Bundeswehr zurück vom Wandertag in Grönland
aus e-mail von Doris Pumphrey, 19. Januar 2026
_Berliner Zeitung 19.1.2026
_*Bundeswehr-Rückzug aus Grönland:
„Deutschlands Vorgehen ist peinlich und unglaubwürdig“
*Deutschland wollte eine Führungsrolle übernehmen, agiert unter Trump
jedoch zunehmend unterwürfig. Der Bundeswehr-Abzug aus Grönland ist die
Spitze des Eisbergs. Ein Interview.
Von Lukas Moser
Deutschland zieht nach nur zwei Tagen seine 15 Bundeswehrsoldaten aus
Grönland ab – kurz nachdem US-Präsident Donald Trump Zölle für Staaten
verhängt hat, die sich gegen seinen Kurs in Bezug auf Grönland stellen.
Es ist der nächste Kniefall nach den Aussagen von Bundeskanzler
Friedrich Merz zur völkerrechtswidrigen Aktion der USA in Venezuela. Und
auch in der Ukraine spiegelt sich dasselbe Bild wider. Wir sprachen mit
Gerhard Mangott, einem Experten für internationale Beziehungen.
/Herr Mangott, zuerst entsendet die Bundeswehr nach Trumps Kauf- oder
Annexionsplänen 15 Soldaten nach Grönland. Dann ziehen sie sich nun –
zumindest für die Öffentlichkeit – überstürzt nach zwei Tagen wieder
zurück. Eine sehr spezielle Aktion./
Wenn die Angaben der Bundeswehr stimmen sollten – dass die Rückkehr
ohnehin für Sonntag geplant gewesen wäre –, muss man sich fragen, ob die
Bundeswehr am Freitag einen Wandertag gehabt hat. Das ist völlig
unglaubwürdig. Es war vorgegeben, eine Erkundungsmission durchzuführen.
Und da kann man doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass wir glauben
sollen, dass es sich um eine abgeschlossene Mission handelt – es sieht
sehr nach einer abgebrochenen Mission aus.
*„In EU und Nato sehe ich keinen Akteur, der sich Trump dagegenstellen
würde“
*Die Folgen sind fatal. Der Abzug kommt ja nicht rein zufällig, nachdem
Trump die Zoll-Ankündigung gemacht hat. Es ist eine Absage Deutschlands
an eine unabhängige Außenpolitik. Denn nur Deutschland ist sehr weich,
Frankreich und Großbritannien sind da sehr viel härter in ihrem
Auftreten. Natürlich kann Deutschland keine Zölle für seine ohnehin
krisengeplagte Wirtschaft brauchen, aber Tatsache ist: Die Europäer
haben nahezu gar keine Handhabe gegen eine imperialistische,
regelbrechende USA. Sie sind in ihrer Sicherheit völlig abhängig von den
Vereinigten Staaten, auch in Bezug auf den Ukraine-Krieg, und sie sind
im Energiesektor immer stärker abhängig. Es fehlt ein wirkliches
Fundament, auf dem sich noch ein selbstständiges Europa aufbauen ließe.
Die Europäer machen Jahre der Demütigung durch.
/Sie haben es angesprochen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron blieb
hart, auch Großbritanniens Keir Starmer und sogar der aktuell in
Umfragen weit vorn liegende Nigel Farage – ein bekennender Trump-Intimus
– zeigten sich überraschend kritisch. Wie können Sie sich auf Basis
dessen das Vorgehen Deutschlands erklären?/
Das Stück wirtschaftlichen Aufschwungs, das man in Deutschland nun
identifiziert hat, ist ein zartes Pflänzchen. Zusätzliche Zölle könnten
da fatal sein. Aber das ist sicher nicht der einzige Punkt. Die jetzige
Regierung hat ganz klar die Haltung eingenommen, dass ein Konflikt mit
den USA nicht im deutschen Interesse ist – das war, mit Ausnahme der
Schröder-Haltung zum Irak-Krieg, auch mehr oder weniger immer so der
Fall. Man signalisiert: Wenn die Amerikaner den Mund aufmachen, dann
gehorchen wir und kommen zum Rapport. Das zeigt, dass diese Reden von
der Führungsrolle, die Deutschland in Europa einnehmen soll, einfach
hohl sind. Aber ich frage mich ohnehin: Wer wünscht sich denn überhaupt
eine deutsche Führungsrolle in Europa!?
/Aber ist es nicht die falsche Taktik gegenüber Trump, der gerne mit
starken Charakteren spricht und verhandelt?/
Die Strategie, sich vor Trump in den Staub zu werfen, hat jedenfalls
nichts gebracht. Ein Politiker steht dafür exemplarisch, nämlich der
Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Trump macht ganz im Gegenteil stetig
mehr, er eskaliert weiter, weil er keinen Widerstand verspürt. Weil
diejenigen, die keinen Widerstand leisten, sich ihm auch noch
unterwerfen, kann er das gleich doppelt machen. Es gibt für ihn
überhaupt keine Restriktionen außerhalb der Vereinigten Staaten – dort
muss die Hoffnung groß sein, dass die Gerichte und der Kongress dafür
sorgen, dass diese Art des Regierens keine Zukunft hat. Aber in EU und
Nato sehe ich keinen Akteur, der sich Trump vehement dagegenstellen
würde. Das gilt letztlich auch für Starmer und Macron. Sie machen es
aber wenigstens nicht so auffällig peinlich wie die Deutschen.
