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Screenshot aus TikTok-Werbevideo der Bundeswehr zur Rekrutierung. 


overton-magazin.de, vom 6. Februar 2026 125 Kommentar

Mütter und Väter haben es irgendwie geschafft, ihre Kinder bis zu deren 18. Geburtstag auf das Leben vorzubereiten. Doch nun droht der Einsatz in einem Krieg, Tod statt Leben. Eltern sind hin- und hergerissen zwischen patriotischem Pflichtgefühl und der Angst um ihren Nachwuchs. Ein offener Brief mit einem leider unbequemen Rat.


Liebe Eltern!

Was habt Ihr nicht alles mitgemacht, bis eure Kinder endlich groß geworden sind. Jetzt vollenden sie ihr 18. Lebensjahr. Eigentlich müsste es nun weitergehen mit dem Weg zu einem Beruf. Manche stecken bereits in einer Lehre, andere fangen eine Ausbildung im Anschluss ans Abitur an oder beginnen ein Studium.

Bis hierhin, liebe Eltern, lief es für die meisten von euch ganz normal: Ihr habt mit euren zwei Jobs oder mehr das nötige Geld reingeholt, habt geschuftet und jeden Tag so eng getaktet, dass vom Frühstück über das Mama-Taxi bis zum Nachmittagssport und dem gemeinsamen Abendbrot alles in die zur Verfügung stehenden 24 Stunden hineingepresst werden konnte. Auf meist zu engen Raum, weil geeignete Wohnungen schwer zu bekommen und oft zu teuer sind.

Euren Stress von der Arbeit, eure Erschöpfung und euren Bedarf nach Erholung habt ihr vor euren Kindern verborgen. Das gelang zwar nicht immer, und dann wurde es ungemütlich. Aber insgesamt habt ihr euch zerrissen, damit aus eurem Nachwuchs „was wird“ und sie es vielleicht „einmal besser haben“.

Für den eigenen Lebensgenuss blieb da wenig Zeit. Auch vielleicht für das Nachdenken darüber, was das für eine Gesellschaft ist, in der sich die meisten Menschen täglich für andere abstrampeln müssen und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. In der die Mehrheit froh sein darf, dass sie für „die Wirtschaft“ nützlich ist. Also für einen fremden Geldgewinn arbeiten kann und ein Einkommen erzielt, das gerade so zum Leben reicht. Einem Leben, das es ihnen ermöglicht, weiter nützlich zu bleiben – viel mehr aber auch nicht. Und immer verbunden mit der Gefahr, eines Tages aussortiert zu werden, arbeitslos zu sein und vor dem Nichts zu stehen.

Doch Ihr habt all das ebenso als normal empfunden. So „geht halt Wirtschaft“ – die einen arbeiten, die anderen lassen arbeiten. Die einen müssen jeden Euro umdrehen, die anderen plagt die Sorge wohin, damit es noch mehr Euros werden. Für selbstverständlich haltet ihr es außerdem, nichts zu sagen zu haben. Das ist Sache der herrschenden Politik. Sicher, über die meckern darf man, was ihr auch öfters tut. Aber ihr wisst schon, dass das nichts bringt.

Alle Jahre wieder dürft ihr ein Kreuzchen bei einer der Parteien und ihrer Figuren machen, die an die Macht wollen, immerhin. Dass sich die alten oder neuen Herrscher von euch nichts sagen lassen, einen „Wählerauftrag“ nur kennen, wenn er ihnen als Rechtfertigung in den Kram passt, ansonsten sie ihren eigenen Zwecken folgen – irgendwie ist euch das schon bekannt. Weniger klar dürfte euch sein: Mit eurer Wahl nickt ihr all die zukünftigen Sauereien ab, die euch die Politik bescheren wird. Ihr habt die Herrschaften schließlich gewählt, ihnen einen Freibrief ausgestellt. Was sie mit der Macht dann anstellen, steht auf einem anderen Blatt.


Neuerdings ist da unter anderem zu lesen: „Verteidigungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille.“ Das hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor kurzem gesagt. Der Zusammenhang von Gewalt und Geschäft wird selten in einer solchen Deutlichkeit von Politikern dargestellt. Nur ein Staat mit Respekt einflößendem Militär kann die Geschäfte seiner Wirtschaft überall auf der Welt befördern. Nur ein waffenstarrendes Europa mit der Führungsmacht Deutschland kann sich im Kampf um den Reichtum dieser Welt gegen USA und China behaupten, so die Botschaft des Kanzlers. Und gegen ein Russland, das zwar kein großer ökonomischer Gegner ist, jedoch militärisch zu mächtig.

Liebe Eltern,

an diesem Punkt kommen die meisten von euch immer noch nicht ins Grübeln. Selbst wenn das schon ziemlich nach einer Vorbereitung auf Krieg aussieht, nicht nur gegen den Feind im Osten. Aktuell haben sich zu diesem Bösewicht aus deutscher Sicht die USA unter der Führung von Trump gesellt, und China steht ja schon länger auf der schwarzen Liste der hiesigen Politik. Das alles nickt ihr ab oder lasst es so laufen. „Wir“, die Deutschen, sind in einer Welt der „Autokraten“ doch die „Guten“! Was diese „Guten“ in der Welt so alles eher nicht so Schönes anstellen und mitmachen – Länder durch friedlichen Handel ausbeuten, Kriege fördern oder führen, Geflüchtete abwehren, ertrinken lassen, abschieben ins Elend, die Natur zerstören und so weiter – berührt euch kaum. Ist halt der normale Gang der Dinge. Sicher im Einzelfall bedauerlich, aber was soll man machen?

