7. SZ: Nahost: Die Bomben fallen fast jeden Tag. Nun wieder mit freundlicher Unterstützung aus Berlin
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Meinung
Nahost:
Die Bomben fallen fast jeden Tag. Nun wieder mit freundlicher Unterstützung aus Berlin
Kommentar von Bernd Dörries
2. Dezember 2025, 15:59 Uhr
Israel droht längst keine Gefahr mehr, trotzdem lässt die Regierung
Netanjahu immer wieder die Nachbarn angreifen. Ausgerechnet jetzt
liefert Deutschland seiner Armee wieder Waffen. Vor zwei Wochen hat
die Bundesregierung den teilweisen Stopp von Waffenlieferungen nach
Israel wieder aufgehoben. In ein Land, dessen Armee in Gaza gerade die
Brüder Fadi Abu Assi und Goma Abu Assi tötete, acht Jahre und elf
Jahre alt, weil sie Feuerholz gesammelt hatten.
Dessen Soldaten zwei junge Tatverdächtige im Westjordanland
exekutierten – auf einem Video sieht man, wie sie erschossen wurden,
nachdem sie die Hände in die Höhe gestreckt hatten, unbewaffnet. Die
Waffen gehen an eine Armee, die gerade wieder auf syrisches
Territorium vordrang und dort 13 Menschen tötete. Obwohl es von dort
gar keinen Angriff gab.
Als die Bundesregierung den Waffenstopp aufhob, sprach sie davon, dass
sich der Waffenstillstand in Gaza stabilisiert habe. Eine interessante
Sichtweise, da die Waffen ja entweder stillstehen oder eben nicht. In
Gaza sollen seit der Verkündung des Waffenstillstandes am 9. Oktober
347 Palästinenser getötet worden sein, sagen die örtlichen Behörden,
darunter 136 Kinder. Die Lage ist also höchstens stabil schlecht.
Dass Deutschland wieder Waffen liefern will, hat wenig damit zu tun,
was in Gaza passiert, im Westjordanland, in Syrien und in Libanon,
aber viel mit der Lage innerhalb der CDU. In der Partei übten viele
Kritik an der Entscheidung von Bundeskanzler Friedrich Merz, im August
die Lieferungen teilweise auszusetzen. Deutschland müsse sich an die
Staatsräson halten und dabei helfen, den jüdischen Staat zu
verteidigen, hieß es vielfach in der CDU.
Die Antwort auf ein Gesprächsangebot? Ein Luftangriff
Um die Sicherheit des jüdischen Staates aber ging es nach dem Terror
des 7. Oktober, als die Hamas Israel überfiel. Die Lage ist gute zwei
Jahre später aber eine völlig andere. Nun ist es eher die
rechtsextreme Regierung in Jerusalem, welche Sicherheit und Stabilität
der Region gefährdet.
Die neue syrische Regierung hat beteuert, dass sie mit dem
Wiederaufbau des Landes beschäftigt ist, nicht damit, Israel zu
bedrohen. Aus Syrien gab es im vergangenen Jahr nur einen Angriff auf
Israel, handgebaute Sprengkörper, die im Niemandsland landeten –
umgekehrt aber Hunderte Attacken, sogar Damaskus wurde von Israels
Luftwaffe bombardiert.
In Libanon hat die neue Regierung mit der Entwaffnung der Hisbollah
begonnen, eine historische Chance. Präsident Joseph Aoun hat Israel
weitere Verhandlungen angeboten. Die Antwort, die er bekam, war ein
Luftangriff auf Beirut vor einer Woche. Die neuen politischen
Verhältnisse in Syrien und Libanon könnten für Israel eine Chance
sein, die Nachbarschaft zu befrieden.
Bald ist Wahlkampf, da zählt nur Härte
Garantien dafür gibt es zwar keine: Syriens islamistischen Machthabern
ist mit Misstrauen zu begegnen. In Libanon sperrt sich die Hisbollah
gegen eine komplette Entwaffnung. Netanjahus Israel versucht aber
nicht einmal, die Chance auf Frieden zu nutzen; bald ist Wahlkampf, da
zählt nur Härte. Auch der nächste Angriff auf Iran ist wohl nur eine
Frage der Zeit. Die Regierung Netanjahu erklärt zudem fast jeden Tag,
dass es keinen Palästinenser-Staat geben wird. In Nahost gilt künftig
das Recht des Stärkeren, neue Gebiete in Syrien und Libanon werden
einfach so besetzt.
Die israelischen Truppen an den Grenzen sind gerade wieder in höchste
Alarmbereitschaft versetzt worden, obwohl weit und breit kein Angriff
droht, außer durch Netanjahu, der den ständigen Krieg will, um sich an
der Macht zu halten. Die Bomben fallen fast jeden Tag. Nun wieder mit
freundlicher Unterstützung der Bundesregierung.
——
8. SZ: Journalismus - Geschichte eines Eklats (ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann)
https://www.sueddeutsche.de/medien/sophie-von-der-tann-eklat-kritik-preis-li.3344754?reduced=true
Journalismus
Geschichte eines Eklats
2. Dezember 2025, 16:48 Uhr
Die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann geriet nach einem Artikel
der „Welt“ unter scharfe Kritik der israelischen Botschaft. Wie es
dazu kam – und warum der Fall für eine beunruhigende Entwicklung im
Nahost-Journalismus steht.
