aus e-mail von Doris Pumphrey, 21. September 2025, 16:04 Uhr
Berliner Zeitung 20.9.2025
<https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/katja-hoyer-ueber-grossbritannien-ard-zuschauer-bekommen-hochnaesige-berichterstattung-aus-zweiter-hand-li.2357392>
*Katja Hoyer über Großbritannien:
„ARD-Zuschauer bekommen hochnäsige Berichterstattung aus zweiter Hand“
*Mehr als 100.000 Menschen haben in London protestiert. Im Land wächst
der Unmut. Aber nicht gegen jede Form der Migration, wie es in deutschen
Medien heißt.
Katja Hoyer
„Was ist denn da bei euch in England los?“, fragte mich ein Bekannter in
Brandenburg, als ich dort in dieser Woche unterwegs war. Er hatte einen
Tagesschau-Bericht <https://www.youtube.com/watch?v=gqOsDJsq9NM>
gesehen, in dem es hieß, dass in London, der Hauptstadt meiner
Wahlheimat, zehntausende Demonstranten „ein Ende der
Migration“ gefordert hätten. Die Korrespondentin erklärte, dass die
englische Flagge „den ganzen Sommer schon immer mehr von
Rechts-außen-Bewegungen aufgehängt gezeigt wurde, um die englische
Identität zu betonen und sich gegen Migration auszusprechen.“
In dem fast sechs Minuten langen Bericht des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks (ÖRR) kommt nicht ein einziger Demonstrant zu Wort.
Stattdessen wird betont, dass die Ansammlung von weit mehr als 100.000
Menschen vom „rechtsextremen“ Tommy Robinson organisiert worden war, der
dort „ganz klar seine Zielgruppe“ zusammengetrommelt habe: „Männer,
hauptsächlich weiß“, wie man „von einigen Reportern gehört“ habe. Damit
ist für die ARD alles klar. Man kann sich die Mühe sparen, selbst mit
diesen Menschen zu sprechen, deren Ansichten anscheinend für die
Reportage als irrelevant empfunden wurden.
Andere deutsche Reporter sahen das anders. Jochen Bittner, Korrespondent
in London für Die Zeit
<https://x.com/JochenBittner/status/1966940696104812715>, begab sich
unter die Massen und traf dort vor allem „frustrierte Ex-Labour-Wähler“,
also ehemalige Sozialdemokraten, „die sich schon länger politisch
heimatlos fühlen“. Darin hätte man gerade im Zusammenhang mit den
Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, die ja am gleichen Wochenende
stattfanden und bei denen die SPD historisch schlecht abschnitt, während
die AfD ihr Ergebnis verdreifachen konnte, aufschlussreiche Parallelen
entdecken können. Aber im ÖRR versucht man gar nicht erst zu verstehen,
was so viele Menschen, gerade in den Arbeiterschichten und im
Mittelstand, umtreibt. Man schüttelt lieber aus der Ferne den Kopf.
*Sie wollen nicht mehr mit ansehen, wie die Heimat sich verändert
*Bittner stellt fest, dass der Unmut eben nicht „gegen Migration“ an
sich gerichtet ist, sondern gegen ungesteuerte Migration. „Sie haben
nichts gegen geregelte Immigration“, fasst er die Aussagen der
Demonstranten zusammen. „Sie haben aber immer mehr gegen
Massenimmigration, deren Folgen sich in ihren Vierteln besonders
zeigen.“ In einem Video, das er auf seinem X-Account postete, sagt ein
lebenslanger Labour-Wähler aus Leicestershire: „Zuwanderung ist gut für
das Land: in das Gesundheitssystem, Ingenieurwesen, die Wissenschaft.
