nachdenkseiten.de, 06. September 2025 um 12:00 Ein Artikel von Nel Bonilla (Teil I von IV)
Von dem Schweigen zur Sabotage der Nord-Stream-Pipelines bis zur wirtschaftlich und politisch ruinösen NATO-Aufrüstung: Viele Menschen in Deutschland fragen sich, warum unsere „Eliten“ in Medien und Politik so häufig die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA über die der eigenen Bevölkerung zu stellen scheinen. Unsere neue Gastautorin Nel Bonilla analysiert in einer Reihe von vier Artikeln die verborgene Architektur der transatlantischen Hegemonie und die Netzwerke hinter dem transatlantischen Wahnsinn.
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Der Wahnsinn und seine Methode – Wie Netzwerke und Elitenintegration Europas Kurs bestimmen.
Woodrow Wilsons Außenminister Robert Lansing diktierte 1924 das Memo über die „ehrgeizigen jungen Mexikaner“. Die Formel dahinter ist schlicht: „Öffnet unsere Universitäten für ihre Elite, prägt sie mit amerikanischen Werten – und sie werden Mexiko künftig in unserem Sinne regieren: besser, billiger und ohne einen einzigen US-Marinesoldaten.“ Diese Methode wirkt heute bedrückend vertraut.
Hundert Jahre nachdem Lansing diesen Entwurf formuliert hatte, ist Deutschland zum Paradebeispiel dieser Methode geworden. Als das Kabinett von Olaf Scholz sehenden Auges die Zerstörung von Nord Stream 2 zuließ, ein Akt wirtschaftlicher Selbstsabotage ohne jeden plausiblen strategischen Nutzen für Deutschland, und Friedrich Merz, inzwischen Bundeskanzler, versprach, die Pipeline nie wieder zu nutzen, verrieten sie ihr eigenes Land. Zugleich erfüllten sie damit ein biografisches Schicksal – ein Schicksal, das aus ihren engen Horizonten geschmiedet wurde. Diese Horizonte hatten sich in den Elite-Universitäten der USA, in Pentagon-Workshops und in den mit Samt ausgekleideten Kammern der Atlantik-Brücke verfestigt.
Dies ist die Geschichte einer Elitengruppe, die darauf trainiert wurde, den Atlantizismus, also die feste Ausrichtung an den USA und der NATO, als Synonym für die ‚westliche Zivilisation‘ selbst zu betrachten. Die Rechnung dafür zahlen alle anderen: mit zusammenbrechender Industrieproduktion, Energiearmut und dem Gespenst der Wehrpflicht.
Einleitung: Der Wahnsinn und seine Methode
Deutschland, einst ein Exportgigant, der seine wirtschaftliche Souveränität streng hütete, opfert heute seine Energieinfrastruktur, finanziert Langstreckenraketen (einschließlich der gemeinsamen Produktion solcher Waffen mit der Ukraine) und erhebt die „Kriegstüchtigkeit“ wieder zur Tugend. Gleichzeitig werden Mobilisierungspläne für einen NATO-Russland-Konflikt durchgespielt, der – wie es der Operationsplan Deutschland vorsieht – in erster Linie deutschen Boden verwüsten würde. Dies ist eine strategische Neuausrichtung auf tieferer Ebene, das Ergebnis einer ideologischen Automatisierung – also eines Denkens, das wie automatisch in vorgegebenen ideologischen Bahnen verläuft. Wie sonst ließe sich die anhaltende Kluft zwischen öffentlicher Meinung und den Entscheidungen der Elite erklären?
Eine Umfrage aus dem Jahr 2024 zeigt: 60 Prozent der Deutschen lehnen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Doch Lars Klingbeil, SPD-Vorsitzender, Vizekanzler und Finanzminister, erklärte in einem Interview, die Bundeswehr müsse attraktiver werden, wenn Deutschland „kriegstüchtig“ sein solle, zum Beispiel durch die Möglichkeit, den Führerschein kostenlos beim Bund zu erwerben. Zugleich hält die Koalition an ihrer sogenannten „strategischen Ambiguität“ fest – also einer bewusst vagen und widersprüchlichen Haltung, die Spielräume für Aufrüstung offenlässt.