Von Kristiana Ludwig
Im Oktober reiste Bayerns Antisemitismusbeauftragter, Ludwig Spaenle,
nach Israel. Er dokumentierte seine Erlebnisse auf Instagram: ein
Besuch an einem Erinnerungsort für Geiseln, die während des Angriffs
der militanten, islamistischen Palästinenserorganisation Hamas am 7.
Oktober 2023 nach Gaza verschleppt wurden. Ein Spaziergang über den
Nationalfriedhof, Treffen mit Diplomaten.
Und schließlich ein Gespräch im ARD-Studio Tel Aviv, unter anderem mit
dessen Korrespondentin Sophie von der Tann. Sie ist 34 Jahre alt,
berichtet seit vier Jahren aus der Region und ist mittlerweile eine
der prominentesten Nahost-Journalistinnen Deutschlands. Ein „offener
und auch kontroverser Dialog“ sei das gewesen, schreibt Spaenle
anschließend in seinem Post, und: „Danke für die freundliche
Aufnahme.“
Doch fast drei Wochen nach diesem Gespräch ist ein Artikel über jenen
Besuch von Spaenle bei der ARD in Tel Aviv erschienen, in dem die
Zeitung Die Welt „Gesprächsteilnehmer“ zitiert und titelt, es habe
sich dort ein „Eklat“ zugetragen. Im Zentrum stehe demnach von der
Tann, die während der Diskussion mit Spaenle gesagt habe, dass das
Massaker vom 7. Oktober 2023 „eine Vorgeschichte“ gehabt hätte.
Und auf Nachfrage erklärt habe, „dass man ja bis zurück zum Zerfall
des Osmanischen Reiches gehen müsse“. Gesprächsteilnehmer, so schrieb
die Welt weiter, hätten dies als Relativierung des Massakers bewertet
– und dass dieser Vorfall die Kritik an von der Tann weiter befeuern
dürfte. Zumal ihr an diesem Donnerstag der renommierte
Hanns-Joachim-Friedrichs-Medienpreis verliehen werden soll.
Die Aussage über das Osmanische Reich sei weder von ihr noch von
anderen ARD-Mitarbeitenden getroffen worden
Der Leiter des ARD-Studios in Tel Aviv, Christian Limpert, sagt, er
sei von dieser Berichterstattung „erschüttert“. Nach Erinnerung der
anwesenden Kollegen sei das Gespräch an dieser Stelle um die Frage
gekreist, inwiefern komplexe Sachverhalte in kurzen Fernsehbeiträgen
erklärt werden könnten.
Sophie von der Tann habe dabei gesagt, dass der Nahostkonflikt nicht
mit dem 7. Oktober 2023 begonnen habe, dies aber natürlich die
Terrorangriffe nicht rechtfertige. Die Aussage über das Osmanische
Reich sei dagegen weder von ihr noch von anderen ARD-Mitarbeitenden
getroffen worden.
Der Welt hatte die ARD zunächst nur mitgeteilt, dass man aus
persönlichen Gesprächen nicht zitiere. Spaenle ließ eine Anfrage der
Süddeutschen Zeitung zu dem Artikel unbeantwortet. Die Jüdische
Allgemeine berichtete allerdings, er habe „seine Vorwürfe“ gegenüber
der Zeitung bekräftigt.
Seit dem Bericht über den sogenannten Eklat in Tel Aviv steht Sophie
von der Tann im Mittelpunkt eines Shitstorms, in dem die Journalistin
mit persönlichen Angriffen überzogen wird und der exemplarisch für
eine Entwicklung im Nahost-Journalismus steht. Denn umgehend
schalteten sich auch Vertreter des Staates Israel mit scharfer
Wortwahl in die Debatte ein.
Der ehemalige Sprecher der israelischen Armee, Arye Sharuz Shalicar,
nannte die ARD-Korrespondentin auf der Plattform X „das Gesicht vom
neu-deutschen Juden- und Israelhass“. Ein Angriff, dem an dieser
Stelle der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert,
entgegensetzte, es handele sich um eine „üble Diffamierung“, die
„maßlos“ sei. Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor,
legte hingegen nahe, Sophie von der Tann würde aktivistisch
aufwiegeln, statt faktisch und neutral zu berichten.
Kurz darauf startete ein Kölner Aktivist eine Online-Petition, die
fordert, den Preis am Donnerstag nicht an von der Tann zu verleihen.
Er beruft sich dabei unter anderem auf die Aussagen Spaenles in der
Welt und auf Prosor. Mehr als 3800 Menschen haben bisher
unterschrieben. Der frühere ZDF-Moderator Claus Kleber vom Verein des
Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises wies die Kritik an der Entscheidung
der Jury zurück. Man habe sich intensiv mit von der Tanns Arbeit beschäftigt.
Es ist nicht das erste Mal, dass der israelische Botschafter die
ARD-Korrespondentin direkt angeht. Im Juli schrieb er: „Wenn
@sophie_tann lieber Aktivistin wäre, sollte sie den Job wechseln.“
Anlass war ein Gastbeitrag des Genozid-Forschers Omer Bartov in der
New York Times, den von der Tann auf ihrem Instagram-Kanal geteilt
hatte. In dem Text hatte Bartov Israel einen Genozid in Gaza
vorgeworfen. Den Vorwurf, Aktivismus statt Journalismus zu betreiben,
weist von der Tann im Gespräch mit der SZ als „haltlos“ zurück: Sie
und das ARD-Team berichteten „unabhängig und unparteiisch“ und
beleuchteten verschiedene Seiten in Israel, dem Westjordanland und Gaza.
