Tatsächlich hatte Selenskyj immer wieder darauf beharrt, dass die
Ukraine für einen Friedensschluss belastbare Sicherheitsgarantien
bräuchte. Entweder als Mitglied der Nato oder nach Nato-Vorbild. Das
wäre nun der Fall. Damit wären einige Punkte des Friedensplans wie die
Reduzierung der ukrainischen Armee auf 600.000 Soldaten (aktuell sind
es rund 850.000) wohl besser verkraftbar.
Weiter extrem hohe Hürden für Friedensabkommen
In der Ukraine und europäischen Hauptstädten ist die Furcht groß, dass
Russland einen Waffenstillstand oder Friedensschluss nutzt, um
aufzurüsten und dann erneut gegen die Ukraine oder andere europäische
Staaten zuzuschlagen. Dennoch bleiben vor einem Friedensschluss extrem
hohe Hürden, vor allem, was die Vorschläge im 28-Punkte-Plan für die
Gebietsabtretungen betrifft. Demnach soll der gesamte Donbass an
Russland fallen, eine Forderung, die Moskau seit Monaten stellt.
Die Gebiete im Donbass, die Russland bisher nicht besetzt hält, sollen
eine entmilitarisierte Zone unter der Verwaltung Russlands werden.
Auch die Krim fällt offiziell und international anerkannt an Russland.
In den anderen Gebieten – Cherson und Saporischschja – wird die
Frontlinie eingefroren und faktisch zur neuen Staatsgrenze zwischen
Russland und der Ukraine. Aus kleineren Gebieten in Sumy und Charkiw
zieht sich Russland zurück.
Das Problem: Der ukrainische Präsident muss laut ukrainischer
Verfassung über Gebietsabtretungen abstimmen lassen. Derzeit spricht
sich eine Mehrheit der Ukraine gegen Gebietsabtretungen aus.
Ziel der Ukraine war es bisher, dass die von Russland besetzten
Gebiete eine Art autonomen Status bekommen und nicht international als
russisches Territorium anerkannt werden und ihr genauer Status in
Zukunft entschieden werden kann. In Trumps Friedensplan würden die
ostukrainischen Gebiete offiziell als russisches Staatsgebiet
anerkannt. (…)
——
siehe auch:
https://www.axios.com/2025/11/21/ukraine-security-guarantee-nato-article-5-trump
(in der angebotenen deutschen Übersetzung)
20. Nov., 2025 - Welt <https://www.axios.com/world>
Trump-Friedensplan für die Ukraine beinhaltet Sicherheitsgarantie nach NATO-Stil
Barak Ravid <https://www.axios.com/authors/barak_ravid>
Präsident Trumps Friedensplan für die Ukraine enthält eine
Sicherheitsgarantie nach dem Vorbild des NATO-Artikels 5, die die USA
und die europäischen Verbündeten verpflichten würde, einen Angriff auf
die Ukraine als Angriff auf die gesamte "transatlantische
Gemeinschaft" zu behandeln, so ein Entwurf, der von Axios erhalten
wurde.
Warum es wichtig ist: Trumps Plan verlangt schmerzhafte Zugeständnisse
von der Ukraine, aber er beinhaltet auch ein beispielloses
Versprechen. Präsident Wolodymyr Selenskyjs oberstes Ziel bei
Friedensgesprächen ist es, eine robuste US-amerikanische und
europäische Sicherheitsgarantie zu erhalten, und dies ist das erste
Mal, dass Trump bereit ist, eine auf den Tisch zu legen. (…)
——
12. Berl. Z.: Warum Merz von den Ukraine-Verhandlungen wusste – und dennoch untätig blieb
https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/panik-in-berlin-hat-merz-ukraine-verhandlungen-verpennt-li.10006798
Kanzler ignorierte Geheimpapier
Warum Merz von den Ukraine-Verhandlungen wusste – und dennoch untätig blieb
Europa verfällt in Panik, weil Washington, Kiew und Moskau im Geheimen über einen Frieden verhandeln.
Doch Merz wusste seit längerem von den Gesprächen. Warum hat er nicht reagiert?
<https://www.berliner-zeitung.de/autoren/alexander-dergay--li.2353197>Alexander Dergay <https://www.berliner-zeitung.de/autoren/alexander-dergay--li.2353197>
22.11.2025, 11:53 Uhr
Nach einem ersten Schreckmoment gab sich das Kanzleramt überrascht.
Man habe keine Kenntnis von amerikanisch-russischen Gesprächen über
einen Ukraine-Friedensplan, sagte Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU)
am Dienstag. Die Aussagen des wichtigen US-Sondergesandten Steve
Witkoff seien „durchaus verstörend“, erklärt er bei RTL und ntv.
Es mutete an, „als ob Putin damit Kriegsziele erreichen könnte, die er
auf dem Schlachtfeld nicht erreicht hat“. Auch Wadephul versichert,
die Bundesregierung sei über den 28-Punkte-Plan nicht „gebrieft worden“.
Die Fakten sprechen allerdings eine andere Sprache: Der Berliner
Zeitung liegen übereinstimmende Berichte vor, wonach das Kanzleramt
bereits am 4. November über den Friedensplan informiert wurde.
