nachdenkseiten.de, 08. Juni 2025 um 13:00 Ein Artikel von Detlef Koch
Während sich Israel nach außen als westlich-demokratische Bastion präsentiert, verfestigt sich im Inneren ein autoritärer Block, der offen das Ende der säkularen Staatsordnung anstrebt. Gleichzeitig hält die politische Klasse Deutschlands nahezu unbeirrt an einem idealisierten Bild Israels fest. Dieses Idealbild erscheint nicht nur ritualisiert, sondern auch bewusst entkoppelt von der Realität israelischer Innenpolitik.
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1. Die Weltuntergangs-Theokratie des Rabbi Ginsburg
Am 22. Mai 2025 veröffentlichte die hebräische Ausgabe der israelischen Tageszeitung Haaretz einen Artikel, der – gemessen an seiner theologischen und gesellschaftspolitischen Sprengkraft – kaum übertroffen werden kann. Den Original-Text finden Sie unter diesem Link (https://archive.md/yI4Dy), eine Übersetzung finden Sie unter diesem Link (https://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/250522-Haaretz-Artikel-uebersetzung.pdf). Im Zentrum steht eine Predigt des einflussreichen Rabbis Yitzhak Ginsburg, einem charismatischen Vordenker des messianischen Rechtsextremismus in Israel. Ginsburg entwirft in seinen Schriften und öffentlichen Ansprachen die Vision eines radikal-theokratischen Staates, der das bestehende säkular-zionistische Gemeinwesen nicht reformieren, sondern überwinden und ersetzen soll – durch eine Herrschaftsform, die sich ausschließlich auf die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, stützt.
Das Sprachbild, das Ginsburg zur Veranschaulichung dieses Ziels verwendet, ist ebenso bildstark wie verstörend. In seinem Vortrag vergleicht er den modernen Staat Israel mit einer Walnuss: Der heilige Kern – das „wahre Volk Israel“ – sei von vier unreinen „Schalen“ (Klippot) umgeben, die es mit Gewalt zu zerschlagen gelte. Diese Schalen stehen für zentrale Institutionen des säkularen Staates, also eines Staates, der Religion und Staat streng trennt: die Medien, das Rechtssystem, die Regierung und das Militär. Sie seien Ausdruck einer säkularen Ordnung, die dem göttlichen Plan widerspreche und daher beseitigt werden müsse.
Am deutlichsten formuliert Ginsburg dies im Blick auf die israelische Armee. Diese sei zwar notwendig, müsse jedoch von „verdorbenen moralischen Werten“ gereinigt und in ein Instrument göttlicher Vergeltung überführt werden. Der säkulare Grundsatz der „Reinheit der Waffen“ – also das Gebot, Gewalt nur verhältnismäßig und moralisch gerechtfertigt anzuwenden – sei eine „falsche Doktrin“, die der göttlichen Ordnung zuwiderlaufe. Stattdessen fordert Ginsburg eine neue Generation von „Nussknackern“: einfache Juden, die sich nicht mehr an die Regeln der IDF binden, sondern sich dem göttlichen Willen unterwerfen und im Zweifelsfall selbst zu Vollstreckern der göttlichen Gerechtigkeit werden.
Dass es sich bei diesen Ideen nicht um bloße Theorie handelt, belegt die parallele Veröffentlichung repräsentativer Umfragedaten. Einer im März 2025 erhobenen Studie zufolge befürworten 82 Prozent der jüdischen Israelis die Zwangsumsiedlung der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens. Fast die Hälfte – 47 Prozent – stimmte der Aussage zu, es sei gerechtfertigt, bei der Eroberung feindlicher Städte alle Bewohner zu töten – eine direkte Anlehnung an das biblische Massaker in Jericho unter Josua.
Diese Zahlen deuten auf eine tiefgreifende Radikalisierung breiter Teile der israelischen Gesellschaft hin – nicht nur an den Rändern, sondern im Zentrum. Ginsburgs Ideen finden nicht nur in militanten Siedlerkreisen wie der sogenannten Hilltop Youth[1] Widerhall. Sie beeinflussen auch nicht nur politische Akteure wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, die hohe Ämter in der israelischen Regierung bekleiden und wiederholt Positionen vertreten haben, die sich direkt auf Ginsburgs Theologie der Vergeltung und der ethnischen Reinheit zurückführen lassen. Die „jüdische“ Bevölkerung ist von dieser „ethnischen Reinheit“ berauscht.
Besonders brisant ist der Umstand, dass Ginsburg kein isolierter Außenseiter ist. Sein Lehrhaus „Od Yosef Chai“ in der Siedlung Yitzhar wurde zeitweise mit öffentlichen Mitteln gefördert, seine Publikationen erschienen mit Unterstützung staatlicher Institutionen. Obwohl er offen zur Untergrabung der israelischen Ethno-Demokratie[2] aufruft, genießt er in großen Teilen des religiösen Establishments Respekt – nicht wegen seiner Inhalte, sondern wegen seiner „konsequenten Prinzipientreue“. Diese Mischung aus Unterstützung durch offizielle Stellen, klaren Ideen und Zustimmung in der Gesellschaft macht seine Gedanken besonders gefährlich, weil sie wie berechtigt wirken. Die Vision, die Ginsburg entwirft, ist nicht nur eine theologische Abrechnung mit dem gezähmten zionistischen Projekt. Sie ist ein politisches Programm zur Ersetzung der bisherigen Ethno-Demokratie durch ein fundamentalistisches Gottesregime – inspiriert nicht zuletzt von der Islamischen Republik Iran, mit der Ginsburgs Konzept strukturelle Parallelen aufweist. Der Dritte Tempel in Jerusalem ist in dieser Vision nicht bloß ein religiöses Symbol, sondern das institutionelle Zentrum eines neuen jüdischen Gottesstaates, der das bestehende Israel ablöst – oder, in Ginsburgs Worten, „freilegt“.