Bei genauer Auseinandersetzung mit der Arbeit der ARD-Berichterstatter
lassen sich – wie überall – Unschärfen und Fehler finden. Der
Studioleiter in Tel Aviv, Christian Limpert, sagt aber, von der Tann
stehe seit Monaten im Fokus persönlicher Angriffe aus Deutschland,
obwohl sich ihre Berichterstattung inhaltlich kaum von der anderer
Korrespondentinnen und Korrespondenten im Team unterscheide.
So habe sie beispielsweise vor einigen Wochen gemeinsam mit einem
Kollegen dessen längst erschienenen Radiobeitrag für das Fernsehen
umgesetzt. Er hatte zu sexueller Gewalt in israelischen Gefängnissen
recherchiert und war Co-Autor des Tagesschau-Beitrags. Doch die Kritik
habe sich anschließend nur auf Sophie von der Tann bezogen – und hätte
inhaltlich ausgeräumt werden können. Der BR-Programmdirektor Thomas
Hinrichs sagt, man setze sich mit Kritik auseinander, trete
Diffamierungen aber „entschieden entgegen“.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet von etlichen
Journalisten, die von Amtsträgern angegangen wurden
Persönliche Angriffe treffen allerdings nicht nur von der Tann.
Nachdem der taz-Autor Daniel Bax über einen in Gaza getöteten
Journalisten berichtet hatte, schrieb die israelische Botschaft auf
ihrem offiziellen X-Account: „Übrigens: 713064 lautete seine
Hamas-Mitgliedschaft-Nummer. Aber verwirren Sie Bax bloß nicht mit den
Fakten.“ In einer Stellungnahme verwehrte sich die Chefredaktion der
taz gegen eine namentliche Diffamierung von Bax durch die israelische
Botschaft.
Auch andere Journalisten, wie die Spiegel-Redakteurin Dunja Ramadan,
wurden über den offiziellen Botschaftskanal angegriffen. Die
Organisation Reporter ohne Grenzen erklärte am Montag, sie habe viele
Fälle dokumentiert, in denen einzelne Journalisten von Amtsträgern
angegangen wurden. Allein auf X seien es in den vergangenen vier
Jahren mehr als ein Dutzend Posts gewesen. Dies seien
„Einschüchterungsversuche“.
Der Vorsitzende der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und langjährige
Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, sagt, dass er eine
„solche Art der Intervention aus einer diplomatischen Vertretung
heraus“ für „grenzwertig“ halte: „Als Botschaft die Berichterstattung
freier Medien so aggressiv zu kommentieren, das kannte ich bisher aus
Demokratien nicht. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren,
dass die israelische Botschaft bestimmte Journalistinnen und
Journalisten besonders im Visier hat.“
Seit der „taz“-Journalist Nicholas Potter über linken Antisemitismus
berichtet, erlebt er Morddrohungen und eine Hasskampagne. Ein Treffen.
Reporter ohne Grenzen hatte Anfang des Jahres für einen Bericht zur
Pressefreiheit in Deutschland Interviews mit 60 Medienschaffenden
geführt. Darin hätten besonders diejenigen von außergewöhnlichem Druck
berichtet, die über den Nahostkonflikt und jüdisches Leben in
Deutschland berichten.
Sie äußerten ihre Angst vor Anfeindungen und Bloßstellungen,
einerseits durch „reichweitenstarke Palästina-solidarische
Influencer“, welche ebenfalls immer wieder Berichterstatter angehen,
in den sozialen Medien und mit Protesten vor Redaktionen. Andererseits
durch Portale wie Mena-Watch oder ÖRR Antisemitismus Watch, die vor
allem Berichte über Israel in den Blick nehmen – oder durch die
Bild-Zeitung.
Weiter heißt es in dem Bericht: „Nicht wenige sehen sich auch durch
häufige und massive Interventionen der israelischen Botschaft oder der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft bei Chefredaktionen unter Druck. Vor
allem Journalist*innen bekannter Medienhäuser berichteten, dass sich
die israelische Botschaft seit Jahren immer wieder in Mails und
Briefen über ihre Berichterstattung beschwere.“
Eine dieser Beschwerden war Anfang des Jahres ein offener Brief des
Botschafters Ron Prosor an den Chefredakteur des Spiegels, Dirk
Kurbjuweit. Auch damals ging es um den israelischen Forscher Omer
Bartov, den das Magazin im Januar zur Situation in Israel interviewt
hatte. Bartov sprach darüber, wie präsent die Angst vor einem Genozid
in Israels Gesellschaft sei, es ging um Holocaust-Vergleiche und um Gaza.
„Für Der Spiegel existiert Hamas nicht“, schrieb der Botschafter, und
warf dem Blatt „haltlose Märchengeschichten über Israel“ vor. Auf
SZ-Anfrage verteidigt die israelische Botschaft ihre Kommunikation
gegenüber Medienhäusern und einzelnen Journalisten: Wenn
Berichterstattung „durchgehend einseitig“ sei, „Bedrohungen für den
Staat Israel und seine Bürger bagatellisiert oder gar Ressentiments
und antisemitische Stereotype bedient werden, dann nimmt die Botschaft
entschieden Stellung“. Als Auslandsvertretung begreife man dies in
besonderen Fällen als „Pflicht“, bewege sich aber „im Rahmen der
legitimen Medienkritik“.
Unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen ist seit mehr als
zwei Jahren nicht mehr möglich
Zuletzt war Prosor den Spiegel auch wegen dessen Recherchen zu einem
getöteten Techniker einer TV-Produktionsfirma in Gaza angegangen,
welche für das ZDF gearbeitet hatte. Israelische Streitkräfte hatten
dem Mann eine Hamas-Mitgliedschaft vorgeworfen, das ZDF beendete
daraufhin seine Zusammenarbeit mit der Firma.
Der Vorfall hatte im Oktober eine grundsätzliche Debatte über die
Qualität der Gaza-Berichterstattung ausgelöst, die sich auch auf
andere Medien bezog. So sprach die CDU-Medienpolitikerin Ottilie Klein
von einem „Skandal, der das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk tief erschüttert“ und Armin Laschet (CDU), Vorsitzender des
Auswärtigen Ausschusses, sagte: „Journalistische Distanz muss wieder
stärker auch die redaktionelle Arbeit von ARD und ZDF prägen.“
Unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen ist für
internationale Journalisten seit mehr als zwei Jahren nicht mehr
möglich, sie wird in Israel von staatlicher Seite unterbunden. Eine
Klage des Verbands ausländischer Presse für einen freien Zugang blieb
bisher ohne Erfolg.
Auch für deutsche Medien bedeutet dies, dass sie oft auf die
Zusammenarbeit mit Journalisten aus Gaza angewiesen sind und nicht
eigenständig vor Ort recherchieren können. Nach Angaben von Reporter
ohne Grenzen kamen seit Kriegsbeginn zudem mindestens 210
palästinensische Medienschaffende bei Angriffen der israelischen
Streitkräfte ums Leben.
Fast 200 Medienschaffende wurden seit Kriegsbeginn in Gaza getötet.
Wie man dort trotzdem lebt und arbeitet, berichtet Shrouq al-Aila,
Preisträgerin des International Press Freedom Award.
Im Westjordanland, wo ausländische Journalisten Zugang zu den
Palästinensergebieten haben, gibt es unterdessen immer wieder Fälle
von Gewalt gegen Pressevertreter, häufig durch radikale Siedler. Die
Nachrichtenagentur Reuters berichtete etwa Anfang November über Gewalt
gegen zwei ihrer Mitarbeiter.
Im Juli war ein Kamerateam der Deutschen Welle mit Steinen beworfen
und verfolgt worden. Von der israelischen Armee, unter deren Kontrolle
große Teile des Gebiets stehen, heißt es dazu nur allgemein, man habe
den Auftrag, für die Sicherheit aller Bewohner zu sorgen. Die Polizei
kümmere sich auch um Regelverstöße israelischer Bürger.
Die Berichterstattung aus Israel und den Palästinensischen Gebieten
ist nicht nur für Auslandskorrespondenten mit Einschränkungen und
Risiken verbunden, sondern zunehmend auch für die israelische Presse.
Anat Saragusti von der Journalistengewerkschaft in Israel sagt, die
Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu arbeite derzeit an
der Aufweichung von Mediengesetzen.
Für ausländische Medien soll die Möglichkeit geschaffen werden, Büros
ganz zu schließen, sollte die Berichterstattung „die Sicherheit des
Staates Israel“ gefährden. Die Arbeit des Senders Al Jazeera in Israel
wurde bereits untersagt, seine Webseite blockiert.
Am beunruhigendsten, sagt Saragusti, seien aktuell aber nicht die
Gesetzesvorhaben, sondern die individuellen Angriffe auf
Journalistinnen und Journalisten. Einzelne Kollegen würden durch Hetze
im Netz angegangen oder auch persönlich von regierungsnahen Aktivisten
bedroht. „Das ist sehr beängstigend“, sagt sie. Die Fälle von
Angriffen auf Journalisten durch israelische Regierungsvertreter in
Deutschland sind für Saragusti neu. Überrascht ist sie nicht.
————
9. Berl. Z.: Joseph Croitoru über das System Netanjahu: Er hat Araber schon immer als Feinde gesehen
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/joseph-croitoru-ueber-das-system-netanjahu-er-hat-araber-schon-immer-als-feinde-gesehen-li.10007533
Interview
Joseph Croitoru über das System Netanjahu:
Er hat Araber schon immer als Feinde gesehen
Der Historiker und Judaist erklärt, wie Benjamin Netanjahus Weltbild geprägt wurde.
Er spricht über die Einflussnahme Israels in deutschen Redaktionen und Netanjahus politische Zukunft.
Susanne Lenz <https://www.berliner-zeitung.de/autoren/susanne-lenz--li.655>Anja Reich <https://www.berliner-zeitung.de/autoren/anja-reich--li.1001>
30.11.2025. 01.12.2025, 10:21 Uhr
Der Historiker und Judaist erklärt, wie Benjamin Netanjahus Weltbild
geprägt wurde. Er spricht über die Einflussnahme Israels in deutschen
Redaktionen und Netanjahus politische Zukunft.
