Eklat um Trumps “Friedensrat”, Zweifel an Sanktionen – und geht Lagarde?
lostineu.eu, 19. Februar 2026
Die Watchlist EUropa vom 19. Februar 2026 – Heute mit Nachrichten und Analysen zur europäischen Nahostpolitik und einem Alleingang der EU-Kommission, zum 20. Sanktionspaket gegen Russland und zu Gerüchten um die Chefin der Europäischen Zentralbank.
Diesen Newsletter können Sie abonnieren – er kommt dann dreimal pro Woche per Mail, natürlich ohne Paywall. Mehr bei STEADY
Wie hältst Du es mit dem „Friedensrat“ von US-Präsident Donald Trump? Über diese Frage ist ein heftiger Streit in Brüssel entbrannt. Der Grund: Die EU-Kommission und einige EU-Staaten nehmen am ersten Treffen des neuen Gremiums am Donnerstag in Washington teil, obwohl es der UNO und anderen internationalen Institutionen Konkurrenz macht.
Deutschland und Frankreich, die größten Mitgliedsländer, hatten eine Einladung zum „Friedensrat“ abgelehnt. „Wir haben einen Friedensrat, und das sind die Vereinten Nationen“, sagte Außenminister Wadephul. Trumps neuer Club rüttele an den Prinzipien der UNO, kritisierte Frankreichs Staatschef Macron.
Diese Bedenken werden von den meisten EU-Staaten geteilt. Dennoch wollen Italien, Rumänien und Zypern als Beobachter teilnehmen. Ungarn und Bulgarien sind dem „Friedensrat“ sogar beigetreten, ebenso wie die EU-Anwärter Albanien und Kosovo. Damit zeigt die viel beschworene Einheit der EU in der Außenpolitik erhebliche Risse.
Von der Leyen lässt sich vertreten
Für Empörung sorgt aber vor allem die Entscheidung der EU-Kommission, beim Start in Washington dabei zu sein. Behördenchefin von der Leyen reist zwar nicht selbst an, sondern schickt ihre fürs Mittelmeer zuständige Kommissarin Dubravka Šuica. Die konservative Kroatin soll verfolgen, was Trump im von Israel zerstörten Gazastreifen vorhat.
Es gehe darum, den Wiederaufbau von Gaza zu planen und die internationalen Hilfen abzustimmen, rechtfertigt sich Šuica. Die EU unterstütze den von Trump angestoßenen Friedensprozess, nun gehe es um „Koordinierung und Komplementarität“. Mit einer offiziellen Anerkennung des Trump’schen „Friedensrats“ habe dies nicht zu tun.
Dennoch kam es zum Eklat. Bei einem Treffen der EU-Botschafter warf Frankreich der Kommission vor, die EU-Verträge zu brechen, denn sie sei nicht (allein) zuständig für die Außenpolitik. Lautstarker Protest kommt auch aus dem Europaparlament. Dessen Vizepräsident Javi López zeigt sich „entsetzt“.
“Autokraten und MAGA-Fans”
„Diese Initiative, in der Autokraten und MAGA-Fans zusammenkommen, untergräbt den Multilateralismus, die Rolle der Vereinten Nationen und den notwendigen Geist eines gerechten Friedens, den die Region braucht und an dem die Palästinenser beteiligt sein müssen“, so der spanische Sozialist.
López forderte von der Leyen auf, ihre Entscheidung zu überdenken, da sie „eindeutig gegen die Werte und Interessen der EU verstößt“. Von einem „falschen Signal“ spricht die liberale Renew-Fraktion. Die EU dürfe kein Gremium legitimieren, das die UNO an den Rand drängt und Autokraten hofiert.
Siehe auch Wie die EU sich selbst zerlegt
MEINE MEINUNG: Einen Beobachter kann man vielleicht noch schicken, doch Hilfsgelder sollte man diesem Club der Milliardäre nicht anvertrauen. Der eigentliche Fehler ist aber nicht mehr gutzumachen: Die EU hätte Trumps sogenanntem Friedensplan für Gaza nicht vorbehaltlos zustimmen dürfen. Er bringt keinen Frieden, und er sichert Trump eine Rolle, die ihm nicht zusteht!