Diese Entwicklungen markieren eine historische Zäsur: Während sich Israel nach außen als westlich-demokratische Bastion präsentiert, verfestigt sich im Inneren ein autoritär-messianischer Block, der offen das Ende der säkularen Staatsordnung anstrebt. Ginsburg ist nicht ihr einziger Prophet – aber vielleicht ihr radikalster.
2. Wie Deutschland den israelischen Staat portraitiert – Mythen, Mantras und die Immunisierung gegen Kritik
Während sich in Israel zunehmend ein autoritärer, ethno-religiöser Staatsumbau vollzieht, hält die politische Klasse Deutschlands nahezu unbeirrt an einem idealisierten Bild Israels fest. In Reden, Pressekonferenzen und offiziellen Stellungnahmen wird Israel regelmäßig als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ gewürdigt, als „Rechtsstaat mit westlicher Wertebindung“ oder gar als „Schutzmacht gegen Antisemitismus“. Diese Zuschreibungen erscheinen nicht nur ritualisiert, sondern auch bewusst entkoppelt von der Realität israelischer Innenpolitik.
Am 14. März 2025 etwa erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem: „Israel ist eine lebendige Demokratie und ein Staat, dessen Werte uns verbinden.“ Der Satz wurde von zahlreichen deutschen Medien aufgegriffen – nicht etwa kritisch, sondern zustimmend. Zwei Wochen zuvor hatte Außenministerin Annalena Baerbock im Bundestag Israel als „unseren engsten Partner in der Region und den einzigen Rechtsstaat“ bezeichnet – eine Formulierung, die angesichts der zeitgleich veröffentlichten Berichte über systematische Vertreibungen und Militärgewalt in Gaza keinerlei Verstörung hervorrief.
Auch unter der neuen Regierung von Friedrich Merz blieb der rhetorische Grundton gleich. In einem FAZ-Interview vom 2. Mai 2025 betonte Merz: „Die Wertegemeinschaft mit Israel ist für Deutschland unverhandelbar.“ Was genau mit diesen „Werten“ gemeint ist – und ob sie mit der Realität eines Staates vereinbar sind, in dem Minister systematisch arabische Ortschaften auslöschen wollen und Justizreformen demokratische Kontrollmechanismen aushebeln –, bleibt ungesagt. Entscheidend ist nicht die inhaltliche Substanz, sondern der symbolische Akt der zustimmenden Beschwörung.
Diese politische Rhetorik bleibt nicht folgenlos. Sie prägt auch den medialen Diskurs. Leitmedien wie die FAZ, die Welt, der Tagesspiegel oder das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem bedienen die immer gleichen Narrative: Israel als „Stabilitätsanker“, als „verlässlicher Partner“, als „pluralistische Gesellschaft unter Bedrohung“. Der Verweis auf Hamas, Terror, Raketen und „unsere historische Verantwortung“ dient dabei regelmäßig als argumentative Abrissbirne gegen jede Form von struktureller oder menschenrechtlicher Kritik an israelischer Politik.
Auffällig ist, wie stark die deutschen Deutungsmuster entkoppelt sind von israelischen Selbstbeschreibungen und gesellschaftlichen Realitäten. Während in Israel selbst ein mehrheitlicher Teil der sich selbst als jüdisch verstehenden Bevölkerung offen rassistische, theokratische oder von Auslöschungssehnsucht beflügelte Positionen vertritt, wird in Deutschland die Vorstellung gepflegt, Israel sei trotz „innerer Polarisierung“ ein funktionierender Rechtsstaat mit intakter Gewaltenteilung. Dabei ist längst dokumentiert, dass zentrale demokratische Prinzipien – von der Gleichheit vor dem Gesetz bis zur Meinungs- und Pressefreiheit – in den besetzten Gebieten systematisch ausgeschlossen sind und auch innerhalb der Grünen Linie zunehmend ausgehöhlt werden.
Dieser Widerspruch zwischen Realitätslage und politisch-medialem Narrativ lässt sich als strategische Immunisierung[3] gegen Kritik deuten. Wer in Deutschland Israels Systemcharakter in Frage stellt, läuft Gefahr, mit Antisemitismusvorwürfen überzogen zu werden – selbst wenn die Kritik sich explizit auf völkerrechtliche, menschenrechtliche oder innerisraelische Quellen stützt. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer politischen Kommunikationsstrategie, die spätestens mit der offiziellen Übernahme der IHRA-Definition von Antisemitismus institutionell verankert wurde. Diese Definition – inklusive ihrer umstrittenen Beispiele zur Delegitimierung Israels – wird zunehmend als De-facto-Zensurmechanismus gegen palästinasolidarische, aber auch innerjüdische kritische Stimmen genutzt.
