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USMC Archives, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

overton-magazin.de, vom 5. Mai 202625 Kommentare
Die NATO plant derzeit den Zugriff auf Film und Kino. Sie möchte, dass Filmschaffende ihren Zuschauern NATO-Propaganda vorsetzen.

Die britische Tageszeitung The Guardian meldete kürzlich exklusiv, dass die NATO »geschlossene Treffen mit Film- und TV-Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten in ganz Europa und den USA« abhält. Das Militärbündnis will die Kunst – in dem Fall den Film – nutzen, um Propaganda zu machen. Drei Treffen soll es bereits gegeben haben: In Los Angeles, Brüssel und Paris. Im kommenden Monat soll ein weiteres Treffen in London stattfinden. Dort will man die Drehbuchautoren der Writers‘ Guild of Great Britain treffen. Der Verband vertritt die britischen Schriftsteller. The Guardian berichtet außerdem, dass das anstehende Treffen von der schreibenden Zunft mit Bestürzung quittiert wurde. Die Schriftsteller möchten offenbar nicht zur Propaganda für die NATO beitragen.

Der Zugriff auf den Film, um Propaganda unter die Menschen zu bringen, ist freilich nicht neu. Schon als junges Medium nutzte man den Film, um Botschaften zwischen Popcorn und Cola unter das Publikum zu mischen. Wenn man so will, ist der zeitgenössische Film voller Propaganda – wenn auch nicht für die NATO. Der Kanon identitätspolitischer Betrachtungen findet aber sehr wohl im heutigen Filmschaffen Anwendung und Anklang. Der Schritt, die Branche dazu zu bringen, nun auch »etwas für die NATO« zu tun, muss man fast schon als konsequent einordnen. Und man kann sich fragen, warum sie nicht schon viel früher aktiv wurde, um im großen Stil zu propagieren Filmschaffende haben zu allen Zeiten Propaganda gemacht – und dies eben nicht nur in den despotischeren Teilen der Welt, sondern auch im »guten Westen«.

Why we fight

Lange Zeit hatte Franklin D. Roosevelt den Amerikanern versprochen, sich aus dem dräuenden und später aktiven Krieg in Europa herauszuhalten. Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges, in dem fast 120.000 amerikanischer Soldaten ihr Leben gelassen haben, prägte noch die Wahrnehmung der US-Bevölkerung – der wiederaufflammende US-Isolationismus der Nachkriegsjahre war ein Produkt dieses außenpolitischen Abenteuers. Roosevelt wurde aber sukzessive von den Briten in den Krieg gezogen. Erst mittels Waffenlieferungen und Kredite, dann – weil man in den USA befürchtete, dass die Rechnungen bei einer britischen Niederlage nie beglichen würden – auch durch Truppenverstärkungen. Nach Pearl Habor akzeptierte die amerikanische Öffentlichkeit den Krieg im Pazifik – aber warum sollten »amerikanische Jungs« schon wieder in Übersee sterben?

Nach wie vor blieb die Öffentlichkeit skeptisch, was den Krieg in Europa betraf. Für Washington war klar, dass hier propagandistisch aufgerüstet werden musste. Das United States Office of War Information engagierte daher den Starregisseur Frank Capra (viermal Regie-Oscar), um eine Reihe namens »Why we fight« umzusetzen – natürlich finanzierte die US-Behörde die gesamte Produktion. Auf diese Weise entstanden zwischen 1942 und 1945 sieben Teile für das Kinoprogramm, die zunächst die Amerikaner überzeugen sollten, für die richtige Sache zu kämpfen – später sollten die Teile den Durchhaltewillen in der Bevölkerungen und bei den Truppen stärken.

Die Filme erklärten, rechtfertigten und emotionalisierten den Krieg – sie zeichneten ein klares Bild von Gut und Böse, von Bedrohung und moralischer Pflicht. Capra griff dabei auf dokumentarisches Material zurück, kombinierte es mit dramaturgischen Mitteln und schuf so eine Erzählung, die gleichermaßen informierte und die Gefühle steuerte. Das Ziel war nicht unbedingt Aufklärung, sondern Mobilisierung. Die Filme wurden zunächst für Soldaten produziert, fanden aber bald ihren Weg in die breite Öffentlichkeit und in die Kinos. Um die 54 Millionen Amerikaner sollen die Reihe im Lichtspielhaus gesehen haben – zum Vergleich: Der damals erfolgreichste Film aller Zeiten »Vom Winde verweht« wurde bei der US-Erstaufführung von geschätzt 20 Millionen Menschen gesehen.