Dies sind die Symptome eines befremdlichen Musters, das sich in Berlin abzeichnet. Eine Nation, die sich einst aus den Trümmern von Krieg und Teilung wiederaufgebaut hat, marschiert nun bereitwillig in die Konfrontation mit einem atomar bewaffneten Nachbarn. Doch dieses Muster folgt einer Methode.
Man denke nur an die jüngste Erklärung von NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf dem Gipfeltreffen 2025:
„Die NATO ist das mächtigste Verteidigungsbündnis der Weltgeschichte – mächtiger als das Römische Reich, mächtiger als das napoleonische Reich … Wir müssen die Vorherrschaft Russlands verhindern, weil wir unsere Lebensweise schätzen.“
Die historische Unkenntnis – oder bewusste Verdrehung, je nachdem, wie man Ruttes Aussagen interpretiert – ist frappierend. Napoleon rechtfertigte, ähnlich wie die NATO heute, seine Vorherrschaft über den Kontinent als „Befreiung“. Sein Russlandfeldzug, der katastrophal scheiterte, wurde damals als Präventivschlag gegen die angeblich „aggressive“ Expansion des Zarenreichs dargestellt. Die Parallelen liegen auf der Hand.
Der Historiker Jeff Rich, der die Sabotagekampagnen der NATO im Rahmen der „Operation Spiderweb“ in Russland analysierte, stellte fest:
„Die NATO ist die Machtbasis für Eliten, die im Gleichschritt mit der geopolitischen Projektion der USA (also der Ausdehnung und Durchsetzung ihrer Machtinteressen) handeln. Wenn Rutte die NATO mit Napoleon vergleicht, vergisst er, dass Russland Europa letztlich von diesem Imperium befreit hat. Vielleicht wird Russland Europa nach diesem Krieg von den Vereinigten Staaten befreien.“
Was ich damit sagen will: Es handelt sich hier nicht um eine Verschwörung. Es geht um institutionalisierte Hegemonie, die durch das wirkt, was Antonio Gramsci als „kulturelle Führung“ (also die Fähigkeit einer herrschenden Klasse, ihre Werte und Weltbilder zur gesellschaftlichen Norm zu machen) bezeichnet hat. Doch während Gramsci noch nationale Eliten im Verhältnis zu ihren Mitbürgern analysierte, haben wir es heute mit einer transnationalen Kaste zu tun: mit deutschen Politikern wie Jakob Schrot (dazu gleich mehr), niederländischen Technokraten wie Rutte (der auf dem NATO-Gipfel, bei dem die Fünf-Prozent-Verteidigungsausgaben festgeschrieben wurden, den damaligen US-Präsidenten Trump scherzhaft „Daddy“ nannte) und französischen Eurokraten, deren Biografien, Ausbildung und Karriereanreize nicht auf ihre Bürger ausgerichtet sind, sondern auf die Notwendigkeit, das Projekt der US-amerikanischen Unipolarität am Leben zu erhalten. Das Handeln dieser Eliten auf dem geopolitischen Schachbrett ist nicht einfach irrational; sie sind schlicht einer anderen Bezugsgruppe verpflichtet.
Das Rätsel: Warum setzen europäische Eliten ihr eigenes Haus in Brand?
Wie wir nun sehen, liegt die Antwort nicht in schlichter Korruption oder ideologischem Eifer. Sie ist viel banaler und zugleich viel wirksamer. Die Erklärung liegt in Biografien, Netzwerken und Institutionen. Sie liegt auch in der Hegemonie auf der Ebene der funktionalen Eliten, also den Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft, Medien und Militär, die durch ihre Position das Handeln einer Gesellschaft bestimmen: wenn herrschende Ideen zum „gesunden Menschenverstand“ werden. Und in diesem Fall wird Hegemonie nicht allein durch Gewalt durchgesetzt, sondern durch Bildung, die Rekrutierung von Eliten und durch ritualisierte Wiederholung.
