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27.07.2024

Sergej Netschajew Interview / Russophobie/ Entschädigungszahlungen

aus e-mail von Doris Pumphrey, 26. Juli 2024, 18:51 Uhr


https://mailchi.mp/russische-botschaft/newsletter-der-russischen-botschaft-10443181?e=34bdcd87f0


*Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland Sergej Netschajew

im Interview mit der Nachrichtenagentur TASS*


*Frage: Die Welt am Sonntag hat neulich über eine gewisse ukrainische

Gruppierung berichtet, die bereits 2014 Sprengungen an den Gaspipeline

geplant haben soll. Glauben Sie an die «ukrainische Spur»? Oder handelt

es sich dabei um eine weitere Falschinformation, um die Ermittler

abzulenken und die wahren Drahtzieher der Terroranschläge zu vertuschen?*


*Sergej Netschajew:* Vor dem Hintergrund eines Informationsvakuums, das

derzeit künstlich aufrechterhalten wird, werden in den Medien

verschiedene Versionen in Umlauf gebracht, eine skurriler als die

andere. Die Fabel von ukrainischen Kampftauchern auf einer Segeljacht

und mit für derlei Fälle unvermeidlicher «russischer Spur» ist eine

davon. Es geht hier jedoch nicht primär darum, die Ermittler auf die

falsche Fährte zu bringen, sondern vielmehr darum, die potentielle

Aufnahmefähigkeit der Öffentlichkeit für Sujets von je unterschiedlicher

Absurdität auszuloten. Die Ermittler selbst, denke ich, werden schon

lange wissen, wer Auftraggeber und Täter dieses beispiellosen Anschlags

auf ein Infrastrukturobjekt sind. Die Spuren dieses Verbrechen lassen

sich nicht ohne Weiteres verwischen, insbesondere wenn die ermittelnde

Partei über alles denkbare Arsenal an Beobachtungs- und

Aufklärungsmitteln verfügt.


*Frage: In einer gemeinsamen Erklärung haben Washington und Berlin

mitgeteilt, dass die USA ab 2026 neue Abstandswaffen in Deutschland

stationieren wollen, die eine größere Reichweite als die in Europa

bereits dislozierten Waffen haben. Zudem soll in Wiesbaden ein neues

NATO-Kommando entstehen, dass Waffenhilfen für die Ukraine koordinieren

wird. Wie schätzen Sie diese Beschlüsse ein? Werden sie nicht zu einem

neuen Wettrüsten in Europa führen? *


*Sergej Netschajew:* Ein Wettrüsten ist in Europa schon längst im Gange.

Die gemeinsame Erklärung der USA und Deutschlands bestätigt nur einmal

mehr, dass Washington, das mit seinem bereits 2019 erfolgten Rückzug aus

dem INF-Vertrag das INF-Regime zerstört hat, eine destabilisierende

Politik fährt. Deutschland, das sich vorbehaltslos hinter diese Politik

des Weißen Hauses stellt, versucht sich in der Rolle des zentralen

Pfeilers der NATO in der EU und ignoriert dabei die offensichtlichen

sicherheitspolitischen Risiken. Derlei Maßnahmen werden

selbstverständlich nicht ohne Reaktion Russlands bleiben. Von unserer

Seite sind wir weiter dabei zu erläutern, wie destruktiv es ist, die

Grundlagen der regionalen und strategischen Sicherheit zu untergraben.


In diesem Sinne betrachten wir auch den Beschluss, in Wiesbaden ein

NATO-Kommando für die Koordinierung der Militärhilfen für die Ukraine

einzurichten. Deutschland versucht, sich eine führende Rolle bei der

Unterstützung des verbrecherischen Regimes in Kiew zu sichern und bleibt

europaweit der wichtigste Geldgeber und Koordinator der militärischen

Aufrüstung der Ukraine. Parallel dazu macht Deutschland seinen

Führungsanspruch geltend, wenn es darum geht, die Ostflanke der NATO,

einschließlich der baltischen, aber auch der nordischen Dimension, zu

stärken und sich zum zentralen Logistikhub für den Fall einer massiven

Truppenverlegung an die Grenze zu Russland zu entwickeln. Die deutschen

politischen Eliten sind mittlerweile in eine neue Phase eingetreten, in

der die Sicherheits- und Rüstungspolitik gründlich überdacht wird und

sich das öffentliche Bewusstsein tiefgründig wandelt. Sie fragen, welche

Folgen das haben könnte. Diese Frage sollte besser ans politische

Establishment Deutschlands gerichtet werden.



_RT DE Liveticker Ukraine-Krieg 26.7.2024


_*Peskow: Russophobie im Westen verhindert Dialog*


Versuche, Russlands Standpunkt dem Westen zu vermitteln, sind unter den

gegenwärtigen Bedingungen sinnlos, meint Kremlsprecher Dmitri Peskow. Im

Rahmen eines Treffens mit Teilnehmern des Festivals der neuen Medien am

24. Juli erklärte er:

/"Leider herrscht jetzt im Westen absolut eine Atmosphäre des blinden

Hasses auf Russland und auf alles, was mit Russland verbunden ist.

Faktisch ist es sinnlos, zu versuchen, etwas zu erklären. Man sollte

abwarten."/


Peskow verglich die Lage mit einer Krankheit, die sich in einer akuten

Phase befinde und daher keine medizinischen Eingriffe zulasse.

Gleichzeitig äußerte er die Hoffnung auf eine Besserung:

/"Solche Prozesse verlaufen immer sinusförmig. Jetzt sind wir am

Tiefpunkt, doch früher oder später wird die Kurve nach oben gehen. Immer

mehr Menschen werden sich fragen: 'Warum tun die Russen das, was sie

tun? Versuchen wir, sie zu verstehen.'"/



https://mailchi.mp/russische-botschaft/newsletter-der-russischen-botschaft-10443181?e=34bdcd87f0


*Die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa

äußert sich zu den Plänen der deutschen Bundesregierung,

Entschädigungszahlungen an polnische Opfer der Nazi-Besatzung während

des Zweiten Weltkriegs zu leisten*


Während seines Besuchs in Polen am 2. Juli 2024 kündigte Bundeskanzler

Olaf Scholz die Absicht der deutschen Regierung an, polnischen Opfern

der Nazi-Besatzung während des Zweiten Weltkriegs im Zeichen der

historischen Verantwortung Berlins, Entschädigung zu zahlen. Für die

individuellen Zahlungen sind rund 200 Millionen Euro geplant. Die

Gesamtzahl der potenziellen Empfänger wird auf 40.000 geschätzt

(Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Juden, Sinti und Roma). Nur die Polen,

Juden, Sinti und Roma? Und die anderen?


Die deutsche Führung teilt die NS-Opfer weiterhin in Kategorien auf und

sucht auf zynische Weise jene Personen, die es mehr oder weniger

verdienen, aus.


Es sei daran erinnert, dass Berlin sich hartnäckig weigert, die

Belagerung von Leningrad und andere Nazi-Verbrechen in der Sowjetunion

als Völkermord an den Völkern der UdSSR anzuerkennen. Berlin leistet

seit langem humanitäre Zahlungen ausschließlich an jüdische Überlebende

der Leningrader Blockade und ignoriert unsere Appelle, diese Zahlungen

auf alle Überlebenden der Blockade auszuweiten.


Um zu verstehen, dass die Hungersnot damals keine Nationalitäten kannte,

muss man nur einmal die Tagebücher, Memoiren und Dokumente lesen, die

auf den Zeitzeugnissen der Bewohner vom belagerten Leningrad beruhen.

Die Menschen überlebten, indem sie sich gegenseitig geholfen haben. Sie

sind nicht nach dem Prinzip ihrer Nationalität verstorben, sondern wegen

des Hungers infolge der Handlungen von Nazi-Deutschland.


Russen, Weißrussen, Ukrainer, Vertreter anderer Nationalitäten (außer

Juden), die die Belagerung von Leningrad überlebt haben, haben aus Sicht

Berlins keinen Anspruch auf diese Zahlungen. Deutsche, die im Gebiet der

Leningrader Belagerung wohnhaft sind, haben ebenfalls keinen Anspruch

auf diese Leistungen.


Wir verurteilen diese unmoralische Haltung der deutschen Behörden auf

das Schärfste und fordern Berlin auf, seine unmenschliche

Diskriminierung der Opfer des Naziregimes zu beenden.


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

27.07.2024

Krieg in Gaza: Deutschland braucht endlich eine offene Debatte für die vielen Opfer

berliner-zeitung.de, 25.07.2024 aktualisiert am 25.07.2024 - 17:11 Uhr,Scharjil Khalid

Wird die deutsche Bundesregierung die Namen der 14.500 getöteten Kinder in Gaza jemals aussprechen? Wir brauchen einen offenen Dialog über den Krieg. Ein Gastbeitrag.


Palästinensische Kinder nach einem israelischen Luftangriff auf das Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens.Marwan Dawood/imago


In den vergangenen Tagen und Wochen haben zahlreiche internationale Institutionen Israels barbarisches Morden in Gaza aufs Schärfste verurteilt. Man sollte meinen, dass nach solch unmissverständlichen Verurteilungen von höchsten diplomatischen Gremien, Institutionen und Gerichten wie dem IGH, IStGH und der UN Deutschland einen deutlichen Paradigmenwechsel vollziehen würde. Stattdessen offenbart die Untätigkeit unserer Politik die fragwürdige Haltung der Bundesrepublik gegenüber Demokratie und Menschenrechten.

Als sich im März 2024 vierzig deutsche Chefärzte und Chirurgen bereit erklärten, 32 Kinder aus Gaza aufzunehmen und kostenlos zu behandeln, verweigerte das Bundesinnenministerium die Einreise, aus Angst davor, Terroristen oder Asylbewerber ins Land zu holen. Inzwischen ist ein Großteil dieser Kinder entweder tot oder nicht mehr auffindbar. Die Reaktion der Innenministerin auf der Bundespressekonferenz spricht Bände: Sie bezweifelte die Anzahl der verletzten Kinder und lehnte jegliche Verantwortung für die Situation ab.


Infobox imageFoto: privat

Zum Autor

Scharjil Khalid ist 29 Jahre alt und hat am ersten Imam-Institut Deutschlands – der Jamia Ahmadiyya – islamische Theologie studiert. Seit 2021 ist er als Imam in Berlin tätig und in der Öffentlichkeitsarbeit der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat aktiv.




Auch Christen sind in Gaza von der Gewalt betroffen

Und was macht unsere Außenministerin? Mit Blick auf die ermordeten Kinder im Ukrainekrieg forderte sie im Februar 2023 vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf sehr deutlich: „Wir müssen ihre Namen aussprechen und ihre Rechte fördern. Und wir müssen die Täter beim Namen nennen.“ Während UN-Generalsekretär António Guterres bereits im November 2023 warnte, dass „Gaza zu einem Friedhof für Kinder wird“, warten wir nach über neun Monaten Krieg in Gaza immer noch darauf, dass Frau Baerbock die Namen der 14.500 getöteten, 21.000 vermissten und 700.000 vertriebenen Kinder in Gaza ausspricht und ihre Rechte verteidigt. Vor allem warten wir darauf, dass Frau Baerbock endlich die Täter beim Namen nennt.

Die Täter beim Namen nennen, kommt jedoch nicht infrage, auch nicht in Berlin, wo mit 45.000 Palästinensern die größte palästinensische Gemeinschaft Europas lebt. Man bemüht sich um Dialog und Verständigung, verkennt jedoch des Pudels Kern. Statt das Problem an der Wurzel zu packen und das Kind beim Namen zu nennen, setzt man auf Strategien, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Man möchte nicht über das Leid in Gaza sprechen; das ist zu emotional. Stattdessen möchte man gemeinsame Tänze, Fußballspiele und Dialog zwischen Juden und Muslimen organisieren.


Es ist ohnehin irreführend, den Krieg in Gaza auf Muslime zu reduzieren, denn auch Christen sind von der Brutalität der ultrarechten israelischen Regierung betroffen. Jeder, der die vergangene Weihnachtspredigt von Pastor Munther Isaac im besetzten Bethlehem gehört hat, weiß, wie stark auch Christen in Gaza leiden. Bei israelischen Angriffen wurden drei Kirchen in Gaza zerstört.


Offene Ansprache und Tacheles reden

Die gut gemeinte Strategie der Begegnung und des Dialogs verkennt den eigentlichen Elefanten im Raum: das immense Leid, die Trauer und die Fassungslosigkeit über den Massenmord in Gaza. Echter Dialog ist der Beginn von Verstehen und Verständnis. Der Dialog Berlins verhindert jedoch Verstehen und Verständnis. Durch Tanzen und Spielen lösen wir die große Entfremdung in der Bevölkerung nicht, wir verdrängen sie nur.
Etliche Berliner haben Dutzende Angehörige in Gaza verloren. Die tiefe Trauer zu verdrängen, führt zu Frust und psychischer Belastung. Sigmund Freud sah Verdrängung als Abwehrmechanismus, bei dem unverarbeitete Emotionen unterschwellig brodeln und jederzeit ausbrechen können. Deshalb führte er das Konzept der freien Assoziation ein, um verdrängte Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein zu bringen und sie offen anzusprechen.

Offene Ansprache und Tacheles reden ist genau das, was die Menschen in Berlin jetzt wollen. Nach über 38.000 toten und mehr als 89.000 verletzten Palästinensern möchten sie einen neuen Diskurs. Sie möchten einen Paradigmenwechsel mit einem neuen Konsens. Um diesen Konsens zu finden, müssen wir einen offenen und rationalen Diskurs führen, wie es Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns fordert.
Die ideale Sprechsituation nach Habermas ist jene, in der jeder gleichberechtigt am Diskurs teilnehmen kann und frei von Druck und Zwang seine wirklichen Überzeugungen offen ansprechen kann. Mittels vier Geltungsansprüchen – Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit – bemühen sich die Teilnehmer des Diskurses, einen Konsens zu finden.

Im Diskurs werden diese Ansprüche hinterfragt und durch Argumentation geprüft, um eine Einigung über ihre Gültigkeit zu erzielen. Verständigung ist erst dann erreicht, wenn alle Teilnehmer den Geltungsansprüchen einer Aussage zustimmen können. Andernfalls müssten die Geltungsansprüche im Diskurs geklärt werden. Kurzum: Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns betont einen offenen, fakten- und evidenzbasierten Austausch.


Anti-Israel Demonstration in Berlin-Friedenau: „Believe Palestinian Women“ steht auf einem Schild, das eine Frau hält, während viele palästinensische Flaggen in der Luft wehen.Annette Riedl/dpa


Ein offener Diskurs muss möglich sein

Der erste Schritt, um dies zu realisieren, ist die Überwindung der gegenwärtigen Empörungs- und Etikettierungskultur sowie die Versachlichung von Begriffen, die in der Bevölkerung seit Monaten in aller Munde sind. Viele sehen inzwischen einige rechtliche Legitimationen, um Reizwörter wie Apartheid und Genozid zu verwenden. Wir können uns darüber empören und somit den Diskurs abwürgen, oder aber wir stellen uns den gesellschaftlichen Realitäten und wagen einen offenen und rationalen Diskurs.

Nachdem der IGH unzweideutig erklärt hat, dass die seit mehreren Dekaden andauernde Besatzung durch Israel illegal ist und gegen Artikel 3 der Internationalen Konvention zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (CERD) verstößt, bleibt uns keine Wahl, als über diese Begriffe offen zu diskutieren. Hinzu kommt, dass am 09.07. elf unabhängige UN-Experten in Genf die Hungersnot in Gaza als „vorsätzliche und gezielte Hungerkampagne gegen das palästinensische Volk durch Israel“ bezeichneten. Sie ergänzten, dass es „eine Form von genozidaler Gewalt“ sei, und stützten damit den Gerichtsbeschluss zur Anklage Südafrikas, der im Absatz 54 Anhaltspunkte für einen Genozid als „plausibel“ einstuft. Über die Ausführungen der elf UN-Experten erklärten übrigens sowohl der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Christian Wagner, als auch Vizeregierungssprecherin Christiane Hoffmann, dass sie keinen Zweifel an der Einordnung der UN-Experten hegten. Wenn wir die höchsten Gerichte der Welt wirklich ernst nehmen, muss ein offener Diskurs über diese Begriffe möglich sein.


Das Wissenschaftsministerium will Gesinnungsprüfungen

Da auf solche Diskussionen prompt der Vorwurf des Antisemitismus folgt, müssen wir auch rational – wie es Habermas fordert – über unsere Definition und Auslegung von Antisemitismus diskutieren. Die in Deutschland angewandte IHRA-Definition von Antisemitismus ist seit Jahren umstritten. Erstens ist sie problematisch, weil sie Israelkritik mit Antisemitismus gleichsetzt, was besonders im Falle der aktuellen ultrarechten israelischen Regierung verheerend ist. Zweitens ist sie als Arbeitsdefinition nicht rechtsverbindlich. Drittens wird sie auch von vielen jüdischen Wissenschaftlern, genau genommen von 40 jüdischen Organisationen, stark kritisiert. Selbst ihr Autor Kenneth Stern sieht sie als missbraucht und ungeeignet für die Antidiskriminierungsklausel in Berlin.

Mit dieser engen Antisemitismus-Definition steht und fällt unsere aktuelle Debattenkultur. Sie verbreitet das Unbehagen und Gefühl, dass kaum noch etwas sagbar ist. Das Bildungsministerium wollte auf Basis dieser IHRA-Definition wissenschaftliche Freiheit einschränken. Sie diente als Grundlage für das Bestreben, Hunderte Universitätsprofessoren einer Gesinnungsprüfung zu unterziehen, deren Fördermittel gekürzt oder gestrichen werden sollten. Schließlich hat diese Definition dazu geführt, dass langjährige Brückenbauer dieses Landes, wie die Wissenschaftlerin Naika Foroutan, absurde Diffamierungskampagnen als vermeintliche Antisemiten ertragen mussten. Wenn weiterhin die Antisemitismus-Keule breit geschwungen wird, ist ein offener und rationaler Diskurs unmöglich. Stattdessen wird die Verdrängung, wie Freud sagte, Unmut, Frust und Aggression verstärken.


Viele Kinder in Gaza sind unterernährt

Berliner Dialogplattformen heben immer wieder Optimismus hervor. Doch Optimismus braucht Nähe zum Realismus. Realismus wiederum setzt Anerkennung der Realität voraus. Ergo müssen wir uns mit der Realität des Kriegs in Gaza auseinandersetzen. Die Realität ist, dass wir in Gaza die größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg erleben – und das in Echtzeit. Wenn wir diese Realität ignorieren, sind wir entweder ignorant oder abgestumpft.

Um dieser Ignoranz entgegenzutreten, werde ich im Folgenden empirische Daten präsentieren, die von verschiedenen Institutionen bestätigt wurden. Schließlich ist die Ignoranz gegenüber der desaströsen Lage in Gaza so weitverbreitet, dass sie sogar bei unserem Kanzler festzustellen ist. Während er sich, ähnlich wie Frau Baerbock, zur Ukraine klar positionierte und im Herbst 2022 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte, dass Hunger niemals wieder als Waffe eingesetzt werden dürfe, fällt er bei der gegenwärtigen Hungerkatastrophe in Gaza nur durch sein Schweigen auf.

Anfang Januar 2024 berichtete Unicef, dass rund 90 Prozent der Kinder in Gaza unter zwei Jahren von schwerer Ernährungsarmut betroffen sind. Eine Umfrage im Mai 2024 ergab, dass 85 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in Gaza ganze Tage ohne Nahrung verbringen. 17.000 schwangere Frauen sind inzwischen in der Phase extremer Unterernährung (Phase vier von fünf auf der IPC-Skala), 11.000 sogar in der Phase von katastrophaler Unterernährung (IPC-Phase fünf).


Wir können eine erschreckende Abstumpfung beobachten

António Guterres beschrieb im März einen Bericht über die integrierte Phasenklassifizierung der Ernährungssicherheit (IPC) und sagte, es sei die „höchste Zahl von Menschen, die von katastrophalem Hunger betroffen sind“, die auf der IPC-Skala seit ihrer Einführung im Jahr 2004 verzeichnet wurde. Der führende Hungerforscher Alex de Waal sagte im März 2024, dass wir „im Begriff sind, Zeugen der intensivsten von Menschen verursachten Hungersnot seit dem Zweiten Weltkrieg zu werden.“

Der Bericht „Water War Crimes“ stellt fest, dass Israels Unterbrechung der externen Wasserversorgung, die systematische Zerstörung von Wasseranlagen und die absichtliche Behinderung der Hilfe die in Gaza verfügbare Wassermenge um 94 Prozent auf 4,74 Liter pro Tag und Person reduziert haben – knapp ein Drittel des empfohlenen Minimums in Notfällen und weniger als eine einzige Toilettenspülung. Israel hat 70 Prozent aller Abwasserpumpen und 100 Prozent aller Kläranlagen sowie die wichtigsten Wasserqualitätsprüflabore in Gaza zerstört und die Einfuhr von Oxfam-Wassertestgeräten eingeschränkt.

Diese menschenverachtenden Maßnahmen der israelischen Regierung sowie die barbarischen Massenbombardements auf Gaza haben schwere traumatische Zustände verursacht. Da selbst Schutzzonen wie Chan Yunis von Israel angegriffen werden, sind Palästinenser nirgends sicher. Die NGO GCMHP berichtet, dass die Kinder in Gaza „in einer endlosen Tragödie leben.“ Weiter heißt es im Bericht: „Die meisten Kinder in Gaza leiden unter Angstzuständen und Dysphorie, Schlafmangel und zeigen andere Anzeichen von Stress, wie ständiges Zittern und Bettnässen.“
Das ist die herzzerreißende, aber logische Konsequenz, wenn die „moralischste Armee der Welt“ auf ein dicht besiedeltes Schutzgebiet wie Chan Yunis fünf 900 Kilogramm schwere Bomben wirft.

Wer beim Lesen dieser Fakten statt Mitleid mit den Palästinensern zu empfinden, beginnt, die Zahlen anzuzweifeln oder mit „aber die Hamas“ zu argumentieren, zeigt nicht nur Ignoranz, sondern auch eine erschreckende Abstumpfung. Eine solche Person hat ihren moralischen Kompass, ja ihre Menschlichkeit verloren. Sodann ist dem jüdischen Sozialphilosophen Zygmunt Bauman in seiner Analyse recht zu geben, dass in der Moderne Solidarität und Mitgefühl nur Verbündeten entgegengebracht wird. Vermeintliche Fremde oder Außenstehende hingegen werden oft mit Gleichgültigkeit oder sogar Feindseligkeit behandelt.


Rauch steigt nach israelischen Bombardements in Chan Junis im Gazastreifen auf.Abdel Kareem Hana/AP


Wie internationales Recht mit Füßen getreten wird

Das Versprechen der Demokratie, Einheit durch Vielfalt zu gewährleisten und Menschenrechte zu fördern, scheinen wir mit unserer Staatsräson selbst zu untergraben. Zu welchem Preis? Für eine ultrarechte Regierung, die sich zwar als einzige Demokratie im Nahen Osten rühmt, aber demokratische Prinzipien mit Füßen tritt? Was nützt eine Staatsräson, wenn sie im Inland eine Brandmauer gegen rechts proklamiert und im Ausland mit ultrarechts kooperiert? Wollen wir ernsthaft unsere Demokratie für eine Regierung aufs Spiel setzen, die Menschenrechte und Demokratie dem Erhalt ihrer Macht opfert? Wie können wir einer Regierung vertrauen, der sogar ihre eigenen Reservisten misstrauen und behaupten, dass das, was Israel in Gaza anrichtet, unmoralisch ist?

Bezeichnend für das Demokratieverständnis der israelischen Regierung ist die Reaktion Netanjahus auf das Urteil des IGH über die Illegalität der israelischen Besatzung. Netanjahu wies das Urteil vehement zurück und behauptete: „Keine Entscheidung der Lüge in Den Haag wird diese historische Wahrheit verzerren, und ebenso kann die Rechtmäßigkeit der israelischen Siedlungen in allen Teilen unseres Heimatlandes nicht angefochten werden.“ Diese Haltung ignoriert und verunglimpft fundamental internationales Recht, für das wir mit unserer „wertegeleiteten Außenpolitik“ angeblich einstehen wollen.


Die unterschiedliche Rechtsanwendung für Israelis und Palästinenser

Ein weiteres Zeichen der Missachtung demokratischer Prinzipien ist die wiederholte Ablehnung von Resolutionen des UN-Sicherheitsrates und der UN-Generalversammlung. Seit 1948 wurden über 40 Resolutionen gegen oder über Israel verabschiedet. Eine besonders bemerkenswerte ist die Resolution 2334, die den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten verurteilt. Israel hat diese Resolution scharf kritisiert, als „beschämend“ bezeichnet und ihre Umsetzung abgelehnt. Dies zeigt nicht nur eine konsequente Missachtung internationaler Normen und Institutionen, sondern leider auch, wie machtlos supranationale Organisationen wie die Uno sind. Das weltweite Oberhaupt und Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat bringt es treffend auf den Punkt: „Die Vereinten Nationen sind zu einem schwachen und nahezu machtlosen Gremium geworden, in dem einige wenige dominante Staaten die gesamte Macht ausüben und sich leicht über die Ansichten der Mehrheit hinwegsetzen können.“

Eine weitere Dimension der Ungerechtigkeit ist die unterschiedliche Rechtsanwendung für Israelis und Palästinenser. Während israelische Bürger, einschließlich der Siedler im Westjordanland, durch das israelische Zivilrecht geschützt sind, werden Palästinenser im Westjordanland vor Militärgerichten verurteilt und unterliegen den Militärverordnungen. Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem und Amnesty International berichten, dass sich über 3000 Palästinenser in administrativer Haft befinden – eine Form der Inhaftierung, die es ermöglicht, Personen ohne formelle Anklage und ohne Verteidigungsmöglichkeiten festzuhalten. Diese Diskriminierung widerspricht dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz und zeigt eine deutliche Ungleichbehandlung.


Eine jüdische Siedlerin kommt am Eviatar-Außenposten im Westjordanland zum Morgengebet, in dem die Legalisierung des Außenpostens und die Rückkehr der Hamas-Geiseln gefordert wird.Ohad Zwingenberg/AP


Es geht um Gerechtigkeit und Menschlichkeit

Von einer Zwei-Staaten-Lösung, auf die viele demokratische Länder seit mehreren Jahrzehnten hinweisen, hält die einzige Demokratie im Osten wenig bis gar nichts. Vergangenen Mittwoch hat die Knesset entschieden gegen die Schaffung eines palästinensischen Staates westlich des Jordans gestimmt (68 zu neun Stimmen). Netanjahu hatte schon mehrfach gesagt, dass Gaza für immer in israelischer Kontrolle bleiben soll. Es überrascht daher wenig, dass Polizeiminister Itamar Ben-Gvir ausgerechnet auf dem Tempelberg für die Fortsetzung des Gazakriegs betete. Dass ein Rechtsextremist wie er, der wegen seiner Nähe zur terroristischen Kach-Partei verurteilt wurde, Minister im demokratischen Israel ist, zeigt, wie sehr wir durch unsere bedingungslose Staatsräson unsere eigenen Werte verstoßen.

Weist man in Gesprächen auf diese Fakten hin, wird schnell eingewendet, dass wir hier nicht den Nahostkonflikt lösen können und uns daher auf innenpolitische Herausforderungen konzentrieren sollen. Doch Innen- und Außenpolitik sind so eng miteinander verflochten, dass die traumatischen Ereignisse in Gaza breite Teile der Berliner Gesellschaft bis ins Mark erschüttern. Es geht hier nicht darum, den Konflikt zu lösen, sondern um einen ehrlichen und problemorientierten Diskurs. Kein Antisemitismus oder antimuslimischer Rassismus ist so belastend wie das Sterben von Menschen. Töten ist der größte Rassismus, und genau deswegen müssen wir über den Krieg in Gaza sprechen. Aufgrund der beschämenden Haltung Deutschlands hat die Regierung ihre Glaubwürdigkeit bei vielen Menschen verspielt. Um das Vertrauen in unsere Institutionen und somit auch in unsere Demokratie wiederherzustellen, muss der Diskurs aufrichtig geführt werden.

Deshalb ist ein Paradigmenwechsel unumgänglich, ein offener Diskurs zwingend erforderlich und ein neuer Konsens längst überfällig. Der bestehende Konsens über die Haltung zur Hamas, die Befreiung der Geiseln und der deutschen Staatsräson muss erweitert werden. Neun Monate lang wurden insbesondere Muslime im Bekenntniszwang zu diesem Konsens gedrängt. Es ist an der Zeit, dass wir uns alle zu einem neuen Konsens bekennen: Waffenstillstand jetzt, Verurteilung israelischer Kriegsverbrechen, Brandmauer gegen Extremismus im In- und Ausland.
Im Gegensatz zum bisherigen Konsens soll dieser neue nicht aufgezwungen, sondern im offenen Diskurs erörtert werden. Denn bei diesem Konsens geht es um mehr als Palästina und Israel; es geht um Gerechtigkeit und Menschlichkeit.



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27.07.2024

Doctorow: Der Assad-Besuch in Moskau vor zwei Tagen, von dem Sie nichts gehört haben: Iran's Press TV

seniora.org, 26. Juli 2024, Von Gilbert Doctorow 26.07.2024 - übernommen von gilbertdoctorow.com

Assad.jpgDer russische Präsident Wladimir Putin hat den syrischen Machthaber Baschar al-Assad im Kreml zu Gesprächen über die Situation im Nahen Osten getroffen. © Valery Sharifulin

Es sei Ihnen verziehen, wenn Sie nichts über den Besuch des syrischen Präsidenten Bashar Assad in Moskau gehört haben, denn weder russische noch syrische offizielle Quellen haben mehr als ein oder zwei Fotos von den beiden Staatsoberhäuptern veröffentlicht, auf denen sie sich treffen und ein paar Worte an die Presse richten. Über das, was zwischen ihnen besprochen wurde, erfährt man außer einigen Allgemeinplätzen noch weniger. Für den iranischen Rundfunksender Press TV war dies jedoch möglicherweise ein bedeutendes Ereignis in der Nachbarschaft, und sie baten um Kommentare, die ich und ein anderer Eingeladener zu liefern versuchten.

https://www.urmedium.net/c/presstv/130226

Der Besuch wurde offiziell mit dem 80. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern begründet. Dies verlieh dem, was in Wirklichkeit alles andere als normal war, einen Anschein von Normalität.

In der Tat wurde die gesamte Episode unter größter Geheimhaltung abgewickelt. Assad flog am späten Mittwochabend nach Moskau, aber die Nachricht von seinem Besuch wurde erst am Donnerstagmorgen veröffentlicht, nachdem er bereits sicher in Damaskus gelandet war. Er soll zwei Stunden lang direkt mit Präsident Putin gesprochen haben, ohne dass die Zeit durch ein formelles Abendessen oder andere zeremonielle Ablenkungen verloren ging.

Dies war der erste Besuch Assads in Moskau seit März 2023, und es gab für die beiden Staatsoberhäupter sicherlich viel zu besprechen. Wie mein Kollege in der Press TV-Sendung andeutet, ging es unter anderem um die Möglichkeit, ein Dreiertreffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zu arrangieren, dem nachgesagt wird, dass er bereit ist, die Beziehungen zu Assad wiederherzustellen, die unterbrochen wurden, als Ankara sich entschloss, die islamistischen Kämpfer gegen seine Regierung während des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2015 zu unterstützen. Theoretisch könnte dies bei Putins noch nicht geplanter Reise in die Türkei in diesem Sommer geschehen.

Ich denke jedoch, dass das wichtigere Thema auf ihrer Tagesordnung die russische Militärhilfe für Syrien im Zusammenhang mit dem derzeitigen israelischen Amoklauf in der Nachbarschaft und insbesondere im Hinblick auf die Verbesserung der unwirksamen syrischen Luftabwehr war. Am 3. Juni führte Israel einen weiteren Kampfjetangriff in der Nähe der syrischen Stadt Aleppo durch. Israelische Angriffe auf Waffenlager der Hisbollah in Syrien und auf Nachschub aus dem Iran, der durch Syrien transportiert wird, sind seit dem Bürgerkrieg regelmäßig zu beobachten. Aber jetzt, wo die Wahrscheinlichkeit besteht, dass Israel einen totalen Krieg gegen die Hisbollah im Libanon entfesselt, werden die militärischen Lieferungen, die durch Syrien in den Libanon gelangen, für die Achse des Widerstands von entscheidender Bedeutung.

Erinnern wir uns daran, dass die russische Militärhilfe für Syrien in den Jahren 2015 und 2016 die Regierung in Damaskus davor bewahrte, von islamistischen Kämpfern überwältigt zu werden, die von den USA und ihren Verbündeten unterstützt wurden. Russland, das einen Marinestützpunkt im syrischen Tartus und einen Luftwaffenstützpunkt in Chmeimin unterhält, hat jedoch nie eingegriffen, um die israelischen Angriffe auf Syrien zu stoppen, die laut Jerusalem ausschließlich der israelischen Verteidigung dienten. Es ist eindeutig an der Zeit, die Syrer beim Schutz ihres Luftraums und ihrer Souveränität zu unterstützen. Ein weiterer Hintergrund ist, dass sich die russisch-israelischen Beziehungen wegen der israelischen Unterstützung für die Ukraine erheblich abgekühlt haben. Darüber hinaus soll ein stärkeres Auftreten Russlands in Syrien die wachsende US-Marinepräsenz im östlichen Mittelmeer ausgleichen, die nach Angaben Washingtons eine Eskalation der Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah verhindern soll, objektiv gesehen aber eher das Gegenteil bewirkt.

Schließlich könnte es durchaus sein, dass Russland im Begriff ist, Assad oder pro-iranische Milizen in Syrien mit seinen leistungsstarken Raketen und Drohnen zu versorgen, um die Wirksamkeit ihrer Angriffe auf die illegalen US-Militärstützpunkte in Syrien zu erhöhen. Dies stünde ganz im Einklang mit den jüngsten Drohungen Wladimir Putins, die gleiche Art von Stellvertreterkrieg gegen die USA zu führen, die Washington im Ukraine-Krieg gegen Russland verfolgt.

Natürlich konnte bei einem zweistündigen Treffen zwischen den Präsidenten nicht auf die Einzelheiten der größeren russischen Unterstützung für Damaskus in den kommenden Tagen eingegangen werden. Aber es bereitet den Weg für die jeweiligen Generäle, um die Details auszuarbeiten, wer jetzt was tut.

Quelle: https://gilbertdoctorow.com/
Mit freundlicher Genehmigung von Gilbert Doctorow
Die Übersetzung besorgte Andreas Mylaeus


Info: https://seniora.org/index.php?option=com_acymailing&ctrl=url&subid=3998&urlid=6076&mailid=2282


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

27.07.2024

Frankreichs "Linke" im postfaktischen Zeitalter

aus e-mail von Doris Pumphrey, 25. Juli 10:02 Uhr


(…) Linke Aktivisten und "Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft" können

noch so sehr auf ihren "Sieg" hinweisen, bei den Wählern ist kein

Schwung zu erkennen. Denn hinter der Linken liegen vier Jahrzehnte

gebrochener Versprechen, Verrat, Austerität, kriegerische und westliche

Ausrichtung, kurz: Treue zu den Dogmen der EU. (…)


_RT DE 24.7.2024


_*Sehen so Sieger aus? – Frankreichs "Linke" im postfaktischen Zeitalter

*/Von Pierre Levy


/Die Linke in Frankreich behauptet nach wie vor, dass sie die

vorgezogenen Parlamentswahlen gewonnen hat. Doch eine genaue Analyse der

ersten und zweiten Runde der Wahlen kommt zu einem völlig anderen Ergebnis.


Der Aufstieg des "Trumpismus" in den USA, aber auch in Europa, wird oft

mit dem Beginn des Zeitalters der "Postwahrheit" in Verbindung gebracht.

Dieser Begriff bezieht sich in der Regel auf die Massenproduktion von –

manchmal riesigen – Lügen, die letztendlich ihre Urheber selbst

überzeugen. Die erdachte "Realität" nimmt allmählich den Platz der

realen Wirklichkeit ein – so zumindest das Bild, das Kritiker anprangern.


Wenn man diese Definition akzeptiert, dann sind die französische "Linke"

und viele Kommentatoren auf dem besten Weg, den ehemaligen und

vielleicht nächsten US-Präsidenten auf diesem Gebiet zu schlagen. Und

zwar mittels der Wiederholung der Legende, dass die "Neue Volksfront"

(NFP, Bündnis von vier linken Parteien) die Wahlen vom 30. Juni und 7.

Juli gewonnen habe.


Eine solche Behauptung wird durch eine sachliche Analyse der

Wahlergebnisse völlig widerlegt. Man muss daran erinnern, dass es der

erste Wahlgang ist, der es ermöglicht, den jeweiligen Einfluss der

verschiedenen politischen Parteien zu messen, da die Wähler zu diesem

Zeitpunkt ihre Präferenz ausdrücken – oder sich der Stimme enthalten.


Am 30. Juni belief sich die Gesamtzahl der von der NFP nominierten

Kandidaten auf 28 Prozent der Stimmen. Das ist neben 2017 und 2022 der

niedrigste Wert für die Linke seit der Entstehung der Fünften Republik

(1958) und sogar noch viel früher. Und das trotz einer wenige Tage vor

den Wahlen besiegelten Union, die Hoffnung und politische Dynamik

auslösen sollte.


Nach dem ersten Wahlgang begann dann eine Woche, die von einem einzigen

Slogan geprägt war, der von der extremen Linken (Nouveau parti

anticapitaliste, NPA) über die Parteien, die Emmanuel Macron

unterstützen, bis hin zur klassischen Rechten reichte: Alle vereinen

sich, um dem Rassemblement National (RN) den Weg zu versperren. So

wurden Macron-Wähler dazu aufgerufen, für NFP-Kandidaten zu stimmen,

wenn diese die besten Chancen hatten, während linke Sympathisanten im

umgekehrten Fall ermahnt wurden, in der Mitte oder auf der rechten Seite

zu wählen. Es spielte keine Rolle, welche Programme und welche

Gegensätze sie hatten, Hauptsache, man schlug die Kandidaten des RN.


Die Webseite "Le Fil d'actu" hat beispielsweise errechnet, dass die

Wähler der Linken 86 zusätzliche Abgeordnete aus dem Lager des

Präsidenten gewählt haben, die ohne ihre Stimmen nicht gewonnen hätten.

Und außerdem haben die Wähler der Rechten und der Mitte (zumindest eine

Mehrheit von ihnen) dazu beigetragen, dass zahlreiche NFP-Kandidaten

gewählt wurden. Mit dem Ergebnis, dass die vier Komponenten der NFP

(Sozialistische Partei, Kommunistische Partei, Grüne, La France

insoumise) nach Sitzen die größte Koalition in der neuen Versammlung

bilden, nämlich 193 Abgeordnete, die jedoch weit von der absoluten

Mehrheit (289) entfernt sind.


Bedeutet dies, dass die Bürger der Linken zum Sieg verhelfen wollten und

ihr Programm unterstützt haben? Man kann das natürlich bedauern, aber

die Antwort ist eindeutig: Nein. Es bedeutet lediglich, dass die

Absprache zwischen den beiden Wahlgängen von acht zu eins – die vier

linken Parteien, die drei, die Emmanuel Macron unterstützen, und die

klassische Rechte gegen das RN – verhindert hat, dass Le Pens

Partei rund 100 ihrer Kandidaten wählen konnte.


Daher rührt die zweite, ebenso verbreitete wie falsche Legende, wonach

die Freunde von Marine Le Pen als Verlierer aus den Wahlen

hervorgegangen seien. Paradoxerweise haben die Führer des RN selbst

diese These bestätigt, indem sie von einer "Niederlage" sprachen. Diese

seltsame Reaktion erklärt sich durch die große Enttäuschung der

Parteiführer: In verwirrender Naivität hatte sich ihr Chef Jordan

Bardella nach den Ergebnissen der ersten Runde bereits als

Premierminister gesehen.


Die Realität ist jedoch – ob sie einem nun gefällt oder nicht –, dass

der RN mit 126 Abgeordneten die größte Fraktion in der Versammlung

geworden ist (denn die linken Abgeordneten teilen sich in vier

Fraktionen auf, und es ist irreführend, eine Parteienkoalition mit einer

Partei allein zu vergleichen).


Vor allem aber ist der RN auf spektakuläre Weise zur stärksten Partei

Frankreichs geworden: Am 30. Juni sammelte er 33,2 Prozent bzw. 10,6

Millionen Stimmen. Dies bedeutet einen Sprung von 14,5 Prozentpunkten

(und mehr als eine Verdoppelung der Stimmenzahl) im Vergleich zur

vorherigen Wahl im Juni 2022 (18,7 Prozent, 4,2 Millionen Stimmen).

Letztere hatte selbst einen deutlichen Anstieg gegenüber Juni 2017

verzeichnet, als der RN "nur" 13,2 Prozent (drei Millionen Stimmen) auf

sich vereinigen konnte. Es gibt einige politische Führer, die sich gerne

mit einem solchen "Misserfolg" zufriedengegeben hätten …


Trotz dieses Ergebnisses haben sich die linken Abgeordneten dafür

eingesetzt, dass … null RN-Abgeordnete in das 22-köpfige Präsidium der

Versammlung gewählt wurden. Eine "Blockade", die im Namen "moralischer

Werte" angenommen wurde. Es ist nicht sicher, ob diese Auffassung von

Demokratie von den Wählern des RN – und anderen – geschätzt wird. Zumal

an diese damit implizit die Botschaft gesendet wird: Du bist aus dem

Volk, das etwas zählt, ausgeschlossen. Unfreiwillig könnten die

Befürworter der "RN-Sperre" so zu einem Volkszorn beitragen, der die

Wahl von Madame Le Pen in den Élysée-Palast bei nächster Gelegenheit

begünstigen könnte.


Was den Vorsitz der Kammer betrifft, so ging er an diejenige, die dieses

Amt bereits in der vorherigen Legislaturperiode innehatte, Yaël

Braun-Pivet, eine Sympathisantin des Élysée-Palasts. Dies wiederum

erregte den Zorn der Linken, die immer noch von ihrem "Wahlsieg"

überzeugt war. Führende Vertreter der NFP prangerten "Manöver" und eine

"Absprache" zwischen Abgeordneten der Macronisten und der klassischen

Rechten an. Ein solches Bündnis sei in ihren Augen "unnatürlich".


Im Übrigen soll sich eine ideologische Kluft zwischen den Freunden des

aktuellen Präsidenten und denen eines seiner Vorgänger, Nicolas Sarkozy,

aufgetan haben. Inhaltlichen Unterschiede zwischen den beiden sucht

man indes vergebens – wie es die Linke seit mehreren Jahren immer wieder

betont!