Einige Jahrzehnte später, im Kontext des Vietnamkrieges, setzte das US-Militär erneut auf Hollywood. Ein wachsender Teil der Bevölkerung lehnte diesen Krieg im Dschungel ab, der sich sukzessive zu einem Massengrab für Vietnamesen wie US-Soldaten entwickelte. John Wayne wurde zum Gesicht des Patriotismus. Besonders sein Film »Die grünen Teufel« ist ein Paradebeispiel für die Propaganda jener Jahre. Wayne übernahm nicht nur die Hauptrolle, sondern führte auch – zusammen mit Ray Kellogg − Regie bei dem patriotischen Manifest, das aller Welt zeigen sollte, dass die amerikanische Sache gerecht sei. Wayne selbst hatte im Vorfeld US-Präsident Lyndon B. Johnson um Finanzierungshilfe gebeten. Renata Adler kommentierte damals in der New York Times: »The Green Berets is a film so un­speak­able, so stu­pid, so rot­ten and false in every de­tail …« Und die Zeit schrieb damals, 1968: »Ein ekelhaftes Dokument amerikanischer Selbstgerechtigkeit«. Anders als im Zweiten Weltkrieg traf diese Form der Darstellung also auf eine zunehmend kritische Öffentlichkeit.

Liebesgrüße aus Moskau

John Wayne war der Held vieler amerikanischer Jungs, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahre seine Filme sahen. In seinen Western spielte er den kühnen, wortkargen Star, den strong, silent type. Einen zutiefst amerikanischen Kerl, der anpackt, ein Macher ist – trinkt und nicht umfällt. So sahen sich die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg am liebsten. Die Veteranen des Vietnamkrieges fremdelten plötzlich arg mit dem Helden ihrer Kindheit, der durch seinen Propagandafilm das Morden im Dschungel glorifizierte. Das United States Department of Defense unterstützte den Film mit Statisten, Militärausrüstung und militärischer Beratung – außerdem erlaubte es Dreharbeiten auf Militärbasen. Waynes Propaganda hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis der Nation eingeschrieben – es hat seinem Ansehen geschadet und hängt ihm auch posthum nach. Wayne litt wohl darunter, so sagte seine Witwe viel später, dass er im Zweiten Weltkrieg ausgemustert wurde. Gerne hätte er für sein Land gekämpft. (Henryk Gondorffs Artikel befasst sich mit diesem Thema.) Mit »Die grünen Teufel« konnte er nun einen Beitrag leisten.

Der Kalte Krieg brachte aber generell eine neue, subtilere Form der Propaganda hervor – denn sie war eingebettet in Unterhaltung. Glamourös verpackt kam sie daher. Und sie war international erfolgreich. Die James-Bond-Filme sind ein glänzendes Beispiel für diese Form der Entertainment-Propaganda. Auch wenn die NATO in der Reihe selten explizit erwähnt wird, operiert Bond als Agent im Dienst seiner Majestät und damit des »guten Westens«. Seine Missionen sind immer ein wenig mehr als bloße Abenteuer: Sie reproduzieren ein Weltbild, in dem westliche Werte als universell dargestellt werden, die es um jeden Preis zu verteidigen gilt. Nicht selten vereitelt er die Vernichtung der Erde. Dabei ist stets eines klar: Nur die anderen haben es auf die Welt abgesehen – der Westen jedoch nicht, er rettet sie. Im Westen ist man der Anwalt der Vernunft. Die Gegenspieler – oft sowjetische Agenten oder Organisationen mit östlichem Bezug – erscheinen fast immer eindimensional. Ihre Motive bleiben häufig diffus, ihre Weltsicht ist kalt und bedrohlich und eben zerstörerisch. Daneben steht der Westen – man könnte auch sagen: die NATO – in fürsorglicher Selbstlosigkeit.


Auch andere Filme der Zeit greifen ähnliche Muster auf. Der Film »Top Gun« aus den Achtzigerjahren verzichtet weitgehend auf konkrete politische Gegner, setzt aber stark auf die Ästhetisierung militärischer Stärke. Die United States Navy war bei den Dreharbeiten behilflich: Sie stellte Kampfjets und Piloten – eine Hilfe- und Dienstleistung, die für eine reguläre Filmproduktion kaum bezahlbar gewesen wäre. Außerdem erlaubte sie Dreharbeiten auf Flugzeugträgern, gewährte militärische Beratung und unterstütze Luftaufnahmen und produzierte Luftmanöver, die im Film zu sehen sein sollten. Kampfjets werden zu Symbolen von Freiheit und Überlegenheit – besonders die Kameradschaft wird stark in den Fokus gerückt. »Top Gun« hatte nachweislich Einfluss auf die Wahrnehmung des Militärs und führte, so erklärte die US Navy selbst, zu einem Anstieg von Rekrutierungszahlen. Viele Jahre hatte die Navy jedenfalls behauptet – der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung scheint jedoch gering zu sein. Das war quasi die Propaganda nach der Propaganda.

