aus e-mail von Doris Pumphrey, 29. Februar 2024, 15:39 Uhr
_RT 28.2.2024
_*Nothing and chips – Russland kündigt Fischereiabkommen auf, Briten
dürfen sich klughungern
*/Von Jewgenij Krutikow/
Russlands Abkommen von 1959 mit Großbritannien über den Fischfang war
bereits mehrere Jahrzehnte aktiv. Nun löst Russland es auf. Worum aber
geht es hier genau – doch sicherlich nicht nur um Fisch?
/"Die Engländer haben Sanktionen gegen uns verhängt – und selber formen
sie ihr Menü zu 40 Prozent aus unserem Kabeljau. Vielleicht werden sie
ja klüger, wenn sie etwas schlanker geworden sind." /So kommentierte
Wjatscheslaw Wolodin, Vorsitzender der Russischen Staatsduma, den
Austritt Russlands
<https://freedert.online/international/193172-russland-wird-grossbritannien-fischfang-in/>
aus dem Abkommen von 1959 mit Großbritannien über den Fischfang. Dieses
Abkommen war bereits mehrere Jahrzehnte aktiv. Worum aber geht es hier
genau – doch sicherlich nicht nur um Fisch?
Russlands Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, mit dem ein Abkommen
über Fischerei mit Großbritannien aufgekündigt wird, das noch in der
Sowjetzeit abgeschlossen worden war. Dieser Völkerrechtsakt vom 25. Mai
1956 berechtigt zum Fischfang in den Gewässern der Barentssee von
Schiffen aus, deren Heimathäfen im Vereinigten Königreich liegen.
Erstmals in der Geschichte wird damit ein völkerrechtlicher Vertrag
aufgelöst, der Lebensmittel betrifft.
Eines sollte man sich hierbei vor Augen halten: Fisch, so gewöhnlich und
selbstverständlich er auch erscheint, ist ein überaus wichtiges
strategisches Lebensmittel – Streitigkeiten um Fischereirechte führten
in der Geschichte regelmäßig zu Kriegen. Für manche europäische Staaten
ist Fisch zudem ein äußerst wichtiges Volkslebensmittel. Zum Beispiel
für Großbritannien. Und diesen überholten, ja, schon seit seinem
Abschluss sinnlosen Vertrag aufzukündigen – das ist eines der wenigen
Beispiele für Gegensanktionen, die Russland gegen diesen unfreundlichen
Staat verhängen kann, die der Wirtschaft und dem nationalen
Selbstbewusstsein dieses Staates real schaden können.
Im offiziellen Erklärungsblatt zu dem Gesetzentwurf wird hervorgehoben:
/"Das Abkommen ist auf vorwiegend einseitige Begünstigung ausgerichtet –
Punkte, aus denen sich analoge oder verhältnismäßige Vorteile für die
Russische Föderation ergeben, fehlen darin gänzlich."/
Grund und Anlass liegen vor: /"Eingedenk des Beschlusses Großbritanniens
vom 15. März 2022, die Meistbegünstigung bezogen auf bilateralen Handel
mit der Russischen Föderation aufzuheben, wird die Aufkündigung des
Abkommens keine ernstzunehmenden außenpolitischen oder wirtschaftlichen
Folgen für die Russische Föderation nach sich ziehen."
/Austrittsmöglichkeiten sind vorgesehen und durch einen der Artikel des
Abkommens geregelt.
Inhaltlich beschränkt sich das Abkommen in der Tat lediglich auf
Folgendes: Es erlaubte britischen Schiffen den Fischfang in der
Barentssee – in der sowjetischen und später russischen Wirtschaftszone
östlich des Kaps Kanin bis zur Insel Kolgujew und weiter an den Ufern
der beiden Nowaja Semlja-Inseln. Historisch gesehen sind das
Fischereigewässer der Pomoren – einer ethnischen Untergruppe der
Großrussen, die an der Küste des Weißen Meeres lebt. Heute fischt dort
die russische Fischfangflotte mit Heimathäfen im Gebiet Archangelsk.
