Was gesagt werden muss (II von III)
Auf Faz.net schrieb der Schriftsteller Clemens J. Setz: „Schade, dass das ein bedeutender Schriftsteller wie Günter Grass gesagt hat, und nicht ein Blogger von Youtube. Den könnte man einfach ignorieren. Denn nichts anderes hätte eine derartige Aussage verdient.“[76]
Der Dramatiker Rolf Hochhuth attackierte Grass u. a. mit den Worten: „Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen.“[77] Am 6. Mai verließ Hochhuth die Berliner Akademie der Künste unter Protest wegen einer Diskussion über das Grass-Gedicht in der Vollversammlung. „Ich weigere mich, zwischen Antisemiten zu sitzen,“ überschrieb er seine Begründung. Der Text, so Hochhuth, hätte auch im Stürmer stehen können. Er habe diese Diskussion verhindern wollen, weil er befürchtete, dass sie „einseitig zugunsten des Iran und der Palästinenser auf Kosten Israels“ verlaufen werde. Hochhuth war 2005, wie Faz.net in diesem Zusammenhang berichtete, selbst des Antisemitismus bezichtigt worden, als er für den Holocaustleugner David Irving eintrat. Später entschuldigte er sich für seinen Artikel in der rechtskonservativen Jungen Freiheit. Klaus Staeck bedauerte den Austritt, wies aber den Vorwurf des Antisemitismus nachdrücklich zurück.[78][79] Kurz darauf entschuldigte sich Hochhuth bei jenen seiner jahrzehntelangen Kollegen, die keine Antisemiten seien.[80]
Als „stümperhafte Prosa“ bezeichnete der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann den Text und warf Grass einen „künstlichen Tabubruch“ vor. Jedoch verteidige er ihn „schweren Herzens im Namen der Meinungsfreiheit“. Sympathiebekundungen durch deutsche Neonazis sowie durch „die iranische Propagandamaschine“ machten aus Grass „noch keinen Nazi“ und „keine Moslemkarikatur“. Zum allgemeinen Medienecho sagte er: „Nun werden alle über ihn herfallen, die Journalisten, weil sie Auflage schinden müssen, die Politiker, weil sie wiedergewählt werden wollen, seine Kollegen aus echtem Neid und echter Empörung.“[81]
Den Vorwurf des Antisemitismus gegen Grass hielt der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg für „so absurd unbillig und unverhältnismässig, dass man über die fast geschlossene Front gegen den Autor nur staunen kann“. Zudem fragte er, warum sich die deutschsprachige Reaktion vor der Frage drücke, ob sich Grass’ Kritik erledigt habe, und womit dieser Autor verwirkt habe, „sich weltbürgerlich zu äussern“.[82]
Sowohl inhaltlich als auch formal kritisierte der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib das Gedicht. Es sei das alte Muster: Für die eigenen Machtphantasien, Verdrängungen und neurotischen Ängste müssten die Juden herhalten. Er stellte gleichzeitig zugespitzt die Reaktion der israelischen Regierung infrage. Sie entkräfte ein positives Klischee, „nämlich jenes, dass die Juden humorvolle und selbstironische Menschen wären.“ Klüger wäre es gewesen, so schreibt er, Grass zu einer Lesereise nach Israel einzuladen, sodass er seine Auffassungen hätte vor einem israelischen Publikum vertreten müssen. „«Israelkritiker» Grass auf Einladung der israelischen Regierung in Jerusalem als Gastredner – das wäre mutig, das wäre originell, das wäre witzig!“[83]
Der Schriftsteller Durs Grünbein verwarf das Gedicht als ein „Pamphlet“. Das Argumentationsmuster erinnere von fern an die dialektischen Gedankenspiele des Marxisten Brecht, nur verfehle es gerade dessen Pointe des listigen Sowohl-als-auch. Israel erscheine darin als der hässliche Atomwaffenstaat, der in der Region immer nur Unfrieden säe. Er sprach von einer „heimlichen Stimmung“ im Land und monierte Grass’ „derbe Manier“. „Es ist bei ihm stets eine gewisse Gefühlsblindheit im Spiel.“ Man müsse davon ausgehen, dass er der historischen Existenzangst der Juden tatsächlich nie auf den Grund gegangen sei. Nur so lasse sich das völlige Ausblenden der israelischen Gründungsproblematik, die staatgewordene Überlebensstrategie einer durch die ganze Welt vertriebenen Religionsgemeinschaft, die nur dank ihrer Wehrhaftigkeit überhaupt noch existiere, erklären.[84]