Sicherheitskreise, die den Kanzler und seinen Stab in geopolitischen
Angelegenheiten beraten, sollen sogar schon am 29. Oktober Bescheid
gewusst haben.
Auch deutsche Nachrichtendienste kannten die Details, der Nationale
Sicherheitsrat diskutierte sie am 11. November. Der Entwurf wurde über
gesicherte Kanäle ins Kanzleramt getragen, begleitet von Signalen,
dass an einem Deal zur schrittweisen Konfliktbeilegung unter
Einbeziehung der Ukraine gearbeitet werde.
Das Auswärtige Amt verwies in einer Antwort auf eine Anfrage der
Berliner Zeitung auf „verschiedenste Äußerungen des Außenministers zu
diesem Thema“ und verwies auf das Kanzleramt. Dieses antwortete
vorerst nicht auf eine Anfrage der Berliner Zeitung.
Ein US-Beamter bezeichnete gegenüber Axios den Plan als „lebendiges
Dokument“, das in weiteren Gesprächen angepasst werden könne. Die
Ukraine habe sich zu vielen Punkten positiv geäußert und eigene
Positionen einbringen können. Präsident Wolodymyr Selenskyj selbst
signalisierte, Kiew werde seinen Beitrag leisten, um den Plan
„wirklich sinnvoll“ zu gestalten.
Merz verpennt Anschluss an die Realität
Am Freitag brach schließlich offene „Panik“ in den EU-Hauptstädten
aus, wie Politico und die Financial Times (FT) übereinstimmend
berichten. Merz sagte kurzfristig Termine ab, die EU-Chefs führten
hektische Krisentelefonate. Plötzlich war allen klar, dass die
entscheidenden Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine
ohne Wissen der Europäer und europäische Beteiligung liefen.
Brüssel und Berlin versuchten am Donnerstag, die EU an den
Verhandlungstisch zu bringen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas
forderte, die EU müsse bei allen Friedensbemühungen einbezogen werden.
Bisher hat die EU allerdings keine eigenen Initiativen zur Beendigung
des Kriegs vorgelegt.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird nach Angaben aus
ukrainischen und britischen Regierungskreisen mit Merz, Frankreichs
Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premierminister Keir
Starmer am Freitagmittag telefonisch über den Entwurf des US-Plans für
die Ukraine beraten.
Dabei hatte Europa Chancen zur Beteiligung. Der ukrainische Präsident
stattete seinen Sicherheitsberater Rustem Umjerow mit einem
Verhandlungsmandat für informelle Gespräche mit dem Trump-Gesandte
Witkoff aus. Laut Axios-Quellen wurden viele von Umjerows Kommentaren
in den 28-Punkte-Plan aufgenommen.
An den Gesprächen war auch ein ranghoher katarischer Vertreter
beteiligt. Witkoff führte zuvor ausführliche Diskussionen mit dem
russischen Gesandten Kirill Dmitrijew.
Die Verschiebung eines geplanten Treffens erfolgte nach US-Angaben,
weil Selenskyj von den mit Umjerow erzielten Verständigungen abrückte
und stattdessen mit einem gemeinsam mit europäischen Partnern
entworfenen Plan nach Ankara reiste, einem Plan, den Russland „niemals
akzeptieren“ werde, so ein US-Beamter.
Die ukrainische Seite begründete die Verschiebung damit, dass
Selenskyj den Plan in einem breiteren Format unter Einbeziehung
europäischer Länder diskutieren wolle.
Moskau sucht Ansprechpartner in Europa und findet sie nicht in Berlin
Als besonders problematisch wird von Beobachtern die Rolle
Deutschlands und seines Bundeskanzlers gesehen: Russland suchte
explizit den Draht nach Berlin. Quellen mit unmittelbarer Kenntnis
berichten, die russische Verhandlungsseite habe proaktiv versucht,
Deutschland an den Tisch zu holen.
Moskau brauche einen westeuropäischen Ansprechpartner für eine neue,
nachhaltige Sicherheitsarchitektur auf dem europäischen Kontinent. Die
historische Verantwortung Deutschlands – 26 Millionen getötete
Sowjetbürger, darunter vor allem Ukrainer und Russen, im Zweiten
Weltkrieg – sowie Deutschlands Einfluss in Europa machten Berlin zum
natürlichen Gesprächspartner.
Doch weil Berlin „geopolitisch den Geisterfahrer“ spiele, orientieren
sich die Russen zunehmend nach London. Tony Blair würde dabei eine
zentrale Rolle spielen – kein Regierungsvertreter, aber einer, der mit
seinem Thinktank bestens vernetzt ist. Auch in den Nicht-Westen. Er
war am Gaza-Plan beteiligt, Gerüchte in sozialen Medien sprechen von
einer Friedensnobelpreis-Kandidatur für das kommende Jahr.
Putin kennt den langjährigen britischen Premier aus Zeiten der
geheimdienstlichen Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung und während
des Afghanistan-Krieges. Anders als Blair, sind sich Merz und Putin
noch nie begegnet.
