Treffen mit den Oil-CEOs im Weißen Haus. Screenshot von Whitehouse-Video


overton-magazin.de, vom 12. Januar 2026, Gaby Weber

Am vergangenen Freitag hatte der US-Präsident die CEOs seiner Erdölgiganten im Weißen Haus versammelt; auf der Tagesordnung stand die künftige Erdölförderung in Venezuela. Eigentlich hatte er für seine Einverleibung der venezolanischen Petro-Industrie Lobpreisungen erwartet. Schließlich wollte er mit der Entführung des Staatschefs Nicolás Maduro den Weg für glorreiche und lukrative Geschäfte ebnen. Big Oil sollte dankbar sein und begeistert erst einmal 100 Milliarden aus der Schatulle holen, um die – nicht zuletzt durch die US-Sanktionen – gebeutelte Industrie wieder auf Vordermann zu bringen. Heute produziert das Land nur noch einen Bruchteil von der Menge von vor zehn Jahren.


So jedenfalls hatte sich das Donald Trump ausgemalt, denn offenbar hatte er irgendwann und irgendwo einmal gelesen, dass in dem Karibikstaat etwa ein Fünftel aller weltweit bekannten Erdölreserven lagern – ein riesiges Vermögen, mit dem er nach seinem Überfall auf Caracas America wieder great machen wollte. Aber dann kam alles anders. Trumps Pläne stießen bei Exxon & Co. auf wenig Gegenliebe – „cool reception“ – titelte die New York Times.

Die versammelten CEOs (Continental, Haliburton, HKN, Valero, Marathon, Shell, Vitol Americas, Repsol, Eni, Aspect Holdings, Tallgrass, Raisa Energy and Hilcorp) waren alles andere als begeistert, denn im Gegensatz zu ihrem obersten Kriegsherrn kennen sie die Realität vor Ort und sind offenbar von Trumps Phantasien überrumpelt worden. Darren Woods, Chef von Exxon Mobil, brachte es auf den Punkt: „Wir sind dort zweimal enteignet worden, und bevor wir ein drittes Mal dort hineingehen, bräuchten wir einige hübsche tiefgreifende Änderungen.“ Im Moment sei Venezuela kein Ort für Investitionen.

Natürlich wurden die „tiefgreifenden Änderungen“ bei der Freitags-Konferenz benannt. Es geht um finanzielle, juristische und politische Fragen. Eine dreistellige Milliarden-Investition muss langfristige Gewinne versprechen, ist also auf mindestens zehn Jahre angelegt. Aber wie will Trump finanzielle, juristische und politische Sicherheit in einem Land wie Venezuela versprechen?

Das venezolanische Erdöl ist schweres Öl, kompliziert in der Förderung und Weiterverarbeitung. Dies ist kostspieliger als etwa die Förderung des texanischen Öls und übersteigt den zu erwartenden Verkaufsgewinn. Die vorhandenen Anlagen sind aufgrund ausgebliebener Investitionen veraltet und müssten rundum erneuert werden. Trumps Energieminister Chris Wright stellte am Freitag bei Fox News in Aussicht, dass die staatliche U.S. Export-Import Bank Kredite an Unternehmen erteilen könnte, die in Venezuela investieren wollen. Trump hatte in der Runde sogar vorgeschlagen, die US-Konzerne mit Steuergeldern zu subventionieren – ein Vorschlag, der politisch nur schwer zu verkaufen ist und den auch die texanischen Firmen ablehnen, bzw. auf eine ähnliche Subvention für sich pochen würden.

Im Moment operiert nur noch Chevron in Venezuela, Exxon Mobil und Conoco Phillips hatten nach ihrer Enteignung durch die Regierung von Hugo Chávez das Land verlassen und vor internationalen Schiedsgerichten auf Entschädigung geklagt. Exxon Mobil will, bevor es – vielleicht – erneut investieren wird, erst einmal 20 Milliarden Dollar von der Regierung in Caracas haben, Conoco Phillips fordert 12 Milliarden. Wer soll das jetzt bezahlen – wo Trump in aller Welt verkündet hat, dass ihm jetzt die venezolanische Erdölindustrie gehört?

