Süddeutsche Zeitung, 26. Juli 2025, Interview von Georg Ismar und Nicolas Richter, Berlin
Der Militärhistoriker Sönke Neitzel über mögliche Angriffsziele Russlands, die Leistung von Boris Pistorius – und seine eigene Bereitschaft, das Land zu verteidigen.
Die Bücherauslage am Eingang des Berliner Altbaus, in dem der wohl bekannteste Militärhistoriker des Landes wohnt, führt gleich in das Thema ein. „Blitzkrieg“ und „Soldatenlieder im Wandel der Zeit“, lauten zwei Titel. Wer etwas Geld in die Kasse steckt, kann die Bücher gleich mitnehmen. Reiner Zufall, sagt Sönke Neitzel, 57, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam. Der Buchladen sei schon lange da, seine Bücher bestelle er dort, nicht bei Amazon. Und wenn er aus Platznot Bücher abgeben will, kann er sie einfach unten zu den anderen in die Auslage stellen.
SZ: Herr Neitzel, neulich haben Sie gesagt, in der Feinkostabteilung des KaDeWe könne man gut sehen, wie es um die Kriegstüchtigkeit im Lande bestellt sei. Ist es so schlimm?
Sönke Neitzel: Was ich damit sagen wollte: Wir dürfen die Erwartungen, die wir an die Gesellschaft haben, nicht überziehen. Wenn ich beim KaDeWe bin, dann tauche ich ein in eine andere, unbekümmert wirkende Welt. Für viele Menschen sind die Bedrohungen, mit denen ich mich täglich beschäftige, nicht existent. Ich kann das auch verstehen. Man kann nicht immer im Krisenmodus leben. Man darf daher auch nicht zu viel erwarten von der Gesellschaft. Es ist die Politik, die handeln muss.
Das heißt?
Wir müssen die Streitkräfte kriegstüchtig machen. Streitkräfte, die nicht kriegstüchtig sind, sollte man auflösen, die haben ihren Sinn verloren. Die Gesellschaft dagegen sollte nicht überdrehen. Nicht jeder hat ständig Bundeswehr und Bedrohung im Kopf, und das ist gut so.
Als erstes Buch aus der Beck-Reihe Wissen hat es Ihr Werk zur Bundeswehr in die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft. Großen Erfolg hat aber auch ein Buch wie das von Ole Nymoen. Es geht darum, dass er niemals für sein Land kämpfen würde.
Das war schon immer so, dass es in diesem Land ganz unterschiedliche Stimmen gab. Wenn wir mal kurz ins Kaiserreich zurückgehen, in den Sommer 1914, da hat auch in Berlin kein Mensch an einen großen Weltkrieg gedacht, selbst die Generäle nicht – die sind stattdessen zur Kur gefahren. Und im Sommer 1939 wollten die Deutschen alles, bloß keinen Krieg, und vielen war das Baden am Wannsee näher als ein bevorstehender Konflikt.
Sie haben sehr beunruhigt mit Ihrer Aussage, wir erlebten vielleicht den letzten Sommer in Frieden …
Ich bin etwas hoffnungsvoller als im Frühjahr, weil wir jetzt wissen, dass das zunächst an der Grenze zu Litauen angekündigte Großmanöver „Zapad“ von Russland und Belarus deutlich kleiner ausfallen wird. Auch die Nato gibt es noch. Es besteht zumindest Hoffnung, dass Trump zur Vernunft kommt, was Putin anbelangt. Wir haben die 3,5 Prozent als neues Nato-Ziel für Rüstungsausgaben. Das sind alles Signale, die mich ruhiger schlafen lassen. Andererseits können sich die Dinge schnell wieder ändern. Die Ukraine kann verlieren, Trump kann seine Meinung ändern, und niemand weiß, was Putin im nächsten Frühjahr vorhat.
Wie bedroht Russland die Nato konkret?
Die nächsten drei Jahre sind die gefährlichsten. Die russischen Streitkräfte rüsten massiv auf, haben jetzt 1,2 Millionen Mann unter Waffen und wachsen trotz der Verluste in der Ukraine. Gleichzeitig kann Russland diese Hochrüstung nicht dauerhaft durchhalten. Im Moment also hat Russland einen Rüstungsvorsprung, aber nur so lange, bis die Nato aufgeholt hat. Es gibt für Putin also nur einen engen Zeitkorridor, in dem er sich entscheiden muss: Geht er in die Konfrontation oder nicht?
Dazu kommt noch die gesunkene Glaubwürdigkeit der Nato wegen des wankelmütigen US-Präsidenten Donald Trump.
Solange Trump Präsident ist, kann der Kreml darauf hoffen, dass sich die USA aus einer Konfrontation beispielsweise im Baltikum heraushalten. Wenn Putin also handeln will, muss er es in dieser Amtszeit von Trump tun. Dazu kommt noch ein dritter Faktor: die Lage im Pazifik. Sollte sich Chinas Staatschef Xi Jinping entscheiden, 2027 den Taiwan-Konflikt militärisch zu lösen, dann könnte er Putin dazu auffordern, im Baltikum für Unruhe zu sorgen, um die westlichen Kräfte dort zu binden. All diese Überlegungen sprechen dafür, dass die nächsten drei Jahre die gefährlichsten sind. Aber niemand kann Putin in den Kopf schauen.