Der israelische Schriftsteller, Maler und Journalist Yoram Kaniuk lehnte in der Welt das Einreiseverbot als „staatliche Behinderung des freien Worts eines Schriftstellers“ ab. Der Antisemitismus-Vorwurf gegenüber Grass sei überzogen. „Zumindest ist er nicht antisemitischer als allgemein üblich, wenn er, wie so häufig, an allem den Juden die Schuld gibt.“ Ahmadinedschad erwähne Grass nur indirekt. Niemand in Israel spreche „von der Auslöschung des Iran oder 75 Millionen Iranern“. Er hätte erwartet, dass Grass seine SS-Vergangenheit literarisch aufarbeite. Kaniuk schloss mit den Worten: „Ich kann es nicht mehr hören: Erst immer der obligatorische Satz, wie sehr sie für uns sind, bevor sie dann erklären, warum sie sich gegen uns wenden - immer wenn wirklich unsere Existenz bedroht ist. Es lebt sich einfach schwer mit dem Holocaust.“[85]
Uri Avnery, israelischer Journalist und Schriftsteller, widersprach der Auffassung, das Grass-Gedicht sei antisemitisch, und wies sie als „Unsinn“ zurück. „Jede Einstellung, die besagt, dass Israel eine Art Sonderbehandlung haben muss, ist antisemitisch.“ Auch den Vorwurf, Grass habe nicht nur die israelische Regierung kritisieren wollen, wies er zurück. „Wenn Israel Atombomben produziert oder Iran angreift, dann ist das eine Entscheidung der Regierung.“ Die „Ayatollahs“, die im Iran die Politik bestimmten, seien „sehr vorsichtige und oft vernünftige Menschen“. Er hielt Grass’ Aussage, Israel sei eine Gefahr für den Weltfrieden, für „weit übertrieben“. Grass neige zu Übertreibungen. Israel werde Iran nicht angreifen. Mit scharfen Worten kritisierte er das Einreiseverbot. In Deutschland und Israel gebe es einen Wettbewerb, wer Grass „mehr beschimpfen“ könne und „extremere Ausdrücke“ finde. Es sei antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden dürfe.[86][87]
Der US-amerikanische Schriftsteller Dave Eggers, der 2012 den Albatros-Literaturpreis der Günter-Grass-Stiftung erhielt, nahm angesichts der Kontroversen um das Gedicht nicht an der Übergabezeremonie teil. Wie sein Verlag wissen ließ, wäre er sonst „dazu genötigt worden (...), endlose und nutzlose Kommentare über Grass, Israel und Iran abzugeben“, anstatt über sein eigenes Buch sprechen zu können.[88]
In einem Brief an das internationale PEN-Zentrum verlangten der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller und der israelische PEN-Club, „diese bösartige Verzerrung von Fakten (durch das Gedicht) zu verurteilen“. Israel als Bedrohung für den Weltfrieden zu bezeichnen, sei ein Missbrauch von Literatur. Grass habe nie die Holocaust-Leugnung Ahmadinedschads und dessen Aufrufe zur Zerstörung Israels missbilligt, sondern führe einen „Kreuzzug gegen den Staat Israel“.[89] Die deutsche Sektion des PEN beschloss am 12. Mai 2012 mit Verweis auf die Meinungsfreiheit, dass Grass Ehrenpräsident der Schriftstellervereinigung bleibt.[90]
Als Freund von Günter Grass wies Jürgen Flimm, damals Intendant der Berliner Staatsoper, auf den schlechten Gesundheitszustand des Schriftstellers hin. Man sollte „etwas sorgsamer“ mit ihm umgehen, weniger hysterisch reagieren und genauer lesen: „«Was noch gesagt werden muss»“ und „«letzte Tinte»“.[91]
2019 stellte Christian Buckard in der Jüdischen Allgemeinen anlässlich einer Rezension eines Buches von Volker Weidermann über das Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki fest, dass Reich-Ranickis Verriss des Grass-Romans Ein weites Feld, der 17 Jahre vor Was gesagt werden muss stattgefunden hatte, die Überschrift „... und es muss gesagt werden“ trug. Der Verdacht liege nahe, dass Grass in seinem Gedicht „hier zwar Israel angriff, doch in erster Linie Reich-Ranicki meinte. Vielleicht, weil er dessen Beachtung brauchte – unbedingt, um jeden Preis“.[92]
