aus e-mail von Clemens Ronnefeldt, 7. Mai 2026, 8:59 Uhr
Liebe Friedensinteressierte,nachfolgend sende ich einige Artikel zu den Kriegen
in der Ukraine und in Westasien sowie zum Thema
Militarisierung - mit dem Hinweis, dass ich nicht mit
allen Aussagen aller Artikel übereinstimme, die
folgenden Beiträge aber für wichtig halte.
1. n tv: Feuerpause in Kraft: Selenskyj dankt Unterstützern
2. Die Zeit: Krieg gegen die Ukraine: Russland und Ukraine verkünden jeweils einseitige Feuerpausen3. Der Spiegel: Telefonat mit dem Kremlchef Trump und Putin schlagen sich gegenseitig Waffenruhe in der Ukraine vor
4. IPG: „Russland hat sich zu einem zutiefst autoritären Staat entwickelt“
5. NZZ: Ukrainischer Staatsterrorismus: Warum Deutschland vor Kiew kuscht6. Bundesregierung: Pressekonferenz von Kanzler Merz nach dem Europäischen Rat auf Zypern
Engere Anbindung der Ukraine an EU
7. Der Spiegel: »Projekt Freiheit« im Irankrieg - Trump pausiert Militäreinsatz in der Straße von Hormus nach nur einem Tag und bezeichnet den Krieg als »Scharmützel«
8. SWP: Der Iran-Krieg und seine Folgen – für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft
9. Der Spiegel: Israelischer Topmilitär über Lage im Westjordanland »Wir töten, wie wir seit 1967 nicht getötet haben«
10. Die Welt: „Stehen näher als je zuvor“ – Deutschland und Israel begründen neue Sicherheitspartnerschaft
11. The New Yorker: Ein Genozidforscher fragt: „Was ist in Israel schiefgelaufen?“
12. ai: Israels Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza: Informationen und Hintergründe13. Die Welt: Über 400 Ex-Diplomaten drängen EU zu härterem Kurs gegen Israel – darunter 19 aus Deutschland
14. Uni.München: Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland: eine Vortragsreihe15. Caritas international: Vortrag: Gaza - Überlebenshilfe zwischen Trümmern
16. Die Zeit: US-Techkonzern: Bundeswehr will keine Palantir-Software einsetzen17. BR: US-Truppenabzug – Milliardenverlust für die Oberpfalz
18. Friedensfähig: Abgesagte Stationierung von US-Raketen: Kampagne sieht große Chance für Rüstungskontrolle
19. Evangelische Friedensarbeit: AGDF: Stopp der Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen bietet eine Chance für Gespräche
20. Schulstreik: HERAUS ZUM 08. MAI: NIE WIEDER WEHRPFLICHT! NIE WIEDER KRIEG!
FÜR EIN ZEITALTER DER SCHULSTREIKS STATT GROSSMACHTPOLITIK!
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1. n tv: Feuerpause in Kraft: Selenskyj dankt Unterstützern
https://www.n-tv.de/politik/Ukraine-Krieg-Bruessel-ruft-zu-neuer-EU-Ukraine-Drohnenallianz-auf-article23143824.html
05.05.2026, 00:01 Uhr 06:13 Feuerpause in Kraft: Selenskyj dankt Unterstützern Seit 23 Uhr läuft die von dem ukrainischen Präsidenten WolodymyrSelenskyj vorgeschlagene Waffenruhe. Die Feuerpause erhält vielZuspruch, vor allem aus europäischen Ländern. Auf X bedankt sichSelenskyj für die Unterstützung. Unklar ist, inwieweit Luftangriffeund Kämpfe am Boden tatsächlich eingestellt werden können. In denmeisten Landesteilen herrschte um Mitternacht kein Luftalarm.(…)——
2. Die Zeit: Krieg gegen die Ukraine: Russland und Ukraine verkünden jeweils einseitige Feuerpausenhttps://www.zeit.de/politik/ausland/2026-05/russland-ukraine-vorschlaege-feuerpause
Krieg gegen die Ukraine: Russland und Ukraine verkünden jeweils einseitige FeuerpausenNachdem Russland eine einseitige Waffenruhe rund um den Tag des Siegesam 9. Mai angekündigt hat, legt die Ukraine nach. Sie will schonfrüher eine Feuerpause ausrufen.
Aktualisiert am 4. Mai 2026, 22:46 Uhr
Russland und die Ukraine haben getrennt voneinander unterschiedlicheFeuerpausen angekündigt. Russlands Staatschef Putin rief eineeinseitige Waffenruhe für den Zeitraum der Feierlichkeiten des Siegesder Sowjetunion über Nazideutschland am 8. und 9. Mai aus. Russlandhält am 9. Mai traditionell eine große Militärparade in Moskau ab.
Dieser Vorschlag wurde laut dem ukrainischen Präsidenten WolodymyrSelenskyj nicht mit der ukrainischen Regierung abgesprochen. Dasrussische Verteidigungsministerium kündigte an, dass Russland einen»massiven Raketenangriff auf das Zentrum von Kyjiw« ausführen werde,für den Fall, dass sich die Ukraine nicht an die Feuerpause halte.
Die Ukraine wiederum will schon Tage vorher eine Feuerpause ausrufen.»Wir verkünden eine Waffenruhe, beginnend ab 0.00 Uhr (23.00 Uhr MESZ)in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai«, teilte der ukrainische PräsidentWolodymyr Selenskyjmit. Einen festgelegten Zeitrahmen für dieWaffenruhe nannte Selenskyj nicht. Ab dem genannten Zeitpunkt werdedie Ukraine »symmetrisch handeln«.
Die Ukraine gehe diesen Schritt, weil »Menschenleben unvergleichlichwertvoller sind als die Feier eines Jahrestages«, schrieb Selenskyjbeim Onlinedienst Telegram.
Viele Verstöße bei bisherigen Waffenruhen
Der Vorschlag für die russische Waffenruhe geht auf ein Telefonat desrussischen Präsidenten Wladimir Putin mit US-Präsident Donald Trumpzurück, das beide Ende April führten. Putins außenpolitischer BeraterJuri Uschakow sagte danach, dass der russische Präsident eine solcheFeuerpause erwäge. Präsident Selenskyj forderte danach Informationenvon den USA zu den Inhalten des Gesprächs.
Mehrfach wurden während des Krieges über hohe Feiertage kurzzeitigeWaffenruhen ausgerufen. Zuletzt verzichteten die Kriegsparteien zumorthodoxen Osterfest Mitte April für etwa 30 Stunden auf Raketen- undDrohnenangriffe auf Ziele im Hinterland des Gegners. Entlang derFrontlinie kam es jedoch weiter zu Kampfhandlungen. Beide Seitenwarfen sich Tausende Verstöße vor.
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3. Der Spiegel: Telefonat mit dem Kremlchef Trump und Putin schlagen sich gegenseitig Waffenruhe in der Ukraine vor
https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-krieg-donald-trump-und-wladimir-putin-schlagen-sich-gegenseitig-waffenruhe-vor-a-620101c2-3f64-49bb-9474-7d52eceb2390?utm_source=firefox-newtab-de-de
Telefonat mit dem Kremlchef Trump und Putin schlagen sich gegenseitig Waffenruhe in der Ukraine vor
Donald Trump behauptet, Wladimir Putin »eine kleine Waffenruhe« in der
Ukraine vorgeschlagen zu haben. Aus dem Kreml heißt es, Putin habe die
Feuerpause angeboten – für die Feierlichkeiten am 9. Mai.
30.04.2026, 08.19 Uhr
US-Präsident Donald Trump hat erklärt, dass er in einem Telefonat mit
dem Kremlchef Wladimir Putin über eine mögliche Waffenruhe in der
Ukraine gesprochen habe. »Wir hatten ein gutes Gespräch, ich kenne ihn
schon lange«, sagte Trump.
Bei einem Treffen mit Astronauten der Artemis-2-Mission im Oval Office
erklärte er vor Reportern, er habe Putin »eine kleine Waffenruhe« im
Krieg Russlands gegen die Ukraine vorgeschlagen. »Und ich glaube, er
könnte das tun«, sagte Trump – und fragte die Reporter, ob Putin
bereits einen Waffenstillstand angekündigt habe.
Putin habe zudem angeboten, bei der Frage des angereicherten Urans aus
Iran zu helfen, sagte Trump. Er würde es »viel lieber« sehen, wenn
Putin sich für die Beendigung des Krieges in der Ukraine engagiere.
Zuvor hatte bereits der Kremlberater Jurij Uschakow über das Telefonat
Bericht erstattet. Laut ihm habe Putin Trump eine Feuerpause in der
Ukraine während der Feierlichkeiten zum »Tag des Sieges«
vorgeschlagen. An diesem Tag, dem 9. Mai, feiert Russland den Sieg
über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg.
Es ist nicht das erste Mal, dass Putin zu symbolischen Daten
angebliche Feuerpausen ankündigt: etwa zum orthodoxen Weihnachtsfest
2023 oder zu Ostern 2025 und 2026. Keine davon hielt vollständig;
stets beschuldigten sich beide Seiten, dagegen verstoßen zu haben.
Putin habe der Ukraine in dem mehr als anderthalbstündigen Gespräch
mit Trump vorgeworfen, auf »terroristische Methoden« zurückzugreifen.
Die beiden Staatschefs hätten auch über mögliche Wirtschafts- und
Energieprojekte gesprochen, so Berater Uschakow. (…)
——
Vorabhinweis von C. Ronnefeldt zum folgenden Artikel:
Die Überschrift:
Reisners Blick auf die Front"Wir haben ein zweites ukrainisches Wunder erlebt“
kann den Eindruck erwecken, dass Oberst Reisner selbst
dieses Zitat gesprochen hat - was er aber nicht hat - s.u.
Im Vorspann zum Interview heißt es:
"Oberst Reisner spricht von einer neuen Eskalationsstufe.
Doch er sieht weiter Lichtblicke, spricht gar von einem
ukrainischen Wunder. Doch gewonnen ist damit noch nichts.“
Tatsächlich spricht Oberst Reisner nicht selbst von einem Wunder,
sondern zitiert „einige Beobachter“. Oberst Reiser nimmt auch die
Worte „ukrainisches Wunder“ nicht in den Mund, sondern lediglich der
Interviewer Volker Petersen verwendet sie in seiner Frage - und Oberst
Reiser wiederholt sie in seiner Antwort nicht.
Im Wortlaut lautet die Passage, in der Oberst Reiser „einige Beobachter“ zitiert:
"(…) Einige Beobachter sagen, wir haben ein zweites ukrainisches Wunder erlebt.
Ein ukrainisches Wunder?
Nach dem schweren Winter hat es die Ukraine noch einmal geschafft,
wieder aufzustehen, das Schild zu heben und die Russen abzuwehren.
Das würde ich absolut unterstreichen. Gewonnen ist damit noch nichts.
Der Soldatenmangel bleibt ein Problem und der russische Druck immens.
Aber man erkennt sehr wohl das Knirschen und Knacken auf der russischen Seite."
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https://www.n-tv.de/politik/Wir-haben-ein-zweites-ukrainisches-Wunder-erlebt-id30784073.html?utm_source=firefox-newtab-de-de
Reisners Blick auf die Front"Wir haben ein zweites ukrainisches Wunder erlebt"04.05.2026, 18:27 Uhr
Interview Volker Petersen
Russland überzieht die Ukraine weiter mit heftigen Drohnenangriffen -
im März waren es so viele wie nie zuvor. Oberst Reisner spricht von
einer neuen Eskalationsstufe. Doch er sieht weiter Lichtblicke,
spricht gar von einem ukrainischen Wunder. Doch gewonnen ist damit
noch nichts.
ntv.de: Herr Reisner, US-Präsident Donald Trump droht damit, 5000
Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Wie sehr schwächt das
Deutschlands Verteidigungskraft?
Markus Reisner: Deutschland ist weltweit der drittgrößte Standort für
US-Soldaten. Derzeit sind es knapp 36.500. Die 5000 Mann sind ein eher
geringer Anteil des US-Kontingents in Deutschland. Diese Truppen und
Basen brauchen sie aber, um global Macht zu projizieren.
Wie tun sie das?
Nehmen Sie die Basis in Ramstein. Sie spielt eine wichtige Rolle für
die Steuerung von Drohnen im Iran, Afghanistan oder anderswo. Oder
denken Sie an das US-Regionalkommando für Europa und Afrika in
Stuttgart oder Grafenwöhr, den größten Truppenübungsplatz in
Deutschland. Auch das große Militärkrankenhaus in Landstuhl werden sie
nicht aufgeben.
Die USA wollen außerdem nun doch keine Tomahawk-Marschflugkörper in
Deutschland stationieren. Hätte Deutschland dann gar keine
Möglichkeit, Angriffe von Kaliningrad aus abzuwehren? Oder hat
irgendein EU-Partner da was Adäquates?
Das ist viel entscheidender als diese 5000 Soldaten. Der Tomahawk und
auch die Standard Missile SM-6 sind wichtiger Bestandteil einer
Abschreckung Russlands durch die Nato. Die Frage ist, ob sie
stattdessen in anderen Nato-Ländern wie Polen, Slowakei, Ungarn,
Bulgarien oder Rumänien stationiert werden, also direkt an der
Ostflanke.
Was ist mit Patriot-Systemen?
Für eine Abwehr russischer Iskander-Raketen kämen Patriot- oder
SAMP/T-Systeme infrage. Wegen des hohen Verbrauchs im Iran-Krieg ist
der Nachschub aber schwierig. Im Krieg mit dem Iran wurden allein in
der ersten Woche über 800 Patriot-Raketen abgefeuert. Das ist deutlich
mehr als eine Jahresproduktion von 650 bis 700 Stück.
(…)
Ausgangspunkt der jüngsten Irritationen war die Äußerung von
Bundeskanzler Merz, die USA würden im Iran gedemütigt. Abgesehen
davon, ob es klug war, das öffentlich zu sagen - hat er inhaltlich recht?
Wenn Sie sich das Ergebnis des Krieges im Iran ansehen, muss man
sagen: Ja. Zu Beginn wollten die USA einen Regimewechsel erreichen.
Das ist ihnen nicht gelungen. Auch das angereicherte Uran befindet
sich weiter in iranischer Hand. Der Iran sperrt außerdem die Straße
von Hormus weiterhin mit relativ geringen Mitteln effektiv. Wenn der
deutsche Bundeskanzler sagt, dass die USA ihre Ziele nicht erreicht
haben, ist das eine richtige Feststellung. Trotz gewonnener Schlachten
fehlt der strategische Sieg.
Schauen wir nach Russland. Am 9. Mai feiert das Land den Sieg über
Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nun wurde die bekannte
Militärparade deutlich verkleinert. Ist das ein Zeichen für Engpässe?
Es hat am 9. Mai bislang immer eine Parade gegeben. Der Kreml spricht
von terroristischen Bedrohungen. Aber das ist aus meiner Sicht eine
Ausrede. Das Material zur Absicherung der Parade dürfte vorhanden
sein. Aber es wäre für das Militär eine erhebliche logistische
Belastung, jetzt Tausende Soldaten und Fahrzeuge nach Moskau zu
karren.
Russland hat die Ukraine im April wieder massiv mit Drohnen
angegriffen. Auf Ermüdungserscheinungen braucht man wohl nicht zu
hoffen?
Nein, das ist leider nicht der Fall. Im April sind jeden Tag
mindestens 150 Drohnen eingeflogen. Es gab drei massive Angriffe mit
bis zu 700 Drohnen innerhalb von zwei Tagen. Insgesamt haben die
Ukrainer 6583 Drohnen gezählt, das ist ein neuer Rekord. Allein im Mai
sind es schon mehr als 1300 russische Drohnen plus Marschflugkörper
und Raketen gewesen. Das ist eine neue Eskalationsstufe.
Wie halten die Ukrainer dagegen?
Auch die Ukrainer bringen den Russen schmerzhafte Verluste bei, die
die russische Ölindustrie treffen sollen. Am 2. Mai ist die Ukraine
mit 334 Drohnen nach Russland eingeflogen. Die Erdöl-Hafenstadt Tuapse
am Schwarzen Meer wurde dreimal angegriffen und schwer beschädigt.
Insgesamt sind die Ukrainer bei etwa einem Drittel der russischen
Drohnenangriffe. Im Vergleich zum März haben sie die Angriffe noch
einmal steigern können. Das ist schon bemerkenswert. Andererseits soll
Russland laut einem Bloomberg-Bericht trotzdem seine Ölexporte
gesteigert haben.
