aus e-mail von Ingrid Rumpf, 15. Mai 2024, 12:21 Uhr
Liebe Nahost-Interessierte,
In der heutigen Ausgabe der Jungen Welt gibt es eine Sonderbeilage mit
vielen Beiträgen zu Palästina und der Nakba!!! Daraus unten ein
ausführlicher Beitrag über die Nakba-Ausstellung unseres Vereins von
Sabine Kebir. An sie geht unser herzlicher Dank dafür!!!
Links zur JW:
https://www.jungewelt.de/beilage/beilage/584
https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/475402.nakba-verbot-statt-debatte.html
Herzliche Grüße
Ingrid Rumpf
Flüchtlingskinder im Libanon e.V.
www.lib-hilfe.de
c/o Ingrid Rumpf
Birnenweg 2
D-72793 Pfullingen
Tel.: 0049 7121 78556
irumpf@lib-hilfe.de
In der Jungen Welt vom 15.5.:
„Nakba: Verbot statt Debatte
Der Nakba-Tag erinnert an die Vertreibung der Palästinenser. Im
vergangenen Jahr sagte der Evangelische Kirchentag eine Ausstellung dazu ab
Von Sabine Kebir
Jeden 15. Mai wird weltweit an die »Nakba« (Katastrophe), die
Vertreibung von 750.000 Palästinensern zwischen dem Herbst 1947 und dem
Frühling 1949 erinnert. 2023 wurde zum ersten Mal auch bei den Vereinten
Nationen der Nakba-Tag begangen. Einen Monat später durfte eine die
Nakba dokumentierende Ausstellung auf dem Deutschen Evangelischen
Kirchentag (DEKT) in Nürnberg nicht gezeigt werden. In den Jahren zuvor
war die Ausstellung seit 2010 stets bei den Kirchentagen präsentiert
worden. Es erscheint als Ironie, dass die aus Quellen israelischer
Historiker vom Verein »Flüchtlingskinder im Libanon e. V.« 2008
erstellte Nakba-Ausstellung unter anderem durch den Evangelischen
Entwicklungsdienst finanziell gefördert worden war. Anregungen zu
Korrekturen waren zuvor stets angenommen und gegebenenfalls eingearbeitet
worden. Das Verbot fügte sich in eine schon jahrelang nachlassende
Informationspolitik deutscher Leitmedien über die israelische
Besatzungspolitik und die ihr vorausgehende komplexe Geschichte ein. Die
Folge solch einseitiger Informationspolitik ist, dass der ein Vierteljahr
später stattfindende Terrorangriff der Hamas die Öffentlichkeit komplett
überraschte.
Ein im vergangenen Jahr im Berliner Metropol-Verlag von Wolfgang Benz
herausgegebener Band »Erinnerungsverbot? Die Ausstellung ›Al Nakba‹ im
Visier der Gegenaufklärung«, der die gesamte Ausstellung vorstellt,
versammelt Texte von Wissenschaftlern und Publizisten, die gegen das Verbot
protestierten. Reinhard Hauff, Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in
Württemberg, dokumentiert den Briefwechsel zwischen den Machern der
Ausstellung, ihren Befürwortern und den Verantwortlichen des DEKT.
Letztere blieben lange eine Antwort schuldig, behaupteten schließlich,
dass es kein »Recht auf Zulassung oder eine Begründung für eine
Ablehnung« gebe. Der Verein dürfe zwar wieder einen Stand auf dem
sogenannten Markt der Möglichkeiten errichten, nicht aber die Ausstellung
zeigen. Nach weiteren beharrlichen Protesten auch aus kirchlichen und
jüdischen Kreisen, wurde schließlich erklärt, dass die angeblich
»einseitige« Ausstellung Diskussionen eher ausschlösse als eröffne.¹
Außerhalb des Bewusstseins Das widersprach allen Erfahrungen auf den fast
200 Stationen, auf denen die Ausstellung bislang gezeigt worden war. Und
gerade der Markt der Möglichkeiten des DEKT, auf dem sehr verschiedene
Positionen vertreten sind, bietet beste Möglichkeiten zur Diskussion.