News & Updates
Zweifel an Sanktionen. Eigentlich soll das 20. Sanktionspaket gegen Russland in der nächsten Woche kommen, zum 4. Jahrestag der Invasion in die Ukraine. Doch nun gibt es Widerstand. Griechenland fordert, das geplante Verbot von Schiffsdienstleistungen in der Ostsee und im Mittelmeer vorerst auszuklammern und die Strafmaßnahme mit den G7-Staaten zu koordinieren. Auch Italien und Spanien haben offenbar Einwände. Dabei geht es um die neuen EU-Sanktionen gegen Häfen in Drittstaaten und eine Bank auf Kuba. – Das neue “Paket” ist brandgefährlich, da es zu einer Konfrontation mit Russland auf hoher See führen kann. Die USA und andere G7-Staaten tragen es bisher nicht mit – Brüssel plant einen Alleingang…
Streit um Druschba-Pipeline eskaliert. Ungarn und die Slowakei haben der Ukraine mit der Unterbrechung von Strom- und Diesellieferungen gedroht, nachdem die Druschba-Ölpipeline erneut unterbrochen wurde. Die Regierung in Kiew gibt die Schuld wie üblich Russland, Bukarest und Bratislava sprechen von Erpressung. Die EU-Kommission hat sich eingeschaltet, konnte den Streit bisher aber nicht schlichten. – Kein Wunder, denn sie steht auf Seiten der Ukraine und will alle Energielieferungen aus Russland kappen…
Milliarden für die “Ostfront”. Die EU-Kommission hat ein Hilfsprogramm namens “EastInvest” aufgelegt. Es soll bis zu 28 Mrd. Euro an Krediten umfassen und Investitionen ankurbeln. Außerdem soll in neun Mitgliedsstaaten an der Ostflanke zu Russland – darunter das angebliche Wirtschaftswunderland Polen – gegen Abwanderung und Arbeitskräftemangel vorgegangen werden. – Mehr im Blog
Das Letzte
Geht Lagarde vorzeitig? Diese Frage taucht immer wieder auf, so sicher wie das Ungeheuer aus Loch Ness. Nun gibt ein Bericht der „Financial Times“ den Spekulationen neue Nahrung. Demnach wolle Lagarde noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 die Europäische Zentralbank verlassen. Hintergrund sind offenbar Sorgen, dass nach den Wahlen in Frankreich die Nationalisten um RN-Chef Bardella den Ton angeben könnten. Dies könne die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren. Lagarde soll sich deshalb bereit erklärt haben, vorzeitig abzutreten, damit noch Macron ihren Nachfolger aussuchen kann. Allerdings will sie das nicht bestätigen. Klar ist eigentlich nur, daß in der EU-Führung die Angst vor einem Rechtsrutsch in Frankreich umgeht – und daß man eine neue Art der “Brandmauer” einziehen will: Mandate werden willkürlich verkürzt, um unerwünschte Wahlergebnisse zu umgehen und “rechtzeitig” Fakten zu schaffen…
EU-Korrespondent und Blogger bei Lost in EUrope
Ich arbeite seit 2004 als fest akkreditierter EU-Korrespondent für deutsche Medien in Brüssel. Mehr als 25 Jahre Erfahrung in Europapolitik, deutsch-französischen Beziehungen und Foreign Affairs. Blogge hier seit 2011 🙂
Mehr Newsletter hier. Mehr News & Updates hier
‹ Aufgelesen: “Das Problem ist nicht die Wettbewerbsfähigkeit”
5 Comments
Helmut Höft
19. Februar 2026 @ 09:24“Lieber Heinrich sag: Wie hältst Du es mit …” die Gretchenfrage. Die Antwort der €U und des langen Fritz: “Ma gugge!” m( Die GegenUNO ist überflüssig wie ein Kropf, die Konstruktion ist erkennbar eine lebenslängliche Jubelarie auf den “ewigen Narziss”. Ein klares Nein! nichts anderes ist möglich (die Spinner und Arschlecker ausgenommen).