Könnte Putin auch Polen angreifen?
Ich kenne niemanden, der damit rechnet, dass Putin mit 1,2 Millionen Soldaten auf Warschau marschiert. Aber die Nato bereitet sich natürlich immer auf alle Szenarien vor, auch die unwahrscheinlichsten.
Für wahrscheinlicher wird folgender Test der Nato gehalten: Was würde die Nato tun, wenn Russland zum Beispiel mit ein paar Tausend Mann in die estnische Grenzstadt Narva einmarschiert, in der viele russischstämmige Menschen leben?
Die Nato würde wohl versuchen, diesen Angriff mit lokalen Kräften und rasch verlegten Reserven zu stoppen. Dann würde sie versuchen, die Luftherrschaft zu erringen, um diese russischen Truppen von der Versorgung abzuschneiden. Dafür müsste sie die russischen Flugabwehrraketen in Kaliningrad ausschalten. Das wäre schon dann herausfordernd, wenn die Amerikaner ihr Potenzial einsetzten. Ohne die Amerikaner wäre es kaum möglich.
Ist die Nato nicht drückend überlegen?
Entscheidend ist erst mal nicht, was die Nato möglicherweise kann, sondern wie sie auf Putin wirkt. Gilt in so einem Fall noch die Beistandspflicht, oder halten sich die USA raus? Es gibt positive Signale: Die Nato-Staaten wollen mehr für Rüstung ausgeben, Trump ist nicht aus dem Bündnis ausgetreten. Aber es gibt auch negative: Dass wir es mit unseren 82 Millionen Einwohnern nicht schaffen, eine Wehrpflicht einzuführen. Und dass es im Ernstfall, wenn man die Amerikaner mal abzieht, vor allem auf die Armeen der großen Nato-Mitglieder Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland und Polen ankommt. Zwar spricht die Friedensbewegung immer von dieser riesigen und mächtigen Nato, aber bei genauer Betrachtung schrumpft sie doch ein bisschen zusammen.
Wie ginge der Krieg in unserem Szenario weiter? Die Nato würde vermutlich auch mit Raketen das russische Hinterland angreifen, um die Versorgung zu unterbrechen. Könnte Russland dann mit Angriffen auf Polen oder gar Deutschland antworten?
Damit muss man rechnen. Es könnte Angriffe geben auf Schlüsselpunkte, also auf Umspannwerke, Brücken oder Rechenzentren. Ich halte es aber für völlig unrealistisch, dass die gesamte Bevölkerung Berlins in die Schutzräume muss wie im Zweiten Weltkrieg. Russland kann zwar hierher wirken, aber die Menge an Abwurfmunition ist eben auch begrenzt.
Ist die Lage heute unberechenbarer als im Kalten Krieg?
Anders als zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses gibt es wirklich eine Kriegsgefahr. Russland ist anders als zu Breschnews Zeiten eine Revisionsmacht.
Nimmt die deutsche Gesellschaft diese Gefahren ernst?
Optimistisch stimmt mich die Entwicklung der Umfragen zur Wehrpflicht. Nicht nur in der Bevölkerungsmehrheit, sondern auch in der jüngeren Generation, hier sind laut Infratest dimap 51 Prozent für eine Wehrpflicht. Etliche meiner Berliner Galeristenfreunde sagen, heute würden sie den Wehrdienst nicht mehr verweigern. Das zeigt wachsenden Realismus. Anders als im Kalten Krieg werden heute nicht 300 000 Menschen vor dem Kanzleramt gegen Aufrüstung demonstrieren.
Trotzdem wird es erst mal keine Wehrpflicht geben. Auf dem Parteitag der SPD musste Verteidigungsminister Boris Pistorius bei den Jusos betteln, dass gewisse Pflichtelemente möglich werden könnten, wenn alles Freiwillige nicht mehr reicht.
Als Historiker würde ich sagen: Diese Kämpfe bei der SPD sind 150 Jahre alt. Schon im Kaiserreich hatte die SPD einen pazifistischen Flügel und viele SPD-Funktionäre, die Wehrpflichtige waren. Das Gleiche haben wir in der Weimarer Republik. Und wir sehen das beim Streit über die Wiederbewaffnung in den 1950er-Jahren, beim Nato-Doppelbeschluss mit Helmut Schmidt und seinen internen Gegnern, ebenso bei den Auslandsansätzen. Das Gleiche sehen wir jetzt auch bei der SPD. Also: Im Westen nichts Neues.
Aber es geht viel Zeit verloren …
Für fatal halte ich, dass der linke Flügel der SPD die gesamte Regierung blockiert.
Der Kanzler will die stärkste Armee Europas schaffen. Geht das ohne Wehrpflicht?