Rezeption durch Historiker, Literatur-, Sozial-, Politik- und Rechtswissenschaftler
Der israelische Historiker Tom Segev kritisierte die Gleichsetzung Israels mit dem Iran und stufte das Gedicht zudem als „auch ein bisschen egozentrisch“ ein, sagte jedoch, Grass sei „kein Antisemit, er ist nicht antiisraelisch. Er kritisierte die Politik der israelischen Regierung.“ In keinem anderen Land werde die israelische Regierung heftiger kritisiert als von Israelis selber, „und die sind auch nicht antisemitisch und sind auch nicht antiisraelisch. Im Gegenteil ist es oft so, dass Kritik an Israel ein Zeichen von Freundschaft und Unterstützung sein kann.“[93] Gegenüber Spiegel online bezog er den Begriff „Schweigen“ in dem Gedicht auf Grass’ Schweigen hinsichtlich seiner kurzzeitigen Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Ein Schweigen über Israels Nuklearpolitik gebe es nicht. Die ganze Welt diskutiere darüber, auch Israel.[94]
Für den Historiker Michael Wolffsohn ist das Gedicht ein in Scheinlyrik gepresstes antisemitisches Pamphlet, das in der National-Zeitung gut platziert gewesen wäre. Es enthalte „ziemlich jedes antisemitische Klischee […], das man aus der rechtsextremen Ecke“ kenne. Grass wisse zudem nichts von den tatsächlichen politisch-strategischen Hintergründen. So seien die U-Boote allenfalls Waffen für den Zweitschlag und könnten eine durch einen Atomschlag getroffene Nation in die Lage versetzen, auf einen Angriff zu reagieren. Aus der Geschichte hätten die Juden gelernt, dass Drohungen – wie jetzt aus dem Iran – „mehr als Spinnereien“ seien. Es stehe zudem in einer üblen Tradition, das Gedicht kurz vor dem Pessach-Fest erscheinen zu lassen, da dies seit jeher eine Zeit der Pogrome gewesen sei, in der Ritualmordlegenden verbreitet wurden. Grass’ Behauptung, er sei „ein Freund des jüdischen Volkes“, stuft Wolffsohn als selbstgestrickte Legende ein. Er sei schon während seines ersten Israel-Besuchs 1971 aufgetreten „wie der Elefant im Porzellanladen“ und habe seine israelischen Zuhörer historisch und moralisch belehren wollen.[95]
Anders reagierte der israelische Historiker Moshe Zuckermann. Er unterstützte Grass’ Thesen zum großen Teil, sprach von einem „medialen Amoklauf“, von einem tatsächlichen „Tabu“ in Deutschland und schrieb: „Man mag vieles an Grass aussetzen, nicht zuletzt auch eine Selbstgefälligkeit, die nicht davor zurückschreckt, von „letzter Tinte“ zu reden. Aber ein Antisemit ist er nicht – es sei denn in den Augen der Broders, Graumanns, Giordanos und Wolffsohns, denen das Wohl Israels so am Herzen liegt, dass sie Israel – aus angemessener Entfernung! – emphatisch „in Schutz“ nehmen, um sich für sein Wohl umso effektiver blind machen zu können.“[96] Die inflationäre Verwendung des Begriffs Antisemitismus habe zu dessen Banalisierung beigetragen.[97]
Als „Hassgesang“ klassifizierte der Schweizer Historiker und Leiter des Fritz Bauer- sowie des Leo-Baeck-Instituts in London Raphael Gross das Gedicht. In der Berliner Zeitung ging er der „schwierigen“ Frage nach, ob Grass Antisemit sei. Der offen artikulierte Antisemitismus des 19. Jahrhunderts sei nach dem Holocaust kaum noch vorhanden, sondern ein „Fortwirken von NS-Mentalität“ oder „NS-Moral“, die tiefer in das Denken und Handeln von Personen verankert sei als tagespolitische Überzeugungen. „Diese schreckliche Mentalität (…), diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933–1945 erwachsene „Moral der Volksgemeinschaft“ – ist es, deren Echo wir (…) gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören.“ Subjektiv werde dieses Fortwirken, insbesondere des Antisemitismus, wohl meist nicht gesehen. Die Forschung dazu stehe erst am Anfang.[98]