Aber die massenhafte, ungesteuerte Zuwanderung ist außer Kontrolle geraten.“
So sehen das viele auch in Norfolk, im Osten Englands, wo ich wohne. Die
Kleinstädte hier wurden alle, wie von der ARD-Korrespondentin berichtet,
mit Fahnen behangen. Ganze Straßenzüge sind gesäumt von der britischen
Union Flag und vom rot-weißen englischen Georgskreuz. Diese sind
allerdings nicht, wie behauptet, von „rechts-außen“ aufgehängt worden,
sondern von ganz normalen Menschen. Menschen, die ich hier jeden Tag
treffe: im Dorfladen, im Pub, im Zug oder auf der Straße. Es sind Leute,
die nicht mehr mit ansehen wollen, wie sich ihre Heimat verändert,
Menschen, die mitbestimmen wollen, was um sie herum passiert.
Auch in meiner Gegend gab es kleinere Proteste vor einem Hotel, in dem
Migranten untergebracht sind, Teil eines landesweiten Phänomens, das in
der Tagesschau als „Anti-Migrationsbotschaft“ angeprangert wurde. Ein
Taxifahrer, der mich manchmal zu Bahnhof fährt, wenn ich verreise,
erklärte mir, dass dort schon seit geraumer Zeit geflüchtete Frauen und
Kinder untergebracht seien, denen man mit Bürgerinitiativen geholfen
habe und die gut in der Schule und in der Stadtgemeinschaft angekommen
seien. Nun aber hat die Labour-Regierung, ohne der Kommune Bescheid zu
geben, beschlossen, diese Menschen woanders unterzubringen und das
einzige Hotel der Stadt ausschließlich für alleinstehende männliche
Flüchtlinge zu nutzen. Dagegen haben die Menschen hier demonstriert,
weil sie Angst um den sozialen Zusammenhalt und die Sicherheit haben.
Ein Protest, der landesweit für Schlagzeilen sorgte, fand nicht weit von
hier, in Epping in der Grafschaft Essex statt. Epping hat auch nur
11.000 Einwohner und auch dort sorgte die Unterbringung männlicher
Flüchtlinge in einem Hotel für Aufruhr. Ein Äthiopier, der dort lebte,
wurde vor zwei Wochen wegen sexueller Übergriffe auf ein 14-jähriges
Mädchen schuldig <https://www.bbc.co.uk/news/articles/cde3w04jwjzo>
gesprochen. Er hatte versucht, die Minderjährige zu küssen, legte seine
Hand auf ihr Bein, ermutigte sie, ein anderes Kind vor ihm zu küssen,
und sagte ihr, er wolle „ein Baby mit ihr haben“. Der Vorfall ereignete
sich nur eine Woche, nachdem der Mann in Epping angekommen war. Die
Menschen dort waren wütend und besorgt. Dass dann auch rechte Akteure
dorthin reisten, um die Situation für sich auszuschlachten, ändert
nichts daran, dass die Unterbringung männlicher Migranten ohne Papiere
in der kleinen Gemeinde gegen den Willen der Bewohner passiert ist und
Auswirkungen hat.
*Viele britische Journalisten berichten mittlerweile differenzierter
über Migration
*Abgesehen von der Sicherheitsfrage ist die Unterbringung von
Flüchtlingen in Hotels schon lange ein Streitpunkt. Das Sozialsystem in
England ist schon seit Jahrzehnten überfordert, nicht zuletzt, weil man
unter Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren viel sozialen Wohnraum
verkauft hat und Sozialhilfeempfänger nun in teuren Privatwohnungen
unterbringen muss. Davon gibt es nicht genug, Menschen werden oft
notdürftig oder gar nicht untergebracht. Dass Flüchtlinge in Hotels
leben, ist in dieser Situation natürlich politischer Brennstoff.
Die Times – wahrlich kein rechtes Blatt – berichtete
<https://www.thetimes.com/comment/the-times-view/article/housing-asylum-seekers-hotels-unsustainable-6bjnd5q2w>
neulich von einem 460-Zimmer-Hotel in bester Londoner Randlage, das
exklusiv nur für Asylsuchende bereitgehalten wird. Dort seien Fernseher
aus den Fenstern geworfen und Matratzen angezündet worden. Im letzten
Jahr seien mehr als 40 Bewohner für insgesamt 90 Straftaten angezeigt
worden. Auch vor diesem Hotel fanden Demonstrationen statt.