So entstehen doppelte Auslöschungen: die Auslöschung der Realität vor Ort – durch ihre Ausblendung – und die Auslöschung abweichender Stimmen im Diskursraum – durch Ausgrenzung. Der deutsche Diskurs über Israel beruht somit auf einem moralpolitischen Dogma: Kritik ist nur erlaubt, wenn sie zustimmend bleibt. Wer dieses Dogma infrage stellt, gefährdet nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern zunehmend auch seine berufliche Existenz – wie zahlreiche Fälle von ausgeladenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, diffamierten Künstlern und geächteten Journalistinnen belegen.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass selbst zentrale jüdische Kritiker des Zionismus – von Hannah Arendt über Yeshayahu Leibowitz bis zu Judith Butler – im deutschen Diskurs systematisch ignoriert oder umgedeutet werden. Ihre Positionen gelten als randständig, obwohl sie in Israel und in der jüdischen Diaspora eine lange Tradition repräsentieren. Die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus, von Israelkritik und Antisemitismus schafft so nicht nur ein verzerrtes Bild des jüdischen Denkens, sondern untergräbt auch die pluralistischen Grundlagen des demokratischen Diskurses.
In dieser Konstellation erscheint die deutsche Reaktion auf israelische Realität nicht als Ausdruck freundschaftlicher Loyalität, sondern als aktives Mitwirken an einer politischen Fiktion. Indem deutsche Regierungsvertreter Israel ungeprüft als Demokratie affirmieren, obwohl das Land systematisch nichtjüdische Minderheiten entrechtet, verschleiern sie nicht nur die wachsenden autokratischen Tendenzen, sondern machen sich auch mitschuldig an deren Legitimierung. Das ist ein Widerspruch: Ausgerechnet das Land, das sagt, es trage wegen des Holocaust eine besondere Verantwortung, unterstützt heute einen Staat, der mit dieser Begründung Gewalt gegen andere Volksgruppen rechtfertigt. Finde den Fehler!
Wer sich dieser Dynamik entziehen möchte, muss die Frage stellen, ob das gegenwärtige deutsche Israel-Narrativ nicht selbst zu einem Instrument der Realitätsverweigerung geworden ist – und wie die Wahrheit über Israel in Verbindung mit dem politischen Zionismus in Deutschland ethisch vertretbar vermittelt werden muss.
3. Wie ist der Zionismus künftig zu bewerten – und was bedeutet das für Deutschlands moralische Position?
Zionismus – ein Begriff, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Judentum und somit mit historischer Schuld, kollektiver Loyalität und der Staatsräson der Bundesrepublik verschmolzen ist – bedarf dringend einer begrifflichen und politischen Revision. Denn der politische Zionismus des 21. Jahrhunderts hat mit der Emanzipationsbewegung des späten 19. Jahrhunderts, als deren gerechtfertigten Ursprung man ihn gern versteht, nur noch wenig gemein.
Was einst als jüdische Selbstschutzstrategie in einer antisemitischen Welt begann, ist heute zur ideologischen Grundlage eines Staates geworden, der sich in weiten Teilen ethnisch exklusiv, theokratisch aufgeladen und völkerrechtlich rückwärtsgewandt verhält. Es ist ein Nationalismus, der nicht auf Gleichheit, sondern auf Unterschieden, nicht auf Einbeziehung, sondern auf Ausschluss beruht – gerechtfertigt durch eine religiös-ethnische Erzählung, die für Nichtjuden im „jüdischen Staat“ strukturell keinen gleichberechtigten Platz vorsieht.
Die Gleichsetzung von Zionismus und Judentum zur Antisemitismusabwehr, wie sie insbesondere in der deutschen Politik zur Doktrin geworden ist, erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur analytisch unhaltbar, sondern moralisch verwerflich. Sie immunisiert den Zionismus gegen jede Form gerechtfertigter Kritik – auch dann, wenn diese von jüdischen Stimmen selbst geäußert wird. Ilan Pappé, Shlomo Sand, Amira Hass, Gideon Levy, Yehuda Shaul, Breaking the Silence, B’Tselem, Rabbiner der Neturei Karta, jüdische Holocaustüberlebende in den USA – sie alle geraten in Deutschland unter Verdacht, wenn sie den Zionismus kritisieren. Das ist keine Debattenkultur, das ist Dogma.
Eine ethisch fundierte Bewertung des Zionismus muss sich daher zunächst von der falschen Alternative emanzipieren, die da lautet: Entweder Zionismus gleich Judentum oder Antisemitismus. Diese Schwarz-Weiß-Logik verkennt, dass Zionismus geschichtlich wie gegenwärtig nicht nur eine Schutzideologie, sondern auch eine Gewaltordnung ist. Die Nakba von 1948, die systematische Vertreibung und Enteignung Hunderttausender Palästinenser, war keine bedauerliche Begleiterscheinung, sondern eine bewusste Strategie gebietsbeanspruchender Vorherrschaft – getragen von einem Siedlerkolonialismus, der seine Rechtfertigung aus dem zionistischen Gründungsmythos bezog.
Heute zeigt sich der politische Zionismus in Form eines exklusiven Souveränitätsanspruchs, der auf ethnischer Überlegenheit und theologischer Unverhandelbarkeit beruht – ein Anspruch, der durch Siedlungsexpansion, Gesetzgebung, Staatsbürgerrecht und militärische Gewalt fortdauernd durchgesetzt wird. Und nicht nur in den besetzten Gebieten: Auch innerhalb der „Grünen Linie“ werden arabische Israelis systematisch benachteiligt – rechtlich, wirtschaftlich, institutionell.
Vor diesem Hintergrund ist es dringend geboten, in Deutschland zwischen Judentum und Zionismus zu differenzieren. Diese Unterscheidung ist keine terminologische Spitzfindigkeit, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Sie erlaubt, die berechtigte Sorge um jüdisches Leben und die berechtigte Kritik an einem völkerrechtswidrigen Staatsprojekt zugleich ernst zu nehmen. Sie verhindert die moralische Erpressung, in deren Namen palästinensische Rechte suspendiert, jüdische Dissidenten diffamiert und demokratische Diskurse unterdrückt werden.