Den Politologen Werner Patzelt überraschte die Intensität des von ihm erwarteten Aufschreis. Er sprach im Deutschlandfunk von dem „bundesdeutschen Entrüstungritual“. Grass habe als Linker bisher „Tabus politischer Korrektheit“ selbst durchgesetzt. Es habe „etwas Putziges an sich, wenn Grass ausgerechnet jetzt, wo sich diese Tabufront gegen ihn wendet, zum ersten Mal entdeckt, dass es in Deutschland mit dem Pluralismus bei manchen Themen nicht so weit her ist, wie manche es unterstellen“. Sein Vorwurf einer „gleichgeschalteten Presse“ gehe zu weit, wie auch der, er würde antisemitische Stereotype bedienen. Beiderseits reagiere man überdreht mit überzogener Sprache. Einerseits warnte Patzelt, sich auf Broder berufend, vor einem „linken Antisemitismus“, den man in Grass’ Gedicht hineinlesen könne, andererseits schloss er mit der Aufforderung, man müsse nicht so streng mit ihm (einem psychisch so differenzierten Mann) sein.[99]
In einem Essay schrieb der US-amerikanische Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen über Grass’ „politisches Flugblatt“, er kaue „nicht anders als jene am Stammtisch, die kulturellen Klischees und Vorurteile seiner Zeit“ durch. Über die Existenz dieser (israelischen) Atomwaffen sei in Wahrheit jeder im Bilde und sie werde routinemäßig diskutiert. Grass führe „die Perversion – die Verkehrung von Opfern zu Tätern – auf ein neues Niveau.“ Goldhagen bezieht sich zustimmend auf Grass’ Aussage, es sei Deutschlands Verantwortung, einen weiteren Genozid zu verhindern, und fährt fort: „Doch er [Grass] sagt dies nicht im Hinblick auf einen möglichen Genozid an dem Volk, das erneut regelmäßig bedroht wird, das der Juden nämlich, die von Deutschen einst ermordet wurden und gegen die eine Atomwaffe durchaus zum Einsatz kommen könnte, wenn sie in die Hände des tausendjährigen iranischen Regimes gelangt.“[100]
Grass, früher ein großer Autor, habe die Mehrheitsmeinung der Deutschen, jedenfalls der deutschen Intellektuellen, ausgedrückt und sich damit zum Sprecher eines „radikalen Pazifismus“ gemacht, schrieb der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt. Sein zentrales Argument lautete, dass Grass’ „Schweigen“ „jenes Schweigen ist, das sich Nationalsozialisten und vor allem Mitglieder der SS nach dem 8. Mai 1945 auferlegt hatten.“ Grass als „im konkreten Sinn Mitschuldiger“ habe jeden, den er der Sympathie für die CDU verdächtigte, „in das dunkle Licht des Neofaschismus“ gestellt. Er „überließ uns Nachgeborenen die unmögliche Aufgabe, Schuld für etwas zu übernehmen, das besiegt und vermeintlich aus der Welt geschafft war (…).“ Grass und andere Deutsche hätten „im neunten Lebensjahrzehnt“ ihr Schweigen gebrochen, wobei „eine für den Nazismus typische Mentalität“ zum Vorschein gekommen sei. So habe der Begriff „Erstschlag“ „zum Repertoire der nationalsozialistischen Kriegsrhetorik“ gehört. Gumbrecht lehnt Erstschläge nicht in jedem Fall ab. Schließlich polemisierte er, in Anspielung auf dessen Alter, er wünsche neue Grass-Texte nicht mehr lesen zu müssen.[101]
Der israelische Historiker Moshe Zimmermann bezeichnete das „absurde“ Einreiseverbot als „Versuch einer Zensur“. Hart ging er mit Grass ins Gericht. Dieser habe „die nationalistische israelische Rechte bedient, indem er Israel, nicht Iran, als potentiellen Auslöser eines GAUs attackierte“. Damit habe er geholfen, von der Palästina-Frage abzulenken, und der Regierung ermöglicht, sich als „Opfer Irans“ und „Opfer von Grass“ zu zeigen. Seine Sprache sei typisch für jemanden, der mit seiner eigenen Vergangenheit vor 1945 zurechtkommen wolle. Grass, „natürlich kein rabiater Antisemit“, benutze „Bilder und Mythen, die antisemitisch angehaucht“ seien. „Die Art und Weise, wie er Israel pauschalisiert, erinnert an die Art und Weise wie Juden pauschalisiert wurden und werden.“ Das Gedicht könnte laut Zimmermann die Überschrift „Israel ist unser Unglück“ tragen. Er zieht eine Parallele zu Treitschkes Satz, der später auf der Titelseite des Stürmers stand: „Die Juden sind unser Unglück.“ Zimmermann schlussfolgert: „Grass bewegt sich auf sehr gefährlichem Terrain. Das muss eben gesagt werden, aber im Rahmen einer zivilisierten Gelehrtendiskussion.“ Der Antisemitismusvorwurf dürfe nicht dazu missbraucht werden, „Kritik an Israel automatisch zu verhindern“.[102]