“Mandate werden willkürlich verkürzt, um unerwünschte Wahlergebnisse zu umgehen und “rechtzeitig” Fakten zu schaffen…” Ordnungsruf: Das ist eine “vertrauensbildende” Maßnahme! 😉 * hihi_schenkelklopf *
Karl
19. Februar 2026 @
09:22
Diese private Kolonialgesellschaft für Gaza, die Trump und seine Vasallen Meloni, Orban, vdL usw. installieren, “verstößt eindeutig gegen die Werte und Interessen der EU“, wie der sozialistische Ministerpräsident Petro Lopez richtig sagt. Die EU hat keine Chance, sondern macht sich noch stärker lächerlich, wenn sie den Kolonialismus wieder aufleben lassen will.
Merz weiß und merkt dies allerdings nicht, denn er war lange Zeit Aufsichtsrat eines der Nachfolger dieser britischen Kolonialgesellschaften, des deutschen Ablegers von The Hongkong and Shanghai Banking Corporation Limited (HSBC), heute die größte Bank Europas und zugleich die Bank für Schwarzgeldwäsche der ganz Reichen.
In Gaza kommt noch die spezifische “Expertise” der USA für ihre weltweit einmalige Indianerausrottung und Verwertung von deren Gebieten hinzu. Will ein Vertreter z. B. des Kosovo in einem solchen Gremium “Reservate” für Palästinenser einrichten?
Guido B.
19. Februar 2026 @
07:39
Wenn Merz im Interview sagt, dass sich Russland „im Zustand tiefster Barbarei“ befinde, dann befindet sich die EU im Zustand übelster Führungskrise, Strukturkrise und Vertrauenskrise. Der Rückfall in die Barbarei ist vorprogrammiert und hat bereits begonnen. Merz projiziert Europas Verfasstheit auf Russland. Das machen die westlichen Eliten sowieso die ganze Zeit.
Karl
19. Februar 2026 @ 08:15Wo ist Ihre Quelle? In Ebos Beitrag kommen Merz und sein Interview nicht vor.
Guido B.
19. Februar 2026 @ 08:26Ukraine-Newsticker srf.ch von heute.
Bezieht sich auf Merz-Interview für Neue Berliner Redaktionsgesellschaft und «Rheinpfalz».
Schreibe einen Kommentar
Der Blog "Lost in EUrope" würde Ihnen gern Updates schicken (Push-Nachricht)
Gern!
Nein danke
Powered by PushEnga
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Aufgelesen: “Das Problem ist nicht die Wettbewerbsfähigkeit”
lostineu.eu, vom 18. Februar 2026
Die EU muß mehr für die Wettbewerbsfähigkeit tun, fordert Kanzler Merz. Bei einem Sondergipfel hat er seine Forderung bekräftigt. Doch schon die Analyse ist falsch, meint ein früherer Wirtschaftsberater der EU-Kommission.
Von Philippe Legrain, Auszug aus der “Brussels Times“
Beginnen wir mit einem wichtigen konzeptionellen Punkt. Wirtschaftsreformen sollten darauf abzielen, die Produktivität zu steigern, nicht die Wettbewerbsfähigkeit.
Europas Exporte sind auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig – die EU erzielte im vergangenen Jahr einen hohen Handelsüberschuss. Das Problem ist, dass die Wirtschaft nicht dynamisch genug ist.
Ein höheres Produktivitätswachstum – also mehr Output mit weniger Input – ist unerlässlich, um den Lebensstandard der Europäer nachhaltig zu verbessern. Seit 2000 ist die reale Produktivität pro Arbeitsstunde in der EU jedoch um weniger als 1 % pro Jahr gestiegen. Schlimmer noch, seit 2020 stagniert sie.