Allerdings diskutiert es sich besser auf Grundlage von Dokumenten.
Offensichtlich hatten die Verantwortlichen des DEKT im vergangenen Jahr
Sorge, durch das Zeigen dieser Dokumente in den Verdacht eines immer weiter
gefassten »israelbezogenen Antisemitismus« zu geraten. So wäre es wohl
auch jenen ergangen, die 2008 die Eröffnung der Ausstellung mit warmen
Worten unterstützten. Ihnen galt damals das Anliegen, über die Nakba zu
informieren, noch als ȟberzeugendes Mittel, die in Deutschland
weitgehend unbekannte palästinensische Sichtweise auf die Ursachen des
Nahostkonflikts in der Öffentlichkeit bewusst zu machen. Ohne Verständnis
für die berechtigten Anliegen beider Seiten kann es keinen Frieden
geben«. Unter anderem unterschrieben seinerzeit: Franz Alt, Uri Avnery,
Norbert Blüm, Eitan Bronstein, Sumaya Farhat-Naser, Gerhard Fulda, Johan
Galtung, Günter Grass, Alfred Grosser, Stéphane Hessel, Ulrich Kienzle,
Felicia Langer, Michael Lüders, Abraham Melzer, Rupert Neudeck, Bahman
Nirumand, Paul Oestreicher, Norman Paech, Werner Ruf, Peter Scholl-Latour,
Salah Abdel-Shafi, Ernst Tugendhat, Dries van Agt (Ministerpräsident
a. D. der Niederlande) Rolf Verleger, Konstantin Wecker, Jean Ziegler,
Moshe Zuckermann, Andreas Zumach.
In einer aktuell gebliebenen Rede als Schirmherr der Ausstellung von 2010
in Tübingen erklärte sich der renommierte Philosophieprofessor Ernst
Tugendhat jenen Juden zugehörig, »die angesichts des dauernden Unrechts,
das vom israelischen Staat an den Palästinensern verübt und von der
großen Mehrheit der israelischen Bevölkerung mitgetragen wird, mit Scham,
ja mit Fassungslosigkeit dastehen«. Hinter dem »seit 1967 in der
militärischen Besatzung und Unterwanderung von Restpalästina«
ausgeübten Unrecht sei »die Vertreibung eines großen Teils der
Palästinenser aus ihrem Land kurz vor und nach der Ausrufung des
israelischen Staates« im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit in den
Hintergrund getreten. Ein Friedensschluss setze voraus, dass »nicht nur
Israel und die in Palästina verbliebenen Palästinenser sich in ihrem
Existenzrecht und in ihrem Sicherheitsbedürfnis wechselseitig anerkennen,
auch die Flüchtlinge müssten in ihrem Rückkehrrecht anerkannt werden«.
Israel könne dafür verantwortlich gemacht werden, weil es mit der
offiziellen Konfiszierung des Eigentums der Geflohenen deren Status als
solche anerkannt habe.²
Er sei selbst überrascht von den Dokumenten der Ausstellung gewesen, die
bewiesen, dass schon Theodor Herzl und David Ben-Gurion »von vornherein
der Meinung waren, dass der jüdische Staat nur durch eine Aussiedlung der
palästinensischen Bevölkerung zu erreichen« sei. Die »ethnische
Intoleranz« sei »in der Idee eines sich ethnisch verstehenden
Judenstaates in Palästina vorprogrammiert« gewesen. Sie stand dem
»moralisch-universalistischem Strang« der jüdischen Tradition entgegen.