Sprich, im Wesentlichen sind dies historisch gesehen Binnengewässer (im
politischen Sinne) Russlands, im Russischen Norden. Die Engländer
stießen nie bis dorthin vor; diejenigen unter den Norwegern, die ganz
besonders eigenwillige Vorstellungen von Geographie pflegten, jagten die
Pomoren wirksam hinfort. Doch dann, unter Nikita Chruschtschow als
Generalsekretär der KPdSU, kam das Unterwartete. Der
Staatsduma-Vorsitzende Wjatscheslaw Wolodin erinnert
<:" rel="noopener">https://t.me/dumatv/5720>:
/"Da haben wir doch tatsächlich alles an England hingegeben – einseitig,
indem wir Fischfang vor unseren Ufern erlaubten. Engländer, die diesen
Fisch 68 Jahre lang aßen, verhängten völlig gewissenlos Sanktionen gegen
uns. Dabei bereiten sie 40 Prozent ihres Menüs aus unserem Kabeljau zu.
Sollen sie jetzt ein wenig abnehmen – vielleicht macht sie das ja klüger."/
Wozu schloss die Sowjetunion im Jahre 1956 ein für sich selbst so
ungünstiges Abkommen ab – und wozu bewahrten und befolgten die
Sowjetunion und nach ihr auch Russland dieses Abkommen auch noch über 60
Jahre? Nun, damals hatte die UdSSR Zugang zu praktisch unbegrenzten
biologischen Meeresressourcen und entwickelt ihre Fischfangindustrie
äußerst rege. Und Mitte der 1950er Jahre ließ die sowjetische
Staatsführung sich dazu verleiten, diesen Vorteil als
Softpower-Instrument in der großen Außenpolitik zu nutzen.
Gerichte mit Kabeljau und Schellfisch sind in Großbritannien ein
unverzichtbarer Teil nicht allein der nationalen Küche. Nein, Fish&Chips
sind ein unverzichtbarer Teil der britischen Lebensart, für die Briten
noch weitaus wichtiger sogar als etwa Blini und Pelmeni für die Russen.
Faktisch ein nationales Symbol.
Dabei mussten die Briten schon immer die Filetstücke der Weltmeere für
sich mit Waffengewalt sichern – insbesondere im Nordatlantik und den
anliegenden Gewässern, wo diese Arten von Weißfisch (der Ausdruck hier
kulinarisch verwendet
<https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Ffisch#Verwendung_des_Begriffs_im_internationalen_Handel>)
reichlich vorkommen.
Und da kam doch KPdSU-Generalasekretär Nikita Chruschtschow oder jemand
aus seinem Umfeld im Jahre 1956 auf die Schnapsidee, eine Art Geste des
guten Willens zu vollführen: Schiffen unter britischer Flagge Zugang zu
den Seegewässern des russischen Nordens zu gewähren und ihnen dort
nicht nur den Fischfang zu erlauben, sondern auch, vor Anker zu gehen.
Ohne jegliches Entgelt von der britischen Seite. Angenommen wurde,
London oder die Briten würden vor Liebe zur Sowjetunion entbrennen. Das
gehörte zu Nikita Chruschtschows Politik Namens "friedliches
Zusammenleben mit dem Westen", die mit gewissen Korrekturen auch unter
Leonid Breschnew fortgesetzt wurde.
Doch London ist anders gestrickt. Dort betrachtet man den Fang von
Weißfisch in den Gewässern nördlich von Archangelsk als Teil und
Fortsetzung der eigenen Kolonialgeschichte. Und natürlich gilt auch:
Angeboten? Abgestaubt! So stammten denn zum Jahr 2022 40 Prozent
von Kabeljau, Schellfisch und Lodde, die in Großbritannien konsumiert
werden, aus russischen Gewässern. Dabei essen sie diese Fischarten
nahezu täglich – zuhause wie außer Haus. Geradezu überdeutlich trat dies
nach dem Brexit zutage, als die Lieferketten sauber getrennt wurden.
Schließlich kam im März 2022 dann der Schuss ins eigene Knie: Die Briten
hoben das Meistbegünstigungsprinzip für Russland auf – und belegten
Kabeljau aus Russland mit 35-prozentigen Zöllen. Also nicht Fisch, den
Fischer von Schiffen unter britischer Flagge in russischen Gewässern
fangen, sondern Fisch, den sie zusätzlich aus Russland importieren.