Wissensnetzwerke der Eliten
Der Politikwissenschaftler Inderjeet Parmar bezeichnete diese Strukturen 2019 als die „weiche Maschinerie“ der Elitenwissensnetzwerke: Ströme von Menschen, Geld und Ideen, die einen transatlantischen Konsens von Washington bis Berlin institutionalisieren. Programme wie das Fulbright-Stipendium, der German Marshall Fund, die Atlantik-Brücke, die Münchner Sicherheitskonferenz oder die Bilderberg-Treffen bilden ein prägendes Ökosystem. Sie sortieren, schulen und fördern diejenigen, die das gewünschte Weltbild weitertragen können.
Entscheidend ist, dass diese Netzwerke keine passiven Foren sind. Sie sind die „wesentliche Machttechnologie der amerikanischen Eliten“: ein Modus der Wissensproduktion und Personalauswahl, der sich als spektakulär erfolgreich darin erwiesen hat, weltweit eine pro-amerikanische Weltsicht zu reproduzieren. Die Sozialisierung (oder Prägung) der Eliten ist dabei kein harmloser Prozess. Sie verankert Annahmen, definiert, was politisch überhaupt vorstellbar ist, und lässt Asymmetrien zur Selbstverständlichkeit werden.
Die Weltordnung
Die sogenannte liberale internationale Ordnung, das Nachkriegsmodell unter US-Führung, das die Weltsicht dieser Eliten prägt, ist keineswegs universalistisch, sondern beruht auf einer doppelten Logik. Wie Donald Tusk, der ehemalige Präsident des Europäischen Rates, 2017 während der ersten Trump-Regierung offen einräumte, besteht der eigentliche Zweck des Euro-Atlantizismus darin, eine postwestliche Weltordnung zu verhindern:
„Morgen treffe ich Präsident Trump, und ich werde versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass der Euro-Atlantizismus in erster Linie eine Zusammenarbeit der Freien im Namen der Freiheit ist; dass wir, wenn wir das Szenario verhindern wollen, das unsere Gegner vor nicht allzu langer Zeit in München als ‚postwestliche Weltordnung‘ bezeichnet haben, gemeinsam über unser Erbe der Freiheit wachen müssen.“
Innerhalb dieses Systems ist die Aufnahme selektiv. Japan und Südkorea wurden trotz ihrer Loyalität nie so behandelt wie Westeuropa. Und aufstrebende Mächte werden entweder gefügig gemacht, zur Anpassung gedrängt oder als Bedrohung eingedämmt. Diese Logik ist grundlegend: Wenn die Einbindung scheitert, muss die Eindämmung folgen.
Doch Eindämmung beginnt im Kopf, nicht mit Raketen. Die ideologische Assimilation ausländischer Eliten ist die erste Verteidigungslinie des Imperiums. Die Aufrechterhaltung der Hegemonie beruht daher weniger auf Zwang als auf sanfter Einbindung. Wissensnetzwerke der Eliten, eingebettet in Universitätsprogramme, philanthropische Stiftungen und Denkfabriken, fungieren als Träger dieser „Soft Power“. Sie prägen, rekrutieren und beglaubigen die nächste Generation von Führungskräften.
Eliten-Integrationsapparate
Wie Parmar festhält, bestimmen diese Netzwerke, was als „denkbarer Gedanke“ und „stellbare Frage“ gilt. Die Ford– und Rockefeller-Stiftungen, die RAND Corporation, die Brookings Institution, die Carnegie Endowment und das Center for American Progress sind solche Eliten-Integrationsapparate, in denen durch diese Prozesse der Einbindung und Prägung eine bestimmte Art von Wissen zu Macht wird. So wird eine Anstecknadel des Fulbright-Programms oder der Atlantik-Brücke zu einem Allzugangsausweis für Brüssel und Washington – und zum sichersten Weg, wirklich dazuzugehören.