Viele britische Journalisten berichten mittlerweile differenzierter über
diese Dinge. Trevor Phillips, ein hochangesehener Talkshow-Host bei Sky
News, dessen Eltern aus Guyana stammen, machte sich im Gegensatz zur
ARD-Korrespondentin die Mühe, lange mit den Demonstranten in London zu
sprechen, und schrieb in der Times
<https://www.thetimes.com/comment/columnists/article/dismiss-unite-the-kingdom-march-elon-musk-7t3c607jl>:
„Das war keine wütende, aktivistische Menge. Und darin besteht die
Gefahr für unsere Demokratie. Wenn normale Menschen bereit sind, sich
dem ersten kalten Herbstwochenende auszusetzen, weil sie ein mehrfach
verurteilter Verbrecher und geständiger Betrüger dazu aufruft, dann ist
hier einiges faul im Staate Großbritannien. Das sind Leute, die man in
der Dorfkneipe mit ihrem Hund trifft oder in der Getränkeschlange in der
Halbzeit.“
Die Wut der „kleinen Leute“, die sich in Großbritannien gerade Bahn
bricht, ist der Stimmung in vielen Teilen Deutschlands nicht unähnlich.
Man hätte hier Erkenntnisse gewinnen und Vergleiche ziehen können.
Stattdessen bekamen die ARD-Zuschauer eine hochnäsige Berichterstattung
aus zweiter Hand serviert, die mehr über die Vorurteile der Journalisten
aussagt als über das, was sich am letzten Wochenende zugetragen hat.
Natürlich ist Tommy Robinson ein Scharfmacher, der schon seit Jahren
versucht eine rechte Massenbewegung aufzubauen. Aber er ist immer wieder
damit gescheitert. Die Frage, warum gerade jetzt über 100.000 Menschen
seinem Ruf gefolgt sind, bedarf einer Antwort, die über oberflächliche
Vermutungen hinausgehen sollte.
Bittner hat einen Demonstranten gefragt, warum er Robinsons Ruf gefolgt
sei, und der antwortete, dass der Aktivist zwar eine kriminelle
Vergangenheit habe, aber auch „auf den organisierten Missbrauch
minderjähriger Mädchen durch die sogenannten Grooming-Gangs und den
wachsenden Islamismus in seiner Heimatstadt Luton aufmerksam gemacht
habe“, lange bevor die Mainstream-Medien diese Themen behandelt
hätten. Bittner schlussfolgert
<https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-09/grossbritannien-keir-starmer-rechtsextremismus-labour-partei-tommy-robinson>
anders als seine ARD-Kollegen: „Was die meisten Menschen auf die Straße
nach Westminster trieb, war nicht die Unterstützung von Extremisten.
Ihre Motive lassen sich eher zusammenfassen mit wachsenden Gefühlen von
Unfairness und Herabsetzung.“
*Bedient der ÖRR in Deutschland bewusst Klischees?
*Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich frage, ob man beim ÖRR
bewusst Klischees bedient oder ob man die Zusammenhänge, die man dann
vereinfacht und tendenziös an ein Millionenpublikum weiterreicht, nicht
tiefgreifend verstehen /will/. Das Ergebnis ist dasselbe: eine
herablassende Art von Berichterstattung, die auch in Deutschland dazu
beiträgt, dass sich immer mehr Menschen von Medien ungehört fühlen, die
sie monatlich bezahlen müssen.
Was da bei mir in England los sei, wollte mein Brandenburger Bekannter
also wissen. „Das Gleiche wie in Deutschland“, war meine Antwort. Viele
Menschen wüssten nicht mehr, wohin mit ihrer Frustration. „Diese
Bewegung das Produkt eines extremistischen Rädelsführers zu nennen,
reicht nicht mehr“, schreibt Trevor Phillips in der Times. „Politiker
der Mitte müssen aufwachen.“ Sein Wort in deutsche Ohren, aber ich
fürchte, an vielen wichtigen Schaltstellen hat man schon länger auf
Durchzug gestellt.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.