In ihr habe es aber »seit Esra und Nehemia, einen partikularistischen,
ethnozentrischen Strang« gegeben, in dem es nur um »die ausschließliche
Sorge, nur um das Überleben des eigenen Kollektivs« gegangen sei,
»verbunden mit dem Gefühl des Auserwähltseins«. Dass der Zionismus in
dieser Form überhaupt entstanden sei, habe nicht nur am allgegenwärtigen
Antisemitismus gelegen, sondern auch »an der damals noch
selbstverständlichen kolonialistischen Mentalität Europas«. Die
Nichtachtung der Palästinenser habe ihre »Parallelen in der Nichtachtung
der anderen, von Europa kolonisierten Völker« gehabt.³ Der 2023
verstorbene Tugendhat wäre mit seiner vor 13 Jahren gehaltenen Rede heute
wohl zum »selbsthassenden« oder gar »antisemitischen Juden« erklärt
worden.
Virulentes Problem Als Herausgeber setzt der Antisemitismusforscher
Wolfgang Benz einige andere Akzente als Tugendhat. Im Unterschied zu den
deutschen Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs, deren Integration von den
Alliierten befohlen worden war, seien die vertriebenen Palästinenser zu
einem »Generationen dauernden Lagerleben verurteilt« und »als Faustpfand
und Drohpotential gegen Israel missbraucht worden, wo ihre Forderung nach
Rückkehr zu Recht Furcht und Schrecken bereitet«. Er betont auch, dass
die arabischen Staaten die Gründung Israels mit Krieg beantworteten,
erwähnt aber nicht, dass die Vertreibung schon 1947 begann und am 14. Mai
1948, dem Tag der Staatsgründung, bereits 75.000 Palästinenser vertrieben
worden waren. Benz hält die Nakba für »individuelles Leid, das Menschen
angetan wurde«. Damit spricht er ihr indirekt ab, auch kollektives Leid zu
sein, als das die von den Juden erlittene Schoah allgemein gesehen wird.
Gleichwohl meint Benz, dürfe weder den Palästinensern noch der
Öffentlichkeit die Erinnerung an die Nakba verweigert beziehungsweise
vorenthalten werden. Auch für ihn steht fest: Die »Probleme der Nakba
sind noch immer virulent«. Energisch wendet er sich gegen die Verengung
der Debattenkultur. »Ist die Erwähnung des privaten Leids
palästinensischer Familien ein sträflicher Akt der Anprangerung Israels?
Handelt es sich gar um Antisemitismus, wenn man Empathie für erlittenen
Schmerz zeigt, ohne gleichzeitig anzuklagen und Unwiederbringliches
einzufordern?« Und er fügt hinzu: »An die Nakba zu erinnern bedeutet,
sich in Konfliktzonen zu begeben.« Dass die Nakba in Israel »nicht
Bestandteil der Erinnerungspolitik« sei, ist allerdings ein Euphemismus,
denn jede öffentliche Erinnerung an die Vertreibung der Palästinenser ist
dort sogar eine Straftat. In Deutschland sei die Nakba, »wenn nicht
völlig unbekannt, dann als vermutete Parteinahme für Palästina und
Affront gegen Israel stigmatisiert. Das erfahren auch die wenigen, die
über den historischen Sachverhalt informieren wollen«.
Für Benz ist das Zeigen der Ausstellung »notwendig als Denkanstoß«.
