freitag.de, 23.September 2023
Pazifismus Der russische Überfall der Ukraine und dessen Folgen sorgen für harte Auseinandersetzungen auch bei denen, die Staat und Militär eigentlich rundherum ablehnen: Anarchisten. Manch einer vermisst die Bereitschaft zur inhaltlichen Debatte, Peter Nowak | Community | 2
Wie der hier beim Internationalen Antiautoritären Treffen im Juli in St. Imier fotografierte Sergej aus Finnland die Frage nach Waffen und Krieg beantwortet, ist nicht überliefert.
Bild: Peter Klaunzer/picture alliance/Keystone
Die für die nächsten Monate erwartete Abspaltung bei der Linkspartei wird durch die unterschiedliche Haltung zum Ukraine-Konflikt wesentlich befeuert. Doch auch in der außerparlamentarischen Linke sorgt die Frage der Positionierung zum russischen Krieg in der Ukraine für Streit und Ausschlüsse.
Eigentlich wäre zu denken, Anarchisten und Anarchistinnen fällt die Positionierung zu Krieg einfach – schließlich lehnen sie Staatsgewalt und damit auch Polizei und Militär grundsätzlich ab. Daher wäre zu erwarten, dass sie Nationalismus und Krieg auf beiden Seiten verurteilen und sich vor allem für die verfolgten Deserteure, Kriegs und Militärgegnerinnen in allen Ländern einsetzen. Diese Position teilen libertäre und a
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Ohne Krieg und Aggression: Unter Pazifisten „Wehrhaft ohne Waffen“? In Hannover sucht eine Tagung nach Wegen sozialer Verteidigung gegen Krieg und Aggression
Von Gerhard Hanloser

Im Krieg sterben keine Männer – es fallen bloß Soldaten Weit über 100.000 Soldaten sind im Ukrainekrieg bisher gefallen – die Trauer darüber aber findet keinen Platz. Zählt das Leben von Männern in Zeiten der Wehrhaftigkeit nicht?
Von Elsa Koester
Am 23.09.2023 um 17:52 via Friedens-Initiativen:
Hier ein Artikel von Peter Nowak, in dem auch
ein (wenig bekannte) historischer Irrweg von
"Anti-Deutschen" im Jahr 1916 zur Sprache
kommt.
(Friedensforum Lahr)
Pazifismus
Der russische Überfall der Ukraine und dessen Folgen sorgen für harte
Auseinandersetzungen auch bei denen, die Staat und Militär eigentlich
rundherum ablehnen: Anarchisten. Manch einer vermisst die Bereitschaft
zur inhaltlichen Debatte
Wie die Anarchisten über die Haltung zum Russland-Ukraine-Krieg streiten
[23.September 2023]
Auch im Ersten Weltkrieg hatten sich bekannte Anarchisten an der Frage
der Kriegsbeteiligung zerstritten. 16 von ihnen, aus verschiedenen
Ländern, darunter Pjotr Kropotkin, veröffentlichten 1916 ein Manifest,
das die Niederlage Deutschlands zur Hauptaufgabe erklärte und zur
Unterstützung der Gegner Deutschlands aufrief. Viele Kritiker*innen
sahen darin einen Bruch mit anarchistischen Prinzipien. Angesichts des
aktuellen Streits um den Krieg in der Ukraine schrieben Anarchist*innen
aus Bulgarien an ihre Genoss*innen in verschiedenen Ländern:
„Anarchistische Schwestern und Brüder, wiederholen Sie nicht den Fehler
des alten Pjotr Kropotkin aus dem Jahr 1916, seines ‚Manifests der
Sechzehn‘ während des Ersten Weltkriegs.“
Die für die nächsten Monate erwartete Abspaltung bei der Linkspartei
wird durch die unterschiedliche Haltung zum Ukraine-Konflikt wesentlich
befeuert. Doch auch in der außerparlamentarischen Linke sorgt die Frage
der Positionierung zum russischen Krieg in der Ukraine für Streit und
Ausschlüsse. Eigentlich wäre zu denken, Anarchisten und Anarchistinnen
fällt die Positionierung zu Krieg einfach – schließlich lehnen sie
Staatsgewalt und damit auch Polizei und Militär grundsätzlich ab. Daher
wäre zu erwarten, dass sie Nationalismus und Krieg auf beiden Seiten
verurteilen und sich vor allem für die verfolgten Deserteure, Kriegs und
Militärgegnerinnen in allen Ländern einsetzen. Diese Position teilen
libertäre und anarchistische Pazifist*innen in vielen Ländern. Sie sind
im transnationalen Netzwerk War Resisters International (WRI)
organisiert, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen gefeiert hat.