Russland hat seine Frühjahrsoffensive am Boden begonnen. Können seine
Soldaten mittlerweile die Belaubung an den Bäumen nutzen, um nicht von
ukrainischen Drohnen gesichtet zu werden?
Durch den Bewuchs der Bäume ist es tatsächlich möglich, in bewaldeten
Gebieten wieder vorzumarschieren. Genau das versuchen sie bereits im
Raum Charkiw und bei Sumy. Sie möchten damit auch die Ukraine zwingen,
Kräfte aus dem Mittelabschnitt nach Norden zu verlegen. Denn das
Schwergewicht der russischen Angriffe liegt erkennbar im
Mittelabschnitt der Front, vor allem nahe der Stadt Kostjantyniwka.
Von dieser Stadt werden wir in den nächsten Wochen und Monaten noch
sehr viel hören.
Warum ist Kostjantyniwka wichtig?
Konstjantyniwka ist der südlichste Punkt des ukrainischen
Festungsgürtels im Donbass. Die Russen wollen hinter diesen
Festungsgürtel auf der Achse Slowjansk, Kramatorsk, Konstjantyniwka.
Dahinter liegt das offene Land. Ein Viertel der Stadt haben die Russen
bereits in Besitz genommen.
Im März sah es gar nicht so schlecht aus für die Ukraine. Am Boden gab
es ein Patt, steigende Temperaturen mildern die Angriffe auf die
Energieinfrastruktur ab. Wie fällt Ihr Fazit für den April aus?
Die Ukraine hat eine Formel gefunden, wie sie den Vormarsch der Russen
unterbinden kann. Das gelingt ihr mit dem massiven Einsatz von
Drohnen, die kleinste Stoßtrupps aufklären und neutralisieren können.
Das hat zu der 50 Kilometer breiten Todeszone an der Front geführt.
Das ist absolut positiv für den Verteidiger. Einige Beobachter sagen,
wir haben ein zweites ukrainisches Wunder erlebt.
Ein ukrainisches Wunder?
Nach dem schweren Winter hat es die Ukraine noch einmal geschafft,
wieder aufzustehen, das Schild zu heben und die Russen abzuwehren. Das
würde ich absolut unterstreichen. Gewonnen ist damit noch nichts. Der
Soldatenmangel bleibt ein Problem und der russische Druck immens. Aber
man erkennt sehr wohl das Knirschen und Knacken auf der russischen
Seite. (…)
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4. IPG: „Russland hat sich zu einem zutiefst autoritären Staat entwickelt“
https://www.ipg-journal.de/interviews/artikel/russland-hat-sich-zu-einem-zutiefst-autoritaeren-staat-entwickelt-9019/?utm_campaign=de_40_20260505&utm_medium=email&utm_source=newsletter
Interviews
05.05.2026
„Russland hat sich zu einem zutiefst autoritären Staat entwickelt“
UN-Sonderberichterstatterin Katzarova über die Verschlechterung der Menschenrechtslage in Russland – und wen es besonders trifft.
Mariana Katzarova ist eine bulgarische Journalistin.
2023 wurde sie zur ersten UN-Sonderberichterstatterin
zu Russland beim UN-Menschenrechtsrat ernannt.
Die Fragen stellte Mascha Kautt.
Sie sind die UN-Sonderberichterstatterin zu Menschenrechten in
Russland. Russland erkennt Ihr Mandat jedoch nicht an. Wie sieht Ihre
Arbeit unter diesen Umständen aus? Haben Sie direkten Kontakt zu den
russischen Behörden?
Es ist sehr bedauerlich, dass die Russische Föderation mein Mandat
nicht anerkennt und mir keinen Zugang zum Land gewährt. Ich beantrage
den Zugang jedes Jahr, nachdem mein Mandat vom Menschenrechtsrat
verlängert wurde. Trotzdem erhalte ich einen ständigen
Informationsfluss von Opfern, ihren Anwälten und Vertretern der
Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb Russlands.
Wir senden auch formelle Schreiben an die russischen Behörden zu
mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen – zum Beispiel zur sogenannten
„kinderfreien Bewegung“. Allein die Diskussion darüber, keine Kinder
bekommen zu wollen, kann zu Verwaltungsstrafen führen.
Ich spreche regelmäßig konkrete Fälle an, darunter die Verhaftungen von
Menschenrechtsverteidigern, Anwälten und Journalisten. Auf diese
Schreiben erhalte ich jedoch nur selten eine Antwort.
Ich stehe auch mit UN-Mitgliedstaaten in Kontakt, wenn ich meine
Berichte in Genf und New York vorstelle. Während einige Regierungen
das Mandat unterstützen, stellen andere es offen infrage. Ein direkter
Austausch mit den russischen Behörden findet jedoch nicht statt.
Dennoch kann das Mandat auch ohne Kooperation Wirkung entfalten. Durch
öffentliche Erklärungen und das Hervorheben konkreter Fälle – wie des
Verbots der Menschenrechtsorganisation Memorial – möchte ich die
internationale Aufmerksamkeit erhöhen. Manchmal bewirkt diese
Sichtbarkeit etwas.
Welche Auswirkungen hat Ihre Arbeit – innerhalb der russischen
Gesellschaft, auf staatlicher Ebene oder unter den UN-Mitgliedstaaten?
Dies ist das erste UN-Mandat mit Fokus auf Russland – und das erste
überhaupt, das ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats betrifft.
Das ist bereits von erheblicher Bedeutung. Im Kern dokumentiert mein
Mandat die groß angelegte Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch
die russische Regierung, darunter Menschenrechtsverteidiger,
Journalisten, indigene Gemeinschaften, LGBTQ-Personen und alle, die
abweichende Meinungen oder kriegsfeindliche Ansichten äußern.
Viele sehen sich Strafverfolgung, langen Haftstrafen oder Schlimmerem
ausgesetzt. Derzeit gibt es in Russland rund 2 000 politische
Gefangene – einige wurden lediglich inhaftiert, weil sie über den
Krieg gesprochen oder sich in sozialen Medien dazu geäußert haben.
Seit der Invasion der Ukraine hat sich die Unterdrückung verschärft.
Meine Arbeit macht diese Zustände sichtbar. Meine Berichte informieren
nicht nur die russische Regierung, sondern auch die internationale
Gemeinschaft. Zum ersten Mal erhalten die UN-Mitgliedstaaten
systematische Berichte über die interne Menschenrechtslage in
Russland. Seit der groß angelegten Invasion der Ukraine im Jahr 2022
ist dies noch dringlicher geworden.
Die Unterdrückung hat sich verschärft, und Russland hat sich zu einem
zutiefst autoritären Staat entwickelt. Meine Berichte enthalten
Empfehlungen sowohl an Russland als auch an die internationale
Gemeinschaft und verstärken die Stimmen der russischen
Zivilgesellschaft – viele ihrer Mitglieder leben mittlerweile im Exil.
Dies ist besonders wichtig, da die russische Regierung den Zugang zu
unabhängigen Informationen zunehmend einschränkt, unter anderem durch
Druck auf Medien, Messaging-Plattformen und VPNs.
Inwiefern steht Ihr Mandat im Zusammenhang mit dem Krieg in der
Ukraine? Sehen Sie Ihre Rolle darin, internationale Reaktionen
mitzugestalten?
Nicht im militärischen Sinne, aber sicherlich im Hinblick auf die
Information von Regierungen und der internationalen Gemeinschaft. In
russischen Gefängnissen befinden sich Tausende ukrainischer Häftlinge,
darunter sowohl Zivilisten als auch Soldaten. Zivilisten werden oft in
besetzten Gebieten festgenommen und nach Russland überstellt, wo ihnen
Folter, Isolationshaft sowie fehlender Zugang zu Anwälten oder ihren
Familien drohen.
Russland erkennt ukrainische Soldaten nicht als Kriegsgefangene an, da
es den Konflikt offiziell nicht als Krieg anerkennt. Infolgedessen
wird ihnen der Schutz gemäß den Genfer Konventionen und der Zugang zum
Internationalen Komitee vom Roten Kreuz verwehrt. Außerdem sind
Tausende ukrainischer Kinder nach Russland deportiert worden.
Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, die Behandlung von
Ukrainern in russischer Haft zu dokumentieren, einschließlich Folter,
Misshandlung und mangelnder Rechenschaftspflicht. So habe ich
beispielsweise den Fall von Natalia Vasova aufgezeigt, einer
ukrainischen Zivilistin, die festgenommen, wiederholt von mehreren
Beamten vergewaltigt und mit Elektroschocks gefoltert wurde.
Während ihres Prozesses bat sie den Richter, die an ihr verübte Folter
zu untersuchen. Darauf erfolgte keine Reaktion. Wegen
Terrorismusvorwürfen wurde sie zu mehr als 18 Jahren Haft verurteilt.
Sie befindet sich bis heute in Haft.
Ukrainische Häftlinge werden oft gefoltert, ausgehungert und erhalten
keine Grundversorgung.
Viele ukrainische Häftlinge sehen sich mit Terrorismusvorwürfen
konfrontiert, die mit extrem langen Haftstrafen geahndet werden – 20,
25 Jahre oder sogar lebenslange Haft. Ich fordere konsequent ihre
Freilassung, Transparenz über ihren Verbleib sowie Zugang zu
Rechtsbeistand, medizinischer Versorgung und zu ihren Familien.
Die Haftbedingungen sind extrem hart. Inhaftierte werden oft
gefoltert, ausgehungert und erhalten keine Grundversorgung. Russische
Anwälte, die diese Fälle übernehmen, spielen eine entscheidende Rolle
und bringen den Gefangenen oft Lebensmittel und Grundversorgungsgüter.
Dieses Thema steht im Mittelpunkt meiner Berichte, von denen jeder
einen eigenen Abschnitt über die Behandlung von Ukrainern in Russland
enthält.
In Ihrem jüngsten Bericht schreiben Sie, die Menschenrechtslage in
Russland verschlechtere sich. Was sind die deutlichsten Anzeichen dafür?
Ein wichtiger Indikator ist die zunehmend raffinierte Art und Weise,
mit der die Behörden verschiedene Gruppen unterdrücken und zum
Schweigen bringen. Im Jahr 2024 erklärte der Oberste Gerichtshof die
sogenannte „internationale LGBT-Bewegung“ zur extremistischen
Organisation, was zu Strafverfahren, zur Schließung von Organisationen
und sogar zum Verbot von Büchern führte, die LGBTQ-Themen behandeln.
In ähnlicher Weise wurde eine sogenannte „anti-russische
separatistische Bewegung“ als extremistisch eingestuft, woraufhin 172
Organisationen – viele davon Vertreter von Minderheiten und indigenen
Gruppen – als extremistisch oder terroristisch gelistet wurden. Ihren
Mitgliedern drohen nun Haft und Strafverfolgung.
Gleichzeitig werden Gesetze eingeführt oder ausgeweitet, um
kriegsfeindliche Äußerungen unter Strafe zu stellen. Menschen können
zunächst mit Verwaltungsstrafen und bei Wiederholungstaten dann mit
strafrechtlicher Verfolgung rechnen, oft aufgrund ihrer Aktivitäten in
sozialen Medien. Vorwürfe wie „Diskreditierung der Armee“ oder die
Verbreitung „falscher Informationen“ werden häufig erhoben.
Zudem kommt es zu einem systematischen Missbrauch von Gesetzen zur
nationalen Sicherheit – zu Verrat, Extremismus und Terrorismus –, um
gegen Journalisten, Aktivisten und politische Gegner vorzugehen.
So wurde beispielsweise die Anti-Korruptions-Stiftung von Alexei
Nawalny als extremistisch und sogar als terroristisch eingestuft,
wodurch jedem, der mit ihr in Verbindung steht, schwere Strafen
drohen. Diese Repressionen reichen über die Grenzen Russlands hinaus.
Die Behörden nutzen zunehmend internationale Mechanismen wie Interpol,
um Dissidenten im Ausland ins Visier zu nehmen.
Kommen wir zu Gender- und LGBTQ-Themen: Wie wichtig sind diese Themen
für die allgemeine Menschenrechtslage, die Sie dokumentieren?
Beim Feminismus geht es um Rechte und Gleichberechtigung – aber dieses
Konzept ist in weiten Teilen Osteuropas allgemein nicht akzeptiert. Im
weiteren Sinne beobachten wir weltweit, nicht nur in Russland, eine
zunehmende Gegenbewegung gegen Menschenrechte, Frauenrechte und
Feminismus. In autoritären Gesellschaften gehören Frauen oft zu den
Ersten, die davon betroffen sind, gefolgt von anderen
schutzbedürftigen Gruppen. In Russland ist dies eng mit der
allgemeinen Militarisierung der Gesellschaft verbunden.
Es gibt kein umfassendes Gesetz gegen häusliche Gewalt. Gleichzeitig
ermöglicht ein von Präsident Putin im Jahr 2024 unterzeichnetes Gesetz
faktisch Straffreiheit: Männer, die wegen Gewaltverbrechen angeklagt
oder verurteilt wurden, können einer Strafverfolgung entgehen oder
ihre Strafen verkürzen, indem sie sich der russischen Armee
anschließen. Dies hat zu einem Phänomen geführt, das ich als „Drehtür“
bezeichne.
Personen begehen Vergewaltigungen oder Morde, entgehen der Bestrafung,
indem sie in den Krieg gegen die Ukraine ziehen, sie kehren zurück und
begehen erneut Straftaten, bevor sie erneut an die Front geschickt werden.
Es gibt dokumentierte Fälle extrem gewalttätiger Straftäter, darunter
ist ein Kannibale, der 13 Menschen getötet und verspeist hat und dann
von seiner Haftstrafe befreit wurde, um in der Armee zu dienen. Man
kann sich vorstellen, was sie ukrainischen Zivilisten antun.
Zwar sind umfassende Daten noch begrenzt, aber ich beobachte eine
Zunahme der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, verbunden mit einem
wachsenden Gefühl der Straffreiheit, das vom Staat unterstützt wird.
—————
Hinweis von C. Ronnefeldt:
Der Autor des folgenden Artikels ist seit März 2015 Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)
https://www.nzz.ch/impressum/eric-gujer-ld.154671
————
5. NZZ: Ukrainischer Staatsterrorismus: Warum Deutschland vor Kiew kuscht
https://www.nzz.ch/meinung/nord-stream-sprengung-warum-merz-vor-der-ukraine-kuscht-ld.10004761
Der andere Blick
von Eric Gujer
Ukrainischer Staatsterrorismus: Warum Deutschland vor Kiew kuscht
Kritik an der Ukraine ist in Berlin weitgehend tabu. Die Regierung
verurteilt selbst die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines nicht.
Die Aussenpolitik von Kanzler Merz wird immer rätselhafter.
01.05.2026, 05.29 Uhr
Man stelle sich vor, die amerikanischen Nachrichtendienste würden
deutsche Infrastruktur sabotieren:
Die CIA sprengt die Masten eines Windparks in der Nordsee.
Oder die NSA verübt einen Cyberangriff auf das Berliner Stromnetz und
verursacht ein Blackout, gegen das der von Linksterroristen
herbeigeführte Stromausfall im Januar harmlos wirkt.
Was würde geschehen? Die deutsche Öffentlichkeit würde Präsident Trump
zum Staatsfeind Nummer eins erklären (sofern das nicht schon längst
geschehen ist).
Nicht mehr nur der rechte und der linke Rand, sondern der Mainstream
der deutschen Politik würde einen Austritt aus der Nato und überhaupt
ein Ende der transatlantischen Beziehungen fordern. Kurzum, die
Empörung wäre grenzenlos.
Es lohnt sich, dieses Szenario im Hinterkopf zu behalten, wenn man
sich dem Fall zuwendet, in dem ein befreundeter Staat tatsächlich
deutsche Infrastruktur attackiert hat.
Der Generalbundesanwalt ist überzeugt, dass die ukrainischen
Streitkräfte die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream angegriffen
und drei der vier Röhren in der Ostsee in die Luft gejagt haben. Er
erliess Haftbefehl gegen die Attentäter. Einer der Verdächtigen sitzt
in deutscher Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.
Deutschland hat die Mittel, um Selenski zu einer Entschuldigung zu bewegen
Dass es sich um ukrainischen Staatsterrorismus gegen ein bis zum
Ukraine-Krieg zentrales Element der deutschen Energieversorgung
handelt, steht inzwischen ausser Frage.
Bojan Pancevski, Korrespondent des «Wall Street Journal», konnte mit
den Drahtziehern sprechen. Er trug die Hintergründe der Kommandoaktion
im September 2022 in einem gerade erschienenen Buch zusammen.
