aus e-mail von Doris Pumphrey, 1. Mai 2025, 9:33 Uhr
Berliner Zeitung 31.5.2025
<https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/zeitenwende-in-afrika-wir-haben-die-spielregeln-mit-dem-westen-neu-definiert-li.2328780>
*Zeitenwende in Afrika:
„Wir haben die Spielregeln mit dem Westen neu definiert“
*/Raphael Schmeller, Simon Zeise/
9. Mai in Moskau. Ein junger afrikanischer Offizier nimmt an den
Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Sieges über den Faschismus teil.
Seine Anhänger sehen in Ibrahim Traoré den „Che Guevara Afrikas“. Der
erst 37-jährige Staatschef von Burkina Faso zeigt sich wie die
kubanische revolutionäre Ikone stets mit Barett und in Uniform, hat die
frühere Kolonialmacht Frankreich aus dem Land vertrieben und
verstaatlicht die heimischen Bodenschätze.
*Traoré will das Land modernisieren
*Traoré, der momentan jüngste Staatschef der Welt, griff im September
2022 nach der Macht. Er verdrängte den Offizier Paul-Henri Damiba aus
dem Präsidentenamt, mit dem er zunächst den Militärputsch durchgeführt
hatte, dem er schließlich aber vorhielt, zu zaghaft gegen die im Land
wütenden dschihadistischen Terrorgruppen vorzugehen.
In Moskau wirbt Traoré um Unterstützung. Burkina Faso ist eines der
ärmsten Länder der Erde. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von
Landwirtschaft, doch die Sahel-Zone ist karg. Traoré möchte Traktoren
kaufen und den Burkinern die Möglichkeit geben, in Russland zu
studieren, damit sie später mit ihrem Wissen das Heimatland aufbauen
können. Wladimir Putin hebt die Leistung der Burkiner im Kampf gegen
Nazi-Deutschland hervor: 30.000 Soldaten kämpften in der Armee des
französischen Exilpräsidenten Charles de Gaulle gegen Hitler.
Heute ist das Verhältnis zu Frankreich schwer belastet. Seit 2013 führte
die französische Armee einen Antiterrorkampf gegen islamistische
Rebellen im Land. Doch nach einigen ersten Erfolgen verschlechterte sich
die Situation zunehmend. Aus der ursprünglich begrüßten Intervention
wurde ein Symbol neokolonialer Bevormundung.
*Burkina Faso setzt französische Armee vor die Tür
*Der Botschafter Burkina Fasos in Deutschland, Justin Ouoro, sagt im
Gespräch mit der Berliner Zeitung, der Bruch mit Frankreich sei auch
deshalb erfolgt, weil Paris nicht genügend Waffen verkaufen wollte. „Bis
2022 hatten wir im Durchschnitt eine Kalaschnikow für drei Soldaten. Die
Terroristen waren besser ausgerüstet als die Armee“, sagt der
Botschafter. Schließlich habe man sich anderen Ländern zugewandt –
konkret China, der Türkei und eben Russland.
Anfang 2023 reichte es Traoré. Die französische Armee wurde des Landes
verwiesen. Eine Schmach für die Grande Nation, die Afrika als ihren
Hinterhof betrachtet. Präsident Emmanuel Macron tobte und warf den
Afrikanern „Undankbarkeit“ vor.
Für Botschafter Ouoro ist Macrons Aussage eine komplette Umkehrung der
Geschichte. „Wir Afrikaner haben so viel zum Wohlstand der Welt
beigetragen, aber wir profitieren heute am wenigsten davon. Wenn sich
jeder die Blutschuld der Sklaverei, der Kolonialisierung, des
Neokolonialismus und des Imperialismus eingestehen müsste, könnten wir
uns wahrscheinlich nicht mehr in die Augen sehen“, sagt er. „Die
Äußerungen des französischen Präsidenten sind, gelinde gesagt,
unangemessen.“
Statt auf die Europäer setzt Traoré auf Panafrikanismus. Im Zuge der
geopolitischen Neuausrichtung ist Burkina Faso eine enge Allianz mit
Mali und Niger eingegangen. Die sogenannte Sahel-Allianz verfolgt das
Ziel, die Sicherheit, die wirtschaftliche Entwicklung und die politische
Souveränität der beteiligten Staaten zu stärken. Diese Partnerschaft
wird als Gegenmodell zum westlich geprägten Bündnis „Westafrikanische
Wirtschaftsgemeinschaft“ (Ecowas) gesehen.