Die Manipulation durch Propaganda auf der Leinwand hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts stark verändert: Zunächst war sie dokumentarischer Natur – Capra wählte diesen Ansatz. Der Regisseur war jedoch nicht der einzige Star aus Hollywood, der sich einspannen ließ. Von James Stewart bis Marlene Dietrich leistete jeder seinen Dienst – natürlich immer mit einer Kamera in der Nähe, die das Engagement für Propagandazwecke festhielt. Wobei man der Fairness sagen muss, dass der Schauspieler Stewart als Colonel tatsächlich in Gefechte verwickelt war. Später bettete man die Propaganda in packende Geschichten ein und stattet sie mit charismatischen und coolen Figuren aus – oder mit Shootingstars wie Tom Cruise in »Top Gun« –, die in beeindruckender Bildkomposition agierten. Offenbar war dieser Ansatz effektiver: 48 Millionen Tickets setzte »Top Gun« im Erscheinungsjahr ab. Annähernd so viel wie Capras Siebenteiler in den Vierzigerjahren.

Best Performance in a NATO-Role

Die NATO, die nun den Film und das Fernsehen für sich in Anspruch nehmen will, wird sicherlich eine unterhaltsame Propaganda ins Auge fassen. Ein gut platzierter Hinweis hier, eine bombastische Story dort. Warum lassen sich Filmschaffende, immerhin Mitglieder einer Branche, die Kreativität ausschlachtet, von den eher wenig kreativ begabten Feldjägern militärischer Propagandaabteilungen immer wieder einfangen? Die Gründe sind wohl ganz profaner Art: Filme zu drehen ist teuer, sehr aufwendig und oft abhängig von externer Unterstützung. Militärische Institutionen bieten fast exklusiven Zugang zu Ausrüstung, Drehorten oder Expertise – die Nutzung dieser Ressourcen ist freilich an Bedingungen geknüpft. So werden Drehbücher geprüft und notfalls umgeschrieben, Inhalte angepasst und auf diese Weise lenkt man die Narrative. Und dann gibt es, jedenfalls im europäischen Raum, staatliche Fördergelder, die locken können und deren Ausbleiben Druck aufbaut auf Filmschaffende.

Hinzu kommt noch ein kultureller Faktor: Viele Filmschaffende verstehen sich nicht als Propagandisten, sondern als Erzähler. Wenn sich ihre Geschichten mit politischen Interessen überschneiden, sehen sie das als Kollateralschaden an. Hauptsache die Geschichte kann erzählt werden. Überzeugung und Opportunität sind nicht schädlich – aber auch nicht notwendig. Zwang ist also nur bedingt notwendig – der Einfluss wird subtiler über Fördergelder, Kooperationen, Zugang zu Ressourcen und Netzwerken geregelt.

Die Propaganda, die nun auf Initiative der NATO in den Lichtspielhäusern und im Unterhaltungsprogramm der Fernsehsender droht, wird vermutlich geprägt sein durch eine leise Verschiebung der Perspektiven – eine, die man ohnehin schon aus dem Feuilleton oder politischen Talkshows kennt, die aber nun auch in die Nischen vordringen soll, die eher unverdächtig für politische Bildung sind. So plump wie John Wayne wird man es doch nicht probieren wollen? Oder ist es vielleicht zu befürchten, dass es die Plattheit ist, die heute punktet – ein ganzer Kosmos voller idiotischer Videos auf YouTube, TikTok und Co. legt das jedenfalls nahe.

Man möchte Mäuschen sein, wenn sich bald schon die Verantwortlichen für Fragen der Propaganda innerhalb der NATO mit hochrangigen Drehbuchautoren und Regisseuren in London treffen, um das Nötige zu besprechen. Aber natürlich gilt wie immer, wenn im Westen etwas in dieser Richtung geschieht, die wichtige Parole: Propaganda gibt es nur in Diktaturen! Propaganda macht nur einer wie Putin! Sicher – das tut er. Er sollte bei der NATO hospitieren, da kann er lernen, wie man Propaganda so macht, dass sie Spaß macht und auch noch Millionen an den Kinokassen einbringt. Und wer weiß, den einen oder anderen, der heute plötzlich trauert, weil er nie im Schützengraben liegen konnte, der trauert wie einst John Wayne, findet vielleicht in Propagandafilm eine neue Berufung …


Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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