Dabei entstand auch ein faszinierendes Porträt des ukrainischen
Machtapparats in der Frühphase des russischen Überfalls.
Doch die Empörung blieb aus. Präsident Selenski wurde nicht zum
Staatsfeind Nummer eins erklärt. Im Gegenteil, er wird in Berlin
weiter hofiert.
Dabei spielt es keine Rolle, ob Selenski von den Anschlagsplänen
wusste und diese billigte. Er trägt wie Trump die Verantwortung für
die Geheimdienste und Spezialkräfte seines Landes, selbst wenn diese
eigenmächtig gehandelt haben sollten.
Deutschland brach die Beziehungen zu Kiew nicht ab, vielmehr ist es
zum zahlenmässig grössten Unterstützer des um sein Überleben
kämpfenden Landes aufgestiegen.
Zwar liegt es im ureigenen deutschen Interesse, dass der russische
Imperialismus nicht siegt. Jeder Euro, den Berlin für Kiew aufwendet,
dient der eigenen Verteidigung.
Ferner muss man den historischen Kontext berücksichtigen. Nach dem
russischen Überfall rief Kanzler Scholz zwar eine Zeitenwende aus.
Zugleich blamierte sich aber die Ampelkoalition, indem sie der Ukraine
5000 schäbige Stahlhelme anbot.
In den Monaten, in denen Kiews Spezialkräfte den Anschlag planten, war
daher nicht klar, wie sich Deutschland verhalten würde. Würde es sich
auf die Seite der Ukraine stellen oder wie so oft in seiner Geschichte
den Beziehungen zu Russland den Vorzug geben?
Dennoch wäre eine unmissverständliche Verurteilung des ukrainischen
Anschlags ein Zeichen deutscher Selbstachtung.
Niemand respektiert ein Land, das sich selbst so wenig respektiert,
dass es sich nicht einmal gegen eine flagrante Verletzung seiner
nationalen Interessen wehrt.
Um Protest zu äussern, gibt es genügend diplomatische Möglichkeiten.
Wer der Hauptfinancier der Ukraine ist, verfügt zudem über handfeste
Druckmittel, um Selenski eine Entschuldigung abzuringen.
Die Bundesregierung und – noch erstaunlicher – die deutschen Medien
aber schweigen.
Es ist nicht davon auszugehen, dass Kanzler Merz Staatsterrorismus
gutheisst oder auch nur gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Warum also
diese Leisetreterei?
Dafür gibt es zwei Erklärungsansätze. Zum einen sind die Ukrainer die
Guten, und die Guten können nichts Schlechtes tun. Der Moralismus in
der deutschen Aussenpolitik lässt für Grautöne wenig Platz. Dieses
Schwarz-Weiss-Denken führt auch dazu, dass man ernsthafte Probleme in
der Ukraine wie die endemische Korruption nur verhalten anspricht.
Enge Partner wie die USA, Israel oder eben die Ukraine müssen ohne
Fehl und Tadel sein. Realismus ist nicht vorgesehen. Das Bewusstsein
dafür, dass selbst die besten Verbündeten Fehler begehen und sich
zweifelhafter Mittel bedienen, ist nicht sehr ausgeprägt.
Gegenüber Washington und Jerusalem grassieren deshalb
Antiamerikanismus und eine antiisraelische Haltung, die manchmal die
Grenze zum Antisemitismus überschreitet. Die Enttäuschung darüber,
dass das idealisierte Bild des Verbündeten Risse aufweist, äussert
sich hier in überzogener Kritik.
Bei der Ukraine führt der psychologische Mechanismus zum Gegenteil: zu
stellvertretendem Hurrapatriotismus. Obwohl die Deutschen nicht zum
Patriotismus neigen, wird der ukrainische Heroismus nirgends so
verklärt wie in der Bundesrepublik.
In der Aussenpolitik betreibt Merz einen atemberaubenden Zickzackkurs
Auch wenn mangelnder Realismus in der Aussenpolitik zu den Schwächen
aller Demokratien gehört, ist er in Deutschland besonders ausgeprägt.
Hinzu kommt eine deutsche Eigenheit: das Unvermögen, seinen Standpunkt
offen und ehrlich auszusprechen.
Nicht umsonst trägt in der Uno die Stimmenthaltung den Übernamen
«German vote». Sich bloss nicht exponieren, lautet die Devise. Die
Angst ist gross, mit der heutigen Finanzstärke und den gestrigen
Schandtaten zu provozieren.
Also verhält man sich unauffällig oder kaschiert die nationalen
Interessen mit schönen Floskeln. Viele Jahre trug das Auswärtige Amt
den Satz, es gebe «keine deutsche Aussenpolitik mehr, nur noch eine
europäische», wie eine Monstranz vor sich her.
(…)
Mit dem Duckmäusertum hat sich Deutschland halbwegs ordentlich
durchgewurstelt. Diese Rechtfertigung ist zugleich eine schöne
Floskel, weil sie ein fundamentales Problem kaschiert: Die
Bundeskanzler Schröder, Merkel, Scholz und Merz hatten und haben keine
Vorstellung von Aussenpolitik, die über den nächsten Tag hinausweist.
Auch hierfür ist Nord Stream das beste Beispiel. Mit den Pipelines
zementierten Schröder und Merkel die Energieabhängigkeit von Russland.
Das war bequem. Vorausschauend war es nicht.
Der amtierende Kanzler ist seinen Vorgängern ebenbürtig. Sein
Zickzackkurs in der Aussenpolitik muss keinen Vergleich scheuen.
Während der Massenunruhen in Iran prognostizierte Merz den baldigen
Sturz des Regimes. Heute schlägt er andere Töne an. Er plädiert für
Verhandlungen und eine Lockerung der Sanktionen.
Inzwischen ist die Solidarität mit der iranischen Demokratiebewegung
allerdings nicht mehr gratis, sondern treibt den Automobilisten die
Tränen in die Augen. Beim Benzinpreis endet der deutsche Idealismus
abrupt.
Die Iran-Politik ist kein Einzelfall. Bemühte sich Merz zunächst um
ein gutes Verhältnis zu Trump, gehört er heute zu dessen offenen
Kritikern. Die Politik des US-Präsidenten habe dazu geführt, dass Iran
Amerika «gedemütigt» habe, verkündete der Kanzler. Vor Jahresfrist
lobt er noch Trump, weil dieser im Nahen Osten die «Drecksarbeit»
erledige.
Oder Israel: Merz bezeichnete es als «Skandal», dass die
Ampelkoalition dem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs
gegen Ministerpräsident Netanyahu wegen der israelischen Kriegsführung
in Gaza Folge geleistet hätte. Bald darauf verhängte er ein
Waffenembargo – wegen der israelischen Kriegsführung in Gaza.
Insofern ist die Funkstille beim ukrainischen Staatsterrorismus nur
konsequent. Wer so rumeiert, schweigt am besten.
Bojan Pancevski: Die Nord-Stream-Sprengung. Die wahre Geschichte der
Sabotage, die Europa erschütterte. Harper Collins, 2026.
—————
—
6. Bundesregierung: Pressekonferenz von Kanzler Merz nach dem Europäischen Rat auf Zypern
Engere Anbindung der Ukraine an EU
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bk-europaeischer-rat-zypern-2424974
Pressekonferenz von Kanzler Merz nach dem Europäischen Rat auf Zypern
Engere Anbindung der Ukraine an EU
Bundeskanzler Merz hat nach dem Europäischen Rat auf Zypern die
weitere Unterstützung der EU für die Ukraine angekündigt.
Zugleich pochte der Bundeskanzler auf Haushaltsdisziplin, lehnte neue
EU‑Schulden ab und warnte vor einem überdimensionierten Finanzrahmen.
Mitschrift
Pressekonferenz
Freitag, 24. April 2026
(….)
Wir haben auch über die Heranführung der Ukraine an die EU gesprochen.
Allen ist klar, dass ein sofortiger Beitritt der Ukraine zur
Europäischen Union natürlich nicht möglich ist. Ich habe aber
vorgeschlagen, dass wir jetzt einen Prozess in der Europäischen Union
mit einer Heranführungsstrategie der Ukraine an die Europäische Union
beginnen, an deren Ende natürlich die volle Mitgliedschaft stehen soll.
Aber wir brauchen dahin Zwischenschritte. Ich hatte darüber in den
letzten Tagen auch mehrfach mit Präsident Selenskyj gesprochen. Ich
möchte auch eine engere Einbindung in die europäischen Institutionen
ermöglichen, zum Beispiel durch Teilnahme an Europäischen Räten, im
Europäischen Parlament oder in der Kommission ohne Stimmrecht oder
durch schrittweise Eingliederung der Ukraine in Politikbereiche, je
nach Stand der Reformen. Wichtig ist, dass diese Heranführung die
Beitrittsverhandlungen beschleunigen soll als Brücke in eine spätere
Vollmitgliedschaft.
Ich habe für meine Vorschläge von den Kolleginnen und Kollegen im
Europäischen Rat viel Unterstützung erhalten.
(…)
Insgesamt gilt: Wir müssen den Haushalt finanzieren können. In Zeiten,
in denen fast alle Mitgliedstaaten härteste
Konsolidierungsanstrengungen zu Hause unternehmen, passt ein massiver
Aufwuchs des EU-Haushalts, so wie ihn die Kommission vorgeschlagen
hat, nicht in die Landschaft. Das heißt, wir werden horizontale
Kürzungen in allen Rubriken des Vorschlages brauchen, um hier dann
hoffentlich noch in diesem Jahr zu einer Einigung zu kommen. Das
werden schwierige Verhandlungen.
Ich habe den Kolleginnen und Kollegen noch einmal – wie auch schon
kurz vor Weihnachten – gesagt, dass aus meiner Sicht und aus der Sicht
der Bundesrepublik Deutschland eine weitere Verschuldung der
Europäischen Union, sei es über Kreditaufnahmen, sei es über die
Ausgabe von Staatsanleihen der Europäischen Union, nicht vorstellbar ist.
Das untersagt das Bundesverfassungsgericht, daran ist auch die
deutsche Bundesregierung gebunden, und ich habe den Kolleginnen und
Kollegen heute noch einmal sehr deutlich gesagt, dass das von unserer
Seite aus nicht geht. Das heißt also, wir werden jetzt auf sehr harte
Haushaltsverhandlungen zusteuern. Das gilt sowohl für die
Einnahmenseite als auch für die Ausgabenseite. (…)
(…)
Frage:
Herr Bundeskanzler, ich habe noch eine Frage zur Äußerung des
polnischen Ministerpräsidenten in der „Financial Times“. Dort hat er
gesagt, die Loyalität der USA gegenüber ihren NATO-Verbündeten stehe
in Zweifel. Teilen Sie diese Einschätzung? Wie bereitet sich Europa
darauf vor, durch eine Stärkung des (akustisch unverständlich) der
Beistandsversprechen oder einer Europäisierung der (akustisch
unverständlich)?
Bundeskanzler Merz:
Herr Kollege, Sie wissen, dass ich viel dafür tue, die Amerikaner an
Bord zu halten, und dass ich viel dafür tue, dass wir auch das
gemeinsame Beistandsversprechen aus dem NATO-Vertrag einhalten, auf
beiden Seiten des Atlantiks. Sie wissen, dass ich immer denen aus
Amerika zugestimmt habe, die gesagt haben, dass die Europäer zu wenig
für ihre eigene Verteidigung tun – das war schon vor Trump richtig –,
und wir ändern das jetzt.
Wir haben ja im letzten Jahr auch auf dem NATO-Gipfel in Den Haag
Anfang Juni diesen Beschluss gefasst, jetzt auf fünf Prozent des BIP
zu gehen. Das wird in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr wohl
wahrgenommen. Trotzdem bleibt richtig, dass wir für unsere eigene
Sicherheit auch sehr viel mehr tun müssen, dass wir in der Lage sein
müssen, mitzuhelfen, auch territoriale Konflikte in Europa selbst mit
eigener, großer Kraft zu lösen. Das sind die Aufgaben, die uns
gestellt sind.
Ich will Ihnen ehrlich sagen: Ich bin heute, im ersten bzw. zweiten
Quartal des Jahres 2026, zuversichtlicher, als ich es noch vor zwei
oder drei Jahren war, weil ich einfach sehe, wie schnell wir zurzeit
aufholen. Dazu trägt auch der Krieg in der Ukraine bei. So bitter
dieser Krieg ist, hat er aber einen positiven Effekt: Wir sehen eine
militärtechnologische Entwicklung, die so rapide vorangeht, wie wir
sie ohne diesen Krieg nicht gehabt hätten.
Darin liegt, noch einmal, bei aller Tragik dieses Krieges und bei
allem furchtbaren Leid, die dieser Krieg über das Land und über die
Menschen bringt, jetzt eben auch eine große Chance, die wir nutzen
werden. Wir kommen technologisch in einer Geschwindigkeit voran, wie
ich es nicht gedacht hätte, und das erlaubt uns auch eine sehr viel
größere europäische Unabhängigkeit.
——
7. Der Spiegel: »Projekt Freiheit« im Irankrieg - Trump pausiert Militäreinsatz in der Straße von Hormus nach nur einem Tag und bezeichnet den Krieg als »Scharmützel«
https://www.spiegel.de/ausland/iran-krieg-donald-trump-setzt-militaer-einsatz-fuer-sichere-hormus-durchfahrt-aus-a-09110b24-5de9-4643-9a3d-c701250ab14f?utm_source=firefox-newtab-de-de
»Projekt Freiheit« im Irankrieg
Trump pausiert Militäreinsatz in der Straße von Hormus nach nur einem
Tag und bezeichnet den Krieg als »Scharmützel«
Die USA wollten feststeckenden Schiffen helfen, die Straße von Hormus
zu passieren. Damit ist nun vorerst Schluss, verkündet Präsident
Trump. Er spricht zugleich von »großen Fortschritten« bei den
Friedensverhandlungen mit Iran.
06.05.2026, 01.51 Uhr
US-Präsident Donald Trump will den amerikanischen Militäreinsatz für
eine sichere Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus »für
kurze Zeit« aussetzen. Während des vorübergehenden Stopps von »Projekt
Freiheit« solle geprüft werden, ob ein Abkommen zwischen Washington
und Teheran abgeschlossen und unterzeichnet werden könne. Das schrieb
Trump auf seiner Plattform Truth Social. Es habe bei den Gesprächen
über ein mögliches Abkommen »große Fortschritte« gegeben.
Die US-Blockade gegen Schiffe, die iranische Häfen anlaufen oder
verlassen, bleibe in vollem Umfang in Kraft, so Trump.
Die Aussetzung von »Projekt Freiheit« erfolgt laut Trump auf Bitten
Pakistans und anderer Länder sowie den »enormen militärischen
Erfolgen« der USA. Pakistan vermittelt zwischen Washington und
Teheran.
Damit scheint für die US-Operation nach nur rund einem Tag erst einmal
wieder Schluss zu sein: Am Montag hatten die USA die Initiative
gestartet, die feststeckenden Schiffen helfen soll, die Straße von
Hormus zu passieren (hier mehr dazu).
Die US-Armee erklärte am ersten Einsatztag, dass mindestens sechs
iranische Kleinboote angegriffen und zahlreiche Drohnen und
Raketenangriffe abgewehrt worden seien. Teheran dementierte diese
Berichte. Iranische Medien hatten zuvor Raketenangriffe auf ein
US-Militärschiff sowie Warnschüsse in der Nähe von US-Zerstörern
gemeldet – was wiederum die Regierung in Washington zurückwies.
Zwischen den USA und Iran herrscht derzeit eine fragile Waffenruhe.
Zuletzt nahmen die Spannungen wieder zu, weshalb eine weitere
Eskalation im Krieg befürchtet wurde: Trump drohte der Islamischen
Republik erneut mit Vernichtung, nachdem Iran als Reaktion auf die
US-Initiative zur Öffnung der Meerenge am Montag Ölanlagen in den
Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen hatte (…).
Irans Militärführung erklärte am Dienstag wiederum, es seien in den
vergangenen Tagen keinerlei Raketen oder Drohnen auf Ziele in den
Emiraten abgefeuert worden; zugleich schickte Iran eine Drohung mit:
Die Vereinigten Arabischen Emirate seien zu einem »Stützpunkt der
Amerikaner und Zionisten« und zum »Feind der islamischen Welt«
geworden. (…).