Enorme externe Schocks
Warum ist das Produktivitätswachstum nicht nur im Vergleich zur Vergangenheit Europas, sondern auch im Vergleich zur Gegenwart der USA zurückgeblieben?
Ein Grund dafür ist, dass Europa in den letzten Jahren von enormen externen Schocks getroffen wurde: steigende Energiepreise seit dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine, höhere US-Zölle und verstärkter Wettbewerb aus China.
Die Energiepreise für die Industrie sind immer noch um zwei Drittel höher als vor fünf Jahren. Die Exporte in die USA waren im letzten Quartal 2025 um 15 % niedriger als ein Jahr zuvor.
Der Euro ist seit letztem Jahr gegenüber der US-Währung um 15 % und gegenüber der chinesischen Währung um 8 % gestiegen.
Hinzu kommen Chinas massive industrielle Überkapazitäten und seine technologische Überlegenheit bei Elektroautos, Solarzellen und anderen sauberen Technologien – kein Wunder also, dass die europäische Fertigungsindustrie zu kämpfen hat.
Siehe auch De Wevers Warnung und die blinden Flecken der EU-Politik
‹ Brüssel gibt Milliarden für Staaten an der “Ostfront” › Eklat um Trumps “Friedensrat”, Zweifel an Sanktionen – und geht Lagarde?
7 Comments
Niko
19. Februar 2026 @ 09:52Es gibt ganz sicher sinnvollere Möglichkeiten, das vorhandene Geld und die Ressourcen einzusetzen als es für Aufrüstung und Militär zu verbrennen. Letztendlich wird auch noch durch die Verlagerung unserer Industrie in die Billiglohnländer das Problem sehr verschärft, denn dort wird noch mehr Überschuss produziert und der Überschuss noch günstiger auf unseren Markt gedrückt, siehe Autoindustrie. Ein Teufelskreis. Ich glaube, es genügt die Hauptschule, um das zu begreifen. Aber wir haben ja genügend hoch dotierte Professoren, welche uns seit Jahren mit den alten Rezepten in den Untergang treiben.
european
19. Februar 2026 @
09:38
Wenn Merz von Wettbewerbsfaehigkeit spricht, meint er Lohnsenkungen. Die Wettbewerbsfaehigkeit wurde von Merkel nach der Finanzkrise vor sich hergetragen wie eine Monstranz. Deutschland hat sich durch Lohnsenkungen zu Lasten der anderen Laender im Binnenmarkt aus der Krise gezogen. Wenn Laender wie Frankreich oder Italien sich darueber beschwerten wurde ihnen damit geantwortet, sie muessten eben doch mehr fuer ihre Wettbewerbsfaehigkeit tun, sprich auch ihre Loehne entsprechend senken.
Wettbewerbsfaehigkeit ueber Produktinnovationen kann durchaus vorteilhaft sein. Eine vermeintliche Wettbewerbsfaehigkeit durch fortsetzende Lohnsenkungen zerstoert den Binnenmarkt. Wenn die Leute kein Geld zum Ausgeben haben, koennen sie auch nichts kaufen.
Letztlich ist das ganze sehr einfach.
Aber Merz hat keine Ahnung und deshalb schmeisst er mit solchen Begriffen um sich. Wettbewerbsfaehigkeit, Mehrarbeit, Abbau des Sozialstaates uvm. Die Mottenkiste der politischen Textbausteine ist unerschoepflich. Man wartet nur darauf, dass wieder mal jemand sein Ehrenwort gibt – fuer was auch immer 😉
Helmut Höft
19. Februar 2026 @
08:26
Alles was Du @ebo zur Produktivität schreibst ist richtig, was fehlt ist die Tatsache, dass auch die Produktivität nicht ins Unendliche steigen kann. Die Steigerung der Produktivität ist das Geheimnis warum unser Umlage-Rentensystem noch funktioniert. „Wettbewerbsfähigkeit steigern“ geht auch nicht. Warum? Einfach nur aus dem Fenster gucken und nachdenken! (kleiner Tipp: Die Anderen wollen auch arbeiten und produzieren)
Nachsatz: Jedes Versorgungs-System ist Umlage – „… Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode [decken] …“ –, auch eine „kapitalgedeckte“ Versorgung – siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Mackenroth-These mit etwas nachdenken erschließt sich das durch einfache Logik –, jede Gesellschaft muss sich darüber klar sein, ob und wie er nichterwerbstätige Mitglieder verorgt (Kranke, Alte, Kinder, Schüler, Studenten, Frauen die in nichterwerbstätiger Haus- und Caretätigkeit unterwegs sind …).