Dank dieser Neuausrichtung ist Burkina Faso heute militärisch gestärkt.
Die Regierung hat die Armee reorganisiert, vergrößert und besser
ausgerüstet, um effektiver gegen Terroristen vorgehen zu können. Die
Regierung betont, dass sich die Sicherheitslage seit 2022 deutlich
verbessert habe. Es gebe keine Landesteile, in die sich die Armee nicht
begeben könne. Die Behauptung, die Regierung kontrolliere nur 50 Prozent
des Landes, bezeichnet Botschafter Ouoro als „Fake News“.
*Außenministerin Baerbock setzte auf Blockade
*Doch trotz aller Differenzen strebt die Regierung in der Hauptstadt
Ouagadougou keinen vollständigen Bruch mit seinen alten Partnern an.
„Wir haben nicht mit dem Westen gebrochen, sondern die Spielregeln neu
definiert“, erklärt Botschafter Ouoro. Man lehne es nunmehr ab, dass ein
Land komme und seine Prinzipien und Werte diktiere. „Wir haben mit dem
Kolonialismus gebrochen. Wir akzeptieren nicht mehr, dass man uns unsere
Entscheidungen vorschreibt und bestimmt, mit wem wir befreundet sein
können und mit wem nicht.“ Diese Zeiten seien nun vorbei. „Wenn die
westlichen Länder heute mit uns Geschäfte machen wollen, sind sie
herzlich willkommen. Unsere Bedingungen sind einfach und verständlich:
Erstens muss es sich um eine Win-win-Kooperation auf Augenhöhe handeln
und zweitens muss unsere Souveränität respektiert werden.“
Ein Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit sei Deutschland: „Wir
haben keine Probleme mit Deutschland. Im Gegenteil: Wir haben eine
militärische Zusammenarbeit in den Bereichen Ausrüstung und Ausbildung.
Wir würden es begrüßen, wenn diese Zusammenarbeit weiter ausgebaut
würde“, so der burkinische Botschafter im Gespräch.
Für das Bundesverteidigungsministeriumhat Burkina Faso eine
strategische Bedeutung: „Angesichts der sicherheitspolitischen
Herausforderungen in der Region bleibt ein stabiler Sahel auch im
deutschen Interesse“, teilt das Ministerium auf Anfrage der Berliner
Zeitung mit. Aktuell bestehe eine Kooperation mit Burkina Faso, Mali und
Niger auf niedrigschwelligem Niveau im Bereich der militärischen
Ausbildungshilfe mit „nicht-letalen Mitteln“.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sagte im April letzten
Jahres in einer Grundsatzrede, Deutschland habe ein vitales Interesse an
einem stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Sahel. Natürlich müsse
mittel- und langfristig die Demokratie das Ziel sein. Aber, so
Pistorius, „das darf nicht dazu führen, dass wir demokratische
Verhältnisse zu einer Voraussetzung unseres Engagements machen.“
Mit seiner Haltung stand Pistorius im Kontrast zur damaligen
Außenministerin Annalena Baerbock. Pistorius und Entwicklungsministerien
Svenja Schulze hätten die Lage im Sahel besser erkannt, schreibt die
CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in einer Analyse. Während
Schulze und Pistorius Reisen in die Region unternahmen, habe „das
Auswärtige Amt noch auf Boykottlinie“ gelegen. Bei der von Deutschland
im Juli 2024 ausgerichteten Sahel-Konferenz mussten die Staatschefs von
Mali, Niger und Burkina Faso auf Drängen Baerbocks fernbleiben. Aus
Sicht der KAS war dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt. Das Resultat:
Die drei Sahel-Länder seien politisch gestärkt und befänden sich
mittlerweile auf einem „Powertrip“.