Nein. Die Nato verlangt von uns 260 000 aktive Soldatinnen und Soldaten. Wir haben jetzt schon 80 000 zu wenig, und wenn wir ehrlich sind, fehlen noch mehr. Denn von den derzeit 180 000 Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr sind viele gar nicht im Kriegsfall einsetzbar.
Warum?
Weil sie nicht fit sind und weil wir die Altersgrenze zu hoch gezogen haben, um künstlich diese Zahl von 180 000 zu erreichen. Jahrzehntelang mussten deutsche Generale mit 60 in Ruhestand gehen und jetzt können sie theoretisch bis 65 dienen, das Gleiche gilt für andere Dienstgrade. Wären wir ehrlich, würden wir nicht von einem zusätzlichen Bedarf von 80 000 Soldaten Bedarf sprechen, sondern von 100 000 oder von 110 000. Das geht nicht ohne Wehrpflicht.
Nun führt man immerhin einen mindestens sechsmonatigen Wehrdienst ein, auf freiwilliger Basis.
Ja, aber diese Wehrdienstler gehen dann nur in die Heimatschutztruppe. Und was kann man in sechs Monaten lernen? Da kann der junge Soldat gerade mal schießen und geradeaus laufen. Den können Sie dann an eine Brücke stellen und sagen, wenn ein feindlicher Soldat rüberfährt, dann eröffnest du in diese Richtung das Feuer.
Das dürfte Russland nicht abschrecken.
Wir sollten die Bundeswehr als militärisches Projekt ernst nehmen. Wir brauchen Soldaten, die gut ausgebildet sind. Wir brauchen einen verpflichtenden Wehrdienst von wenigstens zwölf Monaten. Ich bin kein Freund der alten allgemeinen Wehrpflicht, sondern des schwedischen Modells. Demnach werden alle gemustert. Wenn es nicht genug Freiwillige gibt, wird verpflichtet.
Aber wenn manche zwangsverpflichtet werden und andere nicht, gibt es Streit wegen der Wehrgerechtigkeit. Wie ist das zu lösen?
Gar nicht, das wurde in den Sechzigerjahren auch nicht gelöst. Der damalige Kanzler Konrad Adenauer hat auch mit 5000 Soldaten angefangen, weil es anfangs gar nicht genug Kasernen gab. Aber wissen Sie, warum diese Debatte fatal ist?
Warum?
Weil es auf Putin so wirkt, als würden wir sagen: Also das mit der Wehrgerechtigkeit können wir leider nicht lösen. Also lieber Herr Putin, wir bitten Sie, uns nicht anzugreifen, weil wir haben da so ein rechtliches Problem, und das ist für uns nicht lösbar. Ich finde, wir haben Staatsinteressen, die sind höher zu bewerten als der Umstand, dass ein junger Mann aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen nicht zu den Streitkräften mag.
Sie sagen, die Bundeswehr könne momentan nur in Anstand sterben. Was meinen Sie damit?
Die Bundeswehr ist nach wie vor eine Friedensarmee. Sie musste Gott sei Dank nie in größerem Ausmaß kämpfen. Sie ist überbürokratisiert und aus sich heraus nicht mehr reformfähig. Gleichzeitig besitzen die Soldaten in den Brigaden kaum Drohnen und kaum Luftabwehr.
Hier könnte die Bundeswehr viel von der Ukraine lernen …
Ohne Drohnen geht es nicht mehr. Das haben jüngst auch die nordkoreanischen Soldaten erfahren, die an der Seite Russlands in der Region Kursk kämpften. 3000 von ihnen starben, weil die mit Drohnen nicht umgehen konnten. Drohnen müssen ja nicht nur vorhanden sein und fliegen können. Jeder Soldat muss auch wissen, was es bedeutet, im Zeitalter der Drohnen zu kämpfen. Wir haben kluge, gute Offiziere und Unteroffiziere und Mannschaften. Wir müssen ihnen die Mittel in die Hand geben, um auf dem Schlachtfeld der Zukunft erfolgreich bestehen zu können. Aber die Bundeswehr ist eben ein bürokratischer Moloch.
Wie meinen Sie das?
Über 50 Prozent der Soldaten sind nicht direkt in der Auftragserfüllung, also dem Kampf, sondern in übergroßen Ämtern und Stäben eingesetzt. 22 Prozent der Bundeswehr-Angehörigen sind Offiziere, im Kalten Krieg waren es noch acht Prozent.
Sie fordern, 30 000 Offiziere und Unteroffiziere in Frühpension zu schicken.
Verteidigungsminister Manfred Wörner hat das in den Achtzigerjahren auch gemacht, er hat 1100 Offiziere frühpensioniert. Jetzt ist das Problem viel, viel größer. Denken wir mal an das Verteidigungsministerium, da gibt es 3000 Stellen! Die Weise-Kommission hat 2010 gesagt, 1500 tun es auch.
Ist Boris Pistorius doch nicht der Macher, als der er immer dargestellt wird?