Und wie geht es jetzt weiter? Wie seit dem Abend des zweiten Wahlgangs

(und sogar des ersten) klar war, hat der Staatschef überhaupt nicht die

Absicht, einen linken Premierminister zu ernennen (selbst wenn sich die

Linke endlich auf einen Namen einigen würde). Zum einen, weil die

Verfassung ihm keine Einschränkungen auferlegt, weder bei der Wahl

selbst noch bei der Frist. Das einzige Risiko besteht darin, dass nach

der Regierungsbildung ein Misstrauensantrag gestellt wird. Dies ist

derzeit jedoch unrealistisch, da es dafür keine absolute Mehrheit gibt

(zumal die NFP ausgeschlossen hat, egal unter welchen Umständen,

gemeinsam mit dem RN zu stimmen).


Zum anderen und vor allem, weil es keinen Druck der Bevölkerung auf den

Élysée-Palast gibt. Linke Aktivisten und "Persönlichkeiten der

Zivilgesellschaft" können noch so sehr auf ihren "Sieg" hinweisen, bei

den Wählern ist kein Schwung zu erkennen. Denn hinter der Linken liegen

vier Jahrzehnte gebrochener Versprechen, Verrat, Austerität,

kriegerische und westliche Ausrichtung, kurz: Treue zu den Dogmen der EU.


Der Präsident wird also versuchen, eine – wahrscheinlich prekäre –

Mehrheit zu bilden, die seine Anhänger, die Rechte, aber auch

Sozialisten und Grüne vereint. Zumal man in Brüssel, wo gerade ein

Überwachungsverfahren gegen Frankreich in Bezug auf seine öffentlichen

Finanzen eingeleitet wurde, langsam ungeduldig werden könnte …


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

27.07.2024

„Die Ukraine war von Anfang an eine geopolitische Figur auf dem weltpolitischen Schachbrett“

nachdenkseiten.de, 24. Juli 2024 um 12:00 Ein Artikel von Michael Holmes

Ein Interview mit Günter Verheugen und Petra Erler vom 10. Juli 2024 zu ihrem neuen Buch „Der lange Weg zum Krieg“, die große Mitschuld des Westens am Ukraine-Krieg, die von den USA und Großbritannien sabotierten Friedensverhandlungen in Istanbul, die große Gefahr eines nuklearen Armageddon und die Geschichte der Entspannungspolitik. Das Gespräch führte Michael Holmes.

Screenshot_2024_07_27_at_10_11_09_Die_Ukraine_war_von_Anfang_an_eine_geopolitische_Figur_auf_dem_weltpolitischen_Schachbrett_

Video https://youtu.be/XslUvRM5s8A Dauer 1:14:50 h


In ihrem fesselnden Stück „Der lange Weg zum Krieg” liefern Günter Verheugen und Petra Erler eine faktenreiche und scharfe Analyse der Ursprünge des Ukraine-Konflikts und erheben schwere Vorwürfe gegen die westliche Außenpolitik. Sie argumentieren überzeugend, dass der Westen wesentlich zur Eskalation des Konflikts beigetragen hat, indem seit den 1990er-Jahren eine erfolgreiche Entspannungspolitik zunehmend durch Konfrontation und Machtstreben ersetzt wurde. Sie zeigen, wie sich die NATO-Ostexpansion, die Kündigung bedeutender Rüstungsabkommen und die Hochrüstung der Ukraine zu einer ernsten Bedrohung der russischen Sicherheitsinteressen entwickelten. Ausführlich legen Sie dar, wie der Ukraine-Krieg mit diplomatischen Mitteln hätte verhindert werden können. Das Buch entlarvt die Kriegspropaganda und ruft leidenschaftlich zu einer Rückkehr zu Dialogbereitschaft und vertrauensbildenden Maßnahmen auf, um den Weg zu einer nachhaltigen europäischen Sicherheitsarchitektur zu ebnen, welche Russland und die Ukraine einschließt.


Der Europa- und Außenpolitikexperte Günter Verheugen, ehemaliger Generalsekretär der FDP und nach seinem Wechsel zur SPD von 1983 bis 1999 Bundestagsabgeordneter sowie außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, leistete bedeutende Beiträge zur Entspannungspolitik und europäischen Integration. In den 1970er- und 1980er-Jahren arbeitete er eng mit Egon Bahr im Bundeskanzleramt zusammen und spielte eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der neuen Ostpolitik, die darauf abzielte, die Spannungen zwischen Ost und West zu verringern und den Dialog zu fördern. Seine diplomatischen Bemühungen trugen wesentlich zum Aufbau von Vertrauen und Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Ostblock bei. Von 1999 bis 2010 war Verheugen Mitglied der Europäischen Kommission, zunächst als Kommissar für Erweiterung und später als Kommissar für Unternehmen und Industrie. Während dieser Zeit war er maßgeblich an der EU-Osterweiterung 2004 beteiligt, die zur Aufnahme von zehn neuen Mitgliedstaaten führte.


Petra Erler ist eine angesehene Politikwissenschaftlerin und EU-Expertin, die bedeutende Beiträge zur europäischen Integration und Verwaltung geleistet hat. 1990 war sie nach den ersten freien Wahlen in der DDR Staatssekretärin für Europäische Angelegenheiten. Erler arbeitete eng mit ihrem Ehemann Günter Verheugen in seiner Rolle als EU-Kommissar für Erweiterung und Industriepolitik zusammen, indem sie ihre Expertise in politischen und administrativen Fragen einbrachte. Seit 2010 ist sie Geschäftsführerin einer Strategieberatungsfirma in Potsdam.


Michael Holmes: Herr Verheugen, Frau Erler, Sie haben ein neues Buch geschrieben: „Der lange Weg zum Krieg”. Ich habe es mit großem Vergnügen und viel Gewinn gelesen. Ich möchte das Buch wirklich jedem unserer Zuhörer und Zuschauer ans Herz legen. In dem Buch schildern sie eben den langen Weg in den Krieg in der Ukraine. Sie schildern den Konflikt, der zunächst noch sehr kalt war und dann immer heißer wurde, zwischen dem Westen und Russland.

Sie schildern den Krieg als einen Stellvertreterkrieg. Dieser lange Weg ist recht komplex, und deswegen kann man oft Menschen, die nicht so viel Zeit haben für Politik, kaum übel nehmen, dass sie nicht verstehen, wenn wir sagen: der Westen trägt viel Mitschuld. Wer hat schon Zeit, sich mit den Details zu beschäftigen, mit der NATO-Osterweiterung und dann dem Bürgerkrieg in der Ukraine und den Waffenabkommen zwischen Russland – früher der Sowjetunion – und dem Westen. Genau das tun sie aber sehr detailliert in dem Buch, und wenn man es konzentriert liest, merkt man auch, warum es so wichtig ist. Denn es zeichnet sich ein Gesamtbild ab, das ich sehr überzeugend finde. Das Gesamtbild ergibt doch, dass der Westen Russland sehr schwer und auf vielfältige Weise provoziert hat. Das rechtfertigt nicht den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, das machen sie auch vollkommen klar in dem Buch.

Dennoch kann man wohl sagen, dass andere Großmächte in einer vergleichbaren Situation so oder ähnlich reagiert hätten wie Russland. Das gilt ganz bestimmt für die USA, und das gilt wohl auch für europäische Großmächte. Denn die Politik der NATO – und da geht es nicht nur um die NATO-Osterweiterung – wurde zunehmend zu einer Bedrohung der existentiellen Sicherheit Russlands. Zumindest wurde es so wahrgenommen. Ich möchte Ihnen überlassen, wo sie anfangen und was sie für am wichtigsten halten. Ich glaube, wir sollten unbedingt über die Istanbul-Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland sprechen. Sie zeigen in dem Buch – und ich glaube, inzwischen sind die Belege sehr gut, dass wir da einem Friedensschluss, der für die Ukraine auch akzeptabel gewesen wäre, sehr nahe gekommen und da wirklich eine Chance auf Frieden verpasst haben. Aber es war nicht die einzige, nicht die letzte und bestimmt nicht die erste Chance auf Frieden.


Günter Verheugen: Sie haben das jetzt alles schon wunderbar dargestellt. Es geht uns darum, klarzustellen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Anlass eines Krieges und seinen Ursachen. Der Anlass ist ganz klar: Die russische Politik war Ende 2021 Anfang 2022 zu dem Ergebnis gekommen, dass lebensnotwendige, unverzichtbare russische Sicherheitsinteressen mit diplomatischen Mitteln nicht durchsetzbar waren, und dann hat Russland zum völkerrechtswidrigen Krieg gegriffen. Aber die Ursache ist eine ganz andere: Die Ursache ist ein Versäumnis, das mehr als 30 Jahre zurückliegt und mit dem Jahr der deutschen Einheit beginnt, mit den großen Veränderungen in Deutschland und in Europa und dem Versäumnis, die Chance zu nutzen, eine europäische Friedensordnung zu schaffen, in der Russland einen gleichberechtigten, respektierten Platz hat. Statt das zu tun, setzte sich das triumphalistische Gefühl durch, wir haben den Kalten Krieg gewonnen, und jetzt gestalten wir die Welt nach unserem Willen. Das ist im Kern, was wir zu diesem Krieg sagen und das wir dann belegen mit vielen Einzelheiten. Ich will nur eine einzige nennen: Der frühere Oberbefehlshaber der NATO General Hodges sagte vor Ausbruch des Krieges: „Russland ist schon seit Jahrzehnten unser Feind.“ Ich finde das ein sehr erschütterndes Zeugnis der Fehlentwicklung, mit der wir es zu tun haben.

Ich glaube, was wirklich schwer zu verstehen ist für viele Menschen im Westen, ist, dass man die verschiedenen Provokationen des Westens zusammendenken muss, um dann ein bisschen ein Gefühl dafür zu bekommen, warum nicht nur Putin und die Eliten in Russland, sondern die Menschen in Russland sich bedroht fühlen, und dazu gehören eben die NATO-Osterweiterung, die Kündigung der Rüstungsabkommen – und hier geht es um die Atomwaffen, die NATO hält natürlich den atomaren Schutzschild über all ihre Mitglieder. Und dann muss man auch die Interna in der Ukraine verstehen, nämlich dass in der ukrainischen Armee und in der ukrainischen Polizei Rechtsradikale und Neonazis tatsächlich eine Rolle spielen. Diese Dinge zusammengenommen ergeben das Bedrohungsszenario für Russland: Atomwaffen, Neonazis in der Armee, eine für Russland unberechenbare und gefährliche Regierung, vom Westen unterstützt, und dann die Hochrüstung durch die NATO.


Petra Erler: Wenn man noch mal in die Geschichte zurückgeht, dann war 1990 der Zeitpunkt, an dem die USA vermutet haben, dass sie nunmehr die einzige verbliebene Weltmacht sind, und diese spezielle Position gedachten sie auszunutzen. Und der einzige wirkliche Gegner zu diesem Zeitpunkt aus der Sicht mancher in den USA war die Sowjetunion bzw. das entstehende Russland, und demzufolge haben alle US-Strategen ab 1990 – das ist nachweisbar – darüber nachgedacht, wie kriegt man diesen potenziellen Herausforderer kaputt. Kann man ihn vernichten? Und das hält sich bis heute. So war auch die Strategie der USA, und das ist nachweisbar. Es gibt aus dem Jahre 2019 eine Untersuchung von RAND im Auftrag des Pentagon: Wie kann man Russland klein machen oder schwächen? Und in dieser Strategie spielt die Ukraine eine maßgebliche Rolle. Selbstverständlich hat das Pentagon damals gedacht: Na ja, das ist nicht ganz ohne Probleme, wenn wir anfangen, die Ukraine als Rammbock gegenüber Russland zu gebrauchen, dann könnte es sein, dass Russland zurückschlägt. Der Beginn dieser Schwächung war 1991, und 2006 konnte man in den amerikanischen Medien lesen, dass man überlegte, wie man die nukleare Überlegenheit kriegt. Und was das bedeutet, sollte sich jeder auf der Zunge zergehen lassen: Nukleare Überlegenheit bedeutet die Bereitschaft zur Führung eines Nuklearkriegs.


Günter Verheugen: Das hat eine lange Geschichte. Es geht um die Idee, dass wer die eurasische Landmasse beherrscht, die ganze Welt beherrscht, und nach 1990 wurde der Schluss gezogen, dass man alles verhindern muss, was dazu führen könnte, dass Russland die alte Stärke der Sowjetunion wiedergewinnt. Der Schlüssel, um diese Frage in dem Sinne zu lösen, ist die Ukraine. Die Ukraine war von Anfang an eine geopolitische Figur auf dem weltpolitischen Schachbrett. Das hat z.B. dazu geführt, dass im Jahre 2013, im Jahr des Maidan, ein von den USA, aber auch einigen anderen westlichen Staaten mitinitiierter Staatsstreich, ein Putsch, zu einer Regierung in der Ukraine führte, bei der man sicher war, dass sie keine Verständigung mit Russland gesucht hat.

Aus westlicher Sicht handelt es sich um eine legitime demokratische Revolution gegen ein autoritäres, korruptes Regime, das von Russland gestützt wurde. Das ignoriert die Rolle der Rechtsextremisten auf dem Maidan. Ich glaube, sie waren eine Minderheit, aber eben eine militante und gefährliche Minderheit. Es ignoriert auch die Meinungsumfragen zu der Zeit in der Ukraine. Die Ukraine war ein absolut gespaltenes Land, auch regional. Das Zentrum der Ukraine und der Westen waren mehr proeuropäisch und prowestlich und der Osten mehr prorussisch und für die Janukowitsch-Regierung. In einer Meinungsumfrage waren die Zustimmungswerte zur Maidan-Revolution ziemlich genau in der Mitte dafür und dagegen. In dieser gespaltenen Situation hat der Westen eindeutig Partei ergriffen für eine Seite und hat damit auch die Souveränität des Landes verletzt, was kaum je gesagt wird. Können Sie noch ein bisschen mehr sagen zur Maidan-Revolution?

Petra Erler: Die Ukraine ist seit 2004 erkennbar ein gespaltenes Land gewesen – Kräfte, die nach dem Westen drängten, und Kräfte, die interessiert daran waren, eine gute Beziehung zum nachbarschaftlichen Russland zu haben. Jeder wusste das auch. Das Problem der Janukowitsch-Regierung, die 2010 ins Amt gekommen war, war, dass Janukowitsch auf der einen Seite in die Europäische Union drängte, aber auf der anderen Seite interessiert daran war, die Ukraine neutral zu verorten. Dagegen sind ab dem Jahr 2012 die Oppositionellen von Janukowitsch Sturm gelaufen, die damals schon rechtsextreme und rechtsnationalistische Kräfte umfassten wie Swoboda. Die sind vom Westen unterstützt worden. Wir wollten eine Ukraine, die nicht so sehr mit demokratischen Wahlen ihre neue Richtung sucht, sondern wir wollten eine Ukraine, die sich definitiv gegen Russland positioniert. Deswegen hat es auch im Westen kaum jemanden interessiert, wie der Putsch abgelaufen ist, der mit sehr viel Geld befördert wurde und mit sehr viel Geheimdienst-Engagement.

Wir hätten sagen müssen: Schluss! Die Ukraine ist tief gespalten. Wir brauchen einen Mechanismus, der diese Spaltung politisch überwindet. Steinmeier hat es damals versucht, gemeinsam mit dem polnischen und dem französischen Außenminister. Aber kaum war die Gewalt auf dem Maidan, die entscheidende Gewalt, wurde alles vergessen. Und das zeigte, wo die Interessen lagen.

Es kam zunächst zu einem Bürgerkrieg, in dem sehr schnell der Westen und auch Russland Partei ergriffen auf den verschiedenen Seiten. Also der Bürgerkrieg wurde dann allmählich zu einem Stellvertreterkrieg. Es ist gut belegt, dass beide Seiten schwere Kriegsverbrechen begangen haben. Also die Separatisten, von Russland unterstützt, aber auch die ukrainische Armee und ukrainische Milizen, zum Teil mit Neonazi-Symbolen auf dem Arm, haben schwere Menschenrechtsverletzungen begangen: Folter, Tötung von Zivilisten etc. Es war großer Hass auf beiden Seiten. Die Minsk-Abkommen sollten eigentlich den Frieden gewährleisten. Wenn man sich die im Detail anguckt, sehen sie wirklich aus wie eine gute Friedenslösung, zumindest die Blaupause davon. Die Frage ist: Warum hat der Westen nicht die Ukraine mehr gedrängt, ihren Teil der Abkommen einzuhalten?

Petra Erler: Der Krieg gegen den Donbass ist nicht von Russland gemacht worden, sondern der ist von der Übergangsregierung der Ukraine gemacht worden. Es war damals eine nicht demokratisch legitimierte Regierung. Und die hatte es satt, dass es im Osten der Ukraine zu Aufständen kam, ähnlich den Aufständen auf dem Maidan. Das war sozusagen ein Anti-Maidan. Da wurden genauso Gebäude besetzt wie damals in Kiew oder Lviv im Jahr 2013/2014. Und die Übergangsregierung hat die Armee der Ukraine gegen diese Aufständischen geschickt. Das endete damals katastrophal, weil ein Teil der Armee übergelaufen ist, ein Teil der Armee blieb treu. Aber damit war das Problem in der Ukraine überhaupt nicht lösbar, nämlich dass sie auf der einen Seite nach Westen, auf der anderen Seite nach Osten schaute. Und das war die Idee der Minsker Verhandlungen.

Günter Verheugen: Aber dazu braucht man gar nicht mehr viel zu sagen, denn drei der Hauptbeteiligten haben sich ja öffentlich dazu geäußert: Die ehemalige Bundeskanzlerin Merkel, der ehemalige französische Präsident Hollande und der ehemalige ukrainische Präsident Poroschenko. Alle drei haben gleichlautend gesagt, bei den Minsk-Abkommen ging es nicht darum, eine Friedensregelung für die Ukraine zu finden, sondern es ging darum, Zeit zu gewinnen, um das Land auf den unvermeidbaren Krieg mit Russland vorzubereiten. Das heißt, nach den Aussagen dieser drei Staatslenker war die ganze Minsk-Politik überhaupt nicht ernst gemeint. Sie war ein Vorwand, man könnte auch sagen, eine Täuschung. Wenn man den Inhalt dieser Abkommen betrachtet, wird schnell klar, warum die Regierung in Kiew kein großes Interesse daran hatte, dieses Abkommen zu verwirklichen. Es hätte nämlich eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Land bedeutet. Wir haben ja schon auf die Tatsache hingewiesen, dass die Ukraine ein zerrissenes, ein gespaltenes Land ist. Das äußert sich natürlich auch im Wahlverhalten. Wenn also die Millionen von ethnischen Russen im Osten der Ukraine bei Wahlen gar nicht mitmachen dürfen, dann kriegt man Mehrheiten zustande, wie man sie gerne hätte.

Richtig. Und ich glaube, an diesem Punkt können wir gleich zu den entscheidenden Istanbul-Verhandlungen kommen. Denn jetzt erfolgt natürlich 2022 die russische Invasion. Aber die Verhandlungen in Istanbul beginnen zwei bis drei Wochen danach, im März und April. Lange Zeit wurde im Westen kaum darüber berichtet. Nun haben erst Foreign Affairs und dann die New York Times darüber berichtet. Sie stellen das ein bisschen tendenziös dar, wie man das auch von der New York Times erwartet. Aber immerhin geben sie uns doch neue Informationen. Alles, was wir darüber wissen, stellt wirklich ganz grundlegend die westliche Darstellung der Motive Russlands in Frage. Wenn man sich dann anguckt, was die Forderungen Russlands waren, muss man schon sagen, dass es aus russischer Sicht hier um eine Verteidigung gegen die NATO geht. Könnten Sie das ein bisschen schildern? Sie tun das in Ihrem Buch ausführlich und sehr überzeugend. Was wurde in Istanbul verhandelt, und warum ist es eine so große vertane Chance? Und was sagt es uns über die Motive von Putins Regierung?


Petra Erler: Nun, vier Tage nach der russischen Aggression gegenüber der Ukraine bzw. nach der Tatsache, dass russische Truppen gemeinsam mit den Truppen des Donbass gegen die Kiewer Zentralregierung aufstanden, gab es den Willen zur Verhandlung auf beiden Seiten. Das spricht sehr dafür, dass zu diesem Zeitpunkt das russische Kalkül war, dass man mit dieser Aggression sehr klarlegen wollte, dass man es ernst meinte mit der Forderung nach Neutralität der Ukraine und dass russische Sicherheitsinteressen betroffen waren. Davor lag ja der russische Vorschlag an die NATO und an die USA, dass man eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa braucht. Das russische Sicherheitsproblem besteht darin – und die USA haben es bewiesen –, dass die Ukraine womöglich zum Aufmarschgebiet der NATO werden könnte.

Diese Verhandlungen liefen ganz gut, und alle ukrainischen Verhandler haben das auch gesagt. Wir haben das in unserem Buch auch korrekt dargestellt. Es hätte damit geendet, wenn sie erfolgreich gewesen wären, dass die Ukraine neutral geworden wäre, die Ukraine demilitarisiert worden wäre, aber Russland sich aus dem Donbass zurückgezogen hätte und bereit gewesen wäre, über die Zukunft der Krim zu verhandeln. Die Ukraine wollte ihrerseits auch Sicherheitsgarantien, und Russland wollte die Berücksichtigung der russischen Sprache in der neuen demilitarisierten Ukraine. Es waren alles Themen, die beiden Ländern auf den Nägeln brannten. Die westliche Position war, mit Russland ist sowas nicht zu verhandeln. Denn das Verhandlungskonzept zeigte, dass die NATO-Auffassung, es ginge nicht darum, ob die Ukraine NATO-Mitglied wäre oder nicht, sondern dass es eigentlich nur darum ging, dass Russland in seiner Nachbarschaft keine Demokratien ertragen könnte. Das war natürlich alles falsch, und die New York Times hat es auch entblößt.

Boris Johnson kam schlussendlich in die Ukraine und hat sie aufgefordert, diesem Verhandlungsergebnis nicht zuzustimmen. Meine persönliche Meinung ist, die Ukraine hat zu diesem Zeitpunkt noch versucht, die Auffassung von Johnson und Biden zu umgehen. Sie haben gewusst, sie werden diesen Krieg verlieren. Sie haben es gewusst. Deswegen haben sie auch dieses Wirken von Boris Johnson in die Zeitung gesetzt. Sie wollten diesen Weg nicht gehen, aber sie hatten niemanden mehr, der sie unterstützt. Das ist die Tragik an der ganzen Geschichte. Seitdem sind Selenskyj und alle anderen Ukrainer davon überzeugt, sie werden den Krieg gegen Russland gewinnen. Es kostet mindestens 600.000 Menschenleben, wenn nicht mehr. Es hat schon mehr als 1,5 Millionen Schwerverletzte in der Ukraine gegeben. Das ist das Päckchen, das wir zu tragen haben.


Günter Verheugen: Damit sind wir bei den strategischen Entscheidungen des Westens. Petra Erler hat ja gerade schon erklärt, weshalb diese Friedensverhandlungen gescheitert sind. Aber was war das Motiv dahinter? Das ist ziemlich eindeutig. Der Westen hat sich entschieden für eine Strategie, die er Siegfrieden nennt. Er sagt, es kann nur verhandelt werden, eine Lösung dieses Konflikts gefunden werden, auf der Grundlage eines militärischen Sieges. Das heißt, die diplomatische Lösung wird ausgeschlossen. Alle Erfahrungen der Entspannungspolitik der Vergangenheit werden in den Staub getreten, und es wird einer rein militärischen Lösung das Wort geredet. Das ist der tiefere Grund, warum wir uns getrieben gefühlt haben, dieses Buch zu schreiben. Wir sehen eine unglaubliche Gefahr auf uns zukommen. Wir sehen die Gefahr, dass dieser militärische Konflikt vollkommen außer Kontrolle gerät, dass er mit immer gefährlicheren Waffen eskaliert und dass das Ziel, diesen Krieg mit einem westlichen Sieg zu beenden, am Ende nur durch den Einsatz von Atomwaffen zu erreichen ist. Aber dann gewinnt keiner, dann sind wir alle tot. Es geht darum, zu sagen: Haltet endlich ein! Schluss mit diesem Gemetzel, gebt der Diplomatie eine Chance!

Bei den Istanbul-Verhandlungen, wenn man die New York Times zum Thema liest und Kommentare der westlichen Politik betrachtet, haben sie im Grunde genommen inzwischen eingestanden, dass wir nah dran waren an einem Friedensschluss. Aber logischerweise beschuldigen sie Russland für das Scheitern und geben im Wesentlichen zwei Gründe an. Der eine Grund sind die Kriegsverbrechen in Butscha, die nicht so gut untersucht sind, aber vieles spricht dafür, dass Russland hier Kriegsverbrechen begangen hat. Gegen das Argument, dass dies eine wichtige Rolle gespielt hat, spricht jedoch die Tatsache, dass die Verhandlungen nach Butscha sehr intensiv weitergingen. Das zeigt auch das Buch. Das zweite Argument ist ebenfalls nicht überzeugend, und zwar, dass Russland die Ukraine in eine Art Satellitenstaat verwandeln wollte. Tatsächlich zeigt das Istanbul-Kommuniqué, wenn ich es richtig verstehe, dass sowohl der Westen als auch Russland die Neutralität der Ukraine garantieren und versichern, im Falle einer militärischen Invasion oder einer Verletzung der Souveränität auf Seiten der Ukraine einzugreifen. Warum sollte sich Russland dazu verpflichten, auf Seiten der Ukraine gegen den Westen einzugreifen, wenn sie es nicht ernst meinten mit dieser Neutralität? Es wäre wichtig zu klären, ob Russland in Istanbul versucht hat, die Ukraine in eine Art Kolonialstatus zu drängen, oder ob es Russland ernst war mit der Neutralität?


Petra Erler: Die Istanbul-Verhandlungen zeigen erstens, dass es eine westliche Lüge war, dass Russland nicht bereit ist zu verhandeln, und zweitens, dass es dem Westen nie um Frieden ging. Der ganze Krieg in der Ukraine, der angeblich für die ukrainische Freiheit und Demokratie geführt wird, ist nur ein Vorwand, um Russland zu schwächen, wenn nicht gar zu ruinieren. Unsere Außenministerin Frau Annalena Baerbock war die Erste, die das in die Welt gesetzt hat. Später wurde es auch von Joe Biden und dem amerikanischen Verteidigungsminister bestätigt. Wir reden hier nicht über die Rettung der Ukraine, sondern über die Zerschlagung Russlands. Ein zügiger Friedensschluss in Istanbul hätte viele Kriegsprobleme, Kriegsverbrechen und das Sterben in der Ukraine verhindern können. Offenbar war es dem Westen nicht wichtig. Wobei ich mal daran erinnern will, dass der ehemalige Präsident des Internationalen Roten Kreuzes gesagt hat: Es sterben erstaunlich wenige Zivilisten in diesem Krieg, weil nämlich beide Armeen, die ukrainische als auch die russische, sehr gut das internationale Recht kennen. Er dachte, es wäre eine Trendwende in der internationalen Kriegsführung. Das war im November 2022. Er hat sich geirrt, wie wir wissen, aber nicht in der Ukraine, nicht in der Kriegsführung mit Russland, sondern in der Kriegsführung im Gazastreifen.

Aber das ist die Bedeutung des Istanbul-Prozesses: Russland wollte, die Ukraine wollte, der Westen wollte nicht. Und der Westen wollte deswegen nicht, weil er glaubte, wenn wir die Ukraine nur ausreichend unterstützen, dann wird Russland in die Knie gehen und vielleicht sogar so enden wie Deutschland 1945. Seitdem ist es völlig klar, dass es hier um die Existenz Russlands geht und dass es hier um die Frage geht, wer die Welt beherrscht.


Günter Verheugen: Genau das hat ja der berühmte Herr Melnyk, der hier sein Wesen als ukrainischer Botschafter getrieben hat, gesagt, als ukrainisches Kriegsziel: Wir wollen Russland da sehen, wo Deutschland 1945 war, am Boden liegend, zerstört, ruiniert. Und hier frage ich mich, weiß der Mann, was er redet? Begreift er eigentlich, was das bedeutet, wenn eine atomare Supermacht instabil wird, wenn sie auseinandergenommen wird, wenn innere Unruhen geschehen, wenn sich Gewalt nach innen und nach außen richtet? Das kann die ganze Welt ins Verderben stürzen. Man muss das so deutlich sagen: Hier sind absolut verantwortungslose Leute am Werk, die uns in etwas hineintreiben, was wir unter allen Umständen verhindern müssen.

Die westlichen Postulate sind unerreichbar. Wenn gesagt wird, man kann überhaupt mit Russland nur reden, wenn Putin weg ist, kann ich nur sagen: So kriegen wir den Putin nicht weg. Das ist auch nicht unsere Sache, nebenbei bemerkt, das müssen die Russen schon selbst entscheiden, wer sie regieren soll. Aber wenn wir glauben, dass ein Regimewechsel in Moskau die russischen Sicherheitsinteressen und das russische Interesse in diesem Konflikt in irgendeiner Weise verändern würde, sind wir vollkommen schief gewickelt. Es gibt keine nennenswerte politische Kraft in Russland, die das russische Interesse anders sieht als die jetzige russische Regierung. Ebenso abenteuerlich ist das Argument, wir können jetzt keine Verhandlungen zulassen, dazu ist die Ukraine zu schwach. Man kann da nur aus einer Position der Stärke verhandeln.

Und das ist nun wieder sehr interessant, wenn man daran erinnert, dass am Anfang des Konfliktes wir ja darüber unterrichtet worden sind, dass diese russische Armee nichts taugt, dass die russische Kriegsführung nichts taugt, dass die militärisch nichts gebacken kriegen. Und jetzt hören wir etwas ganz anderes. Jetzt hören wir: Ja, wir müssen die unbedingt dort stoppen, denn wenn wir sie in der Ukraine nicht stoppen, dann greifen sie als Nächstes die baltischen Länder an und dann Polen, und dann sind sie auch schon kurz vor Berlin. Das sind Lügen. Das sind Propagandamärchen, die erfunden werden, um die öffentliche Zustimmung zu der westlichen Beteiligung an diesem Krieg aufrechtzuerhalten. Und dagegen wehren wir uns.

Ich finde, man sollte auch daran erinnern, dass im Kalten Krieg sowohl die USA als auch die Sowjetunion wirklich klares Unrecht und Verbrechen, wie den Einmarsch in der Tschechoslowakei, dulden mussten, um einen Atomkrieg zu vermeiden. Umgekehrt musste auch die Sowjetunion oft hinnehmen, dass die USA überall in Lateinamerika und in Vietnam natürlich und in Angola intervenierten. Beide mussten oft, was sie als großes Unrecht der anderen Seite angesehen haben, hinnehmen, um einen Atomkrieg zu vermeiden. Deswegen existieren wir heute überhaupt noch. Und es ist, was ich absolut erschreckend finde und was mir manchmal den Schlaf raubt, dass total vergessen wird, was ein Atomkrieg bedeuten würde. Es gibt ja sogar Studien vom Lancet, die zeigen, dass ein atomarer Krieg zwischen den USA und Russland bis zu 90 Prozent der Menschheit umkommen lassen würde. Das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Hauptsächlich aufgrund der atomaren Abkühlung, die die Ernten vernichten würde. Es ist ein absoluter Albtraum. Man muss sich fragen: Selbst wenn man alle anderen Argumente nicht gelten lässt und die westliche Sichtweise teilt, muss man doch zumindest aus Vernunftgründen dafür appellieren, dass wir alles tun müssen, um einen Atomkrieg zu verhindern. Selbst wenn wir Dinge hinnehmen müssen, die vielleicht Unrecht sind, wie z.B. die Besetzung von Teilen der Ukraine. Können Sie noch etwas zu dieser Gefahr des Atomkriegs sagen?


Petra Erler: Ich finde, Sie sprechen eine wirklich schwierige Frage an. Darf ein Aggressor quasi durch seine Verfügung über Atomwaffen andere daran hindern, sich zu verteidigen? Diese Frage kann man nur beantworten, wenn man sich wiederum fragt, wie es dazu gekommen ist. Warum ist Russland zu der Überzeugung gekommen, es müsse militärische Gewalt einsetzen? Das bringt uns zur NATO, die entgegen ihrem eigenen Statut gesagt hat, sie sei nicht bereit, mit Russland in irgendeiner Art und Weise zu verhandeln. Was Russland denkt, ist uns egal. Diese Denkweise existiert seit 1994 explizit. Seitdem leben wir in Wahrheit als NATO-Staaten, die damit pokern, was Russland als Atommacht machen könnte. Das ist überhaupt nicht mehr vernünftig.

Das Zweite ist selbstverständlich, dass ich der Überzeugung bin, dass wir niemandem auf dieser Welt gestatten dürfen, die gesamte Zivilisation in Frage zu stellen. Das Problem ist nur, dass ich bisher nur auf Seiten der USA das Verlangen nach atomaren Erstschlagskapazitäten gesehen habe, ausgedrückt 2006 und heute auch noch in der nuklearen Doktrin der USA. Die Russen haben nicht eine so weitgehende Nukleardoktrin. Das Dritte ist, ich kann jeden nur warnen, wenn wir anfangen zu glauben, wir könnten es so machen wie die Jungen auf dem Schulhof: Wer hat den Längeren, wer hat den Besseren – dann landen wir genau dort, wo wir nie landen wollten. Ich persönlich bin der Auffassung, es ist nicht wahrscheinlich, dass die Menschheit in irgendeiner Art und Weise überleben wird, wenn es zu diesem atomaren Schlagabtausch kommt. Alle sind sich darüber einig, auch amerikanische Neokonservative. Es ist keine russische Propaganda. Wir nähern uns dem Punkt, wo Atomwaffen eingesetzt werden. Wenn sie eingesetzt werden, gibt es diejenigen, die sofort sterben. Dann gibt es diejenigen, die verstrahlt werden, und danach diejenigen, die verhungern. Diejenigen, die dann noch übrig bleiben, sind keine Menschen mehr.


Günter Verheugen: Das ist die Konsequenz dessen, worüber wir gerade diskutieren, und das hat Petra Erler gerade sehr bewegend dargestellt. Die Konsequenz daraus ist einfach: Das oberste Ziel der internationalen Politik ist unverändert die Kriegsverhütung. Das ist einfach so. Unter den Bedingungen, unter denen wir heute leben, dürfen wir Krieg als Mittel der Politik schlicht und einfach nicht mehr akzeptieren. Darum beschäftigen wir uns in diesem Buch sehr intensiv mit den Erfahrungen, die wir während des früheren Kalten Krieges gemacht haben und wie wir dafür gesorgt haben, dass er nicht zum heißen Krieg wurde. Das Instrument hieß Entspannungspolitik. Heute wird sie oft falsch dargestellt, als sei sie auf Geschäftemacherei ausgerichtet. Das ist eine vollkommen falsche Sichtweise. Ich möchte ganz klar sagen: Ich war damals schon dabei, so alt bin ich inzwischen. Entspannungspolitik hat ein begrenztes Ziel, und das Ziel ist Konfliktvermeidung. Sie schafft Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, auf der Grundlage verifizierbarer Verträge und Abkommen Konflikte zu vermeiden.

Wir dürfen Entspannungspolitik nicht überfrachten mit Forderungen, die sie nicht erfüllen kann. Es ist nicht Aufgabe von Entspannungspolitik, die inneren Verhältnisse in einem Staat zu verändern oder einen Regimewechsel herbeizuführen. Es geht ganz konzentriert darum, wie wir den Krieg vermeiden können. Das setzt ein Mindestmaß an Vertrauen zwischen den Beteiligten voraus.

Und wenn es gut läuft, wie wir es nach 1975 erlebt haben, kann Entspannungspolitik sehr wohl zu Veränderungen in Gesellschaftssystemen und zu grundlegenden strategischen Neuausrichtungen führen. Wir wehren uns also gegen die These, dass Entspannungspolitik ein Ding der Vergangenheit war und heute nicht mehr benötigt wird. Ganz klar: Wir sind nicht dort, wo wir sind, weil wir Entspannungspolitik betrieben haben. Wir sind dort, wo wir sind, weil auf die Erfahrungen der Entspannungspolitik der 70er- und 80er-Jahre verzichtet wurde. Es hat niemals geheißen „Wandel durch Handel“. Das ist eine Erfindung der damaligen Opposition in Deutschland, um die Entspannungspolitik zu diskreditieren.


Petra Erler: Es geht um die Annahme, dass man Kriege benutzen kann, um die Welt zu verändern, und zwar nach eigenem Gusto. Diese Annahme war eine Triebkraft amerikanischen Verhaltens nach dem Zweiten Weltkrieg, in Vietnam, im ersten und zweiten Irakkrieg und in allen folgenden Kriegen gegen den Terror. Wir haben eine Politik erlebt, die ausgehend von der Stärke der USA die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten wollte. Und bisher ist das immer schiefgegangen, seit Vietnam. Niemand ist bereit, sich damit auseinanderzusetzen, dass man zusammenleben kann, sich gegenseitig respektieren kann und dass es nicht naiv ist, davon überzeugt zu sein, dass das Leben des anderen nicht das eigene Lebensmodell ist.

Wie etwa Kennedy, der selbstverständlich nicht die Sowjetunion wollte. Das war für ihn ein fremdes System, aber es war für ihn ein System, mit dem man leben kann. Und heute haben wir die Spitze dessen, was wir schon mal in der McCarthy-Ära hatten. So nach dem Motto, mit denen da können wir nicht leben. Die sind die Bösen, und wer immer über sie positiv redet, gehört auch zu den Bösen und in Wahrheit eingesperrt und der Stimme beraubt und so weiter und so fort. Wir sind in einer Ära angelangt, in der wir nicht mehr rational denken können darüber, was unserer gemeinsamer Überlebenswille ist und Überlebensinteresse. Denn wenn wir so weitermachen, bleibt ja nichts weiter übrig, als den bösen Feind mit einer Atomrakete oder was weiß ich den Kopf einzuschlagen. Und wo werden wir dann landen? Wir in Europa werden das Schlachtfeld werden.

Ja, ich finde es auch eine große Stärke Ihres Buches, dass sie den Finger auf diese Ideologie legen, die heute im Westen so weit verbreitet ist, die ein bisschen schwer fassbar ist. Denn wir alle lieben die Demokratie und die Meinungsfreiheit, und viele der westlichen Werte sind natürlich eine wunderbare Sache und man wünscht sie sich auch in einiger Hinsicht dem Rest der Welt. Nur der Westen gebraucht sie natürlich heute für eine Art Fanatismus, was eine Absurdität ist, was wirklich im Sinne von George Orwell ist, dass hier die Demokratie im Grunde genommen verwendet wird für einen manichäistischen Wahnsinn. Also wir sind das absolut Gute und die anderen, unsere Feinde, sind das absolut Böse. Also Russland, China, Iran, Venezuela und so weiter sind absolut Böse, und deswegen können wir gar nicht verhandeln, und im Namen dieser Ideologie führen wir einen Krieg nach dem nächsten.


Günter Verheugen: Wir sollten es erst einmal klar machen, was das eigentlich bedeutet, Rest der Welt. Den Ausdruck, den Ausdruck haben sie gerade gebraucht: Der Rest der Welt, das sind die, die nicht so denken wie wir. Ja, es sind etwa sieben Milliarden Menschen. Wir sind nicht die Mehrheit auf diesem Planeten mit unseren Werten und unserem Way of Life, wir sind im Gegenteil eine Minderheit, deren Bedeutung schrumpft, demographisch wie auch ökonomisch und politisch. Wir sollten endlich aufhören, den Eindruck zu erwecken, als seien wir Masters of the Universe – wir sind groß, alle haben zuzustimmen, alles tanzt nach unserer Pfeife. Der sogenannte Rest der Welt lässt sich das nicht mehr länger gefallen. Die Zeiten sind vorbei, und das nimmt auch einen wesentlichen Teil in unserem Buch ein. Wir beschreiben den Übergang von einem System, in dem eine Weltmacht dominierte, hin zu einem multipolaren System.

Das ist in Wahrheit die große politische Aufgabe, vor der wir stehen. Wie kriegen wir diesen Übergang zu einer multipolaren Weltordnung hin, ohne dass es dabei zu kriegerischen Konflikten kommt. Also ohne dass z.B. diese Frage zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den USA und China führt. Das Thema China steht ja immer im Hintergrund bei allem, was auch jetzt im Augenblick passiert, auch beim Ukraine-Krieg wird ja ganz offen gesagt, unser Verhalten dort soll den Chinesen eine Lehre sein, dass sie merken, wir lassen nicht mit uns spaßen.

Also zusammengefasst: Die wirkliche Aufgabe, vor der wir stehen, ist in der Tat, einen völlig neuen Politikansatz zu finden, so wie es Kennedy versucht hatte, so wie es Gorbatschow versucht hatte, weil wir unsere Kräfte zusammenfassen müssen, um die großen Probleme unseres Planeten zu lösen, und es uns nicht leisten können, unsere Kräfte dadurch zu verschwenden, dass wir uns gegenseitig umbringen.


Petra Erler: Da ich ja Ostdeutsche bin: Ich weiß, wie verführerisch der Geschmack der Freiheit ist, und ich verstehe überhaupt nicht, warum die heutigen sogenannten westlichen Demokratien nicht mehr das Selbstbewusstsein haben, das einst Kennedy hatte – nach dem Motto, wir sind eigentlich attraktiv. Natürlich, weil sie es nicht mehr sind, weil die Bilanz der westlichen Demokratien nicht sehr gut ist. Sie sind diejenigen, die Kriege befürwortet haben, die Regime Changes befürwortet haben, die Leuten Angst machen auf dieser Welt, aber am Ende bleibt für mich immer doch: Demokratie und der Geschmack der Freiheit ist unschlagbar.

Könnten Sie noch ein Wort zu Gaza sagen? Ich sehe einen Zusammenhang, weil ich noch nie so eine Kriegsstimmung erlebt habe wie beim russischen Einmarsch, eine Art Fremdnationalismus, also dass die Deutschen so sehr gefiebert haben mit den Ukrainern. Überall waren ukrainische Fahnen. Ich bin auch nicht grundsätzlich dagegen, ich war zweimal in der Ukraine und habe viel Sympathien mit dem Land. Aber es war sehr seltsam, diese aufgepeitschte Stimmung, und es wurde auch sehr intolerant. Der Einmarsch Russlands hat den Westen noch mal etwas fanatischer gemacht, noch mal zusammengeschweißt gegen den Rest der Welt, und hat sie dann auch blind gemacht dafür, was Israel im Gazastreifen tut. Also ich glaube, diese bedingungslose Unterstützung der USA, Großbritanniens, Deutschlands und der EU für Israel wäre nicht möglich gewesen ohne diese aufgeheizte, fanatische und intolerante Stimmung im Westen.


Petra Erler: Es ging nie um die Ukraine. Die Ukraine wurde in Stellung gebracht, um Russland zu schwächen. Also diese ganze Kriegslüge, dass der Ukraine-Krieg für die Freiheit der Ukraine geführt wurde, ist doch wirklich völlig absurd. Das müssen die Leute begreifen, sie sind hier belogen worden, und zwar in großem Stil.