Merke: Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen, sparen kann man nur auf der Mikroebene, auf der Makroebene geht das nur um den Preis einer abgewürgten Wirtschaft der dann das Geld fehlt.
palman
19. Februar 2026 @
07:50
… und zu “Wettbewerb und Produktivität” ein kurzer Blick über den “EU$A”-Teller-RAND (nicht der “Denk-Tänk”) !?!
ALLEIN in CHINA w e r k e l n seit mind. “20-10” (!!!) über “3 0 0” Millionen sog. Wander-ARBEITER (und Mädels) in der “Billig-Export-Industrie” – nat. überwiegend im Auftrag “westlicher” Firmen und Konzerne !?! – ist übrigens just die Einwohner-ZAHL von ganz “Trans-Atlantis-Pentagonien” !?! – Stichwort: – > WERK-Bank der WELT < (!!!) – ist wohl noch nicht bei ALLEN angekommen ?!?
… und zum EIN-Norden (wirtschaftlich etc.) liest man den GRUND-Satz-Artikel mit Titel > Schmerzlicher Aufprall / manova < (so googeln) aus “2024” von Matthias Müller (mind. Kaufmann) !?! – Unterzeile – > Das Geschäftsmodell der USA – letztlich Leben auf Pump – steht kurz vor seinem Zusammenbruch !!! – Deutschland könnte mit in den Abgrund gerissen werden < !?! – Obacht – nicht erschrecken !?!
… und “mein” Spruch aus “20-20” (!!!) – noch vor “CorINna” – lautete:
– > W e n n sich Der WESTEN in zehn Jahren noch als M U S E U Ms-dorf für Milliarden von TOURI-Asiaten erhalten kann – ist schon VIEL gewonnen < !!??!! – und allen > EU$A-Polit-“Koniferen” < – hiermit “einen schönen Tag noch” … 😉
umbhaki
18. Februar 2026 @
23:07
Auf die Gefahr hin, mich mal wieder irgendwo unbeliebt zu machen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass weder Herr Merz (der sowieso nicht) noch der Autor Philippe Legrain den stetig rasant wachsenden Elefanten sehen, der sich im Raum immer weiter ausbreitet.
Legrain beschreibt ganz richtig, dass die Weiterentwicklung unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems – man nennt es den „Kapitalismus“ – davon abhängt, die Produktivität ständig zu erhöhen. Er sieht nur die damit verbundenen systemischen Probleme nicht.
In dieser kapitalistischen Logik: Wir erhöhen die Produktivität, dann sind wir gegenüber anderen wieder „wettbewerbsfähig“. Dass dadurch diese anderen dann eben hinten ‚runter fallen ist nicht unser Problem. Konkurrenz heißt das Stichwort, wat anderes gibbet nich‘, schon gar nicht friedfertige Kooperation.
Produktivität erhöhen bedeutet, entweder mehr herstellen mit gleicher Zahl an Beschäftigten, oder aber gleiche Herstellungsmenge mit weniger Leuten (das berühmt-berüchtigte „ökonomische Prinzip“). Und das wiederum bedeutet, dass die ganze Chose an zwei unabhängig voneinander existierenden Grenzen scheitern muss. Scheitern MUSS, zwangsläufig.
(1) Die innere Grenze: Wenn das ganze Gerümpel mit immer weniger Menschen hergestellt werden kann, dann werden logischerweise auch immer weniger Menschen beschäftigt. Und von welchem Einkommen sollen die das Gerümpel dann kaufen?
