aus e-mail von Doris Pumphrey, 18. September 2025, 18:49 Uhr
Berliner Zeitung 18.9.2025
<https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/ihre-frage-zeigt-einen-teil-des-problems-gabriele-krone-schmalz-ueber-israelkritik-und-antisemitismus-li.2357476>
*„Ihre Frage zeigt einen Teil des Problems“:
Gabriele Krone-Schmalz über Israelkritik und Antisemitismus
*Die frühere ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz polarisiert mit
scharfer Kritik an Israels Vorgehen im Gaza-Krieg.
Den Begriff Antisemitismus hält sie für „sinnentleert“. Warum?
Sophie-Marie Schulz
Kritik: Ein unscheinbares Wort, das einem schnell über die Lippen geht
und doch schwer zu ertragen ist. Kritik kann Klarheit schaffen, Welten
verschieben, Gräben vertiefen und Feindschaften festigen. Die
Sprengkraft, die dieses schmale Wort mit sechs Buchstaben entfalten
kann, zeigt sich besonders dann, wenn es auf ein Terrain trifft, das
längst zum Minenfeld geworden ist – wie die Debatten über den Nahostkrieg.
Wer Israels Regierungspolitik infrage stellt, riskiert den Vorwurf des
Antisemitismus. Wer schweigt, macht sich schuldig. Wer das Vorgehen in
Gaza für richtig hält, wird zum Befürworter eines Völkermords erklärt.
Ein Spannungsfeld, in das sich die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz
bewusst begibt. Auf einer Friedensdemonstration in Berlin verurteilte
sie zwar den Terrorangriff der Hamas, sprach zugleich aber von einem
„Völkermord in Gaza“ – mit der Begründung, sie sehe als Deutsche keinen
Anlass, „die Angriffe in Gaza zu tolerieren, nur weil es sich bei den
Tätern um Juden handelt“.
Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht Krone-Schmalz über ihre
umstrittenen Aussagen, über „die Sinnentleerung“ des
Antisemitismusbegriffs und darüber, warum sie glaubt, dass der
öffentliche Diskurs in Deutschland seine Unterscheidungsfähigkeit verliert.
/Frau Krone-Schmalz, Sie haben auf einer Friedenskundgebung den Angriff
der Hamas verurteilt, gleichzeitig aber von einem „Völkermord in Gaza“
gesprochen. Können Sie erläutern, wie Sie zu dieser Bewertung kommen?/
Schauen Sie sich die Berichte von Amnesty International, von Ärzte ohne
Grenzen und vielen anderen an, darunter Genozidforscher, Historiker und
Völkerrechtler, nicht zuletzt auch aus Israel selbst. Da ist explizit
von Völkermord die Rede oder zumindest von „genozidalen Handlungen“. Wie
soll man das denn auch anders nennen, wenn durch die Politik Israels
nicht nur Mitglieder der Hamas verfolgt werden, sondern die
palästinensische Bevölkerung insgesamt getroffen und u.a. dadurch
ausgelöscht wird, dass man ihnen die Lebensgrundlage entzieht.
Wohnhäuser werden gezielt zerstört, die Wasserinfrastruktur wurde
gezielt lahmgelegt, die Versorgung mit Lebensmitteln und
lebensnotwendigen Medikamenten wird verhindert etc. Eine
UN-Sonderkommission ist bereits im November 2024 zu dem Schluss
gekommen, dass die Politik und die Praktiken Israels mit den Merkmalen
eines Völkermords übereinstimmen. Und erst am vergangenen Dienstag hat
eine UN-Kommission erneut von Völkermord gesprochen.
/Was verstehen Sie unter Antisemitismus? /
Wenn Menschen aufgrund Ihres Jüdischseins, ihrer Zugehörigkeit zum
Judentum ausgegrenzt, beleidigt, angegriffen oder mit Hass verfolgt
werden. Das ist Antisemitismus. Wenn ein jüdischer Mensch Dinge tut, die
bei jeder anderen Religionszugehörigkeit verurteilt bzw. zu
strafrechtlichen Konsequenzen führen würden, dann hat es nichts mit
Antisemitismus zu tun, wenn man diese Verfehlungen beim Namen nennt. Ein
Jude, der einen Mord begeht, ist in erster Linie ein Mörder, und dann
eben zufällig Jude, Christ, Moslem, Hindu oder was auch immer.