Pistorius hat zwei Seiten. Er ist ein exzellenter Kommunikator, um den Menschen zu erklären, warum wir Rüstungsinvestitionen brauchen. Was das betrifft, halte ich ihn für den besten Verteidigungsminister seit Wörner. Aber mit Blick auf das, was er wirklich verändert, sieht die Bilanz deutlich schlechter aus. Letztlich ist ja nur entscheidend, ob die Truppe an Kampfkraft gewinnt. Und da ist zu wenig passiert. Wir können die Soldaten heute nicht guten Gewissens in den Kampf schicken.
Ein vernichtendes Urteil …
Es wurde viel neue Ausrüstung bestellt, die materielle Lage wird sich bessern. Aber Pistorius ist noch nicht an das Grundproblem der Bundeswehr herangegangen, nicht an die überbordende Bürokratie und die übergroßen Behörden und Ämter. Ich erkenne nicht, dass das Problembewusstsein überhaupt vorhanden ist. Dabei findet sich diese Kritik auch in einem Bericht des Bundesrechnungshofes; ähnlich urteilt die Kommission zur Staatsreform.
Was müsste man denn tun?
Damit die Bundeswehr schneller und innovativer wird, muss man die Stäbe verkleinern und sie dazu zwingen, Verantwortung nach unten zu delegieren. Wenn wir alles zentralisieren, funktioniert das nicht.
Wann war die beste Zeit der Bundeswehr?
In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre, 1985 bis 1987 etwa. Natürlich gab es da auch Probleme, aber das Offizierskorps hat ständig geübt, die Nato war gut eingespielt, die Technik war für damalige Verhältnisse modern. Später, in den 2010er-Jahren, war die Bundeswehr gut vorbereitet für Auslandseinsätze.
Immerhin ist nun genug Geld da, durch die Lockerung der Schuldenbremse an dieser Stelle.
Das ist erst mal eine Leistung der Politik, das ist Staatskunst, das verankert zu haben. Geld ist nicht mehr das Problem, auch dass Merz zu Trump fährt, dass er diese Rolle spielt, die er spielt, dass Trump noch nicht die Nato zerstört hat, erst mal, ist ein gutes Zeichen.
Aber wenn wir die Entwicklungen im Krieg in der Ukraine sehen, ist es nicht etwas verrückt, dass wir keine Flugabwehr mehr haben und den Gepard ausgemustert haben? In der Ukraine ist er das effizienteste Mittel gegen die Drohnen.
Ja, das ist einer der Treppenwitze der Geschichte in der Entwicklung der Bundeswehr. Wir hatten ja auch die Aussetzung der Wehrpflicht etwa zur selben Zeit, als wir den Gepard ausgemustert haben, und drei Jahre später kommt die Annexion der Krim. Die Deutschen setzten aber erst mal weiter auf Auslandseinsätze, und man sagte sich, wir brauchen auch keine Flugabwehr mehr.
Jetzt läuft die dritte Neugründung der Bundeswehr mit der Rückbesinnung auf die Bündnis- und Landesverteidigung …
Beim jetzigen Tempo wird die Bundeswehr dafür 20 Jahre brauchen.
Braucht es wie in der Ukraine erst ein extremes Ereignis, um die Dinge richtig zu beschleunigen?
Manche in der Bundeswehr sehen das so. Sie sagen, es bedarf einer Niederlage wie jener der Preußen 1806 in Jena und Auerstedt gegen Frankreich, bevor wir uns wirklich reformieren. Aber es darf doch nicht erst zum Krieg kommen, damit sich die Bundeswehr endlich neu aufstellt.
Das wirft aber kein gutes Licht auf die Politik …
Wenn wir zu wenige Drohnen und eine zu schwache Flugabwehr haben, dann werden wir jeden verpassten Reformschritt mit dem Blut unserer Soldaten bezahlen. Ich sage das allen Politikern ins Gesicht: Wenn ihr bei einer Vereidigung von Soldaten seid, dann blickt den Männern und Frauen in die Augen. Ihr seid für deren Leben verantwortlich. Ihr könnt doch nicht im Ernst sagen: Im Krieg sind halt leider so viele gefallen, weil wir es nicht schafften, eine ernsthafte Flugabwehr aufzubauen.
Wird die schwarz-rote Koalition der Lage nicht gerecht?
Wir als Bürgerinnen und Bürger müssen wirklich kritisch sein mit den Verantwortlichen in der Politik. Unsere Botschaft muss sein: Ihr entkommt der Verantwortung nicht, ihr habt diesem Land einen Eid geschworen und ihr müsst eben auch Unbequemes tun, ins Risiko gehen. Das ist eure Aufgabe, dafür seid ihr gewählt. Ihr könnt nicht nur den Weg des geringsten Widerstands gehen.
Wären Sie selbst bereit, im Ernstfall auch wieder zur Waffe zu greifen?
Ja, natürlich. Sie auch?
Selbstverständlich.