Susanne Lenz, Anja Reich
Der aus Israel stammende, in Deutschland lebende Historiker und
Judaist Joseph Croitoru hat die erste deutschsprachige Biografie über
IsraelsMinisterpräsidenten Benjamin Netanjahu vorgelegt. Er
beschreibt, wo Netanjahu herkommt und was ihn antreibt und belegt das
mit Dokumenten und Briefen, die er in Archiven gefunden hat. Wir
sprachen per Videotelefonie mit ihm.
Was haben Sie Neues über Benjamin Netanjahu herausgefunden, Herr
Croitoru?
Mir war nicht klar, wie ideologisch fixiert er schon als junger Mann
war, dass er Araber schon immer als Feinde ansah, und wie bereit er
war, diese Ideologie nach außen zu tragen. Außerdem habe ich Briefe
entdeckt, aus denen hervorgeht, wie gut er bereits als Student in den
konservativen Kreisen der USA vernetzt war. Eine Publikation von ihm
hat es damals sogar in die Hasbara, den israelischen
Propaganda-Apparat für das Ausland, geschafft. (…)
(…)
Netanjahus Bruder Jonathan kam 1976 bei der Befreiung von Geiseln in
Uganda ums Leben. Er war einer der Kommandanten der Aktion Entebbe.
Wie hat sein Tod Netanjahu geprägt?
Netanjahu selbst behauptet, durch den Tod seines Bruders sei er
schließlich zur Politik gekommen. Aber meine Recherchen haben ergeben,
dass er schon vorher als Student in den USA politische Ambitionen
hatte. Jonathans Tod war auf jeden Fall ein Katalysator und
verschaffte ihm und seinem Vater enorme Bekanntheit, die sie genutzt
haben, um gegen das sich in Israel allmählich durchsetzende Narrativ,
Araber seien zum Frieden bereit, zu agitieren. Vater und Sohn
Netanjahu taten alles, um sie als gefährlich darzustellen.
Sie waren 16, als Jonathan Netanjahu starb. Ein Jahr später gab es in
Israel einen Film über die Befreiungsaktion mit dem Titel „Operation
Thunderbolt“. Können Sie sich daran erinnern, wie die Familie
Netanjahu plötzlich berühmt wurde?
Jonathan war ein Nationalheld, daran erinnere ich mich. Wir waren alle
stolz auf ihn und die Befreiungsaktion in Entebbe. Von seinem Bruder
Benjamin habe ich damals noch nichts mitbekommen. Meine Helden waren
damals eher Bob Dylan und Leonard Cohen.
(…)
Was hat Netanjahu denn für eine Vorstellung davon, wie das
Zusammenleben mit den Palästinensern aussehen soll?
Er will sie möglichst weiter unter israelischer Kontrolle halten.
Netanjahu war bei weitem nicht der Erste, der mit dem Siedlungsbau in
den palästinensischen Gebieten angefangen hat, aber er arbeitet damit
ganz gezielt, um die Entstehung eines palästinensischen Staates zu
verhindern. Mit großem Erfolg. Schaut man sich die Landkarte an, kann
man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, dass es jemals eine
Zwei-Staaten-Lösung geben wird.
Deutsche Politiker aber fordern sie unverdrossen weiter.
Das ist eine Farce, schon deshalb, weil die deutsche Politik durch
ihre Passivität gegenüber Netanjahu und seiner Regierung mit dazu
beigetragen hat, dass der Siedlungsbau weiter forciert wird. Israel
ist dafür kaum sanktioniert worden und macht, was es will.
Sie haben für Ihr Buch recherchiert, wie Israel und Deutschland in der
Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Als 1989/90 der Ostblock
zusammenbrach, gab es zum Beispiel die Sorge, die PLO könne so
einflussreich werden, wie sie es in der DDR war. Auf einer internen
Konferenz des israelischen Außenministeriums in Genf hat der
Journalist Josef Joffe Netanjahu Tipps zum Umgang mit den Deutschen
gegeben. Wie haben Sie das herausgefunden?
Ich habe die Unterlagen zu dieser Tagung bei meinen Recherchen im
israelischen Staatsarchiv entdeckt. Sie sind aus meiner Sicht
vielsagend, denn sie zeigen, wie stark Netanjahu schon damals um den
Ausbau des Hasbara-Apparats in Europa bemüht war, und wie weit die
Kontakte der Israelis in die deutsche Presselandschaft reichten. Das
Beispiel lässt die Vermutung zu, dass diese Kontakte seitdem immer
weiter ausgebaut wurden und den Einfluss des Staates Israel in den
deutschen Redaktionen wachsen ließen.
Joffe hat Netanjahu damals geraten, sich nicht zu sehr auf den
Holocaust zu beziehen, weil das Schuld- und Abwehrgefühle bei den
Deutschen auslösen würde. Ist er diesem Rat gefolgt, und hat diese
Strategie funktioniert?
Ich habe schon den Eindruck, dass Netanjahu sich das damals notiert
hat, die Deutschen nicht zu sehr mit dem Holocaust zu konfrontieren.
Später hat er die Allzweckwaffe Antisemitismusvorwurf für sich
entdeckt und gezielt eingesetzt, allerdings nicht explizit gegen
deutsche Medien und Politiker.
Wenn Netanjahu so auf Stärke und Wehrhaftigkeit gesetzt hat, wie
konnte dann ausgerechnet unter ihm der 7. Oktober passieren? Es gibt
Recherchen der New York Times und Haaretz, dass er von
Sicherheitsdiensten gewarnt wurde.
