aus e-mail von Doris Pumphrey, 13. Januar 2026, 19:35 Uhr
Berliner Zeitung 13.1.2026
<https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/ukraine-gewalt-korruption-faelschungen-mobilisierung-li.10013697?id=8ad9f37fb9674294be6cd75c9ad3647e>
*Schock über „Menschenjagd“ in der Ukraine:
Gewalt, Fälschungen und Korruption bei der Mobilisierung
*Ein 26-jähriger Ukrainer schildert erschütternde Zustände bei der
Mobilisierung: Gewalt auf offener Straße, gefälschte Dokumente, korrupte
Ärzte. Unser Sonderkorrespondent war vor Ort.
Lukas Moser
„Ich wurde geschlagen, in einen Keller gesperrt und meine Dokumente
wurden gefälscht.“ Es sind Worte, die unter die Haut gehen. Vasyl (Name
von der Redaktion geändert) ist 26 Jahre alt und lebt in Odessa. Er ist
angesehen und gebildet, spricht fließend Deutsch. Vor wenigen Wochen
wurde er vom ukrainischen TCK, jener staatlichen Militärbehörde, die für
die Mobilisierung zuständig ist, auf einer Straße in der Hafenstadt
aufgegriffen. Was dann passierte, klingt wie Stoff für Hollywood. Es ist
in Wahrheit aber ein Schrecken, den junge Ukrainer hier mittlerweile
tagtäglich erleben.
*„Demütigung der menschlichen Würde“
*Das TCK ist berüchtigt. „Im Internet gibt es viele Videos und
Geschichten darüber, wie sie Menschen schlecht behandeln. Die
ukrainischen Behörden sagen, das seien Provokationen und nur
Einzelfälle, die von russischer Propaganda aufgebauscht würden“, erklärt
Vasyl. „Aber ich habe es selbst erlebt und bis heute bei meinen
Kameraden Dutzende solcher Fälle gesehen. So eine Demütigung der
menschlichen Würde habe ich noch nie erlebt.“
Was war passiert? „In meinem Fall war es spät am Abend. Zwei Busse
jagten in meinem Stadtteil nach Männern – und leider geriet auch ich
ihnen in die Hände.“ Vasyl erzählt, was hier in Odessa und allen anderen
Teilen der Ukraine eines der Hauptgesprächsthemen ist. „Die ganze
schmutzige Arbeit – jemanden zu verfolgen oder zu schlagen – machen
meistens Männer in Zivilkleidung oder Mitarbeiter des TCK. Die Polizei
tritt in solchen Momenten zur Seite und schaltet ihre Bodycams aus.“
Wer die Männer in Zivilkleidung sind, weiß niemand so recht. Die einen
sagen, es sei ebenfalls Polizei, andere meinen, es sei privates
Sicherheitspersonal. Die meisten hier sind aber der Meinung, dass es
sich um Militärangehörige außerhalb des aktiven Dienstes handelt. Wer
auch immer diese Männer sind: Sie sollten eigentlich deeskalierend
wirken, werden aber oft gegenteilig aktiv. Das zeigen mittlerweile
unzählige Fälle, von denen Videos in sozialen Netzwerken kursieren.
Auch Vasyl erlebte dramatische Szenen am eigenen Leib. „Ich hatte schon
früher viel über sie und ihre Brutalität gehört“, sagt er. „Zum Glück
war ich größer und stärker als der Mann in Zivilkleidung, und er konnte
mir nichts Ernsthaftes antun. Er riss mir nur die Jacke auf und machte
sie kaputt, als er mich zu Boden warf.“
*Handy abgenommen und in den Keller gesperrt
*Doch die Drangsalierung sollte damit noch lange nicht zu Ende sein, als
Nächstes wurde ihm sein Handy abgenommen. „Gott sei Dank konnte ich in
den ersten Minuten der Festnahme noch eine Nachricht an meine
Angehörigen schicken.“ Niemand hätte sonst gewusst, was mit ihm
geschehen war. Denn Vasyl wurde umgehend und gewaltsam mitgenommen, die
ganze Nacht über in einen Keller gesperrt. Jener junge Mann, der so viel
Zukunft und Zuversicht in sich trug, wurde behandelt wie ein
Schwerverbrecher.