Das „Grass-Bashing“ bemängelte der Literaturwissenschaftler und Journalist Thomas Rothschild. Grass habe ein „schlechtes Gedicht“ geschrieben, bei dem es allein um die politische Aussage gehe, die in jeder Form zum gleichen Ergebnis geführt hätte. Die Kritiker „wiederholten rhetorisch ihre seit Langem bekannten Voreinstellungen.“ Er setzte sich mit den negativen Reaktionen von Broder, Joffe, Wolffsohn, Reich-Ranicki und Zimmermann auseinander. Dagegen unterstrich er: Es gebe eine beträchtliche Zahl von Juden, die eher mit Grass als mit Broder übereinstimmten. Die Antisemitismusvorwürfe habe nur Rolf Hochhuth mit seiner „Gehässigkeit“ gegenüber dem „eindeutig begabteren Kollegen“ überboten.[103]
Alfred Grosser deutete Grass’ Gedicht ausschließlich als Kritik an der israelischen Regierung und gab seinen Aussagen inhaltlich recht. Er widersprach der Behauptung, das Gedicht sei antisemitisch, und wandte sich dabei namentlich gegen Reich-Ranicki. Zwar gebe es in der Tat kein Tabu, Kritik an israelischer Politik zu äußern, es werde darauf jedoch zu schnell mit Antisemitismusvorwürfen reagiert. Er werfe Grass vor, dass er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu lange verschwiegen habe. „Aber da muss man ergänzen: Es gab damals 900.000 junge Deutsche, die in der Waffen-SS waren, nicht aber in der SS.“ Zur französischen Reaktion bemerkte er, man könne die „ganze Emotion in Deutschland“ nicht verstehen. Es habe lediglich ein paar kleinere, eher Grass zustimmende Artikel gegeben.[104]
Der US-amerikanische jüdische Politologe Peter Beinart schrieb im Stern, der Text sei „verstörend“. Grass bediene sich „nationalsozialistischen Vokabulars“, wenn er davon spreche, Israel wolle das iranische Volk «auslöschen». Durch die „Gleichsetzung israelischer Politik mit dem Holocaust“ untergrabe Grass „jedes seiner vielleicht richtigen Argumente.“ Beinart übte scharfe Kritik an der Regierung Netanjahu, vor allem hinsichtlich ihrer Siedlungspolitik.[105]
Dem Literaturhistoriker und Philologen Klaus Briegleb zufolge gab es bei Grass immer wieder „eine aggressiv belehrende Rechthaberei in jüdischen Angelegenheiten“ sowohl literarisch wie auch politisch. Dass Grass kurz nach Erscheinen seines Gedichtes mehrmals betonte, er habe erstmals öffentlich gegen die israelische Politik Stellung bezogen, sei falsch. Bereits 1973 habe er in seinem Aufsatz „Israel und ich“ geschrieben, durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete habe Israel den arabischen Staaten den Kriegsvorwand geboten. Auch hier habe Grass, urteilt Briegleb, wie in seinem jüngsten Gedicht, mit der Umkehr von Tätern und Opfern gearbeitet. In seiner Novelle Im Krebsgang schreibe er beim Untergang des Flüchtlingsschiffs Gustloff Anfang 1945 von einem «nie gehörten Endschrei», „eine Umdrehung in der Metapher von der Endlösung der Judenfrage.“ Damit verrate er „einen bildlich wertenden Rollentausch der deutschen Opfer gegen die Opfer der Shoah.“ Für Grass, so Briegleb, sei die Attacke eine Form der Verdrängung eigener Schuld.[106]
Hamid Dabashi – iranisch-amerikanischer Historiker und Literaturwissenschaftler – arbeitete den nicht abgeschlossenen post-kolonialen europäischen Diskurs heraus, in dem Israel als eines der letzten Objekte der europäischen Verbrechen in der Welt, selbst als Resultat dieser, besteht. Dabashi untersucht weiterhin das Gedicht und kommt nach Berücksichtigung historischer und politischer Aspekte zu dem Urteil, dass der Vorwurf des Antisemitismus gegen Grass haltlos sei.[107]