*Wirtschaft wird verstaatlicht
*Unterdessen treibt Traoré die Unabhängigkeit des Landes voran. Beim
Bergbau akzeptiert die Regierung es nicht länger, dass ausländische
Unternehmen den größten Teil des Gewinns aus den Ressourcen für sich
beanspruchen. Die Gesetze wurden entsprechend angepasst. Unternehmen,
die sich der Neuverteilung der Profite verweigern, verlieren ihre
Konzessionen. So wurden die vom britischen Konzern Endeavour Mining
betriebenen Minen Boungou und Wahgnion im August 2024 von der
Traoré-Regierung verstaatlicht. Im Frühjahr 2025 wurde eine bedeutende
Goldlizenz an das russische Unternehmen Nordgold neu vergeben.
Ein zentrales Ziel des wirtschaftlichen Umbaus ist die Abschaffung des
CFA-Franc und die Einführung einer eigenen Währung. Der CFA-Franc,
ursprünglich als „Franc des Colonies Françaises d’Afrique“ eingeführt,
ist eine Währung, die in 14 west- und zentralafrikanischen Ländern
verwendet wird. Obwohl er formal von den jeweiligen Zentralbanken
verwaltet wird, ist der CFA-Franc bis heute eng an den Euro gekoppelt
und unterliegt der Kontrolle des französischen Finanzministeriums.
Frankreich garantiert seine Konvertibilität, verlangt im Gegenzug jedoch
die Hinterlegung eines Teils der Währungsreserven bei der französischen
Zentralbank. Kritiker sehen darin ein Relikt kolonialer Abhängigkeit
sowie ein massives Hindernis für wirtschaftliche Souveränität.
„Wir verfolgen einen revolutionären Ansatz und bauen auf den Erfahrungen
von Thomas Sankara auf“, beschreibt Botschafter Ouoro die Politik seines
Landes. Sankara war von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 Präsident und
gilt in Burkina Faso und weit darüber hinaus als Symbol afrikanischer
Selbstermächtigung. Seine Regierung war geprägt von radikalen Reformen:
Er startete groß angelegte Impfkampagnen, förderte Bildung und
Frauenrechte, trieb die Aufforstung gegen die Wüstenbildung voran und
setzte auf wirtschaftliche Autarkie. Er kürzte die Gehälter von
Funktionären, verbot Luxusdiplomatie und verteilte verstaatlichten Boden
an Kleinbauern. Seit Sankara trägt das Land nicht mehr den Kolonialnamen
Obervolta, sondern heißt Burkina Faso – das „Land der aufrechten Menschen“.
Sankara kritisierte die Schuldenpolitik des Internationalen
Währungsfonds als neue Form der Versklavung und lehnte es ab, den Preis
für westliche Entwicklungshilfe mit dem Verlust von Souveränität zu
bezahlen. Damit machte er sich viele Feinde. 1987 wurde er unter bis
heute nicht restlos geklärten Umständen ermordet. Viele Beobachter gehen
von einer Mitverantwortung Frankreichs aus.
*Angst vor ausländischen Invasoren
*Heute beruft sich die Regierung unter Präsident Traoré ausdrücklich auf
Sankaras Erbe. Der politische Kurs – wirtschaftliche Unabhängigkeit,
Kampf gegen Korruption, territoriale Kontrolle, soziale Gerechtigkeit
und ein Bruch mit neokolonialen Abhängigkeiten – versteht sich als
Fortführung des 1987 gewaltsam unterbrochenen Weges.