Das zweite Problem sind die Ereignisse des 7. Oktober und die anschließenden Ereignisse im Gazastreifen. Das ist eine ganz andere Geschichte, die seit 1948 ihre Entwicklung hat. In unserem Buch haben wir diese Entwicklung nicht nachgezeichnet; uns ging es um den langen Weg zum Krieg in der Ukraine. Aber eines ist klar: Was im Gazastreifen passiert, ist ein großes humanitäres Versagen. Im Lancet wurde angedeutet: Zwischen sieben und neun Prozent der Menschen im Gazastreifen sind möglicherweise tot. Wer immer Kriege beenden will, wie wir den Krieg in der Ukraine beenden wollen, muss diese Schlachten im Gazastreifen beenden und eine Lösung finden.

Was ursprünglich mal gedacht wurde, nämlich die Zweistaatenlösung, muss kommen. Wir brauchen in der Ukraine eine Lösung, in der Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und unterschiedlicher Affinität zusammenleben und sich sagen: „Ich lebe mit meinen Nachbarn im Osten und im Westen in Frieden und ich hasse niemanden.“ Das ist das Gemeinsame; wir können keinen Hass in Europa ertragen und sollten keinem Hass im Mittleren und Nahen Osten Vorschub leisten. Meine alte These ist, ich muss es ganz ehrlich sagen: Wer immer Hass sät, gibt dem Hass freien Lauf gegen wen auch immer, und Menschen sind sehr erfinderisch, wenn sie hassen wollen.

Der Kniefall von Willy Brandt war ein großes Zeichen von Demut, und die fehlt mir so sehr. Ich erlebe den Westen als sehr hochmütig und intolerant. Wir haben die Wahrheit für uns gepachtet. Könnten Sie noch etwas sagen, um zu einem positiveren Ende zu kommen? Entspannungspolitik, wäre das noch etwas Aktuelles? Was würde sich ändern in unserer Kultur, in unserer Politik und in unserer Gesellschaft, wenn wir wieder mehr die Lehren aus der Vergangenheit ziehen könnten?


Günter Verheugen: Wenn wir zurückkehren würden zu den Prinzipien der Entspannungspolitik. Die Verhältnisse heute sind anders als in den 1970er-Jahren, aber an den Prinzipien hat sich nichts verändert. Prinzipien bedeuten, dass man immer auch die Interessen der anderen Seite sehen muss. Ein Problem kann nicht nur aus der eigenen Sicht betrachtet werden, sondern muss auch aus der Sicht des Kontrahenten betrachtet werden. Man muss sich bemühen, herauszufinden, ob es gemeinsame Interessen gibt, und wenn es diese gibt, nach ihnen handeln. Es gilt, Felder der Kooperation zu entwickeln, auf denen man zusammenarbeiten kann. Die Voraussetzung dafür ist ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen. Wenn das nicht da ist, kann man keine Entspannungspolitik betreiben.

Meine große Sorge ist, dass in den letzten 20 Jahren so viel Vertrauen verloren gegangen ist und mutwillig zerschlagen wurde, dass es nicht von heute auf morgen möglich sein wird, zu einer Entspannungspolitik zurückzukehren. Nichtsdestotrotz muss es versucht werden, mit allen Instrumenten, die uns zur Verfügung stehen. Die Alternative ist, dass wir unter ständiger Bedrohung unserer Existenz weiterleben müssen. Das bedeutet, was hier zu verlangen ist, ist ein Politikwechsel. Petra und ich wünschen uns, dass die Europäische Union bei diesem Versuch der Neujustierung der internationalen Politik eine führende Rolle spielt. Das ganze Gerede von strategischer Autonomie der Europäer und davon, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, würde mir sehr viel besser gefallen, wenn es verbunden wäre mit klaren Initiativen, um Entspannungspolitik wieder möglich zu machen.


Petra Erler: Ich möchte noch einen Gedanken hinzufügen: Ich war immer der Überzeugung, dass es zu den Stärken der Europäischen Union gehört, dass es einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen gibt. Die Medien spielen eine wichtige Rolle für die objektive Unterrichtung der Bürgerinnen und Bürger. In den letzten Jahren habe ich mit großer Sorge gesehen, dass dies überhaupt nicht mehr erfüllt wird. Das kann niemanden beruhigen. Es ist wichtig, dass es alternative Medien gibt, wie etwa die NachDenkSeiten, die über die Komplexität der Dinge berichten und unangenehme Fragen stellen. Wenn das nicht so bleibt und attackiert wird, haben wir keine guten Chancen, darüber gemeinsam ins Gespräch zu kommen, was der richtige Weg zum Frieden ist und wie wir das gemeinsam meistern können. Stattdessen werden wir eine immer weiter gespaltene Gesellschaft haben. In diesem Sinne würde ich mir wünschen, unabhängig von unserem Buch, dass viele Menschen von unseren Medien einfordern, endlich die Wahrheit zu sagen.

Eine persönliche Frage an Sie: Sie haben ja viel Autorität, was Osteuropa und die Ukraine angeht, und jetzt haben Sie ein neues Buch geschrieben. Bekommen Sie die Diskussion, die Sie verdient haben, um das, was in der Ukraine passiert ist, und wie wir dazu kamen? Oder sind sie nur auf den NachDenkSeiten mit Ihrer Hilfe?

Petra Erler: Wir haben eine gute Diskussion und erstaunlich viele Rückäußerungen von Leserinnen und Lesern, die uns privat schreiben. Selbstverständlich nehmen wir zur Kenntnis, dass kein einziges sogenanntes liberales Medium je so getan hätte, als hätte es unser Buch gelesen.

Sie werden ignoriert von den großen Medien, kann man das so sagen?

Ja, aber trotzdem sind wir inzwischen auf Platz 19 der Bestsellerliste. Ignoranz ist vielleicht auch eine Waffe. Menschen wissen, wo sie ihre Informationen bekommen können, wenn sie nicht mehr informiert werden von denen, die sie informieren sollten. Unser Buch ist ein Beweis dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Medien dringend darüber nachdenken sollten, welchen Auftrag sie haben.

Ich fühle eine moralische Verpflichtung gegenüber der Ukraine, weil ich Freunde dort habe und letztes Jahr im Krieg nach Kiew gereist bin. Ich habe Selbstzweifel, ob ich den Interessen und Bedürfnissen der Menschen dort gerecht werde. Was würden Sie sagen, ist Ihre Position? Weil es immer einfach gesagt wird, proukrainisch oder prorussisch. Warum würden Sie sagen, dass Ihre Position den Menschen in der Ukraine dient?


Günter Verheugen: Weil wir entschiedene Vertreter einer wertebezogenen Außenpolitik sind. Das bedeutet, der oberste Grundwert, der für die gesamte Menschheit verbindlich ist, muss in der Außenpolitik verwirklicht werden, und das ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Das bedeutet den Appell zur Friedenspolitik und Entspannungspolitik. Wir sind überzeugt, dass es für die Menschen in der Ukraine besser ist, in einem gutnachbarschaftlichen, wenn nicht sogar freundschaftlichen Verhältnis mit Russland zu leben, als in einem Krieg, dessen Ende niemand absehen kann, abgeschlachtet zu werden.


Petra Erler: Ich persönlich kenne die Ukraine seit 2002 und war von 2015 bis 2017 regelmäßig dort. Die Sowjetunion lernte ich 1988 und 1989 kennen, Russland später, 2019. In der Ukraine habe ich ein großes Verlangen nach Aussöhnung erlebt in den Jahren 2015 und 2016. Aber ich habe auch gesehen, dass amerikanische Kräfte diese Aussöhnung verhindern wollten. Mein persönliches Bemühen, und ich finde, die Ukrainer sind ein interessantes, großartiges Volk, das muss man doch erhalten und retten. Man kann es nicht opfern auf dem Altar einer ganz gemeinen Politik, die die Zerstörung Russlands zum Ziel hat, die übrigens nicht funktionieren wird. Das hat schon der alte Brzezinski versucht, der Kaiser von Deutschland und Napoleon. Mein Gott, kann man nicht mal was Neues erfinden?

Okay, das war ein sehr schönes Gespräch. Ich danke Ihnen vielmals.

Günter Verheugen: Am Ende ist mir gerade noch etwas eingefallen. Ganz am Anfang bei der Vorstellung haben Sie zu Petra gesagt, sie war Politikerin in der DDR. Das ist ja richtig, aber es wäre schon wichtig gewesen zu sagen, dass sie Mitglied der einzigen demokratisch gewählten Regierung war. Ja, sie hatte keine politische Verantwortung zur Zeit der SED, sondern war in der Regierung der Wendezeit. Sie war Staatssekretärin in der ersten und einzigen frei gewählten demokratischen Regierung der DDR, nicht vorher.

Ich war bis 2010 Mitglied der Europäischen Kommission, und in meiner ersten Amtsperiode zuständig für die Erweiterung, in der zweiten war ich Vizepräsident und unter anderem europäischer Vorsitzender des transatlantischen Wirtschaftsrates. Das legitimiert mich, über die Politik der USA zu sprechen. Im Gegensatz zu den meisten, die sich in der deutschen Politik zu diesem Thema äußern, kennen wir die Länder, die handelnden Personen und die Zusammenhänge seit über 50 Jahren. Wenn das Buch von den Leitmedien ignoriert wird, das ist schon ein starkes Stück. Aber gut, es läuft trotzdem.


Petra Erler: Was mir wirklich wichtig ist. Es geht mir darum, dass heute Medien wie die NachDenkSeiten nicht nur die Rolle erfüllen, die früher die öffentlich-rechtlichen Medien erfüllen sollten, richtig? Gleichzeitig bin ich tief besorgt, wenn es nur noch die NachDenkSeiten wären. Man sieht an den USA, was passiert, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien einknicken. Man braucht immer Alternativen. Wenn das nicht gelingt, sind wir verloren aus meiner Sicht. Neun Millionen pro Tag sind bei den öffentlich-rechtlichen Medien. Das ist der Unterschied. Wenn diese neun Millionen Menschen verbildet werden und merken, dass sie verbildet werden, das fangen die NachDenkSeiten nie auf.

Nein, sonst könnten Sie mich in die Ukraine schicken, dass ich dort Recherchearbeit mache und solche Dinge. Dazu fehlt dann das Geld.


Petra Erler: Schönen Abend noch.


Michael Holmes: Schönen Abend, vielen Dank.


Petra Erler: Vielen Dank.


Infos zum Buch: Petra Erler, Günter Verheugen: „DER LANGE WEG ZUM KRIEG – Russland, die Ukraine und der Westen – Eskalation statt Entspannung“, Heyne Verlag.


Titelbild: Screenshot NachDenkSeiten


Mehr zum Thema: Interview mit David Vine: „Die USA sind das mächtigste Imperium der Weltgeschichte“

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Rubriken:

Außen- und Sicherheitspolitik Interviews Medienkritik Militäreinsätze/Kriege

Schlagwörter:


Info: https://www.nachdenkseiten.de/?p=118458


unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

27.07.2024

Ukraine-Krieg: In höchster Not ändert Selenskyj das Narrativ

lostineu.eu, vom 26. Juli 2024

So schnell kann’s gehen: Nachdem US-Präsidentschaftskandidat Trump mögliche Friedensgespräche angekündigt hat, will Ukraines Präsident Selenskyj seinerseits Russland einladen und den Krieg so schnell wie möglich beenden. Ist das mehr als eine Nebelkerze?

Die “heiße Phase” des Krieges könne noch vor Jahresende vorbei sein, sagte Selenskyj. Es sei auch nicht mehr nötig, alle besetzten Gebiete militärisch zurückzuerobern. “Die Kraft der Diplomatie” könne helfen.

Dafür will Selenskyj noch vor der US-Präsidentschaftswahl einen neuen “Friedensgipfel” einberufen – und diesmal sogar Russland einladen. Offenbar zur Vorbereitung hat er seinen Außenminister Kuleba nach China geschickt.

Die Signale aus Peking seien positiv, so Selenskyj. So erkenne China die territoriale Integrität an. Allerdings gib es bisher kein Anzeichen, dass China von Russland abrückt. Selenskyjs neues Narrativ ist wohl eher eine Nebelkerze.

Da der Ukraine-Krieg auf einen Scheitelpunkt zuläuft, verstärkt sich der Eindruck, dass Selenskyj bis zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO eskalieren will, denn das ist für ihn der einzige Weg, eine katastrophale militärische Niederlage zu verhindern und als ukrainischer Präsident zu überleben.
General a.D. Harald Kujat

Denn gleichzeitig erklärt Armeechef Syrskyi , er glaube trotz anhaltender Geländeverluste weiter an den Sieg. Und Kiews Bürgermeister Klitschko – ein Kritiker Selenskyjs – warnt den Staatschef vor “politischem Selbstmord”.

“Wird er den Krieg mit neuen Toten und Zerstörung fortsetzen oder einen territorialen Kompromiss in Betracht ziehen?”, fragte Klitschko“Wie auch immer er sich entscheidet, unser Präsident riskiert politischen Selbstmord.” 

Das zeigt, wie sehr Selenskyj unter Druck steht. In höchster Not versucht er nun, wenigstens verbal die Kurve zu kriegen, bevor Trump ins Amt kommt. Immerhin ist er damit schon deutlich weiter als die EU oder Deutschland.

In Brüssel hält man immer noch an der Illusion eines “Sieges” über Russland fest. Und in Berlin hat sich Außenministerin Baerbock skeptisch gegenüber einer Rolle Chinas als Vermittler im Krieg in der Ukraine gezeigt.

Auf die Idee, selbst eine diplomatische Initiative zu ergreifen – und sei es nur, um Selenskyj zu unterstützen – ist die Grünen-Politikerin bisher nicht gekommen…

Siehe auch “Trump will vermitteln”: Was Orbans Pendeldiplomatie gebracht hat Mehr zum Krieg um die Ukraine hier

P.S. Gegen echten Friedenswillen spricht auch die Tournee, die das umstrittene Azow-Bataillon derzeit in Europa unternimmt. Es war ein Auffangbecken für Nazis, wurde aber von Washington und London weiß gewaschen. Dennoch wurden geplante Veranstaltungen in Belgien und Deutschland abgesagt – wohl aus Angst vor Krawall.

5 Comments

  1. Helmut Höft
    27. Juli 2024 @ 09:14

    Nach der Lektüre beider Teile der „Kujat-Einschätzungen“ auf den NDS: Hammer. Okay, Harald Kujat ist einen Stimme, Kieserich Rodewetter eine andere: Der Blick auf a) die Entwicklung seit ’91 und b) auf die Basisdaten der Kontrahenten sollte in der Lage sein, eine logisch glaubwürdige Einschätzung der Lage zu finden. (außer unter Politniks und Ideologen)

Reply

  • Helmut Höft
    27. Juli 2024 @ 08:49

    „In Brüssel hält man immer noch an der Illusion eines “Sieges” über Russland fest.“ An den „Endsieg“ wurde noch Anfang ’45 geglaubt (wegen Taurus … äh der V-Waffen und so).

    Reply

  • Arthur Dent
    27. Juli 2024 @ 00:15

    …“Dies ist eine der schwerwiegenden Fehleinschätzungen, die dem Westen unter der Führung der USA unterlaufen sind. Die wirtschaftlichen Konsequenzen für Europa haben bereits jetzt ein enormes Ausmaß erreicht. Sie werden noch viele Jahre nach dem Ende des Krieges zu schultern sein. Wie auch immer dieser Krieg einmal endet, die Verlierer stehen schon heute fest: das ukrainische Volk und Europa…“
    – Nein, ich denke nicht, dass das vesehentlich passiert ist, sondern absichtlich. Europa ist nun schön abhängig und die Ukraine sowieso.

    Reply

  • exKK
    26. Juli 2024 @ 17:18

    “Und in Berlin hat sich Außenministerin Baerbock skeptisch gegenüber einer Rolle Chinas als Vermittler im Krieg in der Ukraine gezeigt.

    Auf die Idee, selbst eine diplomatische Initiative zu ergreifen – und sei es nur, um Selenskyj zu unterstützen – ist die Grünen-Politikerin bisher nicht gekommen…”

    In der tagesschau wurde noch getitelt
    “++ Baerbock fordert von China mehr Friedenseinsatz ++” (Stand: 25.07.2024 22:53 Uhr)
    [Quelle: https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-donnerstag-370.html%5D

    Bei der Meldung hab ich laut auflachen müssen, als ich sie im TV erstmals hörte: Aus den o.g. Gründen – unsere “Chefdiplomatin”, die in Sachen vermittelnder Diplomatie die Arbeit seit fast 2,5 Jahren konsequent verweigert (und eher im Gegenteil statt dessen selbst immer mehr Öl ins Feuer giesst), will ihre chinesischen Kollegen zu eben dieser Arbeit antreiben… diese Personalie ist echt eine Strafe – ich würde nur gern wissen, wofür!

    Reply

    • Michael
      26. Juli 2024 @ 22:58

      Da musste ich auch laut lachen weil es so lächerlich ist! Wie hieß es ( sagte wer?): „… die Personalie Baerbock ist Zeitverschwendung!“ Wenn sie nicht so viel Schaden anrichten würde könnte man sagen „es sei egal“!


  • Info: https://lostineu.eu/ukraine-krieg-in-hoechste-not-aendert-selenskyj-das-narrativ


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.




    Weiteres:




    Neues vom Wirtschaftskrieg (247): EU gibt erstmals russische Zinserträge frei


    lostineu.eu, vom 26. Juli 2024,

    Ungarn wirft Ukraine “Erpressung” vor. Brüssel will Sanktionen für die USA verlängern. Und die EU gibt erstmals Zinserträge aus eingefrorenem russischen Staatsvermögen für die Ukraine frei.

    • Die EU gibt erstmals Zinserträge aus eingefrorenem russischen Staatsvermögen für die Ukraine frei. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte eine Überweisung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro an. “Es gibt kein besseres Symbol oder keinen besseren Verwendungszweck für das Geld des Kremls, als die Ukraine und ganz Europa zu einem sichereren Ort zum Leben zu machen”, schrieb sie im sozialen Netzwerk X. (…) Das Geld fließt nun an Länder wie Deutschland oder Tschechien, die der Ukraine dann damit zeitnah Ausrüstung für die Luftverteidigung oder Artilleriegeschosse zur Verfügung stellen. Nach Kommissionsangaben sind rund 210 Milliarden Euro der russischen Zentralbank in der EU eingefroren. Das in Brüssel ansässige Finanzinstitut Euroclear hatte zuletzt mitgeteilt, 2023 rund 4,4 Milliarden Euro an Zinsen eingenommen zu haben. (dpa / EU-Kommission) – Russland spricht von “Diebstahl”; Moskau hat bereits Vergeltung angekündigt.
    • Brüssel will Sanktionen für die USA verlängern. The European Union has presented member states with two options to freeze Russian Central Bank assets for a longer period of time as it seeks to assuage US concerns over a Group of Seven plan to leverage the profits to provide Ukraine with some $50 billion in aid. The two options are an open-ended immobilization of the assets that would be reviewed at regular intervals, or lengthening the roll-over period to, for example, 18, 24 or 36 months, according to a draft document seen by Bloomberg.- Die EU erneuert ihre Sanktionen gegen Russland alle sechs Monate. Die USA haben Bedenken angemeldet, dies könnte ein Risikofaktor bei der Umsetzung der Pläne sein. Für eine Verlängerung braucht es Einstimmigkeit – doch Ungarn ist dagegen. Die Pläne zeigen wieder einmal, wer das Sagen hat – die USA.
    • Öl-Embargo: Ungarn wirft Ukraine “Erpressung” vor. Ukraine is attempting to “blackmail” Slovakia and Hungary with an oil embargo over both countries’ positions on Russia’s invasion, Budapest has claimed. Speaking at a press conference on July 26, Hungary’s Minister of the Prime Minister’s Office, Gergely Gulyás, said Kyiv’s decision to embargo fuel supplied by Russian energy company Lukoil from passing through the country was motivated by a dislike of Budapest and Bratislava. “Ukraine is blackmailing the two countries that support the ceasefire and peace talks, and this is behind the blackmail,” Gulyás said, citing the fact that other Russian firms that send oil to other countries remained unaffected. (Brussels Signal) – Unterdessen meldet die “FT”, dass Brüssel sich weigert, schnell zu vermitteln. Man brauche mehr Zeit, erklärte Handelskommissar Dombrovskis.

    Mehr zum Wirtschaftskrieg hier

    3 Comments

    1. exKK
      26. Juli 2024 @ 16:34

      “Die Pläne zeigen wieder einmal, wer das Sagen hat – die USA.”

      Die USA haben ein Stimmrecht in der EU? Kann mir mal jemand die entsprechende Fundstelle in den Verträgen nennen?

      “Unterdessen meldet die “FT”, dass Brüssel sich weigert, schnell zu vermitteln.”

      Brüssel liegt der Drittstaat Ukraine offenbar näher als die EU-Mitglieder Slowakei und Ungarn? Irgendwas ist gehörig faul im Staate… und stinkt zum Himmel!

    Reply

  • exKK
    26. Juli 2024 @ 16:29

    “Die EU gibt erstmals Zinserträge aus eingefrorenem russischen Staatsvermögen für die Ukraine frei.”

    Bin gespannt, wie die im Vorfeld angekündigte Reaktion aus Riad im Einzelnen aussehen wird…

    Reply

    • Skyjumper
      26. Juli 2024 @ 18:38

      Gar nicht. Der Intervention aus Riad (die ja bereits etwas älter ist) verdanken wir den Kurswechsel innerhalb der EU. Ursprünglich war ja geplant die „eingefrorenen“ russischen Vermögenswerte zugunsten der Ukraine zu verwenden. Die jetzige Vorgehensweise – nur die Zinserträge zu verwenden – ist fadenscheinige Ausweg. Und vermutlich mit Riad abgestimmt.

      Aber es wird sicher eine Reaktion aus Moskau geben.


  • Info: https://lostineu.eu/neues-vom-wirtschaftskrieg-247-eu-gibt-erstmals-russische-zinsertraege-frei


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    27.07.2024

    Nachrichten von Pressenza: Gewerkschafter protestieren vor der FDP Zentrale – Hände weg vom Streikrecht!

    aus e-mail von  <newsletter@pressenza.com>, 27. Juli 2024, 7:30 Uhr


    Nachrichten von Pressenza - 27.07.2024


    Gewerkschafter protestieren vor der FDP Zentrale – Hände weg vom Streikrecht!


    Das neoliberale Bürgertum ist sich einig. Bürgergeld und Rente kürzen, nach oben umverteilen, Rüstungshaushalt aufblasen und geopolitisch mithalten. Damit alles finanziert werden kann, sollen immer dieselben bluten. In der Etappe und an der Front. Und damit alles reibungslos gelingen kann,&hellip;

    https://www.pressenza.net/?l=de&track=2024/07/gewerkschafter-protestieren-vor-der-fdp-zentrale-haende-weg-vom-streikrecht/


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    Vom falschen Wir, Protest und Widerstand


    Die Gleichheit der Ungleichen, das Wir, versteckt sich im Alltäglichen. Ob Mindestlohnempfänger, Pflegekraft oder Multimilliardär: trotz gravierender materieller Unterschiede, zahlen an der Tankstelle alle für den Liter Benzin den gleichen Preis. Im politischen Raum ist das Wir fester Bestandteil des&hellip;

    https://www.pressenza.net/?l=de&track=2024/07/vom-falschen-wir-protest-und-widerstand/


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    Pressenza - ist eine internationale Presseagentur, die sich auf Nachrichten zu den Themen Frieden und Gewaltfreiheit spezialisiert hat, mit Vertretungen in Athen, Barcelona, Berlin, Bordeaux, Brüssel, Budapest, Buenos Aires, Florenz, Lima, London, Madrid, Mailand, Manila, Mar del Plata, Montreal, München, New York, Paris, Porto, Quito, Rom, Santiago, Sao Paulo, Turin, Valencia und Wien.


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    27.07.2024

    General a. D. Harald Kujat: „NATO könnte ähnlichen Fehler begehen wie die USA in Vietnam“ – Interview Teil 1

    nachdenkseiten.de, 23. Juli 2024 um 9:00 Ein Artikel von Éva Péli

    Vor den Folgen einer weiteren Eskalation im Ukraine-Krieg warnt der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur und frühere Vorsitzende des NATO-Militärausschusses Harald Kujat seit Längerem. Im ersten Teil des Interviews äußert er sich zur Lage in der Ukraine ebenso wie den neuen NATO-Beschlüssen, den russischen Verhandlungsangeboten und der „Friedensmission“ von Ungarns Premier Viktor Orbán. Mit dem General a. D. sprach Éva Péli.

    NachDenkSeiten: Sie warnen davor, dass der Krieg in der Ukraine zur „Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts“ werden könnte. Warum?

    Harald Kujat: Der Erste Weltkrieg wurde von George F. Kennan als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, weil er bereits den Keim des Zweiten Weltkriegs und damit des Kalten Krieges in sich getragen habe. Gerade hat die NATO ihr 75-jähriges Bestehen gefeiert. In diesen Jahren hat sie einen entscheidenden Beitrag zur Unabhängigkeit, Freiheit und Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten geleistet. Aber seit zweieinhalb Jahren ist wieder Krieg in Europa, und es hat den Anschein, als hätten die europäischen Politiker nichts aus der Geschichte gelernt, denn aus dem Ukraine-Krieg könnte ein gesamteuropäischer Krieg entstehen.

    Auch ein großer Krieg zwischen den Weltmächten USA und China scheint nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Das 21. Jahrhundert ist geprägt vom Aufstieg Chinas als wirtschaftliche und militärische Weltmacht und von der Rivalität der großen Mächte, den Vereinigten Staaten, Russland und China. Der Ukraine-Krieg hat Klarheit geschaffen, dass China der einzige Konkurrent der Vereinigten Staaten ist, der zunehmend über das wirtschaftliche, diplomatische, militärische und technologische Potenzial verfügt, die führende Macht der Welt zu werden.

    Deshalb verfolgen die Vereinigten Staaten das Ziel, Russland, den zweiten geopolitischen Rivalen, politisch, wirtschaftlich und militärisch so weit zu schwächen, dass sie sich auf die Auseinandersetzung mit China konzentrieren können. Ein Blick in den US-amerikanischen Verteidigungshaushalt zeigt bereits die Ausrichtung auf eine Auseinandersetzung mit China. Um ihr strategisches Ziel zu erreichen, brauchen die Vereinigten Staaten einen engen Schulterschluss mit den europäischen NATO-Verbündeten. Die europäischen NATO-Staaten sollen gemeinsam mit Australien, Japan, Neuseeland und Südkorea ein indopazifisches Netzwerk von Partnern und Alliierten bilden und mit der gleichen Geschlossenheit wie in der Auseinandersetzung mit Russland in den Konflikt mit China eingebunden werden.

    Im strategischen Konzept der NATO wird China als systemische Herausforderung für die euro-atlantische Sicherheit bezeichnet. Auf dem Jubiläumsgipfel der NATO in Washington vom 9. bis 11. Juli gingen die Staats- und Regierungschefs der Allianz einen Schritt weiter. Sie erklärten, China sei durch seine grenzenlose Partnerschaft und umfangreiche Unterstützung der russischen Verteidigungsindustrie zu einem entscheidenden Faktor für den Krieg Russlands gegen die Ukraine geworden. Dadurch sei die Bedrohung, die Russland für seine Nachbarn und die euro-atlantische Sicherheit darstellt, erhöht worden.

    Der Indopazifik sei für die NATO wichtig, weil die Entwicklungen in dieser Region direkte Auswirkungen auf die euro-atlantische Sicherheit hätten. Die NATO geht damit auf einen Konfrontationskurs zu China. Wir Europäer müssen uns entscheiden, ob wir uns an einer künftigen militärischen Auseinandersetzung zwischen China und den Vereinigten Staaten beteiligen oder die Fähigkeit zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Selbstbehauptung stärken und zu einem unabhängigen Faktor internationaler Stabilität mit der Fähigkeit zur Konfliktverhütung und Konflikteindämmung werden wollen.


    Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg ein? Einige Experten sahen zum Jahresbeginn ein nahes Ende des Krieges. Das scheint aber bisher nicht erkennbar. Dagegen wird der Krieg anscheinend mit Hilfe neuer westlicher Waffenlieferungen weiter verlängert. Wie sehen Sie das?

    Nach dem Scheitern der mit großen Erwartungen verbundenen ukrainischen Offensive 2023 ist die militärische Lage der Ukraine sehr kritisch geworden und wird jeden Tag schwieriger. Die ukrainischen Streitkräfte haben die Fähigkeit zu einer offensiven Landkriegführung weitgehend verloren. Sie sind deshalb auf Anraten der USA in die strategische Defensive gegangen, um die hohen personellen Verluste zu reduzieren und das noch von ihnen kontrollierte Territorium zu halten. Dadurch konnten sie bisher das Vorrücken der russischen Streitkräfte verlangsamen.

    Allerdings ist die Ukraine gegenwärtig in drei für eine erfolgreiche Verteidigung wichtigen Bereichen äußerst verwundbar: in der Luftverteidigung, wegen des Mangels an Artilleriemunition und insbesondere aufgrund des großen Defizits an ausgebildeten Soldaten. Das ist besonders kritisch, weil die ukrainischen Verteidigungslinien an der 1.300 Kilometer langen Front überdehnt sind. Zudem sind die ukrainischen Soldaten erschöpft und zunehmend demoralisiert. Die Kriegsmüdigkeit der ukrainischen Bevölkerung wächst; sie will Frieden und verlangt eine diplomatische Lösung.

    Die russischen Streitkräfte haben die Initiative übernommen und an mehreren Angriffsschwerpunkten ukrainisches Gebiet erobert. Seit dem 10. Mai haben die Russen im Raum Charkiw größere Geländegewinne erzielt. Das Ziel war zunächst offenbar, die ukrainischen Streitkräfte im Raum Charkiw zurückzudrängen, um den Abstand zur russischen Grenze zu vergrößern und den Beschuss der grenznahen russischen Stadt Belgorod zu unterbinden. Die Zivilbevölkerung von Belgorod ist mehrfach angegriffen worden, auch mit US-amerikanischen Streubomben.

    Das taktisch geschickte russische Vorgehen bei der Eroberung von Awdijiwka und der chaotische Rückzug der ukrainischen Streitkräfte könnten exemplarisch für den weiteren Verlauf der Kampfhandlungen sein. Russland beabsichtigt jedoch offenbar nicht, einen großen Durchbruch zu erzielen, sondern zeigt, dass es in der Lage ist, an mehreren Angriffsschwerpunkten der Front unaufhaltsam vorzurücken und seine Geländegewinne auszubauen.

    Die westlichen Waffenlieferungen stärken die ukrainische Fähigkeit zur Verteidigung für eine begrenzte Zeit. Wie lange die Verteidigung ohne weitere große Gebietsverluste fortgesetzt werden kann, hängt davon ab, ob die USA die Unterstützung während des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs im erforderlichen Umfang aufrechterhalten. Waffen können jedoch die Defizite der wichtigsten Ressource, des Personals, nicht ausgleichen. Entscheidend ist deshalb, ob die Ukraine die erforderliche Zahl an Soldaten mobilisieren kann und mit welcher Intensität die russischen Streitkräfte die Kampfhandlungen fortsetzen.


    Nun wird debattiert und angekündigt, westliche Soldaten als Ausbilder und Berater direkt zu den ukrainischen Einheiten an die Front zu schicken. Der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán sagte kürzlich in einem Interview, dass die westlichen Einheiten bereits da sind. Die NATO will die Koordination der Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Truppen übernehmen. Wie sehen Sie das?

    Dass sich westliche militärische Berater in der Ukraine aufhalten, dürfte allgemein bekannt sein. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich seit Dezember letzten Jahres der US-amerikanische General Antonio Aguto mit einem Beraterteam in Kiew aufhält, um der militärischen Führung der Ukraine „über die Schulter zu schauen“. Aguto ist der Chef der in Wiesbaden stationierten „Security Assistance Group Ukraine“ der US-Armee, die Waffenlieferungen und die Ausbildung ukrainischer Soldaten koordiniert, die ukrainischen Streitkräfte bei der Operationsplanung unterstützt und sie mit Informationen versorgt. Sollten reguläre Kampftruppen aus NATO-Staaten Seite an Seite mit den ukrainischen Streitkräften im Einsatz sein, ließe sich das kaum geheimhalten. Wenn sich jedoch eine militärische Niederlage der Ukraine abzeichnet, wird es sicherlich Forderungen geben, den westlichen Waffen westliche Soldaten folgen zu lassen.

    Diese Diskussion ist bereits von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angestoßen worden. Macron hat wiederholt die Entsendung französischer Landstreitkräfte in die Ukraine thematisiert. Er erhielt dafür von einigen NATO-Staaten Zustimmung. Macron hat die Begründung für das Eingreifen westlicher Truppen mehrfach variiert. Zuletzt sagte er: „Wenn die Russen die Frontlinie durchbrechen sollten, wenn es eine ukrainische Bitte gibt – was bis heute nicht der Fall ist –, dann sollten wir uns die Frage berechtigterweise stellen.“

    Inzwischen gibt es die Bitte der Ukraine, 150.000 Rekruten in unmittelbarer Nähe der Front auszubilden. Ich bin sicher, dass die ukrainische Regierung sich der Konsequenzen sehr bewusst ist, anders als einige NATO-Staaten, die offenbar dazu bereit sind. Angesichts des großen Risikos, dem die NATO-Ausbilder ausgesetzt wären, müssten Schutzmaßnahmen ergriffen werden – beispielsweise durch bodengestützte Luftverteidigung. Dadurch würde eine bisher eingehaltene rote Linie überschritten, denn die Soldaten könnten direkt in Kampfhandlungen mit Russland verwickelt werden.

    Bisher lehnten die USA es kategorisch ab, US-Kampftruppen in die Ukraine zu verlegen, und forderten die Verbündeten auf, dies auch nicht zu tun. Aber der US-amerikanische Vorsitzende der „Joint Chiefs of Staff“, General Charles Q. Brown, erklärte, der Einsatz von NATO-Ausbildern sei unvermeidlich: „Mit der Zeit werden wir dort ankommen.“ Nicht nur der Bundeskanzler, auch der italienische und der ungarische Außenminister haben eine militärische Beteiligung ihrer Streitkräfte am Ukraine-Krieg ausgeschlossen. Innerhalb der Allianz wächst zudem die Zahl der Staaten, die nicht mit dem bisherigen Kurs einverstanden sind.

    Ob sich deren Position durchsetzt, erscheint angesichts der aktuellen Entwicklung zweifelhaft. Es sieht eher danach aus, als könnte die NATO ähnliche Fehler begehen wie die USA, die zum Vietnamkrieg führten: Beginnend mit einem Beraterteam im Einsatzland, dem Ausbilder folgen, die in Kampfhandlungen verwickelt werden und Verluste erleiden, was den Anlass gibt, mit größeren Kampftruppen-Verbänden in den Krieg einzugreifen. Damit wäre eine Zerreißprobe für die Allianz vorprogrammiert. Sollte es tatsächlich so kommen, wäre die NATO am Ende nicht mehr das, was sie einmal war.


    Herr Kujat, wie bewerten Sie die aktuellen Ereignisse wie die neuen Friedensvorschläge von Wladimir Putin, die Friedensmission des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán sowie den jüngsten NATO-Gipfel in Washington? Bringen diese Ereignisse Bewegung in Richtung Ende des Krieges in der Ukraine?

    China hatte im Februar des vergangenen Jahres vorgeschlagen, Friedensverhandlungen ausgehend von dem in Istanbul erreichten Ergebnis aufzunehmen. Darauf ist Russlands Präsident Wladimir Putin eingegangen, indem er die Vereinbarungen von Minsk und Istanbul als Grundlage für Verhandlungen bezeichnete. Er hat die Ukraine aufgefordert, zuerst das Verbot aufzuheben, mit Russland zu verhandeln, und verlangt, was er als „Anerkennung der entstandenen Realitäten“ bezeichnet: den vollständigen Abzug der ukrainischen Truppen aus den von Russland annektierten Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson innerhalb der ehemaligen Verwaltungsgrenzen. Sobald sich die Ukraine dazu bereit erklärt und mit dem Abzug beginnt sowie offiziell notifiziert, dass sie ihre Pläne für einen NATO-Beitritt aufgibt, werde Russland die Kampfhandlungen einstellen und sei bereit, mit den Verhandlungen am nächsten Tag zu beginnen.

    US-Präsident Joseph Biden hat immer wieder betont, dass nur die ukrainische Regierung entscheidet, ob, wann und unter welchen Bedingungen sie verhandelt. Putins Vorschlag wurde von den westlichen Unterstützerstaaten der Ukraine abgelehnt. Einer der ersten war der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der sagte, „dies ist kein Friedensvorschlag. Dies ist ein Vorschlag für mehr Aggression, mehr Besatzung.“ Damit erweckt er den fatalen Eindruck, dass er auf Putins Ankündigung als Betroffener reagiert, so als sei die NATO bereits direkt an diesem Krieg beteiligt.

    Dass der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán sowohl mit Wolodymyr Selenskyj als auch mit Putin und Xi Jinping Möglichkeiten erörtert, den Krieg mit einem Waffenstillstand und einem Verhandlungsfrieden zu beenden, zeigt, dass er einen Weg aus der Sackgasse sucht, in die sich die Europäer durch ihr unrealistisches und strategieloses Agieren manövriert haben.

    Anstatt sein Bemühen um europäische Handlungsfähigkeit zu unterstützen, wurde Orbán kritisiert, er habe kein Mandat beziehungsweise seine Gespräche seien nicht abgestimmt gewesen. Es entstand sogar eine öffentliche Erörterung darüber, ob und wie man Orbán die EU-Ratspräsidentschaft entziehen könne – ein bemerkenswertes Verhalten, wenn man bedenkt, dass die Europäische Union 2012 den Friedensnobelpreis erhalten hat, weil sie „aus einem Kontinent des Krieges einen Kontinent des Friedens gemacht“ habe.

    Zuspruch erhielt Orbán dagegen vom slowakischen Ministerpräsidenten Fico: „Ich möchte dem ungarischen Ministerpräsidenten meine Bewunderung dafür aussprechen, dass er ohne zu zögern nach Kiew und nach Moskau gereist ist. Wenn mein Gesundheitszustand es zugelassen hätte, wäre ich gerne mitgekommen.“ Orbán schloss seine Friedensmission unmittelbar nach dem NATO-Gipfel mit einem Besuch bei Donald Trump ab und schrieb danach: „Wir haben über Wege gesprochen, Frieden zu schließen. Die gute Nachricht des Tages: Er wird es lösen.“ Trump bestätigte dies auf seiner Internetplattform: „Danke Viktor. Es muss Frieden geben, und zwar schnell.“

    Der Schwerpunkt des Washingtoner NATO-Gipfels war erwartungsgemäß die Ukraine-Politik – allerdings nicht mit dem Ziel, einen Weg zu einem Ende der Kampfhandlungen und zu einem Verhandlungsfrieden zu finden. Es ging vielmehr um die weitere finanzielle und materielle Unterstützung mit dem erklärten Ziel eines militärischen Sieges der Ukraine sowie um deren Forderung nach einem NATO-Beitritt.

    Beides sollte „Trump-sicher“ geregelt werden, deshalb wurde lange über die richtige Wortwahl diskutiert. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Mitgliedstaaten die Ukraine auf ihrem irreversiblen Weg zu einer vollen euro-atlantischen Integration, einschließlich der NATO-Mitgliedschaft, unterstützen werden. Allerdings wurde auch betont, die NATO werde dann in der Lage sein, eine Einladung auszusprechen, wenn alle Alliierten zustimmen und alle Bedingungen erfüllt sind. Nicht alle NATO-Staaten sind bereit, eine Einladung auszusprechen.

    Auch US-Präsident Biden hat noch am 4. Juni in einem Interview des Time-Magazins gesagt, die Ukraine werde nicht Teil der NATO; die USA würden ihre Beziehungen zur Ukraine wie zu anderen Staaten gestalten, denen sie Waffen liefern, damit sie sich verteidigen können. Er sei derjenige, der sagte, er sei nicht bereit, die „NATO-isierung“ der Ukraine zu unterstützen.

    Zu den beschlossenen Maßnahmen gehört die Aufstellung einer NATO-Dienststelle für die Koordinierung der Unterstützung und der Ausbildung ukrainischer Soldaten neben dem weiter bestehenden US-Unterstützungskommando in Wiesbaden. Außerdem wurde ein Finanzpaket in Höhe von 40 Milliarden Euro für das nächste Jahr beschlossen. Angekündigt wurde zudem die Lieferung weiterer Luftverteidigungssysteme und das baldige Eintreffen der ersten F-16-Kampfflugzeuge.

    Die NATO hat die historische Chance vertan, sich ähnlich wie 1967 aus Anlass des sogenannten Harmel-Berichts als euro-atlantischer Friedens- und Stabilitätsanker zu präsentieren. Der Harmel-Bericht zur Lage der Allianz in der Zeit der NATO-Strategie der „Massiven Vergeltung“ forderte, dass das Bündnis durch eine Politik der militärischen Sicherheit und Entspannung zu einem Faktor des dauerhaften Friedens wird.


    Ein Ergebnis des NATO-Gipfels war die Vereinbarung zwischen der US-Regierung und der Bundesregierung, wieder „Tomahawk“-Marschflugkörper und andere US-Langstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren. Das erinnert an die Situation in den 1980er-Jahren mit dem NATO-Doppelbeschluss und dem daraus folgenden INF-Vertrag, der genau diese Waffen aus Europa verbannte – und von den USA 2019 gekündigt wurde. Führt eine solche Vereinbarung uns noch näher an einen großen Krieg in Europa, und warum macht Berlin das mit?

    Am 10. Juli wurde mit einer kurzen bilateralen Erklärung bekannt gegeben, dass die USA 2026 mit der zeitweisen Verlegung konventioneller weitreichender Systeme in Deutschland beginnen werden, die später dauerhaft stationiert werden sollen. Es handelt sich um eine Entscheidung der USA, SM-6-Raketen, „Tomahawk“-Marschflugkörper und später Hyperschall-Waffensysteme, die noch in der Entwicklung sind, in Deutschland zu stationieren. Vom Marschflugkörper „Tomahawk“ gibt es zahlreiche Varianten mit einer Reichweite bis zu 2.500 Kilometern. Die Reichweite der künftigen Hyperschall-Marschflugkörper wird voraussichtlich noch größer sein. Mit diesen Waffensystemen wird die sogenannte „2nd Multi-Domain Task Force“ ausgerüstet. Der Verband wird seit 2021 in Wiesbaden aufgestellt und soll 2026 voll einsatzbereit sein; weltweit werden fünf Verbände dieses Typs disloziert (Anm. Red.: verlagert).

