Der ukrainische Präsident Selenskij am 26. Dezember mit Major Yevhen Karas, der im Austausch für den Orden das Abzeichen seiner Einheit dem Präsidenten überreicht. Bild: president.gov.ua/CC BY-NC-ND-4.0


overton-magazin.de, vom 28. Dezember 2025 121 Kommentare

Immer weniger schert sich der ukrainische Präsident Selenskij darum, mit Rechtsextremen aus den Freiwilligenverbänden aufzutreten, selbst wenn Nazi-Symbole präsentiert werden („Der jüdische Präsident und sein ‚Arier‘-Soldat mit SS-Runen“). Seit 2014 haben diese an Gewicht gewonnen, sie wurden. Ohne aufgelöst zu werden und ihre Selbständigkeit zu verlieren, in die Armee und die Nationalgarde integriert und damit offiziell anerkannt und sind wegen ihrer ausgeprägten Kampfbereitschaft seit Kriegsbeginn für Kiew unverzichtbar geworden. Sie können jetzt entsprechende Gehälter zahlen und rühren kräftig die Werbetrommel für Spenden.

Am 26. Dezember hat Selenskij neben anderen gefallenen und lebenden „Helden der Ukraine“ Major Yevhen Karas, den Kommandeur des 413.  Unabhängigen Regiments unbemannter Systeme (Raid) und 2010 Gründer der rechtsnationalistischen oder neonazistischen Gruppe C14 oder S14, mit dem „Kreuz für militärische Verdienste“ ausgezeichnet. C14 war die Jugendorganisation der rechten Partei Svoboda, war maßgeblich am Maidan als Schlägergruppe im Verein mit dem Rechten Sektor beteiligt, fiel durch rassistische Attacken gegen Roma und Sinti auf, organisierte im Staatsauftrag 2018 „patriotische Erziehungsprojekte“ und bezeichnete sich ab 2020 als „Stiftung für die Zukunft“ mit dem Slogan: „Eine patriotische Jugendbewegung mit dem Ziel, eine ukrainische nationale Elite zu schaffen.“

Für das US-Außenministerium unter Trump waren C14 und Asow „nationalistische Hassgruppen“. Polizei in Städten kooperierte mit C14 und anderen militanten rechten Gruppen, die für Sicherheit sorgen sollten. Daraus ergaben sich auch Verbindungen zum Geheimdienst SBU. Aufrüstung und Krieg kamen dann zur rechten Zeit, um die Gruppe zu einer anerkannten Miliz zu machen. Vermutlich wurde der Name wegen des in Neonazikreisen bekannten Satzes mit 14 Worten des amerikanischen Suprematisten David Lane genommen: „We must secure the existence of our people and a future for white children.“ Das wird allerdings von C14 bestritten.

Am 5. Februar, kurz vor Kriegsausbruch, sprach Neonazi Karas während einer Bandera-Veranstaltung in Kiew. Er erklärte, sie würden deswegen so viele Waffen vom Westen, damals vor allem Javelins, erhalten, weil sie vom Westen gesetzten Aufgaben erfüllen und „weil wir Spaß haben zu töten und zu kämpfen“. Ausgebildet von USA und Großbritannien wurden vor dem Krieg bereits Mitglieder von Freiwilligenverbänden. Es gehe nicht darum, Teil einer europäischen Allianz zu werden, sondern neue Allianzen zu schmieden. Und: „Der Maidan war der Sieg der nationalistischen Ideen, die Nationalisten waren die treibende Kraft.“ Manche würden sagen, dass die Neonazis doch nur wenige waren: „Wenn es die Nationalisten nicht gegeben hätte, würde sich das Ganze in eine Gay Parade verwandelt haben.“ Dann doch lieber Krieg und Militarismus, muss man folgern. Und zum Maidan: „Auf dem Maidan ging es nicht wirklich um die europäische Integration. Der wahre Auftrag der Ukraine ist es, die Aufgaben des Westens zu erfüllen, Krieg gegen Russland zu führen und dafür Waffen zu erhalten, die dann gegen die Nachbarländer eingesetzt werden können.“

Kürzlich hatte er in einem Interview gesagt: „Geld, Frauen, kurz gesagt, Ruhm und so weiter – all das habe ich schon.“ Sein Interesse sei jetzt auf die ukrainische Kolonisierung von Planeten und vor allem auf die des Mars ausgerichtet. Und seinen Mitbürgern empfiehlt er: „Ukrainer sollten nicht an Geopolitik denken, sondern das Notwendige tun. Du weißt nicht, was du tun sollst? Bekomm Kinder. Jeder könnte schon vier Kinder haben, zurückhaltend sein und nicht über den CCC jammern, diese Rotzlöffel. Sie wollen sich nicht fortpflanzen, sie wollen auch nicht kämpfen – was seid ihr denn, Schlachtschweine? Wartet ihr darauf, dass Kadyrows Leute kommen und euch am Spieß braten? Kämpft oder pflanzt euch fort. Das Schönste, was passieren kann. Die Ukraine ist ein Paradies.“