Persönliche Kontakte und die Überwindung von Misstrauen sind aus der
Sicht erfahrener Diplomaten die Grundvoraussetzung zur Klärung der
scheinbar unüberwindbarer Differenzen.
Es wird in diesem Zusammenhang an Adenauers Reise nach Moskau
erinnert: Nach reichlich Wodka kam die Einigung, Zehntausende deutsche
Gefangene aus sibirischen Lagern 1955 zurückkehren. Mut zur mehr
Adenauer, oder Angst vor einem Shitstorm aus den sozialen Medien – vor
dieser Frage steht Merz offenbar.
Trotz und Selbstmitleid in der EU
Die EU hat sich bisher selbst aus dem Spiel genommen, „mit
verschränkten Armen und Schmollmund“, wie ein Diplomat bemerkte. Die
Erwartung, jede relevante Initiative müsse zuerst in Brüssel
vorstellig werden, stößt in Kiew zunehmend auf Unverständnis. Dort
fragt man sich offen, wie lange man noch auf einen Partner warten
soll, der jede Lösung, die nicht den eigenen unrealistischen
Maximalpositionen entspricht, routiniert abblockt.
Im Vorfeld zum nun publik gewordenen Witkoff-Plan gab es bereits
Geheimtreffen zwischen ukrainischen und russischen Akteuren aus
Elitezirkeln beider Länder sowie Staatsangehörige mit Pässen der EU,
Israels und der USA. Die Treffen zogen sich über mehrere Orte: Moskau,
Genf, Bodrum, Istanbul und Dubai.
In diesen Formaten entstand ein erster Fahrplan zu zentralen Fragen
wie möglichen Sicherheitsgarantien nach Vorbild von Artikel 5 der Nato
und der Finanzierung des Wiederaufbaus.
Der Kreml befasste sich tatsächlich mit den Vorschlägen der
Initiative, die die Grundlage für die aktuellen
Friedensplan-Verhandlungen bildeten. Ein Teilnehmer formulierte es
bemerkenswert deutlich: „Interessanterweise sind die persönlichen und
freundschaftlichen Kontakte zwischen Ukrainern und Russen viel aktiver
und enger als jene zwischen Westeuropäern und der Ukraine.“
Der aktuelle, 28 Punkte umfassende Witkoff-Plan ist unvollständig und
in Teilen weder für die Ukraine noch für Russland akzeptabel. Doch er
markiert Bewegung, wo Europa unbeweglich bleibt. Diese informelle
Diplomatie – in Fachkreisen Track 2-Diplomatie genannt, ist vor allem
von der Sorge motiviert, dass eine Fortsetzung des Krieges beide
Gesellschaften an den Rand der Selbstzerstörung führen würde. Deshalb
wurden die wichtigsten Interessen beider Seiten so formuliert, dass
sie überhaupt verhandelt werden können.
Aus Moskau heißt es inzwischen nüchtern: „Natürlich ist eine
konstruktive Beteiligung der Westeuropäer an diesem Prozess
unerlässlich. Nur dann werden wir Ergebnisse sehen.
—
siehe auch:
https://www.dw.com/de/bundeskanzler-friedrich-merz-ukraine-frieden-kapitulation-europa-bundestag-russland-krieg/a-74903987
Kanzler Merz: Kein Frieden durch Kapitulation in der Ukraine
Jens Thurau <https://www.dw.com/de/jens-thurau/person-18402623>
vor 18 Stunden
In der Generaldebatte des Bundestages warnt Bundeskanzler Friedrich Merz vor einem
Ukraine-Friedenschluss ohne Europa. Die oppositionelle AfD zeichnet ein düsteres Deutschland-Bild.
und:
https://www.zeit.de/2025/50/krieg-ukraine-russland-verhandlungen-usa-europa
Ukraine-Verhandlungen: Fliegt dieser Frieden?
Bei den Verhandlungen über ein Ende des Kriegs in der Ukraine geht es
den USA und Russland auch darum, ihre Einflusssphären abzustecken.
In den Augen von Trump und Putin stören die Europäer dabei nur.
Von Jörg Lau <https://www.zeit.de/autoren/L/Joerg_Lau/index.xml>, Dr. Anna Sauerbrey <https://www.zeit.de/autoren/S/Anna_Sauerbrey/index> und Michael Thumann <https://www.zeit.de/autoren/T/Michael_Thumann/index.xml>
Aus der ZEIT Nr. 50/2025 <https://www.zeit.de/2025/50/index> 26. November 2025
Also gibt es so etwas wie einen Plan für die Beendigung des Krieges in
der Ukraine: Die Russen bekämen einen Teil der eroberten Gebiete, die
Ukrainer Sicherheitsgarantien.
Er ist das Ergebnis einer beispiellosen diplomatischen Notoperation,
mit der die Europäer einen Vorschlag der Amerikaner umgeschrieben
haben, bei ständiger Änderung der Lage. Aus 28 Punkten wurden ein paar
weniger und die - aus europäischer Sicht - weitreichendsten
Zugeständnisse an Wladimir Putin tauchen nicht mehr auf.