Diese Diskussion läuft in Israel schon seit zwei Jahren, aber
offensichtlich haben die Geheimdienste wenig gewusst. Es gab nur
allgemeine Warnungen vor dem 7. Oktober. Darauf beruft sich Netanjahu,
und er wird wahrscheinlich mit dieser Argumentation durchkommen.
Wie kann das sein? Die Israelis haben geglaubt, unter ihm seien sie
sicher. Er hat sein wichtigstes Wahlversprechen gebrochen.
Anfangs waren die Leute wütend, und es gab Rücktrittsforderungen. Aber
Netanjahu hat es eben verstanden, eine weitere Reaktion auf den 7.
Oktober für sich zu nutzen, das Bedürfnis in der israelischen
Gesellschaft nach Vergeltung, nach Rache. Durch seinen erklärten
Vernichtungskrieg gegen die Hamas, der zur weitgehenden Zerstörung des
Lebensraums der Palästinenser im Gazastreifen führte. Damit konnte er
das Versagen seiner Regierung am 7. Oktober zumindest teilweise
übertünchen.
Der Film „The Bibi Files – Die Akte Netanjahu“, der gerade in der
ARD-Mediathek zu sehen ist, legt nahe, dass Netanjahu diesen Krieg
gebraucht hat, um sich angesichts der Korruptionsverfahren gegen ihn
weiter an der Macht halten zu können. Teilen Sie diese Sicht?
Nur zum Teil, denn er kann wahrscheinlich auch ohne den Krieg an der
Macht bleiben. Der Krieg ist offiziell zu Ende, Donald Trump hat
Netanjahu dazu gezwungen. Netanjahu konnte die Hamas zwar nicht
vernichten, der Krieg hat aber eine massive Zerstörung im Gazastreifen
angerichtet, und enorm viele Menschen wurden dort getötet. Aus Sicht
vieler Israelis ist durch den Gaza-Feldzug das Versagen am 7. Oktober
irgendwie wettgemacht worden. Auch deshalb führt Netanjahus Partei
Likud in den Umfragen derzeit mit 27 von 120 Mandaten, das ist fast
ein Viertel. Viel mehr hat Netanjahu bei den letzten Wahlgängen auch
nicht bekommen.
Wenn jetzt Wahlen wären, hätte Netanjahu tatsächlich Chancen, im Amt
zu bleiben?
Ja, und er arbeitet daran, die umstrittene Justizreform durch die
Hintertür weiter zu forcieren, auch um eine eventuelle Verurteilung
wegen Korruption zu verhindern. In der Partei selbst versucht er,
seine Herrschaft zu sichern, und in der Öffentlichkeit wälzt er seine
Verantwortung als Regierungschef für den 7. Oktober auf andere ab. Das
sind nur einige seiner Überlebensstrategien.
Geht es ihm um sich selbst? Oder um Israel?
Netanjahu hat über die Jahre autoritäre Tendenzen entwickelt. Bei
mehreren der letzten internen Likud-Wahlen ist niemand gegen ihn
angetreten. Das lässt an Wahlen in autoritären Staaten denken, wo es
keine Gegenkandidaten für den Regierungs- oder Staatschef gibt. Und
von der Justizreform erhofft er sich außerdem, größeren Einfluss auf
die israelische Politik nehmen zu können und das Oberste Gericht in
Israel als Kontrollinstanz zu schwächen. Was dann letztlich auch
Einfluss auf seinen laufenden Korruptionsprozess haben könnte.
Gibt es in Israel einen Politiker, der Netanjahu gefährlich werden
könnte?
Wenn man die israelischen Umfragen studiert, rangiert seit Wochen an
zweiter Stelle die Partei von Naftali Bennett, der schon mal kurz
Ministerpräsident war. Bennett ist ein nationalreligiöser Politiker,
verbunden mit dem Siedlerlager, auch wenn er selbst kein Siedler ist.
Er wurde, ähnlich wie Netanjahu, in den USA und Israel sozialisiert,
spricht sehr gut Englisch. Andere, die in den letzten Jahren
Hoffnungsträger waren wie Yair Lapid, Chef der Partei Jesch Atid, oder
Benny Gantz, der Ex-Generalstabschef, sind hingegen immer
unbedeutender geworden.
Nochmal zu Gaza: Da herrscht ja nun der biblische Friede, den Trump
verkündet hat. Wie lange wird der halten?
Der Trump'sche Friede? Gute Frage. Aber immerhin hat Trump gehandelt.
Er hat Netanjahus erklärten Vernichtungskrieg gegen die Hamas und die
anderen Milizen im Gazastreifen gestoppt. Er hat einen
Waffenstillstand bewirkt, der bis auf wenige Verstöße bis jetzt auch
hält, auch wenn jüngst bei israelischen Angriffen wieder Zivilisten
getötet wurden. Und Trump macht weiter.