Aber 2023 wurde sie »vom Bannstrahl der Verantwortungsträger des
Evangelischen Kirchentags als Maßnahme vorauseilenden Missionseifers«
getroffen, »in engstirniger Observanz von falsch verstandenem
Philosemitismus«. Benz schließt sich dem ehemaligen Bundespräsidenten
Johannes Rau an, der auf einer internationalen Antisemitismuskonferenz
erklärt hatte, »Israel auf politische Fehler aufmerksam zu machen«, sei
»eine Freundespflicht«.⁴
Micha Brumlik weist auf Spannungen zwischen protestantischen Theologen
hin, die beim Verbot der Ausstellung vielleicht eine Rolle gespielt
hätten: Es könnte eine Reaktion auf eine Strömung gewesen sein, für die
er stellvertretend den Professor für Missionstheologie Ulrich Duchrow
zitiert. Dieser behauptete 2016 in einer Festschrift, »dass der Staat
Israel geradezu der Inbegriff des kolonialen Ausgreifens Europas sei: ›Im
westlichen Imperium ist Israel also das Extrem der westlichen
kolonialistischen, kapitalistischen, imperialen,
wissenschaftlich-technischen gewalttätigen Eroberungskultur der letzten
500 Jahre.‹«⁵ Derselbe Antagonismus habe einer Kontroverse zwischen
dem israelischen Philosophen Omri Boehm und Jürgen Habermas zugrunde
gelegen. Boehm kritisierte Habermas dafür, dass er sich in einem Interview
für Haaretz geweigert habe, zum israelisch-palästinensischen Konflikt
Stellung zu nehmen, weil er als Deutscher in Anbetracht des
Holocaustverbrechens dazu nicht befugt sei. Das Verbot der »historisch
präzisen Nakba-Ausstellung« beruhe, so Brumlik, »wahrscheinlich auf
ungeklärten moralischen Emotionen gründenden Schuldgefühle(n) sowie auf
Angst vor ›israelbezogenem Antisemitismus‹«. Aber dieser werde
vielleicht sogar gestärkt, wenn man »dem Kirchentag sowie seinen auch
jüdischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nun leicht vorwerfen kann, die
Wahrheit zu verschweigen«.⁶
Brumliks Beitrag enthält auch brisante Zitate, auf die sich Theologen
berufen, die die israelische Besatzungspolitik als kolonial einstufen. So
habe David Ben-Gurion schon in den 1930er Jahren einen »Zwangstransfer«
der arabischen Bevölkerung Palästinas befürwortet, den möglichst die
britische Mandatsmacht bewerkstelligen sollte: »Ich sehe nichts
Unmoralisches daran, allerdings ist ein Zwangstransfer nur durch England,
nicht durch die Juden möglich.«⁷ Dass sich der spätere erste
Ministerpräsident Israels auch auf ein vermeintlich durch die Thora
verbrieftes Recht stützte, offenbarte der befreundete Dichter Chaim Guri,
der auf Ben-Gurions Schreibtisch einen Vers aus dem Buch Exodus entdeckte,
in dem es »mit Blick auf die Völker Kanaans hieß: ›Nur allmählich
will ich sie vor dir zurückdrängen, bis du so zahlreich geworden bist,
dass du das Land in Besitz nehmen kannst.‹«⁸
Erinnerung und Versöhnung Die vor und nach der Staatsgründung durch
jüdische Milizen und dann die Armee in Gang gesetzte Vertreibung war, so
die Journalistin Charlotte Wiedemann, nur »in geringerem Maße eine
desaströse Folge des Angriffs der arabischen Nachbarstaaten; vielmehr galt
es für das junge Israel strategisch zu erkämpfen, was der Teilungsplan
der Vereinten Nationen gar nicht vorsah: eine eindeutige, machtvolle und
haltbare jüdische Mehrheit im jüdischen Staat.«
Wiedemann hat sich einer Führung der um historische Erinnerung und
Versöhnung bemühten israelischen Organisation Zochrot angeschlossen.
Deren »I-Nakba App zeigt auf einer digitalen Landkarte mehr als
fünfhundert entvölkerte Ortschaften. Tippt man darauf, klappt zu jeder
ein kleines Archiv auf, Ergebnis langjähriger Nachforschungen«. Wiedemann
erfuhr, dass Tel Aviv »auf sechs zerstörten, getilgten palästinensischen
Ortschaften« steht und dass östlich der Stadt in »einer seltsamen
Dialektik von Entwurzelung und Aufforstung (…) die Stätten der
Vertreibung vielerorts mit schnell wachsendem Gehölz bepflanzt« wurden.