Aus dieser Neubewertung ergeben sich klare politische Konsequenzen:
- 3.1. Keine automatische Gleichsetzung von Israelkritik mit Antisemitismus: Deutschland muss sich von der IHRA-Definition als politischem Kampfmittel verabschieden und stattdessen auf juristisch trennscharfe, kontextbezogene Antisemitismusdefinitionen zurückgreifen, wie sie etwa von jüdischen Organisationen wie Jewish Voice for Peace oder in der Jerusalem Declaration on Antisemitism entwickelt wurden.
- 3.2. Ende der Diskurszensur in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Räumen: Kritik an Israel und am Zionismus muss an Schulen, Universitäten, in der Kulturpolitik und in der Erinnerungskultur möglich sein – auch wenn sie radikal, provokant oder antinationalistisch formuliert ist. Nur dort, wo auch Dissens erlaubt ist, verdient eine Demokratie ihren Namen.
- 3.3. Ausrichtung der deutschen Außenpolitik an Menschenrechten statt an Staatsräson: Militärische Zusammenarbeit, Rüstungsexporte und diplomatische Flankierung eines Staates, der unter permanenter Anklage wegen schwerster Menschenrechtsverbrechen steht, können nicht durch historische Schuld begründet werden – sie konterkarieren sie.
- 3.4. Solidarität mit jenen Kräften, die in Israel selbst gegen Besatzung, Rassismus und Theokratie kämpfen: Der wahre Freund Israels ist nicht, wer seine Regierung bedingungslos unterstützt, sondern wer Israel darin unterstützt, eine Demokratie zu werden – auch gegen religiöse Extremisten wie Ginsburg und gegen deren parlamentarische Kollaborateure.
Deutschland steht damit an einem moralischen Scheideweg. Entweder bleibt es Gefangener eines Narrativs, das den Zionismus sakralisiert und damit immunisiert – oder es wagt die politische Aufrichtigkeit, zwischen historischem Gedenken und gegenwärtiger Verantwortung zu unterscheiden; zwischen der Verteidigung jüdischen Lebens und der unbedingten Loyalität zu einem Staat, der sich zunehmend als autoritär, rassistisch und religiös-exklusiv geriert.
Solange Deutschland die gewaltvolle, ethno-nationalistische Spielart des Zionismus als Ausdruck „westlicher Werte“ bestätigt, verrät es seine eigene demokratische Substanz. Glaubwürdigkeit beginnt dort, wo der Mut wächst, auch den „eigenen Freunden“ die Wahrheit zuzumuten. Ein Staat, der Menschen systematisch entrechtet, kann nicht zugleich als demokratisches Vorbild hofiert werden. Die politische und mediale Weigerung, diese Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, ist Ausdruck einer tiefgreifenden Legitimationskrise – nicht Israels, sondern Deutschlands.
Glaubwürdigkeit in den universellen Menschenrechten beginnt dort, wo sich Täter und Opfer aus der Geschichte lernend gegenseitig im Ringen um diese Rechte ermahnen, wenn sie vom Pfad der Tugend abweichen.
Ttielbild: Andy.LIU / Shutterstock
[«1] Hill Top Youth bezieht sich auf die Gewohnheit der Siedler, immer die Hügel in Palästina zuerst zu besiedeln.
[«2] Eine Ethno-Demokratie ist ein Staat mit Wahlen und Parlament, bei dem aber eine Volksgruppe (hier zionistische Juden) bevorzugt wird. Andere Gruppen haben weniger Rechte.
[«3] Ein Verhalten oder eine Taktik, bei der Kritik gezielt so abgewehrt wird, dass sie gar nicht mehr ernst genommen oder als unzulässig dargestellt wird – zum Beispiel, indem man Kritiker automatisch als voreingenommen oder feindlich hinstellt
Rubriken: Antisemitismus Außen- und Sicherheitspolitik Audio-Podcast
Schlagwörter: Gaza Israel Kolonialismus Menschenrechte Nationalismus Palästina Rassismus Siedlungspolitik Staatsräson Ungleichheit Völkerrecht Zionismus
Info: https://www.nachdenkseiten.de/?p=134113
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Erfunden oder wahr? Wie Israel zu seinem Land kam (Welt und Umwelt der Bibel 3/2008)
Erfunden oder wahr? Wie Israel zu seinem Land kam (Welt und Umwelt der Bibel 3/2008)
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Erfunden oder wahr?