Auch gegen die internationale Kritik von Organisationen wie Human Rights
Watch wehrt sich die Regierung vehement. Die US-amerikanische
Menschenrechtsorganisation hatte im März einen Bericht veröffentlicht,
dem zufolge von mit der Militärregierung verbündeten bewaffneten
Einheiten Massaker an Zivilisten begangen worden seien. „Wenn bewaffnete
Terroristen Zivilisten angreifen und töten, schweigen sie. Wenn die
Armee hingegen Terroristen tötet, behaupten sie, dass es sich um
Zivilisten handelt“, so Ouoro. „Unsere Politik gefällt nicht allen, weil
sie Interessen berührt. Daher ist es normal, dass es diese
Desinformation gibt. Die Terroristen verfügen über die neuesten Drohnen,
Waffen und so weiter, was bedeutet, dass sie von Staaten unterstützt
werden, deren Interessen wir berühren. Es ist schade, dass einige Mächte
unschuldige Menschen auf dem Altar ihres Wohlstands opfern. Burkina Faso
will einfach nur in Würde auf dem Land seiner Vorfahren leben“, so der
Botschafter weiter.
Trotz aller Widerstände scheint man in Ouagadougou überzeugt vom
eingeschlagenen Weg. „Wir kämpfen für unsere territoriale, ökonomische
und politische Souveränität“, fasst der Botschafter Ouoro zusammen.
„Diese Zeitenwende ist unumkehrbar.“
Immer wieder schwebt deshalb das Damoklesschwert einer westlichen
Militäroperation über den Köpfen der Sahel-Staatschefs. Im April hatten
Äußerungen des Oberkommandierenden des US Africa Command (Africom),
Michael Langley, für Unruhe gesorgt. Langley hatte in einer Befragung
des US-Senats Traoré vorgeworfen, dass dieser die Goldreserven Burkina
Fasos verstaatliche, um „seine Junta zu schützen“. Die burkinische
Staatsführung erklärte wenige Tage später, sie habe eine amerikanische
Militärintervention aus der angrenzenden Elfenbeinküste verhindert.
Menschenmassen strömten durch Ouagadougou. Demonstranten hielten
Transparente mit einem Foto von General Langley hoch, auf dessen Kopf
mit rotem Filzstift das Wort „Sklave“ geschrieben war. Andere schwenkten
die Flaggen Burkina Fasos und Russlands. Langley korrigierte seine
Aussage Ende Mai. Seine Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen
worden. Er habe nur darauf hinweisen wollen, dass mehr finanzielle
Mittel für die Antiterrorbekämpfung in der Sahel-Region zur Verfügung
gestellt werden müsse.
*Unterstützung aus Berlin
*Auch in der burkinischen Diaspora wird mitgefiebert. „Die Regierung
versucht viele Schritte zu unternehmen, damit die Bevölkerung von den
Bodenschätzen des Landes profitiert“, sagt Clément Drabo vom Burkina
Faso Kulturverein Berlin <https://burkinafaso-kulturverein.org/>, im
Gespräch mit der Berliner Zeitung. Zum Beispiel habe die Regierung
Maßnahmen zur Stärkung der heimischen Textilindustrie verhängt. „Burkina
Faso wird jetzt weniger von Importen abhängig, und die zahlreichen
Weberinnen im Land produzieren mit heimischer Baumwolle und statten
damit Staatsbedienstete, Richter und Ärzte aus“, sagt Drabo. „Auch
Präsident Traorés Uniform wurde von Weberinnen aus Burkina Faso
hergestellt - ein Symbol für den Aufbruch im Land.“
„Ich hoffe, dass die Sahel-Allianz bestehen bleibt. Es ist sicher
schwierig, weil viele verschiedene Interessen vereint werden müssen“,
sagt Drabo. Eine kooperative Zusammenarbeit der Länder wäre für die
Region am besten, sagt er – für die wirtschaftliche Entwicklung und die
Sicherheit der Menschen. In Berlin sei in der zweiten Jahreshälfte ein
Fest mit allen Ländern der Sahel-Allianz geplant.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.