Neben seinem Posting via Truth Social erklärte Trump auch vor
laufenden Kameras, was er von dem Krieg gegen Iran hält. Er
bezeichnete ihn als »kleines militärisches Scharmützel«. »Ich nenne es
ein Scharmützel, weil Iran keine Chance hat. Die hatten sie nie«,
sagte er im Weißen Haus – bei einer Veranstaltung zur körperlichen
Fitness von Kindern und Jugendlichen.
Trump redet den Waffengang bereits seit Wochen klein. Im März hatte er
von einem »kurzen Ausflug« für die US-Streitkräfte gesprochen, diesen
Montag sprach er von einem »Mini-Krieg«. Beobachter vermuten, dass er
damit der wachsenden Kriegsskepsis in der Bevölkerung entgegentreten
will.
Iran kündigt Mechanismus für Transit durch Straße von Hormus an
Teheran besteht auf der Forderung, den Verkehr in der Straße von
Hormus zu kontrollieren. Ebenfalls am Dienstag berichteten iranische
Staatsmedien, das Regime wolle sich mithilfe eines neuen
Genehmigungsverfahrens die Kontrolle über die Meerenge sichern.
Demnach sollen Betreiber von Schiffen, die durch die Meerenge fahren
wollen, eine E-Mail mit Regeln und Vorschriften für die Durchfahrt
erhalten. Für den Transit benötigten die Schiffe dann die Erlaubnis
einer iranischen Behörde (Persian Gulf Strait Authority) und müssten
den Vorgaben folgen, berichtete der staatliche Sender Press TV .
Unklar blieb zunächst, wie diese Regeln konkret aussehen und wie Iran
auf Verstöße reagieren könnte. Laut Press TV ist der Mechanismus in
der Straße von Hormus bereits in Betrieb.
Die für den weltweiten Handel mit Rohöl und Flüssiggas immens wichtige
Meerenge war zu Beginn des Irankriegs Ende Februar von den iranischen
Streitkräften weitgehend gesperrt worden. In der Folge waren die
Energiepreise weltweit gestiegen.
Rubio erklärt US-Operation »Gewaltiger Zorn« für beendet
Kurz vor Trumps Onlinepost hatte sein Außenminister Marco Rubio
erklärt, die am 28. Februar begonnene US-Militäroperation »Gewaltiger
Zorn« gegen Iran sei bereits beendet. »Wir haben die Ziele dieser
Operation erreicht«, sagte er bei einer Pressekonferenz im Weißen
Haus. Nun widme man sich dem »Projekt Freiheit«, so Rubio. Außerdem
sei man weiter »sehr intensiv« damit befasst, Möglichkeiten für eine
diplomatische Lösung auszuloten.
Schon am vergangenen Freitag hatte Trump die Kampfhandlungen gegen
Iran für beendet erklärt. Seit Beginn der Waffenruhe am 7. April habe
es keine Gefechte mehr zwischen den beiden Ländern gegeben, hieß es in
einer Mitteilung an den US-Kongress. »Die am 28. Februar 2026
begonnenen Feindseligkeiten sind beendet.«
Durch diese Interpretation des andauernden Konfliktes mit Iran sieht
sich die US-Regierung in der Lage, auch ohne Zustimmung des Parlaments
weiter im Nahen Osten aktiv sein zu können. Mehr dazu, warum Trumps
Irankrieg nun wohl nach US-Recht illegal ist, erfahren Sie hier .
——
siehe auch:
https://www.washingtonpost.com/investigations/2026/05/06/iran-us-bases-satellite-images/
Der Iran hat weit mehr US-Militäranlagen getroffen als berichtet,
wie Satellitenbilder zeigen
(…)
——
8. SWP: Der Iran-Krieg und seine Folgen – für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft
https://www.swp-berlin.org/publikation/der-iran-krieg-und-seine-folgen-fuer-den-mittleren-osten-die-grossmaechte-und-die-weltwirtschaft?mtm_source=newsletter&mtm_medium=email&mtm_campaign=SWP-Newsletter,%2006.05.2026&mtm_kwd=Weiter
Der Iran-Krieg und seine Folgen – für den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft 360 Grad
30.04.2026
Der Iran-Krieg verschiebt die globalen Kräfteverhältnisse:
Teheran zeigt Resilienz, Israel gewinnt Zeit, verfehlt aber zentrale
Kriegsziele – und die USA verharren im Dilemma. Welche Folgen das für
den Mittleren Osten, die Großmächte und die Weltwirtschaft hat, legt
dieses 360 Grad dar.
(…)
Muriel Asseburg
Libanon: Balanceakt zwischen Entwaffnung der Hisbollah
und israelischer Besatzung
Seit Anfang März ist der Libanon – neben dem Persischen Golf – zum
Hauptschauplatz der regionalen Konfrontation zwischen Israel und der
von Iran geführten »Achse des Widerstands« geworden. Für die
libanesische Regierung bedeutet das einen schwierigen Balanceakt:
Sie versucht zugleich, sich aus der Umklammerung Irans zu befreien und
eine dauerhafte israelische Militärpräsenz im Südlibanon zu
verhindern. Im Zentrum steht dabei die Durchsetzung des staatlichen
Gewaltmonopols – sowohl gegenüber Israel als auch gegenüber der
libanesischen Hisbollah.
Die Hisbollah, Irans engster nichtstaatlicher Verbündeter, hatte den
Libanon in den Krieg hineingezogen, als sie in Vergeltung für die
Tötung von Ali Khamenei Israel mit Raketen angriff. Damit brach der
ohnehin brüchige Waffenstillstand vom November 2024 zusammen.
In dessen Rahmen hatte Israel, basierend auf Nebenabredenmit den USA,
fünf Militärposten im Süden des Landes beibehalten und war weiter
militärisch gegen die Hisbollah vorgegangen. UNIFIL stellte allein im
ersten Jahr des Waffenstillstands mehr als zehntausend Verstöße,
überwiegend von israelischer Seite, fest.
Der von US-Präsident Trump in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2026
auferlegte Waffenstillstand sowie erste direkte Gespräche zwischen
Israel und Libanon seit Jahrzehnten bieten die Chance auf einen
langfristigen Waffenstillstand, die Regelung offener Fragen im
bilateralen Verhältnis und eine mögliche Normalisierung der
Beziehungen. Syrien dürfte dabei unter der neuen Führung nicht mehr
als Störfaktor auftreten. Gleichwohl ist ein Erfolg keineswegs
garantiert. Hauptstolpersteine bleiben die Entwaffnung der Hisbollah
und die israelische Militärpräsenz im Südlibanon.
Zwar kann sich Libanons reformorientierte Regierung mit ihrem Ansatz
auf einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung stützen. Auch ist die
Hisbollah durch die israelischen Angriffe deutlich geschwächt; mit dem
Fall des Assad-Regimes hat sie zudem einen zentralen Unterstützer
verloren. Dennoch kommt für Libanons Regierung eine militärische
Entwaffnung der »Partei Gottes« nicht in Frage.
Denn dies könnte nicht nur dazu führen, dass die Armee entlang
konfessioneller Linien zerfällt, sondern auch dazu, dass das Land
erneut in Gewalt abgleitet. Iranische Offizielle und
Hisbollah-Vertreter haben bereits unverhohlen gedroht.
Eine verhandelte Entwaffnung dürfte nur gelingen, wenn Israel sich aus dem
Libanon zurückzieht und die aus dem Süden vertriebene, überwiegend
schiitische Bevölkerungüberzeugende Zusagen für Rückkehr, Schutz und
Wiederaufbau erhält. Eine andauernde israelische Militärpräsenz im
Süden, die Zerstörung von Dörfern und andauernde Vertreibungen
dürften hingegen nicht nur Verhandlungen erschweren, sondern auch den
Nährboden für ein Wiedererstarken der Hisbollah bieten.
——
9. Der Spiegel: Israelischer Topmilitär über Lage im Westjordanland
»Wir töten, wie wir seit 1967 nicht getötet haben«
https://www.spiegel.de/ausland/israel-general-avi-bluth-ueber-lage-im-westjordanland-wir-toeten-wie-wir-seit-1967-nicht-getoetet-haben-a-e37946be-84ed-4ac7-8ccb-d82ea7cae266
Israelischer Topmilitär über Lage im Westjordanland
»Wir töten, wie wir seit 1967 nicht getötet haben«
1500 Tote in drei Jahren: Ein geleaktes Dokument zeigt offenbar, wie
Avi Bluth Israels Armee im Westjordanland führt. Der General gibt zu,
dass Palästinenser und Siedler nicht gleichbehandelt werden.
06.05.2026, 07.42 Uhr
Herzi Halevi war deutlich, als er Anfang September vergangenen Jahres
zu Anwohnern israelischer Grenzorte zum Gazastreifen sprach. Der
ehemalige Generalstabschef der israelischen Armee bestätigte damals,
dass die Zahl der getöteten oder verletzten Palästinenser zum
damaligen Zeitpunkt »mehr als 200.000 Menschen« überschritten habe.
Die Nachricht ging um die Welt, wohl auch deshalb, weil sie mit einer
militärisch eindeutigen Einschätzung daherkam: »Wir haben die
Handschuhe ausgezogen« .
Nun ist wieder ein Zitat in der Welt, veröffentlicht von der
israelischen Tageszeitung »Haaretz« . Demnach hat Avi Bluth, der für
das palästinensische Westjordanland zuständige General, in einem nicht
öffentlichen Meeting erklärt: »Wir töten, wie wir seit 1967 nicht
getötet haben.«
(…)
Zudem erklärte der Chef des Zentralkommandos, dass die Armee
unterscheide, wer Steine auf sie werfe – ob Palästinenser oder
israelische Siedler. Zwar sei die Gefahr, die von den Steinewerfern
ausgehe, gleich, aber das Schießen mit scharfer Munition auf
israelische Staatsbürger hätte weitreichendere »gesellschaftliche
Folgen«, so Bluth. Gleichzeitig gelten offenbar laxere Regeln für den
Einsatz von Waffengewalt gegen Palästinenser.
Vor diesem Hintergrund sprach der Militär von »präziser Aggressivität«
als Mittel seiner Wahl der Abschreckung. Die Folge: In den vergangenen
drei Jahren seien 1500 Palästinenser im Westjordanland getötet worden.
Die israelische Armee hat nach »Haaretz«-Angaben bislang nicht auf den
Bericht reagiert, die Existenz des Dokuments aber auch nicht geleugnet.
Die politischen Entscheidungsträger forcieren derweil den Ausbau der
israelischen Siedlungen im Westjordanland. Eine weitere Milliarde
Schekel, umgerechnet knapp 311 Millionen Euro, sollen in den Bau neuer
Straßen für israelische Siedlungen in den besetzten palästinensischen
Gebieten fließen. Mit dem Geld sollen die jüngst bewilligten neuen
israelischen Siedlungen an die Verkehrsinfrastruktur angeschlossen
werden. Die israelische Friedensorganisation »Peace Now« kritisiert
das Ausgabenpaket. (…)
——
10. Die Welt: „Stehen näher als je zuvor“ – Deutschland und Israel begründen neue Sicherheitspartnerschaft
https://www.welt.de/politik/deutschland/article69fa2aa028c8b458659191fd/treffen-in-berlin-stehen-naeher-als-je-zuvor-deutschland-und-israel-begruenden-neue-sicherheitspartnerschaft.html?cid=socialmedia.email.sharebutton
Treffen in Berlin
„Stehen näher als je zuvor“ – Deutschland und Israel begründen neue Sicherheitspartnerschaft
Stand: 05.05.2026
Der Iran, die Ukraine, das Atomprogramm – die Weltlage zwingt
Deutschland und Israel enger zusammen. Bundesaußenminister Wadephul
spricht nach einem Treffen mit Israels Außenminister Gideon Saar von
einer neuen Qualität der Partnerschaft.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte mit Russland und dem Iran
sieht Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) Deutschland und Israel
in einer neuen Phase der Sicherheitspartnerschaft. „Dieser Konflikt
mit dem Iran und auch der Konflikt in der Ukraine haben uns deutlich
vor Augen geführt, dass wir uns näher stehen als je zuvor und wir ein
gemeinsames Interesse haben“, sagte Wadephul am Dienstag nach einem
Treffen mit dem israelischen Außenminister Gideon Saar in Berlin.
Das Einstehen „für die Existenz und für die Sicherheit des Staates
Israels gehört zum Wesenskern unserer Beziehungen“, sagte Wadephul.
Angesichts der Weltlage hätten beide Länder nun zudem „eine ganz neue
Sicherheitspartnerschaft miteinander begründet“. Insbesondere
hinsichtlich des Iran, seines ballistischen Raketenprogramms und
seines Atomprogramms teilten Deutschland und Israel diese
Sicherheitsinteressen „vollständig“.
Wadephul verwies darauf, dass Israel, „das Land, in dem die Opfer der
Schoa Zuflucht fanden, auch zur Sicherheit Deutschlands“ beitrage. Als
Beispiel nannte er den Erwerb des in Israel gefertigten
Raketenabwehrsystems Arrow 3.
Dass Technologie aus Israel heute den deutschen Luftraum schützt,
erfülle ihn „mit Demut“. „Wir freuen uns darüber, dass wir Freunde wie
Israel an unserer Seite haben“, sagte Wadephul. Beide Länder
arbeiteten „so effektiv wie möglich“ zusammen „im Interesse der
gemeinsamen Zukunft“.
Libanon darf nicht zum Kriegsschauplatz werden
Gleichzeitig warnte Wadephul Israel davor, den Konflikt mit der vom
Iran unterstützten Hisbollah-Miliz auf Kosten von Zivilisten im
Libanon auszutragen. Der Libanon dürfe „nicht zu einem
Kriegsschauplatz werden“, forderte der CDU-Politiker. Es dürfe nicht
sein, dass die junge Generation in Israels Nachbarland „in Ruinen
ihrer Elternhäuser“ aufwachse, so Wadephul. „Da wird auch Israels
Nachbarschaft nicht sicherer.“
Er verurteilte zugleich die Angriffe der Hisbollah auf Israel „auf das
Schärfste“ und forderte die libanesische Regierung, die selbst keine
Partei in dem Konflikt ist, dazu auf, entschieden gegen die Miliz
vorzugehen. „Es ist unsere Überzeugung, dass der Schlüssel zu einer
Stabilisierung des Libanon in einer Stärkung des libanesischen Staates
liegt.“ Nur so könne dieser sein Gewaltmonopol auch wirklich ausfüllen.
Es brauche eine Vereinbarung zum Schutz der Zivilisten in beiden
Staaten, sagte Wadephul weiter. „Die ersten libanesisch-israelischen
Direktgespräche seit Jahrzehnten geben Grund zur Hoffnung“, betonte er.
Saar: Hisbollah ist für das Leid auf beiden Seiten verantwortlich
Saar erklärte, dass Israel es ernst meine mit den Verhandlungen mit
dem Libanon. Zugleich sagte er, dass die Menschen in Nordisrael
angesichts der Angriffe der Hisbollah in einer „unerträglichen
Realität“ lebten. „Die Hisbollah ist für das Leid auf beiden Seiten
der Grenze verantwortlich“. Der israelische Außenminister machte
zugleich erneut deutlich, dass Israel „keine territorialen Ambitionen
im Libanon“ hege. Israels Präsenz in Südisrael diene einzig dem Schutz
der israelischen Bürger. Ähnlich hatte er sich bereits in der
vergangenen Woche geäußert.
Israel hat im Südlibanon eigenen Angaben zufolge eine sogenannte
„Sicherheitszone“ eingerichtet. Die libanesische Führung spricht
dagegen von einer Besatzung ihres Staatsgebiets. Trotz formell
geltender Waffenruhe gibt es derzeit weiterhin gegenseitige Angriffe
zwischen Israels Armee und der Hisbollah.
————————
11. The New Yorker: Ein Genozidforscher fragt: „Was ist in Israel schiefgelaufen?“
Das US-Magazin „The New Yorker“ hat ein Radio-Interview mit
Omer Bartov, einem der weltweit führenden Holocaust-Forscher,
über seine Haltung gegenüber Israel und seiner Politik geführt.
Bartov, Jude und israelischer Staatsbürger, ist Historiker und
Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der Brown
University in Providence, Rhode Island, USA.