/Gehen wir chronologisch einen Schritt zurück zum Venezuela-Konflikt.
Dort haben die USA mit dem Angriff auf das Land und der Entführung von
Staatspräsident Nicolás Maduro Völkerrecht gebrochen. Kanzler Merz
sprach lediglich davon, dass dies „komplex“ sei./
Das ist die gleiche Feigheit, nicht auszusprechen, was jeder
Erstsemestrige eines Völkerrechtsstudiums weiß – nämlich, dass es eine
Verletzung des Gewaltverbotes nach Artikel 2 Absatz 4 der Charta der
Vereinten Nationen war. Es ist überhaupt nicht komplex, es ist
eindeutig, dass es ein Völkerrechtsbruch war. Wenn sich ein Kanzler
hinter solchen Ausdrücken versteckt, signalisiert er Schwäche.
Deutschland und die meisten anderen europäischen Staaten haben ihre
Glaubwürdigkeit in Bezug auf das Völkerrecht ohnehin schon im Gaza-Krieg
verloren. Das schwächt nicht nur die Reputation Deutschlands und ganz
Europas bei den Amerikanern, die geringschätzig auf uns herunterschauen.
Das beschädigt auch die Reputation und Glaubwürdigkeit in anderen
Regionen der Welt, besonders im Globalen Süden.
/Die Schwäche der Deutschen und der Europäer im Gesamten spiegelt sich
ja auch in der Ukraine im Moment wider. Die Meinung und Haltung Europas
interessiert ja weder Russland noch die USA./
Richtig. Dieser 20-Punkte-Plan, von dem wir Beobachter nicht wissen, was
genau drinsteht, ist ohne die Unterstützung der USA zum Scheitern
verurteilt. Die Stationierung von Truppen aus der sogenannten Koalition
der Willigen ist ohne US-Rückendeckung überhaupt nicht möglich. Wenn die
USA sich weigern, die vielleicht in Kampfhandlungen mit der russischen
Armee kommenden Europäer zu schützen und zu verteidigen, ist das
gleichbedeutend mit einem Einknicken der Koalition der Willigen – ohne
Amerikaner ist die Mission viel zu riskant. Abgesehen davon fehlen den
Europäern gewisse Fähigkeiten, eine solche Aktion überhaupt
durchzuführen, geschweige denn durchzuhalten. Da zeigt sich, warum die
Europäer Trump nicht verärgern wollen und sie ihn brauchen. Das hat sich
bei Grönland gezeigt, bei Venezuela, und das wäre beim Iran nicht anders.
Europa bezieht mittlerweile 27 Prozent seiner Gasimporte aus den USA.
Auch hier entsteht eine Abhängigkeit und es wird nirgends darüber
nachgedacht, wie man mittelfristig da ein Stück weit herauskommen kann.
Die USA unter Trump sind bereit, europäische Abhängigkeiten als Hebel
für die US-Außenpolitik zu nutzen.
/Da stellt sich die Frage: Wer soll Europa überhaupt noch aus diesem
Dilemma führen?/
Deutschland hat wohl mit diesem Tag den Anspruch auf eine Führungsrolle
in Europa ein Stück weit verspielt. So kann Führung nicht aussehen. Ob
andere Staaten führungsfähig sind? Die beiden Nuklearstaaten
Großbritannien und Frankreich zweifellos, aber sie sind politisch
aufgrund der massiven inneren Probleme in ihrer Handlungsfreiheit
beschränkt. So entsteht ein Vakuum in Europa, denn niemand ist aktuell
in der Lage, die Fahne hochzuhalten und einen mutigeren Kurs der
Europäer anzuführen. Auch das vermeintlich harte Vorgehen
Großbritanniens und Frankreichs in den vergangenen Stunden wird wohl
nicht von Dauer sein.
/Wenn wir auf Frankreich und Großbritannien blicken: In beiden Ländern
könnten nach den nächsten Wahlen rechtsnationale Kräfte an die Macht
kommen, mit denen Trump eigentlich relativ gut kann. Stichwort Nigel
Farage und Marine Le Pen oder Jordan Bardella./
Das stimmt. Aber Marine Le Pen hat in der Venezuela-Frage eigentlich
einen Standpunkt vertreten, den man so von ihr nicht erwartet hätte.
Aber im Großen und Ganzen sind Le Pen und Farage auf Trump-Linie. Eine
Übernahme des französischen Staates durch Le Pen wäre für das
europäische Integrationsprojekt, das ohnehin an allen Ecken und Enden
kriselt, fatal. Sie will ein Europa der Vaterländer und die Europäische
Union zurückbauen. Und je weniger glaubwürdig die europäischen
Institutionen sind – in vielen Fragen, aber insbesondere in diesen
außenpolitisch-militärischen –, desto weniger wird dem
Integrationsgedanken in vielen Staaten nachgeweint.
*/Zur Person:/* Gerhard Mangott ist ein österreichischer
Politikwissenschaftler. Der Professor für Internationale Beziehungen an
der Universität Innsbruck gilt als einer der wichtigsten Experten für
Russland, Osteuropa und Sicherheitsfragen im deutschsprachigen Raum.
Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Innen- und Außenpolitik
Russlands, Großmachtbeziehungen, strategische Rüstungskontrolle sowie
Energie- und Cybersicherheit.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
















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