Die „Graswurzelrevolution“ und der Krieg
Die Zeitschrift 'Graswurzelrevolution' (gwr) hat dem WRI-Jubiläum eine
Sonderausgabe gewidmet. Schließlich ist die Zeitung seit 1972 das
wichtige Organ der Pazifisten und Gewaltfreien mit libertärer
Ausrichtung. Weil die gwr bis heute an ihren staats- und machtkritischen
Positionen festhält, wird sie im Verfassungsschutzbericht gelistet und
gerät auch immer wieder ins Visier der Rechten. Aber auch manche
ehemaligen Mitstreiter wollen spätestens seit dem russischen Einmarsch
in die Ukraine nichts mehr von Pazifismus wissen und kündigen das
Abonnement.
Dafür konnte die gwr aber viele neue Leser und Leserinnen gewinnen,
gerade weil sie die an ihrem Grundsatz festhält, dass kein Staat und
kein noch so hehres Ziel es wert ist, dass Menschen gezwungen werden, in
den Krieg zu ziehen, andere Menschen zu erschießen und selber zu
sterben. Dabei betonen die Kriegsgegner, dass ihre Position nichts mit
Kapitulation vor einem Aggressor zu tun hat. Sie verweisen auf Konzepte
der sozialen Verteidigung, zu denen auch gehört, jegliche Zusammenarbeit
mit Organen und Behörden des Aggressors zu verweigern.
Dieser Argumentation wird dann schnell entgegengehalten, dass ein
solcher gewaltfreier Widerstand gegen die russische Armee zu lange
dauern und viele Opfer fordern würde. Doch die reale Entwicklung in der
Ukraine liefert den Gegnerinnen des Kriegs durchaus Argumente. Die
militärische Auseinandersetzung hat sich längst zu einem blutigen
Stellungskrieg entwickelt, bei dem um jeden Zentimeter Boden erbittert
gekämpft wird, mal mit kleinen Geländegewinnen – ein Dorf oder nur ein
Haus – für die ukrainische, mal für die russische Seite. Die wenig
thematisierte große Zahl von Todesopfern betrifft meist Männer, die auf
beiden Seiten oft gar nicht freiwillig in den Krieg gezogen sind. Unter
Anarchisten und Anarchistinnen wäre wohl eine Debatte darüber zu
erwarten, welcher Weg die wenigsten Opfer fordert.
Streit beim Sommerkongress in Saint Imier
Doch davon kann keine Rede sein. Die Fronten haben sich vielmehr
verhärtet, wie sich im Sommer in Saint Imier zeigte. In dem kleinen Ort
im Schweizer Jura trafen sich Mitte Juli Anarchist*innen und Libertäre
aus aller Welt – vor 150 Jahren war hier die Antiautoritäre
Internationale gegründet worden. Schnell zeigte sich die Frage der
Positionierung zum Krieg in der Ukraine als großes Konfliktthema.
„Antimilitarismus hatte es schwer in Saint Imier“, sagt Gerald Grüneklee
rückblickend. Der anarchistische Verleger und Autor monierte ein großes
Transparent auf dem Kongress: Auf diesem prangte unter den Konterfeis
von Anarchisten, die als Teil der ukrainischen Armee kämpften und
gestorben sind, der Spruch: „Gefallen im Kampf gegen den russischen
Imperialismus und für die Anarchie“. – „Doch Soldaten fallen nicht, sie
morden und werden ermordet“, sagt Grüneklee. Er erinnerte daran, dass
der Begriff „Gefallene zur Verharmlosung und Glorifizierung von
staatlichem Mordhandwerk“ herhalten muss.
Eine Antimilitaristin schildert, was sie erlebte
Aber solche antimilitaristischen Töne waren bei den Anarchist*innen
nicht willkommen, die in der Ukraine kaum mehr Kritik an Staat und
Nation kennen. Das musste eine Transperson erfahren, die auf einer
Solidaritätsveranstaltung mit in der ukrainischen Armee kämpfenden
Anarchist*innen ein Plakat mit der Parole „Für eine antifaschistische
und antipatriarchale Antikriegsbewegung“ aufhängen wollte. Sie
schildert, wie das Plakat nach kurzer Zeit mehrmals heruntergerissen
wurde. In der folgenden erregten Debatte wurde sie aufgefordert, die
Veranstaltung zu verlassen. Sie könne in Russland ihre soziale
Revolution machen, wurde ihr zugerufen.
