüro.
/Professor Betz, wenn wir derzeit von Kriegen sprechen, dann von den
Konflikten zwischen Israel und dem Iran oder Russland und der Ukraine.
Sie halten jedoch einen möglichen Bürgerkrieg für die eigentliche
Bedrohung. Warum?/
Weil in Westeuropa heute fast alle strukturellen Voraussetzungen für
einen Bürgerkrieg erfüllt sind – und zwar in einer Form, wie man sie in
der Fachliteratur als geradezu „idealtypisch“ bezeichnen würde. Wir
sprechen von Faktoren, die seit Jahrzehnten erforscht sind: tiefe
gesellschaftliche Spaltung, ein beschleunigter Statusverlust der einst
dominanten Mehrheitsbevölkerung und ein dramatischer Zusammenbruch des
Vertrauens in die Institutionen.
/Beginnen wir mit der Spaltung. Was ist damit genau gemeint?/
Früher wurden politische Debatten an Sachfragen festgemacht – heute
bestimmen Identität und Gruppenzugehörigkeit das Denken. Besonders
gefährlich ist die „polarisierte Fraktionalisierung“: Man richtet sich
nicht nach dem Inhalt, sondern nach der Linie der eigenen
„Stammesgemeinschaft“. Das sieht man in ganz Europa, am deutlichsten
aber in ethnisch orientierten Parteien. In Großbritannien gibt es
mittlerweile eine wachsende muslimische politische Bewegung, die
faktisch eine Ein-Themen-Partei ist – mit Fokus auf internationale
muslimische Interessen, aktuell vor allem Gaza, während britische
Binnenpolitik kaum Beachtung findet. Das ist Ausdruck einer Politik, in
der Identität wichtiger ist als alles andere.
/Ein zweiter Faktor ist der Statusverlust der Mehrheitsbevölkerung – was
heißt das?/
In der Forschung spricht man von „Downgrading“: Die ehemals dominante
kulturelle und politische Mehrheit verliert in rasantem Tempo ihre
Stellung. In mehreren europäischen Ländern wird die einheimische
Bevölkerung innerhalb einer Generation zur Minderheit im eigenen Land.
Im Vereinigten Königreich rechnet man damit um das Jahr 2060, in anderen
Ländern früher oder später. Downgrading bedeutet, dass nicht mehr die
Sprache, Werte und politischen Prioritäten dieser (bald ehemaligen)
Mehrheit den Ton angeben – genau wie bei historischen
Kulturverdrängungen, etwa der keltischen Briten durch angelsächsische
Siedler.
*„Masseneinwanderung ist kein Projekt der Bevölkerung, sondern der Eliten“
*/Manche würden sagen: Wenn demokratisch gewählte Regierungen das
zulassen, dann ist es doch der Wille der Mehrheit./
Das ist ein Trugschluss. Masseneinwanderung ist kein Projekt der
Bevölkerung, sondern der Eliten. In Großbritannien hat es nie eine Wahl
gegeben, bei der die Wähler sich bewusst für unbegrenzte Migration
entschieden hätten. Offiziell hieß es immer „Kontrolle und Begrenzung“ –
real wurde der „Wasserhahn“ voll aufgedreht. Diese Eliten – politische,
wirtschaftliche, mediale, akademische – sind post-national geprägt. Für
sie sind Nation und Grenzen Anachronismen, und Fortschritt bedeutet,
alle Barrieren für den Fluss von Menschen, Kapital und Ideen abzubauen.
/Und der Vertrauensverlust?/
Vertrauen ist das soziale Kapital einer Gesellschaft. Über Jahrzehnte
wurde es systematisch abgebaut – in Politik, Medien, Polizei, Justiz,
sogar in Kirche und Medizin. Heute genießen Politiker als Gruppe in
vielen Ländern Vertrauen nur noch im einstelligen Prozentbereich. Doch
ohne Vertrauen sinkt die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen.
Gesellschaften können so „sozial bankrott“ gehen – genau wie Unternehmen
finanziell bankrottgehen können.