————
13. IPPNW: 28-Punkte-Plan zum Ukrainekrieg - Die Politik der militärischen Konfrontation muss endlich beendet werden
https://www.ippnw.de/frieden/konflikte-kriege/artikel/de/28-punkte-plan-zum-ukrainekrieg.html
IPPNW-Pressemitteilung vom 21.11.2025
28-Punkte-Plan zum Ukrainekrieg
Die Politik der militärischen Konfrontation muss endlich beendet werden
21.11.2025. Die Friedensorganisation IPPNW sieht den US-Plan zu
Beendigung des Ukrainekrieges als Grundlage zu Verhandlungen für einen
Waffenstillstand in der Ukraine, damit das Töten, das unermessliche
Leid und die Zerstörung endlich ein Ende haben.
Allerdings bleibt abzuwarten, ob der einseitig diktierte Vorschlag der US-
Regierung zu direkten Gesprächen zwischen den Kriegsparteien führen wird.
Für eine nachhaltige tragfähige Friedenslösung ist die Beteiligung der
Ukraine und Europas sowie der Vereinten Nationen notwendig. Es braucht
UN-Sicherheitsgarantien für die Ukraine statt US-Sicherheitsgarantien,
es braucht Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und Versöhnung statt Amnestie.
Ein wichtiger Punkt des US-Plans ist der Vorschlag zur Verlängerung
der START-Verträge zur Reduzierung und Begrenzung strategischer
Trägersysteme und nuklearer Sprengköpfe, der nächstes Jahr im Frühjahr ausläuft.
Für die Sicherheit in der Bundesrepublik und in Europa muss es darüber
hinausgehende Vereinbarungen zwischen den USA und Russland zur
Rüstungskontrolle geben. Die Bundesregierung sollte sich im
Verhandlungsprozess dafür einsetzen.
Der gegenseitige Verzicht auf die Stationierung von
Mittelstreckenwaffen sowohl in Deutschland als auch in Belarus und
Kaliningrad könnte ein Ergebnis von weiteren Verhandlungen sein, um
die Gefahr einer militärischen Eskalation in Europa zu reduzieren.
Mit den ab 2026 geplanten Marschflugkörpern, Raketen und
Hyperschallwaffen in Deutschland sollen erstmals seit 1991 wieder
Mittelstreckenwaffen auf deutschem Boden stationiert werden, die Ziele
weit in Russland treffen können.
Die Bundesregierung plant zudem den Kauf des mobilen Startsystems
„Typhon“, von dem Mittelstreckenwaffen mit einer Reichweite von über
1.600 Kilometern gestartet werden. Damit wären konventionelle Angriffe
auf die russische militärische Infrastruktur und das russische
Frühwarnsystem möglich.
„Die Politik der Konfrontation ist hochgefährlich und muss nun endlich
beendet werden. Sie setzt unsere Sicherheit aufs Spiel. Die
Bundesregierung und die EU müssen in der Ukrainepolitik nun endlich
einen Strategiewechsel vollziehen.
Jetzt rächt sich, dass die EU und die Bundesregierung in den
vergangenen Jahren weder diplomatische Initiativen anderer Staaten
unterstützt haben noch eigene diplomatische Initiativen eingebracht
haben. Die Realität ist, dass Waffenstillstand und Frieden in der
Ukraine von keiner der beiden Kriegsparteien mit militärischen Mitteln
zu erreichen ist.
Deshalb braucht es Diplomatie und Verhandlungen für einen
Waffenstillstand“, so die IPPNW-Vorsitzende Dr. Angelika Claußen.
--------
14. MPG: Gaza: Studie zeigt beispiellose Verluste an Menschenleben und Lebenserwartung
https://www.mpg.de/25776334/1125-defo-gaza-studie-zeigt-beispiellose-verluste-an-menschenleben-und-lebenserwartung-154642-x
Gaza: Studie zeigt beispiellose Verluste an Menschenleben und Lebenserwartung
Forschende haben die Opferzahlen des anhaltenden Konflikts mithilfe
eines statistischen Modells analysiert, das Datenunsicherheiten
berücksichtigt
25. November 2025
Auf den Punkt:
Steigende Todeszahlen: Eine Studie des Max-Planck-Instituts für
demografische Forschung (MPIDR) und des Centre for Demographic Studies
(CED) hat die Auswirkungen des Konflikts in Gaza auf die Sterblichkeit
untersucht.
Lebenserwartung stark gesunken: Die Lebenserwartung in Gaza ist im
Jahr 2024 auf weniger als die Hälfte des ohne Krieg zu erwartenden
Niveaus gefallen.
Datenanalyse: Forschende des Max-Planck-Instituts für demografische
Forschung und des Centre for Demographic Studies nutzen ein
statistisches Modell, das die großen Unsicherheiten auf Grund der
geringen Datenverfügbarkeit berücksichtigt.
Ein Team des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR)
und des Centre for Demographic Studies (CED) hat die Auswirkungen des
Konflikts in Gaza auf die Sterblichkeit untersucht. Sie schätzen, dass
zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Dezember 2024 78.318 (70.614
– 87.504) Menschen in Gaza getötet wurden.