Nachfolgend das übersetzte Transkript des Radio-Interviews.
https://www.wnycstudios.org/podcasts/tnyradiohour/articles/3209c2cec4412c773faccda8?tab=transcript#ember1065
Ein Genozidforscher fragt:
„Was ist in Israel schiefgelaufen?“
17. April 2026
von Max Balton
Transkript
David Remnick: In den letzten Jahren, insbesondere seit dem 7. Oktober
und dem darauffolgenden Gaza-Krieg, habe ich in dieser Sendung
versucht, verschiedene Stimmen zur Israel-Palästina-Frage zu Wort
kommen zu lassen. Wir haben unter anderem von Palästinensern wie dem
Dichter Mosab Abu Toha gehört, der für seine Essays im New Yorker mit
dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde .
Ich habe mit den Schriftstellern Raja Shehadeh und Yossi Klein Halevi,
der Moderatorin Yonit Levi, dem Philosophen Avishai Margalit und dem
Historiker Rashid Khalidi gesprochen. Ich habe die Friedensverhandler
Hussein Agha und Robert Malley gefragt, wie dieser Konflikt überhaupt
beendet werden könnte.
Heute spreche ich mit Omer Bartov, einem in Israel geborenen
Historiker des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust sowie Professor an
der Brown University. Bartov bezeichnet die schrecklichen Ereignisse
vom 7. Oktober als Kriegsverbrechen.
Während Israels Krieg weiterging und die Zahl der palästinensischen
Todesopfer mittlerweile 70.000 übersteigt, veröffentlichte er einen
Essay in der New York Times, in dem er den Krieg als Völkermord
bezeichnete. Für einen Israeli und Völkermordforscher war dies eine
erschütternde Aussage und hatte eine enorme Wirkung auf die
Leserschaft.
Omer Bartov hat nun ein Buch veröffentlicht, in dem er sein Heimatland
neu bewertet : „Israel: Was ist schiefgelaufen?“. Bartov wurde 1954
geboren und war als Kind ein überzeugter Anhänger des traditionellen
Zionismus. Als er erwachsen wurde und Israel begann, Siedlungen im
Westjordanland und im Gazastreifen zu errichten, wandelte sich seine
Denkweise. 1973 leistete Bartov als junger Soldat seinen Wehrdienst,
als Ägypten und Syrien in Israel einmarschierten – der sogenannte
Jom-Kippur-Krieg.
Omer Bartov: Ich war damals in Uniform. Alle waren völlig schockiert.
Ich muss Ihnen sagen, dass mir am 7. Oktober 2023 als Erstes der 6.
Oktober 1973 in den Sinn kam. Denn das Gefühl des Schocks, die
mangelnde Vorbereitung, die Arroganz, die beiden Ereignissen
vorausgegangen waren, waren sehr ähnlich.
David Remnick: Ich glaube nicht, dass Sie der Einzige waren. Ich
denke, die meisten Israelis, die alt genug waren, sich an 1973 zu
erinnern, zogen diese Parallele. Vielleicht handelte die Hamas nicht
zufällig bei der Wahl des Datums.
Omer Bartov: Ja, es hat um einen Tag gefehlt. Ja.
David Remnick: Sie leisteten Ihren Wehrdienst in der israelischen
Armee, der für Bürger über 18 Jahren gesetzlich vorgeschrieben ist,
und schrieben über diese Zeit. Sie sagten: „Am deutlichsten erinnere
ich mich an meine Patrouillen durch die schattenlosen, stillen Straßen
der ägyptischen Stadt Arisch, die damals von Israel besetzt war.
Durchbohrt von den Blicken der ängstlichen, verbitterten Bevölkerung,
die uns durch ihre verriegelten Fenster beobachtete, verstand ich zum
ersten Mal, was es bedeutet, ein anderes Volk zu besetzen.“ Mir
scheint, dass Ihr Militärdienst, wie Sie vorhin sagten, Sie
tatsächlich als Mensch und als Wissenschaftler zu prägen begann.
Omer Bartov: Ja, das war so. Ich war sehr jung und sehr gut
sozialisiert.
David Remnick: Was bedeutet das?
Omer Bartov: Ich tat, was junge Männer in Israel taten. Ich handelte
ohne zu zögern. Ich wollte Kampfsoldat werden. Ich wollte Offizier
werden. Und das wurde ich. Ich gab mein Bestes. Ich dachte, ich täte –
im Großen und Ganzen – das Richtige. Doch dann gab es Momente, in
denen ich dieses Gefühl hatte, dieses unheimliche Gefühl. Es war in
El-Arish im nördlichen Sinai. Ich diente etwa ein Jahr im
Gazastreifen. Ich war im Westjordanland im Einsatz.
Dieses Gefühl, diese Frage, die man sich plötzlich stellt: „Was mache
ich hier? Warum bin ich hier? Das ist nicht meine Heimat.“ Es kam
immer wieder hoch. Ich kann nicht sagen, dass es ein ausgereiftes
politisches Verständnis war. Es war eher das Gefühl, dass etwas nicht
stimmte.
Ich würde sagen, mein wirklicher Erweckungsmoment war wohl erst 1987,
1988, mit dem Ausbruch der ersten Intifada. Das war ein Wendepunkt –
ich war noch jung. Ich war Reserveoffizier. Es war sehr
wahrscheinlich, dass ich eingezogen werden würde, um ihnen die Knochen
zu brechen, wie es uns der damalige Verteidigungsminister Jitzchak
Rabin befohlen hatte. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich war zu
diesem Zeitpunkt ziemlich empört. Mir war klar, wohin das führen
würde.
Damals hatte ich die Frechheit, Rabin eine kurze Nachricht zu
schreiben, in der ich ihm mitteilte, dass er die israelischen
Streitkräfte in dieselbe Richtung führte, in die ich die Wehrmacht,
die deutsche Wehrmacht, geführt hatte – auf dem gefährlichen Weg der
Brutalisierung der Armee.
David Remnick: Sie schrieben einen Brief an Jitzchak Rabin, den
damaligen Verteidigungsminister, in dem Sie die israelische Reaktion
auf die erste Intifada mit der der Wehrmacht, der deutschen Armee,
verglichen. Haben Sie eine Antwort erhalten?
Omer Bartov: Ja, das tat ich. Ich war schockiert, denn ich hatte ihm
gar keinen privaten Brief geschrieben. Es kursierte eine Postkarte,
die die grausame Tötung eines palästinensischen Kindes schilderte. Ich
war so empört, dass ich meinen Stift nahm, die Aussage in winziger
Schrift niederschrieb und sie ihm schickte.
Ich rechnete nicht damit, jemals eine Antwort von ihm zu erhalten.
Zwei Wochen später kam ein offizielles Schreiben des
Verteidigungsministeriums. Darin stand nur ein Satz: „Wie können Sie
es wagen, die Wehrmacht mit der israelischen Armee zu vergleichen?“
Ich dachte, ich hätte wohl einen wunden Punkt getroffen.
Meine spätere Interpretation war, dass Rabin darüber nachgedacht haben
muss. Nicht ich habe ihn dazu gebracht, darüber nachzudenken, sondern
es geschah etwas, dessen er sich selbst bewusst wurde, trotz seiner
damaligen brutalen Befehle, dass dies kein tragbarer Zustand sei,
sondern dass dies die israelische Gesellschaft tatsächlich
korrumpieren würde.
David Remnick: Sie haben im Ausland studiert. Ich glaube, Sie haben
Ihren Doktortitel in England erworben.
Omer Bartov: Ja, ich war in Oxford, am St Anthony's College.
David Remnick: Ich spreche jetzt mit Ihnen. Sie sind an der Brown
University. Warum haben Sie sich im Ausland niedergelassen?
Omer Bartov: Die erste Intifada brach im Dezember 1987 aus. Ich war
sehr frustriert darüber. Ich wollte nicht zum Militärdienst eingezogen
werden. Ich wollte aber auch nicht ins Gefängnis, weil ich den Dienst
verweigerte. Außerdem war ich sehr unzufrieden mit der Arbeitsweise
der Universität Tel Aviv, an der ich damals lehrte. Ich hatte eine
Chance:
Mir wurde ein dreijähriges Stipendium in Harvard angeboten. Ich dachte
nie – zumindest nicht in den ersten Jahren –, dass ich das Land für
immer verlassen würde. Mit der Zeit stellte ich fest, dass die
Vereinigten Staaten beruflich ein sehr guter Ort für mich waren.
Politisch fühlte ich mich zunehmend von der Entwicklung Israels
entfremdet.
David Remnick: Wie empfinden Sie das jetzt? Sie befinden sich in den
Vereinigten Staaten, wo die politischen Unruhen außergewöhnlich sind.
Ist es Ihnen dort so viel angenehmer als beispielsweise an der
Universität Tel Aviv?
Omer Bartov: Ja, das ist eine gute Frage. Ich denke darüber nach,
weil…
David Remnick: Wenn in den USA politisch etwas Schreckliches passiert,
insbesondere wenn es sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, wie
beispielsweise während des Vietnamkriegs, sagen die Amerikaner
ständig: „Wir werden gehen. Wir werden nach Kanada gehen“ oder wohin
auch immer. Doch sie tun es nur sehr selten oder nur in sehr geringer
Zahl. In Israel ist eine der größten Befürchtungen angesichts der
aktuellen politischen Lage, dass so viele der Besten und Klügsten das
Land verlassen werden und dies auch schon getan haben.
Omer Bartov: Ja, etwa 200.000 haben das Land seit dem 7. Oktober
verlassen.
David Remnick: Das ist eine enorme Zahl für ein kleines Land.
Omer Bartov: Ja. Sie gehören auch zu den bestausgebildeten und am
besten ausgebildeten Teilen der Gesellschaft. Sie verlassen das Land
oft nicht aus politischen Gründen, wohlgemerkt, sondern weil die
Wirtschaft am Boden liegt. Sie gehen, weil die Schulen religiös
geworden sind und sie keine Zukunft für ihre Kinder sehen.
Ich würde jetzt nicht nach Israel zurückkehren. Tatsächlich war ich
zuletzt im Dezember 2024 in Israel und seitdem nicht mehr dort. Ich
habe nicht vor, zumindest nicht vor den Wahlen dorthin zu reisen. Je
nach Wahlausgang bin ich mir nicht sicher, ob ich dort sicher wäre,
unter anderem, weil ich mich recht offen geäußert habe. Wenn jemand
liest, was ich geschrieben habe – und das werden sie vielleicht nicht
tun –
David Remnick: Kommen wir darauf zurück. Nur wenige Wochen nach dem 7.
Oktober, also sehr kurz nachdem Sie in einem Meinungsbeitrag in der
New York Times erklärt hatten, es gäbe keine Beweise für einen
Völkermord im Zuge der israelischen Bombardierung des Gazastreifens –
die ja gerade erst begonnen hatte und entsetzlich war –, schrieben Sie
Folgendes: „Wir wissen aus der Geschichte, dass es entscheidend ist,
vor einem möglichen Völkermord zu warnen, bevor er eintritt, anstatt
ihn erst im Nachhinein zu verurteilen. Ich denke, diese Zeit haben wir
noch.“
Bringen Sie mich zurück zu diesem Moment. Was sahen Sie damals, das
Ihrer Ansicht nach auf einen unmittelbar bevorstehenden, vermeidbaren
Völkermord hindeutete? Sie haben den 7. Oktober selbst als
Kriegsverbrechen bezeichnet. Es ist nicht so, als ob Sie die
Ereignisse dieses Tages auch nur im Entferntesten entschuldigen
wollten.
Omer Bartov: Sehen Sie, was die Hamas getan hat – die Tötung von etwa
800 Zivilisten und die Geiselnahme von 251 – war ganz klar ein
Kriegsverbrechen und möglicherweise ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit. Daran besteht kein Zweifel. Was mich beunruhigte, als
der Artikel erschien, ich glaube am 10. November, also nur einen Monat
nach diesen Ereignissen, waren bereits etwa 10.000 Menschen im
Gazastreifen getötet worden, die meisten davon vermutlich Zivilisten,
wie wir jetzt wissen.
Es gab massive Zerstörungen von Häusern und anderen Einrichtungen im
Gazastreifen. Wie ich damals schrieb, gab es bereits ziemlich starke
Beweise dafür, dass Kriegsverbrechen und möglicherweise Verbrechen
gegen die Menschlichkeit, also die Tötung einer großen Anzahl von
Zivilisten, bereits stattfanden.
Ich beziehe mich auch darauf, dass in Israel eine Rhetorik mit
genozidalen Inhalten kursierte. Personen in Führungspositionen der
israelischen Regierung, des israelischen Militärs und des
Sicherheitsapparats äußerten genozidale Aussagen, die auch als Aufruf
zum Militärdienst ausgelegt werden konnten. Israel hatte über 300.000
Reservisten eingezogen, die – Zivilisten – dieser Rhetorik ausgesetzt
waren:
„Sie sollen kein Wasser haben. Sie sollen kein Essen haben. Sie sollen
keine Macht haben. Sie sind Tiere und werden auch so behandelt
werden.“ Solche Rhetorik, „Erinnert euch, was Amalek euch angetan
hat.“ Das hat mir Angst gemacht.
David Remnick: Das hat Netanjahu über die Amalek-Figur in der Bibel
gesagt. Erlauben Sie mir eine entscheidende Frage: Wie definieren Sie
Völkermord?
Omer Bartov: Die einzige Definition, die ich in diesen Fällen für
relevant halte, existiert. Sie findet sich in der Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, einem UN-Übereinkommen von
1948. Darin wird Völkermord als Handlung definiert, die mit der
Absicht begangen wird, eine bestimmte Gruppe zu vernichten. Dies kann
eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe sein, ganz
oder teilweise. Man muss nachweisen, dass die Absicht besteht, eine
Gruppe als Ganzes zu vernichten, und dass diese Absicht auch umgesetzt
wird.
Ich war im November sehr besorgt, dass sich die Dinge so entwickeln
würden. Ich schrieb diesen Artikel eigentlich nur, weil ich hoffte,
dass jemand in der Biden-Administration darauf aufmerksam werden
würde. Denn mir war damals wie heute klar, dass Israel in diesem
Umfang und mit dieser Intensität nur mit ständiger Unterstützung der
Vereinigten Staaten operieren kann – mit Waffenlieferungen,
Wirtschaftshilfe und einem diplomatischen Schutzschild, der Israel vor
allem im Sicherheitsrat durch sein Vetorecht schützt.
Tatsächlich ist es so: Hätte Präsident Biden im November oder Dezember
2023 gehandelt, um Israel zu stoppen, hätte er Netanjahu gesagt: „Sie
haben zwei Wochen Zeit, das zu beenden, sonst sind Sie auf sich allein
gestellt“, dann hätten wir vielleicht von Kriegsverbrechen und
furchtbarer Zerstörung gesprochen, und es wäre womöglich zu einem
Völkermord gekommen. Doch das geschah nicht. Die Biden-Regierung
handelte nicht. Bis Mai 2024 wurde deutlich, dass dieses
Vorgehensmuster – ein völkermörderisches Vorgehen, das den unmittelbar
nach dem 7. Oktober getroffenen Aussagen entsprach – tatsächlich
umgesetzt wurde.
David Remnick: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Angriff auf Rafah
im Mai 2024 – eine Stadt im südlichen Gazastreifen – für Sie der
Wendepunkt war. Was geschah bei diesem Angriff, und warum veränderte
das Ihre Sichtweise auf die Frage des Völkermords?
Omer Bartov: In der Stadt Rafah, die vor dem Krieg etwa eine
Viertelmillion Einwohner zählte, lebten im Mai bereits eine Million
Menschen. Die Hälfte der Bevölkerung des Gazastreifens konzentrierte
sich in Rafah. Der Grund dafür war, dass sie von der israelischen
Armee vertrieben worden waren. Die Armee hatte sie zu ihrer eigenen
Sicherheit aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, da ihre Viertel,
Städte und Dörfer zu Operationsgebieten werden sollten. Sie mussten
sich daraufhin nach Süden verlagern. Die israelische Armee zerstörte
anschließend ihre Häuser, doch nun lebten sie in großer Zahl in Rafah.
Wenn die Armee in die Stadt vorgerückt wäre – und genau das hatte die
Biden-Regierung befürwortet –, hätte sie unzählige Menschen getötet.
Die Regierung sagte: „Tut das nicht.“ Die israelischen Streitkräfte
(IDF) sagten: „Keine Sorge, wir kümmern uns darum.“ Sie brachten die
Menschen nach Al-Mawasi, einem Küstenabschnitt im Südwesten des
Gazastreifens, wo es keinerlei humanitäre Infrastruktur gab. Dann
rückten sie in die Stadt ein und zerstörten sie.