/Worauf ich hinaus will: Sie sagten in Ihrer Rede, Sie „schämten sich
für die Sinnentleerung des Begriffs Antisemitismus“. Was genau meinen
Sie damit und in welchen Situationen wird Ihrer Ansicht nach heute zu
Unrecht von Antisemitismus gesprochen?/
Ja, ich schäme mich für die Sinnentleerung. Antisemitismus hat in
Deutschland zu fürchterlichen Auswüchsen geführt, zu unendlichem Leid,
das man sich nicht vorstellen mag, da empfinde ich es als Beleidigung
derjenigen, die unter Antisemitismus gelitten haben und leiden, wenn
jetzt nahezu jede Kritik an Israel mit dem Hinweis auf Antisemitismus
unmöglich gemacht werden soll. Hier zeigt sich etwas, das sich aus
meiner Sicht auch auf vielen anderen Gebieten schädlich auswirkt: die
mangelnde Differenzierung. Die Politik einer israelischen Regierung ist
die Politik einer israelischen Regierung und keine Politik des Judentums.
/In Ihrer Rede verwiesen Sie darauf, dass sich die in Deutschland
ermordeten Juden „im Grabe umdrehen würden“, wenn sie wüssten, in
welchem Kontext der Begriff Antisemitismus verwendet wird. Wie kommen
Sie dazu, für diese Menschen zu sprechen – gerade als Nicht-Jüdin?/
Es liegt mir fern, im Namen anderer zu sprechen, und wenn das so
aufgefasst werden kann, dann tut es mir leid. Aber ich nehme für mich in
Anspruch, mit deutlichen Worten das auszudrücken, was ich empfinde. Und
ich bin sehr sicher, dass die Opfer einer menschenverachtenden
antisemitischen Politik Wert darauf legen würden, dass dieser Begriff
nicht dadurch missbraucht und entwertet wird, dass er als
Totschlagargument herhalten muss, um inhaltliche Diskussionen zu
vermeiden. Vielleicht darf ich Ihnen an dieser Stelle eine kleine
Geschichte erzählen. Es war noch in der Volksschule, ich war wohl so
sieben oder acht Jahre alt und unsere Klassenlehrerin, die ich sehr
mochte, hat uns von grausamsten Menschenversuchen im Dritten Reich
erzählt. Die Details weiß ich heute noch und ich war geschockt und
verwirrt. Sie schloss die Stunde mit dem Hinweis, dass auch wir, die wir
hier sitzen, diese Schuld tragen. Zu Hause habe ich davon erzählt und
war hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl von Wut, dass niemand diese
abscheulichen Dinge verhindert hat, und abgrundtiefer Traurigkeit, daran
auch irgendwie schuld zu sein. Mein Vater hat mir dann erklärt, dass ich
niemals vergessen dürfe, was da passiert ist, und vor allen Dingen alles
dafür tun müsse, dass sich so etwas nie wiederholt. Gleichzeitig hat er
mich ermutigt, nicht mein Leben lang mit gesenktem Kopf und gebeugtem
Rücken durch die Welt zu laufen, denn in dieser Haltung sei die Chance,
diese Aufgabe erfüllen zu können, gering. Das hat mich sehr geprägt und
ich versuche diesem Rat gerecht zu werden.
/Gibt es für Sie eine Grenze, an der Kritik an Israel in Antisemitismus
umschlägt? Wenn ja: Wo verläuft diese Grenze konkret?/
Eigentlich dürfte das kein Problem sein: Sobald die Politik eines Landes
beziehungsweise die Äußerungen und Handlungen seiner politischen
Entscheidungsträger kritikwürdig sind, muss diese Kritik möglich sein.
Unabhängig davon, ob es sich um Israel oder irgendein anderes Land
handelt. Vielleicht hilft bei der Überlegung Folgendes. Es gibt ja auch
den Begriff Antiamerikanismus. Der wurde recht oft genutzt, wenn vor der
Amtszeit Trumps Kritik an US-amerikanischer Politik geübt wurde. Das hat
sich jetzt unter Trump geändert. Seit Trump Präsident ist, kann man
Kritik äußern, ohne sich gleich den Vorwurf des Antiamerikanismus
einzuhandeln. Das zeigt, wie unbrauchbar solche Begriffe in diesen
Zusammenhängen sind.
/Der Bundesverband RIAS dokumentierte 2024 8627 antisemitische Vorfälle
in Deutschland. Fast 24 pro Tag. Ein Anstieg um 77 Prozent gegenüber dem
Vorjahr. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein warnt vor kollektiven
Schuldzuweisungen an Jüdinnen und Juden im Kontext des Gaza-Kriegs. Wie
ordnen Sie diese Zahlen ein?/
Ich denke, da muss man zwei Dinge betrachten. Ich gehe davon aus, dass
diese rigide Auslegung von Antisemitismus – also nahezu jede Kritik an
israelischer Politik in diese Schublade zu packen – viele Menschen aus
Wut und Verzweiflung darüber, dass sie mit ihrer Kritik nicht nur nicht
gehört, sondern verdammt werden, in die Arme derjenigen treibt, denen
man zu Recht den Vorwurf des Antisemitismus machen kann. Und der zweite
Punkt: Es lohnt sich, einmal genauer hinzusehen, was als Antisemitismus
gewertet wird. Ich habe mir in meinem Buch „Respekt geht anders“ unter
anderem ein Projekt der Zeit-Stiftung aus dem Jahr 2019 mit dem Titel
„Stoppt Antisemitismus“ angeschaut. Da wurden Beispiele aufgelistet, um
Antisemitismus zu erkennen. Und einige dieser Beispiele haben mich doch
sehr irritiert. Ich nenne Ihnen zwei. Das erste stammt aus einer
Podiumsdiskussion. Dort heißt es: „Der Holocaust ist eine Schande. Ich
pflege die Stolpersteine bei mir im Dorf. Ich achte darauf, dass nichts
in Vergessenheit gerät. Aber das, was die Israelis in Palästina machen,
das geht einfach gar nicht.“ In der Begründung wurde unter anderem
bemängelt, dass derjenige den Holocaust mit der Nahostpolitik verknüpfe.