    Ob damit eine Fähigkeitslücke der NATO geschlossen wird oder ob es sich um eine nationale Komponente der US-Strategie handelt, muss sich noch erweisen. Jedenfalls ist eine Abschreckungswirkung eher zweifelhaft, denn Russland verfügt über ein breites Spektrum weitreichender, leistungsfähiger Hyperschall-Waffen und damit über die Eskalationsdominanz in diesem Fähigkeitssegment.

    Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow erklärte, dass dieser Schritt von Russland erwartet wurde und bereits „kompensierende Gegenmaßnahmen“ entwickelt werden. Dies sei ein weiterer handfester Beweis für die extrem destabilisierende Politik der USA im Bereich des von ihnen einseitig gekündigten INF-Vertrages. Russland werde sein einseitiges Moratorium bezüglich der Stationierung von bodengestützten Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen sorgfältig überdenken, ebenso die potenziellen Maßnahmen.

    Es ist wichtig zu verstehen, dass Russland den Aufbau eines eurostrategischen Angriffspotenzials der USA in Deutschland ebenso wie zuvor das NATO-Ballistic-Missile-Defence-System mit US-amerikanischen Aegis-Startrampen nicht als Verstärkung der Verteidigungsfähigkeit der NATO, sondern als eine nationale Maßnahme der USA betrachtet, durch die Stationierung in Europa einen geostrategischen Vorteil zu erlangen, um das russisch-amerikanische interkontinentalstrategische Gleichgewicht zum Nachteil Russlands zu verändern. Immerhin haben die beiden Verteidigungsminister telefoniert, um die gefährliche Eskalation unter Kontrolle zu halten.


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    Video  https://youtu.be/L6dbonhYkDE  Dauer 55  min


    Hier können Sie den zweiten Teil des Interviews nachlesen.


    Titelbild: Quelle: Nato, CC BY-SA 4.0 – nato.int


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    Russlands Botschafter: „Nicht nur an die Geschichte, sondern auch an die Zukunft denken“


    Rubriken: Außen- und Sicherheitspolitik Aufrüstung Interviews Militäreinsätze/Kriege

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    Info: https://www.nachdenkseiten.de/?p=118536*


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    General a. D. Harald Kujat: „Schwerwiegende Fehleinschätzungen des Westens mit Konsequenzen für Europa“ – Interview Teil 2


    nachdenkseiten.de, 25. Juli 2024 um 9:00 Ein Artikel von Éva Péli

    Vor den Folgen einer weiteren Eskalation im Ukraine-Krieg warnt der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur und frühere Vorsitzende des NATO-Militärausschusses Harald Kujat seit Längerem. Im zweiten Teil des Interviews äußert er sich unter anderem zur Gefahr eines dritten Weltkriegs, zu den Verhandlungen in Istanbul 2022 sowie zu den Ursachen des Konflikts. Zugleich wagt er einen Ausblick. Mit dem General a. D. sprach Éva Péli.

    Hier können Sie den ersten Teil des Interviews noch einmal nachlesen.

    NachDenkSeiten: Gibt es einen westlichen Eskalationsplan, eine entsprechende Strategie, von Beginn an? Oder sind da „Schlafwandler“ am Werk, wie es der Historiker Christopher Clark für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beschrieben hat?

    Harald Kujat: Jede Strategie enthält Elemente der Eskalation, denn die Aktionen und Reaktionen des Gegners müssen vorbedacht werden. Der Verlauf des Ukraine-Krieges zeigt, dass die USA die Stärke der russischen Streitkräfte und deren Rekonstitutionsfähigkeit (Anm. Red.: die Fähigkeit der Wiederherstellung) unterschätzt haben. Deshalb musste immer wieder auf die sich verändernde Lage mit einer Steigerung der Unterstützungsmaßnahmen reagiert werden, um das geostrategische Ziel weiter verfolgen zu können. Die kritische Lage der Ukraine zwingt den Westen, die Eskalation durch immer leistungsfähigere Waffensysteme zu steigern. Er bewegt sich damit in einer Grauzone zwischen indirekter und direkter Kriegsbeteiligung. Dazu gehört beispielweise die Erlaubnis, US-amerikanische Waffensysteme gegen Ziele auf russischem Territorium einzusetzen, die Präsident Biden mehr als zwei Jahre verweigert hat, um, wie er es formulierte, „einen dritten Weltkrieg zu vermeiden“.

    Nachdem er seine Meinung geändert hat, muss man wohl fragen, ob er nicht mehr besorgt ist, einen dritten Weltkrieg auszulösen, oder ob er angesichts der kritischen Lage der Ukraine bereit ist, dieses Risiko einzugehen. Auch die Bekämpfung russischer Raketen im ukrainischen Luftraum mit Kampfflugzeugen aus dem Luftraum von NATO-Nachbarstaaten ist eine erhebliche Steigerung der Eskalation. Demnächst können F-16-Kampfflugzeuge mit ihren weitreichenden Luft-Luft-Flugkörpern russische Flugzeuge bekämpfen, bevor diese aus über 70 Kilometern Entfernung zur ukrainischen Grenze Gleitbomben ausklinken. Auch die Ausbildung ukrainischer Soldaten in unmittelbarer Frontnähe, in Reichweite russischer Waffen, gehört dazu.

    Diese und ähnliche Maßnahmen sind auch zusammen nicht geeignet, die militärische Lage zugunsten der Ukraine zu ändern, aber jede einzelne birgt das Risiko einer direkten Konfrontation mit Russland. Da der Ukraine-Krieg auf einen Scheitelpunkt zuläuft, verstärkt sich der Eindruck, dass Selenskyj bis zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO eskalieren will, denn das ist für ihn der einzige Weg, eine katastrophale militärische Niederlage zu verhindern und als ukrainischer Präsident zu überleben.

    Nicht nur der Bundeskanzler, auch der italienische, der ungarische Außenminister und Präsident Biden haben eine militärische Beteiligung ihrer Streitkräfte am Ukraine-Krieg ausgeschlossen. Der ungarische Ministerpräsident Orbán hat sogar festgestellt: „Was heute in Brüssel und Washington passiert – vielleicht mehr in Brüssel als in Washington –, ist eine Art Vorbereitungsstimmung für einen möglichen direkten militärischen Konflikt; wir können es getrost nennen: Vorbereitung Europas auf einen Krieg.“ Innerhalb der Allianz wächst allerdings die Zahl der Staaten, die nicht mit dem bisherigen Konfrontationskurs einverstanden sind. Jetzt hat auch der tschechische Präsident Petr Pavel, ein ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, seine Meinung geändert und Realismus statt Naivität gefordert sowie eine Verhandlungslösung in der Form eines Kompromisses vorgeschlagen.

    Es gab 2022 frühzeitig Gespräche zwischen Kiew und Moskau über ein Ende der Kampfhandlungen, mit erstaunlicher Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Sie haben im Herbst 2023 gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Hajo Funke eine Analyse zu den Istanbuler Verhandlungen im März 2022 veröffentlicht. Jüngst gab es neue Veröffentlichungen dazu, die von einem möglichen Friedensvertrag im April 2022 sprechen. Warum und von wem wurde diese Friedenschance vertan?

    Über diese Tatsache wurde die deutsche Öffentlichkeit lange Zeit nicht informiert. US-amerikanische Medien hatten dagegen schon sehr früh darüber berichtet, beispielsweise Anfang September 2022 die Fachzeitschrift Foreign Affairs: „Russische und ukrainische Unterhändler scheinen sich vorläufig auf die Umrisse einer verhandelten Übergangslösung geeinigt zu haben. Russland würde sich auf seine Position vom 23. Februar zurückziehen, als es einen Teil der Donbass-Region und die gesamte Krim kontrollierte. Im Gegenzug würde die Ukraine versprechen, keine NATO-Mitgliedschaft anzustreben und stattdessen Sicherheitsgarantien von einer Reihe von Ländern zu erhalten.“

    Obwohl in den USA immer mehr Veröffentlichungen zu den Istanbuler Verhandlungen erscheinen, beispielsweise in Foreign Affairs vom 16. April 2024, wird die Bedeutung der Verhandlungen in Istanbul und die Chancen für ein Ende des Krieges bestritten. Am 15. Juni 2024 hat die New York Times jedoch unter dem Titel „Ukraine-Russia Peace Is as Elusive as Ever. But in 2022 They Were Talking“ („Der Frieden zwischen der Ukraine und Russland ist so schwer zu erreichen wie eh und je. Aber im Jahr 2022 haben sie geredet“) mit der Veröffentlichung der in den Verhandlungen angefertigten Dokumente den Verhandlungsfortschritt dargestellt. Aus dem Beitrag geht auch hervor, dass einige NATO-Staaten über den Verlauf der Verhandlungen informiert und im Besitz der Dokumente waren. Obwohl die Verhandlungen noch bis Mitte April andauerten, hat der damalige britische Premierminister Boris Johnson bei seinem Besuch in Kiew am 9. April nach Angaben der Online-Zeitung Ukrainska Pravda vom 5. Mai 2022 eine wesentliche Rolle beim Abbruch der Verhandlungen gespielt.

    Auch in Deutschland sind sorgfältig recherchierte Dokumentationen veröffentlicht worden, die den Einfluss des Westens auf die Beendigung der Istanbuler Friedensverhandlungen belegen. Wer jedoch in Deutschland auf die Möglichkeit einer frühzeitigen Beendigung des Krieges hinweist, wird verleumdet, „Kreml-Narrative“ zu verbreiten. Selbst die Aussagen des ukrainischen Verhandlungsführers Dawyd Arachamija finden kein Gehör:

    „Die Russen waren bereit, den Krieg zu beenden, wenn wir – wie einst Finnland – der Neutralität zugestimmt und uns verpflichtet hätten, der NATO nicht beizutreten.“ Und weiter: „Als wir aus Istanbul zurückkamen, kam Johnson nach Kiew und sagte, dass wir überhaupt nichts unterschreiben und einfach kämpfen sollten.“

    Dies ist eine der schwerwiegenden Fehleinschätzungen, die dem Westen unter der Führung der USA unterlaufen sind. Die wirtschaftlichen Konsequenzen für Europa haben bereits jetzt ein enormes Ausmaß erreicht. Sie werden noch viele Jahre nach dem Ende des Krieges zu schultern sein. Wie auch immer dieser Krieg einmal endet, die Verlierer stehen schon heute fest: das ukrainische Volk und Europa.

    Deutsche Regierungspolitiker wie Außenministerin Annalena Baerbock sprechen immer wieder nicht nur vom „Angriffskrieg“ Russlands, sondern vom „Vernichtungskrieg“ gegen die Ukraine. Immer wieder wird auch erklärt, „Russland darf nicht gewinnen“, bis hin zu Aussagen, den „Krieg nach Russland tragen“ zu wollen. Wie ist das zu bewerten?

    Ich möchte nicht auf einzelne Wortmeldungen eingehen. Ganz allgemein bin ich der Auffassung, dass ein wesentlicher Grund für unqualifizierte Aussagen vor allem der Mangel an sicherheitspolitischem Weitblick und strategischem Urteilsvermögen ist. In Deutschland kann man viel Unsinniges von sich geben und doch der medialen Aufmerksamkeit sicher sein, solange man den vorherrschenden Meinungskorridor nicht verlässt. Das ist vor allem möglich, weil die Diskussion über den Ukraine-Krieg überwiegend von Inkompetenz, Ignoranz und Ideologie geprägt ist.

    Wie sehen Sie die Rolle der deutschen Medien in dem Konflikt?

    Die deutschen Medien haben überwiegend und ohne jede Einschränkung Partei für die von Russland angegriffene Ukraine ergriffen. Das ist eine verständliche emotionale Reaktion. Denn dass der russische Angriff völkerrechtswidrig ist und die Ukraine das in der UN-Charta verbriefte Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt, kann nicht bestritten werden. Die UN-Charta nennt allerdings als Hauptziel der Vereinten Nationen die Erhaltung und Wiederherstellung des Friedens. Dieser Aspekt spielt in den Medien bedauerlicherweise keine Rolle.

    Die Medien haben in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft einen Informationsauftrag, dem sie glaubwürdig nur durch die Achtung vor der Wahrheit gerecht werden können. Diese Glaubwürdigkeit haben deutsche Medien durch einseitige Berichte und ausufernden Meinungsjournalismus weitgehend eingebüßt. Als besonders gravierend haben sich die Fehleinschätzungen der sogenannten Experten erwiesen, die fast ausschließlich in den Medien zu Wort kommen. Ich halte einseitige Darstellungen auch deshalb für fatal, weil der Einfluss der veröffentlichten Meinung auf Politiker bekanntlich groß ist und oft auch bei ihren Entscheidungen eine Rolle spielt. Auch dass mit jeder Forderung nach einem neuen Waffensystem der Eindruck erweckt wird, damit würde sich das Blatt zugunsten der Ukraine wenden und sie könnte politische Ziele erreichen, die nicht erreichbar sind, mag der ukrainischen Regierung entgegenkommen, ist jedoch gegenüber dem ukrainischen Volk unverantwortlich.

    Verschiedene Autoren und Experten wie unter anderem Alexander Rahr sehen in der NATO-Osterweiterung eine der wichtigsten Ursachen des aktuellen Geschehens. Sie waren bei der NATO für eine der Erweiterungsrunden zuständig. Wie bewerten Sie das?

    Die NATO hat auf die Entwicklungen in Russland und die Auflösung des Warschauer Paktes bereits im November 1991 mit einem Strategischen Konzept reagiert, mit dem der Kalte Krieg überwunden und eine neue Phase der Beziehungen mit Russland eingeleitet werden sollte. Für die ehemaligen Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes beziehungsweise die ehemaligen Sowjetrepubliken öffnete sich ein Fenster zum Westen; sie waren jedoch skeptisch, dass es auf Dauer offen bleiben würde. Deshalb strebten sie einen schnellen Beitritt zur NATO und zur Europäischen Union an. Insbesondere die deutsche Politik stand diesem Wunsch aus historischer Verantwortung und der kulturellen Zugehörigkeit dieser Staaten zu Mitteleuropa sehr positiv gegenüber. Zudem haben die Beitrittsverhandlungen mit der NATO und bereits die Aussicht auf eine Mitgliedschaft in diesen Ländern viele positive innerstaatliche und zwischenstaatliche Veränderungen bewirkt.

    Russlands vorrangiges Interesse war dagegen bereits Mitte der 90er-Jahre, eine Pufferzone im Bereich der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten und früheren Sowjetrepubliken entstehen zu lassen, um mögliche Spannungen und Krisen, die zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO eskalieren könnten, gemeinsam einvernehmlich beizulegen. Dieser Aspekt spielte auch in den Verhandlungen über den NATO-Russland-Grundlagenvertrag eine wichtige Rolle. Das geostrategische Interesse an einem „cordon sanitair“ („Sperrgürtel“) zwischen Russland und der NATO kam vor einiger Zeit in abgewandelter Form auch wieder im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auf. Russland hat dann im Zuge der NATO-Erweiterung jeden Einzelfall sehr differenziert unter bilateralen historischen Gesichtspunkten und hinsichtlich der geostrategischen Auswirkung auf das Gleichgewicht zwischen der NATO und Russland bewertet.

    Die NATO hat versucht, russische Bedenken gegen die Erweiterung durch eine strategische Partnerschaft mit Russland auf der Basis des NATO-Russland-Grundlagenvertrages auszuräumen. Und in der Tat entwickelte sich eine enge politische Abstimmung im NATO-Russland-Rat und eine konstruktive militärische Zusammenarbeit. Aber bereits ab 2002 sah Russland das Gleichgewicht der Kräfte durch die einseitige Kündigung des ABM-Vertrags bei gleichzeitigem Aufbau eines ballistischen Raketenabwehrsystems durch die NATO in Polen und Rumänien gefährdet. Weitere einseitige Kündigungen wichtiger Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge durch die USA folgten. Dazu gehört auch der INF-Vertrag über eurostrategische nukleare Mittelstreckenraketen, der durch die beabsichtigte Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckensysteme in Deutschland wieder höchst aktuell ist.

    Der politische Bruch wurde eingeleitet, als der damalige US-Präsident George W. Bush auf der NATO-Gipfelkonferenz 2008 in Bukarest versuchte, eine Einladung der Ukraine und Georgiens zum NATO-Beitritt durchzusetzen. Damit wäre das Gleichgewicht der Kräfte aus russischer Sicht vollends in ein gravierendes geostrategisches Risiko für Russland umgeschlagen.

    Ich halte insbesondere die Suspendierung des NATO-Russland-Rates für ein Problem, denn mit dem NATO-Russland-Rat verfügt man sowohl auf politischer als auch auf militärischer Ebene über einen Mechanismus für ein wirkungsvolles Krisenmanagement. Es zeugt nicht von rationalem politischem Handeln, etwas, das in einer Zeit vertrauensvoller Zusammenarbeit für den Abbau von Spannungen und zur Beherrschung einer Krise geschaffen wurde, dann zu verwerfen, wenn diese entstehen.

    Der Krieg in der Ukraine wird in westlichen Ländern als Grund für eine verstärkte Aufrüstung genutzt. Die wird mit der neuen „russischen Gefahr“ begründet, auch mit der wiederholten Behauptung, dass Russland in einigen Jahren ein NATO-Land angreifen würde. Wie schätzen Sie die neue „russische Gefahr“ ein?

    Weder aus den sicherheitspolitischen und strategischen Grundsatzdokumenten der russischen Regierung noch aus öffentlichen Äußerungen Putins lassen sich Pläne für Angriffe auf NATO-Staaten ableiten. Selbst die offiziellen Bedrohungsanalysen der US-Regierung – einschließlich der von 2024 – geben keinen Hinweis auf eine entsprechende russische Absicht, obwohl dies auch von US-amerikanischen Politikern behauptet wird. In der aktuellen Bedrohungsanalyse der USA heißt es:

    „Russland will mit ziemlicher Sicherheit keinen direkten militärischen Konflikt mit den Streitkräften der USA und der NATO und wird seine asymmetrischen Aktivitäten unterhalb der seiner Schätzung nach globalen militärischen Konfliktschwelle fortsetzen.“

    Der bisherige Kriegsverlauf berechtigt ebenfalls nicht zu dieser Annahme. Bei Beginn des Angriffs auf die Ukraine hatte das russische Kontingent eine Stärke von etwa 190.000 Soldaten. Die Eroberung und Besetzung eines großen Landes wie der Ukraine gegen mehr als doppelt so starke, vom Westen acht Jahre lang gut ausgerüstete und ausgebildete ukrainische Streitkräfte, ist ausgeschlossen und von Russland offensichtlich auch nicht beabsichtigt. Dies wäre sinnlos gewesen. Das wäre jedoch notwendig gewesen, wenn Russland die Ukraine als Sprungbrett für einen späteren Angriff auf ein NATO-Land nutzen wollte. Je länger der Krieg dauert und sich die militärische Lage der Ukraine verschärft, desto größer auch das Risiko der Ausweitung und Eskalation zu einem NATO-Russland-Krieg, obwohl Russland und die USA eine direkte Konfrontation vermeiden wollen.

    Wir sollten uns wieder auf eine Strategie des militärischen Gleichgewichts besinnen, wie sie Helmut Schmidt vertreten hat. Ein elementarer Grundgedanke dieser Strategie ist, dass man einen Zustand herstellt, bei dem keine Seite stärker als die andere ist – und somit ein Krieg gar nicht erst in Erwägung gezogen wird. Es sollte also die Fähigkeit der Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung – wie es die Verfassung fordert – endlich wiederhergestellt und gemeinsam mit unseren Verbündeten Russland die Entschlossenheit signalisiert werden, keine Veränderung des dann entstandenen Gleichgewichts zuzulassen.

    Schmidt hat allerdings betont, dass ein Gleichgewicht der Kräfte zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Element ist, den Frieden zu bewahren. Hinzukommen muss die Bereitschaft, das militärische Gleichgewicht politisch zu stabilisieren. Dazu gehört, die Verbindung zur anderen Seite aufrechtzuerhalten, um zu verstehen, wo deren Probleme und Interessen liegen. Dazu gehören auch stabilisierende Vereinbarungen, militärische vertrauensbildende Maßnahmen sowie Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträge, die wichtige Elemente einer neuen Sicherheitsarchitektur sind und das gegenseitige Vertrauen sowie die politische und militärische Berechenbarkeit stärken.

    Politiker wie Verteidigungsminister Boris Pistorius und andere wollen, dass Deutschland wieder „kriegstüchtig“ wird. Sie selbst plädieren dafür, dass die Bundeswehr wieder die Aufgabe der Landesverteidigung wahrnehmen kann, wozu sie derzeit nicht in der Lage sei. Was ist der Unterschied zwischen beiden Sichten? Und wer und was bedroht die Bundesrepublik konkret?

    Für mich ist die Verfassung der Maßstab für außen- und sicherheitspolitisches Handeln, und das sollte er auch für die Bundesregierung sein. Die Verfassung sagt in Artikel 87a, „der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf“. In Verbindung mit Artikel 24 (2) – „der Bund kann sich zur Wahrung des Friedens einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einordnen“ –, also der Nordatlantischen Allianz, bedeutet dies die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung. Die damalige Bundesregierung hat 2011 zunächst aus finanziellen Gründen die Wehrpflicht ausgesetzt und dann eine Reform durchgeführt – die Neuausrichtung der Bundeswehr –, durch die die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung aufgegeben wurde.

    Die Begründung war, eine konventionelle Bedrohung Europas und Deutschlands sei nicht gegeben und die Beziehungen zu Russland hätten sich positiv entwickelt. Das war ein klarer Verfassungsbruch und – was wir schon damals hätten wissen müssen – eine Fehleinschätzung. Verteidigungsminister Pistorius gebührt das Verdienst, diese Fehlentwicklung korrigieren zu wollen. Aus meiner Sicht ist dafür keine weitere Begründung erforderlich als die, den Verfassungsauftrag zu erfüllen. Denn wir haben uns 2011 in der Beurteilung der sicherheitspolitischen Lage und der Bedrohungsanalyse geirrt, ein erneuter Irrtum könnte uns teuer zu stehen kommen.

    Sie warnen vor der Gefahr einer Ausweitung des Ukraine-Krieges zu einem globalen Konflikt. Aus Sicht mancher Beobachter hat der dritte Weltkrieg schon begonnen. Sie sprachen jüngst von einem „Zeitalter der Unsicherheit und der großen Konflikte“. Können Sie das kurz erklären?

    Je länger der Krieg dauert und eine militärische Niederlage der Ukraine sich abzeichnet, umso größer wird das Risiko der Ausweitung zu einem großen europäischen Krieg, einschließlich der Gefahr einer nuklearen Eskalation. Andere Konfliktzonen, die das Potenzial zu einem großen Krieg haben, sind der Persische Golf und der Nahe Osten einschließlich der ungelösten Palästinafrage, die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sowie die Spannungen zwischen dem Iran und den USA, das regionale Hegemonialstreben der Türkei und die Verschärfung der Spannungen zwischen Nord- und Südkorea. Kim Jong-un bezeichnete Südkorea im Januar als Feindstaat. Auch der wachsende russische Einfluss im Mittleren Osten, in Afrika und Südamerika wird von den USA mit Sorge betrachtet. Schließlich das Südchinesische Meer und die Straße von Malakka wegen der Taiwanfrage und der geopolitischen Rivalität der USA und China.

    Wie könnte aus Ihrer Sicht ein europäisches System der Sicherheit aussehen, das Russland miteinbezieht?

    Ob es gelingt, eine europäische Friedens- und Sicherheitsordnung zu schaffen, hängt davon ab, wie der Ukraine-Krieg endet. Die Chance, die Istanbuler Verhandlungen mit einer friedlichen Lösung auf der Grundlage eines Interessenausgleichs abzuschließen, wurde vertan. Selbst wenn es gelingen sollte, die bilateralen Verhandlungen wieder aufzunehmen, wäre das gleiche Ergebnis nach allem, was sich inzwischen ereignet hat, nicht erreichbar. Trotzdem halte ich den von China vor mehr als einem Jahr in ihrem Zwölf-Punkte-Papier vorgeschlagenen Ansatz nach wie vor für sinnvoll, weil er die von beiden Seiten aufgebauten Hürden überwindet.

    Die Initiative des ungarischen Ministerpräsidenten scheint in die gleiche Richtung zu gehen. Nach seinen Gesprächen mit Selenskyj und Putin sprach er mit Xi Jinping und Donald Trump, die nicht nur ihr Interesse an einem Ende des Krieges geäußert haben, sondern auch über die Macht verfügen, einen Waffenstillstand und einen Verhandlungsfrieden durchzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass aus Orbáns Friedeninitiative eine neue europäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur entsteht, die den Sicherheitsinteressen aller Europäer entspricht, von Dauer ist und Europa der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Selbstbehauptung näherbringt.


    Titelbild: Quelle: Nato, CC BY-SA 4.0 – nato.int/ims/graphics/030506-kujat-b.jpg


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    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Stimmen aus Ungarn: Die Verabsolutierung des Krieges in der Ukraine

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    nachdenkseiten.de, vom 26. Juli 2024 um 12:00 Ein Artikel von György Varga

    Heute führt die Ukraine mit der Unterstützung von mehr als 40 Ländern einen bewaffneten Kampf, um Gebiete zurückzuerobern, deren friedliche Wiedereingliederung in ihr politisches, wirtschaftliches und soziales System sie seit 2015 trotz ihrer Verpflichtungen nach den Minsker Vereinbarungen verweigert hat. Mit der vollen Unterstützung des politischen Westens hat sie dies getan, und das aktuelle Ergebnis – die Ukraine permanent ruinieren zu lassen– scheint ein gemeinsames zu sein. Ein Beitrag von György Varga, aus dem Ungarischen übersetzte Éva Péli.

    Ich werde den Hintergrund der im Titel genannten Einschätzung auf eine Beschreibung der markantesten Entwicklungen beschränken. Die Gründe für Russlands Entscheidung, eine größere Militäroperation zu starten, waren für Experten und interessierte Beobachter der Prozesse im postsowjetischen Raum seit fast zwei Jahrzehnten gut vorhersehbar. Indem der politische Westen auf die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine drängte und den Machtwechsel 2014 koordinierte, hat er den noch (heute kaum mehr) bestehenden europäischen Sicherheitsstatus quo im Bereich der militärischen Sicherheit umgeworfen und eine drastische Stärkung der minderheitenfeindlichen Ausrichtung der ukrainischen Innenpolitik ermöglicht.

    Auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008 definierte die Organisation die Ukraine als zukünftiges NATO-Mitglied. Durch diese Entscheidung verletzte das Bündnis die Souveränität der Ukraine, ihre Neutralität und das Recht der ukrainischen Gesellschaft auf eine selbstbestimmte Innen- und Außenpolitik, das heißt, einen eigenen außenpolitischen Kurs – den blockfreien Status – zu führen.


    Drei grundlegende Dokumente, die die Staatlichkeit und Souveränität der Ukraine im internationalen Recht bekräftigen, sind der Aufmerksamkeit der NATO (beziehungsweise der Vereinigten Staaten, die das Thema vorangetrieben haben) „entgangen“:

    1. Die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine von 1991, in der es heißt, dass „die unabhängige Ukraine eine immerwährende Neutralität annehmen wird, ohne die Absicht, sich Militärblöcken anzuschließen“.
    2. Die ukrainische Verfassung, die 1996 auf der Grundlage der Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde, enthielt auch die Institution der Neutralität.
    3. Die Ukraine unterzeichnete im Dezember 1994 ein von den Großmächten garantiertes Dokument über die Abrüstung ihrer verbliebenen sowjetischen Atomwaffen, die sogenannte Budapester Erklärung. Das Dokument wurde von der neutralen Ukraine unterzeichnet und enthält Garantien für die neutrale Ukraine. Zweck und Inhalt der Budapester Erklärung waren eng mit dem neutralen Status der Ukraine verknüpft, den die NATO 2008 ebenfalls ignorierte, als sie die Ukraine als potenzielles NATO-Mitglied benannte.


    Dazu kommt, dass es in der Ukraine keine gesellschaftliche Unterstützung für einen NATO-Beitritt gab, weil sich die Bevölkerung dessen Folgen für die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland voll bewusst war. Heute sehen wir, wie recht sie hatten.

    Die Kommunikationsexperten von der NATO versuchen nicht vergeblich, das Narrativ vom „unprovozierten Krieg“ zu verstärken. Das Gegenteil ist der Fall. Bei der Schaffung der Voraussetzungen für den Krieg in der Ukraine haben die wichtigsten Entscheidungsträger des politischen Westens unbestreitbare Verdienste wie auch darin, wie ein Ende des Krieges zu verhindern wäre.

    Im dritten Jahr des Krieges haben weder die NATO noch die EU auch nur einen einzigen Aufruf zu einer Verhandlungslösung gemacht. Die Befürworter einer Verhandlungslösung – die ungarische und die slowakische Regierung – werden auf der Seite Putins eingestuft, und in beiden Organisationen werden Entscheidungen über die Finanzierung des Krieges für weitere vier bis fünf Jahre getroffen, die kaum als nüchtern bezeichnet werden können.

    Nehmen wir noch die Koordinierungs- und Führungsrolle des Westens (USA) bei der verfassungswidrigen Machtübernahme im Februar 2014 hinzu, so sind die Faktoren, die zum ukrainischen Bürgerkrieg, zum Separatismus und folglich zum Verlust der Krim geführt haben, hauptsächlich Faktoren, die das westliche Narrativ nicht stützen. Die eigentliche Ursache des Krieges ist nicht die „unprovozierte“ Entscheidung eines kranken russischen Präsidenten. Hinter der Legitimität des russischen Präsidenten steht die überwältigende Mehrheit der russischen Gesellschaft; die Männer gehen freiwillig an die Front – anders als bei der Zwangsmobilisierung in der Ukraine, wo der Westen fordert, dass die Altersgrenze gesenkt wird, weil mehr Soldaten benötigt werden, um den Krieg fortzusetzen.

    Heute widmet der russische Präsident den größten Teil seiner Energie der Beschwichtigung der eigenen Gesellschaft, während der politische Westen die militärische Situation in der Ukraine täglich weiter eskalieren lässt und die russische Gesellschaft in allen Dimensionen provoziert. Das Auftauchen der NATO-Waffen, der Angriff auf russisches Territorium mit NATO-Waffen, das Gerede über die NATO-Truppenverlegungen, die Verhängung neuer Sanktionen, die Aufforderung, Russland in die Knie zu zwingen, sind die tägliche Realpolitik des Westens.


    Wer ist am Ukraine-Krieg interessiert?

    In wessen Interesse ist dieser Krieg, wenn das Ziel – die Rückeroberung der Separatistengebiete – auch 2015 friedlich hätte erreicht werden können, aber bis 2022 kein einziger Schritt dafür getan wurde?

    Auf der Suche nach historischen Parallelen beeindruckt sogar die Entwicklung und der Umgang mit der kubanischen Raketenkrise von 1962 die sektiererischen atlantischen Sicherheitspolitiker nicht. 2.000 Kilometer von Washington entfernt auf Kuba sind sowjetische Raketen eine legitime Verletzung US-amerikanischer Sicherheitsinteressen, aber 500 Kilometer von Moskau entfernt, auf ukrainischem, estnischem oder finnischem Territorium, sind US-amerikanische, britische und französische Raketen ein Mittel zur Verbreitung von Demokratie – das sehen wir heute, und Russland hat damit nichts zu tun.

    Ich bezeichne diese Ansicht als sektiererischen Atlantizismus, weil keine rationalen militärischen Argumente, die sich auf die bekannten Grundsätze der Militärwissenschaft stützen, zu ihren Gunsten vorgebracht werden können. Anstelle fachlicher Argumente werden abstrakte moralische Erklärungen, der Kampf gegen Diktaturen und die Erklärung der Legitimität in Verbindung mit westlichen Werten angeführt. Es handelt sich nicht um die Militärwissenschaft, sondern um eine Kommunikationstechnik – Massenkommunikation auf theologischer Ebene, um an Emotionen zu appellieren.

    In diesem Fall geht es bei dem oben erwähnten Narrativ darum, großen Massen von Menschen verständlich zu machen, dass der Krieg in der Ukraine „nicht provoziert“ ist. Sie sollen dies trotz aller tatsächlichen Fakten und gegenteiligen Schlussfolgerungen verstehen.

    Francis Fukuyama, einer der bekanntesten US-amerikanischen Theoretiker der internationalen Beziehungen, veröffentlichte 2008 in den Wochen nach dem georgisch-russischen Krieg einen kurzen Aufsatz mit dem Titel „Ungarn 1956 – Georgien 2008“ („Hungary 1956 – Georgia 2008”), in dem er feststellte: „Wenn die Russen in einem Nachbarland der Vereinigten Staaten bewaffnete Kräfte einsetzen würden, würde ich vom US-Präsidenten nichts anderes erwarten, als dass er einfach in das Nachbarland einmarschiert.“


    Die Militärwissenschaft wird beiseitegeschoben

    Sicherheitspolitische Experten der NATO halten dieses Prinzip für durchweg legitim, aber die Russen sollen mit der globalen Expansion der US-geführten NATO-Streitkräfte in der Ukraine nichts zu tun haben. Ab dem Punkt wird der Konflikt nicht auf der Grundlage militärwissenschaftlicher Prinzipien behandelt, sondern auf der Grundlage eines emotionalen Ansatzes, der auf der Überlegenheit des Westens beruht oder auf schlichter Russophobie, Russenfeindlichkeit.

    Die Ukraine hat das Minsker Abkommen von 2015 über die friedliche Wiedereingliederung der Separatistengebiete in die Ukraine fast acht Jahre lang ignoriert. Sie hat dies mit der Unterstützung der Garanten des Abkommens (Berlin, Paris) getan. Die ukrainische Regierung wurde dafür keinen internationalen Sanktionen unterworfen, doch wir wussten, dass die Geduld der Russen aufgrund der direkten Beteiligung begrenzt war.

    Moskau bat die Garanten vergeblich, Einfluss auf Kiew zu nehmen. Seit 2020 hat sich die Ukraine offen geweigert, die Punkte des vom UN-Sicherheitsrat ratifizierten Dokuments einzuhalten. Die separatistische Bevölkerung in den Gebieten Donezk und Lugansk – etwa vier Millionen Menschen – war seit 2014 aus dem politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Subsystem der Ukraine ausgeschlossen. Infolgedessen beantragten und erhielten fast eine Million Einwohner die russische Staatsbürgerschaft (die Grenzen des Separatistengebiets waren für die Ukraine geschlossen). Es war vorhersehbar, dass die russische Führung den gesetzlosen Status ihrer eigenen Bürger und der Millionen ethnischer und sprachlicher Minderheiten, auf die täglich geschossen wurde, nicht ewig tolerieren würde.

    Im Jahr 1999 hielten es die USA auf der anderen Seite des Globus für legitim – während sie davon überhaupt nicht direkt betroffen waren –, den Schutz der Rechte der separatistischen Minderheit Serbiens zu rechtfertigen, indem sie Belgrad 78 Tage lang bombardierten, ohne dass im konkreten Fall ein gemeinsames Schicksal, ein historisches und nationales politisches Interesse, ein sprachlicher und ethnischer Zusammenhalt bestehen würde. Es war vorherzusehen, dass Moskau für umso legitimer halten könne, seine Streitkräfte in seiner eigenen Nachbarschaft, zur Verteidigung seiner eigenen Bürger, seiner eigenen Ethnie, Sprache, Kultur, Religion und Sicherheitsinteressen einzusetzen.

    Die Kämpfe zwischen den ukrainischen Streitkräften und den separatistischen Kräften hielten von 2014 bis 2022 ununterbrochen an. Die Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) meldete 270.000 bis 410.000 Waffenstillstandsverletzungen in der Ukraine pro Jahr. Das entsprach im Jahr 2017 zum Beispiel bei 403.000 Fällen im Durchschnitt 1.100 Waffenstillstandsverletzungen pro Tag – die Daten sind auf der OSZE-Website veröffentlicht. Die Integration der Ukraine in die NATO schritt rasch voran: sechs bis neun NATO-Übungen auf ukrainischem Territorium pro Jahr, Ausbildung nach NATO-Standards, Modernisierung der Waffen, während die ukrainische Mitgliedschaft in der NATO sowohl für Kiew als auch für die NATO eine bekannte rote Linie Russlands war.

    Hinzu kommt, dass die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande, die das Minsker Abkommen 2015 unterzeichneten, im Dezember 2022 erklärten, dass „die Unterzeichnung des Dokuments der Ukraine Zeit geben sollte, sich auf einen Krieg vorzubereiten.“

    Mit anderen Worten, sowohl die ukrainische Führung als auch die westlichen Garanten haben sich mit politischer, militärischer, finanzieller und kommunikativer Unterstützung („unprovozierter Krieg“) des kollektiven Westens bewusst auf einen russisch-ukrainischen Krieg zubewegt. Entgegen dem westlichen Narrativ begann die russische Militärintervention in der Ukraine nicht als totaler Krieg, der Begriff „spezielle Militäroperation“ war bis April 2022 ein akzeptabler Begriff.

    Die russische Führung setzte sich als Ziel für die Operation, was sie in den ersten sechs Wochen der Verhandlungen in Minsk und Istanbul erreicht hatte; die Ukraine war bereit, die russischen Bedingungen zu akzeptieren und zur Neutralität des Landes zurückzukehren.

    Bereits am vierten Tag des russischen Einmarsches begannen die Ukraine und Russland die Friedensgespräche in Minsk. Wie wir wissen, wurden die Verhandlungen in Minsk und Istanbul von den Verhandlungsdelegationen erfolgreich abgeschlossen, aber die Unterzeichnung des Istanbuler Abkommens auf politischer Ebene wurde von den westlichen Partnern der Ukraine blockiert, und die Kiewer Führung wurde zur Fortsetzung des Krieges ermutigt.


    Bei früheren Aggressionen wären die heute angewandten Sanktionen undenkbar gewesen

    Der politische Westen hat den Krieg in der Ukraine, den Aggressor und das Opfer verabsolutiert und nutzt diese verabsolutierte Situation, um der gesamten internationalen Gemeinschaft, allen souveränen Staaten der Welt neue Regeln aufzuerlegen.

    Die Verabsolutierung des Krieges hat in zwei Jahren zu einem sichtbaren Chaos geführt, in dem der moralische Verfall der internationalen Beziehungen zum Vorschein kommt. Der aktuelle Aggressor wird dämonisiert und entmenschlicht, während bei früheren ähnlichen Aggressionen die heute angewandten Sanktionen undenkbar gewesen wären. Die kollektive Bestrafung von Nationen, Ethnien und Kulturen oder Weltsprachen gehörte ausdrücklich nicht zur Praxis der zivilisierten Welt.

    Nach dem Irak-Krieg, der durch gefälschte Geheimdienstinformationen ausgelöst wurde, hat die internationale Gemeinschaft amerikanische und britische Sportler nicht von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Es gab keine Rede davon, dass jeder Bürger der gesamten US-amerikanischen Gesellschaft unter den Folgen der falschen Entscheidung der Staatsführung zu leiden hatte, die eine abgelegene Region jahrzehntelang destabilisierte und Millionen von Menschenleben forderte. Filme aus den USA wurden nicht verboten, US-amerikanisches und britisches öffentliches und privates Eigentum im Ausland wurde nicht beschlagnahmt und auch nicht zur Finanzierung des Wiederaufbaus des Irak verwendet, weil die Trennung von Politik, Sport, Kultur, Religion und Privatsphäre für jeden Politiker mit gesundem Menschenverstand ein Grundwert war. Diese Regel hat sich geändert, aber sie gilt nur für Russen.


    Souveräne Länder werden durch Sanktionen erpresst

    Erpressung durch Sanktionen ist zum wichtigsten Mittel geworden, um Druck auf souveräne Länder auszuüben, damit sie sich ungeachtet ihrer verfassungsmäßigen Ordnung an die von anderen aufgestellten Regeln halten, notfalls auch unter Verletzung dieser Regeln, im Gehorsam gegenüber einer moralischen Überlegenheit.

    Für den oberflächlichen Betrachter wird die Sanktion nur gegen den Aggressorstaat verhängt, während die Realität ganz anders aussieht. Heute, im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, bestrafen etwa 30 Länder (USA, CA, UK, EU) mit einer Bevölkerung von etwa 800 Millionen Menschen alle UN-Mitgliedstaaten (acht Milliarden Menschen), ihre Bevölkerungen und Wirtschaftsakteure, indem sie das normale Funktionieren des internationalen Finanzsystems, die Nutzung der traditionellen Transportkorridore und Energierouten sowie den Zugang zu Märkten, Rohstoffen und Energieressourcen blockieren.

    Die Sanktionen gegen Russland werden von den Staaten verhängt, die vom politischen Westen dominiert werden, aber kein Land der Welt ist von den Folgen ausgenommen, da sie für alle 193 UN-Mitgliedstaaten Verbote gegen zwischenstaatliche wirtschaftliche und soziale Akteure unter anderem in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Finanzen, Handel, Verkehr, Kultur, Sport enthalten.

    Gegen wen richten sich die Sanktionen, wenn keine Bank in 193 Ländern Geld nach oder aus Russland überweisen oder ihre Schiffe nicht in russischen Häfen anlegen können? Heute gibt es etwa 20.000 dieser Sanktionen, die sich auf die globalen Systeme insgesamt und ihre Unterdimensionen auswirken. Nehmen wir ein afrikanisches Land mit niedrigen wirtschaftlichen und sozialen Standards, dem es verboten ist, Beziehungen zu Russland zu unterhalten, während es täglich Probleme hat, seine zehn Millionen Einwohner zu versorgen; wenn es bedeutende russische Verbindungen hat, unterliegt es der gleichen Anzahl von Sanktionen wie Russland, und dieser Grundsatz gilt für alle UN-Mitgliedstaaten. Wer wird durch die Sanktionspolitik der USA oder der EU bestraft? Jeder Mensch auf diesem Planeten. Selbst wenn man sich an die Sanktionen hält – denn die Sanktion selbst gilt für alle (man kann in Bezug auf Russland nichts tun) – und jeder, der sich nicht daran hält, wird mit einer weiteren Sanktion bestraft.

    Dies ist nun eine wertebasierte, demokratische, regelbasierte Praxis der internationalen Beziehungen, die vom politischen Westen dominiert wird – der Krieg in der Ukraine ist der Referenzpunkt. Wir können nur hoffen, dass China in ein oder zwei Jahrzehnten, wenn es die Weltmacht Nummer eins wird, dieses „wertebasierte“ Instrument nicht als guten Präzedenzfall übernimmt und Europa zeigt, dass die von ihm begonnenen Spiele mit den Sanktionen auch in die andere Richtung eingesetzt werden können.


    Die Europäische Union schaufelt sich ihr eigenes Grab

    Angesichts der anderthalb Milliarden Einwohner Chinas, seiner wachsenden wirtschaftlichen und militärischen Macht und der strategischen Zusammenarbeit zwischen Russland und China schaufelt sich die Europäische Union, die ihren Status als unabhängiger internationaler Akteur zu verlieren scheint, ihr eigenes Grab, zumal sie sich bereits faktisch von den russischen Rohstoffen und dem russischen Markt abgeschnitten hat, die früher fast ausschließlich Europa ernährten und für echten Wohlstand sorgten.