Meine Frau sagt immer: Du bist jetzt 57 Jahre alt; was sollen die mit dir anfangen? Ich will ja nicht zur Belastung der Landesverteidigung werden. Aber im Notfall gehe ich dahin, wo ich gebraucht werde, auch wenn ich dafür mein Leben einsetzen muss. Wir können ja als Teil der Elite des Landes nicht sagen, die Panzerbrigade 45 soll mal schön siegen und ansonsten geht uns das nichts an. Das muss auch die Politik deutlich machen: Wenn es zu einem Krieg kommt, dann sind wir in einer Schicksalsgemeinschaft.
Dann war Pistoriusʼ Begriff der Kriegstüchtigkeit richtig?
Ich würde differenzieren. Eine Armee, eine Streitmacht muss kriegstüchtig sein, nicht für einen Angriffskrieg, sondern um den Frieden zu sichern. Für die Gesellschaft als ganze würde ich das Wort nicht wählen. Das zu fordern, hielte ich für realitätsfern. Wir sind eben nicht in einer geografischen Lage wie Finnland. Klar muss die Zivilgesellschaft sehen, in welcher Zeit sie lebt, aber das würde ich sehr spezifisch auf bestimmte Gruppen, bestimmte Schlüsselfunktionen beziehen.
Wo haben Sie gedient?
Ich habe 1987 eine durchaus harte Grundausbildung im Hunsrück durchlebt, dann war ich in meiner Stammeinheit in Hofgeismar an der deutsch-deutschen Grenze. Dort habe ich in einer Panzerbrigade eine Tankstelle geführt.
Also könnte Professor Neitzel im Kriegsfall als Tankwart im Baltikum dienen?
Ich bin bereit."
Info: sueddeutsche.de
Weiteres:
wikipedia.org, Seite besucht am 27. Juli 2025, 19:20 Uhr
Sönke Neitzel (* 26. Juni 1968 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte. Von 2011 bis 2012 war er Professor für Modern History an der University of Glasgow und von 2012 bis 2015 für International History an der London School of Economics. Seit 2015 ist er Lehrstuhl-Inhaber für Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt am Historischen Institut der Universität Potsdam und damit der derzeit einzige Professor für Militärgeschichte in Deutschland.
Werdegang
Neitzel wuchs im Rhein-Main-Gebiet auf und absolvierte das Abitur an der Claus-von-Stauffenberg-Schule in Rodgau-Dudenhofen.[1] In den Jahren 1987 und 1988 leistete er Grundwehrdienst, wo er nach seiner allgemeinen Grundausbildung für eine Tankstelle („ortsfeste Unterflurtankanlage“) in Hofgeismar verantwortlich war.[2][3][4][5]
Anschließend studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Hauptfach Mittlere und Neuere Geschichte sowie Publizistik und Politikwissenschaft in den Nebenfächern. Er wurde 1994 bei Winfried Baumgart zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation trägt den Titel Der Einsatz der Luftwaffe über dem Atlantik und der Nordsee 1939–1945 und wurde 1996 mit dem Werner-Hahlweg-Preis für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften (3. Preis) ausgezeichnet.
Ab Oktober 1994 war Neitzel als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Mainz tätig. Neitzel habilitierte sich am 18. Dezember 1998 mit der Habilitationsschrift Die Weltreichslehre im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und lehrte danach als Privatdozent. Ab Juli 1999 war Neitzel Hochschuldozent auf Zeit. In dieser Zeit war er von Oktober bis Dezember 2001 als Visiting Lecturer am Department of History der Universität Glasgow tätig. Im Sommersemester 2002 vertrat Neitzel eine Professur für Zeitgeschichte sowie in den Wintersemestern 2003/04 und 2004/05 eine Professur für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Obwohl Neitzel im Oktober 2003 einen Ruf an die Universität Glasgow als Lecturer for British History and History of War erhalten hatte, blieb er in Mainz und wurde dort am 17. März 2005 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Im Wintersemester 2006/07 folgte er einem Lehrauftrag an die Universität Karlsruhe. Seit März 2008 war Neitzel Akademischer Rat auf Zeit an der Universität Mainz.
Im Sommersemester 2008 nahm er einen Lehrauftrag an der Universität Bern an, wo er im Wintersemester desselben Jahres auch die Vertretung des Lehrstuhls für Neueste Geschichte übernahm (Ordinariat Stig Förster).[6][4] 2010 war er Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und Lehrstuhlvertreter der Professur für westeuropäische Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Zum Wintersemester 2011/12 folgte er einem Ruf an die University of Glasgow auf eine Professur für Modern History.[7] 2012 nahm er einen Ruf an die London School of Economics auf einen Lehrstuhl für International History an.[8] Seit dem Wintersemester 2015/2016 ist Neitzel Nachfolger von Bernhard R. Kroener auf dem Lehrstuhl für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt am Historischen Institut der Universität Potsdam. Ebendort ist seit dem WS 2016/17 der Masterstudiengang War and Conflict Studies (in der Nachfolge von Military Studies) angesiedelt.