Im August war Rafah verschwunden. Es existierte nicht mehr. Welchem
Muster folgte diese ganze Operation? Was wollte die israelische
Armee erreichen? Denn es gab ein offizielles Kriegsziel: „Unser Ziel
ist es, die Hamas zu vernichten und die Geiseln zu befreien.“
Natürlich bestand ein Widerspruch zwischen den beiden Zielen, denn
bekanntlich starben Geiseln durch Operationen der israelischen Armee.
Der Versuch, die Hamas zu vernichten, war also auch …
David Remnick: Verzeihen Sie. Ich weiß, was Netanjahu Ihnen sagen
würde, wenn Sie ihm gegenüberstünden: „Ach, sie hätten die ganze Sache
beenden können, indem sie die Geiseln freigelassen hätten.“ Sie haben
die Geiseln nicht freigelassen. Die Hamas hat eine riesige
unterirdische Infrastruktur errichtet, nicht um die Bevölkerung von
Gaza zu schützen, sondern um sich selbst zu schützen. Sie wollten
genau das. Sie wollten damit internationale Empörung gegen den Staat
Israel schüren. Sie kennen die Argumente, und Sie können sie selbst
ergänzen.
Omer Bartov: Das erste Argument lautet, dass wir aufgehört hätten,
wenn sie die Geiseln freigelassen hätten. Natürlich war die Hamas sehr
daran interessiert, die Geiseln freizulassen. Das war ihr Angebot:
„Lasst unsere Gefangenen frei, und wir lassen die Geiseln frei.“
David Remnick: Und entwaffnen.
Omer Bartov: – in einer Vereinbarung. Nein, die Entwaffnung war eine
andere Frage, aber das ist eine andere Bedingung. Man muss
entscheiden, was die Bedingung ist. Fast alle Geiseln, die
zurückkehrten, kamen durch eine Vereinbarung mit der Hamas zurück. Die
Idee, sie durch Militäroperationen zu befreien, scheiterte kläglich.
Die Idee, die Hamas durch die Zerstörung des Gazastreifens zu
vernichten, scheiterte ebenfalls kläglich, denn Gaza wurde zwar
zerstört, aber die Hamas existiert weiterhin. Die Hamas wurde nicht
vernichtet. Dabei verübte die israelische Armee einen Völkermord an
der Bevölkerung.
Die Gelegenheit bestand darin, Gaza zu entvölkern. Ihr Ziel war eine
ethnische Säuberung Gazas. Sie wollten keinen Völkermord. Sie wollten
nicht alle töten. Sie wollten, dass sie gehen.
David Remnick: Und wohin?
Omer Bartov: Genau, es gab keinen Ort, an den sie fliehen konnten. Der
große Unterschied zwischen der Nakba von 1948 und den Ereignissen in
Gaza 1923, 1924 und 1925 besteht darin, dass die Grenzen 1948 offen
waren und die Menschen fliehen konnten.
Sie flohen in den Libanon, nach Jordanien, nach Syrien. 2023 und 2024
öffnete Israel seine Grenzen natürlich nicht. Auch Ägypten öffnete
seine Grenzen nicht, und sie hatten keinen Ort, an den sie fliehen
konnten. Die ethnische Säuberung, die die israelische Regierung
durchführen wollte, wurde zum Völkermord. Nicht zum ersten Mal.
Historisch gesehen ist dies recht häufig. Viele Völkermorde begannen
so.
David Remnick: Ich nehme an, ein Teil der Reaktionen, die Sie erhalten
haben, bezieht sich auf Ihre Verwendung des Wortes „Völkermord“. Ich
frage mich, welchen Schmerz Ihnen das bereitet hat und welche
Reaktionen Sie, insbesondere von Israelis, erfahren haben.
Omer Bartov: Wissen Sie, ich möchte zunächst sagen, dass wir zwar
sagen können, unser Herz sei gebrochen, indem wir das sagen, aber
zuallererst muss unser Herz gebrochen sein, weil…
David Remnick: Das Leid der Menschen, die in Gaza gelitten haben, vor
allem.
Omer Bartov: Dieses Leid und die Tatsache, dass es von jüdischen
Männern und Frauen, israelischen Juden, verursacht wurde, von
Menschen, die die Kinder und Enkel meiner Freunde sind – das bricht
mir das Herz. Ja. Der Staat leugnet bis heute völlig, was er getan
hat.
Das bricht mir das Herz. Wie reagieren die Menschen darauf? Manche
fühlen sich selbst unwohl, weil sie wissen, dass ich recht habe. Sie
wollen es vielleicht nicht Völkermord nennen, weil man in Israel
dieses Wort mit dem Holocaust verbindet und sagt: „Nun ja, es sieht
nicht so aus wie der Holocaust“, was ja auch stimmt.
Was in Gaza geschah, ist nicht der Holocaust. Es handelt sich um einen
spezifischen Völkermord, der in Gaza stattfand. Er unterscheidet sich
deutlich vom Holocaust, entspricht aber der Definition von Völkermord
der Vereinten Nationen, die, wie bereits erwähnt, die einzig relevante
ist.
David Remnick: Eine weitere Form der Gegenreaktion ist die: Moment
mal, die USA haben im Zweiten Weltkrieg, bei den Bombenangriffen auf
Dresden und Tokio, und jüngst im Krieg gegen den IS, unglaublich
brutal vorgegangen. Rückblickend war das militärisch und erst recht
humanitär gesehen vielleicht nicht „notwendig“. Warum also diese
Aufregung um Israel?
Omer Bartov: Ja, es gibt viele solcher Fragen. Man könnte auch fragen,
warum wir über Israel sprechen und nicht über das, was Russland, China
oder Somalia tun. Um auf diesen konkreten Fall zurückzukommen: Die USA
haben vorsätzlich etwa 600.000 deutsche Zivilisten in offenen Städten
getötet, wohl wissend, dass sie Zivilisten töteten, in der Hoffnung,
diese würden sich dadurch gegen ihr eigenes Regime auflehnen. Sie
haben es gerade im Iran erneut versucht, ohne daraus gelernt zu haben,
dass es so nicht funktioniert. Es hat nie funktioniert. Es wird nie
funktionieren.
David Remnick: Oder Vietnam.
Omer Bartov: Oder Vietnam. Warum ist das kein Völkermord? Die Frage
ist: Was war die Absicht? Wie gesagt, beim Völkermord kommt es auf die
Absicht an. Wie erkennt man die Absicht? Was haben die USA den
Deutschen angetan, als sie Deutschland besetzten? Sie führten den
Marshallplan in Deutschland durch. Sie investierten Geld in
Deutschland, um es wiederaufzubauen. Sie machten sich an die Arbeit,
Deutschland zu rekonstruieren.
Israels Ziel im Gazastreifen – man kann es sich ja jetzt schon
ausmalen. Die Bevölkerung des Gazastreifens lebt derzeit auf weniger
als der Hälfte des Gebiets. Sie sind obdachlos und leben in Zelten. Es
gibt keine Infrastruktur. Sie vegetieren dort wie Hunde, und niemand
unternimmt etwas dagegen.
Der Plan, die Zukunft des Völkermords im Gazastreifen, scheint darin
zu bestehen, eine Ferienanlage für die Reichen zu errichten und die
Palästinenser als Wasserträger einzusetzen. Diejenigen, die die
Toiletten putzen, das Geschirr spülen und die übrige Zeit verbringen,
leben in sogenannten humanitären Siedlungen, die Konzentrationslagern
gleichen.
David Remnick: Gleichzeitig beobachten wir im Westjordanland immer
mehr Gewalt durch Siedler, die von der rechtsgerichteten Regierung
geduldet wird. Glauben Sie, dass ein Regierungswechsel in Israel
irgendetwas ändern würde?
Omer Bartov: Selbst diejenigen, die sich in dieser Opposition dem
linken Zentrum zuordnen und die hoffentlich zu einer Koalition werden
können, haben meines Wissens überhaupt keinen Plan, wie mit der
Palästina- und Palästinenserfrage umzugehen ist.
David Remnick: Sie beziehen sich auf Yair Golan und –
Omer Bartov: Ja, Golan – ich meine, keiner von denen. Gantz oder Lapid
oder keiner von denen. Was würde das schon ändern? Für die
Palästinenser wird es kurzfristig, glaube ich, keinen Unterschied
machen.
David Remnick: Hier ist die New Yorker Radio Hour . Ich bin David
Remnick, und wir haben heute mit Omer Bartov gesprochen. Er ist
Professor für Holocaust- und Genozidstudien an der Brown University
und hat zahlreiche Bücher über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Sein
neues Buch wirft tiefgreifende und beunruhigende Fragen über sein
Heimatland auf. Es trägt den Titel „ Israel: Was ist schiefgelaufen?“.
Ich setze nun mein Gespräch mit Omer Bartov fort.
Sie lehren an der Brown University, und ich möchte mit Ihnen über ein
anderes Wort sprechen, das viele Emotionen hervorruft. Wir haben
gerade über Völkermord gesprochen. Hier ist das andere: Zionist. Als
ich aufwuchs – ich bin nur wenige Jahre jünger als Sie – hatte
„Zionist“ eine ganz andere Bedeutung. Es hatte eine ganz andere
Brisanz, je nachdem, in welcher Gemeinschaft man lebte. Was bedeutet
es für Ihre Studierenden? Was bedeutet es für Sie selbst?
Omer Bartov: Ich unterrichte derzeit zum Thema Holocaust und Nakba und
habe eine große Zahl von Studierenden. Ich habe muslimische
Studierende, ich habe jüdische Studierende, ich habe palästinensische
Studierende, pakistanische und ganz normale amerikanische Studierende.
Ich glaube, dass sie unterschiedliche Meinungen haben. Sie sind
aufgeschlossen, sie wollen es wissen. Sie machen sich keine Sorgen.
Wenn sie anfangs in den Unterricht kommen, fühlen sie sich
untereinander unwohl und wissen nicht, was passieren wird.
Je mehr Lesestoff und Wissen sie bekommen, desto offener werden sie,
und sie wollen einfach nur verstehen. Ich denke, das ist das Tolle an
einer Universität, und genau das ist es, was die derzeitige
Atmosphäre, die versucht, die Lehre zu kontrollieren, die versucht,
dir vorzuschreiben, was du lehren darfst und was nicht, für die
Bildung zerstörerisch macht – ein wesentlicher Teil des Verständnisses
dieses speziellen Ereignisses.
Ich habe derzeit kein großes Vertrauen in Universitäten und in die
Universitätsverwaltungen. Sie ducken sich, und die Fakultät war noch
nie dafür bekannt, die mutigsten Menschen der Welt zu sein. Das macht
mir Sorgen. Immer mehr Studierende möchten diesen Kurs besuchen, weil
sie das Bedürfnis haben, zu verstehen, und es gibt nur sehr wenig
Angebot, weil so viele Dozenten Angst haben, über Israel/Palästina zu
lehren. Sie haben Angst, als antisemitisch verurteilt zu werden. Mir
ist es ehrlich gesagt völlig egal, was die Leute denken.
David Remnick: Ich denke, Sie haben das in Bezug auf Antisemitismus
aber ziemlich abgedeckt, da Sie ein israelischer Jude sind. Ist das
ein Schutzschild gegen diese Art von Angriffen?
Omer Bartov: Ich weiß es nicht, denn meine Verwaltung sagt mir, dass
sie Hunderte von E-Mails erhält, in denen gefordert wird, mich zu
entlassen, dass ich auf der Gehaltsliste der Hamas und Katars stehe
und dass ich gleichzeitig ein Antisemit und ein sich selbst hassender
Jude bin.
David Remnick: Ich fürchte, mir geht es genauso. Ich fürchte, mir geht
es genauso, wenn ich von dort aus schreibe. Kommen wir zum Begriff
Zionismus.
Omer Bartov: Ich bin in einem zionistischen Elternhaus aufgewachsen
und habe alles getan, was ein guter zionistischer Israeli tut – was
sich sehr von dem unterscheidet, was ein zionistischer Amerikaner tut.
David Remnick: Erzählen Sie den Zuhörern, was das für Sie bedeutete.
Omer Bartov: Meine Existenz in Israel war selbstverständlich. Ich
stellte das nicht in Frage. Ich wurde dort hineingeboren. Ich rannte
barfuß über den Sand. Hebräisch war meine Muttersprache. Es war mein
Zuhause, es war mein Ort. Ich tat die Dinge, die man tun sollte. Ich
ging zur Armee. Ich tat alles, was ein guter Israeli tat. Ich sah mich
selbst nicht wirklich als Jude oder als Zionist. Ich war ein junger
Israeli.
David Remnick: Hattent Sie irgendwo im Hinterkopf eine Vorstellung
davon? Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass diese Diskussion sehr
spärlich war, dass deine Mutter zum Beispiel, wäre sie etwas länger in
Polen geblieben, in Auschwitz gelandet wäre. Dieser Zionismus war zu
einem bestimmten Zeitpunkt – und wir werden gleich im Zusammenhang mit
den Palästinensern darauf zurückkommen – die letzte verfügbare
Zuflucht, denn es war ja nicht so, als würde der Rest der Welt
jüdische Flüchtlinge willkommen heißen, übrigens auch dieses Land
nicht.
Omer Bartov: Sehen Sie, als ich aufwuchs, war das alles sehr abstrakt.
Ich kannte all diese Argumente. Aufgrund meiner Erziehung konnte ich
nicht verstehen, warum Juden irgendwo anders lebten. Es geht nicht nur
um diejenigen, die in letzter Minute aus Europa flohen oder es nicht
schafften. Ich konnte nicht verstehen, warum Juden in Amerika lebten.
Ich reiste nach Deutschland und fragte deutsche Juden: „Warum lebt ihr
hier? Ihr solltet in Israel leben.“ Für mich war das völlig
selbstverständlich.
Je mehr, desto tieferes Verständnis. Als ich über die Heimatstadt
meiner Mutter schrieb, wurde mir wirklich klar: Hätte mein Großvater
1935 nicht die Entscheidung getroffen, seine drei Kinder und seine
Frau mitzunehmen und nach Palästina zu ziehen – und er war unehrlich
–, wäre ich nicht geboren worden, denn ich weiß genau, was mit denen
geschah, die zurückblieben. Ja, natürlich war das ein Argument, das
wir, meine Generation, verinnerlicht hatten.
Wie ich in dem Buch schreibe, gehören wir alle zu zerrütteten
Familien, und wir wussten das vage, aber wir nahmen auch unsere – man
muss verstehen, dass wir unsere Existenz als selbstverständlich
hinnahmen, wie es alle Kinder tun. Die Frage, warum wir hier sind und
was nötig war, um dies zu unserem Ort zu machen? Wie viel Gewalt damit
verbunden war, dass wir als selbstverständliche Folge dieser Tat
geboren wurden, das kam später.
Wir waren im Grunde – meine Generation wuchs mit zwei Verleugnungen
auf, zwei grundlegenden Verleugnungen, die für den Zionismus von
grundlegender Bedeutung sind. Die eine war die Shlilat ha-Galut, wie
es auf Hebräisch heißt, die Verleugnung der Diaspora. Die andere war
die Leugnung der Nakba. Das Wort existierte damals natürlich noch gar
nicht, zumindest nicht für uns, aber wir haben nie gefragt, was dort
war, kurz bevor wir geboren wurden, was mit all diesen Menschen
passiert ist? Warum waren sie verschwunden? Warum lebten nun Juden aus
Marokko in Häusern, die Arabern gehört hatten? Wie hieß dieses Haus,
das Haus des Scheichs?
David Remnick: Es gab auch eine Zeit – und ich weiß, dass du dich in
deinem eigenen Leben in einer Übergangsphase befandest. Es gab auch
eine Zeit in den 80er- und frühen 90er-Jahren, in der es viele
Menschen gab, die sich als liberale Zionisten betrachteten und sich
der Nakba des palästinensischen Nationalismus neben dem Zionismus und
Israelismus zunehmend bewusst wurden oder es bereits waren.
Wir setzen große Hoffnungen in – nennen wir es einen Deal, nennen wir
es einen Kompromiss, nennen wir es eine Zwei-Staaten-Lösung –, was im
Rückblick alles unglaublich naiv oder altmodisch oder fehlgeleitet
erscheint. Es gab diese Zeit, der Titel Ihres Buches lautet Israel:
What Went Wrong? Wir sind weit entfernt von der Mentalität und einigen
der politischen Realitäten von vor gut 20 Jahren, vor der zweiten
Intifada. Glauben Sie, dass es für Israel möglich ist, seinen Kurs so
grundlegend zu ändern, dass Sie anders darüber denken würden?