Doch dieses Ökosystem umfasst nicht die ganze Welt. Eine Studie von Eelke Heemskerk und Frank Takes aus dem Jahr 2016, die 400.000 personelle Verflechtungen in Aufsichtsräten kartierte, zeigt: Der dichteste transnationale Elite-Cluster befindet sich nach wie vor auf der nordatlantischen Achse. Die asiatische Wirtschaftselite hingegen bildet eine eigenständige, weit weniger verflochtene Gemeinschaft – strukturell darauf ausgerichtet, eine eigene Machtbasis und vielleicht sogar eine alternative, sinozentrische Form des Kapitalismus aufzubauen, bei der China die zentrale Bezugsgröße bildet. Je stärker sich die asiatischen Netzwerke abschotten, desto größer erscheint, in den Augen der euro-atlantischen Eliten, das Risiko einer echten „postwestlichen Weltordnung“.
Mit anderen Worten: Die westlichen Denkfabriken dienen letztlich dazu, dieser möglichen Abweichung zuvorzukommen und ihre eigene Elitesphäre zu schützen.
Die europäischen Eliten werden nicht nur von den Vereinigten Staaten beeinflusst. Durch dieses System werden sie programmatisch ausgerichtet, beruflich geprägt und ideologisch an die USA gebunden. Natürlich nicht vollständig, als hätten sie keinerlei Eigenständigkeit oder als spiele die nationale Geschichte keine Rolle. Doch jede dieser europäischen Nationen bringt ihre eigenen Besonderheiten ein – und verleiht damit der transatlantischen Weltanschauung, die ihre Politik prägt, eine eigene Färbung.
Das Ergebnis: Die außenpolitischen Ziele der USA werden Berlin nicht einfach von außen aufgezwungen – sie werden von innen heraus ausgesprochen.
Ende Teil 1
Hier geht es weiter zum Teil 2.
Dieser Artikel wurde zuerst im englischen Original auf Nel Bonillas Substack veröffentlicht und von der Autorin selbst ins Deutsche übersetzt.
Titelbild: US-Botschaft Berlin / Ambassador Emerson Gives Atlantik Brücke Farewell Speech
Mehr zum Thema: Wie man die Woken in Militär und NATO lockte … – oder: „Transatlantisch? Traut Euch!“
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unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
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nachdenkseiten.de, 07. September 2025 um 12:00 Ein Artikel von Nel Bonilla (Teil II von IV)
Von dem Schweigen zur Sabotage der Nord-Stream-Pipelines bis zur wirtschaftlich und politisch ruinösen NATO-Aufrüstung: Viele Menschen in Deutschland fragen sich, warum unsere „Eliten“ in Medien und Politik so häufig die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA über die der eigenen Bevölkerung zu stellen scheinen. Unsere neue Gastautorin Nel Bonilla analysiert in einer Reihe von vier Artikeln die verborgene Architektur der transatlantischen Hegemonie und die Netzwerke hinter dem transatlantischen Wahnsinn.
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Hier finden Sie Teil 1.
Die Architektur der Hegemonie: Wie Elitenvereinnahmung funktioniert
Die liberale Ordnung präsentiert sich als universell. Doch wer ihr beitritt, muss ein unausgesprochenes Regelwerk akzeptieren. Wer sich dem verweigert, wird durch eine dauerhafte US-Militärpräsenz eingekesselt und in Schach gehalten. Mit anderen Worten: Der imperiale Kern sichert seine Stellung, indem er fremde Eliten in seine Weltsicht einbindet – nicht nur, indem er sie zwingt. Im Folgenden werfen wir daher einen genaueren Blick auf diese Apparate zur Elitenintegration, insbesondere auf die transatlantischen Verflechtungen Deutschlands und seiner Funktionseliten.