Er hat südlich von Tel Aviv ein Koordinationszentrum errichten lassen,
wo der Aufbau einer internationalen Stabilisierungstruppe für den
Gazastreifen vorbereitet wird. Sein Friedensplan wurde vom
UN-Sicherheitsrat abgesegnet. Das sind Schritte, die Trumps
Entschlossenheit deutlich machen. Die betreffen aber erst einmal nur
den Gazastreifen. In der Westbank herrscht keineswegs Frieden. Dort
werden fast täglich Palästinenser von gewalttätigen israelischen
Siedlern angegriffen. Sie vertreiben Bauern und Hirten von ihren
Ländereien und übernehmen diese mit Duldung des Staates. Dort herrscht
im Grunde Krieg, ein anderer Krieg. Den hat die Trump-Administration
aber kaum im Blick.
Joseph Croitoru, 1960 in Haifa geboren, ist Historiker, Journalist und
Buchautor. Seine Themen sind der Nahostkonflikt, jüdische und
islamische Geschichte sowie religiöser Fundamentalismus. Er wurde 2021
mit dem Friedenspreis der Geschwister-Korn-und-Gerstenmann-Stiftung
ausgezeichnet. Sein Buch „Das System Netanjahu“ ist gerade beim
Wagenbach Verlag Berlin erschienen, es hat 304 Seiten und kostet 29 Euro.
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10. BR: Michael Barenboim zu Gaza-Konflikt - "Ich verspüre große Verantwortung"
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/michael-barenboim-geiger-interview-gaza-benefizkonzert-let-freedom-ring-muenchen-100.html
Michael Barenboim zu Gaza-Konflikt - "Ich verspüre große Verantwortung"
27.11.2025 von Benedikt Schregle
Am Sonntag gibt Michael Barenboim in München ein Benefizkonzert für
humanitäre Hilfe in Gaza. Im BR-KLASSIK-Interview spricht der Geiger
über seine Initiative "Make Freedom Ring", seine Gründe für das
öffentliche Engagement und darüber, warum Konzerte für ihn Orte der
Solidarität in einer oft schweigenden Klassikszene sind.
BR-KLASSIK: Herr Barenboim, welche Kontaktmöglichkeiten haben Sie
persönlich nach Gaza?
Michael Barenboim: Ich kenne den einen oder anderen aus Gaza hier in
Deutschland. Die meisten von denen haben 50 bis 70 Familienmitglieder
während des Genozids in Gaza verloren. (…)
R-KLASSIK: Was können Sie da überhaupt mit einem Benefizkonzert bewirken?
Michael Barenboim: Wir sammeln dieses Mal Spenden für die
Gaza-Nothilfe von "medico international". Im Vergleich zu anderen NGOs
hat "medico international" die Besonderheit, dass sie immer mit
lokalen Partnerorganisationen arbeiten. Der medizinische Bereich, der
psychosoziale Bereich und der Bildungsbereich werden gefördert. Also
Instandhaltung oder Wiederaufbau von Wasserbrunnen zu Beispiel. Das
ist Hilfe, die direkt ankommt.
BR-KLASSIK: Was treibt Sie persönlich an, sich so stark zu engagieren?
Michael Barenboim: Ich bin deutscher Staatsbürger und ich verspüre
große Verantwortung, in der Öffentlichkeit immer wieder auf dieses
Thema hinzuweisen. Wenn der Staat, also die Bundesregierung,
kriminelle Handlungen unterstützt, sind wir als Zivilgesellschaft
gefordert. Wir sollten alles dafür tun, damit der Staat seine Politik
ändert. Das ist eine Verantwortung von Menschen, die in der
Öffentlichkeit stehen, so wie ich. Das ist auch der Grund, warum ich,
gerade als deutscher Staatsbürger, hier so vehement und offen darüber
spreche.
Gerechtigkeit als Voraussetzung für ein Miteinander in der Region
BR-KLASSIK: Ihrem Vater, Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, ist
seit jeher das Zusammenbringen von Israel und der arabischen Welt
wichtig – unter anderem mit dem West-Eastern Divan Orchestra. In dem
Orchester wirken Sie selbst als Konzertmeister mit. Haben sie die
Hoffnung, dass auch irgendwann wieder ein Aufeinanderzugehen von
Israelis und Palästinensern im Alltag vor Ort möglich sein wird?
Michael Barenboim: Das ist tatsächlich nur möglich, wenn
Palästinenserinnen und Palästinenser zu ihrem Recht kommen, und zwar
alle: sowohl die in Gaza, die in der Westbank und in Ost-Jerusalem,
die im Staatsgebiet Israel und die über sechs Millionen Geflüchtete.
Solange sie unter Besatzung sind, vertrieben und entrechtet werden,
kann man von Menschen nicht erwarten, dass sie im Alltag aufeinander
zugehen. Das ist nicht realistisch. Zuerst muss die Frage von Recht
und Gerechtigkeit abschließend geklärt sein.
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11. Oikoumene: Erklärung des ÖRK: Hoffnung für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel
https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/wcc-statement-seeking-hope-for-a-just-peace-in-palestine-and-israel
Erklärung des ÖRK: Hoffnung für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel
Erklärung „Hoffnung für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel“ des
ÖRK-Exekutivausschusses, der vom 20. bis 25. November 2025 in Hangzhou, China tagte.
Dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.
Psalm 85,12
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) nahm die Verkündung einer
Waffenruhe in Gaza und die Freilassung von Geiseln und Gefangenen mit
großer Erleichterung zur Kenntnis. Doch diese Erleichterung sieht sich
durch die weiteren Entwicklungen in Gaza sowie die Verschärfung der
Krise im Westjordanland – insbesondere aufgrund der zunehmenden
Angriffe durch radikale zionistische Siedler, die fast vollständige
Straflosigkeit genießen – durch Ungewissheit und Sorge getrübt.