„Ein Plakat mit der Parole ,Gegen jeden Krieg‘, das aus einer queeren,
antimilitaristischen, anarchistischen, migrantischen und feministischen
Position kommt, wurde von Menschen zensiert und als Provokation
empfunden, weil es ihre militarisierte Position und Identitätspolitik
zum Angriffskrieg Russland gegen die Ukraine in Frage stellt“,, so das
Resümee der Antimilitaristin.
Die Ansage von Anarchist Black Cross Dresden
Im Nachgang des Treffens von Saint Imier schrieb die Gruppe Anarchist
Black Cross (ABC) Dresden, die den Kongress mitorganisiert hatte, auf
ihrer Internetseite: „Die Diskussion wurde, ähnlich wie frühere
Veranstaltungen, bei denen Menschen antiautoritäre oder anarchistische
Aktivist*innen unterstützen, die sich der Verteidigung gegen die
russische Invasion angeschlossen haben, mehrmals von Pazifist*innen oder
anderen unterbrochen, die nicht wollten, dass eine Diskussion über die
Komplexität des Beitritts zu den territorialen Verteidigungskräften Raum
erhält.“
Doch beendet ist die Auseinandersetzung damit nicht. Die Gewaltfrage war
unter Anarchisten schon immer hochumstritten. Doch in der Ablehnung von
Staatsgewalt und Militär schien man sich doch einig. In der Mitte
September erschienenen Ausgabe der graswurzelrevolution fragt nun Gerald
Grüneklee: „Führt die massenmediale Hetze gegen sogenannte
Lumpenpazifisten bei einigen Anarchist*innen zur Abkehr vom
Antimilitarismus?“ Der anarchistische Verleger beklagt, dass manche
Kriegsgegner*innen beim Schweizer Kongress die inhaltliche
Auseinandersetzung scheuten, weil man keinen Streit in die
anarchistische Familie tragen wollte.
Pjotr Kropotkin und das „Manifest der Sechzehn“
Das hält Grüneklee für einen Fehler: „Wo die antimilitaristisch
gesonnenen Menschen in Saint Imier Scheu hatten, Militärpropaganda
schlicht zu entfernen und damit den offenen Konflikt vermieden, trat die
militaristische Fraktion wortgewaltig auf und hatte keinerlei Skrupel,
Antimilitarist*innen verächtlich zu machen und antimilitaristische
Plakate abzureißen.“ Für ihn und andere Antimilitarist*innen waren die
Auseinandersetzungen in Saint Imier aber auch ein Weckruf, ihre
Positionen verstärkt in anarchistische Kreisen zu tragen.
Dazu würde auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
gehören. Auch im Ersten Weltkrieg hatten sich bekannte Anarchisten an
der Frage der Kriegsbeteiligung zerstritten. 16 von ihnen, aus
verschiedenen Ländern, darunter Pjotr Kropotkin, veröffentlichten 1916
ein Manifest, das die Niederlage Deutschlands zur Hauptaufgabe erklärte
und zur Unterstützung der Gegner Deutschlands aufrief. Viele
Kritiker*innen sahen darin einen Bruch mit anarchistischen Prinzipien.
Angesichts des aktuellen Streits um den Krieg in der Ukraine schrieben
Anarchist*innen aus Bulgarien an ihre Genoss*innen in verschiedenen
Ländern: „Anarchistische Schwestern und Brüder, wiederholen Sie nicht
den Fehler des alten Pjotr Kropotkin aus dem Jahr 1916, seines
‚Manifests der Sechzehn‘ während des Ersten Weltkriegs.“
Peter Nowak hat im vergangenen Jahr unter anderem mit dem in diesem Text
zitierten Gerald Grüneklee das Buch Nie wieder Krieg ohne uns…
Deutschland und die Ukraine veröffentlicht – in dem die beiden nicht
einer Meinung sind.
Peter Nowak
Erstveröffentlichungsort:
https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/wie-die-anarchisten-ueber-die-haltung-zum-russland-ukraine-krieg-streiten
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.