Infolgedessen sank die Lebenserwartung in Gaza im Jahr 2024 auf
weniger als die Hälfte des ohne Krieg zu erwartenden Niveaus. Eine
Aktualisierung ihrer Analyse, die nach der Veröffentlichung der Studie
erstellt wurde, ergab, dass die Zahl der gewaltsamen Todesfälle
derzeit wahrscheinlich 100.000 übersteigt. (…)
-----
15. IPG: Leben in der roten Zone -
Der Trump-Plan spaltet den Gazastreifen und verstetigt das Elend – und der UN-Sicherheitsrat spielt mit.
https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/leben-in-der-roten-zone-8691/?utm_campaign=de_40_20251120&utm_medium=email&utm_source=newsletter
Naher Osten/Nordafrika
20.11.2025
René Wildangel <https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/rene-wildangel/>
Leben in der roten Zone
Der Trump-Plan spaltet den Gazastreifen und verstetigt das Elend – und der UN-Sicherheitsrat spielt mit.
Mitte Oktober stellte Donald Trump mit großem Pomp seinen
„Friedensplan“ vor. Doch selbst dessen erste Stufe, der
„Waffenstillstand“ im Gazakonflikt, verdient diesen Namen kaum. Bei
nahezu täglichen israelischen Angriffen wurden bereits über 260
Palästinenser getötet, viele davon an der „gelben Linie“, mit der die
israelische Armee ihre Besatzungszone markiert hat.
Zwar sind das deutlich weniger Opfer als zuvor, doch vorbei sind die
Angriffe nicht. Die nun beschlossene UN-Sicherheitsrats-Resolution
2803 soll zur Stabilisierung beitragen, liefert jedoch ebenso wenig
Antworten auf zentrale Fragen wie Trumps Plan. Zudem drohen die
faktische Aufteilung Gazas und neu geschaffene Parallelstrukturen in
eine gefährliche Sackgasse zu führen.
Über eine Million Menschen, die meisten von ihnen Kinder, sind in Gaza
weiterhin schutz- und obdachlos und müssen in Behelfsunterkünften
zwischen den Trümmern leben.
Was passieren wird, wenn nun im beginnenden Winter starke Regenfälle
und Stürme einsetzen, ist bereits jetzt zu sehen: Zelte und
provisorische Konstruktionen wurden kürzlich überschwemmt, die wenigen
Gegenstände, die manche bei der Flucht noch retten konnten, gingen
verloren. Die geschwächte Bevölkerung leidet unter Kälte und
Krankheiten.
Besonders gravierend ist, dass die nach dem Waffenstillstand zugesagte
humanitäre Hilfe bis heute nur unzureichend geleistet wurde. Gaza
bleibt weiterhin weitgehend abgeriegelt: Lebensmittel gelangen nur in
unzureichendem Umfang hinein, Baumaterialien und medizinische Güter
nahezu gar nicht.
Auch nach dem Waffenstillstand verbietet Israel internationalen
Menschenrechtsorganisationen und ausländischen Journalisten den Zugang
zu Gaza. Ein Vorgang, für den es keine Rechtfertigung gibt. Der
Hintergrund liegt auf der Hand: die Sorge, weitere mutmaßliche
israelische Kriegsverbrechen könnten aufgeklärt werden. Vorsorglich
bezeichnete eine israelische Sprecherin eine künftig eventuell
mögliche Berichterstattung bereits im Vorfeld als „Propaganda“.
Nun sollen die USA mit dem im Süden Israels gelegenen, neu gegründeten
Civil Military Coordination Center (CMCC) eine stärkere Führungsrolle
vor Ort übernehmen. Das Zentrum soll den Waffenstillstand überwachen,
Hilfe koordinieren und den weiteren Prozess der Stabilisierung begleiten.
Neben US- und israelischen Kräften sind dort zahlreiche weitere
Staaten vertreten; auch Deutschland schickt drei hochrangige Offiziere
sowie Vertreter aus dem Auswärtigen Amt. Palästinensische
Repräsentanten haben dagegen keinen Zugang. Eine palästinensische
Selbstbestimmung steht ebenso wenig auf der Tagesordnung wie
Gerechtigkeit, die Aufklärung von Kriegsverbrechen oder irgendeine
Form internationaler Gerichtsbarkeit.
Mit der umfangreichen zivil-militärischen Zusammenarbeit holen die USA
ein Entwicklungsmodell aus der Mottenkiste, das bereits in Afghanistan
und im Irak krachend gescheitert ist.
Mit der umfangreichen zivil-militärischen Zusammenarbeit holen die USA
ein Entwicklungsmodell aus der Mottenkiste, das bereits in Afghanistan
und im Irak krachend gescheitert ist. Dabei wäre es durchaus möglich
gewesen, auch ohne dieses Konstrukt eine Öffnung des Gazastreifens und
den dringend benötigten, uneingeschränkten Zugang für alle
UN-Organisationen zu erreichen.
Dafür wäre freilich Druck auf die israelische Regierung nötig gewesen,
welche die Vereinten Nationen zum Feind erklärt hat und insbesondere
das Palästina-Hilfswerk UNRWA mit Verboten und einer beispiellosen
Verleumdungskampagne überzogen hat.