Durch Spenden habe die jüdische Diaspora »wissend oder unwissend (…)
das Begrünen der Amnesie« ermöglicht. Andere Orte der Vertreibung wurden
mit Beton planiert. Für jüdisch-palästinensisch gemischte Gruppen bietet
Zochrot die Führungen zweisprachig an, auch um zum Erlernen der Sprache
der Mitbürger aufzufordern. Von einem arabischen Experten, der Zochrot als
Dokumentarist angehört, erfuhr Wiedemann, der Verein sehe es als
»Fortschritt«, dass das Wort Nakba mittlerweile der israelischen
Öffentlichkeit geläufig sei. »Die Vertreibungen gelten nicht mehr als
Phantasiegebilde. Aber sie werden gerechtfertigt, es gibt kein
Schuldbewusstsein. Und es wird daraus sogar eine Drohung an die
Palästinenser gerichtet: ›Erinnert euch, was wir taten; wir können es
wieder tun.‹« Nur bei einer kleinen jüdischen Minderheit entstand das
neue Bewusstsein, das sich Zochrot erhofft. Das Bildungsministerium
verbiete Schulen, das Nakba-Thema anzusprechen. Versuchen es Lehrkräfte
dennoch oder buchen sie gar eine Zochrot-Tour, drohe ihnen die
Kündigung.⁹
Dass Israel als Staat entstehen konnte, war die notwendige Folge des
Holocaust. Festzuhalten ist, dass der Zionismus die Konstituierung eines
jüdischen Staats schon lange vor der Schoah und in anderer Form anstrebte,
als die UNO 1947 vorgab. Da die reale Staatsgründung und das spätere
staatliche Leben entscheidend von bereits vorher entstandenen Ideologien
des Zionismus geprägt waren, stellt der israelische Historiker Moshe
Zuckermann den gängigen einfachen Nexus zwischen dem »monströse(n)
Völkermord und der Staatsgründung« in Frage. Die Schoah habe »in einer
vom heutigen Israel fernen Region« stattgefunden und »widerfuhr Menschen,
die weder israelische Staatsbürger sein konnten noch unbedingt eine
Affinität zum künftig zu errichtenden Judenstaat aufwiesen«. Immer noch
lebe ein Großteil der Juden außerhalb Israels und auch viele
Schoah-Überlebende wollten dort nicht »ihre Lebenswelt etablieren«. Wenn
die Errichtung des Staates als »Antwort« der Juden auf die ihnen
widerfahrene Katastrophe gelte, liege das Gewicht auf der Staatsgründung
und die Schoah werde »zum Epiphänomen eines ihr nachfolgenden
Ereignisses, quasi zum Argument« degradiert. Begreife man sie aber als
»Zäsur in der Menschheitsgeschichte, als einen Zivilisationsbruch«,
verböte sich »die sinnstiftende Dimension der israelischen
Staatsgründung; sie kann nichts zur Deutung der Schoah beitragen«. Wer
versuche, sie »zu begreifen, gar zu erklären« sei »unweigerlich ihrem
sui generis« unterworfen.¹⁰ Zuckermanns Darlegung wird auch dadurch
bekräftigt, dass die Schoah-Überlebenden, die nach Israel kamen, dort
zunächst nicht willkommen waren.¹¹ Ihre desaströse Erfahrung spielte
bei der Konfiguration des Staatsverständnisses zunächst keine Rolle, das
geschah erst ab 1952, als sie für die Wiedergutmachung instrumentalisiert
werden konnte.