Auch ein "schlauer Plan" wurde in Rowan Atkinsons Heimatland hierfür
geschmiedet. Denn selbst nach dem Austritt aus dem Fischfangabkommen mit
den Briten bleibt Russland Mitglied der regionalern
Fischfangorganisationen: Die Nordostatlantische Fischereikommission und
die Nordwestatlantische Fischereiorganisation geben ihren Mitgliedern
Mechanismen an die Hand, um ihre Beziehungen hinsichtlich des Fischfangs
zu regeln. In London dachte man anscheinend, sich mithilfe jener
Mechanismen Quoten für Fischfang in der russischen Wirtschaftszone
erwirken zu können. Doch NEAFC und NAFO regeln lediglich die Prozeduren
für die Überwachung der Fischfangaktivitäten und ja, sie verteilen auch
die Fischfangquoten – die eigentlichen Lizenzen hingegen werden von dem
Staat vergeben, in dessen Gewässern oder der ausschließlichen
Wirtschaftszone gefischt werden soll. Ebenso wie dieser Staat die
Einhaltung der jeweiligen Regeln überwacht. Darum schließen Staaten
hierüber jeweils bilaterale Abkommen ab.
Quoten für Fischfang in der Barentssee, zum Beispiel, werden durch
Beschlüsse der Russisch-Norwegischen Fischereikommission vergeben – und
85 Prozent davon sind unter Russland und Norwegen aufgeteilt. Von den
verbleibenden 15 Prozent geht nur ein Prozent an London. Norwegen, das
bei den westlichen Sanktionen gegen Russland nur zu aktiv mitzieht,
verzichtet in Fragen der Fischerei seinerseits auf jegliche
Einschränkungen und arbeitet weiterhin aktiv mit Russland zusammen.
Fisch ist eben wichtiger als die Ukraine und die europäische
Solidarität; und für Norwegen ist es äußerst lukrativ, alle biologischen
Meeresressourcen der Nordmeere nur mit Russland untereinander
aufzuteilen und alle anderen über Bord zu werfen.
Warum das für Norwegen günstig ist? Ein Beispiel zum Verständnis: Außer
den Briten gibt es in Europa ein weiteres Volk, für dessen nationale
Küche Weißfischgerichte aller Art ebenfalls ein Symbol sind – die Polen.
Kein Fest in Polen kommt ohne Kabeljau oder Zander im Pelzmantel aus
(was in etwa dem russische Schichtsalat "Hering im Pelzmantel"
gleichkommt). Rezepte polnischer Fischgerichte sind auch außerhalb der
Rzeczpospolita bekannt – ebenso wie schlesische und polnische
Fischsaucen. Nun kann Warschau es sich aber geopolitisch gesehen ums
Verrecken nicht erlauben, auf Sanktionen gegen Russland zu verzichten.
Genau hier setzen die schlauen Norweger an: Sie fangen Kabeljau nach
Quote in der Barentssee, kaufen ihn auch aus Russlands eigenem Fang zu,
verpacken ihn hübsch und verkaufen ihn an die Polen. Ist damit
irgendjemand unzufrieden? Niemand, außer den Briten.
Die Restquoten von 15 Prozent auf den Fischfang in der Barentssee, nach
der Aufteilung unter Russland und Norwegen, gehen an andere Staaten,
meist an Island. Hören sie das Wort Kabeljau, greifen diese Wikinger mit
einer Hand nach dem Netz – und mit der anderen, blutroten Auges, gleich
zum Enterhaken: Im 20. Jahrhundert brachen die Isländer allein nach dem
Jahr 1952 sage und schreibe drei Kabeljaukriege gegen Großbritannien vom
Zaun, indem sie ihre Wirtschaftszone willkürlich ausweiteten. Es kam
dabei sogar zu Kampfhandlungen auf See, mit Rammmanövern von
Kriegsschiffen gegeneinander – auch Schüsse fielen
<https://en.wikipedia.org/wiki/Cod_Wars>. Islands Regierung forderte von
London im Jahr 1972 ultimativ, die Wirtschaftszone des Landes
anzuerkennen, drohte, bei Nichtbefolgung den für die NATO überaus
wichtigen Stützpunkt Keflavik räumen zu lassen – und begann sogar
geheime Verhandlungen mit der Sowjetunion über den Erwerb von
Kriegsschiffen. Hier musste Washington auf die Briten Druck ausüben,
damit diese Insel, die für das Atlantikbündnis von kritischer
Wichtigkeit ist, ihre Orientierung nicht hin zu einer pro-sowjetischen
wechselt.
