Syrien: Neue Kämpfe, alte Fronten
aus e-mail von Doris Pumphrey, 11. Januar 2026, 14:39 Uhr
Berliner Zeitung 10.1.2026
*Neue Kämpfe, alte Fronten: Warum Aleppo wieder im Zentrum des
Syrienkriegs steht
*Neue Kämpfe erschüttern Aleppo. Kurdische Gebiete, syrische Truppen,
türkisch unterstützte Milizen und internationale Akteure treffen
aufeinander – die Zivilbevölkerung zahlt den Preis.
Karin Leukefeld
„Die Situation ist sehr schlecht, es ist wie 2012, als der Krieg hier in
Aleppo begann.“ Diese Nachricht erreichte die Autorin wenige Tage vor
Weihnachten von einem Bekannten aus Aleppo. Am späten Nachmittag des 22.
Dezembers hatten plötzlich Kämpfe zwischen „den kurdischen Kämpfern und
der syrischen Administration“ begonnen, wie Herr E. berichtet, der im
Stadtteil Aschrafieh lebt. Mörsergranaten flögen hin und her, eine sei
in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung explodiert. Das Haus habe
gewackelt. Herr E. weiß nicht, was geschieht. Später habe er im
Fernsehen gehört, dass beide Seiten eine Waffenruhe vereinbart hätten.
„Wir beten“, sagt Herr E.
Wenige Tage nach dem Jahreswechsel werden erneut Kämpfe in Aleppo
gemeldet. Am frühen Nachmittag des 6. Januar sendet Herr E. eine weitere
Nachricht: „Die Kämpfe und Bombardierungen in Aleppo haben vor kurzem
wieder begonnen.“ Die Lage sei „besorgniserregend“. Am Abend berichtet
er, dass die Familie Aschrafieh ihren Wohnort verlassen musste und in
der Nähe des Sabil-Parks Zuflucht gefunden hat. „Bete für uns. Der Krieg
in Aleppo muss sofort aufhören, die Waffen müssen schweigen.“
*Zehntausende Menschen auf der Flucht
*Herr E. stammt aus einer armenisch-christlichen Familie, die seit
Generationen in Aleppo lebt. Der Stadtteil Aschrafieh ist christlich
geprägt und verfügt über Kirchen, Schulen und Klöster. Nach ihrer Flucht
vor dem Völkermord des Osmanischen Reiches fanden viele christliche
Armenier hier Zuflucht. Der benachbarte Stadtteil Scheich Maksoud ist
seit Generationen von Kurden bewohnt. Während des Krieges (seit 2011)
suchten kurdische Vertriebene aus den mehr als 300 Dörfern von Afrin,
das westlich von Aleppo liegt, Schutz. Nachdem die türkische Armee Afrin
besetzt hatte und dort bewaffnete Kampfverbände syrischer und
ausländischer Dschihadisten stationiert hatte, zogen Tausende in
Richtung Scheich Maksoud und das benachbarte Aschrafieh. Scheich Maksoud
liegt auf einem Hügel im Norden von Aleppo. Von hier aus lassen sich
wichtige Verbindungsstraßen in den Norden und Osten des Landes gut
kontrollieren.
Als das syrische Verteidigungsministerium am Freitag eine Waffenruhe
verkündet, wird die Zahl der Toten mit mindestens 22 angegeben, 173
Personen wurden verletzt. Während der Gouverneur von Aleppo angibt, dass
140.000 Menschen aus den Stadtteilen Scheich Maksoud und Aschrafieh vor
den Kämpfen geflohen seien, nennt die in London ansässige
„Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, die mit dem britischen
Außenministerium kooperiert, eine Zahl von 16.000 Inlandsvertriebenen.
Aufnahmen des katarischen Nachrichtensenders Al Jazeera zeigen dichte
Menschenmassen, die offenbar über vorgegebene Fluchtstraßen die
umkämpften Gebiete verlassen. Die bewaffneten Einheiten des
Verteidigungsministeriums in Damaskus besetzen Scheich Maksoud und
Aschrafieh.