    Zu den negativen Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland auf die gesamte internationale Gemeinschaft kommt hinzu, dass sie, wie bereits erwähnt, nicht im Rahmen der UNO verhängt werden, aber globale Auswirkungen haben und tagtäglich grundlegend zur Verschlechterung der internationalen Beziehungen beitragen. Unter anderem heben sie die Institution der Neutralität vollständig auf, die seit jeher ein wichtiges Instrument für die Aufrechterhaltung des regionalen und globalen Gleichgewichts in den Beziehungen zwischen den Staaten, ein wesentliches Instrument für die Friedenskonsolidierung, die Vermittlung und die Schaffung der Voraussetzungen für Verhandlungen war.

    Was Letzteres betrifft, so konnte das NATO-Mitglied Türkei von den ersten Wochen des Krieges in der Ukraine an die Initiative ergreifen, indem es den Istanbuler Gesprächen Raum gab und sich nicht der Sanktionspolitik des Westens anschloss. Mit anderen Worten, auch ein NATO-Mitglied mit einem rationalen Ansatz ist in der Lage, eine Außenpolitik zu verfolgen, die auf Realpolitik und nicht auf einer sektiererischen Außenpolitik auf der Grundlage eines ständigen atlantischen Expansionismus beruht.

    Die Verantwortung für die Verluste, die die Ukraine seit April 2022 erlitten hat, liegt nicht bei der Türkei und auch nicht mehr ausschließlich bei Russland; die Verantwortung des politischen Westens für den Zerfall der Ukraine ist seit dem Druck, den der britische Premierminister Boris Johnson am 9. April 2022 auf Kiew ausgeübt hat, eindeutig, wie der Leiter der ukrainischen Verhandlungsdelegation selbst eingeräumt hat.


    Neutrale Länder geraten in die Mühlen des politischen Westens

    Traditionell neutrale oder sogar „absolut neutrale“ Länder wie die Schweiz und Österreich sind in die Mühlen des politischen Westens geraten, ungeachtet ihrer momentanen oder langfristigen nationalen Interessen, ihrer gültigen Verfassungen, ihrer internationalen Verpflichtungen.

    Als Beispiel sei die sehr „gerechte“ Situation genannt, in der einer der Garanten des österreichischen Staatsvertrags von 1955 (der Grundlage der immerwährenden österreichischen Neutralität), die Vereinigten Staaten, Sanktionen gegen österreichische Banken verhängt, damit diese nicht mehr als neutrale Geschäftspartner gegenüber den Banken des anderen Garanten des österreichischen Staatsvertrags, Russland, auftreten – und damit die vom österreichischen Staat zugesagte immerwährende Neutralität verletzen.

    Sie tun dasselbe mit den Schweizer Banken und zerstören auf einen Schlag das Vertrauenskapital, das sie in zwei Jahrhunderten aufgebaut haben, ihre Berechenbarkeit, die Sicherheit, die sie auf den internationalen Finanzmärkten bieten und die Sicherheit, für die sie weltweit geschätzt werden. Selbst Hitler konnte dieses geniale Ergebnis, die Neutralität der Schweiz zu brechen, nicht erreichen, obwohl er fast eine halbe Million Soldaten an der Grenze hatte. Die staatlichen Institutionen, die die Verfassung verteidigen, schweigen in allen neutralen Ländern, sie haben keine Chance gegen die Instrumente des globalen Westens oder sind selbst schon unter dessen Kontrolle.

    Die in den internationalen Beziehungen angewandten Grundsätze funktionieren aufgrund der moralischen Gründe des Krieges in der Ukraine nicht mehr. Die EU verstößt täglich gegen ihre eigenen Praktiken und sogar gegen ihre eigenen Rechtsnormen.

    Ein Beispiel dafür ist eine Reihe von Grundlagenverträgen Ungarns: In den 1990er-Jahren haben wir als Voraussetzung für den EU- und NATO-Beitritt Grundlagenverträge mit den Nachbarländern unterzeichnet, die die Anerkennung der bestehenden Grenzen garantieren, um historische Streitigkeiten und Missstände nicht in die Integrationsorganisationen hineinzutragen. Wir haben unter anderem die Grenzen Rumäniens, der Slowakei, der Ukraine – was seit Trianon wehtut – in ihrer heutigen Form anerkannt. (Anm. Red.: Der Vertrag besiegelte am 4. Juni 1920 als Teil der Versailler Friedensverträge die Aufteilung Ungarns. Das Land verlor zwei Drittel seines Territoriums und entwickelte ein „Trianon-Trauma“.)


    Mit Beitrittsverhandlungen beschloss die EU, einen laufenden Krieg zu importieren

    Im Juni 2024 beschloss die Europäische Kommission, Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine aufzunehmen – das heißt, sie beschloss, einen laufenden Krieg in die Europäische Union zu importieren. Machen wir so Europa wieder groß? Heute gibt es neue Grundsätze, und wer sich auf die alten berufe, helfe Putin, heißt es. Es ist also möglich, ja sogar wünschenswert, Instabilität oder auch Krieg in die Europäische Union zu importieren. Ist das im Interesse der 450 Millionen EU-Bürger? Nein, aber wer fragt sie schon? Jeder, dem das nicht gefällt, ist ein Putinist.

    Bei der Einleitung des EU-Beitritts der Ukraine war es wichtiger, eine schlechte geopolitische Entscheidung, nämlich die Niederlage im Stellvertreterkrieg des Westens in der Ukraine, mit einer weiteren schlechten Entscheidung zu retten als die Stabilität und den Wohlstand der EU zu erhalten.

    Wie dieser Fall zeigt, gibt es keine Prinzipien. Die Regeln werden von den momentanen Interessen der westlichen Machtelite bestimmt. Wem es nicht gefällt, dass Ungarn Grundlagenverträge unterzeichnen musste, um den Beitritt einzuleiten, wer aber kritisiert, dass wir noch nicht einmal die endgültigen Grenzen der Ukraine als künftiges EU-Mitglied oder die Zahl ihrer Bevölkerung kennen, der vertritt die Interessen Russlands.

    Die Verabsolutierung ist ein sehr wirksames Mittel, um Hunderte von Millionen EU-Bürgern, die mit den außenpolitischen Ereignissen und den konkreten Prozessen der letzten zwei Jahrzehnte nicht vertraut sind, glauben zu machen, dass sie für eine heilige Sache opfern, wenn sie den Krieg in der Ukraine finanzieren, nicht zögern und die negativen Folgen der Sanktionen in Kauf nehmen. Warum ist das so? Was ist das eigentliche Ziel?

    Das gleiche Phänomen ist in der Krise des Entscheidungssystems der Europäischen Union zu beobachten. Indem der globale Westen dem Krieg in der Ukraine eine moralische Dimension verleiht, hält er es für inakzeptabel, sich an die geltenden Regeln der Union (Vertrag von Lissabon) zu halten, die einen Rechtsrahmen bieten, um Exzesse zu verhindern, die mit der globalen Elite in Verbindung stehen und die Außen- und Sicherheitsinteressen der souveränen Mitgliedstaaten bedrohen.

    Mit der Verabsolutierung eines Krieges außerhalb der EU und der NATO tritt die westliche Machtelite Rechtsnormen mit Füßen und trifft offen Entscheidungen, die gegen das Gemeinschaftsrecht verstoßen. Sie nimmt sich das Recht, dem Völkerrecht zu widersprechen, um den Krieg in der Ukraine gegen die legitimen Interessen der Mitgliedstaaten und die objektiven Interessen der EU fortzusetzen.

    Der Artikel ist zuerst auf dem ungarischen Portal Moszkvatér erschienen.


    Dr. György Varga ist Diplomat mit Spezialisierung auf den postsowjetischen Raum. Er hat in Theorie der internationalen Beziehungen promoviert und als Universitätsdozent strategische Planung, Sicherheitspolitik und Theorie der internationalen Beziehungen gelehrt. Als Diplomat vertrat er Ungarn in der Ukraine, in Moskau, er war Botschafter in Moldawien und von 2017 bis 2021 Leiter der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Russland. In dieser Funktion verbrachte er die vier Jahre vor dem Krieg im Namen der 57-Länder-Organisation an der Grenze von Russland und dem Gebiet des Donbass, das nicht von der ukrainischen Regierung kontrolliert war. Er leitete eine ununterbrochene internationale Überwachung, die zur Lösung des Konflikts beitragen sollte. Varga ist Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA).


    Titelbild: Shutterstock / Corona Borealis Studio


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    26.07.2024

    Freidenker Nachruf für Wolfgang Jung

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    Wolfgang Jung, 27.01.1938 — 21.06.2024


    freidenker.org, 26. Juli 2024, Von Klaus Hartmann

    Mit Wolfgang verliert die Friedensbewegung einen unermüdlichen Kämpfer gegen den Krieg und insbesondere gegen Deutschlands „Kriegsdrehscheibe“, die US-Air Base Ramstein nahe Kaiserslautern in der Pfalz. Ihn „Urgestein der Friedensbewegung“ zu nennen, ist zwar nicht falsch, aber es erfasst sein spezielles Engagement ungenügend – Wolfgang war in erster Linie Friedensforscher, Aufklärer und Mahner.

    Von seinen zahlreichen Aktivitäten zur Bewahrung des Friedens ist an erster Stelle die gemeinsam mit seiner Ehefrau Fee Strieffler herausgegebene Internetzeitung „Die LUFTPOST – Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern /Ramstein“ zu nennen. Sie erschien von November 2004 bis April 2021 mit 3.185 Ausgaben und fand viele Tausend Leser im In- und Ausland. Grundlage der faktenbasierten Informationen waren zumeist die von Wolfgang Jung übersetzten, öffentlich zugänglichen offiziellen Mitteilungen aus US-Regierungs- und Militär-Quellen sowie Artikel von US-Autoren.


    Die „Luftpost“ bleibt auch in Zukunft eine Fundgrube für alle friedenspolitisch interessierten Menschen, denn Fee und Wolfgang haben darin alle erreichbaren militärstrategischen, geopolitischen und waffentechnischen Informationen aus Strategiepapieren sowie in- und ausländischen Zeitungen akribisch ausgewertet, analysiert und orientierungsgebend eingeschätzt. Diese Arbeit bleibt ein Vermächtnis für die Friedensbewegung, die gut beraten wäre, sich diese Kenntnisse und Orientierungen anzueignen.


    Wolfgang Jung wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Miesenbach geboren, das heute Ortsteil von Ramstein-Miesenbach ist. Als Kind erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, Bombenabwürfe und Zerstörungen, den Verlust von Spielkameraden, den Tod von Vater und Verwandten. Diese traumatischen Erlebnisse prägten ihn und bestimmten sein unbedingtes Eintreten für Frieden und Völkerverständigung.


    Nach Abitur und Lehrerausbildung unterrichtete Wolfgang von 1960 bis 1999 an verschiedenen pfälzischen Schulen und wurde von Schülern und Kollegen geschätzt. Er erklärte den jungen Menschen, dass Kriege nur Tod und Zerstörung bringen. Ehrenamtlich engagierte er sich über Jahrzehnte in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, in der Arbeitsloseninitiative, in lokalpolitischen Initiativen, gegen die aufkommenden Berufsverbote und in Friedensinitiativen.

    Seit Anfang der 1960er Jahre trug Wolfgang Berichte über US-Basen in Rheinland-Pfalz zusammen und war selbst erstaunt über die Vielzahl hochkarätiger US-Militäreinrichtungen, die sich allein in der Region Kaiserslautern/Ramstein befanden, z.B. die Kommandozentralen der USA und der NATO auf der Air Base Ramstein, die dort stationierten Atombomben und das Atomwaffenlager Miesau, drüber hinaus die Atomwaffen, die auf dem Bundeswehrflugplatz Büchel in der Eifel und auf dem US-Flugplatz Spangdahlem gelagert waren.


    Für das vom Siegelbacher Pfarrer Hans Joachim Oeffler geleitete „Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit-Kaiserslautern“ erarbeiteten Wolfgang Jung und Fee Strieffler die Dokumentation „US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein, größtes atomares Machtzentrum der USA und der NATO in Europa“. Diese erregte bundesweites Aufsehen und rief zugleich den sogenannten „Verfassungsschutz“ in Rheinland-Pfalz auf den Plan. Die Bezirksregierung Neustadt a. d. Weinstraße eröffnete ein Dienstordnungsverfahren gegen Wolfgang mit dem Ziel, den Beamten auf Lebenszeit aus dem Schuldienst zu entfernen. Nach über fünf Jahren scheiterte der Antrag zwar beim Verwaltungsgericht Neustadt, aber es verfügte eine Kürzung der Bezüge für die Dauer von drei Jahren um 15%. Nachdem in ähnlich gelagerten Fällen in Nordrhein-Westfalen dieses Vorgehen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als menschenrechtswidrig eingestuft und das Land NRW dazu verurteilt wurde, den Betroffenen nicht nur die vorenthaltenen Bezüge, sondern auch eine hohe Entschädigung zu zahlen, forderte Wolfgang Jung Entsprechendes vom Land Rheinland-Pfalz. Dieses zahlte zwar die einbehalten Bezüge und die durch das Verfahren entstandenen Kosten als „Gnadenerweis“, lehnte aber eine Entschädigungszahlung ab.


    Nachdem Wolfgang Jung 1997 die nebenamtliche Leitung des Medienzentrums Kaiserslautern übertragen worden war, fand er in dessen Keller Film-Fragmente, die sich nach mühevoller Aufbereitung und vorläufiger Datierung als Aufnahmen des ersten Bildstellenleiters Peter Turgetto aus der Nazi-Zeit in Kaiserslautern herausstellten. Der Filmemacher Andreas Pesch erklärte sich bereit, darüber eine filmische Dokumentation zu erstellen, und trotz des großen öffentlichen Interesses der Bürger Kaiserslauterns gab es von der Stadtverwaltung keine Unterstützung für das Filmprojekt. Eine Spende des damaligen Sparkassendirektors Grob von 10.000 DM deckte wenigsten einen Teil der Produktionskosten, die Suche nach Zeitzeugen begann, und schließlich entstand dank des Engagements von Andreas Pesch 1998 der fast einstündige Film „12 Jahre und 12 Tage – Kaiserslautern, eine Stadt im Nationalsozialismus“, er weckte landesweites Interesse, das bis heute anhält.


    Gegen die 1979 beschlossene Stationierung der US-Atomraketen Pershing II und Cruise Missiles protestierten Fee und Wolfgang gemeinsam mit Hundertausenden, in Bonn und an den Stationierungsorten. Der Abzug erfolgte nach einer Einigung zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow auf Grundlage des INF-Vertrags von 1987, der ihre Verschrottung 1988 und ein Verbot von Raketen der Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern in Europa vorsah.


    Wolfgang warnte vor der weitverbreiteten trügerischen Erwartung eines ewigen Friedens nach dem Ende der sozialistischen Staaten in Europa, als sich der Warschauer Vertrag auflöste, aber die NATO nicht dran dachte, dies ebenfalls zu tun, und nach dem Abzug der russischen Truppen vom Territorium der DDR blieben die US-Truppen in Westdeutschland. Entgegen gegebener Versprechen rückte die NATO immer weiter nach Osten gegen Russlands Grenzen vor. Vor der damit wachsenden Kriegsgefahr warnten Fee und Wolfgang immer wieder in ihren Luftpost-Veröffentlichungen. Der INF-Vertrag wurde von US-Präsident Obama verletzt, indem die USA die mit Cruise Missiles bestückten Aegis-Systeme auf Schiffen sowie zu Land in Rumänien und Polen installierten, das mobile THAAD-System kann mit Raketen größerer Reichweite bestückt werden, die auch Atomsprengköpfe tragen können. „Damit ist eine noch gefährlichere Bedrohungslage für Europa und Russland entstanden als zu Zeiten des Krefelder Appells, denn die US-Mittelstreckenraketen sind jetzt viel näher an die russische Westgrenze herangerückt und die Vorwarnzeit für russische Abwehrmaßnahmen ist dadurch extrem kurz geworden“, lesen wir in der Luftpost. Schließlich kündigte Präsident Trump 2019 den INF-Vertrag auch formell auf.

    2013 strengte Wolfgang Jung eine Einzelklage gegen die Bundesregierung an, weil diese die völkerrechts- und verfassungswidrige Nutzung der Air Base Ramstein, insbesondere für den US-Drohnen-Krieg, zulässt. Die Klage wurde 2013 – 2016 von drei Instanzen – dem Verwaltungsgericht Köln, dem Oberverwaltungsgericht Münster und dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig – mit der fadenscheinigen und absurden Begründung abgewiesen, Wolfgang Jung habe kein Klagerecht, weil er ja selbst gar nicht von US-Drohnen bedroht sei. 2016 fand in Kaiserslautern die Uraufführung der Filmdokumentation „Ramstein – das letzte Gefecht“ statt, Autor ist der Journalist und Filmemacher Norbert Fleischer, und Wolfgang wirkte an der Dokumentation mit, um die völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Aktivitäten auf der Air Base Ramstein aufzuzeigen.


    Auf den reichen Informationsfundus, den Fee und Wolfgang zusammengetragen und hautsächlich via „Luftpost“ verbreitet haben, konnten sich viele Friedensinitiativen und -aktionen stützen, so auch die Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“. Leider haben manche davon nur „selektiven Gebrauch“ gemacht. So kritisierte Wolfgang beispielsweise, dass der Kampagnenaufruf „auf Betreiben einiger Leute in Berlin auf den Drohnenkrieg via Ramstein verengt wurde“, und: „Sie weigern sich hartnäckig, die für unser aller Überleben zwingend notwendige Kündigung des Vertrages über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland und den Austritt der Bundesrepublik aus der NATO, der anschließend erfolgen muss, in ihre Forderungskataloge aufzunehmen und zu dem einigenden Band zu machen, das der Krefelder Appell einmal war.“


    Diese Mahnung ist umso dringlicher geworden, nachdem beim jüngsten NATO-Gipfel zu ihrem 75. Gründungstag der Aufrüstungskurs zur Aufrechterhaltung der US-Hegemonie nochmals verschärft wurde. Bundeskanzler Olaf Scholz unterstützte die Erklärung, dass ab 2026 in Deutschland Mittelstreckenraketen der USA stationiert werden sollen, die Ziele in Russland treffen können: Tomahawk-Marschflugkörper, Reichweite über 1.000 Kilometer, Ballistische SM-6- Raketen, Reichweite weniger als tausend Kilometer sowie Hyperschallraketen Dark Eagle, Reichweite über 2.500 Kilometer mit extrem verkürzter Vorwarnzeit. Damit kommt die 1988 entfernte und verbotene Waffengattung nach Deutschland (Clay-Kaserne Wiesbaden) zurück, das damit wie schon im Kalten Krieg mögliche Abschussrampe, Zielscheibe und Schlachtfeld eines Atomkrieges wird.

    Fee Strieffler bemerkt: „Ein Trost ist, dass Wolfgang die schrecklichen Nachrichten der letzten Tage nicht mehr hören und sehen muss. Er muss nicht mehr hören, wie diese in jeder Beziehung zu kurz gekommen wichtigtuenden Kriegstreiber und Kriegsertüchtiger die Deutschen in einen Dritten Weltkrieg gegen Russland treiben werden. Und alles Geschwerls von ‚Wir sind mehr‘ bis hin zu den verblendeten ‚Omas gegen Rechts‘ tappen diesen Rattenfängern auf der Leimrute hinterher – und schicken ihre Enkel zum Bund – unfassbar. Er hat es genauso vorhergesagt. Alle können wissen was geplant ist, schon lange.“


    Wolfgang Jung hat bis zuletzt vor der stetig wachsenden Kriegsgefahr gewarnt. Seine letzte Botschaft lautet: „Wenn sich die Bewohner Deutschlands, besonders die, die in dieser Region leben, nicht endlich selbst DAGEGEN aufzulehnen beginnen, werden sie und ihre Kinder, mit den Kriegstreibern und denen, die unser Land wieder ‚kriegstüchtig‘ machen wollen, untergehen …“.

    Deshalb nochmal zurück zur „für unser aller Überleben zwingend notwendigen Kündigung des Vertrages über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland und den Austritt der Bundesrepublik aus der NATO. Mit diesen beiden Forderungen, die sich in der prägnanten Formel ‚NATO raus – raus aus der NATO!‘ zusammenfassen lassen, und durch die gezielte Verbreitung des reichlich vorhandenen Aufklärungsmaterials über die besonders in unserem Land laufenden Vorbereitungen für einen Atomkrieg gegen Russland und/oder China müssen die Menschen darüber informiert werden, dass sie ganz plötzlich den Atomtod sterben könnten.“


    Erfüllen wir Wolfgangs Vermächtnis, indem wir seinem Vorschlag folgen und mit dem kurzen Friedensappell „Der Atomtod bedroht uns alle – deshalb NATO raus und raus aus der NATO!“ in die Öffentlichkeit gehen.


    Klaus Hartmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes


    Anhang

    Wir dokumentieren einen der letzten gemeinsamen Aufsätze von Fee und Wolfgang, der das „Weltbild“ der Bundesregierung untersucht, auf dessen Grundlage die neue selbstmörderische Raketenstationierung in Deutschland stattfinden soll.

    Kanzler Scholz, Außenministerin Baerbock und die neue Sicherheitsstrategie für die Bundesrepublik Deutschland


    Von Fee Strieffler und Wolfgang Jung, 30.06.23

    Am 14. Juni 2023 hat die Bundesregierung ein Dokument mit dem pompösen Titel „Wehrhaft – Resilient – Nachhaltig / Integrierte Sicherheit für Deutschland / Nationale Sicherheitsstrategie“ veröffentlicht, das direkt aufzurufen ist unter https://www.nationalesicherheitsstrategie.de/Sicherheitsstrategie-DE.pdf und außerdem eingebettet über https://www.nationalesicherheitsstrategie.de/ ). Eingangs äußern sich Kanzler Scholz und Außenministerin Baerbock, die bei der Erstellung dieses Dokumentes die Federführung hatte (s. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-bundesministerin-baerbock-bundesminister-lindner-bundesminister-pistorius-und-bundesministerin-faeser-zur-vorstellung-der-nationalen-sicherheitsstrategie-am-14-juni-2023-2196324 ,), zu den damit verfolgten Absichten.


    Bundeskanzler Olaf Scholz, der sich die Richtlinien seiner Politik nicht nur von Washington diktieren lässt , sondern sie auch noch persönlich dort abholt (s. https://afsaneyebahar.com/2023/03/17/20695211/ ), weist die Aufgabe, die Sicherheit der Bundesbürger zu gewährleisten, dem „Staat und der Gesellschaft“ zu:

    „Es ist die wichtigste Aufgabe eines jeden Staates, einer jeden Gesellschaft, für die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit, keine Stabilität, keinen Wohlstand.“


    Er scheint sich also auch nicht mehr an seinen Amtseid zu erinnern, mit dem er gelobt hat, er wolle seine „Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren (und) Schaden von ihm wenden“ (s. https://www.youtube.com/watch?v=4hgoG78dN7E ). Weil er im Verteidigungsfall auch Oberbefehlshaber der Bundeswehr ist (s. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320878/oberbefehlshaber-in/ ), trägt er und nicht ein anonymer Staat oder die Gesellschaft selbst die Hauptverantwortung für unsere Sicherheit.


    Auch in seiner Begründung für die plötzliche Vorlage einer Nationalen Sicherheitsstrategie spielt die Sicherheit der Bundesrepublik allenfalls eine untergeordnete Rolle.

    „Die Zeitenwende, die Russlands Angriffskrieg bedeutet, nehmen wir zum Anlass, um unsere Bundeswehr endlich angemessen auszurüsten. Damit sie ihren Kernauftrag auch in Zukunft erfüllen kann: die Verteidigung unseres Landes und unserer Bündnispartner gegen jeden nur denkbaren Angriff. In nur wenigen Monaten haben wir uns aus der Abhängigkeit von russischer Energie befreit und Alternativen geschaffen. Diesen Weg hin zu mehr Sicherheit und weniger Abhängigkeit gehen wir konsequent weiter.“ …


    Scholz unterstellt einfach, dass der „Angriffskrieg Russlands“ letztlich auch gegen die Bundesrepublik gerichtet ist und begründet damit seine „Zeitenwende“,die ja eigentlich nur ein milliardenschweres Programm zu Hochrüstung der Bundeswehr mit US-Waffen, also ein sehr profitables Geschäft für die US-Rüstungsindustrie ist (s. https://www.welt.de/wirtschaft/article242043513/Bundeswehr-Neue-US-Kampfjets-und-Hubschrauber-Industrie-warnt-vor-Abhaengigkeit.html ).

    Außerdem will Scholz die Bundeswehr auch weiterhin zur „Landes- und Bündnisverteidigung“ (s. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_87a.html ) einsetzen, d. h. sie im Rahmen der NATO den USA auch künftig für imperiale Angriffskriege wie die gegen Jugoslawien und Afghanistan zur Verfügung stellen.


    Auch im Fall Ukraine kann oder will sich der Kanzler nicht daran „erinnern“, wie bedrohlich nahe die NATO mit ihrer vor allem von den USA forcierten „Ostereiterung“ Russland schon auf den Leib gerückt ist, und dass NATO-Staaten die Ukrainer auch schon vor der russischen Militäraktion für einen Angriff auf Russland bis an die Zähne bewaffnet haben.


    Warum sollte Russland die Bundesrepublik angreifen? Wir würden vermutlich heute noch mit preiswertem russischem Erdgas beliefert, wenn die Bundesregierung die von den USA betriebene Konfrontations- und Sanktionspolitik nicht mitgemacht, die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 genehmigt und sich der von Biden angekündigten Zerstörung der Gas-Pipelines widersetzt hätte.


    Jetzt ist die Bundesrepublik weitgehend abhängig von einer regelmäßigen Belieferung mit überteuertem, durch äußerst umweltschädliches Fracking gefördertem LNG-Gas die auch plötzlich ausbleiben könnte, wenn die US-Regierung politischen Druck auf die Bundesregierung ausüben möchte.

    „Unsere europäische Verwurzelung, die Einbettung in das transatlantische Bündnis, die Stärke unserer Wirtschaft, vor allem aber der Zusammenhalt unserer Gesellschaft sind ein sicheres Fundament, von dem aus wir dieses Ziel gemeinsam erreichen.“


    Die „Einbindung in das transatlantische Bündnis“ ist eigentlich nur eine beschönigende Umschreibung der von der Scholz Regierung vollzogenen totalen Unterwerfung unter die US-Regierung und deren „Weisungen“. Und „unsere europäische Verwurzelung“ ist eine völlig unpassende Bezeichnung für die „dienenden Führungsrolle“ (s. https://www.focus.de/politik/deutschland/besuch-in-den-usa-habeck-sieht-deutschland-in-einer-dienenden -fuehrungsrolle_id_61552626.html ), die Kanzler Scholz, Habeck und andere deutsche Minister im Auftrag der USA bei der „Einnordung“ der Europäer auf den US-Konfrontationskurs spielen sollen.


    Mit ihrer US-hörigen Politik tut die Scholz-Regierung gerade alles, um die deutsche Wirtschaft zu schwächen und unsere Gesellschaft noch stärker zu spalten.


    Dass ausgerechnet Außenministerin Annalena Baerbock (s.https://seniora.org/politik-wirtschaft/deutschland/anmerkungen-zu-annalena-baerbocks-befragung-am-27-april-2022-im-bundestag ), die Madeleine Albright, die ehemalige US-Außenministerin als Vorbild verehrt (s. https://taz.de/Ex-US-Aussenministerin-Albright-ist-tot/!5843919/ ) zur „Sicherheitsbeauftragten“ der Bundesrepublik gekürt wurde, erinnert fatal an den sprichwörtlichen „Bock, den man zum Gärtner gemacht hat“. Auf jeder ihrer Auslandsreisen hat sie sich doch mit ihrer obligatorischen „Menschenrechtspredigt“ in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten eingemischt, damit Regierungen vor den Kopf gestoßen und gegen unser Land aufgebracht. Das hat garantiert nicht Deutschlands Sicherheit erhöht. In ihrem Vorwort versucht sie uns – vollmundig wie immer – zu erklären, was im Rahmen einer Nationalen Sicherheitsstrategie alles zu beachten ist.


    „Zu lange haben wir in Deutschland geglaubt, unsere Sicherheit in Europa sei selbstverständlich. Doch unsere Friedensordnung ist nicht in Stein gemeißelt. Das sehen wir spätestens seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Auch die Klimakrise gefährdet die Sicherheit der Menschen in unserem Land, mit Fluten und Hitzewellen. Die Corona-Pandemie, Cyberattacken, Desinformationskampagnen –all diese Bedrohungen zeigen, wie verwundbar wir sind. Uns in allen Lebensbereichen robuster zu machen, das ist Ziel dieser ersten Nationalen Sicherheitsstrategie. Denn Sicherheit bedeutet im 21. Jahrhundert auch, dass im Winter unsere Heizungen laufen. Sicherheit bedeutet, dass wir in Apotheken Medikamente für unsere Kinder finden. Dass unsere Smartphones funktionieren, weil die notwendigen Mikrochips verlässlich geliefert werden können. Dass wir sicher zur Arbeit kommen, weil unsere Züge nicht durch Cyberanschläge lahmgelegt sind. Weil neue Bedrohungen komplex sind und alle Bereiche von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft treffen, spannen wir unsere Sicherheitspolitik „integriert“ über all diese Bereiche. Integrierte Sicherheitspolitik bedeutet, Sicherheitsfragen konsequent mitzudenken: nicht nur bei Entscheidungen zur Ausstattung der Bundeswehr, sondern auch bei der Frage, wie verlässlich unsere Lieferketten sind oder wie frei unsere Medienlandschaft ist.“


    Außer von Russland werde unsere Sicherheit auch von der Klimakrise, Pandemien, Cyberattacken, Desinformationskampagnen, von „klimaschädlichen“ Heizungen, einem Mangel an Medikamenten und Mikrochips, durch von Cyber Angriffen verursachte Zugverspätungen, durch die mangelhafte Ausstattung der Bundeswehr, nicht funktionierende Lieferketten und eine Medienlandschaft bedroht, von der man nicht wisse, wie frei sie noch sei.


    Wen man dieses Sammelsurium nach den bekannten Baerbockschen Denkmustern strukturiert, wird die Liste sehr viel kürzer:

    Nach Erkenntnissen der Frau Baerbock und ihrer GRÜNEN-Partei bedrohen die Russen nicht nur unsere äußere Sicherheit und haben uns dadurch dazu gezwungen, die Bundeswehr u. a. mit 35 US-Atombombern des Typs F-35 hochzurüsten. Durch Cyber Attacken auf lebenswichtige deutsche Infrastruktur und Desinformationskampagnen in der deutschen Medienlandschaft gefährden sie auch unsere innere Sicherheit. Außerdem hätten sie mit der „überraschenden“ Einstellung ihrer Gaslieferungen unsere Heizungsprobleme verursacht.


    Für den Mangel an Medikamenten und Mikrochips macht Frau Baerbock vermutlich die Chinesen verantwortlich, weil die völlig willkürlich die Lieferketten unterbrochen hätten. Und eigentlich seien sie auch für die Covid-19-Pandemie verantwortlich zu machen, denn das sie auslösende Virus habe sich schließlich von der chinesischen Stadt Wuhan aus weltweit ausgebreitet.

    Durch die GRÜNE Brille der Frau Baerbock betrachtet, gehören Russland und China eigentlich auch zu den Hauptverursachern der „Klimakrise“, weil sie sich nicht engagiert genug an der Dekarbonisierung der Welt beteiligten.


    Fazit: Die Bundesrepublik braucht eine Nationale Sicherheitsstrategie, weil sie sich gegen Gefahren schützen muss, die im Grund alle von Russland und China ausgehen.

    Wenn wir die ursprüngliche Liste der Frau Baerbock einem der derzeit so beliebten „Faktenchecks“ unterziehen ergibt sich allerdings ein ganz anderes


    Bild:


    Russland sähe sich nur dann gezwungen die Bundesrepublik anzugreifen, wenn die USA und die NATO den „gemeinsamen Feind im Osten“ überfallen würden, weil es dann zum Selbstschutz die vielen Militärbasen der USA und die wichtigen Kommandozentralen der USA und der NATO, die sich in unserem Land befinden (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP20714_291214.pdf ), umgehend ausschalten müsste. Einen solchen solchen Gegenschlag, der vermutlich mit atomar bestückten Hyperschallraketen erfolgen würde, könnte eine wie auch immer ausgerüstete Bundeswehr kaum komplett abwehren (s. https://www.wiwo.de/technologie/forschung/abschuss-von-kinschal-raketen-patriot-system-taugt-nur-bedingt-gegen-putins-hyperschallraketen/29157904.html ). Deshalb darf es keinesfalls dazu kommen.

    Die unbewiesene Behauptung des IPCC, die derzeit zu beobachtende Veränderungen des Weltklimas sei eine „menschengemachte Klimakrise“, wird von zahlreichen renommierten Wissenschaftlern bestritten (s. https://afsaneyebahar.com/2023/05/20/20695506/ ). Wenn diese fachkundigen Kritiker Recht haben, sind alle im Rahmen der „Energiewende“ beschlossenen Gesetze und Maßnahmen obsolet und hinfällig. Dann entfiele auch die in den USA „erfundene“ Geldschneiderei mit CO2-Zertifikaten und CO2–Abgaben (s. https://www.wiwo.de/finanzen/prominente-spekulanten-die-profiteure-im-handel-mit-co2-zertifikaten/5155246.html l ).

    Dass das Covid-19-Virus ein Produkt der US-Biowaffenforschung und die Pandemie eigentlich eine „Plandemie“ war, wird heftig bestritten. Unbestreitbar ist aber, dass die Pharmaindustrie mit ihren kaum wirksamen, aber schlimme Nebenwirkungen verursachenden Corona-Impfstoffen bombastische Profite erzielt hat. (s. dazu auch https://www.spiegel.de/wirtschaft/coronaimpfstoffe-bringen-ueber-jahre-milliardengewinne-ein-a-cc95139f-8f56-4d9a-9ef5-0d272d595e0f ). Dieses Vorgehen möchte sie vermutlich bald wiederholen.


    Bewiesen sind bisher nur die Cyberattacken des US-Abhörgeheimdienste NSA, der sogar das Handy der Frau Merkel überwacht hat (s. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsa-ueberwachung-merkel-steht-seit-2002-auf-us-abhoerliste-a-930193.html ). Nicht nur die Cyberattacken, sondern auch Blockadeaktionen der „Letzten Generation“ könnten ganz schnell beendet werden, wenn die politisch Verantwortlichen endlich einsehen und bekanntmachen würden, dass die Behauptung, es gäbe einen“menschengemachten Klimawandel“, wissenschaftlich nicht mehr zu halten ist.


    Die „Freiheit der deutschen Medienlandschaft“, ist nicht durch „Desinformationskampagnen“ aus dem „feindlichen“ Ausland, sondern durch vorgegebene Narrative, die Vorenthaltung von Informationen, und die Behinderung von kritischen Journalisten und Plattformen bedroht.

    Das „Heizungschaos“ hat die Bundesregierung mit ihrem mehr oder weniger zwangsverordneten Gebäudeenergiegesetz selbst verursacht. Der bisher infamste reale Angriff auf ein für uns besonders wichtiges Infrastruktur-Objekt, die Sprengung der Nord-Stream Pipelines, dürfte auf das Konto der US-Regierung gehen (s. https://afsaneyebahar.com/2023/02/16/20694866/).

    Der Mangel an Medikamenten ist die Folge der chaotischen deutschen Gesundheitspolitik. Der Mangel an chinesischen Mikrochips soll bald behoben sein, denn die US-Firma Intel baut in Magdeburg eine Mikrochip-Fabrik (s. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/intel-staatsmittel-subvention-chip-fabrik-magdeburg-100.html ), die von der Bundesregierung mit dem Rekordbetrag von 10 Milliarden Euro subventioniert wird.


    Diese von der Bundesregierung vorgelegte Nationale Sicherheitsstrategie erhöht nicht die Sicherheit unseres Landes, sie bindet es nur noch stärker in die gegen Russland und China gerichtete Konfrontationspolitik der US-Regierung ein und dient damit vorrangig der Durchsetzung von US-Interessen.


    Eine Bundesregierung, die wirklich etwas für unsere Sicherheit tun will, würde endlich von der vollen Souveränität Gebrauch machen, die das Vereinte Deutschland mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag zurückgewonnen hat (s. dazu unbedingt https://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP07919_080719.pdf ). Sie würde unser Land aus der Umklammerung der USA lösen und dazu den Stationierungsvertrag kündigen und aus der Nato austreten. Wie das geht, ist nachzulesen unter https://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_05/LP01805_010705.pdf und http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP12919_081119.pdf .

    Wer sich schnell eine eigene Meinung über die „Nationale Sicherheitsstrategie für Deutschland“ bilden will, sollte die unter https://www.nationalesicherheitsstrategie.de/Sicherheitsstrategie-Zusammenfassung-DE.pdf aufzurufende Zusammenfassung lesen.




    Info: https://www.freidenker.org/?p=19581


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Helmer: Zelensky bringt die ukrainischen Züge dazu, pünktlich zu fahren  – Gerasimov trifft sie beim Ausladen an der Front

    seniora.org, 26. Juli 2024, Von John Helmer Moskau 24.07.2024 - übernommen von johnhelmer.net


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    Die Verluste der ukrainischen Streitkräfte an der Front haben sich beschleunigt und belaufen sich derzeit auf durchschnittlich fast zweitausend Mann pro Tag, wie das russische Verteidigungsministerium in seinem täglichen Briefing und Bulletin mitteilt. Auch die Beschädigung oder der Verlust von Waffen nimmt rasch zu.

    In der ersten Juliwoche vor einem Jahr lag die durchschnittliche tägliche Zahl der ukrainischen Gefallenen bei 716. Im entsprechenden Zeitraum dieses Monats ist die Zahl der Gefallenen auf durchschnittlich 1.948 angestiegen   – ein Anstieg um fast das Dreifache. In der gleichen Woche des Jahres 2023 wurden 8 Artilleriegeschütze des Typs M777 aus US-Produktion zerstört oder beschädigt; in der ersten Woche dieses Monats lag die Zahl der M777-Verluste bei 17. Diese Verlustraten für Männer und Waffen sind in dieser Woche konstant geblieben.

    Um die Niederlage abzuwenden, müssen die Ukrainer mehr frische Männer und Material zusammenstellen und anliefern. Die Truppen, die Artillerie, die Panzer und andere Fahrzeuge sowie die Munition werden per Zug zu den Bahnhöfen entlang der Frontlinie gebracht. Der russische Generalstab unter der Leitung von General Waleri Gerassimow kennt den genauen Fahrplan dieser Züge und überwacht ihre Abfahrten und ihre Geschwindigkeit während der Fahrt. Anschließend bereiten sie sich auf ihre Ankunft in den Bahnhöfen an der Front vor, wo sie von einer Kombination aus Raketen und Gleitbomben (FAB, Fugasnaya AviaBomba) getroffen werden.

    Dies ist die Realität der russischen Sommeroffensive und der ukrainischen Gegenoffensive ohne den politischen Hype und die Propaganda.

    In der ukrainischen Version des Zugkriegs leistet das Regime von Wladimir Zelenski (Hauptbild, links) wirksamen Widerstand und erhöht die Frachttonnage, die die ukrainischen Eisenbahnen oder Ukrzaliznytsia (UZ) an die westlichen und südlichen Grenzen des Landes oder hin und wieder zurück schicken können. Die UZ nennt dies „gewinnen, indem man nicht verliert“. Für die polnischen und rumänischen Häfen ist der Kriegsgewinn profitabel, für die Straßenbetreiber und Lkw-Fahrer jedoch nicht.

    KARTE DER UKRAINISCHEN EISENBAHNLINIEN (2014)

    Eisenbahn.png

    hier klicken für eine Vergrösserung

    Farbschlüssel: Grau=nichtelektrifizierte Leitung; grün=Elektrifizierung mit Wechselstrom von 25kV; blau=Elektrifizierung mit 3kV Gleichstrom; gestrichelt=die Staatsgrenze

    Das ukrainische Beratungsunternehmen GMK Center und sein Direktor Stanislas Zimchenko berichteten Anfang des Monats, dass Rumänien, gefolgt von Polen, das wichtigste Tor für den Eisenbahngüterverkehr in und aus der Ukraine ist. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden 9,3 Millionen Tonnen über Rumänien, 6 Millionen Tonnen über Polen, 4,2 Millionen Tonnen über die Slowakei, 1,1 Millionen Tonnen über Ungarn und 0,5 Millionen Tonnen über Moldawien befördert. Aus dem GMK-Bericht geht nicht hervor, ob diese Tonnagen militärische Ladungen enthalten und ob militärische Ladungen als zivile Ladungen getarnt werden.

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    Quelle:  https://gmk.center

    GMK berichtet über ein stetiges Wachstum des Schienengüterverkehrs durch Polen. "Es gibt sechs Eisenbahngrenzübergänge zwischen der Ukraine und Polen, aber nur vier sind in Betrieb. Sie sind zu 40-60% ausgelastet." Nichtsdestotrotz steigt das Volumen der auf der Schiene über diese Eisenbahnknotenpunkte an der Grenze beförderten Güter erheblich. "Im Jahr 2022 wurden 16,9 Mio. Tonnen Güter über die Eisenbahngrenzübergänge zwischen der Ukraine und Polen befördert. Das sind 36,7 % mehr als im Jahr 2021. Von Januar bis April 2024 wurden 7,43 Mio. Tonnen Güter per Bahn nach Polen transportiert, das sind 28% mehr als im gleichen Zeitraum 2023."

    Laut GMK ist geplant, dass die Ukraine die Zahl der Eisenbahngrenzübergänge zu Polen um drei erhöht: Khyriv-Starzhava-Staatsgrenze; Rava Ruska-Grebenne; Khyriv-Nyzhankovichi-Staatsgrenze. UZ gibt an, fast 70 km Gleise repariert und 10 Brücken an den Zufahrten zu diesen Punkten erneuert zu haben.

    Parallel dazu nimmt nach Angaben der GMK der Straßenverkehr mit Pkw und Lkw stetig zu. Da der Straßenverkehr auf teures Benzin und Diesel angewiesen ist, während die ukrainischen Züge mit relativ billigem Strom betrieben werden, und da Züge pro Energieeinheit weitaus mehr Tonnage transportieren können als Lastwagen, ist die Eisenbahn das bevorzugte Transportmittel und somit ein strategisches Ziel des Krieges.

