aus e-mail von Doris Pumphrey, 2. Februar 2025, 11:18 Uhr
Neue Zürcher Zeitung 28.1.2025
<https://www.nzz.ch/meinung/faktenchecks-zuckerberg-musk-trump-medien-aktivismus-ard-faktenfinder-russland-nordstream-propaganda-fake-news-ld.1867044?ga=1&kid=nl164&mktcid=nled&mktcval=164>
*Politischer Missbrauch von Faktenchecks:
Deutschland ist abschreckendes Beispiel
*Aktivistische Journalisten wollen mit einseitigen Faktenchecks die
öffentliche Meinung beeinflussen. Diese Selbstherrlichkeit untergräbt
die Glaubwürdigkeit der Medien.
Die Urteile sind meist gnadenlos. «Lügen», «Desinformation», «falsche
Behauptungen» – so tönt es, wenn Journalisten des ARD-Ressorts
«Faktenfinder» Beiträge in anderen Medien prüfen. Im Februar 2023 nehmen
sich die Faktenchecker der ARD einen Artikel des amerikanischen
Journalisten Seymour Hersh vor, der international für Aufsehen sorgt.
Hersh behauptet, nicht die Russen, sondern die Amerikaner hätten die
Ostsee-Gaspipeline Nord Stream gesprengt.
Diese These findet der ARD-«Faktenfinder» schlicht «abenteuerlich». In
seinem Artikel schreibe Hersh nämlich, die Attentäter hätten
«Sprengstoff in Pflanzenform» auf den Pipelines angebracht, um die
Bomben zu tarnen. Solche «Pflanzenattrappen», so führt der
«Faktenfinder» unter Berufung auf einen Sprengstoffexperten aus, seien
für einen Einsatz im Wasser zu fragil. Auch wenn es theoretisch möglich
sei, «dicke Baumwurzeln» oder Seegras mit Sprengstoff nachzubilden.
*Ein Reinfall, über den wohl auch Putin gelacht hätte
*Der Faktencheck vom Februar 2023 hat der ARD viel Spott und Häme
eingebracht. Denn Seymour Hershs Thesen sind zwar gewagt. Aber er hatte
gar nie behauptet, die Täter hätten Pflanzen aus Sprengstoff gebastelt.
Er hatte bloss das englische Verb «to plant» benutzt, im Sinne von: Der
Sprengstoff ist auf den Gasleitungen platziert worden.
Ein dummer Übersetzungsfehler, den man vergessen könnte, wenn es um
einen Einzelfall ginge. Doch Übereifer, gepaart mit Schludrigkeit, ist
gerade im Zusammenhang mit Faktenchecks immer wieder zu beobachten. Dem
«Faktenfinder» der ARD ging es vermutlich darum, Hershs Artikel
möglichst fundiert zu widerlegen, weil dieser der russischen Propaganda
nutzte. Das Ergebnis war jedoch nicht Journalismus, sondern medialer
Klamauk, über den wohl selbst Wladimir Putin gelacht hätte.
*Zuckerberg und Musk, die seltsamen Helden der Freiheit
*Formate wie der ARD-«Faktenfinder» sind Symptome geworden für die
Ideologisierung des Journalismus. Das Wort «Faktencheck» droht zu einem
Witz zu verkommen. Zu einer Chiffre für Journalisten, die sich anmassen,
über richtig und falsch zu urteilen – und ihre eigenen Meinungen und
Vorurteile mit der Wahrheit verwechseln.
Mark Zuckerberg, der Chef von Meta, hat kürzlich angekündigt, bei
Facebook und Instagram auf die Dienste von Faktenprüfern zu verzichten.
Diese seien politisch zu voreingenommen und hätten mehr Vertrauen
zerstört als geschaffen, insbesondere in den USA. Faktisch sei es um
Zensur gegangen. Künftig sollen Beiträge auf Facebook und Instagram mit
sogenannten «community notes» ergänzt werden, also mit Kritik und
Quellenhinweisen von anderen Nutzern.
Zuckerbergs Entscheid sorgt auch in Europa für grosse Aufregung.
Besonders vonseiten der Linken wird ihm vorgeworfen, er öffne Tür und
Tor für Hass, Hetze und Desinformation. Damit wolle er sich beim
notorischen Lügner Donald Trump anbiedern.
Medien wie die «Weltwoche» dagegen jubelten, Zuckerberg schlage sich
«auf die Seite der freiheitlichen Musketiere Trump und Elon Musk».
Zuckerberg ist zweifellos ein Opportunist. Und er ist wohl genauso
selektiv freiheitlich gesinnt wie Trump und Elon Musk, der als
angeblicher «Absolutist der freien Rede» die chinesische
Apparatschik-Diktatur bewundert.