Gleichzeitig verfallen die Preise, denn wenn der eine Betrieb die Produktivität erhöht, dann kann er kurze Zeit seine Konkurrenten im Preis unterbieten, bis diese die gleiche Produktivitätserhöhung durchgeführt haben. Von da an bieten alle Mitbewerber auf einem Markt größere Mengen mit kleinerer Marge an. Und auf zur nächsten Runde …
„Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“ nannte das dieser Kerl mit dem Rauschebart, der immer alles miesmachen musste.
Es entstehen durch die globale Produktivitätserhöhung also immer geringere Margen auf Märkten, die aufgrund wegfallender Einkommensbezieher immer enger werden. Es liegt auf der Hand, dass es einen Punkt geben wird, an dem dieses schöne System kollabieren wird.
Seit Jahrzehnten entwickelt sich im globalen Maßstab diese Tendenz. Seit den 70er, soweit ich das überschaue. Die Länder in der Peripherie (und deren Bevölkerungen) sind dabei längst unter die Räder gekommen, inzwischen bekommen auch wir hier in den kapitalistischen Kernländern das zu spüren. Und es geht immer schneller.
(2) Die äußere Grenze: Immer mehr herzustellen, um die Kapitalverwertung aufrecht erhalten zu können, führt zwangsläufig in die ökologische Katastrophe. Auch das ist global nicht zu übersehen: Es wird weltweit immer mehr hergestellt, und das heißt auch, dass immer mehr Umwelt verbraucht wird.
Da können Sonntags noch so viele Reden gehalten werden, solange wir hier nach dem kapitalistischen Prinzip wirtschaften, KANN sich das nicht ändern. Leider haben das auch die Aktivisten von »Fridays for Future« und Co. nicht kapiert, und die Schaumschläger der Grünen Pachtei sowieso nicht. Aber mit den derzeit benutzten Mitteln kommt unser System auch umwelttechnisch an die Grenzen.
Zwei Grenzen, die ein Weiterbetreiben unseres derzeitigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems in absehbarer Zeit unmöglich machen. Da können wir so lechts oder rinks sein, wie wir wollen: diese beiden Grenzen existieren einfach, wir werden daran zerschellen. Die Hoffnung, dass sich noch rechtzeitig global und kollektiv eine bessere Einsicht durchsetzen könnte, habe ich inzwischen aufgegeben.
tl;dr: Theoretiker wie Philippe Legrain (oder Merz, oder Fratzscher, oder Lafontaine …) nützen uns nichts mehr, weil sie die inzwischen unausweichliche Problematik überhaupt nicht erfassen.
Erneuerung
18. Februar 2026 @
17:26
Nuj, die Ursachen sind m.E. vielfältig. Energie ist unstrittig, Bildung eigentlich auch. Dazu kommt aber noch etwas, was woanders eben nicht so schlimm ist: Ich habe mal gelesen, dass in Deutschland auf eine produktiv tätige Person (also Leute, die etwas produzieren, was man auch verkaufen kann) 9 Personen kommen, die das verwalten. Und dieser Apparat wächst und wächst. Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden, sagte mal ein Politiker aus dem deutschen Süden, den ich ansonsten so gar nicht mochte, aber da hatte er Recht. Und nun verschärfen wir das Problem noch dahingehend, dass wir eine Kriegswirtschaft aufbauen. Reicht es denn nicht, dass die bisherigen Rüstungsgüter subventioniert, teuer und weitgehend unbrauchbar waren? Glaubt man wirklich, China und Russland schlafen? Zeigt nicht gerade China, dass es fast überall den Überholgang eingelegt hat? Und wir kontern mit weiterem Bildungsentzug, politischer Idiotie und moralischem Verfall. So wird das nicht funktionieren. Gorbatschow wollte den Sozialismus reformieren, die Chinesen haben das aufgegriffen. Wer reformiert den Westen?