Neitzel ist Mitglied des Arbeitskreises Militärgeschichte e. V. und saß von 2003 bis 2015 im Vorstand des Vereins, als dessen Zweiter Vorsitzender er von 2006 bis 2015 amtierte.[9] Er ist oder war ferner Mitglied der Deutschen Kommission für Militärgeschichte, des Deutschen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, der Preußischen Historischen Kommission, der Ranke-Gesellschaft, des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit und des Verbandes der Historiker Deutschlands.
Außerdem arbeitete er in den Beiräten folgender Institutionen mit: Clausewitz-Gesellschaft, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (seit 2011 Mitglied, seit 2016 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats), Gedächtnis der Nation und Deutsche Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte. Außerdem ist er Vorsitzender der Bewertungskommission des Förderpreises für Militärgeschichte und Militärtechnikgeschichte. Er ist externer Berater des Beirates des Studiengangs Master of Intelligence and Security Studies.[10]
Seit September 2006 ist Neitzel mit Gundula Bavendamm, der Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung verheiratet.[11]
Wirken
Autor, Gutachter, Fachberater
Neitzel ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge über Deutsche Geschichte, insbesondere Militärgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[12] Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Hochimperialismus und das Zeitalter der Weltkriege.[13]
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Sönke Neitzels Buch Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945 (2005, englische Ausgabe 2007: Tapping Hitler’s generals: transcripts of secret conversations, 1942–45), in dem er Mitschnitte von Gesprächen hochrangiger deutscher Soldaten veröffentlichte, die als Kriegsgefangene in Trent Park bei London inhaftiert waren. Die Abhörbänder ermöglichen Einblicke in die Gedankenwelt der Wehrmachts-Offiziere.
In Deutschland noch stärkere Beachtung fand das 2011 erschienene Nachfolgeprojekt Soldaten, das Auswertungen der in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern belauschten Gespräche von Wehrmachtssoldaten sämtlicher, auch niederer Rangebenen enthält, die sich u. a. über den „Spaß am Töten“ unterhielten und ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen offenbarten.[14] Neitzel und sein Mitautor Harald Welzer ziehen zur Bewertung auch Erlebnisse von Soldaten im Vietnamkrieg, im Irakkrieg und den Völkermord in Ruanda vergleichend heran, um das Phänomen der Verrohung und Bereitschaft zu Grausamkeiten unter Kriegsteilnehmern zu zeigen und zugleich die Besonderheiten des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges herauszuarbeiten.[15]
Beide Arbeiten werden als endgültige Widerlegung des Mythos der „sauberen Wehrmacht“ bewertet, da sie breites Mitwissen und Beteiligung auch hochrangiger deutscher Soldaten des Zweiten Weltkriegs an Kriegsverbrechen und Holocaust vor allem an den Kriegsschauplätzen der Ostfront durch authentische Selbstzeugnisse belegen. Auch Aussagen der Autoren zur Gewalt werden herausgestellt wie die Feststellung, dass sich Soldaten schnell an brutalste Gewalt gewöhnen, wobei Ideologien keine entscheidende Rolle spielen. So ähnelten Aussagen von Wehrmachtssoldaten, die Kinder als potentielle „Feinde“ töteten, denen von US-Soldaten im Vietnamkrieg.[14] Neitzel und Welzer schlussfolgern: „Gewalt wird, wenn die kulturellen und sozialen Situationen es als sinnvoll erscheinen lassen, von buchstäblich allen Personengruppen angewandt. […] Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.“[16][14]
Im Zuge der Debatten im Vorfeld der zweiten Änderung des 1998 beschlossenen Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege, das bereits seit seiner ersten Änderung im Jahr 2002 grundsätzlich auch für wegen Fahnenflucht verurteilte Deserteure der Wehrmacht gilt, nahm Neitzel als Gutachter der CDU/CSU- und FDP-Bundestagsfraktionen zusammen mit Rolf-Dieter Müller, dem damaligen Wissenschaftlichen Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, an der Anhörung vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages vom 5. Mai 2008 teil und sprach sich wie Müller gegen eine pauschale Rehabilitierung der im Zweiten Weltkrieg wegen „Kriegsverrats“ nach § 57 Militärstrafgesetzbuch abgeurteilten Deserteure und Überläufer ohne Einzelfallprüfung aus, wie sie die Linksfraktion 2006 beantragt hatte.[17] Die Gutachter waren der Meinung, es sei nicht auszuschließen, dass noch unentdeckte Urteile wegen dieses Tatbestands existieren, die möglicherweise nicht als Unrechtsurteile zu bewerten seien. Im Jahr darauf wurde das Gesetz dennoch geändert, diesmal jedoch auf Antrag der Regierungskoalition. Seitdem ist zur Aufhebung von Urteilen der NS-Militärjustiz wegen „Kriegsverrats“ keine Einzelfallprüfung mehr erforderlich.