Die Exodus- und die Landnahme-Erzählungen in der Bibel
Begeisternd, fesselnd, mitreißend besingt das Spiritual Josuas Eroberung von Jericho –
und blendet mögliche Fragen nach dem Schicksal der von Josua ermordeten Männer,
Frauen und Kinder der kanaanäischen Stadt von vornherein aus. Und mit derselben
Geschichte, die im Josuabuch, Kap 6, erzählt wird, rechtfertigen israelische Siedler im
westjordanischen Bergland ihren Landanspruch gegenüber palästinensischen
Kleinbauern. Doch deren Schicksal, inzwischen von einer erschreckenden Mauer
eingesperrt, lässt die Welt zunehmend aufhorchen. Dürfen israelische Siedler
palästinensisches Land enteignen? Hat Gott ihnen das Land (nicht) gegeben? Gibt
ihnen die Heilige Schrift (nicht) das Recht? Entweder wir lesen unsere „Heilige Schrift“
gefährlich naiv und blenden die Opfer ihrer Geschichten fundamentalistisch aus, oder
wir müssen vor ihrem Gewaltpotenzial erschrecken. Offenbar sind die Bewohner des
Landes zwischen Mittelmeer und Jordan nicht nur damals den von Osten unter Josuas
einwandernden Kindern Israels zum Opfer gefallen, sondern fallen auch weiterhin dieser
Geschichte zum Opfer. Dies lädt ein, zu den Geschichten der Heiligen Schrift
angesichts ihrer Opfer – zumindest zunächst einmal – auf Distanz zu gehen,
nachzudenken und zu fragen: Wie sind diese Texte entstanden, und wie lassen sie sich
verantwortungsvoll, nicht fundamentalistisch, also nicht naiv unter Ausblendung ihrer
Opfer, sondern ihre Kontexte bedenkend lesen?
Josuas Landnahme …
Jos 3-4 erzählt von der wunderbaren Überschreitung des Jordans durch die Kinder
Israels unter Josuas Führung: Als sie an den Jordan kamen, teilte sich sein Wasser,
sodass das Volk den Fluss trockenen Fußes durchschreiten und Jericho sieben Tage
später einnehmen konnte. Dieses Ereignis wird so eindrücklich erzählt, dass die
Wendung „den Jordan überschreiten“ in der alttestamentlichen Literatur zur Formel für
den Auftakt zur Landnahme schlechthin werden konnte.
… hat es historisch nicht gegeben
Wenn man alle Jahresangaben der Bibel addiert (vgl. S. 40), müssten die Kinder Israels
im Jahre 1446 aus Ägypten ausgezogen, nach 40 Jahren Wüstenwanderschaft unter
Mose Führung im Jahre 1406 den Grenzfluss Jordan erreicht haben, unter Josuas
Führung den Fluss überschritten und Jericho sieben Tage später in Schutt und Asche
gelegt haben. Doch archäologische Forschungen haben inzwischen mit unabweisbarer
Klarheit gezeigt, dass Jericho zu jener Zeit schon seit rund 150 Jahren zerstört und nur
noch ein unbewohnter Ruinenhügel war (vgl. die Beiträge von E. Villeneuve und J.
Kamlah in WUB 3/2008 ).
… erzählt im 7. Jh. v. Chr.
Wie und wann aber konnte dann diese – offenkundig fiktionale – Erzählung entstehen?
Sicher erst in einem größeren Abstand nach den angeblichen Ereignissen, als kein
Augenzeuge ihre anachronistische Darstellung aus eigenen Erinnerungen mehr infrage
stellen konnte. Genauer gesagt: erst eine Generation nach dem Jahre 733. Denn die
Erzählung von der Überschreitung des Jordans als Auftakt der Landnahme setzt voraus,
dass der Jordan der östliche Grenzfluss des Landes war.
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Doch hatte das Ostjordanland lange als Teil des Nordreiches Israel gegolten, es wurde
zu Davids Reich gerechnet (2 Sam 24,5), und König Jerobeam I. hatte sogar seine
Residenz zumindest zeitweilig nach Penuel an den Jabbok verlegt (1 Kön 12,25). Erst
im Jahre 733 ging diese Region
verloren, und der Jordan wurde zur Grenze. Demnach kann die Vorstellung von der
sagenhaften Überschreitung des Jordans als Ostgrenze des Landes frühestens eine
Generation nach 733 entstanden sein. Weiter setzt die Erzählung voraus, dass die
Kinder Israels unter Moses Führung aus Ägypten ausgezogen und durch die Wüste an
die Ostgrenze des Verheißenen Landes gekommen waren. Die früheste literarische
Fassung der Mose-Erzählung aber war – was hier nicht weiter vertieft werden kann –
erst nach 673 entstanden. Demnach kann auch die Josuaerzählung mit der sagenhaften
Durchschreitung des Jordans und dem anschließenden Fall Jerichos ebenfalls erst nach
673 verfasst worden sein – mindestens 730 Jahre nach dem erzählten Ereignis.