Nach Auffassung des US-amerikanischen Historikers Fritz Stern ist das Gedicht eine „ungeheure Selbstverwundung,“ die „der Sache“ geschadet habe. Er kenne Grass persönlich aus den 1960er und 70er Jahren, sei sehr beeindruckt von der „Blechtrommel“ und habe sein politisches Engagement geschätzt. „Er hat sich schon seit langer Zeit als Moralapostel aufgespielt,“ konstatiert Stern. Seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS „als Halbwüchsiger“ in den Mittelpunkt zu stellen, sei unfair, „wie überhaupt die ganze Debatte in Deutschland.“ Besonders störe ihn „das exzessive ad personam“ und der Antisemitismus-Vorwurf. Zu glauben, wer Israel kritisiere, sei deshalb ein Antisemit, hält er für „gefährlichen Blödsinn.“ Das Gedicht enthalte einige richtige Aussagen oder Ansichten – und sehr viele falsche. „Es war eine Provokation“, auch weil Grass versucht habe, es gleichzeitig international zu publizieren. Naivität könne man ihm nicht zubilligen. Die Verwendung „historisch belasteter Begriffe“ wie «Auslöschung» und das „Gleichsetzen von Israel mit Iran“ nannte er „bedrückend“. Scharf verurteilte er die offizielle Antwort des israelischen Innenministers. Ihn (Grass) so wichtig zu nehmen, dass ihm die Einreise verweigert werde, zeige „autistische Arroganz, die toll und gefährlich ist.“ Kritik an der israelischen Politik sei ein „Akt der Solidarität“.[108]
Aus der Sicht des Germanisten, Grass-Biografen und Herausgebers seiner Werkausgabe Volker Neuhaus öffnet das „tagespolitische Protestgedicht“ eine „neue Dimension im Werk“. Die heftige Diskussion über die Verse sei ein „Riesenerfolg für die Literatur“. Positiv bewertet er auch, dass die deutschen Waffenlieferungen an Israel bekannter wurden. Er spricht von einer „Vergeltungssucht“ einzelner Kritiker wie Durs Grünbein[109] und Hans Ulrich Gumbrecht.[110] Einer der Gründe für die schon häufiger geübte „Totalkritik“ sei, dass Grass sich meistens politisch mit „Absolutheit“ äußere. Neuhaus vermutet einen „inszenierten Konflikt“, denn am Tag der Erstveröffentlichung sei in der Welt Henryk M. Broders Replik erschienen,[111] im Internet sogar früher. Der Zeit hatte Grass, laut Neuhaus, kurz zuvor vergeblich eine erste Version angeboten, auf die Broder reagiert habe.[112]
Den Begriff „Erstschlag“ bezieht Neuhaus nicht auf Israel, sondern auf die Debatten der Reagan-Zeit in den USA über die Möglichkeit eines Atomkriegs. Er betont Grass’ antikapitalistisches Denken mit dem Ziel einer gerechten Gesellschaft und weist auf seine Freiheitskritik, seine antiwestliche Haltung und seine Abneigung gegen die Ideale der Französischen Revolution hin. Daher sei das Argument, bei Israel handle es sich um die einzige Demokratie im Nahen Osten, für Grass substanzlos. Mit seinem „nie zu tilgenden Makel“ beschreibe Grass seine oftmals dargelegte Herkunft aus einer nationalsozialistischen Familie und sein Festhalten an dieser Ideologie bis nach Kriegsende. Auch das Klima des Schweigens über die Beteiligung an Naziverbrechen war sein lebenslanges Thema. Im Fall seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS habe er aber lange geschwiegen. In dem Gedicht spreche der Bürger, nicht der Schriftsteller oder Nobelpreisträger.[113]
Der Bonner Völkerrechtler Stefan Talmon veröffentlichte in der FAZ eine juristische Einschätzung zu den in Grass’ Gedicht angesprochenen Sachverhalten.[114] Darin setzt er sich u. a. mit der Zulässigkeit eines Präventivschlags auseinander. Mangels unmittelbar drohender oder naher Gefahr würde ein Angriff auf die Atomanlagen einen Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen darstellen. Der in „mutmaßlicher feindseliger Absicht erfolgende Erwerb der Fähigkeit zur Herstellung von Nuklearwaffen“ gebe dem bedrohten Staat kein Recht zur vorweggenommenen Selbstverteidigung.