London gab auf, und die Isländer erpressen nach wie vor alle um sich
herum mit ihrer Unberechenbarkeit in Fragen des Fischfangs. Auch mit den
Norwegern hatten sie sich in den 1990er Jahren deswegen in der Wolle –
nur eben in den Gewässern um Spitzbergen, die Norwegen zu seinem
Staatsgebiet zählt. Auch hier kam es zum Einsatz von Kriegsschiffen –
zum Geleitschutz der Trawler-Flottillen.
Im Ergebnis dessen kam es denn zum russisch-norwegischen, wenn man so
will, Fischfangkartell – nur die Isländer will man lieber nicht nervös
machen und vergibt an sie regelmäßig ihre Quoten. Dafür haben es fast
alle auf Großbritannien abgesehen
<https://freedert.online/europa/126299-streit-uber-fischerei-nach-brexit/>,
seitdem es aus der Europäischen Union ausgetreten ist. Dänemark etwa hat
den Briten gleich im Ganzen verboten, an Grönlands Ufern zu fischen, und
erklärt dies mit der Sorge um die dortigen Inuit mit deren
traditionellen Fischfangmethoden.
Und so betrugen die an Großbritannien vergebenen Fangquoten auf Kabeljau
im Jahr 2023
<https://ukfisheries.net/about-distant-fishing/the-quota-system> lediglich
5.950 Tonnen, davon 5.200 Tonnen in den Gewässern um die
demilitarisierte Spitzbergen-Inselgruppe – und läppische 500 Tonnen in
den eigentlichen Gewässern Norwegens selbst.
Russlands Aufhebung seines Fischereiabkommens mit Großbritannien wird
dessen ohnehin krisengeplagter Fischfangbranche den Rest geben.
Journalisten der /Daily Mail/ geben sich derweil nicht nur über das
Schicksal der traditionellen britischen Gerichte besorgt – sondern auch
darüber, dass Schiffe der Nordmeerflotte Russlands gegen britische
Trawler Gewalt anwenden könnten. Dabei schossen die Isländer während der
Kabeljaukriege doch nicht einmal so oft auf ihre britischen Konkurrenten
wie sie diesen die Netze durchschnitten – das erwies sich als wirksam
genug gegen die Fischwilderer. Doch da gibt es einen weiteren Aspekt: Es
liegen Gründe für die Annahme vor, dass manchmal die britischen Trawler
zu Spionagezwecken benutzt wurden. Denn die Barentssee von Spitzbergen
bis Nowaja Semlja – das ist der Beginn des Nördlichen Seewegs; das sind
die Stützpunkte der Nordmeerflotte; das sind die
Nuklearwaffen-Testgelände auf Nowaja Semlja; und die Einfahrt zum Weißen
Meer, wo Sewerodwinsk mit seinen Kriegsschiff- und U-Boot-Werften sowie
große Übungsgelände und -gewässerzonen der Nordmeerflotte Russlands
liegen. Nein, nein, liebe Briten – regeln wir das doch lieber so: Ihr
fangt euren leckeren Fisch lieber irgendwo schön weit weg von Russlands
Ufern!
Veraltete, überholte Abkommen und Verträge dieser Art, sollte hier
separat erwähnt werden, gibt es noch viele. Manche davon wurden bereits
revidiert. So wurde die Frage mit Japans Fischfang vor den Südkurilen
gelöst
<https://freedert.online/international/182453-japan-scheitert-an-einigung-mit/>,
der dem Land der aufgehenden Sonne im Austausch gegen die Finanzierung
mehrerer Projekte auf diesen Inseln gestattet war. Die Revision all
dieser Abkommen ist bereits angelaufen – und es scheint, als sei der
Fall mit Großbritannien nur der Beginn eines großen Weges.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.