Doch jetzt, mit einem Mal, werdet ihr hellhörig: Euer hoffnungsvoller, mühsam erzogener Nachwuchs soll demnächst nicht seine Karriere starten – sondern zur Bundeswehr! Und dahin nicht für ein paar Monate Grundausbildung und danach ab ins Leben. Nein, eure Kinder werden herangezogen für den Ernstfall. Den ganz offiziell die Politik in wenigen Jahren erwartet. Dann sei Russland in der Lage, Europa anzugreifen.

Warum Russland das tun sollte, interessiert nicht. Es genügt für euch, dass die Herrschaften in Berlin das schlicht behaupten. Wie übrigens immer, wenn Staaten für den Krieg rüsten und das natürlich nur tun, weil ein anderer Staat für den Krieg angeblich rüstet. Man selbst will nur den Frieden erhalten. Allerdings, das könnte euch, liebe Eltern, schon auffallen, Friedfertigkeit gilt nur zu den hiesigen Bedingungen. Das heißt: Das Vorrücken der Nato in der Ukraine ist hinzunehmen inklusive der Mitgliedschaft dieses Staates in der größten Militärmacht der Welt – die sich nochmal gegen wen richtet? Wenn Russland das nicht akzeptiert, kann es eben keinen Frieden geben. Und die Ukraine muss dafür bluten.

Dabei will es jedoch Deutschland mitsamt seinen europäischen Verbündeten nicht bewenden lassen. Wenn Russland schon nicht, wie einst von der ehemaligen Bundesaußenministerin Baerbock erhofft, durch den Krieg in der Ukraine ruiniert wird, dann sind noch ganz andere Saiten aufzuziehen. „Putin“ muss kleingekriegt werden. Also wird überall an den Grenzen zum Feind im Osten aufgerüstet, was das Geld in der EU hergibt. Und es braucht viel mehr Soldaten, die den Krieg dann gewinnen müssen.

Da kommen nun eure Kinder ins Spiel. In einigen Jahren könnten dann auch sie bluten und wildfremde Menschen töten müssen. Einzig weil die Bundesregierung den „Verteidigungsfall“ ausgerufen hat und Bundestag und Bundesrat dies bestätigen. Dann hat der deutsche Staat den Zugriff auf alle jungen Menschen, die er für den Kriegseinsatz braucht. Er nimmt euch eure Kinder schlicht und brutal weg.

Bei diesem Szenario werdet ihr verständlicherweise nervös. Klar, „wir“ brauchen schon eine starke Bundeswehr, das habt ihr den Ansagen der Politik entnommen. Und dagegen habt ihr auch keine Einwände (wenn man den Meinungsumfragen trauen darf). Aber muss mein Kind unbedingt dabei sein? Wo nach Berechnungen der Bundeswehr in einem Kriegsfall pro Tag 1.000 Soldaten sterben oder so schwer verwundet werden, dass sie kampfunfähig sind? Das Grauen in der Ukraine ist ein furchtbares Anschauungsmaterial: Eine Analyse des Center for Strategic und International Studies in Washington zählte bis zum Sommer 2025 insgesamt 1,4 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste. Inzwischen dürften viele weitere hinzugekommen sein.


Liebe Eltern,

bitte verzeiht, wenn mir an dieser Stelle ein Sprichwort einfällt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Ihr habt nichts gegen die größte Aufrüstung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und ihr teilt die Feindschaftserklärung gegen Russland – wollt aber die dafür nötigen Soldaten nicht hergeben? Das ist, vorsichtig gesagt, ein wenig widersprüchlich. Die verständliche Angst um das Leben eurer Kinder kommt eurem Patriotismus in die Quere.

Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg, und das ist mein angekündigter unbequemer Rat: Schmeißt diesen Patriotismus weg. Nicht „wir“ brauchen eine hochgerüstete Bundeswehr, sondern die Herrschaften in Berlin. Die wollen damit ihre Vorherrschaft in Europa gegen Russland ein für allemal durchsetzen. Dafür bemächtigen sie sich eurer Kinder.

Das Leben seiner Liebsten hergeben für die Machtambitionen des Staates? Nein! Für einen entschiedenen Widerstand dagegen ist diese Erkenntnis ein guter Anfang. Es schadet dann auch nichts, sich klarzumachen, woher und auf wessen Kosten der Reichtum zustande kommt, der die Milliarden-Aufrüstung erst ermöglicht. Dann würdet ihr, liebe Eltern, euren Alltag und eure Ohnmacht nicht mehr so „normal“ und akzeptabel finden. Praktisch braucht es natürlich mehr: eine ausgewachsene Bewegung, die der Politik die Gefolgschaft aufkündigt. Sonst sind eure Kinder nicht mehr zu retten.


Björn HendrigBjörn Hendrig ist von Hause aus Journalist, längere Zeit auch tätig in der akademischen Lehre für Journalismus und Public Relations. Langjähriger Autor bei Telepolis und bei Overton. Björn Hendrig ist ein Pseudonym.
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