KK
19. Februar 2026 @ 01:29“Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden, sagte mal ein Politiker aus dem deutschen Süden…Und nun verschärfen wir das Problem noch dahingehend, dass wir eine Kriegswirtschaft aufbauen.”
Offenbar glauben Politiker heute, dass wir davon leben können, dass wir uns gegenseitig umbringen…
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Brüssel gibt Milliarden für Staaten an der “Ostfront”
lostineu.eu, vom 18. Februar 2026
Bisher wurden sie immer als erfolgreiche “Tigerstaaten” dargestellt. Doch nun droht den EU-Ländern an der “Ostfront” zu Russland plötzlich der Niedergang. Um das zu verhindern, hat die EU-Kommission ein Hilfsprogramm namens “EastInvest” aufgelegt. Es soll bis zu 28 Mrd. Euro an Krediten umfassen und Investitionen ankurbeln. Außerdem soll in neun Mitgliedsstaaten – darunter das angebliche Wirtschaftswunderland Polen – gegen Abwanderung und Arbeitskräftemangel vorgegangen werden. Die entsprechenden Regionen seien besonders stark von indirekten Angriffen, gezielt gelenkter Migration, wirtschaftlichen Problemen und Bevölkerungsrückgang betroffen, hieß es in Brüssel. – Von den EU-Sanktionen ist keine Rede. Dabei haben sie, zusammen mit den Grenzschließungen, die Krise spürbar verschärft.
Mehr zu den EU-Sanktionen hier
P.S. Das beste Konjunkturprogramm für den Osten wäre natürlich Frieden mit Russland. Doch damit rechnet offenbar niemand. Nach dem Ende des Krieges um die Ukraine kommt der Kalte Krieg 2.0 – mit einer neuen Berliner Mauer vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer…
‹ Wie die EU sich selbst zerlegt (mit Merz, ohne Trump) › Aufgelesen: “Das Problem ist nicht die Wettbewerbsfähigkeit”
3 Comments
KK
19. Februar 2026 @ 01:23Und bezahlen sollen das dann u.a. wir Deutschen mittels zB einer Mehrwertsteuererhöhung, damit die Bundesregierung die immer weiter srteigenden Kosten überhaupt noch tragen kann?
Guido B.
18. Februar 2026 @
21:21
„Nach dem Ende des Krieges um die Ukraine kommt der Kalte Krieg 2.0 – mit einer neuen Berliner Mauer vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer…“
Das ist aber eine sehr optimistische Vision. Wenn Europa Russland fertigmachen will, was unbestritten ist, könnte Russland unter Umständen auf chinesische Hilfe angewiesen sein. Ich meine, richtige Hilfe. Dann braucht der Osten der EU keine Entwicklungshilfe mehr, und der Rest Europas lernt die hässlichen Seiten von BRICS kennen.
Erneuerung
18. Februar 2026 @
16:38
Daß die neue “Mauer” in der Nähe des Dnepr von Nord nach Süd verlaufen wird, habe ich schon vor 4 Jahren (woanders) gepostet. Vermutlich wird auch der Todesstreifen breiter, als er an der innerdeutschen Genze war. Allerdings bleibt abzuwarten, welche Seite eine erfolgreichere Entwicklung haben wird. Nicht auszuschließen ist, dass wir als (auch ehemalige) Ostdeutsche wieder auf der falschen Seite verharren werden. Ein Blick nach China könnte das vermuten, und mit westlichen Idolen wie Netanjahu, Selenskyi, Concita Wurst und den Kaulitz-Brüdern mag ich nicht an eine gute Zukunft glauben. Für einen erneuten Ortswechsel sind wir zu alt und die familiären Verbindungen geben das nicht her. Es bleibt nur Kofschütteln und das noch Gute genießen, solange es geht
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.










So gerät die Europäische Union in die Energiekrise
Zensur gibt es, seit es menschliche Hierarchien gibt –
Revisionisten, Manipulatoren und ihre alten Ideen


