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    Quelle: https://gmk.center

    Es ist daher paradox, dass der russische Generalstab relativ wenig Anstrengungen unternommen hat, um die Grenzübergänge auf der Schiene oder der Straße anzugreifen oder den Güter- oder Personenverkehr über diese Übergänge einzuschränken, egal ob militärisch oder zivil. Der wirtschaftliche Nutzen für die polnischen Häfen Gdansk, Gdynia und Szczecin-Swinoujście und für den rumänischen Hafen Constanta wird von der GMK dokumentiert, die behauptet, dass es milliardenschwere Investitionspläne für eine beträchtliche Erweiterung der bestehenden Hafenkapazitäten für die Zukunft gibt.

    Dies lässt darauf schließen, dass die Polen und Rumänen ebenso wie die Ukrainer darauf vertrauen, dass die russischen Kriegsziele die Zukunft des grenzüberschreitenden Schienen‑, Straßen- und Hafenverkehrs nicht gefährden.

    Auf russischer Seite kam eine am 24. November 2022 veröffentlichte detaillierte Bewertung der ersten neun Monate der militärischen Sonderoperation durch Alexej Sotschnew und seine Bahnquellen zu dem Schluss, dass es rasche Anpassungen der russischen Angriffstaktik und der ukrainischen Verteidigung gegeben hat.

    "Die ukrainischen Eisenbahnen hatten in den ersten zwei Monaten des Betriebs große Probleme, weil alles ins Netz gelangte. Es gab eine Menge Videos, sowohl von der Ausrüstung als auch von den Ergebnissen der Angriffe auf die Traktionsstationen. Die Videos wurden sofort von den Geheimdiensten analysiert, und es wurden Anschläge auf die Schwachstellen verübt. Die ukrainischen Sicherheitskräfte kamen rechtzeitig dahinter, und um die Mitte des 9. April 2022 wurde ein striktes Verbot des Filmens von Zügen und Schäden an der Eisenbahn verhängt.

    Im April und Mai [2022] gab es Raketenangriffe auf Traktionsunterwerke, und die Ukrainer waren gezwungen, die Züge in mehrere Teile aufzuteilen und die Traktion auf Diesellokomotiven zu übertragen. Das ist eine große Zeitverschwendung. Jetzt ist alles geheim und nichts ist sichtbar. Man kann sich nur noch mit indirekten Daten orientieren. Auch im Mai und Juni wurden einmalige Anschläge verzeichnet. Aber wenn wir rein technisch sprechen, dann sind nur massive systemische Angriffe auf verwundbare Punkte sinnvoll. Einmalige Anschläge werden die Logistik nicht verlangsamen, da die Eisenbahn als ein einziger Organismus sehr gut an Kriegszeiten angepasst ist. Sowohl die Ukrzaliznytsia als auch die Russischen Eisenbahnen   – Teile des einst legendären Eisenbahnministeriums der UdSSR   – haben strenge Normen für sie festgelegt: häufige Bergungszüge (alle 120 km), doppelte Strecken, Schienenvorräte entlang des Gleisbettes. So wird die Bahn sehr schnell regeneriert."

    KARTE DER ZIELE AUF DEN SCHIENENVERKEHR, DIE VON DEN ERSTEN RUSSISCHEN ANGRIFFEN AM 23. UND 25. APRIL 2022 GETROFFEN WURDEN

    Helmer_1.png

    Quelle: https://rtvi.com/

    "Am 23. und 25. April gab es systematische Angriffe auf Unterwerke in der West- und Zentralukraine, auf dem Abschnitt von Kiew nach Lemberg. Die Unterwerke wurden stromlos gemacht und die elektrischen Lokomotiven angehalten. Sie waren gezwungen, Diesellokomotiven von anderen Punkten aus zu bewegen. Da aber eine Diesellokomotive nicht den gleichen schweren Zug wie eine Elektrolokomotive ziehen kann, mussten die Züge getrennt und aufgelöst oder in Teile geteilt werden. Die Ukraine war darauf nicht vorbereitet, und so führten die Anschläge zu einer Unterbrechung der Verkehrsverbindungen für etwa 10 Tage. Aus der Sicht des russischen Militärs würde ich dieses Experiment als erfolgreich einstufen, aber es ist nicht wieder vorgekommen."

    Sotschnew wies damals Forderungen russischer Militärblogger nach Luftangriffen auf die Eisenbahnknotenpunkte zurück, an denen die Umladung der Waggons und ihrer Ladungen von der breiten sowjetischen Spurweite (1.520 mm) auf die schmalere europäische Spurweite (1.000 mm) stattfand. "Das ist absoluter Unsinn. Die Leute wissen nicht, dass die Ukraine keine Radsätze umstellen muss, um militärische Ausrüstung aus Polen zu holen. Zu Zeiten der Sowjetunion und des RGW wurden von der Sowjetukraine und von Weißrussland aus viele Zugangspunkte zu Polen mit unserer Breitspur gebaut. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Es gibt sogar drei elektrifizierte und eine mit Diesellokomotiven betriebene Zugangsstellen aus der Ukraine. Der Zug fährt in Polen ein und lädt in einer ungestörten Atmosphäre alles auf, was die Amerikaner oder die Briten zum Flugplatz Rzeszow geschickt haben, dem wichtigen Luftverkehrsknotenpunkt in der Nähe der Grenze und vom Übungsplatz Jaworiw in der Region Lemberg. Darüber hinaus wird alles gebrauchte sowjetische Militärgerät, das aus Osteuropa kommt, mit der gleichen Eisenbahn durch Polen transportiert. Sie werden auf Züge verladen   – und in die Frontzone gebracht!"

    Sochnev berichtet, dass vor dem Beginn des Krieges im Donbass im Jahr 2014 „die Gesamtlänge der ukrainischen Eisenbahnlinien etwa 22.500 km betrug, und jetzt [November 2022] hat sich dies aufgrund der geopolitischen Veränderungen auf 19.800 km reduziert. Außerdem sind 45 % der Strecken elektrifiziert und stellen leistungsfähige Güter- und Personenverkehrspassagen dar. Insbesondere ist im mittleren Teil der Ukraine ein umfangreicher Knotenpunkt (Полигон) entstanden. Zwischen Lemberg, Charkow, Odessa und Kiew wird ein intensiver Güterverkehr abgewickelt, der das eigentliche Rückgrat des Ukrzaliznytsia-Netzes bildet. Und im östlichen, industriellen Teil (insbesondere im Donbass) gibt es eine Konzentration von Strecken. Das ist historisch bedingt, weil es dort eine Schwerindustrie gab.

    "Die verbleibenden 55% der Strecken sind für Diesellokomotiven. Sie konzentrieren sich in der südlichen Steppenzone zwischen Odessa und der Krim, in Wolhynien, in der Bukowina (Czernowitz) und Tawrien sowie an den nördlichen Grenzen   – in der nördlichen Sloboschanschtschina und im südlichen Polesien (Sumy, Tschernigow, Nischin, Korosten). Zu Beginn des Sondereinsatzes verfügte die Ukraine über 1.720 elektrische Streckenlokomotiven, etwa 700 Streckendiesellokomotiven, von denen nur 250 betriebsfähig, aber bereits stark abgenutzt waren. Und etwa 1.200 Rangierlokomotiven, die im Prinzip auch für kleine Züge eingesetzt werden können. Der Ukrzaliznytsia-Park ist sehr alt   – die Hälfte davon wurde vor 1970 produziert, ist also über 50 Jahre alt. Es gibt sogar VL8-Elektrolokomotiven im Bestand, die 65 Jahre alt sind. In Russland wurden sie vor 30-35 Jahren ausgemustert."

    Lok.png

    Die Vladimir Lenin (VL8) Lokomotive.

    Eine zweite Runde von Anschlägen auf Züge folgte auf den Beginn des Stromkriegs im Oktober 2022. „Nach dem Sabotageakt auf der Krimbrücke [8. Oktober 2022] begannen am 10. Oktober massive Angriffe auf den ukrainischen Energiesektor. In den ersten 7-8 Tagen hatte dies keine Auswirkungen auf den Bahnbetrieb, da es eine Reserve an installierter Kapazität gab. Sie waren in der Lage, den Energiefluss zu organisieren. Das einheitliche sowjetische Energieversorgungssystem machte dies möglich. Da die Anschläge jedoch systematisch waren und drei Wochen andauerten, wurden ab dem 17. Oktober Teile der Eisenbahn stromlos, elektrische Lokomotiven blieben stehen, die Züge hatten Verspätung. Es wurde wieder auf Diesellokomotiven umgestellt. Als die Anschläge aufhörten, hatten die Reparaturmannschaften eine Woche oder zehn Tage Zeit, um die Kapazitätsreserven wiederherzustellen."

    In seiner Analyse dieser zweiten Runde des Zugkriegs kam Sochnev zu dem Schluss, dass die vom Kreml angeordneten einmaligen Vergeltungsmaßnahmen zwangsläufig fehlschlagen mussten, um eine dauerhafte Wirkung zu erzielen. Sochnev und seine Quellen kamen auch zu dem Schluss, dass gezielte Angriffe auf die Züge selbst oder die Gleise zu ineffektiv und zu kostspielig waren. "Die Lokomotive selbst ist ein singuläres Ziel, es ist leicht, sie zu ersetzen. Auch hier gibt es ein Problem: Wenn man die Lokomotivdepots und die Reparaturinfrastruktur nicht angreift, kann das alles schnell wieder regeneriert werden. Wenn man eine einzelne Lokomotive außer Gefecht setzt, wird sie ins Depot gefahren, in den Werkstätten repariert, und es geht weiter. Die Depots in der Ukraine sind meist sehr groß und schwer. Dort befinden sich Dutzende von Lokomotiven, die repariert werden, stillstehen oder bereit zum Abfahren sind   – und so wären die Folgen eines Angriffs anders als bei Anschlägen auf eine einzelneStrecke oder eine einzelne Lokomotive. Es gibt verwundbare Stellen in den Depots, aber während dieses Konflikts wurde das Depot nie getroffen. Ich vermute, dass dies eine rein politische Entscheidung ist."

    Dieser letzte Satz, der am Ende der ersten neun Monate der BBS veröffentlicht wurde, hat sich in den Militärblogs wiederholt. Er steht für den operativen Konflikt zwischen dem Generalstab und dem Kreml. Er bedeutet nicht, dass das ukrainische Regime und seine amerikanischen und europäischen Verbündeten in der Lage waren, sich erfolgreich zu verteidigen.

    In ihrer Antwort auf den Stromkrieg behauptet die UZ-Leitung, dass, wenn Stromausfälle einen Großteil des elektrischen Zugbetriebs lahmlegen, Diesellokomotiven als Ersatz dienen werden. „Nein, absolut nicht“, antwortete Sochnev. "Sie setzen Diesellokomotiven nur in extremen Fällen ein. Ich wiederhole, sie haben nur wenige einsatzfähige Lokomotiven. Das ist ein großes Problem, das sie schon vor dem Konflikt hatten, und niemand hat es gelöst. Jetzt hat es sich verschärft. Die Norm für die Zugleistung einer Elektrolokomotive liegt bei 70-75 Güterwagen. Ein Teil des Problems wird dadurch gelöst, dass die Logistik von Diesellokomotiven mit geringer Leistung, die 20 Waggons ziehen können, manipuliert wird. Eine einsatzfähige Strecken-Diesellokomotive kann etwa 50 Waggons ziehen."

    "Nehmen wir an, dass das gesamte Energiesystem stromlos wird, dann können sie sich durch den Einsatz von Diesellokomotiven innerhalb eines Monats einigermaßen aus der Misere befreien. Aber der Rest des Fuhrparks wird bereits verschlissen sein. Die Ukraine wird auf Rangierlokomotiven umsteigen, die Güter in kleinen Portionen transportieren werden. Die Lieferungen aus dem Westen werden drei- bis viermal langsamer sein, und die Arbeitskosten werden wesentlich höher sein. Es ist also unmöglich, Elektrolokomotiven vollständig zu ersetzen."

    Da der russische Luftangriff auf die Treibstoffvorräte zeitgleich mit dem Krieg gegen die Elektrizität stattfand, würde die Umstellung von Elektro- auf Diesellokomotiven nach besten Schätzungen russischer Eisenbahnexperten nicht länger als einen Monat dauern, bevor es zu einem systemweiten Zusammenbruch kommen würde. Die Ersetzung der ukrainischen Diesellokomotiven aus der Sowjetzeit durch europäisches Material, das auf die Breitspur umgerüstet wurde, wäre „langwierig und schwierig“, so die Schlussfolgerung von Sotschnew und seinen Quellen.

    Warum können russische Drohnen nicht die Eisenbahn ausschalten, indem sie die Gleise bombardieren? „Das ist eine ziemlich dilettantische Meinung“, sagte Sotschnew. "Tatsache ist, dass, wenn irgendwo in der Mitte zwischen den Bahnhöfen, d.h. dort, wo die Gleise verlaufen   – auch wenn es sich um ein Doppelgleis handelt, und auch wenn es elektrifiziert ist und es Kontaktmasten gibt   – die von der Explosion betroffene Strecke in etwa zwei bis drei Stunden wiederhergestellt werden kann... Selbst im Großen Vaterländischen Krieg, wenn die Partisanen einen Abschnitt der Bahnlinie untergraben haben, kam ein Bergungszug, und in ein paar Stunden war alles wiederhergestellt. Wenn die Bahnhöfe, nicht die Gleise, getroffen werden, ist es schwieriger, sie wiederherzustellen   – die Reparaturen müssen eineinhalb bis zwei Tage lang dauern."

    Sotschnew warf erneut die politische Frage auf: „Warum sie nicht zuschlagen, ist eine Frage für die Militärs: Sie gehen natürlich von der Verfügbarkeit ihrer Waffen und von Leistungskriterien aus. Offensichtlich werden andere Ziele als vorrangig angesehen."

    Für andere Ziele, lesen Sie den Kreml. Das war Ende November 2022, also vor zwanzig Monaten.

    Seit April dieses Jahres und auch noch in diesem Monat hat der Generalstab nach Berichten von der Front damit begonnen, Bahnhöfe, Frachtlager und Ladeknotenpunkte sowie die zur Aufrechterhaltung der Bewegung erforderliche Infrastruktur   – Elektrifizierung, Brücken, Treibstofftanks   – mit den schwersten aus der Luft abgeworfenen Gleitbomben zu bombardieren. Dazu gehören die Stadt und Region Charkow sowie die Regionen Tschernigow, Sumy und Poltawa.

    Die Karte verdeutlicht, dass diese Ziele westlich der aktuellen Kämpfe entlang der Kontaktlinie liegen, aber als logistische Konzentrationen für die Fortsetzung des Kampfes mit neuen Truppen, Waffen und Munition sowie für die Evakuierung beschädigter Maschinen zur Reparatur und für die Versorgung von Verletzten von entscheidender Bedeutung sind. Von hier aus werden auch die ukrainischen Einheiten versorgt, die Drohnen, Raketen und Flugkörper auf die Regionen Belgorod und Kursk abfeuern.

    ROT MARKIERTE STELLEN   – ELEKTRO-KRIEG, EISENBAHN-KRIEG, ZIELE,
    24. JULI 2024

    Rot.png

    Quelle: https://www.rbc.ru/

    Nach einem neuen Bericht des halbamtlichen Mediums Vzglyad über den Stromkrieg, der am 23. Juli veröffentlicht wurde, sind der Zeitpunkt und die Zielsetzung eine Entscheidung des Kremls. "Es wird wirklich schwierig sein, den Winter in einer solchen Situation [Stromdefizit] zu verbringen. Beim derzeitigen Zustand ihrer Energieanlagen hat die Ukraine noch nicht mit der neuen Wintersaison begonnen. In diesem [vergangenen] Winter war die Situation in der Ukraine anders. Eine neue Welle von Angriffen auf ukrainische Energieanlagen begann genau nach dem 1. April 2024, als die Heizperiode endete. Wahrscheinlich war dies eine politische Entscheidung der russischen Führung, damit die Menschen in der Ukraine nicht unter der Kälte leiden.“

    „Es ist schade, dass wir uns im dritten Jahr der SVO befinden, aber besser spät als nie“, kommentierte Zargrad, die Moskauer Online-Fernseh- und Internetplattform, am 27. April dieses Jahres. „In den beiden vorangegangenen Jahren waren die massiven Schläge bis zu einem gewissen Grad auf eine eher psychologische Wirkung ausgerichtet“, schrieb Wadim Jegorow. "Aber jetzt werden sie zielgerichtet und fast täglich eingesetzt. Soweit ich weiß, sind das nur die Blüten, die Beeren werden später kommen. So arbeitet die Luftwaffe in einer operativen und taktischen Tiefe von 50-70 Kilometern. Und die Raketentruppen befinden sich bereits in einer Tiefe von mehreren hundert Kilometern, wo die Ukrainer versuchen, ihr Material zu konzentrieren, zu sammeln, zu parken und zu verbergen. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass niemand die Ziele der Befreiung des Donbass und der Schaffung einer Pufferzone entlang unserer Grenzen aufgegeben hat. Die Frage ist nur, wie breit diese Zone sein wird... Wie [der Sprecher des Präsidenten Dmitri] Peskow sagte, sollte die Zone umso tiefer sein, je größer die Reichweite der feindlichen Raketen ist. Und im Moment sind es 300 Kilometer, aber wenn die ukrainischen Streitkräfte etwas Neues entwickeln, das eine größere Reichweite hat, dann wird die Zone noch tiefer sein."

    "Ich möchte glauben, dass der Slogan ‚Wir haben noch gar nicht richtig angefangen‘ der Vergangenheit angehört. Denn es war wirklich notwendig, im Jahr 2022 anzufangen. Jetzt ist dieser Zeitpunkt endlich gekommen."

    Eine Quelle von US-Militäringenieuren bestätigt die Änderung der russischen Taktik für den Eisenbahn-Krieg. "Wir wussten im letzten Herbst, dass der Einsatz westlicher Panzer [deutsche Leopards, US Abrams, französische AMX] auf dem ukrainischen Schlachtfeld kein taktischer, geschweige denn operativer Coup war. Dennoch hat das Army Materiel Command die teure und letztlich sinnlose logistische Übung unternommen, 31 Abrams-Panzer ins Feld zu schicken, damit die Russen ihr Zielen üben können. Nach all dem wurden die Panzer, was von ihnen übrig ist, aus dem Feld in Depots zurückgezogen, wo sie vermutlich auch getroffen wurden. Der Generalstab weiß, dass jemand mehr Geld als Verstand hat. Sie wissen auch, dass es eine Grenze [für den Nachschub] gibt."

    Bild.png

    Quelle: https://www.npr.org

    "Die Züge und die Ausrüstung näher an der Frontlinie anzugreifen, macht in gewisser Weise Sinn. Die Kampfmittel dafür   – Gleitbomben   – sind billiger, reichlich vorhanden und sehr wirksam. Das Ergebnis ist die Zerstörung von Ausrüstung und rollendem Material; letzteres dürfte schwer zu ersetzen sein. Aus allen Berichten, die wir in letzter Zeit gelesen haben, geht hervor, dass der Befehl des Generalstabs lautet, die Züge an ihren frontnahen Bestimmungsorten abzuwarten, um dort Geschütze und Material zu entladen und zu lagern, und die Truppen auf Rotation an die Front zu schicken. Diese Knotenpunkte und Bestände werden dann hart getroffen.“

    __________________

    HINWEIS: Das Original des Aufmacherbildes zeigte Mussolini auf dem Bahnsteig, als die deutschen Truppen in Italien einrollten. Die Karikatur stammt von Herbert Block (Herblock) und wurde erstmals am 8. März 1941 veröffentlicht.

    Quelle: https://johnhelmer.net/zelensky-gets-the-ukrainian-trains-to-run-on-time-gerasimov-strikes-them-as-they-unload-at-the-front/#more-90193
    Die Übersetzung besorgte Andreas Mylaeus


    Info: https://seniora.org/index.php?option=com_acymailing&ctrl=url&subid=3998&urlid=6078&mailid=2283


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    EU ....

    aus e-mail von Doris Pumphrey, 26. Juli 2024, 13:38 Uhr


    *Lawrow: EU macht aus Orbán einen Paria, weil er Frieden will


    *Bei einer Pressekonferenz am Dienstag betonte Russlands Außenminister

    Sergei Lawrow, dass er prinzipiell die Regierungen gewisser Länder

    meint, wenn von "unfreundlichen Staaten" die Rede ist.


    Die Bevölkerung dieser Länder klammere er bewusst aus, aber bei den

    Regierungen müsse man sogar von Feinden sprechen. Das zeige sich auch im

    Verhalten gegenüber Orbán, dessen Friedensinitiative enorme Anfeindungen

    seitens anderer EU-Staaten und der EU-Institutionen nach sich zog. Man

    wolle aus ihm einen Paria machen, so Lawrow.


    Der Westen hat sich durch die Geschichte hindurch damit hervorgetan, die

    Souveränität anderer Staaten zu missachten, so Lawrow, und das bekommen

    mittlerweile selbst westliche Staaten wie zum Beispiel Deutschland zu

    spüren, das stillschweigend einen der größten Terroranschläge der

    Geschichte hingenommen hat – die Sprengung von Nord Stream.

    /Siehe kurzes Video mit deutschen Untertiteln:

    /https://odysee.com/@RTDE:e/Lawrow--EU-macht-aus-Orb%C3%A1n-einen-Paria,-weil-er-Frieden-will:4



    _RT DE 25.7.2024


    _*EU lehnt Konsultationen mit Kiew über gestoppten Öltransit nach Ungarn

    und in die Slowakei ab


    *Versuche Ungarns und der Slowakei, Konsultationen über die Einstellung

    des Öltransits durch die Ukraine einzuleiten, sind am Mittwoch abgelehnt

    worden. Wie der EU-Kommissar für Handel Valdis Dombrovskis gegenüber der

    Zeitung /Financial Times/ mitteilte, brauche Brüssel mehr Zeit, um

    Informationen zu sammeln und die rechtliche Situation zu bewerten.


    Nach Angaben von /FT/ hätten elf Staaten Dombrovskis Haltung bei einem

    Treffen der Handelsbeauftragten der EU-Länder am Mittwoch unterstützt,

    während niemand sich für Ungarn und die Slowakei eingesetzt habe. Ein

    Vertreter habe darauf hingewiesen, dass das Handelsabkommen mit der

    Ukraine eine Sicherheitsklause enthalte, die einen Lieferstopp erlaube.


    Russisches Öl macht bis zu 40 Prozent des an der einzigen Raffinerie der

    Slowakei verarbeiteten Rohstoffes aus. Produkte dieser Raffinerie werden

    in mehrere Länder in Zentraleuropa und in die Ukraine exportiert. Falls

    die Ölimporte aus Russland in die Slowakei ausfielen, würden die

    Auswirkungen enorm sein, betonte ein EU-Diplomat gegenüber /FT/.


    Der slowakische Präsident Peter Pellegrini erklärte, er sei zu einer

    Reaktion gezwungen, falls die Ukraine ihre Position bezüglich der

    Öllieferungen nicht ändere. Er erinnerte zudem, dass Bratislava der

    Ukraine mit Gas- und Stromversorgung Beistand geleistet habe. Darüber

    hinaus warnte Pellegrini, dass die Slowakei als souveräner Staat

    letztendlich Gegenmaßnahmen würde ergreifen müssen.


    Ungarn und die Slowakei waren von dem EU-weiten Verbot von Einfuhren

    russischen Öls ausgeschlossen worden. Ende Juni stellte die Ukraine die

    Lieferungen über die Druschba-Pipeline ein. Dies könnte mit den

    ukrainischen Sanktionen gegen das russische Energieunternehmen Lukoil in

    Verbindung stehen. Am vergangenen Montag riefen Budapest und Bratislava

    zu Konsultationen über die Lieferblockade unter Vermittlung der

    Europäischen Kommission auf.



    https://lostineu.eu/kallas-vermaechtnis-russisch-wird-diskriminiert/

    25.7.2024


    *Kallas’ Vermächtnis: Russisch wird diskriminiert


    Sie soll die nächste EU-Außenbeauftragte werden.

    Nun hat K. Kallas ihren Job in Estland aufgegeben – und ein denkwürdiges

    Vermächtnis hinterlassen.*


    Noch unter Kallas’ Ägide hat Estland Ende 2022 einen Übergang zu

    Estnisch als alleiniger Unterrichtssprache an den Schulen beschlossen,

    der mit dem neuen Schuljahr 2024/25 beginnen soll. Ihr Nachfolger

    Kristen Michal macht nun Nägel mit Köpfen: Russisch wird diskriminiert

    und aus dem Unterricht verbannt. Dies geht aus einem nun bekannt

    gewordenen Gesetzentwurf hervor.

    Demnach müssen Lehrer künftig die Landessprache Estnisch mindestens auf

    dem Niveau C1 (Fachkundige Sprachkenntnisse) beherrschen. Gleiches gilt

    für die Leitungen von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Für

    Aushilfslehrkräfte wie auch in Kindergärten wird Estnisch auf Niveau B2

    (Selbstständige Sprachverwendung) verpflichtend.


    Von den 1,2 Millionen Einwohnern in Estland ist gut ein Viertel

    russisch. Sie müssen dann sehen, wie sie durchkommen. Offizielle

    Begründung: Russisch sei ein Sicherheitsrisiko. Und das nennt sich dann

    “liberale” Politik…


    P.S. Laut Europäischer Menschenrechtskonvention ist Estland übrigens an

    das Diskriminierungsverbot

    <https://www.menschenrechtskonvention.eu/diskriminierungsverbot-9298/>gebunden.

    Dazu gehört auch der Schutz der Sprache!


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Oberster NATO-General macht sich Sorgen: "Russland ist sehr, sehr sauer"

      freedert.online, vom 25 Juli 2024 20:13 Uhr

      Trotz jüngster Meldungen über mögliche Verhandlungen ist ein Ende des Ukraine-Konfliktes nicht in Sicht. Die US-amerikanische Denkfabrik Aspen Institute veranstaltete zuletzt ein Forum zu diesem Thema. Der ranghöchste US-General in Europa schilderte dabei seine Befürchtungen über die Zeit nach dem Ukraine-Krieg.


      Quelle: RT


      Es zeichne sich ein "sehr großes Russland-Problem" ab, da man in Moskau "sehr, sehr sauer" sei, so der Leiter des US-Europakommandos, Christopher Cavoli.


      Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

    Info: https://freedert.online/kurzclips/video/213591-oberster-nato-general-macht-sich


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Liberaler “Meltdown”: Macron legt die Demokratie auf Eis

    lostineu.eu, 26. Juli 2024

    Kurz vor dem Start von Olympia in Paris hat Präsident Macron entschieden: Die Parlamentswahl, die er selbst ausgerufen hat, hatte keine Sieger. Eine neue Regierung soll es vorerst auch nicht geben.

    Es ist ein demokratischer Skandal: Macron weigert sich, die Kandidatin der vereinten Linken, die Pariser Beamtin Lucie Castets, zur Premierministerin zu ernennen oder auch nur zu empfangen.

    Dabei hat die neue linke “Volksfront” die Parlamentswahl im Juli gewonnen. Sie verfügt zwar nicht über eine absolute Mehrheit. Doch in Demokratien ist es üblich, die stärkste Kraft mit der Regierungsbildung zu beauftragen.

    So war es z.B. in der EU, wo die Partei von Kommissionspräsidentin von der Leyen auf weniger als 30 Prozent der Stimmen kam – ähnlich wie jetzt die Linke in Frankreich. Dennoch wurde sie zur Wahlsiegerin erklärt.

    Nicht so in der “präsidentiellen Monarchie” Frankreich. Bei der Wahl habe es keine Sieger gegeben, meint Macron. Und wegen Olympia werde er bis Mitte August keine neue Regierung ernennen. Damit legt er die Demokratie auf Eis.

    Dabei erfüllt Castets alle Bedingungen für eine “Technokraten-Regierung”, wie sie bei einem parlamentarischen Patt gern einberufen wird: Sie ist Direktorin für Finanzen und Einkauf im Pariser Rathaus und parteipolitisch nicht gebunden.

    Die Kandidatin würde gerne loslegen, und zwar sofort: “Ich bin bereit und bitte den Präsidenten, sich verantwortlich zu zeigen und mich zur Premierministerin zu ernennen”, sagte die 37-jährige Finanzexpertin.

    Doch ohne Macron geht nichts. Und der würde lieber mit den rechten “Republikanern” regieren – doch die lehnen eine Koalition mit seinen Liberalen ab. Eine Mehrheit der Franzosen lehnt wohl auch Castets ab.

    Also geht der “Meltdown” der liberalen Demokratie in Frankreich weiter. Analysten sprechen von einer Krise der Institutionen – wenn sie nicht schnell gelöst wird, drohe eine Regimekrise…

    12 Comments

    1. Michael Conrad
      26. Juli 2024 @ 15:20

      Die taktischen Wahlen, d.h. es wird von bürgerlichen und linken Wählern immer derjenige Wahlkreiskandidat gewählt, der die größten Chancen gegen den RN Kandidaten hat, werden bei den kommenden Präsidentschaftswahlen dann wahrscheinlich nicht mehr funktionieren.
      Die linken Wähler werden wissen, dass sie nach Wahl eines bürgerlichen Präsidenten über den Tisch gezogen werden und die bürgerlichen Wähler werden einen linken Präsidenten sowieso nicht wählen.
      Aber Macron kann dann sowieso nicht mehr antreten und Le Pen muss eigentlich nur abwarten.

    Reply

  • Michael Conrad
    26. Juli 2024 @ 14:15

    “ L’etat c’est moi” denkt sich Macron und was jetzt zählt sind “Panem et circensis”.
    Nach den Olympischen Spielen kann man den Pöbel ja vielleicht mit einer kleinen Truppen Entsendung in die Ukraine ablenken.
    Aber vielleicht schwingt sich Melonchon ja noch zum Danton auf.

    Reply

    • exKK
      26. Juli 2024 @ 16:26

      Wenn er so weitermacht mit der Macht, dann braucht Macron die Truppen wohl eher daheim ????

      Reply

  • Monika
    26. Juli 2024 @ 14:03

    …aussucht wer kommen darf …

    So schade, dass wir durch unser “raffiniertes” Parteien- und Wahlsystem schon lange nicht mehr wählen können, wer an der Regierung bleiben darf….

    Reply

  • Monika
    26. Juli 2024 @ 12:17

    Wir sehen die Zustände/Phänomene ja nicht nur in “demokratisch angelegten” Staaten, sondern in voller Ausprägung auch in autoritativ “gemanageten” Staaten mit korrupten Finanz-Eliten.
    Die logische Folgerung, vor der aber alle geflissentlich die Augen verschließen, ist, dass die “Demokratie als Herrschaftsform” von der libertären Finanz-Elite längst gekapert wurde, und nur noch als Fassade existiert. Sozusagen als Feindbildgarant, denn irgendwie müssen sich doch “Die Guten” vom “Feind” unterscheiden lassen, ansonsten würden sämtliche machterhaltenden Narrative in sich zusammenfallen.
    Lieber Thomas Damrau, alle ihre klug analysierten Phänomene stützen genau diese These.
    Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Unser BMI beobachtet z.B. die Zeitung Junge Welt mit der entwaffnenden Begründung, deren marxistischer Analyseansatz würde der grundgesetzlich umrissenen Vorstellung von “Staat” zuwiderlaufen und wäre deshalb demokratiefeindlich und damit zu Recht ein Fall für Verfassungsschutz und Co.
    Das Wort Klassengesellschaft, Arbeiterklasse, oder Klasse der vom Kapital bis zur Totalverarmung Benachteiligten ist strikt zu unterbinden, die Masse soll sich weiter individualisiert wähnen, obwohl sie eben kollektiv abgezogen wird.
    Kollektiviert euch! Müsste die Parole lauten….Das nämlich ist die Urangst dieser blutsaugenden “Elite”.

    Reply

    • exKK
      26. Juli 2024 @ 14:44

      Laut Wikipedia (ja, ich weiss ;-)) ist eine der vier essenziellen Bedingungen für eine stabile Demokratie “eine plurale Gesellschaft ohne dirigistische staatliche Eingriffe mit breiter Streuung der verschiedenen Machtressourcen” – es ist zu konstatieren, dass die dirigistischen staatlichen Eingriffe in den letzten Jahren rasant zugenommen haben, insb. was die politische Willensbildung betrifft.

      Im Gegensatz zu den staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft und Kapitalströme, da wurde und wird weiter fleissig abgebaut. Auch die Regulation der grossen (US-) IT-Konzerne dient im Kern vorwiegend der Meinungsmanipulation auf deren Plattformen und weniger der offenbar nur vorgeschobenen wirtschaftlichen Regulierung (siehe den aktuellen Fall um X/Elon Musk).

      Reply

  • Thomas Damrau
    26. Juli 2024 @ 08:39

    Der „Liberale Meltdown“ ist nicht auf einige Länder beschränkt.

    Wir sehen in vielen demokratische angelegten Ländern (den meisten?) ähnliche Phänomene:
    1) Eine wachsende Angst innerhalb der Bevölkerung vor der geplanten Transformation zu besserem Umwelt- und Klimaschutz, vor Einwanderung und vor einem zu erwartenden Wohlstandsverlust ( https://redfirefrog.wordpress.com/2024/01/15/warum-wahlen-die-schafe-den-metzger-zum-burgermeister-1-anamnese/ ).
    2) Eine Wirtschaftspolitik, die weiterhin in Wirtschaftswachstum und im technischen Fortschritt die Antwort auf alle Probleme sieht und daher
    — nötige Entscheidungen in der Hoffnung auf den nächsten Technologie-Schub und die Wunderkräfte des Marktes immer wieder aufschiebt ( https://redfirefrog.wordpress.com/2024/06/28/die-technologie-bleibt-offen/ )
    — die eigenen Klimaziele sabotiert
    — auf der Suche nach Rohstoffen die eigenen hohen moralischen Ansprüche unterläuft
    — auf der Suche nach günstigen Arbeitskräften eine Unterscheidung zwischen guter und schlechter Migration konstruiert.
    3) Eine Fiskalpolitik, die Vermögen schonen und der als Wahl-entscheidend eingeschätzten Mittelklasse immer mal wieder ein Leckerli zukommen lassen möchte. Da gleichzeitig die Null-Schulden-Fahne hochgehalten wird (und neuerdings auch auf-Teufel-komm-raus aufgerüstet werden soll), fehlt Geld an allen Ecken und Enden.
    4) Eine traditionelle politische Kaste ( https://redfirefrog.wordpress.com/2024/03/02/das-glaubensbekenntnis-der-radikalen-mitte/ ), die nach der Parole „Augen zu und durch“ hofft, sich durch den Problemberg tunneln zu können (das funktioniert aber nur in der Quantenphysik, https://de.wikipedia.org/wiki/Tunneleffekt )
    5) Eine politische Linke, die sich je nach Land immer mehr den Positionen der Mitte angenähert und/oder mit kulturellen Fragen (Stichwort Gendern) beschäftigt hat.
    6) Eine zunehmende Entfremdung der BürgerInnen von ihren politischen Repräsentanten. Eine Entfremdung, die rechte Parteien gnadenlos ausnutzen. Und den traditionellen Parteien fällt zum Thema Rechts inhaltlich nichts anderes ein, als die BürgerInnen immer wieder darauf hinzuweisen, dass Rechts pfui ist.
    7) Eine wachsende Unregierbarkeit, wenn die traditionellen Parteien weder mit linken noch rechten Parteien zusammenarbeiten wollen/können. (Die Landtagswahlen im Herbst in Deutschland werden vermutlich zu „französischen Verhältnissen“ führen.)
    8) Ein Ausnutzen autokratischer Verfassungselemente (wie in Frankreich), um ohne Mehrheit regieren zu können.
    9) Einsatz der Staatsgewalt durch die traditionellen Parteien, um der politischen Konkurrenz das Wasser abzugraben. (Was oft nach hinten losgeht, da die politische Konkurrenz den Einsatz der Staatsgewalt als Foulspiel darstellen und daraus moralische Legitimität ziehen kann.)
    10) Die Gefahr, dass die traditionellen Parteien eher mit der Rechten als mit der Linken zusammenarbeiten wollen: Die traditionellen Parteien haben in der Migrations- und Umwelt-Politik dem Druck von Rechts bereits nachgegeben. (Mit den wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen der AfD dürften CDU/CSU und FDP keine so großen Probleme haben.)

    Reply

    • exKK
      26. Juli 2024 @ 11:29

      “— auf der Suche nach günstigen Arbeitskräften eine Unterscheidung zwischen guter und schlechter Migration konstruiert.”

      Wenn man den eigenen Nachwuchs durch Investitionen in Bildung für den Arbeitsmarkt fit machen würde, könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: mehr Fachkräfte und weniger im Sozialsystem.
      Aber der eigene Nachwuchs wäre, gut ausgebildet, für das Kapital eben nicht so billig…

      Reply

      • european
        26. Juli 2024 @ 12:20

        Wir sind ja nun selber Migranten und von daher gesehen halte ich die Idee, sich ausserhalb des eigenen Landes nach anderen Moeglichkeiten umzusehen, prinzipiell fuer eine gute. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und bedauern eigentlich nur, dass wir nicht schon frueher gegangen sind. Geplant war es ja.

        Aber…

        Was hier so stark beworben wird, ist ein Geschaeftsmodell, das m.E. dem Kolonialbewusstsein der “werbenden” Laender entsprungen ist. Das Prinzip lautet so: Wir sagen den, in der Regel deutlich aermeren, Laendern: Ihr zieht sie gross (auf eure Kosten), ihr bildet sie aus (auf eure Kosten) und wenn dann alles erledigt und bezahlt ist, kommen wir zum Aussuchen, denn wir wollen nur die besten, die dann zu uns passen. Zu Hause nennen wir das dann “Fachkraeftemangel”, was deutlich besser klingt als Ausbeutung.

        Gleichzeitig wird das eigene Bildungssystem, wie sehr treffend beschrieben, konsequent unterfinanziert und damit heruntergefahren.

        So etwas aehnliches hat es vor vielen Jahren schon in Deutschland gegeben. Da haben die Grossunternehmen aufgehoert, selber ihren Nachwuchs auszubilden. Deshalb komme ich naemlich da drauf. Sie haben gewartet, bis die Handwerksbetriebe um sie herum ihre Nachwuchskraefte erfolgreich auf eigene Kosten ausgebildet haben, um dann diese mit hoeheren Loehnen in die grossen Industrieunternehmen abzuwerben.

        Gleiches Modell, nur geht es diesmal um Laender.

        Ein gutes Beispiel sind Aerzte aus Rumaenien. Seit dem das Land der EU beigetreten ist, haben mehr als 17000 Aerzte das Land verlassen, ca. 5000 davon nach Deutschland. Nachdem wir durch unsinnige Austeritaet Griechenland ins Chaos und den wirtschaftlichen Ruin getrieben haben, haben wir gern 2500 Aerzte von dort uebernommen.

        Diese Aerzte fehlen dort. Gleichzeitig bildet Deutschland nur 20% der eigenen Bewerber um einen Medizinstudienplatz aus. Wir koennten um 80% erhoehen, aber man erzaehlt den Buergern, dass das Geld dafuer nicht da sei (O-Ton von zuhause). Aber Rumaenien und Griechenland sind offensichtlich so reich, dass die das koennen. *Sarkasmus aus.

        Es muss ein System der Ausgleichszahlungen her um zumindest die Ausbildungskosten zu tragen – und zwar auf Hoehe der Empfaengerlaender. Dann hoert dieses Geschaeftsmodell sehr schnell auf.

      • exKK
        26. Juli 2024 @ 12:51

        @ european:
        “…halte ich die Idee, sich ausserhalb des eigenen Landes nach anderen Moeglichkeiten umzusehen, prinzipiell fuer eine gute.”

        Ja, aber wenn dann die aus dem Ausland kommenden auch noch mit Steuervergünstigungen zu Lasten der Allgemeinheit (und zu allererst der mit ihnen um diese Arbeitsplätze konkurrierenden heimischen Bevölkerung, deren Ausbildung man kaputtspart, weil “kein Geld mehr da” ist) ins Land gelockt werden sollen, wie es hier angedacht ist, dann wird diese Idee grotesk pervertiert.

      • european
        26. Juli 2024 @ 13:44

        Sie haben voellig Recht und ich denke, dass ich das auch in meinem posting differenziert betrachtet habe. Ich sehe es sehr aehnlich wie Sie.

        Erst gestern habe ich ein Zitat von Scholz gelesen, wonach Deutschland “aussucht”, wer kommen darf. So etwas muss eigentlich jedem aufstossen.

      • exKK
        26. Juli 2024 @ 14:33

        Richtig – wir haben ja bereits eine Menge vorwiegend junger Menschen aus dem Ausland hier, deren Ausbildung im Heimatland hier nicht anerkannt bzw um deren Schul-, Aus- und Fortbildung sich hier nicht ansatzweise ausreichend gekümmert wird. Geflüchtete DÜRFEN erst mal längere Zeit noch nicht einmal hier legal arbeiten (wenn sie nicht gerade aus der Ukraine stammen).


  • Info: https://lostineu.eu/liberaler-meltdown-macron-legt-die-demokratie-auf-eis


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.




    Weiteres:




    Kallas’ Vermächtnis: Russisch wird diskriminiert


    lostineu.eu, vom 25. Juli 2024

    Sie soll die nächste EU-Außenbeauftragte werden. Nun hat K. Kallas ihren Job in Estland aufgegeben – und ein denkwürdiges Vermächtnis hinterlassen.

    Noch unter Kallas’ Ägide hat Estland Ende 2022 einen Übergang zu Estnisch als alleiniger Unterrichtssprache an den Schulen beschlossen, der mit dem neuen Schuljahr 2024/25 beginnen soll.

    Ihr Nachfolger Kristen Michal macht nun Nägel mit Köpfen: Russisch wird diskriminiert und aus dem Unterricht verbannt. Dies geht aus einem nun bekannt gewordenen Gesetzentwurf hervor.

    Demnach müssen Lehrer künftig die Landessprache Estnisch mindestens auf dem Niveau C1 (Fachkundige Sprachkenntnisse) beherrschen. Gleiches gilt für die Leitungen von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

    Für Aushilfslehrkräfte wie auch in Kindergärten wird Estnisch auf Niveau B2 (Selbstständige Sprachverwendung) verpflichtend. 

    Von den 1,2 Millionen Einwohnern in Estland ist gut ein Viertel russisch. Sie müssen dann sehen, wie sie durchkommen.

    Offizielle Begründung: Russisch sei ein Sicherheitsrisiko. Und das nennt sich dann “liberale” Politik…

    Siehe auch “Ist Kallas die gefährlichste Politikerin der EU?”

    P.S. Laut Europäischer Menschenrechtskonvention ist Estland übrigens an das Diskriminierungsverbot gebunden. Dazu gehört auch der Schutz der Sprache!