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel sei bis heute
gekennzeichnet »durch eine höchst problematische, wenn auch
nachvollziehbare Vermengung von Schuldgefühlen, praktischen Interessen und
interessengeleiteter Schuldabtilgungsideologie«, so Zuckermann. Es sei
endlich anzuerkennen, »dass die Notwendigkeit, nach der Schoah einen Staat
für die Juden zu errichten, mit der Katastrophe des palästinensischen
Volkes bezahlt wurde«. Wer dies mehr oder weniger bewusst ignoriere, »mag
sich mit dem guten Gefühl beruhigen, seiner (schuldbeladenen)
Verantwortung ›den Juden‹ gegenüber Genüge zu tun, darf indes nicht
beanspruchen, die Logik des blutigen Konflikts zwischen Israelis und
Palästinensern angemessen begriffen, geschweige denn beurteilt zu
haben«.¹² Diese defizitäre Haltung aber sei es, die jegliche Kritik an
israelischer Politik »zur politischen Bedrohlichkeit« werden lässt,
»wenn sie nicht mit dem korrespondiert, was in Jerusalem als
›israelische Interessen‹ ausgegeben wird bzw. nicht das Plazet der
israelischen Botschaft in Deutschland oder gar des Zentralrats der Juden zu
erlangen vermag«. Zuckermann macht auf den fundamentalen Irrtum
aufmerksam, alle Juden mit Israel oder gar mit dessen Staatsideologie
identisch zu setzen. Damit käme ein Kollektivbegriff zum Tragen, der den
diversen Realitäten des Judentums nicht entspräche, in dem sogar
versteckter Antisemitismus liegen könne.¹³
Perspektive Binationalismus Der palästinensische Soziologe Baschir
Baschir und der israelische Historiker Amos Goldberg versuchen »einen
theoretischen Rahmen für einen gemeinsamen und integrativen jüdischen und
palästinensischen Diskurs über die Erinnerungen an den Holocaust und die
Nakba zu entwerfen«, da es sich um zwei historisch miteinander verbundene
Ereignisse in den Jahren 1947 und 1948 handele. Das, was in den bislang
völlig getrennten Erinnerungskulturen als »essentialistische Entitäten«
existiere, die »jedes (ver)störende ›Anderssein‹ unterdrücken«,
müsse zusammengeführt werden. Selbstverständlich gehe es nicht um
Infragestellung der Singularität des Holocaust. Zu beachten sei aber, dass
die Juden heute nicht mehr wie in den 1930er und 1940er Jahren sowohl als
Individuen als auch als Kollektiv »ohnmächtige historische Akteure«
seien, sondern eine »organisierte Gruppe«, während die Palästinenser
»weitgehend unter den Bedingungen von Staatenlosigkeit, Besatzung und
Zerstreuung« lebten, wodurch die Nakba »eine unablässig andauernde
Gegenwart« geblieben sei. Baschir und Goldberg gehen von Vorschlägen aus
jüdischer und arabischer Literatur aus.
In einem Roman des libanesischen Autors Elias Khoury werden
palästinensische Vertriebene gefragt: »Habt ihr in den Gesichtern derer,
die zur Vernichtung abtransportiert wurden, keine Ähnlichkeit mit euch
selbst wahrgenommen?« Empathie mit den Opfern der anderen Seite, so die
beiden Autoren, erfordere nicht die Aufgabe der Differenz, der eigenen
Identität. Khourys Konzept entspreche dem Ansatz des amerikanischen
Historikers Dominick LaCapra einer »emphatischen Verstörung«, die einen
»disruptiven« Aufbruch zu neuen Ufern ermögliche, aber »weder zu
Aneignung noch zu Unterwerfung« führe und »eine einfühlsame
Partnerschaft« ermögliche. Die bei Juden und Palästinensern
vorherrschende Sicht des Ausschlusses des Anderen führe zum Konzept des
exklusiven Nationalstaats. Die durch »emphatische Verstörung« mögliche
Erkenntnis, dass beide Völker eine traumatische Flüchtlingsgeschichte