Eine kurze Geschichte der Denkfabriken: Von Chatham House zur DGAP
Die Macht der Denkfabriken begann in London mit dem Royal United Services Institute (1831), das vom Herzog von Wellington als unabhängige Fachinstitution zur Untersuchung militärischer und strategischer Fragen gegründet wurde. Nach 1919 weitete sich dieser Einfluss aus, als Chatham House und die Carnegie Endowment die Debatten der Eliten institutionell verankerten (Roberts 2015). Auf der anderen Seite des Atlantiks verband der Council on Foreign Relations (CFR, 1921) das Kapital der Wall Street mit der akademischen Autorität der Ivy-League-Universitäten, wobei die Ford und Rockefeller Foundation für dauerhafte Finanzierung sorgten. Schließlich war es Unternehmensgeld, das diese Einrichtungen trug. Tatsächlich waren die Gründer oft selbst einflussreiche Eliten, die ihre Politik in den Bereichen Verteidigung und strategisches Denken zunächst innerhalb des Britischen Empires und später mit dem aufstrebenden amerikanischen Hegemonen koordinieren wollten.
Nach 1945 wurde diese Architektur ins zerstörte Europa exportiert. Die privat finanzierte Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP, 1955) übernahm das Vorbild des CFR in Bonn. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP, 1962) war gewissermaßen der regierungsnähere Ableger und lieferte ihre Weißbücher direkt ins Kanzleramt. Wichtig ist jedoch: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die angloamerikanischen Denkfabriken und ihr Personal zum Zentrum der Politikformulierung und langfristigen Planung. Denkfabriken, die sich auf internationale Fragen spezialisierten, galten allgemein als unverzichtbare Ergänzung bei der Gestaltung der Außenpolitik. Sie dienten zugleich als Foren, in denen Politiker und Beamte mit Vertretern aus Wissenschaft, Medien und Wirtschaft sowie mit potenziellen Unterstützern oder künftigen Regierungsmitarbeitern zusammenkommen konnten.
In den 1960er-Jahren stärkten der German Marshall Fund, das Atlantic Institute und die Atlantik-Brücke den sozialen Zusammenhalt der transatlantischen Elite, mit Galadinners, Young-Leader-Treffen und Medienstudienreisen. Gleichzeitig beeinflussten sie die politische Elite Westdeutschlands. Zetsche (2021) zeigt, wie die Brücke und ihre amerikanische Schwesterorganisation, der American Council on Germany (ACG), dafür sorgten, dass Willy Brandts SPD von einer neutralistischen Haltung dazu überging, die NATO nicht aufzugeben, indem sie einflussreiche Parteistrategen in vertraulichen Seminaren gezielt bearbeiteten.
In den 1970er- und 1980er-Jahren spürten US-Denkfabriken bereits einen „amerikanischen Niedergang“ in einer zunehmend globalisierten Welt. In dieser Zeit entstanden neue institutionelle Konkurrenten um Einfluss, darunter Denkfabriken mit meist konservativer Ausrichtung, allen voran das American Enterprise Institute und die Heritage Foundation. (Zur Erinnerung: Die Heritage Foundation hat das Project 2025 finanziert; ein Schlüsseltext für die heutige US-Politik.)
In den 1990er-Jahren unterhielt jede deutsche Parteistiftung ein eigenes „Transatlantik-Referat“. Mitarbeiter der SWP waren auf der Münchner Sicherheitskonferenz präsent; DGAP-Stipendiaten saßen in der Auswahljury des German Marshall Fund; und Redakteure von Der Spiegel und Die Zeit sammelten Anstecknadeln der Atlantik-Brücke. Das Netzwerk entwickelte sich zu einer geschlossenen Karrierepipeline: vom Universitätsseminar über die Parteizentrale bis in die Vorstandsetagen und zu NATO-Sitzungen außerhalb des Hauptquartiers. Letztlich gilt: Sobald die Anerkennung durch die USA zum Maßstab für berufliches Ansehen wird, kommt Abweichung einem Akt der Selbstschädigung gleich.
Warum die Geschichte der Denkfabriken heute wichtig ist
Diese Architektur normalisiert Entscheidungen, die auf den ersten Blick selbstmörderisch wirken. Die Stilllegung des billigen russischen Pipeline-Gases ist für BASF schmerzhaft, doch sie erhält das symbolische Kapital all jener, die ein Atlantik-Stipendium vorweisen können. Dieser interne Anreiz wiegt oft schwerer als die nüchterne nationale Bilanzlogik.
