aus e-mail von Doris Pumphrey, 8. Juni 2024, 13:28 Uhr
_RT DE 8.6.2024
_*Flirt mit der BRICS-Gruppe: Türkei fällt NATO und EU in den Rücken
*/Von Kirill Strelnikow
/Die türkische Führung hat angekündigt, sich für den Beitritt zur
BRICS-Staaten-Gruppe bewerben zu wollen, was einen Schlag für die
Europäische Union und die NATO darstellen könnte. Der türkische
Außenminister Hakan Fidan erklärte, dass die BRICS eine gute Alternative
zur EU bieten könne.
In ihrer Fähigkeit, meisterhaft zwischen zahlreichen "Stühlen" zu
balancieren und dabei die internationale Expertengemeinschaft regelmäßig
in Verwirrung und Schock zu stürzen, übertraf die türkische Führung
längst Ostap Bender [Held des Romans "Zwölf Stühle" von Ilja Ilf und
Jewgeni Petrow]. Doch nun scheint es, als hätten die Türken einen "Stuhl
mit Schätzen" gefunden, vor dem die Diamanten der Schwiegermutter von
Kisa Worobjaninow [Held des Romans "Zwölf Stühle"] verblassen — und
"dieser Stuhl steht am runden Tisch der BRICS".
Während seines gestrigen Besuchs in China erklärte der türkische
Außenminister Hakan Fidan, dass die Türkei beschlossen habe, ihren
Beitritt zu den BRICS-Staaten anzustreben. Um darüber zu diskutieren,
beabsichtige er, an dem Treffen der Außenminister der
BRICS-Mitgliedsländer teilzunehmen, das am 10. und 11. Juni in Nischni
Nowgorod stattfinden wird.
Zu sagen, dass die Worte des türkischen Spitzenvertreters im Westen
negative Reaktionen hervorgerufen haben, heißt gar nichts zu sagen. Die
Kommentare der offiziellen Vertreter enthalten so viel "Galle und
Säure", dass die gesamte "Sahne", die für das Bankett anlässlich des
bevorstehenden "Friedensgipfels" in der Schweiz vorbereitet wurde, sauer
geworden ist.
Während früher alle spektakulären Demarchen der Türkei dazu dienten, den
Westen zu erpressen und hart um alle möglichen Boni zu verhandeln, woran
eigentlich schon alle gewohnt sind ("Turkey, Sir!"), deutet jetzt alles
darauf hin, dass die Türken endlich den "Zug" fanden, der sie bequem in
eine "strahlende neo-osmanische" Zukunft bringen sollte.
Der türkische Außenminister sagte ganz direkt, dass sie "ihr
abgelaufenes Ticket zur EU" bereits abgegeben hätten: "Die BRICS können
der Türkei eine gute Alternative zur Europäischen Union bieten, deren
Beitritt Ankara bereits im April 1987 beantragt hat. Und diese Aussage
klingt diesmal ernster als das traditionelle: 'Ich verlasse dich, also
warte nicht mit dem Abendessen'".
Die Türkei bereitete ihre Entscheidung, den BRICS beizutreten, schon
seit geraumer Zeit vor, indem sie die Situation, die Statistiken und die
interne Dynamik in der Organisation sorgfältig studierte und die
globalen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Trends
beobachtete. Im Juli 2018 kündigte Präsident Recep Tayyip Erdoğan am
Rande des BRICS-Gipfels in Johannesburg erstmals offiziell den Wunsch
der Türkei an, den BRICS beizutreten, und der russische Präsident
Wladimir Putin erklärte damals, dass Ankara den BRICS im Jahr 2022
beitreten könnte.
Im Jahr 2022, nach dem Beginn einer speziellen Militäroperation in der
Ukraine, machte die Türkei eine Pause, um zu sehen, was von Russland
übrig bleiben würde und "welcher Stuhl weicher sein würde".
Aber es stellte sich heraus, dass unser Land nach zwei Jahren eines
quasi heißen Krieges mit dem kollektiven Westen keineswegs zerbrochen,
sondern sogar stärker geworden ist. Und für die Türkei erwies es sich
als gelassener und profitabler, mit Russland befreundet zu sein als mit
dem Westen (ein kleines Beispiel: allein in den ersten sechs Monaten der
speziellen Militäroperation in der Ukraine explodierte das
Handelsvolumen zwischen Russland und der Türkei um fast 50 Prozent, und
nach Angaben der türkischen Wirtschaftszeitung /Dünya/ können die
Lagerhäuser des Landes derzeit kaum das Liefervolumen bewältigen, da die
Importe aus Europa und dem Fernen Osten nach Russland umgeleitet werden).
Aber vor allem wurde der türkischen Staatsführung plötzlich klar, dass
sie gerade den kontinuierlichen und unumkehrbaren Zusammenbruch der
alten, unipolaren Welt und der westlichen Hegemonie erleben, der sie 30
Jahre lang vergeblich versucht hatten beizutreten. Kurzzeitig öffnete
sich vor ihnen ein Zeitfenster mit Perspektiven, von denen mehrere
Generationen von türkischen Machthabern träumten.
Im Laufe ihres Bestehens haben die BRICS ihre Nachhaltigkeit und ihre
Vorteile für ihre Mitglieder mehr als deutlich unter Beweis gestellt.