Als Fachberater ist Neitzel seit 1996 auch regelmäßig für Redaktionen von historischen Fernsehdokumentationen tätig, vorwiegend für Guido Knopps ZDF-Redaktion Zeitgeschichte beziehungsweise die Sendungsreihe ZDF-History, aber auch für ARD und n-tv sowie für die Hessische und Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.[18] Er war als historischer Berater u. a. für die Filmproduktionen Stauffenberg – Die wahre Geschichte (2009), Rommel (2012) und Unsere Mütter, unsere Väter (2013) tätig. Er war Gesprächspartner für die zwölfteilige Serie Der Zweite Weltkrieg (2018), bei der Nina Adler und Hendrik Behrendt Regie führten und die 2019 auf ZDFinfo ausgestrahlt wurde. Er ist außerdem Mitglied im Advisory Editorial Board der militärhistorischen Fachzeitschrift War in History.
Sein Buch Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben (gemeinsam mit Harald Welzer) war im Mai 2011 auf Platz 1 und im Juli 2011 auf Platz 5 der Sachbücher des Monats.
Im Buch Blutige Enthaltung. Deutschlands Rolle im Syrienkrieg (2021) kritisiert Neitzel (gemeinsam mit Bastian Matteo Scianna) die deutsche Zurückhaltung beim Eingriff in blutige Konflikte wie Syrien und Libyen. Die deutsche Haltung bestehe in leeren Worthülsen und in der Hoffnung, dass sich alles irgendwie von selbst lösen möge.[19] Neitzel spricht sich für die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland aus.[20]
„Deutsche Krieger“
2020 legte Neitzel mit dem Titel Deutsche Krieger: Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte ein Buch vor, in dem er das Selbstverständnis von Soldaten über die Jahrzehnte nach Kontinuitäten und Brüchen untersuchte. Das Werk wurde breit rezipiert und als Brückenschlag zwischen historischer Forschung und aktuellen Debatten gewertet.[21] „Es ist erstaunlich, wie sicher Sönke Neitzel die deutsche Militärgeschichte seit 1871 auf dem mitunter äußerst schmalen Grat zwischen Verdammung und Verherrlichung durchschreitet. Die ‚deutschen Krieger‘ sind weder der ‚Stolz der Nation‘ noch stets ‚Mörder‘ und auch heute viel mehr als globale Sozialarbeiter“, schrieb Sven Felix Kellerhoff in der Welt.[22] Die Rheinische Post hob die vertiefte Quellenarbeit Neitzels hervor.[23] Der Literaturkritiker Denis Scheck bemerkte im Berliner Tagesspiegel die „erstaunlichen Kontinuitäten“, die Neitzel verdeutliche, und bezeichnete Deutsche Krieger als Grundlagenwerk, aus dem er „am meisten über mein Land“ gelernt habe.[24]
Laut Julia Encke rückt Neitzel „die reale oder potentielle Erfahrung vom Kämpfen, Töten und Sterben ins Zentrum seines Buchs, die Streitkräfte fundamental von anderen gesellschaftlichen Gruppen unterscheidet“.[25] Dieses Erleben schaffe Verbindungen auch über die politischen Brüche hinweg. Neitzel gelang es, Zugang zu über 200 aktiven Soldaten zu erhalten, die ihm von ihren Erfahrungen berichteten und sich teilweise zitieren ließen. Auf dieser Grundlage schrieb er, „dass inoffiziell schon seit 1991 rund 200 bis 300 Bundeswehrsoldaten als Freiwillige im jugoslawischen Bürgerkrieg kämpften. Insbesondere aus den Garnisonen in Süddeutschland fuhren viele Männer auf ein verlängertes Wochenende oder im Urlaub an die Front, um Kampferfahrung zu sammeln. Das war zwar illegal, wurde von den Vorgesetzten in vielen Fällen aber gedeckt, da man die Eigeninitiative als wertvolle Bereicherung der Gefechtsausbildung betrachtete.“
Für den Historiker Wolfram Wette, selbst viele Jahre am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr tätig, pflegt Neitzel in seinem Buch das Narrativ vom jeden politisch-historischen Hintergrund und Kontext ausblendenden Soldaten als bloßer „Krieger“. Zweifel am Kriegshandwerk oder Traumatisierungen blende Neitzel aus, die Literaturauswahl sei fragwürdig. So werde der schwer NS-belastete Autor Paul Carell mit fünf Buchtiteln seiner Nachkriegsbestseller angeführt, Fehlanzeige herrsche hingegen beim wichtigen Werk Carl Friedrich von Weizsäckers über Kriegsfolgen und Kriegsverhütung von 1971. Statt das im Anschluss an Weizsäcker in der Gesellschaft dominierende Leitbild vom „Ernstfall Frieden“ bediene der „Bellizist und Revisionist“ Neitzel mit einer „wissenschaftlich eingefärbte[n] Krieger-Nostalgie“, die Rede vom „Ernstfall Krieg“.[26]