    25 Comments

    1. Monika
      26. Juli 2024 @ 13:53

      …Von den mit diesen Diskriminierungen verbundenen Verstössen gegen EU-Recht, EU-Werte und ähnlich nutzloses Zeugs, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Das interessiert sowieso niemanden von den Verantwortlichen…

      Genau da läge aber die PFLICHT des europ. Rats, der Kommission, ja jedes einzelnen Mitgliedslands NICHT wegzusehen! Genau an diese Pflicht müssten Jurakundige erinnern, bzw. Handeln einklagen! Statt scharfer Rüge und Intervention stellt man noch eine deutsche Panzerbrigade dauerhaft in die Nachbarschaft. Auch dies klar gegen internationale Verträge verstoßend!
      Von “Sicherheit auf Kosten anderer” herstellen ganz zu schweigen.

    Reply

  • Michael Conrad
    26. Juli 2024 @ 12:05

    Hier geht es um den schleichenden Prozess einer ethnischen Säuberung. Die russische Bevölkerung soll sich entweder bis zur Selbstaufgabe assimilieren oder nach Russland ziehen.

    Reply

  • Kleopatra
    26. Juli 2024 @ 10:15

    Der Vertrag, auf den sich Ihr Verweis im obenstehenden Artikel bezieht, ist nicht die Menschenrechtskonvention, sondern das Rahmenübereinkommen des Europarats über den Schutz nationaler Minderheiten. Dieses stellt es den Staaten in gewissem Umfang frei, wen sie einer nationalen Minderheit zurechnen wollen, und es ist überhaupt eher eine der vielen freiwilligen Selbstverpflichtungen, aus denen nicht wie bei der Menschenrechtskonvention harte, einklagbare Individualrechte abgeleitet werden können. (Zudem sind wie bei der Minderheitensprachencharta nicht alle EU-Mitgliedstaaten Vertragsparteien).
    Das Verbot der Diskriminierung aufgrund der Sprache (Menschenrechtskonvention) ist nur dann einschlägig, wenn für die unterschiedliche Behandlung keine sachlichen Gründe vorliegen (die Forderung an Lehrer, dass sie die Sprache der überwiegenden Mehrheit des Landesbewohner und zudem Staatssprache beherrschen sollen, ist sachlich ohne weiteres zu rechtfertigen); außerdem sind nicht russische Muttersprachler als solche ausgeschlossen, sondern Personen ohne Estnischkenntnisse, und die letzteren kann ein Lehramtsbewerber erwerben.
    Um ein Beispiel in geografischer Nähe zu Ihrem beruflichen Sitz anzuführen: In luxemburgischen Kindergärten müssen alle Kinder Französisch und Luxemburgisch lernen. Was folgt daraus für Bewerber(inn)en um Stellen in Kindergärten in Luxemburg?

    Reply

    • ebo
      26. Juli 2024 @ 10:29

      Warum rechtfertigen Sie die offensichtliche Diskriminierung der russischen Minderheit? Haben Sie irgendwelche besonderen Interessen in Estland, wollen Sie Kallas vor Kritik abschirmen?

      Reply

      • Kleopatra
        26. Juli 2024 @ 10:45

        Als Sprachwissenschaftler habe ich für Leute, die aus immigrierten Familien kommen oder selbst immigriert sind und sich jahrzehntelang weigern, die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen, nicht das geringste Verständnis. Russen in Estland und Lettland benehmen sich wie Angehörige eines Kolonialstaates, die sich noch Jahrzehnte nach der Entkolonialisierung zu fein sind, die Sprache der “Eingeborenen” zu lernen.

      • ebo
        26. Juli 2024 @ 12:02

        Es geht hier nicht um Immigranten.

      • Kleopatra
        26. Juli 2024 @ 10:51

        Und vor allem ist die Forderung, dass Lehrer die Staatssprache auf hohem Niveau beherrschen müssen, sachlich gut begründbar und stellt schon deshalb keine Diskriminierung dar.

      • ebo
        26. Juli 2024 @ 12:04

        Sie dürfen nicht wählen. Sie dürfen keine Beamten, Polizisten und Armeeoffiziere werden und auch viele andere Berufe im öffentlichen Dienst nicht ausüben. Bei der Rentenberechnung werden sie benachteiligt. Arbeiten im Ausland geht nur mit großem bürokratischen Aufwand und auch Reisen sind deutlich erschwert.

        Was sich nach Apartheid anhört, ist in zwei EU-Mitgliedstaaten für etwa 330.000 Menschen Alltag – für die sogenannten Nichtbürger in Lettland und Estland: jene ehemaligen Sowjetbürger und ihre Kinder, die nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1991 einen Sonderstatus erhielten und später in einem aufwendigen Einbürgerungsverfahren “naturalisiert” werden sollten. Eigentlich sollte die Nichtbürger-Regelung nur vorübergehend gelten. Doch inzwischen hat sie sich zu einem Dauerprovisorium entwickelt – trotz wiederholter Mahnungen der EU, die Diskriminierung endlich zu beenden.

        https://www.spiegel.de/politik/ausland/estland-und-lettland-das-problem-mit-der-russischen-minderheit-a-1169422.html

      • exKK
        26. Juli 2024 @ 11:22

        Nach allem, was “Kleopatra” hier schon über Russen geäussert hat, folgere ich, dass für “Kleopatra” die Diskriminierung von Russen die einzige akzeptable Form des Umgangs mit Menschen dieser Herkunft zu sein scheint…

    • Ulla
      26. Juli 2024 @ 14:01

      @ Kleopatra
      „Ein Programm der mehrsprachigen Erziehung wird in allen Betreuungsstrukturen, die Dienstleister des Chèque-service-Systems sind, für Kinder von 1 bis 4 Jahren angeboten. Die Kleinkinder kommen in Kontakt mit der luxemburgischen und französischen Sprache, und zwar auf eine spielerische Art und Weise, die ihrem Alter und ihrem Rhythmus angepasst ist. Die Sprachen werden zwanglos in den Alltag integriert: beim Essen, bei den Spaziergängen, bei den Spielen, den Reimen usw.“

      Die Muttersprachen der Kinder werden ebenfalls unterstützt.

      https://men.public.lu/de/systeme-educatif/langues-ecole-luxembourgeoise.html#:~:text=In%20der%20Krippe&text=Die%20Kleinkinder%20kommen%20in%20Kontakt,den%20Spielen%2C%20den%20Reimen%20usw.
      Zwischen „muessen lernen“ und „spielerisch lernen“ besteht ein Unterschied, auch wenn Sie den nicht wahr haben wollen.
      Schlechtes Beispiel uebrigens!

      Reply

  • Karl
    26. Juli 2024 @ 10:10

    In den besseren Jahren der EU, als sie noch jung, demokratisch und frisch war, gab es sogar Überlegungen, wegen der baltischen Beitrittsstaaten und ihrer russischen Minderheiten, das Russische zu einer Amtssprache der EU zu machen.
    Damit hätte die EU auch kulturell weit nach Russland hineingewirkt (während der damaligen Transformation). Das wäre etwas gewesen. Nicht auszudenken! Am Ende wäre sogar die NATO-Osterweiterung überflüssig geworden …

    Reply

    • Kleopatra
      26. Juli 2024 @ 11:52

      @Karl: Ich habe von diesen Überlegungen auch gerüchteweise gehört (und davon, dass ein EU-Beamter sich mit diesem Vorschlag in Lettland sehr unbeliebt gemacht haben soll). Allerdings wäre natürlich Russisch allenfalls als zusätzliche Amtssprache in Frage gekommen (also nicht statt Estnisch, Lettisch, Litauisch, sondern zusätzlich zu diesen); das hätte bedeutet, dass für drei neue Mitgliedstaaten gleich vier neue Amtssprachen hinzugekommen wären. Hierfür dürfte keine Bereitschaft der anderen Mitgliedstaaten vorgelegen haben, dies zu finanzieren. Auch hätte eine Amtssprache Russisch natürlich von den neu beitretenden Staaten im Rahmen der Beitrittsverhandlungen gefordert werden müssen. Nach den jahrzehntelangen Demütigungen durch die russisch dominierte Sowjetunion waren sie dazu natürlich nicht motiviert.
      Um die Jahrtausendwende war, nebenbei gesagt, die EU nicht jung, sondern auch schon vierzig Jahre alt.

      Reply

      • Skyjumper
        26. Juli 2024 @ 16:02

        „ Um die Jahrtausendwende war, nebenbei gesagt, die EU nicht jung, sondern auch schon vierzig Jahre alt.“

        Schlicht falsch. Formal, worauf Sie ja gemeinhin so gerne abstellen, wurde die EU 1992 mit dem Maastrich-Verrag gegründet. In der heutigen Ausprägung mit seinen extrem gesteigerten Überstaatlichen Zuständigkeiten sogar erst mit dem Vertrag von Lissabon 2007.

        Und es wäre, rückblickend, besser gewesen bei den verschiedenen EG‘s von vor 1992 zu bleiben.

    • Monika
      26. Juli 2024 @ 13:57

      Lieber Karl, die NATO-Osterweiterung war genuin ja nicht europäisches Programm! Insofern hätte auch, aus “geopolitischen Rücksichtnahmen” heraus, Russisch nie europäische Amtssprache werden dürfen, Nordstream 2 lässt herzlich grüßen…

      Reply

  • Kleopatra
    26. Juli 2024 @ 09:12

    Was hier gefordert wird, betrifft Lehrkräfte und nicht die große Masse. Dass von einem Lehrer die Beherrschung der Staatssprache auf hohem Niveau verlangt wird, ist selbstverständlich, und die Anforderungen an Kindergartenpersonal sind auch nicht überzogen.
    Dafür spricht auch, dass Lehrer ohne ausgezeichnete Estnischkenntnisse nur in einem getrennten russischsprachigen Zweig des Bildungswesens eingesetzt werden könnten. Ihre impliziten Forderung (von Lehrern keine Estnischkenntnisse zu verlangen) laufen also darauf hinaus, dass auf die Dauer eine Teilung des Schulwesens in national-ethnische Zweige perpetuiert wird.
    Würden Sie in Deutschland fordern, dass z.B. türkische Lehrer ohne Deutschkenntnisse eingestellt werden sollen? Würden Sie Ihre Kinder in einen Kindergarten schicken, wo die Erzieherinnen nicht in der Lage sind, sich mit Kindern auf Deutsch zu verständigen? (Das bedeutet es nämlich, wenn sie nicht einmal über Niveau B2 verfügen).
    Sprachkenntnisse sind nicht angeboren, sondern können erworben werden (man nennt das „Lernen“). Im Fall der Russen in den baltischen Staaten liegt häufig der Fall vor, dass sie sich weigern, die Landessprache zu lernen oder Kenntnisse nachzuweisen. Das ist dann ihre Entscheidung.

    Reply

    • ebo
      26. Juli 2024 @ 09:56

      Es geht hier um Sprachpolitik, um das Russische zurückzudrängen und am Ende ganz auszuschalten. Beginnt bekanntlich in der Schule.

      Reply

    • Karl
      26. Juli 2024 @ 10:01

      Was Sie schreiben ist reine Polemik auf Kosten der Kinder ohne irgendeine Kenntnis des Landes. Mich erinnert Ihre Stellungnahme an die Schulschließungen während der Corona-Maßnahmen. Ich habe selbst ein Schulkind, welches trotz 2 Jahren Schulausfall – die bewirkten lebenslange Handicaps – soeben seine Prüfungen bestanden hat. Ich kenne die Situation in Lettland und Estland, weil ich dort während meines Studiums öfters über viele Wochen vor Ort war, auch in den Wohnsiedlungen der “einfachen Leute”, um die es hier geht.
      Heute bin ich selber Lesepate an 2 Berliner Grundschulen – und finde Ihren Beitrag unglaublich schädlich und arrogant.

      Reply

      • Kleopatra
        26. Juli 2024 @ 10:33

        @Karl: Sie können Bewerber um Lehrerstellen nicht mit “einfachen Leuten” gleichstellen. Und um mich zu wiederholen: Warum sollte der estnische Staat Lehramtsbewerber einstellen, die von vornherein nur in einem ethnisch abgesonderten Bereich des Schulwesens eingesetzt werden können? Und was das Interesse von Kindern betrifft: Ist ihnen mit Unterricht in der Landessprache besser gedient oder damit, dass man diese von ihnen in der Schulzeit möglichst fernhält?

  • Helmut Höft
    26. Juli 2024 @ 02:14

    Aufpassen! Nicht dass da am Ende noch ein Gewerkschaftshaus in Estland abbrennt! https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/2014-odessa-42-tote-buergerkreig-brand-ukraine-russland-un-europarat-ermittlungen-emrk

    Reply

  • Skyjumper
    25. Juli 2024 @ 18:01

    Was wohl passieren würde, wenn – was natürlich nicht passieren wird – 300.000 russischstämmige Menschen Estland verlassen würden?
    Mit der Wirtschaft? Mit Dienstleistungen aller Arten? Den Steuereinnahmen? Das wäre wohl der 1. failed state in der EU.

    Wahrscheinlicher allerdings ist, dass die Repressionen so lange angezogen werden bis 300.000 Einwohner Estlands anfangen richtig Randale zu machen. Aber das estnische Militär hat beeindruckende 6.500 Mann/Frau/Sonstiges – da wird man es wohl locker mit einen 20-30.000 Personen starken Mob aufnehmen können – der “zufällig” und plötzlich über Waffen verfügt.

    So richtig beschweren dürfte sich die estnische Regierung darüber nicht. Von den mit diesen Diskriminierungen verbundenen Verstössen gegen EU-Recht, EU-Werte und ähnlich nutzloses Zeugs, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Das interessiert sowieso niemanden von den Verantwortlichen.

    Reply

  • Michael
    25. Juli 2024 @ 17:37

    Mit Diskriminierung, Restriktionen und Repressalien von Seiten Kiews gegen die russischen Ethnien in der Ostukraine fing es an! Heute will man sich in der Ukraine an nichts erinnern und beschwert sich über die Konsequenzen! Und der sog. Westen glaubt‘s!

    Reply

  • Monika
    25. Juli 2024 @ 15:34

    wie ist diese Gesetzgebung Estlands mit dem EU-Recht vereinbar? Müssen dort nicht Minderheitssprachen, und 25% ist ja wohl eine beachtlich große Minderheit, angemessen Berücksichtigung finden?
    Das Ganze als nationales Sicherheitsrisiko darzustellen mag vordergründig bauernschlau sein, langfristig aber ein wird die Saat von Widerstand damit erst in fruchtbare Erde gelegt, bzw. konserviert.
    Warum kommt dazu kein Wort der EU-Komission oder des Rats??
    Oder fällt das unter EU-rechtliche „Empfehlungen“ und dort unter die 32% „kümmert uns nicht weiter“?

    Reply

    • exKK
      25. Juli 2024 @ 23:05

      Das gehört sicher zu den 32% Rechtstaatlichkeit, die nicht beachtet werden und unter den Tisch fallen dürfen ????

      Reply

    • Kleopatra
      26. Juli 2024 @ 09:19

      Die “Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen” ist ein Rechtsinstrument des Europarates, nicht der EU, und es sind ihr bei weitem nicht alle EU-Mitgliedstaaten beigetreten. Nicht nur Estland ist nicht beigetreten, sondern auch z.B. Belgiern, und Frankreich hat sie nicht ratifiziert, weil sie mit der frz. Verfassung nicht vereinbar ist.
      Auch wenn ein Staat ihr beitritt, kann er immer noch selbst auswählen, welche Sprachen er als geschützte Minderheitensprachen deklariert. Immigrantensprachen (etwa Türkisch in Deutschland) gehören von vornherein nicht zu den Sprachen, auf die die Charta abzielt.

      Reply

  • Was sagen Sie dazu?


    Info: https://lostineu.eu/kallas-vermaechtnis-russisch-wird-diskriminiert


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.




    Weiteres:




    Ukraine vereitelt Brandanschläge, Georgien einen Mordversuch?


    lostineu.eu, vom 25. Juli 2024

    Bei den EU-Beitrittskandidaten ist die Hölle los, folgt man diesen beiden Meldungen. Sie sind allerdings mit Vorsicht zu genießen.

    Der ukrainische Geheimdienst SBU will russische Brandanschläge auf Einkaufszentren, Tankstellen, Apotheken und Märkte in Polen und dem Baltikum sowie im eigenen Land vereitelt haben.

    Eine Gruppe aus 19 Menschen sei bei insgesamt 37 Razzien in vier Regionen des Landes festgenommen worden, teilte die Behörde in Kiew mit. Für die Anschläge in den EU-Staaten seien gefälschte Dokumente wie Reisepässe, Führerscheine und Diplome vorbereitet worden. 

    Derweil teilt die Staatssicherheit von Georgien mit, sie habe einen “Terror-Angriff” mit dem Ziel des Sturzes der Regierung vereitelt. Auch von einem Mordversuch gegen den Oligarchen Bidzina Ivanishvili ist die Rede. Er leitet die Regierungspartei “Georgischer Traum”.

    Beide Meldungen sind mit Vorsicht zu genießen – wie immer, wenn Geheimdienste etwas verbreiten. Allerdings gibt es einen kleinen Unterschied:

    Die erste Meldung lief ganz normal über die Agenturen, in diesem Fall dpa. Die zweite nicht – man muß sie mit der Lupe suchen.

    Ob es daran liegt, dass die georgische Regierung nicht mehr auf EU-Kurs liegt und der Beitrittsprozess auf Eis gelegt wurde?

    2 Comments

    1. Michael
      25. Juli 2024 @ 15:28

      Klingt sehr als wolle die Ukraine die EU mit aller Macht bei der Stange halten!?

    Reply

    • exKK
      25. Juli 2024 @ 20:55

      Oder die NAhTOd und damit fast alle EUropäer mit aller Macht in den Krieg reinziehen?


    Info: https://lostineu.eu/ukraine-vereitelt-brandanschlaege-georgien-einen-mordversuch


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Nachrichten von Pressenza: Rede von Giovanny Blanco, von ‚Welt ohne Kriege‘ Costa Rica, während der Empfangszeremonie des Friedensschiffs

    aus e-mail von  <newsletter@pressenza.com>, 26. Juli 2024, 7:30 Uhr


    Nachrichten von Pressenza - 26.07.2024


    Rede von Giovanny Blanco, von ‚Welt ohne Kriege‘ Costa Rica, während der Empfangszeremonie des Friedensschiffs


    Das Friedensschiff (Peace Boat) ist ein Kreuzfahrtschiff mit 1.800 Passagieren, das im Rahmen seiner Weltumrundung für die Abschaffung von nuklearen Waffen, Menschenrechte und Nachhaltigkeit wirbt. Anlässlich der Ankunft des Schiffs in Costa Rica hielt Giovanny Blanco die folgende Begrüßungsrede. Blanco&hellip;

    https://www.pressenza.net/?l=de&track=2024/07/rede-von-giovanny-blanco-von-welt-ohne-kriege-costa-rica-waehrend-der-empfangszeremonie-des-friedensschiffs/


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    Auschwitz ist nur die halbe Miete


    Von der Möglichkeit, dem Morden ein Ende zu machen Von Bobby Langer Spätestens seit meinem 16. Lebensjahr erzeugt Auschwitz in mir eine nicht endende Erschütterung. Die Fähigkeit des Menschen, die Humanität, und damit die Würde seines eigenen Geschlechts, mit Füßen&hellip;

    https://www.pressenza.net/?l=de&track=2024/07/auschwitz-ist-nur-die-halbe-miete/


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    Puebla entkriminalisiert Schwangerschaftsabbruch


    Trotz der Versuche von Abtreibungsgegner*innen, die Abstimmung zu blockieren, hat der Kongress des Bundesstaates Puebla eine Reform des Strafgesetzbuches verabschiedet. Mit 29 Ja-Stimmen, sieben Nein-Stimmen und vier Enthaltungen stimmten die Abgeordneten dafür, dass Frauen und andere Schwangere bis zur 12.&hellip;

    https://www.pressenza.net/?l=de&track=2024/07/puebla-entkriminalisiert-schwangerschaftsabbruch/


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    Pressenza - ist eine internationale Presseagentur, die sich auf Nachrichten zu den Themen Frieden und Gewaltfreiheit spezialisiert hat, mit Vertretungen in Athen, Barcelona, Berlin, Bordeaux, Brüssel, Budapest, Buenos Aires, Florenz, Lima, London, Madrid, Mailand, Manila, Mar del Plata, Montreal, München, New York, Paris, Porto, Quito, Rom, Santiago, Sao Paulo, Turin, Valencia und Wien.


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Netanjahu: USA und Israel sollten "Nahost-NATO" gründen

    freedert.online, vom 25 Juli 2024 17:42 Uhr

    Der israelische Ministerpräsident hat ein Bündnis gegen den Iran vorgeschlagen. "Ich denke, wir sollten es die Abraham-Allianz nennen", sagte Benjamin Netanjahu über den vorgeschlagenen NATO-ähnlichen Block.


    Netanjahu: USA und Israel sollten "Nahost-NATO" gründenQuelle: Gettyimages.ru © Kent Nishimura


    Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu spricht im US-Kapitol vor dem US-Kongress. 24. Juli 2024.


    Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Schaffung eines neuen Militärblocks nach dem Vorbild der NATO vorgeschlagen, der sich "Abraham-Allianz" nennen und gegen den Iran gerichtet sein soll.

    Rede vor US-Kongress: Netanjahu verteidigt den Gaza-Krieg und verurteilt US-Demonstranten



    Rede vor US-Kongress: Netanjahu verteidigt den Gaza-Krieg und verurteilt US-Demonstranten





    Netanjahu sprach am Mittwoch vor der gemeinsamen Sitzung des US-Kongresses. Es war seine vierte Rede vor US-Abgeordneten, womit er den Rekord von Winston Churchill übertraf. Etwa 70 Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats haben jedoch aus dem einen oder anderen Grund ihre Teilnahme verweigert.

    "Amerika hat ein Sicherheitsbündnis in Europa geschmiedet, um der wachsenden sowjetischen Bedrohung zu begegnen", sagte Netanjahu in seiner Rede. "Genauso können Amerika und Israel heute eine Sicherheitsallianz im Nahen Osten schmieden, um der wachsenden iranischen Bedrohung zu begegnen".

    Er sagte, ein "Vorgeschmack" auf dieses Bündnis sei am 14. April zu sehen gewesen, als der Iran einen Raketen- und Drohnenangriff auf Israel startete und die USA und das Vereinigte Königreich dabei halfen, einige von ihnen abzuschießen.

    Netanjahu dankte US-Präsident Joe Biden dafür, "dass er diese Allianz zusammengebracht hat", ebenso wie seinem Vorgänger Donald Trump, der während seiner Amtszeit das "Abraham-Abkommen" zwischen Israel und mehreren arabischen Ländern vermittelt hatte.

    "Ich denke, wir sollten es die Abraham-Allianz nennen", sagte er über den vorgeschlagenen NATO-ähnlichen Block.

    Nach Ansicht des israelischen Ministerpräsidenten sollten die Länder, die mit Tel Aviv Frieden geschlossen haben oder dies beabsichtigen, dem Block beitreten, da der Iran für sie alle eine Bedrohung darstelle.

    "Wenn wir den Iran bekämpfen, bekämpfen wir den radikalsten und mörderischsten Feind der Vereinigten Staaten", sagte Netanjahu. Wenn Israel kämpft und daran arbeitet, einen nuklearen Iran zu verhindern, "schützen wir nicht nur uns selbst, sondern auch Sie", argumentierte er.

    "Unsere Feinde sind eure Feinde, unser Kampf ist euer Kampf, unsere Siege werden eure Siege sein", sagte Netanjahu vor dem US-kongress. "Ich weiß, dass Amerika hinter uns steht."


    "Tendenz zur Verschärfung" – Putin und Assad besprechen Lage in Nahost





    "Tendenz zur Verschärfung" – Putin und Assad besprechen Lage in Nahost






    Die USA haben Israel während des neunmonatigen Krieges gegen die Hamas, den Netanjahu nach dem Überfall der bewaffneten Palästinensergruppe auf den Gazastreifen erklärt hatte, Militärhilfe geleistet. Auf Druck von palästinensischen und arabischen US-Amerikanern in Bidens Partei hat seine Regierung einen dreistufigen Waffenstillstandsplan für die Enklave vorgeschlagen, der jedoch von Israel nur widerwillig angenommen wurde.

    Israel werde nicht eher aufhören, bis es die militärischen Fähigkeiten der Hamas zerstört, ihre Herrschaft im Gazastreifen beendet und alle bei dem Angriff am 7. Oktober gefangen genommenen Personen zurückerobert habe, sagte Netanjahu und fügte hinzu: "Das ist es, was ein vollständiger Sieg bedeutet. Und wir werden uns mit nichts Geringerem zufrieden geben."


    Mehr zum Thema"Haben wir und werden wir" – Scholz pocht auf weitere Waffenlieferung an Israel


    Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

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    26.07.2024

    RKI-Protokolle: Wenn die Perversion zur Normalität wird, sind Skandale nicht mehr möglich

    freedert.online, 25 Juli 2024 10:48 Uhr, Von Tom J. Wellbrock

    Die vollständigen RKI-Protokolle hätten mehr als einen Skandal auslösen müssen. Sie belegen die rein politisch-ideologische Maßnahmen-Politik der Bundesregierung und der Landesregierungen. Doch sie treiben wie ein laues Lüftchen durch die Republik.


    RKI-Protokolle: Wenn die Perversion zur Normalität wird, sind Skandale nicht mehr möglichQuelle: Gettyimages.ru © Bernd 


    von Jutrczenka/picture alliance


    Für seine Dienste während der Corona-Pandemie überreicht Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier dem ehemaligen RKI-Chef Lothar Zieler das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (Berlin, 18. Januar 2024)


    Ruprecht Rolf Gotthelf Polenz gehört zu den Schlimmsten. Er ist seit 2013 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, war von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und von April bis November 2000 Generalsekretär der CDU. Polenz ist auf X (ehemals Twitter) sehr aktiv. Ob zu Corona, zum Ukraine-Krieg oder beim Russland-Bashing, Polenz' Tweets gehören auf X zu den übelsten, die man finden kann. Nun hat sich Polenz zu den vollständigen RKI-Protokollen geäußert:

    "Leute, nur weil etwas 'entschwärzt' wurde, kommt dahinter nicht gleich ein Skandal zum Vorschein."

    Man staunt, wenn man gleich danach die Worte eines RKI-Whistleblowers liest:

    "Die RKI-Protokolle beweisen: Unsere Corona-Politik basierte nicht auf rationalen, wissenschaftlichen Abwägungen. Zahlreiche politische Entscheidungen, wie etwa 2G, die einrichtungsbezogene und geplante allgemeine Impfpflicht, oder die Impfung von Kindern, waren rein politische Entscheidungen, für die das RKI als weisungsgebundene Behörde eine vermeintlich wissenschaftliche Legitimation lieferte."

    Man staunt weiter, wenn man diese Worte sieht:

    "Wir werden erfahren, dass das RKI nicht widersprach, als die EMA und Pfizer die Phase-III Studien ausfallen lassen wollten, und die Impfung gleich breit an der gesamten Bevölkerung austesten – damit es mit der Notzulassung schneller geht. Und wir werden erfahren, dass sich das RKI leider trotz des Wissens um fehlenden Fremdschutz und schwerste Nebenwirkungen sowohl für die einrichtungsbezogene als auch für die allgemeine Impfpflicht aussprach."

    Es durchzuckt einen, wenn man dies sieht:

    "Textentwurf Christian Drosten: Empfehlung für den Herbst, Darstellung der Ideen und Einschätzung. Kontext: Der Artikel ist vertraulich. Hr. Drosten hat zwischenzeitlich entschieden, das Papier nicht zu publizieren, da ungezielte Testung im Text als nicht sinnvoll betrachtet wird und dies dem Regierungshandeln widerspricht."

    Bild entdeckt: Regierung hat über die COVID-19-Pandemie gelogen




    Analyse

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    Und so könnte es weitergehen, über Seiten und Seiten und Seiten. Die RKI-Protokolle belegen, dass nahezu alle Maßnahmen sich nicht für, sondern gegen die Menschen richteten, dass die Instrumentalisierung insbesondere von Kindern Teil der politischen Strategie war, Corona nachweislich harmloser war als dargestellt, ganz besonders für Kinder.

    Ein letztes Beispiel, unzählige weitere lassen sich unter "rki-transparenzbericht.de" finden:

    "Impfung von Kindern: Auch wenn (von) STIKO die Impfung für Kinder nicht empfohlen wird, BM Spahn plant trotzdem ein Impfprogramm."

    Nein, Herr Polenz kann keinen Skandal entdecken. Und er steht damit nicht allein. Karl Lauterbach (SPD), einer der dominierenden Angsterzeuger der Corona-Episode, kommentierte die Veröffentlichung der Protokolle so:

    "Jetzt geschieht es, ohne dass die Rechte Dritter, auch Mitarbeiter, vorher geschützt worden wären. Zu verbergen gibt es trotzdem nichts."

    Lauterbach wollte es ohnehin öffentlich machen, warum auch nicht? Aus seiner Sicht ist ja alles in bester Ordnung.


    "Pandemie der Ungeimpften"

    Die Tagesschau hat sich mit der "Pandemie der Ungeimpften" beschäftigt, eine Titulierung, die die aggressive Praxis der Hetzpropaganda auf verstörender Weise aufdeckt. Sollte man meinen. Aber letztlich sei diese Redewendung lediglich "etwas überspitzt" gewesen. In einem unerträglich langen Text schließt die Tagesschau mit folgendem Absatz und lässt den Virologen Martin Stürmer zu Wort kommen:

    "'Die Formulierung ist eine vereinfachte Darstellung der Situation, dass sich hauptsächlich Ungeimpfte angesteckt haben und dass es hauptsächlich Ungeimpfte waren, die auch die schweren Verläufe hatten', sagt Stürmer. 'Insofern ist es jetzt nicht so, dass das komplett aus dem Nichts erfunden wurde. Es gab einen fundierten Hintergrund.' Dass die Formulierung dennoch unglücklich gewesen sei, stünde auf einem ganz anderen Blatt. 'Ohne die Impfungen wären wir jedoch nicht so schnell aus der Pandemie rausgekommen.'"

    Ins gleiche Horn wie die Tagesschau bläst die Frankfurter Rundschau (FR), die sich ebenfalls entschieden hat, nicht das große Ganze der Corona-Episode auf den Prüfstand zu stellen, sondern die "Pandemie der Ungeimpften" in den Fokus zu nehmen. Es lässt sich einfach zu gut arbeiten mit diesem Satz von Jens Spahn (CDU). Die FR schreibt:

    "In einer Sitzung des Krisenstabs zwei Tage später wurde laut der Dokumente die Aussage thematisiert. In dem Protokoll heißt es: 'In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen. Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei. Soll das in Kommunikation aufgegriffen werden?' Weiter heißt es dann in dem Protokoll, dass der 'Minister', womit Spahn gemeint sein dürfte, die Formulierung in all seinen Pressekonferenzen verwende und es daher 'eher nicht' korrigiert werden könne."

    Erneut wird der "Stürmer der Medien" ausgepackt, um zu belegen, dass Jens Spahn im Kern schon recht hatte. Was er sagte, kennen wir schon aus dem Artikel der Tagesschau.


    Homburg: Spahn und Lauterbach entschieden – RKI lieferte passende Geschichten



    Homburg: Spahn und Lauterbach entschieden – RKI lieferte passende Geschichten






    Was wir erleben, ist das Ende jeder Hoffnung auf eine Aufarbeitung der Corona-Episode. Mit einer unfassbaren Selbstherrlichkeit und der Gewissheit der Täter von damals, dass sie keinerlei Konsequenzen erfahren müssen, rauscht das Land durch einen Skandal, der zu einer Kleinigkeit umgedeutet wird.

    Und dann gibt es neben den Medien ja auch noch die sozialen Medien, die geflutet werden von Hass und Hetze. Die Verfasser der entsprechenden Tweets sind vorrangig die, die vorgeben, gegen Hass und Hetze anzugehen. Aber wir kennen das ja schon: Krieg ist Frieden, Sie verstehen? Tweets wie dieser geben dem Corona-Affen in Medien und Politik Zucker:

    "Warum kommt Schwurbler Stefan Homburg in einem #ZIB2 Beitrag über die #RKIFiles zu Wort, als sei er ein Experte. Er ist nachweislich ein Corona- & Klimaleugner. Unglaublich. #Covid."

    Armes Deutschland, kann man da nur sagen, das Land besteht fast nur noch aus Schwurblern, Rechtsextremisten, Corona- und Klimaleugnern, Reichsbürgern, Demokratiefeinden, Gefährdern und Lügnern. Wer auch immer sich nicht im staatlichen Sinne äußert, bekommt einen dieser Stempel aufgedrückt. Klappe zu, Affe tot.


    Corona-Aufarbeitung: Nicht, nein, niemals!

    Einen weiteren Grund für die ausbleibende Aufarbeitung stellt die simple Tatsache dar, dass einfach zu viele Menschen mitgemacht haben bei der verachtenden Maßnahmen-Politik. Vom Bundeskanzleramt bis zum Bahnhofsklo lassen sich die ungezählten Unterstützer und Befürworter der Maßnahmen finden. In dieser Zeit wurden keine "Gefangenen gemacht", viele kannten – im wahrsten Sinne – keine Verwandten. Es spricht Bände, dass so viele Freundschaften, Beziehungen und ganze Familien an Corona zerbrochen sind. Die Denunzianten waren überall, das Denunziantentum hing wie der "Große Bruder" über dem Land und beobachtete, um zu denunzieren, was das Zeug hielt. Kein Anlass war zu gering, um Menschen anzuschwärzen, zu verraten und an die Staatsgewalt zu übergeben.


    "RKI-Files": Whistleblower sorgt für finale Veröffentlichung aller Dokumente



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    Wenn sich etwas seit damals nicht geändert hat, ist es das Folgende: Die Kritiker, die Ängstlichen vor der Staatsgewalt, die Bewahrer der Freiheit, die Kämpfer für die Demokratie, sie waren damals eine Minderheit, und sie sind es auch heute. Und die Täter und Mittäter von damals, sie waren damals die Feinde der Selbstbestimmung, und sie sind heute die Feinde der Aufklärung und Aufarbeitung.

    Nein, machen wir uns nichts vor: Eine Aufarbeitung wird es nicht geben. Schon vor langer Zeit hätte es heißen müssen: "Wir müssen bei den Kritikern um Entschuldigung bitten, sie hatten mit erschreckend vielen ihrer Befürchtungen recht. Bitte, vergebt uns, denn wir haben uns getäuscht, und wir haben euch getäuscht."

    Die Entschuldigungsbitte blieb damals aus, sie bleibt heute aus, und sie wird auch in Zukunft ausbleiben. Wer auf etwas anderes hofft, ist zutiefst optimistisch und damit sympathisch. Aber er ist eben auch auf ganzer Linie naiv und fernab von der Realität, die dieses politische System hervorgebracht hat. Wenn die Perversion zur Normalität geworden ist, sind Skandale nicht mehr möglich.


    Tom J. Wellbrock ist Journalist, Sprecher, Podcaster, Moderator und Mitherausgeber des Blogs neulandrebellen.


    Mehr zum Thema "Ich muss niemanden um Verzeihung bitten" – Drosten beschwert sich über "Umdeutung der Pandemie"


    RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

    Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

    Info: https://freedert.online/meinung/213502-rki-protokolle-wenn-perversion-zur


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Dressierter Journalismus: Wie der Bundeskanzler Fake News streut

    freedert.online, 25 Juli 2024 19:30 Uhr,

    In der BPK mit dem Bundeskanzler wurde deutlich, welche Auswirkungen Zensur auf Journalismus hat. Er kann faktisch alles behaupten, Widerspruch unterbleibt. Dem deutschen Mainstream wurden die Instrumente Zensur und Repression vorgeführt – er gibt sich handzahm und gut dressiert.


    Quelle: Gettyimages.ru © Christian Marquardt/NurPhoto via Getty Images


    Bundeskanzler Olaf Scholz im Sommer-Interview auf der Bundespressekonferenz


    Die Bundespressekonferenz (BPK) mit Bundeskanzler Olaf Scholz lieferte einen Eindruck davon, welche Auswirkungen Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit auf den Journalismus haben. Handzahme, gut domestizierte Journalisten stellten absehbare Fragen, die den Themenkreis, in dem sich der öffentliche Diskurs in Deutschland bewegen darf, nicht einen Millimeter überschritten. 

    Wer beispielsweise meint, die versammelte Haupstadtjournaille hätte den Schneid besessen, vom Kanzler Auskunft über den Stand der Ermittlungen zu Nord Stream zu fordern, sieht sich getäuscht. Den Mut hatten die wohl dressierten Pressevertreter natürlich nicht. Woher auch. Ihnen wird mit jedem neuen Tag immer noch ein bisschen deutlicher vor Augen geführt, wohin kritischer Journalismus in Deutschland führen kann – zu Isolation und Ausgrenzung, zu Jobverlust, zu Verbot, zu Festnahme und Beschlagnahmung privaten Vermögens. In Deutschland herrschen längst autoritäre Zustände.


    Scholz im Sommerinterview: Aufrüsten, Spaltung bekämpfen, Druck erhöhen





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    Jeder der anwesenden Journalisten hat daher tief verinnerlicht, in welchem Rahmen Fragen zulässig sind, welche Grenze nicht überschritten werden dürfen, wovon man im eigenen, vitalen Interesse besser die Finger lässt. Nord Stream ist so ein Thema. Die Themen Russland und Ukraine-Krieg sind sensibel. So darf der Kanzler unwidersprochen Desinformation und Fake verbreiten, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen. Zensur zähmt, Repression lähmt. 

    "Das, was uns heute und schon seit langer Zeit passiert, ist der Ausstieg Russlands aus den Rüstungskontrollregimen, die wir im Rahmen der Entspannungspolitik mühselig entwickelt und aufgebaut haben, bei der Willy Brandt und Helmut Schmidt für uns in Deutschland eine ganz zentrale Rolle gespielt haben",

    behauptet der Kanzler die Fakten grob und wissentlich verzerrend. Die deutsche Journaille nimmt die Faktenverdreherei des Kanzlers einfach hin.

    Tatsächlich haben die USA die wichtigsten Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge aufgekündigt. Es begann bereits unter Obama, wurde unter Trump fortgesetzt und schließlich von Biden vollendet. Die Sicherheitsarchitektur Europas ist Geschichte – der Hegemon wollte es so. Echter Journalismus würde zumindest an die Chronologie der Abläufe erinnern. In Deutschland gibt es echten Journalismus jedoch nur noch in homöopathischen Dosen. Scholz darf seine Desinformation ungeschoren verbreiten.


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    Analyse

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    Aber natürlich nutzt nicht nur der Kanzler den Freiraum zur Lüge, der durch umfassende Zensur geschaffen wurde. Wirtschaftsminister Robert Habeck verbreitet regelmäßig, Putin habe Deutschland das Gas abgestellt. Fakt ist auch hier: Die Abläufe waren anders. Ebenso greift auch Baerbock gern und häufig zu frei erfundenen Geschichten, um ihre politischen Forderungen zu begründen. Das Gleiche machen auch andere Mitglieder der Ampel-Regierung und der CDU-Opposition. Sie können das tun, denn das journalistische Korrektiv wurde in Deutschland abgewürgt. Das Narrativ steht über allem, vor allem über der Wahrheit. Wer sich dem nicht fügt, wird zensiert, dem wird die Existenzgrundlage genommen, der wird ausgegrenzt. Also lieber fügen. 

    Jeder, der für Verhandlungen ist, will die Ukraine zur Kapitulation drängen, behauptet der Kanzler, der sich gern wieder mit dem Schlagwort "Frieden" auf Wahlkampftour begeben will. Seine Auslegung des Wortes "Frieden" impliziert jedoch die vollständige Vernichtung der Ukraine. 

    "Nein, ich würde mich gerne wieder damit plakatieren lassen, weil ich ja nicht der Polemik rechter und linker Populisten und einiger Scharfmacher folge, wonach man nur dann für Frieden ist, wenn man der Ukraine die bedingungslose Kapitulation empfiehlt."

    Die weichgespülte Hauptstadtjournaille nimmt es hin. Dabei ist die Politik der Waffenlieferungen bei Ausschluss von Verhandlungen der Garant dafür, die Ukraine in eine bedingungslose Kapitulation zu zwingen. Das Land ist am Ende – wirtschaftlich, militärisch und politisch. Es wird künstlich am Leben erhalten, während die Kiewer Machthaber die eigenen Männer an der Front verheizen. Aktuell sterben dort nach offiziellen russischen Angaben täglich um die 2000 Mann. Das Durchschnittsalter ukrainischer Soldaten liegt inzwischen weit jenseits der 40. Eine greise Truppe versucht deutsche Sehnsüchte nach einer russischen Niederlage zu befriedigen – das muss schiefgehen. Gäbe es den journalistischen Willen, sich um die Einsicht in Zusammenhänge zu bemühen, würde Scholz mit diesen Fakten konfrontiert. Diesen Willen gibt es jedoch nicht.


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    Dass Deutschland weiterhin keinen Beitrag zum Frieden in Europa leistet, nehmen deutsche Medien nicht nur hin, mit einer Riesen-Portion Gratismut hetzen sie gegen Ungarns Ministerpräsidenten Orbán, der sich als einziger Politiker eines EU-Landes für eine diplomatische Lösung eingesetzt und zu diesem Zweck mit allen Parteien gesprochen hat. Aber genau in dem Maß, wie man gegenüber Orbán austeilt, so katzbuckelt man vor der Regierungsbank. Der deutsche Untertan hat seinen Platz in den Redaktionen des deutschen Mainstreams gefunden. 

    Vor diesem Hintergrund ist auch die pathetisch zur Schau getragene Sorge um die Pressefreiheit in Russland zu verstehen. Russland, die grausame Diktatur, unterdrückt die freie Berichterstattung und hat ein neues Gesetz erlassen, dass sich gegen ausländische Einflussnahme richtet. Darauf angesprochen antwortet Scholz:

    "Es macht gar keinen großen Sinn, viel über die verschiedenen diktatorischen Maßnahmen der russischen Regierung zu spekulieren. Das wird nicht die letzte sein, und es wird auch noch welche geben. Wir stehen immer für freie Medien und freie Presse ein und setzen uns dafür auch ein mit den Möglichkeiten, die wir außerhalb Deutschlands manchmal nur sehr begrenzt haben."


    Deutsche Journalistenverbände: Vereint regierungskonform gegen AfD und Compact-Magazin




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    Absurdes Theater in reiner Form. Nein, an dieser Stelle ist keiner der Journalisten im Saal in Lachen ausgebrochen. Es gab selbstverständlich keinen Widerspruch, keinen Einwand angesichts der umfassenden Zensurmaßnahmen und Verbote in Deutschland.  Die Meute kuscht vorm Kanzler. Die doppelten Standards deutscher Politik im Brustton der Überzeugung ihrer Richtigkeit durchdeklinieren zu können, ist zur Einstellungsvoraussetzung für Mainstream-Journalisten geworden. 