Am nächsten Tag brachte man ihn zu einer medizinischen Untersuchung – so
hieß es zumindest. „In Wirklichkeit war das aber keine echte
Untersuchung. Die Ärzte waren extrem unhöflich und aggressiv. Als ich
sagte, dass ich eine Diagnose habe, die mich teilweise dienstuntauglich
macht, wurde ich einfach ignoriert.“ Es sind Szenen, die einem den
Glauben an jegliche Objektivität und Fairness rauben. Als Vasyl darum
bat, seine ärztliche Bescheinigung holen zu dürfen, sagte man ihm, dass
er nirgendwo mehr hingehen dürfe. „Alle meine Dokumente und
Unterschriften wurden einfach gefälscht“, erzählt er.
Dass er kein Einzelfall ist, weiß Vasyl mittlerweile nicht nur aus
Erzählungen. „Ich arbeite in der Armee mit den Unterlagen von
Neuankömmlingen. Ich habe noch kein einziges Mal jemanden gesehen, der
eine normale, echte medizinische Untersuchung durchlaufen hat. Das TCK
bringt hier Menschen mit Hepatitis, HIV, Tuberkulose und verschiedenen
psychischen Erkrankungen her.“ Doch bei allen stehe in den Papieren,
dass sie völlig gesund seien.
Das Fälschen von Dokumenten ist nur das eine, hinzu kommt eben die
überbordende Gewalt: „Ein beträchtlicher Teil der Leute, die zur
Ausbildungseinheit gebracht werden, wird vom TCK geschlagen. In meinem
Zug war ein Mann, dem hier der Kehlkopf gebrochen wurde. Einem anderen
brachen die Rippen, als man ihn schlug.“ Vasyl stoppt und legt nach
einigen Sekunden nach: „Und solche Geschichten gibt es zu Dutzenden.“
Die Enttäuschung des jungen Ukrainers geht aber weit über das hinaus,
was er vor Ort selbst erlebt und mehrfach gesehen hat. „Die offiziellen
Medien verschweigen das Ausmaß dieser Fälle. Staatliche Vertreter sagen,
das sei nur russische Propaganda und man solle Russland nicht helfen,
unsere Gesellschaft und unsere Einheit zu untergraben.“ Vasyl glaubt,
dass diese Vorgehensweise inoffiziell vom Staat gebilligt wird. „Und ich
verstehe nicht, wie das Männer motivieren soll, für so einen Staat zu
kämpfen und zu sterben.“
*Ausweg führt oft über Korruption
*Was dann noch hinzukommt, ist die Wut über die Korruption. Viele
Ukrainer in seinem Umfeld konnten und können es sich leisten, kauften
sich einfach frei und hörten nichts mehr von der Mobilisierung. Auch von
Ärzten, die gegen Bargeld eine gefälschte Untauglichkeit ausstellen,
hört man immer wieder.
Eigentlich gilt nach dem derzeit geltenden Mobilisierungsgesetz jeder
Mann im Alter von 25 bis 60 Jahren – mit Ausnahmen etwa für Untaugliche,
Vollzeitstudenten oder auch Personen mit bestimmten familiären
Verpflichtungen – als mobilisierbar. Vasyl entzog sich dem Wehrdienst
aus pragmatischen Gründen, er wollte nicht sterben. Sein Studium wieder
aufzunehmen, hätte ihm wahrscheinlich ohnehin einen legalen Aufschub bis
zum Abschluss gewährt, er entschied sich aber, zu arbeiten. Ein Risiko,
das er nun mit seinem Leben bezahlen könnte.
Er ist in einer Einheit, die man landläufig uncharmant als
„Penner-Truppe“ bezeichnet. Gemeinsam mit Alkoholkranken, Obdachlosen
und psychisch Schwerkranken, mit Drogenabhängigen und Kriminellen. Für
einen mittleren vierstelligen Eurobetrag wurde ihm in Aussicht gestellt,
in eine andere Einheit zu kommen – erneut Korruption. „Ich liebe mein
Land und möchte nicht, dass Männer hier so gedemütigt werden, nachdem
schon so viele Menschen gestorben sind und so viele Häuser zerstört
wurden“, sagt Vasyl abschließend mit nachdenklicher Stimme.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.