Diese Vorteile werden im Zuge der Fragmentierung und Zerstörung der
westlich geprägten wirtschaftlichen und politischen Systeme nur noch
zunehmen, was durch die Beitritt-Warteschlange von fast 30
interessierten Staaten deutlich wird.
Hier nur einige Zahlen aus dem "Jahrbuch junger Politikwissenschaftler":
Landfläche der BRICS- und G7-Länder — 33,9 Prozent gegenüber 16,1
Prozent; Bevölkerung — 45,2 Prozent gegenüber 9,7 Prozent; BIP in
Kaufkraftparität — 36,7 Prozent gegenüber 29,6 Prozent;
Industrieproduktion — 39,3 Prozent gegenüber 31,2 Prozent;
Weizenproduktion — 44,7 Prozent gegenüber 19,7 Prozent. Am wichtigsten
ist aber, dass die BRICS keine starre Struktur sind, sondern eine Art
Wirtschaftsclub, in dem jeder unabhängig vom jeweiligen Politiksystem
profitieren sollte: die Mitgliedsstaaten respektieren die Souveränität
der anderen, greifen nicht in deren innere Angelegenheiten ein und
handeln in ihren eigenen und gemeinsamen Interessen, wobei sie
unabhängig und souverän bleiben, d. h. sie geben keinen Teil ihrer
Souveränität für irgendwelche Vergünstigungen ab. Das ist eine
super-innovative Formel für die moderne Welt.
Für die Türkei ist die BRICS-Mitgliedschaft eine Chance, ihre
ehrgeizigen Ambitionen zu befriedigen und ihren Wunschtraum zu
verwirklichen, ein "Weltmakler" zu werden. Die Republik ist bereits auf
dem Weg (unter aktiver Beteiligung Russlands) zum größten regionalen
Kraftstoff- und Energieknotenpunkt, der zu einem Zentrum für die
Umverteilung der Gasströme zwischen Russland und den Ländern Europas und
Asiens werden könnte, was enorme finanzielle Vorteile mit sich bringen
und den Einfluss der Türkei in der Welt stärken würde.
Doch Ankara glaubt, dass es durch seinen Beitritt zu den BRICS vor dem
Hintergrund der "großen Weltneuordnung" noch viel mehr gewinnen kann.
Bei seinem Besuch in China betonte der türkische Außenminister Fidan
wiederholt, dass die Türkei und China "zwei große Zivilisationen" seien,
die "durch ihre aktive und ergebnisorientierte Außenpolitik eine
zunehmende Rolle bei der Lösung globaler Probleme spielen". Übersetzt
ins Russische klingt das so: "Wir haben jedes Recht, zu den 'Großen' zu
gehören und globale Politik und Wirtschaft zu betreiben, anstatt im
'Vorzimmer' der EU zu warten".
Um den begehrten "Schatz"-Sessel am BRICS-Tisch zu besetzen, "verkauft"
sich die türkische Führung sehr geschickt. So erklärte Herr Fidan in
China, dass "die geostrategische Lage der Türkei und ihre ausgedehnten
Handelsverbindungen freien und einfachen Zugang zu einem Markt mit einem
Volumen von 28 Billionen US-Dollar und etwa 1,5 Milliarden Menschen
bieten, der sich von Europa über den Nahen Osten und Nordafrika bis nach
Zentralasien erstreckt, und das alles innerhalb von vier Flugstunden".
Klingt gut? Wo bekommt man dann eine "Mitgliedskarte"?
Um jegliche Bedenken hinsichtlich der gleichzeitigen NATO-Mitgliedschaft
der Türkei auszuräumen, veröffentlichten die Türken gestern eine
Erklärung, die von Fahrettin Altun, dem Leiter der
Kommunikationsabteilung der Präsidialverwaltung, abgegeben wurde: "Es
gibt keine Türkei mehr, die Befehle aus dem Westen entgegennimmt und
nicht in der Lage ist, ihre eigene unabhängige Politik und Strategie zu
entwickeln". Übersetzung: "Unabhängig von der NATO-Mitgliedschaft werden
wir nur das tun, was für uns günstig ist, macht euch keine Sorgen".
Die "beeindruckenden Pirouetten" der Türkei sind im Kreml natürlich
nicht unbemerkt geblieben. Präsidentensprecher Dmitri Peskow erklärte,
dass "Russland das große Interesse einiger Länder am BRICS-Format,
einschließlich der Türkei, begrüßt". Aber die BRICS seien "keine
Straßenbahn, auf die man aufspringen kann", was bedeutet, dass man die
Entwicklung beobachten muss: "Die Organisation ist selbstverständlich
nicht in der Lage, das Interesse aller interessierten Staaten in vollem
Umfang zu befriedigen, aber die BRICS ist daran interessiert, Kontakte
mit allen interessierten Staaten zu pflegen".
Das bedeutet, dass die Entscheidung über die Aufnahme der Türkei in die
BRICS ausschließlich auf der Grundlage realer Taten und nicht auf der
Grundlage schön klingenden Geredes und unter Berücksichtigung aller
Risiken getroffen werden wird. Und wenn die Türken, anders als üblich,
nicht wieder anfangen, "auf Stühlen hin und her zu hüpfen", können wir
in absehbarer Zeit von der Aufnahme eines neuen Mitglieds in die BRICS
erfahren, und die EU und die NATO werden einen weiteren schmerzhaften
Schlag erhalten.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.