    Dabei agieren die aus Russland berichtenden deutschen Medien in Russland deutlich freier als in Deutschland. Sie dürfen in einem Ausmaß Fake und Desinformation über Russland und die russische Regierung verbreiten, für die sie – würden sie das in demselben Ausmaß über die deutsche Regierung tun – sofort Opfer von Zensur und Verbot werden würden. Wie im Falle Orbáns zeigen deutsche Journalisten gegenüber Russlands ganz viel Gratismut. Respekt und Achtung verdienen sie dafür allerdings nicht. Mit dem Verbreiten von Fake News über Russland bedienen sie das deutsche Narrativ. Sie führen ihre Konsumenten in die Irre. Man nennt den Vorgang "Propaganda".


    Junge Welt kämpft um Pressefreiheit





    Junge Welt kämpft um Pressefreiheit







    Die BPK mit dem Kanzler lieferte ein anschauliches Beispiel dafür, wohin Zensur, Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit sowie offene Repression führen. Man verschanzt sich in einer eigenen, von der Realität abgekoppelten Welt und tut so, als sei sie echt. Deutscher Journalismus ist ein weltabgewandte Bubble. Man bestätigt sich und seinen Lesern, dass alles in bester Ordnung ist. Mit der Welt der Tatsachen hat diese Form journalistischen Gesundbetens jedoch rein gar nichts zu tun. 

    Das Abgleiten ins Irreale, in die Bubble wurde möglich, da in Deutschland jedes Korrektiv, echter Journalismus, echte Kritik unterdrückt wird. Durch Statuieren von Exempeln gegenüber unabhängigen, kritischen Journalisten wird der verbliebene Rest journalistisch kastriert. Er mauzt, wo er brüllen sollte. Er wedelt mit dem Schwanz, wo er zubeißen müsste. Die Bundespressekonferenz mit Scholz führte den bedenklichen Zustand des deutschen Journalismus gestern anschaulich vor.

    Dauerhaften Bestand hat diese Form von Repression und Unterdrückung journalistischer Freiheit nicht, zeigt gerade auch die deutsche Geschichte. Deutschland geht erneut in die Irre. Es wiederholt wie im Zwang in der Vergangenheit gemachte Fehler. Mit tatsächlichem Respekt der politisch Verantwortlichen vor Pressefreiheit und kritischem Denken wäre Deutschland dieser erneute Irrweg erspart geblieben. Für die Konsumenten deutscher Medienerzeugnisse wird das Erwachen in der Wirklichkeit absehbar ein schwerer Schlag.


    Mehr zum Thema "Haben wir und werden wir" – Scholz pocht auf weitere Waffenlieferung an Israel


    RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

    Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

    Info: https://freedert.online/meinung/213559-dressierter-journalismus-wie-bundeskanzler-fake


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Wie J.D.Vance "Jehova" gesagt hat – und deshalb bei Medien in Ungnade gefallen ist

    freedert.online, 26 Juli 2024 07:00 Uhr,Von Dagmar Henn

    Das ganze Durcheinander, das inzwischen mit den Begriffen "links" und "rechts" angerührt wurde, ist das Ergebnis eines Kampfes gegen Wahrnehmungen, Selbstwertgefühle und Begriffe, der schon länger andauert. Und der eine plötzliche Wendung genommen haben könnte, durch ein einziges Wort.


    Quelle: www.globallookpress.com © Annabelle Gordon


    J.D.Vance bei seiner Rede auf dem Kongress der Republikaner, 17.07.2024


    Es ist ein Ereignis, das der Logik geradezu widerspricht. Unmittelbar nach der Nominierung von J.D.Vance zum Vize von Donald Trump nimmt der deutsche Ullstein-Verlag (der zum Springer-Konzern gehört) die deutsche Übersetzung seiner Autobiografie aus dem Programm. Gerade zu einer Zeit, da bereits Bücher mit zwei-, dreitausend verkauften Exemplaren als Bestseller gelten, eine Entscheidung, die schwer nachzuvollziehen ist, weil das jetzt geradezu ein garantierter Verkaufsschlager ist. Und nebenbei – das Buch ist gut. Ullstein hat den Lizenzvertrag aus ideologischen Gründen gekündigt, und erklärt das offen.


    "Ausgrenzende Politik": Ullstein-Verlag schmeißt J.D. Vance aus dem Programm





    "Ausgrenzende Politik": Ullstein-Verlag schmeißt J.D. Vance aus dem Programm






    So lautet die Begründung, die der Spiegel zitiert: "Zum Zeitpunkt des Erscheinens lieferte das Buch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Auseinanderdriftens der US-Gesellschaft." Damals war Vance ein erklärter Gegner von Donald Trump. "Inzwischen agiert er offiziell an dessen Seite und vertritt eine aggressiv-demagogische, ausgrenzende Politik."

    Nun, man kann seine Rede auf dem Nominierungskongress der Republikaner anhören. Auf Deutsch gibt es nur kleine Schnipsel daraus. Auf Englisch kann man auch sein Buch "Hillbilly Elegy" nach wie vor lesen. Man kann also überprüfen, ob dieselbe Person spricht, oder ob aus ihm jemand völlig Anderer geworden ist. Das ist nicht der Fall.

    Die Nominierungsrede war etwas, was man früher, und hier rede ich von einem Zeitraum von vor mindestens 40 Jahren, in Deutschland von sozialdemokratischen Politikern erwartet hätte. Und damit nähert man sich dem wahren Grund, warum Vance unerwünscht ist. Ja, Trump ist bei den Neoliberalen nicht beliebt, er gehört nicht zu ihrem Projekt. Aber Vance ist ein junger Mann, gerade 39, und mit dieser Nominierung im Falle eines Wahlsiegs von Donald Trump, mehr oder weniger automatisch der Präsidentschaftskandidat der Republikaner für 2029, und Vance jagt ihnen einen heiligen Schreck ein.

    Dafür müssen wir einen kleinen Ausflug in ein ganz anderes Thema machen. Oder eben kein ganz anderes. In der Antwort auf eine kleine Anfrage, die Überwachung der Zeitung Junge Welt (JW) durch den Verfassungsschutz betreffend, aus dem Jahr 2021, heißt es unter anderem, "revolutionäre marxistische Grundüberzeugungen" richteten sich "gegen Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung". Und dann:


    Deutsches Wirtschaftsmagazin: "US-Modell" des Kapitalismus treibt Massen in den Wahnsinn




    Meinung

    Deutsches Wirtschaftsmagazin: "US-Modell" des Kapitalismus treibt Massen in den Wahnsinn





    "Beispielsweise widerspricht die Aufteilung einer Gesellschaft nach dem Merkmal der produktionsorientierten Klassenzugehörigkeit der Garantie der Menschenwürde. Menschen dürfen nicht zum "bloßen Objekt" degradiert oder einem Kollektiv untergeordnet werden, sondern der Einzelne ist stets als grundsätzlich frei zu behandeln."

    Nun, der Autor dieser Zeilen hat offenkundig noch nie die Ergebnisse einer Marktforschungsstudie gesehen, die die ganze Gesellschaft in Gruppen wie "junge urbane Aufsteiger" oder "statusorientierte Konsumenten" einteilt. Täglich, hundertfach. Was dann eigentlich auch verfassungsfeindlich ist – ja, noch weit mehr als bei der JW, weil diese Einteilung tatsächlich Handlungskonsequenzen hat, bei Produktdesign und Werbekampagnen, bis hin zur Preisgestaltung, im Gegensatz zu Zeitungsartikeln, deren Wirksamkeit selten derart fleischliche Qualität annimmt.

    Aber das ist es nicht. Die Verwendung des Begriffs Arbeiterklasse – so wurde das auch im Prozess wiederholt, den die Junge Welt gegen die Beobachtung angestrengt hatte und der erst vor wenigen Tagen stattfand – ist bereits verfassungsfeindlich.

    Und wie stellte sich J.D. Vance in der Nominierungsrede vor? "Ich bin ein Junge aus der Arbeiterklasse, aus einer armen weißen Familie."

    Übrigens, die Antwort des Bundesinnenministeriums zum Thema JW und die Verbotsbegründung zu Compact sind sich an vielen Punkten so ähnlich, dass man annehmen muss, ein entsprechendes Verbot für die JW liegt bereits in einer Berliner Schublade. Das gilt auch für das sehr eigenartige Bild von Menschenwürde, das im Falle der JW durch den Klassenbegriff verletzt wird, im Falle von Compact aber durch eine Beschränkung des Zugangs zur Staatsbürgerschaft (die allerhöchstens in einem Moment überhaupt etwas mit diesem Thema zu tun hat, wenn nämlich Menschen, die seit Generationen in einem Staat leben, Nichtbürger sind; aber aus der Menschenwürde allein leitet sich keinerlei Anspruch auf Staatsbürgerschaft ab). Klasse ist ein ebenso verbotener Begriff wie Volk.


    Mehr Superreiche: Vermögensverteilung in Deutschland immer ungerechter





    Mehr Superreiche: Vermögensverteilung in Deutschland immer ungerechter






    Und dann stellt sich dieser US-Senator hin und sagt einfach "ich bin ein Junge aus der Arbeiterklasse." Klar, es ist im Grunde nur in Deutschland so, dass man diese Begriffe nicht nutzen darf oder nicht nutzt. Das war übrigens auch unter den Nazis so. Unter Adenauer wurde viel Energie darauf verwandt, den Begriff der Klasse aus der Sozialforschung zu verbannen; man sollte stattdessen von der "nivellierten Gesellschaft" schreiben, und bestenfalls von "Schichten". Allerdings war selbst die Bundesrepublik unter Adenauer für heutige Verhältnisse ungeheuer egalitär. Aber gerade in einem Moment, zu dem die Klassenzugehörigkeit an den Zähnen ebenso sichtbar ist wie an der Kleidung, so zu tun, als gäbe es sie nicht, und als wäre es nicht die Ungleichheit, sondern ihre Benennung, die gegen die Menschenwürde verstößt, das ist schon von besonderer Dreistigkeit.

    Natürlich, auch eine Regierung Trump ist mit Oligarchen verbandelt, und in keiner Hinsicht eine Garantie auf Besserung, man denke nur an die Haltung zum israelischen Genozid. Vielleicht kann man etwas mehr Pragmatismus erwarten, was angesichts der Tatsache, dass die Ideologen, die derzeit die Washingtoner Außenpolitik bestimmen, ständig mit dem Atomkrieg spielen, schon ein Fortschritt wäre. Und auch Vance ist keine Garantie für irgendwas. Selbst, wenn er in seinem Buch wie in seiner Rede den Eindruck erweckt, ein Mensch mit starken Loyalitäten zu sein, also jemand, dem man nicht nur einen Geldschein vor die Nase binden muss wie dem Esel die Möhre.

    Wie tief die politische Kultur in Deutschland gesunken ist, wie weit sich dieses Land von sich selbst entfernt hat, kann man leicht erkennen, wenn man nur auf die Schwingungen lauscht, die dieser eine Satz auslöst. "Ich bin ein Junge aus der Arbeiterklasse". Das ist in der deutschen Politik inzwischen ebenso rar wie in der US-amerikanischen. Gerhard Schröder, auf den diese Beschreibung eigentlich zutraf, versteckte sich lieber hinter dicken Zigarren und Brioni-Anzügen; dass seine Mutter alleinerziehend war, lancierte er zwar gelegentlich in Personality-Artikeln, aber es war nicht zentraler Bestandteil seiner Reden, seiner Selbstbeschreibung (das hätte es vielleicht auch schwer gemacht, anderen Alleinerziehenden mit seinem Hartz IV die größte Verschlechterung seit Jahrzehnten zuzufügen).

    Wirklich, das war eine Rede, in der es um stagnierende Löhne ging. Um zerfallende Städte. Ein Thema, das auch die Demokraten bespielt haben, mit Obama. Der allerdings war der Sozialarbeiter, der aus einer doch recht elitären Familie stammt. Vance ist "Betroffener". In seinem Buch beschreibt er zerfallene Familien, geprägt von Gewalt und Drogen; er romantisiert nicht; aber es bleibt ein Eindruck übrig, bei seiner Rede wie bei seinem Buch – wichtiger als Wohlfahrtsleistungen ist die Würde. Selbst was er als Schwäche beschreibt, setzt eine Stärke voraus, von der die "Schneeflöckchen" nicht einmal träumen können; aber es ist wahrnehmbar, wie groß dabei die Wirkung nicht nur der materiellen Tatsache ist, dass die klassischen Fabrikjobs verschwunden sind und ein halbwegs gesichertes Familienleben einen College-Abschluss voraussetzt, sondern wie tief die Wunden sind, die der Verlust des gesellschaftlichen Ansehens geschlagen hat.


    "Hymne der Arbeiterklasse" – Ein Country-Song geht viral



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    Man kennt das aus Deutschland. "Sozial Schwache" gegen "Leistungsträger". Die Tatsachen haben sich nicht geändert – die Gesellschaft funktioniert nach wie vor nicht ohne Müllmänner, Putzfrauen auf Intensivstationen, Lastwagenfahrer, Kanalarbeiter und Klempner, während man auf Investmentbanker und Wirtschaftsberater problemlos monatelang verzichten könnte, aber mit den Leistungsträgern sind immer Letztere gemeint. Die ganze Lohnstruktur, die in Deutschland ohnehin viel weiter gespreizt war als in anderen europäischen Ländern (ein Blick auf die Lohntabellen der Schweiz ist da sehr lehrreich), hat sich in den letzten Jahrzehnten noch weiter zu Gunsten der leitenden Angestellten verschoben, und auch einer der Zensoren, die mit Stiftungs- oder gar Steuergeldern bezahlt bei Correctiv oder Ähnlichem sitzen, dürften mehr verdienen als der Müllmann, der ihren Dreck wegräumt.

    Dabei ist es letzten Endes nicht das Geld, das glücklich macht. Warum will denn keiner mehr Klempner lernen und wird eher Zensor bei Correctiv? Weil die gesamte Wahrnehmung von Sinn und Unsinn verschoben wurde, um zu verhindern, dass sich die Mitglieder der unteren Klassen als solche begreifen. Und vor allem, dass sie begreifen, wie wichtig sie sind, und verlangen, dass diese Bedeutung anerkannt wird. Glück aber, und das kann man von den Statistiken über psychische Erkrankungen ablesen, hängt an Sinn und Nützlichkeit; auch wenn der Zensor bei Correctiv es bewusst nicht begreift, unbewusst begreift er es, weiß er, dass die Putzfrau und der Müllmann mehr zur menschlichen Gesellschaft beitragen.

    In Deutschland stagnieren die Löhne seit 30 Jahren. Eine ganze Generation hat ihr gesamtes Arbeitsleben in einer Lage verbracht, die sich kontinuierlich weiter verschlechterte. In der sie immer schlechtere Aussichten hatten und von Politik und Öffentlichkeit behandelt wurden wie Dreck, beispielsweise, indem die früher einmal gute Erwerbsminderungsrente, die sich die meisten im Doppelsinne erarbeitet hatten, fast völlig verschwand, und nicht nur die Elendszahlungen von Hartz IV an ihre Stelle traten, sondern gleich auch noch die Diffamierung als "Langzeitarbeitsloser" (die Bürger der DDR traf das gleich doppelt).


    Oliver Anthony – Ein Hilfsarbeiter sagt dem Establishment den Kampf an


    Meinung

    Oliver Anthony – Ein Hilfsarbeiter sagt dem Establishment den Kampf an






    Genau an der Stelle liegt auch der Grund, warum die Politik der offenen Grenzen und die Begeisterung, mit der viele Kinder der Mittelschicht so gerne jeden, der in Deutschland aufschlägt, alimentieren wollen, weil das so ein tolles Gefühl der Menschlichkeit verleiht, bei den weniger Besitzenden einen tiefen Groll auslöst. Weil vielleicht doch gerne mehr Menschen mehr Kinder hätten, aber genau wissen, dass die Grundlagen dafür fehlen und es ihnen zum Vorwurf gemacht wird, wenn sie es dennoch tun. Und dann sehen, dass es bei völlig Fremden ganz in Ordnung ist, als wären die geborenen Kinder im einen Fall Freßfeinde und im anderen niedliche Hundewelpen, und nicht einfach in beiden Fällen Kinder. Wobei das mit den Freßfeinden sogar stimmen könnte, wenn man sich an die Vehemenz erinnert, mit der die etwas besseren Kleinbürger in Hamburg sich gegen eine längere gemeinsame Schulzeit wandten.

    Wenn Vance vorgeworfen wird, er sei gegen Abtreibung (was bei ihm so simpel nicht der Fall ist, der Mann versteht Widersprüchlichkeiten), dann darf man nicht übersehen, dass die Wirklichkeit heute eine andere ist als in den 1970ern. Gerade in den USA. Während es damals in der Auseinandersetzung darum ging, dass jährlich viele Frauen aus Not einen illegalen Eingriff vornahmen, der auch tödlich ausgehen konnte, ist da heute eine regelrechte Industrie, die embryonales Gewebe vermarktet und Nachschub braucht. Und die Tatsache, dass Abtreibungen einfach möglich sind, verwandelt sich schnell in eine Universalausrede, um gesellschaftliche Verantwortung für die Lebensumstände von Kindern zu verweigern. Die Mütter hätten ja abtreiben können.

    Ein Argumentationsmuster, das in Deutschland mittlerweile auch zu finden ist. Weil grundsätzlich Kinder eher als Schaden denn als Gewinn gesehen werden, eher als Luxus denn als Voraussetzung der Zukunft. Schließlich kann man Fertigmenschen importieren. Letztlich könnte der Grund, warum man im Bürgertum Migration so viel toller findet als eine bessere Absicherung von Familien der Arbeiterklasse, weitaus zynischer sein – bei jenen, die neu ins Land kommen, kann man sicher sein, dass sie für die nächsten zwei Generationen ganz am Ende der Nahrungskette bleiben und nicht zur bösen Konkurrenz der eigenen Brut um Gymnasialabschlüsse und Studienplätze werden.

    "Ich bin ein Junge aus der Arbeiterklasse". Wie groß das Bedürfnis ist, die verlorene Würde wiederzugewinnen, zeigte sich im letzten Jahr, als das Video eines einfachen Lieds plötzlich im Internet geradezu explodierte. "Rich Men North of Richmond", das war binnen Tagen beinahe eine Hymne. Dabei geht es nicht nur um das Ansehen der Arbeit, da geht es auch darum, das Widerstehen mehr zu schätzen als die Unterwerfung, das Schaffen mehr als das Verwalten, Loyalität mehr als Käuflichkeit (oder "Flexibilität") und Zusammenhalt mehr als Individualität.


    "Ausgrenzende Politik": Ullstein-Verlag schmeißt J.D. Vance aus dem Programm





    "Ausgrenzende Politik": Ullstein-Verlag schmeißt J.D. Vance aus dem Programm






    Das, was mit Konstrukten wie dem Trans-Hype gestopft wird, ist die Leerstelle, die die Löschung der Arbeiterklasse aus der offiziellen, also vor allem der kommerziellen Kultur hinterließ. Es ist mehr als sichtbar, dass eine Gesellschaft, die dies tut, auf Dauer nicht funktionieren kann; die Skala der Nebenwirkungen reicht vom Mangel an Lastwagen- und Busfahrern in Deutschland über Kriege, die angefangen werden, ohne auch nur daran zu denken, dass Granaten irgendwo produziert werden müssen, bis hin zu den US-Städten, die in der Opiatsucht versinken wie in Treibsand.

    Man hat es tatsächlich geschafft, die gesamte Kultur der Arbeiterklasse für reaktionär zu erklären, vom Kleingarten bis zum Fleischverzehr. Wie hieß das schöne Wort? "Modernisierungsverlierer". Und weil diese aufgeräumte, falsche bürgerliche Welt (mit ihrer nicht mehr ganz so subtilen Panik vor dem Abstieg) aufgeräumt in Gut und Böse geteilt ist und Status nur zu haben ist, wenn man sich nicht nur als Guter, sondern als Gutester inszeniert, wachsen Abstand zur und Verachtung für die proletarische Kultur kontinuierlich.

    Oliver Anthonys Lieder erzählen nicht nur von dem Leben, das vergessen gemacht werden sollte. Sie greifen auch stilistisch auf eine Tradition zurück, die aus der Arbeiterklasse stammt. Und gleich, ob sich in der Politik in den USA in Zukunft tatsächlich etwas ändert oder nicht, dieser eine Satz von J.D. Vance und seine glaubwürdige Loyalität zu seiner Herkunft ist das genaue Gegenteil der "reichen Männern nördlich von Richmond" auf der politischen Ebene. Ein notwendiges, ein ersehntes Aussprechen einer einfachen Wahrheit, ein Moment der Befreiung. Wofür sie ihn hassen werden; die Kündigung des Buchvertrags ist erst der Anfang.

    Denn da wird ein Tabu gebrochen, in das alle Neoliberalen mehr als 30 Jahre investiert haben, da wird das Unaussprechliche ausgesprochen, als hätte er "Jehova" gesagt.

    "Ich bin ein Junge aus der Arbeiterklasse."


    Mehr zum Thema - Michael Hudson: Über die Notwendigkeit, unseren Wortschatz des Politischen zu erneuern


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    Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.

    Info: https://freedert.online/meinung/213564-wie-jdvance-jehova-gesagt-hat


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.




    Weiteres:




    Ullstein-Verlag streicht des Buch von J.D.Vance


    aus e-mail von Doris Pumphrey, 26. Juli 2024, 00:34 Uhr


    https://www.spiegel.de/kultur/literatur/j-d-vance-ullstein-verlag-wirft-hillbilly-elegie-aus-dem-programm-a-4d26e14d-0bae-4db8-b0bf-c8f389b3323d

    24.7.2024


    *Aus politischen Gründen

    Ullstein-Verlag wirft Buch von J.D. Vance aus dem Programm

    *(…) In Deutschland veröffentlichte der Ullstein-Verlag 2017 eine

    Übersetzung des Buches – und auch hier wurde die »Hillbilly-Elegie« zum

    Bestseller. (…) Nun ist das Buch auch aus dem Verlagsprogramm

    verschwunden und auf der Ullstein-Website taucht es nicht mehr auf. Was

    steckt hinter dem Verschwinden?

    *»Ausgrenzende Politik«

    *Tatsächlich hat sich der Ullstein-Verlag in der vergangenen Woche dafür

    entschieden, den Lizenzvertrag mit J.D. Vance nicht zu verlängern und

    entsprechend keinen Nachdruck zu liefern. Das bestätigte eine

    Verlagssprecherin gegenüber dem SPIEGEL.

    Als maßgeblicher Grund dafür wird der politische Wandel des Autors

    angeführt. »Zum Zeitpunkt des Erscheinens«, so der Verlag, »lieferte das

    Buch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Auseinanderdriftens

    der US-Gesellschaft.« Vance habe eine authentische Darstellung vom

    Aufwachsen in der verarmten weißen Arbeiterklasse geboten, zudem habe er

    sich damals wiederholt von Donald Trump distanziert. »Inzwischen agiert

    er offiziell an dessen Seite und vertritt eine aggressiv-demagogische,

    ausgrenzende Politik«, teilt der Ullstein-Verlag mit. So habe sich der

    Verlag kürzlich entschlossen, den Vertrag mit dem Autor nicht zu erneuern.



    Berliner Zeitung 16.7.2024

    <https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/buch-von-trumps-vize-vance-hillbilly-elegie-ueber-verlierer-des-amerikanischen-traums-li.2235553>


    *Das Buch von Trumps Vize Vance: „Hillbilly-Elegie“ über Verlierer des

    amerikanischen Traums


    *Wo die Trump-Wähler wohnen: Bevor J.D. Vance Politiker wurde, schrieb

    er über den abgehängten Rust Belt, aus dem er kommt. Hier unsere

    Rezension aus dem Archiv.

    von Arno Widmann


    /Donald Trump wird mit J.D. Vance als Vize in die US-Wahl ziehen. Der

    Parteitag der Republikaner nominierte das Kandidatenpaar am Montag.

    Vance ist derzeit Senator in Ohio, aber bevor er in dieses Amt gewählt

    wurde, hat er ein Buch veröffentlicht. „Hillbilly Elegy“ erschien 2016,

    auf Deutsch ein Jahr später (Ullstein). Es galt gleich als

    Trump-Erklärbuch, auch wenn der Name nicht fällt. Vance berichtet vom

    weißen Prekariat in den Bergen der Appalachen, dem Rust Belt, in dem von

    der Industrie kaum etwas übrig ist und wo um die Jahrtausendwende die

    Opioid- und Heroinkrise Einzug hielt. Vance weiß, worüber er schreibt,

    denn er kommt aus diesem Milieu. Es ist seine Geschichte, die

    Bundeskanzler Olaf Scholz nach eigenem Bekunden zu Tränen rührte. Wir

    veröffentlichen aus Anlass von J.D. Vance Nominierung unsere Besprechung

    des Buchs aus dem Jahr 2017 noch einmal./


    Hätte Donald Trump die Wahlen nicht gewonnen, das Buch wäre kein

    Bestseller geworden. Ja, ohne die Erklärung dieses Erfolges mit der

    These, es sei die weiße Armut gewesen, die ihn zum Präsidenten gemacht

    hätte, hätte die „Hillbilly-Elegie“ wohl bei weitem nicht die

    Aufmerksamkeit erhalten, die sie Ende vergangenen Jahres erfuhr.

    Inzwischen liegen genauere Daten über die Wähler Donald Trumps vor. Sie

    zeigen ein etwas anderes Bild von denen, die Amerika wieder groß machen

    wollen.


    Autor J. D. Vance, geboren in Kentucky, wuchs bei seinen Großeltern in

    Middletown, Ohio auf, in einer längst abgewrackten Hochburg von Amerikas

    Stahlindustrie. Rings um ihn waren alle arbeitslos, zu Hause gab es

    Drogen, er wurde geschlagen. Vance floh zu den Marines, war im

    Irakkrieg, dann studierte er Jura. Auch in Yale, wo er bei Amy Chua

    lernte, der Autorin von „Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern

    das Siegen beibrachte“. Heute lebt Vance in San Francisco und arbeitet

    in einem von Peter Thiels Investmentfonds.


    Vance hat es geschafft: Er hat seine Heimat hinter sich gelassen, jenes

    Hinterwäldler-Milieu der weißen Arbeiter, die noch stolz darauf waren,

    es zu sein, als sie es längst nicht mehr waren. In den 80er-Jahren

    begann der Abstieg. Heute geht man in Middletown durch Straßen mit

    leerstehenden Häusern, in denen einst Geschäfte waren. Nachts blüht der

    Drogenhandel.


    *Hier wissen die Leute, welches Amerika Trump meint, wenn er sagt „Make

    America great again“


    *Vance schreibt, dass 2014 in Butler County, dem Bezirk, zu dem

    Middletown gehört, mehr Menschen an Rauschgift starben als eines

    natürlichen Todes. J.D. Vance spricht angesichts dieser Situation von

    „erlernter Hilflosigkeit“. Sie wird von Generation zu Generation

    weitergegeben, zusammen mit der Legende von den die Gemeinschaft

    angeblich bestimmenden Werten wie „Loyalität, Ehre, Patriotismus und

    Arbeitsethik“. Während in Wahrheit Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit

    und familiäre Gewalt das Leben bestimmen.


    So kritisch Vance die „Hinterwäldler“ betrachtet, so liebevoll tut er es

    auch. Das ergibt den elegischen Grundakkord seines Buches. Er hat es

    seinen Großeltern gewidmet, seinen ganz persönlichen „hillbilly

    terminators“. Der gesellschaftliche Abstieg der Region und ihrer

    Bewohner führt zu einer Idealisierung der Jahre des Erfolgs.


    Hier fragt niemand nach, welches Amerika Trump meint, wenn er von „Make

    America great again“ spricht. Die weißen Arbeiter denken an die Jahre,

    da sie noch einen Job, ein Haus und alle paar Jahre ein neues Auto

    hatten. Für die meisten freilich sind das Erzählungen aus einer lange

    vergangenen Zeit, Märchen von einem goldenen Zeitalter. Da es diese Welt

    einmal wirklich gegeben haben soll, muss es, so denken sie, doch möglich

    sein, sie wiederherzustellen. Um der Hoffnungslosen willen ist uns die

    Hoffnung gegeben.



    *Olaf Scholz „Zu Tränen gerührt“:

    <https://www.berliner-zeitung.de/news/zu-traenen-geruehrt-olaf-scholz-liest-gerne-das-buch-des-trump-vertrauten-jd-vance-li.2235465>

    *(…) I*n einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, das am 29. Juli

    2023* erschienen ist, gestand Bundeskanzler Olaf Scholz, dass er J.D.

    Vances Buch gerne gelesen habe. Es solle ihn zu Tränen gerührt haben. Im

    Interview bestätigt dies Scholz. „Ja. Und es hat mir auch geholfen, mein

    eigenes Verständnis für das zu schärfen, was für eine moderne,

    fortschrittliche, ich würde sagen sozialdemokratische Politik im 21.

    Jahrhundert wichtig ist: All die vielen, die arbeiten, sich anstrengen

    und den Laden am Laufen halten, müssen relevant bleiben. Sie müssen die

    Aussicht auf eine gute Zukunft für sich und ihre Kinder haben und

    Respekt erfahren. (...) Wenn aber der Respekt für diese Lebenswege

    verloren geht, wenn sie das Gefühl bekommen, es geht in der Gesellschaft

    nicht mehr um sie, droht Trumpismus und das, was wir heute in vielen

    wohlhabenden Staaten beobachten müssen: Rechtspopulistische Parteien

    preisen ihren übel gelaunten, Ressentiment-geladenen Blick in die

    Vergangenheit an.“ (…)



    *Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.06.2017

    <https://www.perlentaucher.de/buecherschau/2017-06-24.html#TAZ>


    *Für Rezensent Klaus Bittermann ist J. D. Vance "Hillbilly-Elegie" schon

    jetzt eines der lesenswertesten Sachbücher des Jahres. Ebenso

    eindringlich wie kurzweilig erzählt ihm der in einer Arbeiterfamilie in

    der Provinz im Rust Belt aufgewachsene Autor von seiner schwierigen

    Kindheit und Jugend, in der er für seine drogensüchtige Mutter

    Urinproben für das Gesundheitsamt abgeben und die er vor Gericht

    entlasten musste, wenn sie ihn wieder einmal verprügelt hat. Vance

    verzichtet dabei auf soziologische Analysen, gewährt aber so tiefe

    Einblicke in die psychische Struktur der Hillybillys, dass der Kritiker

    den "deklassierten weißen Arbeiter" nach der Lektüre besser versteht.

    Ein grandios geschriebenes Buch, das den Vergleich mit Didier Eribons

    "Rückkehr nach Reims" nicht scheuen muss, schwärmt Bittermann.


    *Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.04.2017

    <https://www.perlentaucher.de/buecherschau/2017-04-15.html#WELT>


    *Rezensentin Mara Delius hat J. D. Vance' im amerikanischen Original

    bereits vor einem Jahr erschienene "Hillbilly Elegie" nicht ohne

    Anteilnahme gelesen. Der 33-jährige Investor, der in der Unterschicht

    von Ohio aufgewachsen ist, erzählt ihr hier seine Familiengeschichte

    zwischen "chaotischer Arbeitslosigkeit, alkoholisierter Armut und

    aggressiver Verzweiflung", verzichtet dabei glücklicherweise auf Pathos

    und jegliche Klischees und liefert stattdessen ein vielschichtiges

    "Psychogramm" jener Abgehängten, die in ihrer Frustration feststecken,

    so Delius. Wie Vance in dieser Mischung aus Memoir, Kulturgeschichte und

    "erzählendem Sachbuch" mit "offenem" Blick von den kulturellen,

    religiösen und familiären Eindrücken schreibt - ohne dabei zu

    politisieren -, hat die Kritikerin beeindruckt.


    *Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2017

    <https://www.perlentaucher.de/buecherschau/2017-04-07.html#FAZ>


    *So sieht sie also aus, die Lebenswelt der Iroschotten in den USA, meint

    Michael Hochgeschwender. Die Autobiografie des Unternehmensberaters und

    Aufsteigers J. D. Vance, der mit diesem Buch seine Migrantenwurzeln

    freilegt und dem Leser zugleich eine ganze Gemeinde eingefleischter

    Landeier und Trumpwähler vorstellt, scheint ihm lebensvoll und nicht

    ohne Ironie gezeichnet. Der Rezensent lernt eine traditionelle,

    ethnokulturell, regional und sozial definierte Gemeinschaft kennen, die

    der Autor mit Sympathie und auch mit einer gewissen Distanz zeichnet.

    Die Schwäche des Buches liegt für den Rezensenten in der

    Ausschließlichkeit der intimen Perspektive. Die Reflexion der eigenen

    auktorialen Position hätte dem Ganzen gut getan, findet Hochgeschwender.


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

    26.07.2024

    Das Mittelstreckenwaffenbündnis      Bundesregierung will Rüstungskooperation mit Großbritannien ausbauen, unter anderem in der Produktion von Mittelstreckenwaffen. Ziele sind größere Unabhängigkeit von den USA und eine europäische Front gegen Russland.

    german-foreign-policy,com,

    LONDON/BERLIN (Eigener Bericht) – Die Bundesregierung strebt eine intensivere Rüstungskooperation mit Großbritannien an und sucht damit die Abhängigkeit Deutschlands von US-Waffenschmieden zu reduzieren. Dies geht aus einer gemeinsamen Erklärung hervor, die Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein britischer Amtskollege John Healey am Mittwoch unterzeichnet haben. Demnach wollen beide Länder in Zukunft bei der Entwicklung, Produktion und Beschaffung von Kriegsgerät eng zusammenarbeiten, unter anderem bei der Herstellung einer Mittelstreckenwaffe, mit der von deutschen Standorten aus Moskau erreicht werden kann. Noch unklar ist, ob es sich um eine Hyperschallrakete handelt. Pläne zu einer engeren Kooperation, die auch eine intensive militärische Zusammenarbeit einschließt, werden seit gut zehn Jahren geschmiedet; sie wurden allerdings nach dem Brexit durch die Bestrebungen Berlins und der EU gestoppt, den britischen Austritt scheitern zu lassen bzw. London für ihn zu bestrafen. Schon seit dem Beginn des Ukraine-Krieges nähern sich beide Seiten in militärpolitischen Fragen wieder an – mit dem Ziel, eine gemeinsame Front gegen Russland zu bilden.


    Ziel: Unabhängigkeit von den USA

    Eine engere Rüstungs- und Militärkooperation streben Deutschland und Großbritannien bereits seit einem guten Jahrzehnt an. Um einen Ausbau der diesbezüglichen Beziehungen ging es beiden Staaten schon vor dem Brexit, so bei wechselseitigen Besuchen der damaligen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und ihres britischen Amtskollegen Michael Fallon im Jahr 2014. Die im November 2015 vorgelegte britische Militärstrategie (Strategic Defence and Security Review) hielt ausdrücklich fest: „Wir streben eine Intensivierung unserer sicherheits- und verteidigungspolitischen Beziehungen zu Deutschland an.“[1] Der Brexit änderte im Kern daran nichts; er stärkte sogar das Kooperationsinteresse bei der EU: „Der Verlust der kompetentesten Streitkräfte“ Europas, der britischen, habe die EU „geopolitisch mehr geschwächt“, als sie es eingestehen wolle, stellte im vergangenen Jahr rückblickend der European Council on Foreign Relations (ECFR) fest. Gelinge es, London militärpolitisch zum „Andocken“ an Brüssel zu bewegen, dann lasse sich besser „strategische Souveränität“ – Unabhängigkeit von den USA – erreichen.[2] Insofern sei ein Ausbau der militärischen Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich auch für die EU ein unbedingt anzustrebendes Ziel.


    Streit um den Brexit

    War die damalige Premierministerin Theresa May in den ersten Jahren nach dem Brexit-Referendum noch bemüht, die Tür zur rüstungs- und militärpolitischen Kooperation mit der Bundesrepublik und der EU offenzuhalten, so scheiterte dies zunächst am Bestreben der Union, den britischen Austritt scheitern zu lassen bzw. das Vereinigten Königreich politisch für ihn zu bestrafen. Als Beispiel dafür kann der Streit um Galileo gelten. Großbritannien hatte das Satellitennavigationssystem der EU, das Brüssel Unabhängigkeit vom US-System GPS verschaffen soll, mitentwickelt und rund 1,2 Milliarden Pfund in es investiert.[3] Brüssel bestand nun aber in den Brexit-Verhandlungen darauf, das Vereinigte Königreich nach seinem Austritt wie einen gewöhnlichen Drittstaat zu behandeln.[4] Das war formal korrekt, trug jedoch neben diversen weiteren Streitpunkten dazu bei, die Beziehungen zwischen London und der EU zu zerrütten. Das wiederum erwies sich als hinderlich für die Bestrebungen, militärisch enger mit Großbritannien zu kooperieren, um perspektivisch von den Vereinigten Staaten unabhängiger zu werden. Das Vereinigte Königreich wiederum musste weiterhin mit GPS vorlieb nehmen: eine klassische lose-lose-Situation mit gravierenden Nachteilen für beide Seiten – auch für die EU.


    Rückkehr zur Kooperation

    Eine Rückkehr zu einer intensiveren Zusammenarbeit vollzogen Berlin, Brüssel und London erst nach Beginn – und unter dem Druck – des Ukraine-Kriegs. Großbritannien und die EU stimmten sich nicht nur bei der Verhängung von Sanktionen und anderen Maßnahmen gegen Russland, sondern auch bei der Aufrüstung der Ukraine ab, dies allerdings überwiegend im NATO-Rahmen. Anfang März 2022 nahm die damalige britische Außenministerin Liz Truss an einem Treffen mit ihren EU-Amtskollegen zur Planung der künftigen Unterstützung für die Ukraine teil. London hat, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) berichtet, etwa dazu beigetragen, „die EU-Ausbildungsoperation für die ukrainischen Streitkräfte zu gestalten“, weil es schon umfangreichere Erfahrung mit militärischen Trainingsmaßnahmen für ukrainische Truppen besaß.[5] Seit Beginn dieses Jahres arbeiten Deutschland und das Vereinigte Königreich auch auf binationaler Ebene enger zusammen. Im April 2024 unterzeichneten Kanzler Olaf Scholz und Premierminister Rishi Sunak eine Vereinbarung zur Ausweitung der Militär- und Rüstungskooperation.[6] Am Mittwoch folgte nun eine weitere Übereinkunft zwischen den Verteidigungsministern beider Länder, die insbesondere die gemeinsame Entwicklung, Produktion und Beschaffung von Waffen vorsieht.[7]


    Rüstungszusammenarbeit

    Eine deutsch-britische Zusammenarbeit in der Rüstungsproduktion ist nicht neu; sie gilt aber als, höflich formuliert, ausbaufähig. Bekannt ist die Kooperation bei der Fertigung des Eurofighters, der in Großbritannien Typhoon genannt wird; er wird von Airbus, BAE Systems (Vereinigtes Königreich) und Leonardo (Italien) gemeinsam hergestellt. Rheinmetall arbeitet mit BAE Systems bei der Fertigung des Radpanzers Boxer zusammen, den die britische Armee zur Zeit beschafft.[8] Ergänzend haben Berlin und London im April beschlossen, auch bei der Fertigung eines neuen Artilleriegeschützes zu kooperieren, das auf das Fahrgestell des Boxers montiert werden soll; es handelt sich dabei um die Remote-Controlled Howitzer 155mm (RCH 155).[9] Nun wollen beide Seiten die Rüstungszusammenarbeit intensivieren. Wie der britische Verteidigungsminister John Healey am Mittwoch bei seinem Treffen mit seinem Amtskollegen Boris Pistorius mitteilte, wird Großbritannien sich an Entwicklung und Produktion einer europäischen Mittelstreckenwaffe beteiligen, die Deutschland, Frankreich, Italien und Polen am Rande des NATO-Jubiläumsgipfels in Washington initiiert haben.[10] Ob es sich um eine ballistische Rakete, einen Marschflugkörper oder eine Hyperschallrakete handeln wird, ist noch nicht bekannt.


    FCAS vs. Tempest

    An einem Opfer des Brexits auf dem Feld der Rüstung laboriert die Bundesrepublik noch heute. An der Entwicklung eines Kampfjets der neuesten, sechsten Generation, die unter der Bezeichnung Future Combat Air System (FCAS) vorangetrieben wird, hatte sich zunächst neben Airbus und Dassault (Frankreich) auch BAE Systems beteiligt. Im Jahr 2018 wurde BAE Systems dann aber aus dem Gemeinschaftsprojekt hinausgedrängt: Man sei nicht dazu bereit, bei einem so bedeutenden Rüstungsprojekt mit einem Konzern zusammenzuarbeiten, der in einem Land außerhalb der EU ansässig sei, hieß es.[11] Airbus und Dassault sind seitdem zu zweit mit dem FCAS befasst, inzwischen freilich unter Beteiligung spanischer Airbus-Filialen. Das dutzende Milliarden Euro teure Projekt stand wegen ständiger deutsch-französischer Rivalitäten immer wieder auf der Kippe. Aktuell heißt es bei Dassault, man könne voraussichtlich erst im Jahr 2045 mit einer Indienststellung des FCAS rechnen. BAE Systems wiederum hat nach dem Ausschluss vom FCAS begonnen, einen eigenen Kampfjet der sechsten Generation zu entwickeln; inzwischen beteiligen sich die Konzerne Leonardo (Italien) und Mitsubishi Heavy Industries (Japan) daran. Das Projekt namens Tempest – formale Bezeichnung: Global Combat Air Programme (GCAP) – könnte schon 2035 einsatzfähig sein, deutlich früher als das FCAS.[12]

     

    [1] S. dazu Ein gefährliches Spiel.

    [2] Jeremy Shapiro, Jana Puglierin: The art of vassalisation: How Russia’s war on Ukraine has transformed transatlantic relations. European Council on Foreign Relations: Policy Brief. April 2023. S. auch Der „Vasallisierung” entkommen.

    [3] Jessica Elgot: UK may never recover £1.2bn invested in EU Galileo satellite system. theguardian.com 30.11.2018.

    [4] Tim Shipman: Galileo satellites offer axed in cabinet Brexit rebellion. thetimes.com 25.11.2018.

    [5] Nicolai von Ondarza: Das Vereinigte Königreich und die EU: Neue Möglichkeiten, alte Hindernisse. SWP-Aktuell 2024/A 32. Berlin, 28.06.2024.

    [6] Joint understanding on security and defence. Berlin, 24.04.2024.

    [7] Stärkung der deutsch-britischen Beziehungen: Pistorius empfängt Healey in Berlin. bmvg.de 24.07.2024.

    [8] S. dazu Rheinmetall im Aufwind.

    [9] George Allison: Britain to purchase Boxer-based RCH155 artillery systems. ukdefencejournal.org.uk 24.04.2024.

    [10] S. dazu Moskau in Schussweite.

    [11] S. dazu Führungskampf in der EU-Rüstungsindustrie.

    [12] Tim Kanning, Philip Plickert, Christian Schubert, Niklas Záboji: Kampfjet GCAP nimmt Form an. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.07.2024.


    Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9632


    unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.

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