/Welchen Anteil haben ökonomische Entwicklungen?/
Sehr hohen. Wohlstand, gute Regierungsführung und eine einigermaßen
geeinte Elite waren historisch die besten Schutzschilde gegen
Bürgerkriege. Doch diese drei Pfeiler sind in der westlichen Welt
angeschlagen: Produktivität und Innovation stagnieren seit Jahrzehnten,
Bürokratie lähmt den gesamten Apparat. Gleichzeitig wächst die
Verschuldung explosionsartig. Deutschland etwa war einst Musterbeispiel
für Haushaltsdisziplin, heute werden in kurzer Zeit Hunderte Milliarden
bis Billionen Euro aufgenommen. Energie- und Industriepolitik zerstören
die Wettbewerbsfähigkeit – in Deutschland greift man nicht mehr auf
russische Energiequellen zurück, während man zentrale Exportmärkte wie
China verliert. Hinzu kommt: Junge Menschen sind in Sachen Einkommen,
beim Wohneigentum, der Familiengründung und Altersvorsorge deutlich
schlechter gestellt als ihre Eltern, teils sinkt sogar die
Lebenserwartung. Das durchbricht das tief verankerte westliche
Versprechen, dass es den Kindern materiell besser gehen wird.
/Welche gesellschaftlichen Ursachen sehen Sie?/
Multikulturalismus und Identitätspolitik haben die gemeinsame Basis
zerstört, die eine Demokratie braucht. Früher gab es ein stabiles Wir –
heute dominiert ein „Wir gegen die Anderen“-Muster. Verstärkt wird das
durch soziale Medien, die isolieren und polarisieren. In Großstädten
zeigen sich schon Symptome sogenannter wilder Städte (/feral cities/):
verfallende Infrastruktur, Gebiete ohne effektive Polizeipräsenz oder
nur „verhandelte“ Polizeizugriffe, wachsende private Sicherheitsdienste,
Mauern und Gitter vor Häusern. Solche Entwicklungen treiben eine
ethnisch geprägte Abwanderung – wer kann, zieht dorthin, wo er „seine
Leute“ sieht.
/Und wer stünde sich in einem möglichen Bürgerkrieg gegenüber?/
Zwei Hauptachsen: Erstens Nationalisten gegen Post-Nationale – im Kern
eine Revolte der „Regierten“ gegen Eliten, die die Spielregeln zu ihrem
Nachteil ändern. Zweitens Einheimische gegen Neuankömmlinge. Der erste
Konflikt könnte wie ein lateinamerikanischer „schmutziger Krieg“
aussehen – gezielte Mordanschläge auf Mitglieder der Eliten und
Gegenschläge staatlicher oder privater Sicherheitskräfte. Denken Sie an
Hubschrauberflüge aufs offene Meer ohne Rückkehr für manche Passagiere.
Der zweite wäre großflächiger, mit urbaner Gewalt, wie wir sie in
Ansätzen schon kennen.
*„Etablierte Forschung“
*/Wer würde am Ende gewinnen?/
Langfristig wird sich die nationale Idee behaupten, weil
Post-Nationalismus weder ökonomisch noch sozial tragfähig ist. Aber der
Preis wäre enorm: unzählige Tote, zerstörte Infrastruktur,
jahrzehntelanger Wiederaufbau. Man kann es mit dem Zerfall der
Sowjetunion vergleichen – nur wahrscheinlich mit mehr Gewalt.
/Sie sprechen in Ihren Aufsätzen von plötzlichen Kipppunkten./
Ja. In Bosnien hielten 1990 noch 90 Prozent der Menschen ihre
Beziehungen zu anderen Ethnien für gut. Zwei Jahre später war
Jugoslawien zerbrochen und es folgten Massaker, Folter, Vertreibungen.
Die trügerische Ruhe kurz vor dem Sturm nennt man Normalitätsbias – man
denkt, weil heute noch alles funktioniert, wird es morgen auch so sein.