Russland hat in Venezuela investiert und kann im Falle einer Enteignung ebenfalls auf Entschädigung klagen. Mit der VR China bestehen vertragliche Lieferverträge über 500.000 Barrel Öl, die China National Petroleum Corp., Sinopec Group und China Concord Resources Corp. täglich von dort importieren. Dazu kommt ein Darlehen von 60 Milliarden Dollar, das in Form von Öllieferungen an die Volksrepublik abgezahlt werden kann; davon sind noch 19 Milliarden offen. Soll Big Oil nach einer möglichen Übernahme von PDVSA diese Verpflichtungen übernehmen?

Außerdem sind sich die US-Unternehmen untereinander keinesfalls einig. Während Exxon Mobil und Conoco Phillips unter Protest das Land verließen, blieb Chevron am Orinoco, in Kooperation mit der staatlichen PDVSA. Während sich die ersten beiden eine komplette Enthauptung der chavistischen Regierung gewünscht und die Ernennung von María Corina Machado als eine Übergangslösung gefordert hatten, setzt Chevron auf Delcy Rodríguez und die Beibehaltung der bisherigen Führungsriege. Nur so könne die politische Situation im Lande unter Kontrolle gehalten werden. Marco Rubio – laut Washington Post der „Vizekönig Venezuelas“ – hatte den Brief an das Nobelkomitee mitunterzeichnet, in dem Machado vorgeschlagen worden war. Trump hat sich – vorerst – gegen sie entschieden, die er als „das Fräulein mit dem Nobelpreis“ bezeichnet. Um ihn zu besänftigen, will die Dame in dieser Woche den US-Präsidenten besuchen und ihm ihren Nobelpreis feierlich überreichen. Das Nobelpreiskomitee hat schon abgewunken, der Preis kann nicht übergeben werden.













































Trump hat sich inzwischen zum amtierenden Präsidenten Venezuelas erklärt.


Chevron wäre als einzige Firma in der Lage, relativ schnell die Menge des im Karibikstaat geförderten Öls zu erhöhen, da es bereits im Land operiert. Dafür müssten die US-Sanktionen und die Behinderung von Tankern aufhören.

Der interne Markt ist wenig lukrativ, da es die Venezolaner als eine Art Naturrecht ansehen, für einen Dollar ihren Tank zu füllen, und alle Versuche, auch die der chavistischen Regierungen, höhere Preise durchzusetzen, endeten im Chaos. Das hatte mit dem Caracazo begonnen, im Februar 1989. Der christdemokratische Präsident Carlos Andrés Pérez wollte die Preise für den Nahverkehr und für Benzin erhöhen und musste schließlich die Nationalgarde einsetzen, um die Aufstände niederzuschlagen. Mindestens 276 Menschen kamen dabei ums Leben. Auch während der Versorgungskrise 2018 wurde zwar Benzin rationiert, aber der Preis blieb niedrig.

Das ist den CEOs von Big Oil – im Gegensatz zur US-Administration – klar, denn sie waren jahrelang vor Ort tätig. Es ist einfach, ein Land zu überfallen und danach das Weite zu suchen – statt unter den dortigen Bedingungen zu wirtschaften und sogar noch Gewinne zu erzielen. Fest steht: die chavistische Struktur ist nach wie vor intakt. Die rechte Opposition um Machado hat sich im Land nicht gerade beliebt gemacht, als sie offen von Trump eine gewaltsame Intervention forderte – das ging auch anderen konservativen Politikern wie etwa Henrique Capriles zu weit. Und im ganzen Land sind schon seit Jahren bewaffnete Milizen unterwegs, sie kontrollieren die ärmeren Stadtviertel von Caracas und übernehmen dort auch – wie etwa die kubanischen Ärzte – soziale Aufgaben.

Wie wollen Exxon & Co. ihre neuen Mitarbeiter in dieser Umgebung schützen? Oder will Trump seine Marines zur Ölförderung an den Orinoco schicken? Dauerhaft? Bezahlt vom US-Steuerzahler, der in Texas und vielleicht demnächst aus Sibirien viel billigere Energie beziehen kann?a

Gaby WeberGaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenosa Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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