Das Land – ein verspieltes Geschenk
Was mag damals zur Entstehung einer solchen Erzählung geführt haben? Im Jahr 853
waren am Horizont die Assyrer erschienen und hatten die Kleinstaaten der Levante zu
Tributen verpflichtet. Zwar war das assyrische Großreich in den folgenden Jahrzehnten
wieder eher mit inneren Problemen beschäftigt, doch wuchs im späten 8. Jh. der Druck
erneut. 733 gingen dem Nordreich Israel große Teile des Ostjordanlandes und Galiläas
an die Assyrer verloren, 722 nahmen die Assyrer die Hauptstadt Samaria ein, löschten
das Nordreich Israel aus, und im Jahre 701 schlossen sie den Belagerungsring sogar
um Jerusalem, die Hauptstadt des allein übrig gebliebenen Südreiches Juda. Und dies
alles aufgrund einer Folge fataler kurzsichtiger politischer Fehlentscheidungen, vor
denen Propheten wie Hosea im Nordreich, Micha im Südreich und Jesaja in Jerusalem
gewarnt hatten. So waren innerhalb von nur 33 Jahren 98 Prozent des Landes verloren
gegangen – eine ungeheuere Belastungsprobe nicht nur in politischer, sondern auch in
theologischer Hinsicht, warf sie doch die Frage auf, ob JHWH, Israels Gott, versagt
hatte und die Geschichte seines Volkes nun an ihr Ende gekommen sei. Wenn in dieser
Situation erstmals die Erzählung von der sagenhaften Durchschreitung des Jordans und
dem nicht minder sagenhaften Fall von Jericho aufkam, stellt sich die Frage, welche
Funktion der Erzählung in diesem historischen Umfeld zukam. Ging es um einen
Landanspruch, um den Assyrern zu sagen: Dieses Land hat unser Gott JHWH uns
gegeben? Wohl kaum. Vermutlich hätten die Assyrer die Geschichte weder gelesen,
noch hätte sie ihnen – im Vertrauen auf ihren eigenen, siegreichen Gott Assur –
sonderlich imponiert. Demnach war die Erzählung kaum an assyrische Leserinnen und
Leser gerichtet. Vielmehr wohnten die erhofften Leserinnen und Leser in Juda selbst,
und ihnen konnte die Erzählung in dieser bedrückenden Situation nur sagen: „Wir haben
unser Land nicht selbst erobert. Unser Gott, JHWH, hat es uns geschenkt. An ihm hat
es also nicht gelegen. Vielmehr haben wir das geschenkte Land selbst verspielt.“ Und
so endete jener Erzählbogen, der mit dem Auszug aus Ägypten unter Moses Führung
anhob und mit der Landnahme unter Josuas Führung schloss, in Jos 24 mit der
Erzählung, Josua habe, nachdem er das ganze geschenkte Land an alle Stämme
verteilt hatte, noch einmal das ganze Volk nach Sichem – der nachmaligen ersten
Erfunden oder wahr? Wie Israel zu seinem Land kam (Welt und Umwelt der Bibel 3/2008)
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Hauptstadt des 722 untergegangenen Nordreiches Israel – gerufen, es an die ganze
Heilsgeschichte vom Auszug aus Ägypten bis zu diesem Tag erinnert und für seine
Familie gelobt, dem Gott JHWH allein zu dienen. Zwar habe sich das Volk ihm
anschließen wollen, doch habe Josua dessen zu leichtfertiges Gelübde zurückgewiesen
(Jos 24,19-22): „Und Josua sagte zum Volk: Ihr könnt JHWH nicht dienen, denn ein
heiliger Gott ist er, ein eifernder Gott ist er, nie wird er eure Auflehnung und eure
Sünden vergeben. Wenn ihr JHWH verlasst und anderen Göttern dient, wird er sich
abwenden und euch zürnen und euch aufreiben, nachdem er euch Gutes getan hatte.
Aber das Volk sagte zu Josua: Nein, wir wollen JHWH dienen. Und Josua sagte zum
Volk: Ihr seid Zeugen gegen euch selbst ...“ So aber habe das Volk mit seinem
voreiligen Treueschwur leichtsinnig das 722 eingetretene Unheil auf sich gezogen.
Offenbar ging es diesen Geschichten also weder darum, Gewalt zu predigen noch einen
Landanspruch anzumelden. Vielmehr dienten sie dazu – im Kolorit der Kriegsberichte
ihrer Zeit verfasst und in den Farben der assyrischen Kriegspropaganda ihrer Zeit
gemalt – zu erzählen, wie wunderbar JHWH ihnen das ganze Land einst geschenkt und
wie das Volk in seiner Unfähigkeit, mit diesem unverdienten Geschenk zu leben und mit
ihm umzugehen, das wunderbare Geschenk des Landes so leichtfertig verspielt hat. So
gelesen, predigen diese Texte keine Gewalt, sondern erzählen vom Geschenk des
Landes, das im Sprachspiel seiner Zeit wohl nicht anders erzählt werden konnte als im
Bild einer Einwanderung von außen, um dem Volk den Spiegel vorzuhalten und daran
zu erinnern, was alles gewonnen und nun aus eigener Schuld zerronnen war.
Abrahams Landnahme
Allerdings war die Josuaerzählung nicht die einzige literarische Gestaltung, die Frühzeit
zu erzählen. Vielmehr entwerfen die Erzählungen der Erzeltern Abraham und Sara,
Isaak und Rebekka, Jakob, Rachel und Lea ein ganz anderes Bild. Keineswegs
militärisch, sondern friedlich: Als Kleinviehnomaden zogen sie mit ihren Herden durch
das Land, um ihre Zelte im Bergland westlich des Jordans, im südlichen Bergland von
Juda oder am Rand des Negev aufzuschlagen.
… voller Anachronismen
Doch sind auch diese alternativen Erzählungen von Israels Anfängen nicht minder
fiktional. Denn wenn man die innerbiblischen Jahresangaben addiert, müssten Abraham
2166 bis 1991, Isaak 2066 bis 1886 und Jakob 2006 bis 1859 v. Chr. gelebt haben,
doch passen die Erzählungen über die Erzeltern ebenfalls nicht in die ihnen
zugewiesene Zeit.
So lassen sie Abraham und Sara (Gen 20), Isaak und Rebekka (Gen 26) in Gerar
weilen und bezeichnen König Abimelech von Gerar als „König der Philister“ (Gen 26,1).