Omer Bartov: Sehen Sie, zunächst einmal glaube ich nicht, dass es naiv
war. Ich glaube, es war damals realistisch. Ja, ich kannte viele
dieser neuen Historiker, Ilan Pappe, der ein alter Freund ist, mit dem
wir uns in Oxford ein Zimmer geteilt haben –
David Remnick: Benny Morris, der auf die andere politische Seite
gewechselt ist.
Omer Bartov: Benny Morris ist auf die dunkle Seite gewechselt. Ja. Es
war in vielerlei Hinsicht der letzte Moment des Realismus im Gegensatz
zum Messianismus, der Israel heute beherrscht. Es war nicht naiv, es
war der beste Weg. Es gipfelte in der Ermordung Rabins.
Ich erinnere mich gut daran, weil ich dort saß, meine sechs Monate
alte Tochter im Arm hielt und weinte, und ich mochte Rabin nicht
einmal. Es war nicht so, dass er – er war die letzte Hoffnung, und er
hätte etwas erreichen können aufgrund seiner eigenen Bilanz, aufgrund
seines Ansehens in der israelischen Gesellschaft.
Ich dachte, das sei für eine Generation vorbei. Ich habe mich geirrt,
denn es ist jetzt mehr als eine Generation her, und die Dinge
entwickeln sich nur in die falsche Richtung.
Was schiefgelaufen ist – darauf versuche ich in dem Buch eine Antwort
zu geben. Man kann bis ins Jahr 1948 zurückgehen. Einer der Punkte,
die grundlegend schiefgelaufen sind, ist, dass Israel nie eine
Verfassung hatte und dass der Zionismus zur Staatsideologie wurde, zu
etwas anderem.
Er verwandelte sich immer weiter in das, was er heute ist: eine
unerträgliche Ideologie des Extremismus, des Militarismus, des
Rassismus und letztendlich des Völkermords. Jeder, der ihn
unterstützt, macht sich mitschuldig an den Taten dieser speziellen
politischen Ideologie.
David Remnick: Glauben Sie, der Zionismus sei nicht reformierbar?
Omer Bartov: Der Zionismus ist nicht reformierbar. Der Staat Israel
schon. Der Staat Israel muss neu erfunden werden, und er kann nicht
nach diesem ethnonationalistischen Prinzip neu erfunden werden, das
von ihm Besitz ergriffen hat. Das war natürlich schon immer so. Der
Zionismus ist eine ethnonationalistische Ideologie, aber
ethnonationalistische Staaten haben sich im Laufe der Zeit reformiert,
und Israel ist den
David Remnick: Zum Beispiel?
Omer Bartov: –entgegengesetzten Weg gegangen. Nun, schauen Sie sich
die Staaten der Zwischenkriegszeit an. Polen zum Beispiel war ein
antisemitisches, rassistisches Land, das viele dramatische Ereignisse
durchlebte. Das heutige Polen ist, trotz der Tatsache, dass es auch
starke Ethnonationalisten gibt, ein ganz anderes Land als damals.
Israel muss als Gesellschaft eine Gesellschaft aller seiner Bürger
sein.
Wie es damals, in den 1990er Jahren, Anfang der 1990er Jahre,
hieß:Eretz Kol Ezracheha, ein Land aller seiner Bürger. Das war auch
die große Hoffnung für die Palästinenser. Damals war die Hamas noch
weniger mächtig, damals waren die messianisch-nationalreligiösen
Kräfte noch weniger mächtig. Sie haben die Macht übernommen.
David Remnick: Ich glaube, damit das, was Sie beschreiben, eintreten
kann, muss viel mehr geschehen, als nur dass Bibi Netanjahu nicht mehr
auf der politischen Bühne steht.
Omer Bartov: Absolut.
David Remnick: Was muss geschehen?
Omer Bartov: Es ist wichtig, Netanjahu loszuwerden. Wie ich in dem
Buch schreibe, glaube ich nicht, dass Israel und die Palästinenser
derzeit über die Dynamik, die interne Dynamik verfügen, um darüber
hinaus voranzukommen. Es gibt Kräfte in Israel, es gibt Kräfte unter
den Palästinensern. Es gibt wunderbare Menschen, kreative Menschen,
hoffnungsvolle Menschen, aber sie können ohne Druck von außen nicht an
die Spitze gelangen.
Was Israel gerade jetzt braucht, ist eine Schocktherapie. Trotz all
der Schrecken, die es anderen zugefügt und seit dem 7. Oktober auch
selbst erlebt hat, hat es noch immer nicht die Grenzen seiner eigenen
Macht erkannt, denn diese Grenzen liegen in Washington, D.C., und
genau dort müssen sie gesetzt werden. Erst dann werden einige Kräfte
in Israel beginnen, eine neue Denkweise über die israelische
Gesellschaft zu entwickeln.
David Remnick: Laut Pew haben mittlerweile 60 % der Amerikaner eine
negative Meinung von Israel. Wie wird sich das auf die von Ihnen
beschriebene Situation auswirken?
Omer Bartov: Zum einen spricht es für die amerikanische Gesellschaft,
dass die Amerikaner tatsächlich auf die Realität vor Ort reagiert
haben.
Ich glaube, es gibt wachsende Kritik an der amerikanischen
Unterstützung für diese israelische Politik, sowohl bei der
amerikanischen Linken als auch bei der amerikanischen Rechten. Ich
würde jedoch sagen, dass einige der Kräfte, die derzeit innerhalb der
amerikanischen Rechten, innerhalb der MAGA-Bewegung, in den
Vordergrund treten, auch antisemitisch sind. Sie sprechen von der
Kontrolle, die Israel oder die Juden über die amerikanische Politik
ausüben, und deshalb wollen sie sich von Israel distanzieren.
Ich denke, für Israel wäre das gut, denn ich glaube, Israel muss von
dieser Abhängigkeit von der amerikanischen Macht befreit werden. Ich
denke, für die amerikanische Gesellschaft und für das amerikanische
Judentum ist das eine sehr schlechte Sache, denn es gibt einen Anstieg
von echtem, nicht angeblichen Antisemitismus der Linken – der
größtenteils eine Erfindung von Israel-Unterstützern ist –, sondern
tatsächlichen Antisemitismus von den Tucker Carlsons dieser Welt, die
derzeit eine aufstrebende Kraft sind.
David Remnick: Professor Bartov, vielen Dank.
Omer Bartov: Danke.
David Remnick: Omer Bartov ist ein Professor an der Brown University.
Israel: What Went Wrong? ist gerade veröffentlich worden.
——
12. ai: Israels Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza: Informationen und Hintergründe
https://www.amnesty.de/israel-gaza-genozid-voelkermord-amnesty-bericht-informationen-hintergruende
Israels Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza: Informationen und Hintergründe(…)
Seit einiger Zeit wird das Vorgehen der israelischen Regierung und
Armee von verschiedenen Seiten als ein Genozid an den
Palästinenser*innen in Gaza bezeichnet. Amnesty International hat das
Vorgehen Israels umfassend recherchiert und analysiert.
Unser Fazit: es gibt hinreichende Beweise dafür, dass die israelischen
Streitkräfte und Behörden dort einen Genozid an den
Palästinenser*innen begangen haben. In dieser Bewertung sind wir uns
mit vielen Völkerrechtler*innen, Genozidforscher*innen und
UN-Expert*innen einig.
Die vereinbarte Waffenruhe sowie die Vereinbarungen zur umfassenden
Einfuhr humanitärer Hilfe und Wiederherstellung der
Funktionstüchtigkeit von Krankenhäusern und Kliniken bieten eine
Chance, zu einem Ende des Genozids beizutragen. Entscheidend hierfür
wird es sein, wie nachhaltig das Abkommen umgesetzt wird, damit die in
der Völkermord-Konvention verbotenen Handlungen dauerhaft beendet
werden.
Die Diskussion um den Begriff Genozid ist sehr polarisiert und
emotional aufgeladen. Uns ist es wichtig, die Debatte mit Blick auf
die Fakten zu führen. Daher stellen wir auf dieser Seite umfangreiche
Informationen zu unseren Recherchen und Analysen vor, die dieser
Einschätzung zugrunde liegen.
Der Amnesty-Bericht "'You Feel Like You Are Subhuman': Israel’s
Genocide Against Palestinians in Gaza" zum Genozid in Gaza kann als
PDF-Datei heruntergeladen werden. (…).
Die Zusammenfassung des Berichts auf Deutsch findest du hier.
——
13. Die Welt: Über 400 Ex-Diplomaten drängen EU zu härterem Kurs gegen Israel – darunter 19 aus Deutschland
https://www.welt.de/politik/ausland/article6980c80ef0e62064809e25f6/nahost-ueber-400-fruehere-diplomaten-draengen-eu-zu-haerterem-kurs-gegen-israel-darunter-19-aus-deutschland.html
Gemeinsame Erklärung
Über 400 Ex-Diplomaten drängen EU zu härterem Kurs gegen Israel – darunter 19 aus Deutschland
Veröffentlicht am 02.02.2026
In einer gemeinsamen Erklärung fordern ehemalige EU-Botschafter und
Minister mehr diplomatischen Druck auf Israel. Die derzeitige Politik
gefährde nach ihrer Einschätzung einen dauerhaften Frieden und die
Zwei-Staaten-Lösung.
Mehr als 400 frühere Botschafter der EU, ranghohe EU-Beamte und
Minister der Mitgliedstaaten haben mehr diplomatischen Druck auf
Israel gefordert. Wenn die harsche Lage im Gazastreifen und die sich
verschlechternden Bedingungen im besetzten Westjordanland
einschließlich Ostjerusalem nicht angegangen würden, werde ein
dauerhafter Frieden vereitelt, heißt es in einer am Montag
verbreiteten Erklärung, die der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)
vorliegt. Allein aus Deutschland tragen 19 Diplomaten die Initiative mit.
Die Unterzeichner verlangen von der EU eine klare Haltung gegen
israelische Annexionsbestrebungen, die das „unverlierbare Recht der
Palästinenser auf Selbstbestimmung“ bedrohen und eine
Zwei-Staaten-Lösung unterminieren. Von beiden Kriegsparteien müssten
Verantwortliche, die Völkerrechtsvergehen begangen hätten, zur
Rechenschaft gezogen werden.
Als Druckmittel solle die EU umgehend einen „kritischen, zeitlich
befristeten Dialog“ mit Israel über das sogenannte
Assoziierungsabkommen aufnehmen, das israelischen Wirtschaftspartnern
erhebliche wirtschaftliche Vorteile auf dem europäischen Markt
gewährt. Jegliche militärische Unterstützung und Handel mit den
völkerrechtswidrigen jüdischen Siedlungen müssten aufhören.
Aufruf zu Enthaltung bei Trumps „Friedensrat“
Die Diplomaten und Politiker riefen die Regierungen dazu auf, sich
einer Beteiligung an dem von US-Präsident Donald Trump initiierten
„Friedensrat“ zu enthalten. Sie verwiesen darauf, dass gegen ein
Mitglied dieses Zusammenschlusses ein Haftbefehl des Internationalen
Strafgerichtshofs in Den Haag vorliegt - gemeint ist Israels
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der sich wegen Kriegsverbrechen
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten soll.
Als Gründe für ihren Vorstoß führen die 407 Unterzeichner neben der
Situation im Gazastreifen auch die fortgesetzten israelischen
Militärschläge an. Ungeachtet des vereinbarten Waffenstillstands
wurden laut dem Schreiben seit Oktober rund 500 Palästinenser getötet,
darunter mehr als 100 Kinder. Damit erhöhe sich die Zahl der Toten
seit Kriegsbeginn auf fast 71.700.
Die Stellungnahme wirft Israel weiterhin eine Behinderung humanitärer
Hilfe im Gazastreifen vor. Sie verweist in dem Zusammenhang auf die
Aberkennung einer Tätigkeitserlaubnis für 37 Hilfsorganisationen und
auf eine israelische „Kampagne“ zur Verunglimpfung des
Palästinenserhilfswerks UNRWA. Höhepunkt der „eklatanten Missachtung“
einer einschlägigen Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs sei
der Abriss des UNRWA-Sitzes im besetzten Ostjerusalem am 20. Januar,
hieß es.
—
siehe auch:
https://drive.google.com/file/d/1nk-CLb3D5r2jYcv3Bi-_tVYolr7FGBZq/view
15.4.2026
Over 400* European former Ministers, Ambassadors and Senior Officials call for
suspension of the EU - Israel Association Agreement amid Israel’s systematic
violations of Palestinians’ human rights
——
14. Uni.München: Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland: eine Vortragsreihehttps://www.naher-osten.uni-muenchen.de/wasistlosaminstitut/veranstaltungen/universitaeten_1/universitaeten/index.html
Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland: eine Vortragsreihe
In Deutschland redet es sich heute schwer über Palästina: unfassbar
die Brutalität der Kriegsführung dort, ebenso unfassbar die
Einseitigkeit der Stellungnahmen und die Ritualität des öffentlichen
Redens hier. Dementsprechend schwer redet es sich auch in Palästina
über Deutschland. - Thema dieser Vortragsreihe ist die hierzulande
kaum bekannte palästinensische Universitätslandschaft und ihre
besondere Beziehung zu Deutschland.
Eigentlich geht es um die große Frage, wie die palästinensischen
Universitäten es schaffen, ihren Dozierenden und Studierenden jenseits
von Flucht, Verzweiflung und Gewalt einen vierten Weg zu eröffnen.
(Parallel zur palästinensischen Universitätslandschaft, aber nahezu
unverbunden mit ihr, gibt es auch eine israelische. Auch diese ist
stark vom Krieg geprägt, auch diese hat eine lange und starke
Beziehung zu Deutschland. Aber die dreizehn israelischen
Universitäten funktionieren anders als die palästinensischen und die
deutsche Öffentlichkeit redet über sie ganz anders. Daher sind sie
nicht Thema dieser Vortragsreihe.)
——
15. Caritas international: Vortrag: Gaza - Überlebenshilfe zwischen Trümmern
https://www.caritas-international.de/aktionen/anmeldung-vortrag-26-05-26
Vortrag: Gaza - Überlebenshilfe zwischen Trümmern
Patrick Kuebart, Bereichsleitung internationale Programme und Katastrophenhilfe,
stellt in seinem Vortrag „Die Hilfen von Caritas international im Gazastreifen“ vor
und beantwortet Ihre Fragen. Kollegen aus dem Gazastreifen geben einen
persönlichen Einblick in die humanitäre Hilfe zwischen Alltag und Ausnahmezustand.
"Hoffnung für Gaza? Überlebenshilfe zwischen Trümmern“
am Dienstag, 26. Mai 2026 um 18 Uhr
in der Seidlvilla am Nikolaiplatz 1b in 80802 München.
Möchten Sie an diesem Vortrag teilnehmen?
Melden Sie sich gerne mit unserem Formular für die Veranstaltung an: (…)
——
16. Die Zeit: US-Techkonzern: Bundeswehr will keine Palantir-Software einsetzen
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/palantir-bundeswehr-nato-software-gxe?utm_source=firefox-newtab-de-deUS-Techkonzern: Bundeswehr will keine Palantir-Software einsetzenDie Nato setzt KI-Software der US-Firma Palantir ein.
Die Bundeswehr schließt das aus – weil sie ihre Daten
nicht mit dem umstrittenen Unternehmen teilen will.
Aktualisiert am 28. April 2026, 11:19 Uhr
Quelle: DIE ZEIT, dpa, ale
Die Bundeswehr will beim Aufbau einer militärisch nutzbaren Cloud zur
Datenverarbeitung und zur Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI)
keine Software des US-Anbieters Palantir einsetzen. »Das sehe ich
momentan überhaupt nicht«, sagte Vizeadmiral Thomas Daum, der Chef der
Cybertruppe der Bundeswehr, dem Handelsblatt.
Unter dem Namen Maven bietet Palantir eine Software an, die zur
Verarbeitung von Echtzeitdaten in der Nato und von mehreren
Nato-Ländern genutzt wird. »Bei der Nato ist die Software im Einsatz,
das wissen wir, und das nutzen wir auch. Und wir sehen auch die
Erkenntnisse, die sich daraus ergeben«, sagte Vizeadmiral Daum. Doch
für den Einsatz durch die Bundeswehr erfülle Maven die Voraussetzungen nicht.