Währenddessen bestätigte ein jüngstes Gutachten des Internationalen
Gerichtshofes (IGH) nicht nur, wie zentral die UNRWA für die
Versorgung der Menschen in Gaza ist. Es stellte auch klar heraus, dass
für die weitreichenden Vorwürfe gegen die Organisation keine Belege
existieren.
Doch die eindeutige Stellungnahme des IGH hat jene, die die
UN-Organisation mit falschen Anschuldigungen verleumdet haben – so wie
Bundestagsabgeordnete verschiedener Parteien, vor allem aus der CDU,
die sogar die Auflösung des Hilfswerks forderten – nicht dazu bewegt,
sich zu entschuldigen oder ihre Meinung zu ändern. Im Gegenteil: Die
Bundesregierung enthielt sich offenbar auch auf deren Druck hin
erstmals bei einer Abstimmung über die Verlängerung des UNRWA-Mandats.
Das ist ein verheerendes außenpolitisches Signal, zumal in einem
Moment, in dem das Palästina-Hilfswerk dringender gebraucht wird denn je.
Auch die nun auf Druck der USA im UN-Sicherheitsrat verabschiedete
Resolution 2803 ignoriert die UNRWA und weist den Vereinten Nationen
höchstens eine Nebenrolle zu. Stattdessen werden die vagen Prozesse
und intransparenten Institutionen des „Trump-Plans“ faktisch bestätigt.
Selten hat der Sicherheitsrat eine Resolution beschlossen, die
handwerklich derart schwach ist und zugleich die Rolle der Vereinten
Nationen so massiv marginalisiert. Mitgetragen wurde sie von der
Mehrheit der Mitglieder, bei Enthaltung Russlands und Chinas, wohl
einerseits aufgrund des massiven Drucks der USA und andererseits aus
Sorge, sonst selbst in die Verantwortung genommen zu werden. Denn der
„Trump-Plan“ ist derzeit das einzige Konzept, auf das sich die
internationale Gemeinschaft überhaupt bezieht.
Abgesehen vom üblichen Verweis auf frühere Resolutionen – darunter
theoretisch auch Resolution 242 von 1967, die den Abzug Israels aus
den besetzten Gebieten fordert – sucht man in Resolution 2803
vergeblich nach Bezügen zum Völkerrecht oder zu internationalen
Institutionen.
Gleich zu Beginn begrüßt die Resolution stattdessen Trumps blumige
„historische Erklärung“ über „anhaltenden Frieden und Wohlstand“ in
Gaza und im Nahen Osten. Die Aussicht auf einen palästinensischen
Staat wird dagegen ans Ende geschoben. Wenn die Palästinensische
Autonomiebehörde „Reformen gewissenhaft ausgeführt hat und der
Wiederaufbau Gazas fortgeschritten ist, könnten endlich die
Voraussetzungen erfüllt sein für einen glaubhaften Weg zu
palästinensischer Selbstbestimmung und Staatlichkeit“, lautet der
zentrale Satz im Konjunktiv.
Auch die palästinensische Autorität wird auf diese Weise massiv
geschwächt – und das zu einem Zeitpunkt, an dem Israels
Sicherheitsminister Ben-Gvir öffentlich die Ermordung
palästinensischer Minister und die Inhaftierung von Präsident Abbas
fordert, sollte die Idee eines palästinensischen Staates
vorangetrieben werden.
Das ist zwar die extremste Position, doch auch Netanjahu und viele
andere israelische Politiker hetzen gegen die Palästinensische
Autonomiebehörde und schließen einen palästinensischen Staat
kategorisch aus.
Die USA haben im Rahmen des „Trump-Plans“ Parallelstrukturen
geschaffen, die nun von der internationalen Gemeinschaft abgesegnet
wurden.
Die USA haben im Rahmen des „Trump-Plans“ Parallelstrukturen
geschaffen, die nun von der internationalen Gemeinschaft abgesegnet
wurden: das CMCC, das Board of Peace und eine künftig eingesetzte
Technokraten-Regierung für Gaza. Der „Trump-Plan“ hat außerdem eine
Teilung Gazas etabliert, die nun dauerhaft zu werden droht.
Israel hat sich nach dem Krieg nicht aus dem gesamten Gazastreifen
zurückgezogen, sondern hält einen breiten Streifen im Osten und im
Süden besetzt – insgesamt 53 Prozent und damit den größeren Teil. Die
überwiegende Mehrheit der intern vertriebenen Bevölkerung Gazas lebt
dagegen im anderen, kleineren Teil des Gazastreifens.
Ironiefrei sprechen US-Beamte bereits von einer „grünen Zone“ – über
Jahre bezeichnete dieser Begriff den halbwegs sicheren Teil von
Bagdad, in dem sich die US-Botschaft befand, während im Rest der Stadt
Anschläge und Gewalt zum Alltag gehörten. Die „rote Zone“, in der die
Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung lebt, bleibt dagegen unter
Kontrolle der Hamas. Weder der „Trump-Plan“ noch die
Sicherheitsrats-Resolution 2803 bieten eine Antwort darauf, wie dieses
Dilemma gelöst werden kann.