Dabei wanderten die Philister erst Jahrhunderte später, im frühen 12. Jh., aus der Ägäis
ein, um sich in der südlichen Küstenebene niederzulassen. Oder sie lassen Rebekka
(Gen 25,20), Rachel und Lea Aramäerinnen sein (Gen 28,2). Dabei betraten die
Aramäer erst im späten 12. Jh. die Bühne der Geschichte. Oder sie statten Abraham
(Gen 24), Jakob (Gen 32,17f) oder Josef (Gen 37,25) mit Kamelen aus. Dabei wurde
das Kamel erst Jahrhunderte später (im 12. Jh.) domestiziert und erst vom 10. Jh. an
allgemein als Lasttier genutzt, und jene mit Harz, Balsam und Myrrhe beladene
Kamelkarawane midianitischer Händler, die Josef nach Ägypten gebracht haben soll
(Gen 37,23-25), setzt eine Vertrautheit mit dem lukrativen arabischen Karawanenhandel
voraus, der erst unter Aufsicht des neuassyrischen Reiches im 8. und 7. Jh. entstand.
Erfunden oder wahr? Wie Israel zu seinem Land kam (Welt und Umwelt der Bibel 3/2008)
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Demnach setzen nicht nur die Josuaerzählungen, sondern auch die
Erzelternerzählungen in zahlreichen erzählerischen Details wesentlich spätere
Verhältnisse voraus, die zeigen, dass sie frühestens im 8. Jh., mehrheitlich aber erst im
7. oder 6. Jh., und zwar ebenfalls als fiktionale Erzählungen, entstanden sein müssen,
um theologische Fragen des 8., 7. oder 6. Jh. zu thematisieren.
… erzählt im späten 6. Jahrhundert
Dabei standen die unterschiedlichen Erzählzyklen von Israels Frühzeit in
spätvorexilischer Zeit im 7. und frühen 6. Jh. noch unverbunden als alternative
Erzählungen über Israels Frühzeit unkoordiniert Seite an Seite – so unverbunden wie
das Nibelungenlied und die Sage von König Artus’ Tafelrunde. Während die
Erzelternerzählungen das Bild friedlicher Halbnomaden zwischen kanaanäischen
Städten zeichnen, beschreibt die Josuaerzählung die Frühzeit als einen gewaltigen
Eroberungszug. Vermutlich wurden diese gegensätzlichen Anfangsgeschichten Israels
im späten 6. Jh. erstmals in eine erzählerische Reihe gebracht. Erst nachdem König
Kyrus II. von Persien im Jahre 539 siegreich in Babylon eingezogen war und den nach
Babylonien deportierten Judäerinnen und Judäern die Möglichkeit zur Heimkehr nach
Juda eröffnet hatte, diese inzwischen aber das Leben am Ufer des Euphrat angenehmer
fanden als eine Heimkehr nach Juda, wo in Jerusalem ein Trümmerhaufen und die
Kärrnerarbeit des Wiederaufbaus auf sie wartete, erhob der anonyme Autor der
„Priesterschrift“ seine Stimme und kettete erstmals die alternativen Geschichten von
Israels Urzeit so hintereinander, dass daraus ein durchlaufender Geschichtsfaden
entstand. Dieser begann in seinem ersten Abschnitt mit der Schöpfung und Sintflut, bot
in seinem zweiten Abschnitt die Erzählungen von Abraham und Sara, Isaak und
Rebekka, Jakob, Lea und Rahel und führte deren zwölf Söhne schließlich nach
Ägypten, um ihre Nachkommen in einem dritten Abschnitt unter Mose ausziehen zu
lassen und an die Grenze des verheißenen Landes zu führen, von wo aus Josua den
Einzug in das verheißene Land übernahm.
Das Land – eine Aufgabe
Dass dieses erste große Nationalepos, zwischen 539 und 520 entstanden, Abraham
eigens nach Ur in Chaldäa verpflanzte, um ihn vom Süden Babyloniens aus aufbrechen
und ins verheißene Land ziehen zu lassen, enthielt dabei noch eine besondere,
zeitkritische Pointe. Denn mit diesem literarischen Kniff forderte es die nach Babylonien
deportierten Judäerinnen und Judäer auf, es Abraham gleichzutun, aus Babylonien
aufzubrechen und ins Verheißene Land zu ziehen, um sich dort ihren Verpflichtungen
zu stellen: im Verheißenen Land der Mütter und Väter eine neue Gesellschaft
aufzubauen. In deren Zentrum, am wiederaufzubauenden Tempel Jerusalems, soll der
Kult der Versöhnung vollzogen werden, wie Gott es Mose in der Wüste Sinai
aufgetragen hatte. Und Gen 12,1-4 führt aus, worin die Aufgabe der Berufenen
bestehen soll: ein Segen für alle Sippen der Erde zu sein.
Erfunden und wahr zugleich
Vermutlich haben Israels Vorfahren seit jeher im Bergland zwischen Mittelmeer und
Jordan gelebt, sie waren Kinder der kanaanäischen Kultur, in ihren Adern floss –
entgegen den biblischen Erzählungen – dasselbe kanaanäische Blut, und einen
Aufbruch Abrahams aus Ur in Chaldäa hat es, historisch gesehen, ebenso wenig
gegeben wie eine Landnahme unter Josuas Führung.