/Manche sagen, solche Warnungen kämen vor allem von rechts./
Das ist zu kurz gegriffen. Auch linke Theoretiker wie in der
französischen Schrift „Der kommende Aufstand“ (/L'Insurrection qui
vient/) entwerfen Szenarien, wie man durch Angriffe auf urbane
Infrastruktur Chaos auslöst, um politische Macht zu ergreifen. Migration
als Auslöser von Konflikten betrifft Arbeiterviertel genauso wie
konservative Milieus. Und wenn Eliten versuchen, diese Spannungen zu
ignorieren, wächst die Bereitschaft zu Gewalt auf allen Seiten.
/Sie sind einer der wenigen Forscher, die eine Gefahr von Bürgerkriegen
hier in Westeuropa offen thematisieren. Warum tun Ihre Kollegen das nicht?/
Meine Thesen stützen sich auf etablierte Forschung – Barbara Walter,
Robert Putnam, Monica Duffy Toft. Die Annahme, der Westen sei „immun“
gegen Bürgerkrieg, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Viele
Fachkollegen sehen ähnliche Risiken, äußern sich aber nur hinter
verschlossenen Türen.
/Wie hoch ist das Risiko konkret?/
Wenn ich mein Bauchgefühl sprechen lasse: hoch, wahrscheinlich innerhalb
der nächsten fünf Jahre. Das hat damit zu tun, dass ich keinerlei
politische Anzeichen für eine ernsthafte Problemlösung sehe – weder
Führungspersönlichkeiten mit dem Willen noch mit der Fähigkeit, den Kurs
zu ändern. Wenn wir es statistisch betrachten, stütze ich mich auf die
Arbeit der Politikwissenschaftlerin Barbara Walter. Sie hat auf Basis
weltweiter Daten errechnet, dass in einem Land, in dem die strukturellen
Bedingungen für einen Bürgerkrieg erfüllt sind, die jährliche
Eintrittswahrscheinlichkeit bei etwa 4 Prozent liegt. Rechnet man das
auf fünf Jahre hoch, ergibt sich eine kumulative Wahrscheinlichkeit von
rund 18,5 Prozent. Das heißt: Selbst wenn es im ersten Jahr nicht
passiert, bleibt das Risiko in jedem Folgejahr bestehen und summiert sich.
Dazu kommt ein weiterer Faktor aus der Bürgerkriegsliteratur:
Bürgerkriege „springen“ oft auf Nachbarländer über. Bricht ein solcher
Konflikt in einem europäischen Land aus – nehmen wir Frankreich als
Beispiel –, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Unruhen
auf Nachbarstaaten übertragen. Walter gibt dafür keine feste
Prozentzahl, aber wenn man konservativ 50 Prozent annimmt und diese
Kettenreaktion auf eine Gruppe von zehn Ländern mit denselben
Risikofaktoren überträgt, steigt die Fünfjahreswahrscheinlichkeit im
europäischen Kontext leicht auf 60 Prozent oder mehr.
/Bereiten Sie persönlich sich auf ein Bürgerkriegsszenario vor?/
Ich bin kein Prepper, habe keine Waffen und baue keine Festung. Meine
Aufgabe ist es, die Lage zu verstehen und öffentlich darüber zu
sprechen. Wer sich praktisch vorbereiten will, findet bei
spezialisierten Organisationen viele Hinweise. Meine Hoffnung ist, dass
durch Aufklärung genug Menschen und Ideen zusammenkommen, um vielleicht
doch einen friedlicheren Weg zu finden – auch wenn ich da nicht
übermäßig optimistisch bin.
/Vielen Dank für das Gespräch./
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
unser weiterer Kommentar: Zitat: Und wenn Eliten versuchen, diese Spannungen zu
ignorieren, wächst die Bereitschaft zu Gewalt auf allen Seiten. Zitatende
Und wenn Teile der Eliten diesen Zustand zum Zwecke der eigenen Besitzstandswahrung herbeiführen, missachten diese ihren selbstgewählten gesellschaftlichen Auftrag, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.





