Im besetzten Teil, der „grünen Zone“, hat die israelische Armee
bereits mehr als 1 500 Gebäude zerstört. Zudem wurden Gärten,
Obstplantagen und landwirtschaftliche Flächen vernichtet. Auch im
Umfeld von Gaza-Stadt kam es zu groß angelegten Zerstörungen, die sich
kaum mit einem „Waffenstillstand“ vereinbaren lassen. Nun kann dort
Schutt abgetragen und neu aufgebaut werden.
Allerdings geht dieser Wiederaufbau völlig an den Bedürfnissen der
Palästinenserinnen und Palästinenser vorbei und dürfte stattdessen von
den Investmentinteressen der USA und ihrer Partner am Golf geprägt
sein. Die große Mehrheit der Bevölkerung sitzt derweil als
Binnenvertriebene weiterhin in der völlig zerstörten „roten Zone“
fest, in der ein Wiederaufbau nicht möglich ist.
Dass die Bundesregierung angesichts der anhaltenden Angriffe, der
unzureichenden israelischen Kooperation bei Hilfslieferungen und der
eskalierenden Gewalt in der Westbank die Wiederaufnahme von
Rüstungsexporten ohne Ausnahmen beschlossen hat, ist besorgniserregend
und kontraproduktiv.
Statt nun alle Anstrengungen in die vagen, teils undemokratischen und
intransparenten Parallelstrukturen des „Trump-Plans“ zu investieren,
müsste die deutsche und europäische Außenpolitik gegenüber den USA auf
konkrete Schritte zur Verbesserung der Lage vor Ort drängen:
unbeschränkten Zugang für Hilfsorganisationen und UN-Organisationen
wie die UNRWA, für Journalisten sowie für Diplomaten; ungehinderte
Einfuhr von Hilfsgütern; die Aufklärung von Kriegsverbrechen;
Bewegungsfreiheit für Menschen aus Gaza, die für medizinische
Versorgung oder aus anderen Gründen ausreisen müssen, sowie die
verbindliche Zusicherung, dass sie nach Gaza zurückkehren können.
Mit ihrer Enthaltung zum UNRWA-Mandat hat die Bundesregierung die
Handlungsfähigkeit der Organisation weiter geschwächt, statt sie mit
Nachdruck zu stärken.
Wenn es kein grundlegendes Bekenntnis zur territorialen Integrität des
Gazastreifens als festen Bestandteil der palästinensischen Gebiete
gibt und stattdessen die Teilung des Territoriums zum Dauerzustand
wird, wird damit nicht nur ein zukünftiger palästinensischer Staat
unmöglich. Es ist dann auch nur eine Frage der Zeit, bis vor Ort neue
Konflikte und Gewalt ausbrechen.
——
16. Auswärtiges Amt: Putin richtet seinen Blick auf EU & NATO.
https://x.com/AuswaertigesAmt/status/1993340841084305814
Auswärtiges Amt
Putin richtet seinen Blick auf EU & NATO. Unsere Nachrichtendienste
sagen uns eindringlich: Mindestens schafft sich Russland die Option
auf einen Krieg gegen die NATO bis spätestens 2029. Wir müssen
gemeinsam mit unseren Partnern und Alliierten Russland abschrecken.
@AussenMinDE <https://x.com/AussenMinDE>
4:27 nachm. · 25. Nov. 2025 <https://x.com/AuswaertigesAmt/status/1993340841084305814>. 157.329. Mal angezeigt
——
17. YouTube/Der Spiegel: Schlittern wir in den Dritten Weltkrieg? Richard David Precht im Spitzengespräch
https://www.youtube.com/watch?v=tRuCpUKNewg
Schlittern wir in den Dritten Weltkrieg?
Richard David Precht im Spitzengespräch | DER SPIEGEL
Premiere am 09.04.2025
——
18. Die Zeit: Bundeswehrübung: Feuergefecht im U-Bahn-Tunnel
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-11/bundeswehr-uebung-hauserkampf-berlin-hauptstadt/komplettansicht
Bundeswehrübung: Feuergefecht im U-Bahn-Tunnel
Gewehrsalven dröhnen, Verwundete schreien: Die Bundeswehr übt den
Kampf gegen Separatisten. Anschläge auf die Bahn in Polen zeigen, wie
realistisch das Szenario ist.
Von Dr. Hauke Friederichs
19. November 2025, 14:25 Uhr Vermummte Soldaten rennen eine Treppe
hinunter, auf einen Bahnsteig und weiter in einen Tunnel hinein. Sie
sind mit Sturmgewehren bewaffnet, einer trägt ein Maschinengewehr.
Schreie sind zu hören, das Rattern automatischer Waffen hallt aus dem
Tunnel. Die Soldaten sollen die Lage in dem Tunnel aufklären, mögliche
Angreifer zurückdrängen oder gefangen nehmen.