Vielleicht hat er diesen Anfangssatz aber schlicht nur deswegen gesagt,
um seine Haltung klarzumachen: Ich bin kein Antisemit, auch wenn ich die
israelische Politik kritisiere. Das zweite Beispiel ist kurz:
„Israelkritik muss erlaubt sein.“ Wenn es eine solche Aussage in eine
Sammlung antisemitischer Zitate schafft, wer soll sich dann noch trauen,
israelische Politik mit genau den Maßstäben zu bewerten, die für andere
Länder ganz selbstverständlich gelten? – Darum geht es mir.
/Zahlreiche jüdische Stimmen in Deutschland sagen, sie fühlen sich durch
Pro-Palästina-Demonstrationen,auf denen immer wieder
verfassungsfeindliche Parolen gerufen werden, verunsichert und bedroht.
Was sagen Sie diesen Menschen oder anders gefragt: Halten Sie ihre
Sorgen für unbegründet? /
Nein, überhaupt nicht. Ich verstehe diese Sorgen gut. Aber gerade
deshalb hielte ich es für wichtig, verbal abzurüsten und nicht jede
propalästinensische Aktion von vornherein unter Antisemitismus-Verdacht
zu stellen.
/Hat Deutschland aus Ihrer Sicht aufgrund der Schoah eine besondere
Verpflichtung, Antisemitismus konsequenter entgegenzutreten und wie
lässt sich diese Grundhaltung mit einer kritischen Positionierung zur
israelischen Politik vereinbaren? /
Oh ja, diese besondere Verpflichtung hat Deutschland in der Tat. Aber
der kann Deutschland nur nachkommen, wenn die Politik in sich schlüssig
und glaubwürdig ist. Die Lehre aus Auschwitz kann doch nicht sein,
Menschen einer Religionszugehörigkeit mit Blick auf das erlittene Leid
auf ewig einen Blankoscheck auszustellen? Wie wollen Sie das denn den
Menschen vermitteln, die jetzt die Opfer sind? Und ich spreche von
unschuldigen Zivilisten, in erster Linie Kinder, Kranke und alte Leute.
/Glauben Sie, dass Ihre Art, über Israel zu sprechen, Friedenslösungen
fördert oder eher Gräben vertieft?/
Ihre Frage zeigt einen Teil des Problems: Denn sie impliziert im Grunde,
dass so wie ich über Israel spreche – also Kritik der
menschenverachtenden Politik –, ein Problem mit Blick auf Antisemitismus
darstellt. Israelkritik und Antisemitismus sind zwei verschiedene Dinge.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, Menschen
miteinander ins Gespräch zu bringen, wenn man erstens Dinge konkret und
direkt anspricht und zweitens sein Gegenüber respektiert.
/Was wäre aus Ihrer Sicht eine realistische Lösung des Konflikts, die
Gewalt beendet und beiden Bevölkerungen Sicherheit garantiert? /
Es liegen beziehungsweise lagen ja genug Vorschläge auf dem Tisch, wie
man Palästinensern ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes staatliches
Dasein ermöglicht, ohne das Existenzrecht Israels infrage zu stellen.
Ich denke, eine Zweistaatenlösung wäre eine gute Möglichkeit gewesen,
die allerdings – soviel ich weiß – von israelischer und auch
US-amerikanischer Seite nie ernsthaft verfolgt worden ist. Und jetzt?
Mir fehlt die Fantasie, wie man angesichts der vollendeten Tatsachen
sowohl im Gazastreifen als auch und vor allem im Westjordanland eine
praktikable Zweistaatenlösung realisieren wollte, unabhängig davon, dass
es das Letzte ist, was Israel will. Die Dinge sind dermaßen verfahren,
dass es vermutlich nicht mehr die Wahl zwischen guten und schlechten
Lösungen gibt, sondern nur noch zwischen schlechten und ganz schlechten.
/Sehen Sie aktuell politische Akteure oder Bewegungen, die einen solchen
Ansatz glaubwürdig verfolgen?/
Wenn Sie damit politische Akteure in Israel meinen: Nein.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.