Selenskij verlor selbstverständlich während der Ordensverleihung kein Wort über C14 und den politischen Hintergrund von Karas, dafür zählte er groteskerweise die angeblich von seiner Einheit zerstörten Waffensysteme und Fahrzeuge auf, allen voran PKWs: „Major Yevhen Karas. Kommandeur des 413. Unabhängigen Regiments für unbemannte Systeme; Teilnehmer an Kampfhandlungen in den Regionen Kiew, Sumy, Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. Zwischen August und November dieses Jahres hat seine Einheit mehr als 250 Personenkraftwagen, 100 Lastkraftwagen, 30 Artilleriesysteme, 15 gepanzerte Fahrzeuge, neun Panzer, acht Mehrfachraketenwerfer, selbstfahrende Artillerieeinheiten, eine elektronische Kriegsführungsstation und mehrere Boden-Luft-Raketensysteme zerstört.“

Karas selbst feierte natürlich die Ehre: „Jede Auszeichnung ist Ansporn, Rache zu nehmen. Das Massaker zu vollenden. Und das Ziel zu erreichen. Danke an alle Kosaken, die Schulter an Schulter kämpfen, an alle Unterstützer. An alle, die daran glauben. Wir werden jeden einzelnen ausweiden und die Welt von diesen weißen Teufeln auslöschen.“

Die ukrainische Historikerin Marta Havryshko, derzeit am vom Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies,  beschäftigt sich u.a. mit rechtsextremen Tendenzen in der Ukraine. Sie ist von ukrainischen Nationalisten bedroht worden, wird beschuldigt, prorussische Propaganda zu verbreiten und ist auf die berüchtigte Website Myrotvorets gesetzt worden. In einem Offenen Brief haben 400 Wissenschaftler anhand ihres Falls ihre Sorge vor Einschränkungen der akademischen Freiheit und Anfeindungen von ukrainischen Nationalisten zum Ausdruck gebracht. Havryshko kommentiert die Ordensverleihungen zynisch, aber zutreffend:

„Die Ukraine nach dem Maidan sieht so aus: Der jüdische Präsident Wolodymyr Selenskij verleiht dem Neonazi Jewhen Karas, der während Selenskijs Amtszeit bequem die Karriereleiter erklommen hat und nun Major und Regimentskommandeur ist, den „Goldenen Stern“. Karas ist der Gründer der Neonazi-Gruppe C14, die für die Organisation eines Pogroms gegen Roma in Kiew bekannt ist. Seine Kameraden wurden in den letzten Jahren mit mehreren politischen Morden und politischen Gewalttaten in der Ukraine in Verbindung gebracht. Seine Untergebenen haben meinen Freund wegen seiner politischen Ansichten niedergestochen. Und dieser ganze Zirkus wird großzügig vom „zivilisierten“ Europa gesponsert. Fortschritt, Demokratie, europäische Werte – wählen Sie Ihr Lieblingsschlagwort.“

Selenskij ist bei der Kriegsführung angewiesen auf die Freiwilligenverbände und deren teils rechtsextremistischen Mitglieder, und er muss Angst haben, dass nach einem Friedensabkommen und einem Ende des Kriegs diese mit einem Aufstand drohen oder das Land in einen Bürgerkrieg stürzen, wovor auch unlängst der Ex-Oberkommandierende Saluschnyi gewarnt hat (Bürgerkrieg oder Destabilisierung der Gesellschaft bei Rückkehr der Veteranen von der Front). Die EU-Politiker stecken den Kopf in den Sand, vielleicht auch deswegen, um ja nicht deswegen als prorussisch beschuldigt zu werden, weil Russland als Kriegsziel auch eine „Denazifizierung“ nennt.


Florian RötzerFlorian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München und als Organisator zahlreicher internationaler Symposien gearbeitet. Von 1996 bis 2020 war er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Von ihm erschienen sind u.a. „Denken, das an der Zeit ist“ (Suhrkamp 1988), „Die Telepolis“ (1995), „Vom Wildwerden der Städte“ (Birkhäuser 2006), „Smart Cities im Cyberwar“ (Westend 2015), „Sein und Wohnen“ (Westend 2020) oder „Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ (Bielefeld 2023)
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