Die Al-Sharaa-Regierung beschuldigt die Kampfverbände der kurdisch
geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), den Kampf mit Artillerie-
und Mörsergranatenbeschuss von Wohngebieten aus begonnen zu haben. Die
SDF weist diese Angaben zurück und gibt an, die Toten und Verletzten der
vergangenen Tage seien Opfer des „rücksichtslosen“ Beschusses mit
Artillerie- und Mörsergranaten durch mit der Administration in Damaskus
verbündete Milizen geworden.
*Im Auftrag der Türkei
*In Telefonaten mit Augenzeugen, die der Autorin persönlich bekannt
sind, hieß es, die von kurdischer Seite beschriebenen Angriffe gingen
auf das Konto von zwei Milizen, die zumindest während des Syrienkriegs
unter türkischem Kommando gekämpft hätten. Es sei allgemein bekannt,
dass sich die Amshat-Miliz und die Hamza-Miliz der Integration in die
Truppen unter dem Kommando der Al-Sharaa-Administration verweigern und
ihre Waffen nicht abgeben würden, wie vom Verteidigungsministerium verlangt.
Den beiden Verbänden wird vorgeworfen, für Morde an Kurden in Afrin,
Aleppo und den von der SDF kontrollierten Gebieten entlang der
syrisch-türkischen Grenze verantwortlich zu sein. Im März 2025 waren sie
an den Massakern an Alawiten im syrischen Küstengebiet beteiligt, die
Hamza-Miliz war zumindest auch an den Angriffen auf die Drusen im Sommer
2025 beteiligt. „Sie sind blutrünstig“, so ein Gesprächspartner.
„Niemand kann sie kontrollieren.“ Für ihn sei offensichtlich, dass diese
Milizen im Auftrag der Türkei die Kurden in Scheich Maksoud angegriffen
hätten. „Al-Sharaa kann Amshat und Hamzat nicht stoppen, weil die Türkei
sie kontrolliert.“ Und von der Türkei sei Al-Sharaa wiederum abhängig.
Bereits seit August 2023 stehen sowohl die
Sultan-Suleiman-Shah-Division,
auch die Hamza-Division (Hamzat) auf der Sanktionsliste der
US-Administration. Beiden Gruppen werden Entführungen, schwere
körperliche Misshandlungen und Vergewaltigungen vorgeworfen. Die
Europäische Union setzte die beiden Gruppen erst im Mai 2025 auf ihre
Sanktionsliste. Sie wirft ihnen die Beteiligung an den Massakern an den
Alawiten im März 2025 vor.
In einer im September 2025 veröffentlichten Untersuchung der
US-amerikanischen Jamestown-Stiftung heißt es, beide Milizen hätten
„direkte finanzielle und logistische Beziehungen zur Türkei“ und dienten
den „strategischen Interessen Ankaras“, das sie „als Stellvertreterarmee
im Ausland“, d. h. als Söldner, einsetze. Obwohl dies geleugnet wird,
gibt es laut dem Jamestown-Bericht „Beweise, dass sie an den Massakern
an alawitischen und drusischen Zivilisten im März und Juli beteiligt waren“.
*Der Kampf um Syrien
*Beobachtern von außen bleibt unklar, inwieweit diese Milizen ihre
Angriffe auf Scheich Maksoud mit den bewaffneten Einheiten des
Verteidigungsministeriums koordiniert haben. Auffällig sind allerdings
Zeitpunkt und Umstände der Angriffe, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen.
Noch am 4. Januar weilte eine Delegation hochrangiger SDF-Militärs in
Damaskus, um mit der Al-Sharaa-Administration über die Umsetzung einer
im März 2025 getroffenen Vereinbarung zu verhandeln. Kernpunkt der
Gespräche war erneut die Integration kurdischer Kampfverbände in die
neue Armee unter Kontrolle des Verteidigungsministeriums in Damaskus.