*Wahr ist, was der eigenen Ideologie dient
*Was Zuckerberg über Faktenchecker sagt, ist trotz allem Opportunismus
nicht falsch. Das Prüfen von Nachrichten und Aussagen gehört zu den
wichtigsten Aufgaben der Medien. Dies umso mehr, als soziale Netzwerke
jeden Tag mit Lügen, Verschwörungstheorien und Desinformation geflutet
werden. In jedem journalistischen Medium, das den Namen verdient, prüfen
Mitarbeiter jeden Tag Dutzende Quellen und Aussagen.
Stimmt es, dass Migranten in einer Kleinstadt in Ohio die Katzen ihrer
Nachbarn verspeisen, wie Donald Trump zu wissen glaubt? Ist das Spital
in Gaza wirklich von israelischen Raketen getroffen worden? War der
Attentäter von Magdeburg ein Islamist oder ein Islamhasser? Oder war er
psychisch krank? Medien, die solche Fragen unvoreingenommen zu
beantworten versuchen, werden in Zukunft noch wichtiger sein.
Dies aber nur, wenn sie der Versuchung widerstehen, eine Objektivität
vorzugaukeln, die sie nicht haben. Im politischen Diskurs gibt es oft
keine endgültigen Wahrheiten. Je nachdem, welche Experten und Studien
man konsultiert, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Wer sich hier als
wahrheitssuchender Richter inszeniert, aber vor allem über Meinungen
urteilt, macht sich unglaubwürdig. Genau das ist allzu oft der Fall,
wenn pathetisch «ein Faktencheck» angekündigt wird oder wenn sich
Journalisten hochtrabend «Faktenfinder» nennen wie bei der ARD.
Derartige Abteilungen scheinen Leute anzuziehen, die mehr wollen als
Fakten prüfen. Sie neigen zu links-grünem Gedankengut, viele leisten
gute Arbeit, im schlechtesten Fall funktionieren sie jedoch nach einem
einfachen Muster: Wahr ist, was der eigenen Ideologie dient; falsch ist,
was der politische Gegner erzählt.
*Gebührenfinanzierter Rundfunk macht Politik
*Die Mode, sich als Aktivist mit dem Titel «Faktenchecker» zu schmücken,
war eine Reaktion auf Phänomene wie den Brexit, den Aufstieg von Donald
Trump und die AfD. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass Faktenchecks
zu politischen Themen bis heute eher einseitig eingesetzt werden – gegen
alles, was als «rechts» gilt.
Ein abschreckendes Beispiel für den politischen Missbrauch von
Faktenchecks ist Deutschland. Dort wirken private, vom Staat geförderte
Portale wie «Correctiv» manchmal wie rot-grüne Vorfeldorganisationen.
Auch der öffentlichrechtliche Rundfunk betreibt mit Faktenchecks Politik.
So liess der ARD-«Faktenfinder» kürzlich verlauten, es stimme nicht,
dass die Regierung von Angela Merkel 2015 die Grenzen geöffnet habe für
illegale Migration, wie das die AfD-Chefin Alice Weidel behaupte. Denn
schon damals habe es keine stationären Kontrollen mehr gegeben im
Schengen-Raum.
Das stimmt. Bloss stimmt es auch, dass 2015 Hunderttausende einreisen
durften, die ihr Asylgesuch gemäss dem Dublin-Abkommen in anderen
Ländern hätten stellen müssen. Bezeichnenderweise forderten in jenem
Jahr auch linke Politikerinnen wie Ulla Jelpke, «die Grenzen für
Flüchtlinge zu öffnen». Der damalige CDU-Innenminister Thomas de
Maizière kritisierte, «eine Öffnung der deutschen Grenze» widerspreche
geltendem Recht. Nachzulesen ist das unter anderem bei der staatlichen
Bundeszentrale für politische Bildung.
Im ARD-Faktencheck erfährt man nichts davon, aber man ahnt die Absicht:
Mit der Tabuisierung des Begriffs «Grenzöffnung» soll Merkels
Asylpolitik legitimiert werden. Wäre es nicht Aufgabe von
Faktencheckern, Mächtige zu kontrollieren, statt ihre Politik zu
rechtfertigen?