Mehr noch: Denkfabriken repräsentieren die Kräfte, die die globale politische Ökonomie antreiben, zumindest in ihrer westlichen Ausprägung. Dennoch neigt die geopolitische Analyse bis heute dazu, einseitig auf Nationalstaaten und deren politische Akteure fixiert zu bleiben. Oft sind es jedoch gerade solche privat finanzierten und beeinflussten Steuerungsnetzwerke, die die Lücke zwischen Nationalstaat und globalen Märkten füllen (Heemskerk & Takes 2016).
Denkfabriken als Motor der Drehtür
Die Karte der Institutionen, die wir bisher skizziert haben, wäre bedeutungslos ohne einen zirkulierenden Kader von Fachleuten, die mühelos zwischen Stiftungsbüros, Fernsehstudios und Regierungsämtern hin und her wechseln. Genährt durch Unternehmensspenden und philanthropische Zuschüsse, fungieren US-amerikanische und europäische Denkfabriken sowohl als Ideenschmieden wie auch als Talentschmieden: Sie legen das Paradigma im Voraus fest und entsenden anschließend ihr eigenes Personal in die Ministerien, die es in die Praxis umsetzen.
Die Politökonomen Nano de Graaff und Bastiaan van Apeldoorn (2021) bezeichnen dies als „Policy-Planning-Netzwerk“, ein Geflecht, das Finanzmittel aus den Fortune-500-Konzernen, ehemalige Kongressabgeordnete und Ivy-League-Abschlüsse zu einer einzigen Karriereleiter verbindet:
- Konsens-Workshops – Rundtischgespräche in Denkfabriken ermöglichen es Eliten, ihre Positionen hinter verschlossenen Türen abzugleichen, bevor sie in der Öffentlichkeit als „überparteiliches Fachwissen“ präsentiert werden.
- Rekrutierungspool – Dieselben Institute helfen Präsidenten und Kabinettsmitgliedern bei der Besetzung von Posten in der Exekutive (McGann, 2007).
- Drehtür-Einfluss – Wie Joseph Nye (US-Politikwissenschaftler, bekannt für das Konzept der „Soft Power“) es formuliert: Der mächtigste Einfluss entsteht dann, wenn man „selbst die Hand am Hebel hat“, nachdem man den Bericht mitverfasst hat (Conversations with History, 1998).
Zusammengenommen fungieren diese Knotenpunkte wie eine transatlantische Personalabteilung für die bestehende Ordnung – und bereiten Nachfolger vor, die das Banner weitertragen werden.
Elitenvereinnahmung auf biografischer Ebene
Die Maschinerie der Elitenvereinnahmung funktioniert sowohl auf der Ebene sozialer Gruppen als auch auf der individuellen Biografie. Und sie ist zugleich einfach und wirksam: eine einzige Prestige-Pipeline, die sich durch das gesamte Leben und die gesamte Karriere zieht – vom Fulbright-Stipendium über ein Stipendium des German Marshall Fund bis hin zur Mitgliedschaft bei der Atlantik-Brücke oder in Denkfabriken. Eine solche Karriereleiter hat das symbolische Kapital monopolisiert, das für den Aufstieg in die außenpolitische Elite Berlins notwendig ist. Die erste Kohorte trat in den 1960er-Jahren in dieses System ein, doch erst nach der Wiedervereinigung erreichte es die vollständige Selbstreplikation.
Heute können viele Mitglieder von Merz’ Kabinett US-staatlich finanzierte Stipendien, Botschaftspraktika, Atlantik-Brücke-Mitgliedschaften oder ähnliche transatlantische Verbindungen vorweisen; einige sitzen sogar in den Vorständen Washington-naher Institutionen wie dem Atlantic Council.