Die Kurden haben insbesondere im Norden und Nordosten des Landes
konkrete Forderungen nach Eigenständigkeit. An den Gesprächen nahm auch
der US-amerikanische Brigadegeneral Kevin J. Lambert als Beauftragter
der von den USA <https://www.berliner-zeitung.de/topics/usa> angeführten
Anti-IS-Allianz teil. Die Al-Sharaa-Administration hat ihren Beitritt
zur Allianz erklärt, was eine Kooperation mit der SDF einschließt. Die
USA betrachten die SDF als „Boots on the Ground“, also Bodentruppen. Man
ging ohne Ergebnis auseinander; zwei Tage später begann der Kampf um Aleppo.
Parallel zu den Kämpfen in Aleppo kam am 5. Januar eine syrische
Delegation mit Vertretern Israels in Paris zu Gesprächen zusammen. Mit
dabei war der US-Sonderbeauftragte für Syrien
und den Libanon, Tom Barrack, der zugleich US-Botschafter in Ankara ist.
Seit mehr als einem Jahr drängen die USA die As-Sharaa-Administration
dazu, eine Vereinbarung mit Israel über den Süden des Landes, die
Golanhöhen, eine von Israel geforderte Entmilitarisierung und die
„Normalisierung” der Beziehungen zu unterzeichnen. Angeblich wurde in
Paris eine Vereinbarung getroffen, die einen „Kooperationsmechanismus“
mit Sitz in Amman vorsieht.
Die tatsächlichen Akteure im Kampf um Syrien sind aktuell Israel und die
Türkei <https://www.berliner-zeitung.de/topics/tuerkei>. Die USA agieren
als „Vermittler“. Allen geht es um Einfluss und Zugriff auf die
Rohstoffe im Land und im östlichen Mittelmeer, wo es große Gasvorkommen
gibt. Es geht um die Kontrolle der Region sowie um Land-, See- und
Luftkorridore.
Die USA sind der Hegemon. Sie bestimmen, wer was tun und lassen muss –
immer in Absprache mit ihren Gesandten, die dem Hegemon berichten. Für
Syrien ist das Tom Barrack, der US-Botschafter in Ankara, der auch für
den Libanon zuständig ist.
*Von der Leyen besucht Al-Scharaa
*Die Türkei ist Nato-Mitglied und somit der Nato und den USA
verpflichtet. Gleichzeitig verfolgt sie jedoch eigene Interessen in der
Region. So kooperiert sie zwar mit der Sharaa-Administration, ist jedoch
gegen eine Integration der syrischen Kurden in eine neue Armee. Um dies
zu verhindern, setzt die Türkei die Amshat- und Hamzat-Milizen ein.
Diese involvierten bei ihrem Kampf gegen Scheich Maksoud auch Truppen
des Verteidigungsministeriums in Damaskus. Neben vielen Toten und noch
mehr Verletzten ist das Ergebnis, dass Zehntausende vor allem kurdische
Zivilisten zur Flucht aus Scheich Maksoud gezwungen wurden und
zahlreiche Gebäude – auch in Aschrafieh – zerstört wurden. Die Truppen
des Verteidigungsministeriums in Damaskus haben sowohl Aschrafieh als
auch Scheich Maksoud besetzt. Die Vertriebenen – vor allem die
kurdischen – werden vermutlich nicht wieder zurückkehren können, sondern
weiter in den Nordosten des Landes vertrieben werden.
Auch Israel <https://www.berliner-zeitung.de/topics/israel> verfolgt
eigene Interessen. Das Land ist militärisch und logistisch mit der Nato
verbunden, wurde von ihr aufgerüstet und wird seit Jahrzehnten von den
USA und Deutschland finanziert. Dazu gehört eine Landverbindung von den
Golanhöhen über Sweida und den Euphrat in die kurdischen Gebiete des
Nordiraks. Darüber hinaus möchte Israel einen von den USA garantierten
Luftkorridor über Syrien (und den Irak), durch den israelische Kampfjets
den Iran jederzeit angreifen können. Israel kooperiert zumindest
offiziell nicht mit der Al-Sharaa-Administration. Es versucht, sich
Einfluss zu verschaffen, indem es sich als Schutzmacht von ethnischen
und religiösen Gruppen in Syrien präsentiert. Israel unterstützt die
Rechte, die Kurden, Drusen und neuerdings auch Alawiten für sich
reklamieren, und wirbt dafür. Souveränität, Selbstbestimmung in einem
föderalen Syrien und Schutz vor Dschihadisten. Damit soll der
Zentralstaat – egal mit welcher Administration – geschwächt werden.