Der ÖRK-Exekutivausschuss besprach die aktuelle Lage in der Region an
seiner Tagung vom 20. bis 25. November 2025 in Hangzhou, China mit
gemischten Gefühlen.
Rechenschaft und Strafverfolgung
Der Exekutivausschuss bekräftigt, dass es ohne Gerechtigkeit keinen
Frieden geben kann und dass es unabdingbar ist, die Verantwortlichen
zur Rechenschaft zu ziehen, um Raum für Heilung und Versöhnung zu
schaffen. Die gezielten Angriffe auf Zivilpersonen, die Blockierung
humanitärer Hilfe, das Aushungern als Kriegsmethode, die Zerstörung
von Krankenhäusern, Schulen und Wohngebäuden sowie die Benutzung von
Zivilpersonen als lebende Schilde sind schwere Verstöße gegen die
Vierte Genfer Konvention und gelten im Rahmen des Völkerrechts als
mutmaßliche Gräuelverbrechen.
Wir berufen uns auf die vorläufigen Maßnahmen, in denen der
Internationale Gerichtshof (IGH) anordnete, dass Israel
völkermörderische Handlungen zu verhindern und den Zugang zu
humanitärer Hilfe zu gewährleisten habe, und wir bekräftigen erneut,
dass diese Urteile rechtlich bindend sind.
Des Weiteren muss die Durchführung der laufenden Ermittlungen durch
den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) wegen mutmaßlicher
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Seiten
Israels und der Hamas ohne Behinderung, politische Einmischung oder
unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe gewährleistet werden.
Daher fordert der Exekutivausschuss, dass
alle Vertragsstaaten der Genfer Konventionen ihrer Verpflichtung
nachgehen, die Einhaltung des humanitären Völkerrechts zu
gewährleisten; alle Regierungen mit dem IGH und dem IStGH
uneingeschränkt zusammenarbeiten, um die Strafverfolgung zu
ermöglichen und alle Tatpersonen ungeachtet ihrer Nationalität und
ihres Status zur Rechenschaft zu ziehen; der Straflosigkeit radikaler
Siedler, die im Westjordanland schwere Angriffe auf Palästinenserinnen
und Palästinenser und deren Besitz verüben, ein Ende gesetzt wird;
Kirchen sowie ökumenische und interreligiöse Partner sich für eine
wahrheitsgetreue Gerechtigkeit einsetzen, Opfer begleiten und gegen
Diskurse vorgehen, die Straflosigkeit rechtfertigen. Humanitäre Hilfe
und Wiederaufbau
Die Menschen in Gaza sind noch immer mit Zerstörung und Verzweiflung
konfrontiert. Tausende Familien sind noch immer vertrieben; die
Infrastruktur wurde verwüstet; der Zugang zu Nahrung, Wasser,
medizinischer Versorgung und Unterkünften bleibt äußerst
eingeschränkt. Der Exekutivausschuss drängt auf eine unverzügliche und
bedingungslose Aufhebung aller Blockaden und Beschränkungen
humanitärer Hilfe.
Der Exekutivausschuss bekräftigt erneut die Unterstützung durch den
ÖRK der grundlegenden Rolle der UNRWA bei der Gewährleistung
humanitärer Hilfe und Unterstützung palästinensischer Geflüchteten in
Gaza und im Westjordanland. Sie erfüllt dabei Aufgaben, die in den
Verantwortungsbereich Israels als Besatzungsmacht fallen, von Israel
aber nicht erfüllt werden.
Der Wiederaufbau des zerstörten Gaza darf kein Kontroll- oder
Abhängigkeitsmechanismus werden. Würde, Gerechtigkeit und
Selbstbestimmung sind die Prinzipien, die den Wiederaufbau leiten
müssen. Der Prozess muss unter der Leitung und Bestimmung der
Palästinenserinnen und Palästinenser persönlich im Austausch mit
legitimen, demokratisch gewählten palästinensischen Behörden sowie mit
der Zivilgesellschaft und mit der aktiven Teilhabe von Frauen, jungen
Menschen und lokalen Religionsgemeinschaften stattfinden.
Internationale Partner müssen sich zur Einhaltung eines Rahmens
verpflichten, der einen auf Gerechtigkeit basierenden Wiederaufbau
gewährleistet, durch den humanitäre Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen in
anhaltendem Frieden münden und nicht in einer neuen Besatzung oder
Ausbeutung.
Verwaltung und Zukunft Gazas und Palästinas
Der Exekutivausschuss betont, dass Gazas Zukunft nicht durch externe
Mächte bestimmt werden darf. Die Verwaltung von Gaza und allen
palästinensischen Gebieten muss das unveräußerliche Recht des
palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung, Einheit und
Souveränität widerspiegeln. Jegliche Vorlagen und Pläne, die eine
erneute Besatzung, Vertreibung oder externe Kontrolle Gazas
beinhalten, sind unannehmbar und im Widerspruch mit dem Völkerrecht.
In dieser Hinsicht hegt und betont der Exekutivausschuss ernste
Bedenken über die kürzlich angenommene Resolution 2803 des
UN-Sicherheitsrats, die den von der USA vorgeschlagenen und von Israel
und der Hamas gebilligten (und von der Palästinensisch