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Vielmehr war vom 12. Jh. an im Bergland zwischen Mittelmeer und Jordan aus einer
kleinbäuerlichen Kultur langsam und weitgehend friedlich jenes Israel und Juda
entstanden, das uns in den Geschichtsbüchern der Bibel ebenso wie in außerbiblischen
Quellen entgegentritt: zwei Kleinkönigtümer mit zwei Hauptstädten, Samaria im Norden
und Jerusalem im Süden, die beide JHWH als ihren Gott verehrten. Erst als sie
zwischen 733 und 701 den größten Teil ihres Landes verloren hatten, fassten sie das
verspielte Geschenk rückblickend in die fiktionale Erzählung des Josuabuches, wonach
sich der Jordan von selbst teilte und die Stadtmauer von Jericho, der ersten hinter der
Grenze liegenden Stadt, von selber zusammenfiel, um zu sagen: Nicht wir haben das
Land erobert, sondern Gott hat es uns geschenkt. (vgl. auch die Linie Exodus –
Landnahme S. 22) Und erst als die 597, 587 und 582 in drei Wellen nach Babylonien
deportierten Mitglieder der Oberschicht seit 539 wieder heimkehren durften, inzwischen
aber das Leben in Babylonien behaglicher fanden, erzählte ihnen die Priesterschrift,
auch Abraham sei einst aus Babylonien aufgebrochen, um in das Verheißene Land zu
ziehen, und schuf so erstmals den großen erzählerischen Aufriss der fünf Bücher Mose
mit seinen beiden „Landnahmen“, zunächst durch Abraham und dann unter Josua, die
es beide historisch nie gegeben hatte und doch beide „wahr“ und erzählenswert sind.
So, in ihrem historischen Kontext gelesen, können diese Geschichten nicht mehr als
Begründung für Landansprüche gegenüber palästinischen Bauern verwendet werden.
Es sind vielmehr eher selbstkritische und sich in der Zeit wandelnde Reflexionen über
geschenkte und verspielte Perspektiven und die Aufgabe, die Hand an den Pflug zu
legen und sich dem Tag zu stellen. (Klaus Bieberstein, WUB)
Info: https://www.bibelwerk.de/fileadmin/verein/Dokumente/Was_wir_bieten/Materialpool/Josua/Erfunden_oder_wahr_WUB_3_08.pdf
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Yitzchak Feiwish Ginsburgh (* 1944 in St. Louis, Missouri) ist ein amerikanisch-israelischer Chabad-Rabbiner, jüdischer Gelehrter und Autor, der durch eine große Anzahl Anstoß erregender Handlungen und Statements bekannt wurde, die ganz offensichtlich rassistischen Inhalts sind und teilweise auch als Aufruf zu Gewalt angesehen werden können. Er ist Rosch Jeschiwa (dt. Kopf [einer] Jeschiwa) von Od Yosef Chai sowie Leiter der Gal Einai-Organisation.
Leben
Yitzchak Ginsburgh wurde mit 14 Jahren streng-religiös (Baal Teschuwa). Er studierte in Chicago Mathematik und Philosophie und setzte diese Studien in New York fort. 1965 wanderte er nach Israel ein und entschied sich kurze Zeit darauf, sich fortan ausschließlich der Tora zu widmen. Er wurde ein gesuchter Talmud-Lehrer, Kabbalist, Schuloberhaupt und produktiver Autor.
Zu seinen umstrittenen Äußerungen zählen beispielsweise folgende:
- Er verkündete öffentlich, es sei erlaubt, einen Nichtjuden zu töten, um mit dessen Organen das Leben eines Juden zu retten. Das biblische Tötungsverbot gelte nur für Juden[1][2].
- Öffentlich und in einem Buch lobte er Baruch Goldsteins Massenmord an betenden Muslimen in Hebron 1994 und bezeichnete ihn als Märtyrer. Das Buch (Jerusalem 1998) hat den bewusst doppeldeutigen Titel Baruch ha-gewer (Baruch, der Mann bzw. Gelobt sei Baruch)[3].
- In einem anderen Buch (zaw ha-scha'atipul schoresch, übersetzt etwa "Tagesbefehl Radikaltherapie", Jerusalem 2001) schreibt er, das Westjordanland müsse von Nichtjuden gereinigt werden, weil es ausschließlich Juden gehöre, und bezeichnet darin ferner alle Araber als einer primitiven Nation zugehörig (dies brachte ihm eine Anklage eines Jerusalemer Gerichts wegen rassistischer Aufhetzung ein[4]).
- Nichtjuden, insbesondere Araber, dürfen nicht in Israel leben[5].
- Er fordert die Wiedererrichtung des dritten Tempels[1].
- Juden sollen auf dem Tempelberg beten dürfen[1].
Literatur
Weblinks

Commons: Yitzchak Ginsburgh – Sammlung von Bildern, Videos und AudiodateienEinzelnachweise
- Gideon Aran: Jewish Zionist Fundamentalism: The Bloc of the Faithful in Israel (Gush Emunin). In: M. E. Marty, R. Scott Appleby (Hrsg.): Fundamentalisms Observed, Chicago University Press, 1994, S. 336 f., note 27.
Kategorien:
Motti Inbari: Jewish Fundamentalism and the Temple Mount. SUNY Press, 2009, ISBN 9781438426242, S. 147. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche Robert Pope: Acts of Holy Terror? Fundamentalisms Revisited. In Robert Pope (Hrsg.): Honouring the Past and Shaping the Future: Religious and Biblical Studies in Wales: Essays in Honour of Gareth Lloyd Jones, Gracewing, Leominster 2003, S. 213–230, 224 f. Motti Inbari: Jewish Fundamentalism and the Temple Mount: Who Will Build the Third Temple? State University of New York Press, 2009, S. 132. Chaim Levinson: Book Condoning Murder Has Another Rabbi in Hot Water – Head of yeshiva in West Bank settlement of Yitzhar detained by police over book permitting murder of non-Jews who threaten Israel. In: Haaretz. 29. Juli 2010, abgerufen am 4. September 2023
Info: https://de.wikipedia.org/wiki/Yitzchak_Ginsburgh
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.