Die Al-Sharaa-Administration muss es nicht nur allen dreien, sondern
auch ihren Paten in Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen
Emiraten recht machen. Diese kämpfen ebenfalls auf ihre Art um Macht und
Einfluss in einer von Israel, den USA und der westlichen Hemisphäre
angekündigten „Neuordnung des Mittleren Ostens“.
In die Reihe der Fordernden hat sich am Donnerstag auch
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eingereiht. Nach dem
ersten EU-Jordanien-Gipfeltreffen in Amman, bei dem Jordanien für die
enge Zusammenarbeit finanzielle Hilfe in Höhe von 3,5 Milliarden Euro
für die nächsten drei Jahre zugesagt wurde, flog Frau von der Leyen noch
rasch nach Damaskus, um Al-Sharaa im Präsidentenpalast zu treffen.
Die Al-Sharaa-Administration steht innen- und außenpolitisch unter
Druck. Die Erwartungen der Bevölkerung sind groß, doch noch
schwerwiegender sind die Erwartungen jener Staaten, die Al-Sharaa als
„Königsmacher“ finanziert und in den syrischen Präsidentenpalast gehievt
haben. Sie haben Vorrang und müssen zuerst bedient werden. Wie in allen
geopolitischen Konflikten und Kriegen, die der Mittlere Osten seit
Jahrzehnten durchlebt, wiegen die Rechte und Forderungen der
Zivilbevölkerung nichts gegenüber den Interessen und Forderungen der
regionalen und internationalen Akteure.
Während viele Syrer zunächst abwartend waren und dem ehemaligen
Al-Qaida-Chef in Syrien eine Chance gaben, stellen sie nach einem Jahr
fest, dass die neuen Machthaber im Präsidentenpalast zwar international
viel unterwegs sind, zahlreiche Wirtschaftsabkommen unterzeichnen, Hände
mit hochrangigen Politikern aus aller Welt schütteln, von US-Präsident
Donald Trump <https://www.berliner-zeitung.de/topics/donald-trump> in
Washington empfangen wurden und Al-Sharaa sogar im September letzten
Jahres vor der UN-Versammlung für Syrien sprechen konnte.
*90 Prozent der Syrer leben in Armut
*Die Lebensumstände der Bevölkerung sind jedoch nach wie vor
katastrophal. Laut UN
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/un>-Angaben leben 90 Prozent der
Menschen in Armut. Es gibt hohe Arbeitslosigkeit und viele Familien
wissen nicht, wie sie ein warmes Essen pro Tag auf den Tisch bekommen.
Zudem gibt es so gut wie keinen Wohnungsbau, um Rückkehrern aus dem
Ausland oder zurückkehrenden Inlandsvertriebenen ein Dach über dem Kopf
zu bieten.
Gleichzeitig greift die Al-Sharaa-Administration in nie gekannter Weise
in die Bildung und den persönlichen Alltag der Menschen ein. In
Ministerien, an Gerichten und in Universitäten sitzen religiöse
Scheichs, um mögliche Probleme zu lösen, wie es heißt. Tatsächlich
werden jedoch religiöse Vorschriften hinsichtlich des Lehrplans und der
Kleidung gemacht, wie ein Syrer im Telefonat mit der Autorin berichtet:
„Wenn es so weitergeht, werden wir nach zehn Jahren eine neue Generation
von Dschihadisten hier in Syrien haben. Europa wird sich noch wundern.“
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.








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