Unter der Überschrift „Loblied auf den archaischen Kämpfer“ kritisierte Johannes Klotz in der Tageszeitung nd, dass Neitzel sich mit diesem Buch vom Leitbild des Soldaten als „Bürger in Uniform“ weitgehend gelöst habe. In seiner Kritik bezieht sich Klotz nicht nur auf den Inhalt des Buches, sondern zitiert Neitzel auch aus einer Radiosendung mit Jörg Thadeusz: „Wir brauchen Soldaten als Kämpfer und Krieger, müssen das Kriegshandwerk wieder lernen.“ Dabei habe Neitzel zwar eingeräumt, dass die Verbrechen der Wehrmacht nicht traditionsbildend sein könnten, abgesehen davon aber in allen Kriegen Verbrechen geschehen.[27]
Einer sehr grundlegenden Kritik unterzieht Eckart Conze das Buch von Neitzel. Der Marburger Historiker bemängelt, dass den von Neitzel präsentierten soldatischen Ego-Dokumenten „kein substantielles Quellenkorrektiv“ gegenübergestellt werde, was nicht unproblematisch sei, da etwa Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg von den Beteiligten als „vermeintliche Kriegsnotwendigkeit“ marginalisiert würden. Conze weist zudem darauf hin, dass Neitzel – entgegen seinem eigenen Anspruch – das Sterben im Krieg (von Soldaten und Zivilisten) weitgehend ausblende und auch das Elend des Krieges kaum thematisiere. Conze schreibt, in dem Werk verberge sich eine Agenda, die er „im Ziel einer Militärpolitik und einer Militärgeschichtsschreibung ohne normativen Friedensbezug“ erblickt.[28]
Schriften (Auswahl)
Monografien
- Die deutschen Ubootbunker und Bunkerwerften. Bau, Verwendung und Bedeutung verbunkerter Ubootstützpunkte in beiden Weltkriegen. Bernard & Graefe, Koblenz 1991, ISBN 3-7637-5823-2.
- Der Einsatz der deutschen Luftwaffe über dem Atlantik und der Nordsee 1939–1945. Mit einem Geleitwort von Jürgen Rohwer. Bernard & Graefe, Bonn 1995, ISBN 3-7637-5938-7 (Dissertation, Universität Mainz, 1995, 287 Seiten).
- Weltmacht oder Untergang, die Weltreichslehre im Zeitalter des Imperialismus. Mit einem Geleitwort von Winfried Baumgart. Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-76102-1 (Habilitationsschrift, Universität Mainz, 1999, 453 Seiten).
- Kriegsausbruch. Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900–1914. Pendo, München u. a. 2002, ISBN 3-85842-550-8.
- Blut und Eisen. Deutschland und der Erste Weltkrieg. Pendo, Zürich 2003, ISBN 3-85842-448-X.
- Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 978-3-549-07261-5.
- Weltkrieg und Revolution, 1914–1918/19 (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Band 3). be.bra, Berlin 2008, ISBN 978-3-89809-403-0.
- mit Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-089434-2.
- Deutsche Krieger: Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte. Propyläen, Berlin 2020, ISBN 978-3-549-07647-7.[25][28]
- mit Bastian Matteo Scianna: Blutige Enthaltung. Deutschlands Rolle im Syrienkrieg. Herder, Freiburg u. a. 2021, ISBN 978-3-451-07343-4.
- Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende. C. H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-83051-8.
Herausgeberschaften
- 1900. Zukunftsvisionen der Großmächte. Schöningh, Paderborn u. a. 2002, ISBN 3-506-76103-X.
- mit Daniel Hohrath: Kriegsgreuel. Die Entgrenzung der Gewalt in kriegerischen Konflikten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (= Krieg in der Geschichte. Band 40). In Verbindung mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte. Schöningh, Paderborn u. a. 2008, ISBN 978-3-506-76375-4.
- Preußen und Europa (= Schriftenreihe des Preußeninstituts, Heft 10). Preußeninstitut, Remscheid 2001, ISBN 3-933421-03-9.
- mit Wolfgang Elz: Internationale Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Winfried Baumgart zum 65. Geburtstag. Schöningh, Paderborn u. a. 2003, ISBN 3-506-70140-1.
- mit Bernd Heidenreich: Medien im Nationalsozialismus. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-76710-3.
- mit Bernd Heidenreich: Das Deutsche Kaiserreich 1890–1914. Schöningh, Paderborn u. a. 2011, ISBN 978-3-506-77168-1.
- mit Harald Welzer, Christian Gudehus: „Der Führer war wieder viel zu human, viel zu gefühlvoll“. Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht deutscher und italienischer Soldaten. S. Fischer, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-596-18872-7.
- mit Simon Ball, Philipp Gassert und Andreas Gestrich: Cultures of Intelligence in the Era of the World War. Oxford University Press, Oxford 2020 (= Studies of the German Historical Institute, London).
Theater
Weblinks

Commons: Sönke Neitzel – Sammlung von Bildern, Videos und AudiodateienEinzelnachweise
- Eckart Conze: Rezension zu: Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte. Berlin 2020. In: H-Soz-Kult, 5. Mai 2021
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