(…)
Nach Informationen des Handelsblatts hat die Bundeswehr für die
entsprechenden Aufgaben zwei deutsche und einen französischen Anbieter
ausgewählt. Dabei handle es sich um Almato mit Sitz in Stuttgart, eine
Tochter des deutschen IT-Anbieters Datagroup, sowie das Berliner
Start-up Orcrist und das Unternehmen ChapsVision aus Paris. Deren
Software soll demnach in diesem Sommer geprüft und ein Auftrag zum
Jahresende vergeben werden.
Im Februar hatte auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD)
Bedenken gegen eine Zusammenarbeit mit Peter Thiel, dem Mitgründer von
Palantir, geäußert. Dabei ging es um dessen Rolle beim deutschen
Drohnenhersteller Stark Defence, einem möglichen Lieferanten von
Drohnen für die Bundeswehr.
Thiel hält Anteile im einstelligen Prozentbereich an Stark Defence,
was laut Pistorius Sorgen um einen möglichen Einfluss des US-Investors
auf das Unternehmen geweckt hatte. Das Unternehmen wies eine
Einflussnahme durch Thiel zurück. Schlussendlich genehmigte der
Bundestag einen Auftrag in dreistelliger Millionenhöhe unter anderem
an Stark Defence, nachdem sich das Verteidigungsministerium vom
Unternehmen versichern lassen hatte, dass Thiel keine operativen
Befugnisse habe.
Kritik an Palantir wegen Überwachungssoftware und Miteigentümer Thiel
Palantir steht unter anderem wegen seiner Zusammenarbeit mit der
US-Regierung von Präsident Donald Trump beziehungsweise der dabei
eingesetzten Software in der Kritik. Dabei geht es unter anderem um
Überwachungssoftware, die dazu eingesetzt wird, auch in nicht
militärischem Kontext bestimmte Personen als vermeintliche »Gefährder«
zu erkennen – unter anderem Migranten und Demonstrierende.
Die Software wird beispielsweise von der US-Einwanderungsbehörde ICE
eingesetzt, die im Auftrag Trumps mit teils brutalen Methoden
angeblich illegale Migranten aufspürt und deportieren lässt.
Organisationen wie etwa Amnesty International bewerten die Praxis,
dabei Palantirs Software einzusetzen, als »diskriminierend, gefährlich
und hochgradig intransparent«.
Vorbehalte gibt es auch gegen den in Deutschland geborenen
US-Milliardär und Investor Thiel. Er steht der US-Regierung nahe, gilt
als prominenter Vertreter antidemokratischer Ideologien und Vordenker
einer Auffassung der Techbranche als Instrument zum Erhalt und Ausbau
der globalen Dominanz der USA.
———
17. BR: US-Truppenabzug – Milliardenverlust für die Oberpfalz
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/us-truppenabzug-milliardenverlust-fuer-die-oberpfalz,VIeYWHg
US-Truppenabzug – Milliardenverlust für die OberpfalzDer von US-Präsident Trump angekündigte Truppenabzug aus Deutschland
trifft vor allem die Oberpfalz. Nach Informationen des BR wird eine
Brigade mit knapp 5.000 Soldaten den Standort Vilseck verlassen. Der
Region drohen schwere Einbußen.
Von Stephan Lina
Über dieses Thema berichtet: BAYERN 3-Nachrichten am
04.05.2026 um 15:00 Uhr.
Bereits über das Wochenende hatte es sich angedeutet, nun haben es
Quellen des US-Militärs dem BR bestätigt: Nach Jahren der
Stationierung in den Rose Barracks Vilseck wird das 2.
Kavallerieregiment der US Army die Oberpfalz verlassen.
Verteidigungsexperten und auch "Stars and Stripes" das offizielle
Organ des US-Militärs, hatten bereits in den vergangenen Tagen
spekuliert, dass es wohl diese Einheit treffen würde, nachdem von
einer Verlegung von 5.000 Mann oder mehr die Rede war. Die sogenannte
Stryker Brigade ist nämlich der einzige Kampfverband dieser Größe, den
die Vereinigten Staaten derzeit in Deutschland stationiert haben.
Region hängt wirtschaftlich vom Militär ab
Für die generell strukturschwache Region in der nördlichen Oberpfalz
ist der Abzug von US-Truppen ein schwerer Schlag. In einer ersten
Reaktion sagte der neue Erste Bürgermeister von Vilseck, Thorsten
Grädler (EHB-FW), dem BR, das sei eine heftige und sehr emotionale
Nachricht. "Das trifft uns hart".
Denn es ziehen nicht nur knapp 5.000 Soldatinnen und Soldaten ab,
sondern auch noch tausende von Familienangehörigen. Orte wie
Grafenwöhr, Hohenfels und eben Vilseck hängen seit Jahrzehnten
wirtschaftlich sehr stark von der Präsenz der Streitkräfte ab, die
dort hunderte von Quadratkilometern auf den größten militärischen
Übungsgeländen Europas nutzen. Da es in der Region kaum Industrie
gibt, ist das US-Militär der mit Abstand größte Wirtschaftsfaktor.
Milliarden von Kaufkraft ziehen ab
Nach früheren Berechnungen könnte der Abzug einer US-Brigade einen
jährlichen Kaufkraftverlust von rund einer Milliarde Euro bedeuten.
Der wirtschaftliche Einfluss der US-Streitkräfte in den betroffenen
Landkreisen ist nämlich enorm. So beschäftigt das Militär mehrere
tausend deutsche Zivilangestellte, dazu kommen lokale Firmen, die als
Dienstleister für die Truppen tätig sind: Vom Bauunternehmen bis zur Wäscherei.
Neben diesen direkten Ausgaben fließt auch viel Geld von den
US-Soldaten und ihren Familienangehörigen in die örtliche Wirtschaft.
So haben sich Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel über Jahrzehnte
an die Bedürfnisse der amerikanischen Nachbarn eingestellt, sagt
Grafenwöhrs Bürgermeister Edgar Knobloch. (…)
——
18. Friedensfähig: Abgesagte Stationierung von US-Raketen: Kampagne sieht große Chance für Rüstungskontrolle
https://friedensfaehig.de/abgesagte-stationierung-von-us-raketen-kampagne-sieht-grosse-chance-fuer-ruestungskontrolle/
Pressemitteilung der Kampagne "Friedensfähig statt erstschlagfähig.
Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“
vom 04.05.2026
Abgesagte Stationierung von US-Raketen: Kampagne sieht große Chance für Rüstungskontrolle
(Stuttgart/Bonn) Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig.
Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ begrüßt die Ankündigung von
US-Präsident Donald Trump, keine Tomahawk-Marschflugkörper in
Deutschland zu stationieren. Nach Einschätzung des Bündnisses bietet
sich jetzt die Chance für neue Fortschritte in der Rüstungskontrolle.
Die Bundesregierung müsse diese nutzen.
Die Pläne zur Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in
Deutschland waren vor rund zwei Jahren bekannt geworden und hatten
bundesweit Proteste ausgelöst. Mit seiner Ankündigung, einen Teil der
US-Truppen aus Deutschland abzuziehen, hat Trump nun am vergangenen
Wochenende auch die Stationierung der Waffen in Deutschland abgesagt.
Bestärkt durch diese Entwicklung ruft die Kampagne für den 30. Mai
2026 gemeinsam mit einem breiten Bündnis zu Protesten unter dem Motto
„Keine Mittelstreckenwaffen – nirgends!“ in Wiesbaden und Grafenwöhr
auf, um Druck für neue Abrüstungsinitiativen zu machen.
Absage der Stationierung ist eine gute Nachricht „Die Absage der
Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland ist eine
gute Nachricht für die Sicherheit in Europa!“, sagt Simon Bödecker,
Referent von Ohne Rüstung Leben und Sprecher der Kampagne.
„Landgestützte Mittelstreckenwaffen sind darauf ausgelegt,
strategische Ziele in sehr kurzer Zeit anzugreifen. Sie wirken
destabilisierend, führen zu einem Klima der ständigen Unsicherheit und
hätten Deutschland zu einem potenziellen Ziel russischer
Präventivschläge gemacht.“
Sehr kritisch bewertet die Kampagne die ersten Reaktionen aus der
deutschen Politik. Forderungen nach der Entwicklung oder Beschaffung
eigener Mittelstreckenwaffen würden die bestehenden Risiken eher
verschärfen als reduzieren.
„In der aktuellen Weltlage ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu
bewahren und kluge, weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Der
Verzicht der USA auf die Stationierung weitreichender Angriffswaffen
in Deutschland bietet dafür jetzt eine große Chance“, erklärt Simon
Bödecker. „Reflexartige Rufe nach dem Kauf eigener Marschflugkörper
und der Entwicklung europäischer Mittelstreckenwaffen bringen uns aber
nicht weiter. Auch die vielbeschworene ‚Fähigkeitslücke‘ ist längst widerlegt!“
Rüstungskontrolle und Abrüstungsinitiativen jetzt nötig! „Wir fordern
die Bundesregierung auf, neue Initiativen für internationale
Rüstungskontrolle auf den Weg zu bringen. Der INF-Vertrag hat in den
1980er-Jahren gezeigt, dass das Verbot von Mittelstreckenwaffen einen
wichtigen Beitrag zur Reduktion von Eskalationsrisiken leistet und
Grundlage eines weiterführenden Dialogs sein kann. Damals war der
Vertrag ein wichtiger Schritt zum Ende des Kalten Krieges. Solche
Impulse brauchen wir heute wieder!“ fügt Simon Bödecker hinzu.
Protest gegen Mittelstreckenwaffen in Ost und West am 30. Mai Die
Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig“ mobilisiert daher für
den 30. Mai 2026 zu Demonstrationen in Grafenwöhr und Wiesbaden. „Mit
den großen Demonstrationen wenden wir uns gegen alle
Mittelstreckenwaffen in Ost und West. Und wir protestieren gegen die
Pläne zum Kauf und zur Entwicklung europäischer Marschflugkörper.
Gerade jetzt ist es wichtig, dass tausende Menschen mit uns
Verhandlungen über Rüstungskontrolle fordern,“ erläutert Marvin
Mendyka, Mitglied im Kampagnenrat und im Vorbereitungskreis der Demo.
„Daher rufen wir bundesweit zur Teilnahme an den beiden großen
Demonstrationen am 30. Mai auf. Unsere Botschaft ist klar: Keine
Mittelstreckenwaffen – nirgends!“
Über die Kampagne Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig.
Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ ist ein Zusammenschluss von
mehr als 55 Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Die Kampagne
protestiert gegen die Rückkehr der Raketen und Marschflugkörper nach
Europa, klärt über ihre Risiken und Gefahren auf und fordert ein
internationales Abkommen zur Begrenzung landgestützter
Mittelstreckenwaffen.
Weitere Informationen zur Kampagne „Friedensfähig statt
erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ finden Sie
unter: friedensfaehig.de.
——
18. Evangelische Friedensarbeit: AGDF: Stopp der Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen bietet eine Chance für Gespräche
https://www.evangelische-friedensarbeit.de/meldungen-friedensarbeit/agdf-stopp-der-stationierung-von-us-mittelstreckenwaffen-bietet-eine
AGDF: Stopp der Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen bietet eine Chance für Gespräche
AGDF 4.5.2026
Die Ankündigung der USA, vorerst keine Mittelstreckenwaffen in
Deutschland zu stationieren, bietet nach Ansicht der
Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) die Chance, nun
mit Russland, aber auch mit China in Verhandlungen über eine neue
Rüstungskontrolle und Rüstungsbegrenzungen bei landgestützten
Mittelstreckenwaffen zu treten.
„Seit 2019 gibt es keinen Abrüstungsvertrag mehr für diese Waffen“,
so Jan Gildemeister, der AGDF-Geschäftsführer, mit Verweis auf das
Auslaufen des 1987 zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion
geschlossenen INF-Vertrages, der unter anderem zum Abzug der in
Westdeutschland stationierten Pershing II und Cruise Missiles führte.
Die Folge ist nach Ansicht der AGDF eine gefährliche Entwicklung,
die aufgrund der kurzen Vorwarnzeiten für Mittelstreckenwaffen die
Gefahr für einen Krieg zwischen der NATO und Russland in Europa
immens erhöht. Denn Russland hat gerade die Stationierung von
Mittelstreckenraketen an seiner Westgrenze und in Belarus
angekündigt, europäische Staaten planen die Entwicklung und
Stationierung solcher Waffensysteme.
„Der NATO-Doppelbeschluss von 1979, der auf die Stationierung
sowjetischer Mittelstreckenraketen reagierte, war damals mit einem
Gesprächsangebot über Rüstungskontrollgespräche zwischen den
damaligen Supermächten verbunden. Dies wurde bei der Ankündigung der
Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland durch
US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz 2024
unterlassen“, erläutert Jan Gildemeister.
„Die Entscheidung der US-Regierung, vorerst keine
Mittelstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren, sollte zu neuen
Gesprächen für eine Rüstungsbegrenzung und Rüstungskontrolle in
Europa genutzt werden“, gibt der AGDF-Geschäftsführer zu bedenken.
Und er macht deutlich: „Daran müsste gerade auch Deutschland ein
großes Interesse haben.“
Die AGDF unterstützt die Kampagne „Friedensfähig statt
erstschlagfähig: Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen“, die sich
gegen die Entwicklung europäischer Mittelstreckenwaffen und eine
Stationierung in Europa wendet und ein INF-Nachfolgeabkommen fordert.
———
20. Schulstreik: HERAUS ZUM 08. MAI: NIE WIEDER WEHRPFLICHT! NIE WIEDER KRIEG!
FÜR EIN ZEITALTER DER SCHULSTREIKS STATT GROSSMACHTPOLITIK!
https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/
HERAUS ZUM 08. MAI:
NIE WIEDER WEHRPFLICHT!
NIE WIEDER KRIEG!
FÜR EIN ZEITALTER DER SCHULSTREIKS STATT GROSSMACHTPOLITIK!
Am 08. Mai 1945 wurde der zweite Weltkrieg beendet. Der Krieg hatte
2000 Tage lang täglich Zerstörung, Leid und Tod mit sich gebracht. Er
kostete über 60 Millionen Menschen weltweit das Leben. Etwas, das
niemand von uns erneut erleben möchte.
Doch heute wird in Deutschland wieder autgerustet, tast jeder zweite
zuro des Bundeshaushalts wird für Panzer, Bomben und Infrastruktur,
die das Land auf den Krieg vorbereitet, ausgegeben.
Die Kassen der Rustungsindustrie klingeln - damals wie heute:
Rheinmetall, KNDS & Co. machen Rekordprotite. Wahrenddessen wird die
Wehrpflicht Schritt für Schritt wieder eingeführt: verpflichtende
Fragebögen seit Anfang des Jahres, Musterungen beim Militärarzt im
nächsten Jahr. Und nun steht im Raum, dass Männer zwischen 17 und 45
Jahren nur noch mit Erlaubnis länger als 3 Monate ins Ausland
ausreisen dürfen.
Merz spricht vom Zeitalter der Großmächte", und meint damit den Kampf
Einflusssphären und Profit, wie wir es heute im Krieg gegen Iran sehen
konnen. Er spricht davon, dass die Pilcht kommen werde, wenn sich
nicht genug Freiwillige melden. Das zeigt: Es wird sich aut einen
Krieg vorbereitet und wir junge Menschen sollen das Kanonenfutter
dafür sein.
Doch wir sagen: Das ist nicht das Zeitalter der Großmachtpolitik! Das
ist das Zeitalter der Schulstreiks und des Widerstands!
Nachdem wir nun schon zweimal mit über 50.000 Schülerinnen und
Schülern in ganz Deutschland auf der Straße waren, wollen wir dies am
08. Mai erneut tun. Wir zeigen damit: Was sind ein paar Fehlstunden
oder schlechte Noten gegen 180 Tage Wehrdienst oder sogar der Tod im
Schützengraben?
Am 08. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg, der Bombenhagel verstummte.
Danach waren breite Teile der Bevölkerung sich einig: Von deutschem
Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen. „Nie wieder Krieg! Nie
wieder Faschismus!" war die Losung. In dieser Tradition werden wir am
08. Mai erneut auf die Straße gehen, mit allen, die kein bock aut.
wenrprucht und den nachsten großen Krieg haben.
Wir rufen dazu auf, dass alle Schüler*innen an diesem Tag mit uns
streiken. Lehrkrafte, Eltern, Studierende und alle die uns
unterstützen, sind dazu aufgerufen mit uns auf die Straße zu gehen.
(…)
—
Mit freundlichen Grüßen
Clemens Ronnefeldt
Referent für Friedensfragen beim deutschen
Zweig des internationalen Versöhnungsbundes
A.-v.-Humboldt-Weg 8a
85354 Freising
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.