Die Bourdieu-Falle
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinem theoretischen Rahmen gezeigt, wie sich die vorgezeichneten Lebenswege dieser Eliten selbst perpetuieren; eine Dynamik, die man als „Bourdieu-Falle“ bezeichnen kann:
Wenn ein Karriereweg dominiert (etwa die US-Stipendienleiter), verkümmert das Vorstellungsvermögen des Feldes darüber, was überhaupt möglich ist, sei es an Handlungen oder an politischen Optionen. Verkörpertes kulturelles Kapital (fließendes ‚Washington-Englisch‘ und ein Ausweis der Georgetown-Universität, gut sichtbar am Schlüsselband) verwandelt sich in soziales Kapital (Alumni-Netzwerke), das sich wiederum als symbolisches Kapital (mediale Legitimität) verfestigt.
Abweichende Meinungen werden nicht diskutiert. Sie werden unsichtbar gemacht und nur dann aktiv ausgeschlossen, wenn sie zu sichtbar und zu laut werden. Ein solches hegemoniales System, das im kleineren Maßstab unter politischen Eliten wirkt, funktioniert wie ein theologisches Seminar: Abweichung gilt dort als Ketzerei, und Konformität führt zur Heiligsprechung.
Die Vereinnahmung im Jugendalter
Was ist das heimtückischste Merkmal dieser Eliten-Prägungsmaschine? Es ist die Frage der Zeit. Der ideale Weg beginnt bereits in der Jugend, in den prägenden Jahren, in denen sich politische Weltanschauungen verfestigen. Programme wie etwa:
richten sich an Jugendliche ab 16 Jahren und tauchen sie ein in NATO-Simulationsspiele („Model NATO“) und „Führungstrainings“ der US-Botschaft.
Wenn diese Jugendlichen an die Universität kommen, ist ihr Horizont bereits eingeengt. Ein 19-Jähriger, der von einem vom US-Außenministerium finanzierten Sommerprogramm an der American University zurückkehrt, bringt (hoffentlich) fließende Englischkenntnisse mit. Vor allem aber verinnerlicht er eine Hierarchie der Legitimität: Was Washington priorisiert, gilt als neutral, universell und gesunder Menschenverstand. Alternative Denkweisen in der Außenpolitik, wie Blockfreiheit, Entspannungspolitik oder eurasischer Handel, werden als extremistisch oder naiv ausgefiltert.
Dies ist ideologische Prägung, also die psychologische Verankerung hegemonialer Denkmuster, auf individueller Ebene. Das Ergebnis ist eine Generation politischer Eliten, deren Biografien sich wie Ausbildungshandbücher des US-Außenministeriums lesen. Die Tragik besteht darin, dass diese in diesem System geprägten Eliten, sobald sie Machtpositionen in Politik, Medien oder Unternehmen erreichen, ihre Anpassung als selbstverständlich empfinden. Sie dienen den amerikanischen Interessen nicht, weil sie dazu gezwungen werden, sondern weil sie sich keine andere Möglichkeit vorstellen können.
Die abstrakten Modelle, die ich hier vorgestellt habe, werden deutlicher, wenn wir den Blick auf einen einzelnen nationalen Knotenpunkt richten. Die deutsche Atlantik-Brücke ist ein Musterbeispiel dafür. Hierzu mehr in Teil 3 dieser Serie.
Ende Teil 2
Dieser Artikel wurde zuerst im englischen Original auf Nel Bonillas Substack veröffentlicht und von der Autorin selbst ins Deutsche übersetzt.
Titelbild: US-Botschaft Berlin / Ambassador Emerson Gives Atlantik Brücke Farewell Speech
Mehr zum Thema: Wie man die Woken in Militär und NATO lockte … – oder: „Transatlantisch? Traut Euch!“
Integrity Initiative – NATO-Propaganda auch in Deutschland
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„Bei einem Auto- und Bombenanschlag in Ürümqi sterben Dutzende Menschen.“ (Schlagzeile Associated Press)




Quelle: Sputnik © Wladimir Smir
Quelle: Sputnik © Maria Dewa


