Grass’ Vorwurf gegen Deutschland, durch die Waffenlieferung zum «Zulieferer des Verbrechens» zu werden, sei völkerrechtlich dagegen nur als Beihilfe relevant, wenn es eine bewusste Lieferung mit dem Ziel gewesen wäre, diesen Angriff zu unterstützen. Davon geht Talmon in seiner Einschätzung jedoch nicht aus. Eine „völkerrechtlich nicht gerechtfertigte Verteidigung des Aggressors“ wäre jedoch die Einlösung einer Beistandserklärung, die Merkel vor der Knesset 2008 für den Fall eines militärischen Erstschlags gegeben habe.
Talmon sieht aus völkerrechtlicher Sicht einen Unterschied zwischen Iran und Israel. Israel habe im Gegensatz zum Iran nie die Verträge über Nichtverbreitung von Kernwaffen und umfassende Sicherungsmaßnahmen mit der Internationalen Atombehörde abgeschlossen. Deswegen habe auch nur der Iran seine völkerrechtlichen Verpflichtungen aus den Verträgen gebrochen, indem er sich nämlich der umfassenden Kontrolle seiner Atomanlagen verweigert habe.[115]
Nach Ansicht von Carla Dondera zeichnet Grass sich durch eine „frappierende Faktenresistenz […] hinsichtlich der realen Bedrohungslage Israels im Nahen Osten“ aus. Grass’ „Hirngespinste“ erfüllten jedoch „ihre Funktion als Gewissensentlastung insbesondere dort“, wo Juden, „die in der Post-Holocaust-Gesellschaft stets die Erinnerung an die Shoah repräsentieren“, in der Sichtweise von Antisemiten selbst zu Tätern würden. Dondera erwähnt zudem „zwei weitere Exempel antisemitisch geprägter Kontroversen“ aus demselben Jahr, die Beschneidungsdebatte sowie die Augstein-Debatte. Auch wenn sich ein direkter Zusammenhang zwischen diesen Debatten nicht nachweisen lasse, sei es auffallend, dass sich innerhalb weniger Monate eine „Erosion politisch-diskursiver Grenzen“ ereignet habe.[116]
Stellungnahmen von Grass
Günter Grass sagte im NDR in einer ersten Stellungnahme am 5. April 2012, dass „alte Klischees bemüht“ würden, die zum Teil verletzend seien: „Es wird sofort, was ja auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet.“ Weiter kritisierte er, dass „in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen.“ So stehe in einer „der Springer-Zeitungen“ der „ewige Antisemit“, was „eine Umkehrung des ‚ewigen Juden‘“ sei. Dies empfinde er als „verletzend“ und „demokratischer Presse nicht würdig“. Dem Vorwurf des Antisemitismus trat Grass entgegen, indem er seinen Kritikern einen Blick in seine Bücher empfahl, „in denen ich immer wieder den deutschen Antisemitismus kritisiert habe.“[117]
In einem Interview mit Tom Buhrow in den tagesthemen vertrat er die These, ein Präventivschlag sei „das Aufkündigen des diplomatischen Verhaltens“, das „uns unter anderem über sechs Jahrzehnte Frieden in Europa garantiert“ habe. Ein israelischer „Angriff auf eine iranische Atomanlage“ würde zu einem „atomaren GAU“ führen und wäre als „Ausweitung eines Konflikts in einer ohnehin instabilen Region (…) äußerst gemeingefährlich.“ Auf die Frage nach möglichen wohlwollenden Kommentaren „aus der rechten Ecke“, erwiderte Grass: „Mein Standpunkt ist: Nur keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite. Wenn man dem folgt, verbietet man sich selbst das Maul.“ Außerdem betonte er, er habe zahlreiche zustimmende E-Mails erhalten. Der Begriff des Schweigens stehe im Mittelpunkt seines Gedichtes. „Dieses Aussparen, dieses feige sich Wegducken, das schlägt schon in Nibelungentreue um.