*Abhängigkeit von Russland? Gibt es laut Faktencheck nicht
*Nach einem ähnlichen Muster versuchte der ARD-«Faktenfinder»,
Medienberichte über woke Auswüchse an Schulen und Universitäten zu
diskreditieren. Als Beispiel nannte er eine australische Universität,
die einen Leitfaden für gendergerechte Sprache erarbeitet hatte – und
deswegen beschuldigt wurde, sie wolle die Begriffe Mutter und Vater
abschaffen. Diese Kritik, so behauptete der «Faktenfinder», komme vor
allem von rechts. Sie sei irreführend, denn die Universität wolle keine
Begriffe ersetzen. Fazit: In Wahrheit gehe es um einen «Angriff auf die
Wissenschaft».
Der Leitfaden der Universität zur gendergerechten Sprache ist online
einsehbar. Darin steht unter anderem
<https://genderinstitute.anu.edu.au/sites/default/files/docs/2021_docs/Gender_inclusive_handbook.pdf>,
es werde «empfohlen», auf das Wort Muttermilch verzichten. Statt Mutter
solle man besser «gebärender Elternteil» sagen. Und statt Vater «nicht
gebärender Elternteil». Diese Fakten unterschlagen die
ARD-«Faktenfinder», oder sie haben den Leitfaden nicht genau gelesen.
Auch hier wird im Namen der Faktenliebe mehr verschleiert als
aufgeklärt. Die Zeitung «Welt» hat schon 2021 auf diesen Umstand
hingewiesen. Bewirkt hat es nichts. Da sich aktivistische Faktenchecker
lieber an missliebigen Kritikern abarbeiten, statt Kritik ernsthaft zu
prüfen, sind sie oft mit einem Problem konfrontiert: Was sie heute für
falsch erklären, kann sich morgen als richtig erweisen. Als Donald Trump
2018 kritisierte, Deutschland habe sich mit seiner Energiepolitik zur
Geisel Russlands gemacht, betonten deutsche Medien, wie sehr der
US-Präsident wieder einmal danebenliege.
Der Bayerische Rundfunk veröffentlichte dazu extra einen «Faktencheck»
einer Journalistin, in dem die (seit dem Ukraine-Krieg offensichtliche)
deutsche Abhängigkeit von Russland beinahe als Hirngespinst erscheint.
Dieselbe Journalistin erklärte zu Beginn der Corona-Krise im Bayerischen
Rundfunk, das Virus sei ungefährlich, die «Panik» davor werde bloss von
klickgeilen Medien und – Überraschung – Rechtsextremen geschürt.
Das entsprechende Video hat der Bayerische Rundfunk gelöscht. Die
Verantwortlichen betonten aber, der Videobeitrag zu Corona sei «ein
normaler, journalistisch gut begründeter, auf den damals bekannten
Fakten aufbauender Kommentar» gewesen. Nach dieser Logik hätten
Journalisten Galileo Galilei im Jahr 1633 guten Gewissens als Schwurbler
einstufen dürfen. Denn nach den «damals bekannten Fakten» lag er ja falsch.
*Faktenchecker verbreiten Fake News – und keinen kümmert’s
*Selbst Lügen sind im Milieu der linksaktivistischen Faktenchecker
legitim, wenn sich damit politische Gegner dämonisieren lassen. Als
junge Männer 2020 im französischen Bayonne einen Busfahrer totschlugen,
wusste das deutsche Faktenchecker-Portal «Volksverpetzer» sofort, wer
die Täter waren: «Maskengegner», die von «Fake News» über Masken
inspiriert worden seien. «Anti-Masken-Propaganda tötet
<https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/maskengegner-busfahrer/>»,
kommentierte der Chefredaktor.
Die Geschichte über das Masken-Motiv war frei erfunden, wie Recherchen
der NZZ und spätere Gerichtsverfahren zeigten. Die Täter waren
gewöhnliche Schläger, die Streit suchten. Dennoch ist der Artikel bis
heute online. Und der «Volksverpetzer», der während der Pandemie mit
Schlagzeilen wie «Ganz Deutschland hasst Pandemieleugner» aufwartete,
wird von etablierten deutschen Medien ernst genommen – als angeblich
kritisches und gemeinnütziges Portal.
Der Krieg sei eine viel zu ernste Sache, um ihn den Militärs zu
überlassen, soll der französische Journalist und Politiker Georges
Clemenceau einmal gesagt haben. Gleiches gilt für den Kampf gegen Fake
News, der nicht Ideologen und obrigkeitsgläubigen Opportunisten
überlassen werden sollte.
Die ARD hat nach Zuckerbergs Entscheid angekündigt, den «Faktenfinder»
auszubauen. In einer Welt, in der Faktenchecker wirklich Fakten prüfen
würden, wäre das eine gute Nachricht. Nach heutigem Stand der Fakten
eher nicht.
Info:
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.