Berlin in der Nacht zu Mittwoch, wenige Minuten vor zwei Uhr. Im
U-Bahnhof Jungfernheide simulieren Soldatinnen und Soldaten der Quick
Reaction Force der Bundeswehr den Kampf gegen bewaffnete Gegner,
sogenannte irreguläre Kräfte, die keine Uniformen tragen, deren
Herkunft nicht sofort zu erkennen ist.
In dem Szenario haben diese Angreifer einen U-Bahn-Zug mit vier
Waggons, der Bundeswehrangehörige transportierte, gewaltsam gestoppt.
Sie nennen sich Separatisten Havelland, mehr wissen die Soldatinnen
und Soldaten nicht, die sich in dem Tunnel zu der U-Bahn vorankämpfen,
während die Separatisten auf sie feuern. Weitere Soldaten riegeln den
Bahnhof von außen ab, bilden einen Sicherungsring. Scharfschützen
gehen in Stellung. Militärpolizisten mit Sprengstoffspürhund rücken an.
Separatisten, die gegen Soldaten kämpfen – das hat die Ukraine 2014
erlebt, als Russland die Krim besetzte und im Osten des Landes, im
Donbass, bewaffnete Milizen Gebiete annektierten. Nun trainiert die
Bundeswehr die Abwehr solcher Kräfte mitten in Berlin. Geschossen wird
mit Platzpatronen, die Verwundeten, die um Hilfe schreien, spielen
ihre Verletzungen nur. Sprengstoffanschläge auf die Eisenbahn in Polen
in dieser Woche zeigen, wie realistisch das Szenario ist.
Bollwerk Bärlin III heißt die Übung, die aus verschiedenen Einsätzen
an drei Orten besteht. Neben dem U-Bahnhof Jungfernheide nutzt die
Truppe auch die Fighting City in Ruhleben, ein Trainingsareal der
Landespolizei, und das Gelände des früheren Chemiewerks Rüdersdorf.
Dort übten in Fabrikgebäuden mit mehreren Stockwerken Soldaten den
Häuserkampf, sagt der Kommandeur des Wachbataillons, Maik Teichgräber.
Auch in Bremen oder Bayern
An trainierende Soldaten mitten in der Hauptstadt, daran ist Berlin
nicht gewöhnt. Die Bundeswehr hat die Anwohner mit Flyern vorgewarnt,
dazu eine Telefonhotline eingerichtet und einen Infotisch aufgebaut.
"Damit sich keiner wundert, wenn vermummte Soldaten aus ihren
Fahrzeugen steigen und in den U-Bahnhof laufen", sagt ein Sprecher.
Schließlich soll die Bevölkerung nicht beunruhigt werden.
Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 trainiert die
Bundeswehr wieder intensiv die Verteidigung Deutschlands – auch
außerhalb von abgesperrten Truppenübungsplätzen und Kasernen. In
Bremerhaven etwa übte das Militär im vergangenen Jahr bei der Übung
Fishtown Guard den Kampf in der Stadt. Im September dieses Jahres fand
in Hamburg dann Red Storm Bravo statt: Soldatinnen und Soldaten fuhren
in einem Konvoi durch die Stadt, simulierten den Umgang mit Störern
und Demonstranten und wehrten Drohnen ab.
Die Übungen inmitten des zivilen Lebens sind eine Herausforderung,
auch organisatorisch: Im bayerischen Erding unterlief den Akteuren ein
folgenschwerer Fehler: Polizisten rückten aus, nachdem ein Anrufer
einen Mann in Flecktarn mit einem Gewehr gemeldet hatte. Die
Polizisten wussten nichts von dem Bundeswehrtraining und eröffneten
das Feuer, der Mann wurde verletzt. Doch er war ein Soldat, der an der
Übung teilnahm.
Am Berliner U-Bahnhof Jungfernheide gibt es keine Missverständnisse,
BVG-Mitarbeiter betreuen die Soldaten, ein Polizeivertreter ist vor
Ort, alles läuft Hand in Hand. Und ebenso wenig Proteste gegen
Bollwerk Bärlin. Als gegen 1.10 Uhr die letzte U-Bahn einfährt,
schimpft auch kein Fahrgast über die vielen Uniformierten, die den
Bahnsteig bevölkern und die Übung vorbereiten. Das eigentliche
Training bekommt dann kein Passant mit. Hauptschauplatz ist das
Tunnelstück, das in den 1970er-Jahren gebaut wurde, aber nie Teil des
Bahnnetzes wurde.
Hybride Angriffe durch Saboteure, Attentäter und Spione sind eine neue
Gefahr für die Bundeswehr. Deutschland sei noch nicht im Krieg, aber
auch nicht mehr im Frieden, heißt es bei der Truppe, auch
Bundeskanzler Friedrich Merz spricht über die Bedrohung, die von
Russland ausgehe. Drohnen über Flughäfen, Kasernen und Kraftwerken,
Anschläge auf die Bahn, Mordpläne gegen Armin Papperger, den Chef von
Deutschlands größtem Rüstungskonzern Rheinmetall – die Liste der
hybriden Attacken, die größtenteils dem russischen Regime zur Last
gelegt werden, ist lang.
Ein Soldat wird am Bein getroffen