“ „Ja keine Kritik an Israel“ sei das schlimmste, was man Israel antun könne. Er wolle mit seinem Gedicht und Aufruf auch die Warnungen des Verteidigungsministers de Maiziere vor einem militärischen Konflikt mit dem Iran unterstützen, entgegnete er auf eine entsprechende Frage Buhrows. Hier (in Deutschland) werde verschwiegen, dass Israel Atommacht sei. Dagegen seien der „Blödsinn und die Lügen“, die Mahmud Ahmadinedschad von sich gebe, bekannt. Anschließend begründete er, warum er in dem Gedicht von der „Heuchelei des Westens“ spreche. „Wie viele Diktaturen von der Qualität des Iran sind vom Westen unterstützt worden,“ nur weil sie antikommunistisch gewesen seien. Der Iran habe nicht die Macht, den Weltfrieden zu gefährden, Israel habe das Potenzial dazu. Da die „illegale“ Siedlungspolitik von vielen kritisiert werde, „steht sie hier (in dem Gedicht) nicht drin.“ Er äußere sich zum ersten Mal in diesem Umfang kritisch über Israel, weil er der Auffassung sei, man müsse zunächst vor der eigenen Tür kehren. Zum Schluss wünschte er sich eine „weniger gleichgeschaltete Presse“.[118][119]
Im 3sat-Kulturmagazin Kulturzeit unterstrich er, er wolle sein Gedicht „auf keinen Fall widerrufen“. Er bezeichnete es jedoch als Fehler, von Israel und nicht von der „gegenwärtigen Regierung Israels“ gesprochen zu haben. Die Lieferung „eines sechsten U-Boots an Jerusalem“ durch Deutschland sei jedoch „eine falsche Form der Wiedergutmachung“.[120]
Auch der Süddeutschen Zeitung gab er ein Interview und machte deutlich, er sei es gewohnt, dass seine Werke zum Teil auf heftige Kritik stießen. Enttäuscht äußerte er sich jedoch darüber, dass „der kränkende und pauschale Vorwurf des Antisemitismus“ gegen ihn erhoben worden sei. Nicht er sei ein Friedensstörer, sondern die derzeitige israelische Regierung, die mit „dem Iran und der Vermutung, dass dort eine Atombombe gebaut wird, einen Popanz“ aufbaue. Nach einem zeitlichen Abstand hoffe er auf eine Versachlichung der Debatte und eine Diskussion über die Inhalte seines Gedichts. Er sprach von einem „Hordenjournalismus“ gegen ihn und sagte zu den wiederholten Vorwürfen wegen seiner NS-Vergangenheit: „Ich bin entsetzt, wie 30-, 35- und 40-jährige Journalisten, die das Glück gehabt haben, in einer langen Friedensperiode aufzuwachsen, über einen Mann urteilen, der im Alter von 17 Jahren in die Waffen-SS gezogen wurde, sich nicht freiwillig gemeldet hat. Dies tut eine Generation, die von ihren Freiheitsrechten, die sie heute hat, meiner Meinung nach viel zu wenig Gebrauch macht.“[121][122]
Grass reagierte auf das gegen ihn auf Grund des Gedichtes ausgesprochene „Einreiseverbot“ nach Israel mit dem Text „Damals wie heute – Meine Antwort auf jüngste Beschlüsse“ in der Süddeutschen Zeitung, in welchem er die gegen ihn verhängten Einreiseverbote – durch die Diktaturen DDR und Birma und das demokratische Israel – und die späteren Entwicklungen in diesen Staaten reflektiert. Er äußerte, dass der Tonfall des israelischen Innenministers ihn an das Verdikt des Chefs der DDR-Staatssicherheit, Erich Mielke, erinnere.[123]
Siehe auch
Literatur
- Heinrich Detering, Per Øhrgaard (Hrsg.): Was gesagt wurde. Eine Dokumentation über Günter Grass’ „Was gesagt werden muss“ und die deutsche Debatte, Steidl, Göttingen 2013, ISBN 978-3-86930-669-8 (Autorenregister, DNB)
Weblinks
- Günter Grass: Was gesagt werden muss – Originaltext der Erstveröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2012, online auf Süddeutsche.de (Archivlink)
- Günter Grass: Lo que hay que decir – Text der zeitgleich veröffentlichten spanischen Übersetzung von Miguel Sáenz in El País vom 4. April 2012, online auf internacional.elpais.com
- Günter Grass: Was gesagt werden muss – Dokumentation des Originaltextes beim Tagesspiegel
- Interview mit Günter Grass von Tom Buhrow, Videoaufzeichnung von tagesschau.de am 5. April 2012
Einzelnachweise
- Günter Grass reagiert auf Israels Einreiseverbot – „Wie bei Minister Mielke“. Süddeutsche Zeitung online am 11. April 2012.





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