haben, könne dagegen zum »Binationalismus« führen. Dieser könne »im
Rahmen verschiedener institutioneller Arrangements« verwirklicht werden,
»in einer Föderation, Konföderation, einer parallelen Staatsstruktur,
einem Kondominium, binationalen Staat und/oder in umfassend kooperativen,
sich verschränkenden und miteinander verflochtenen Zweistaaten.«¹⁴
Der Beitrag der Nahostspezialistin Muriel Asseburg widmet sich unter
anderem der oft missverstandenen Rolle des seit 1949 tätigen UN-Hilfswerks
für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), insbesondere in den
Bereichen Bildung, Gesundheit und humanitäre Hilfe. Dass die Organisation
auch palästinensische Frauen und Männer beschäftigt und damit eine
wichtige Arbeitgeberin ist, trage zur regionalen Stabilisierung bei. Gerade
das wird jedoch im aktuellen Gazakrieg wieder in Frage gestellt. Obwohl
nicht auszuschließen ist, dass sich UNRWA-Beschäftigte an Kampfhandlungen
beteiligen, ist deren Tätigkeit unverzichtbar. Keine andere Organisation
ist in der Lage, wenigstens die Grundbedürfnisse der palästinensischen
Bevölkerung zu decken. Asseburg betont auch ihre Bedeutung in den
Exilländern der Nachkommen der Vertriebenen. Der Vorwurf, dadurch die
Integration in die Exilländer zu behindern, ist nicht haltbar. Laut
Völkerrecht verlieren weder Flüchtlinge noch ihre Nachkommen den
Flüchtlingsstatus, »bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist. Damit soll
auch die Einheit der Familie in langandauernden Fluchtsituationen
geschützt werden«.¹⁵
Anmerkungen
1 Vgl. Reinhard Hauff: »aber es ist ein Eifer ohne Erkenntnis« (Röm.
10,2). In: Wolfgang Benz (Hg.): Erinnerungsverbot? Die Ausstellung »Al
Nakba« im Visier der Gegenaufklärung, Berlin 2023, S. 17–30
2 Ernst Tugendhat: Rede zur Eröffnung der Ausstellung (2010). In: ebd.,
S. 181. Er bezieht sich auf das »Gesetz über den Besitz von Abwesenden«.
Gegenwärtig kommt es als Grundlage von Enteignung auch zur Anwendung, wenn
sich Palästinenser – darunter auch die Einwohner des annektierten
Ostjerusalem – länger als eine bestimmte Zeitspanne im Ausland
aufhalten. Siehe auch: Baschir Baschir, Amos Goldberg: Holocaust und Nakba:
Disruptive Erinnerung und Binationalismus. In: ebd., S. 67
3 Ebd., S. 182f.
4 Wolfgang Benz: »Eine Zensur findet nicht statt«. In: ebd., S. 7–14
5 Micha Brumlik: Aktives Verschweigen. In: ebd. S. 32
6 Ebd. S. 47
7 Zit. n. Tom Segev: David Ben-Gurion. Ein Staat um jeden Preis, Berlin
2018, S. 281
8 Zit. n. ebd., S. 431
9 Charlotte Wiedemann: Trauma 1948. In: ebd. S. 49–53
10 Moshe Zuckermann: Israel – Deutschland – Palästina. In: ebd., S.
59
11 Vgl. Tom Segev: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik
der Erinnerung, Reinbeck 1995
12 Zuckermann, a. a. O., S. 60
13 Ebd., S. 63
14 Baschir/Goldberg (Anm. 2), S. 65–80
15 Muriel Asseburg: 75 Jahre nach der Nakba. In: ebd., S. 82–92“"
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Re: Junge Welt vom 15.5.: Sonderbeilage zur Nakba und Palästina
aus e-mail von Ingrid Rumpf, 15. Mai 2024, 15:04 Uhr
_Noch ein kleiner Hinweis_: die Zahl der Vertriebenen Mitte Mai 1948,
also vor Beginn des ersten israelisch-arabischen Krieges, war nicht
75.000, sondern es waren mehr als *350.000* Vertriebene.
Siehe dazu hier:
https://www.lib-hilfe.de/mat/infos_75jahre/Vertreibungs-Tabelle_31-12-48.pdf
Erstellt auf der Grundlage von Salman Abu Sitta u.a.
Ingrid Rumpf
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.