Artikel: Von der Trauma- zur Abstiegsgesellschaft: Der Osten gibt dem Westen die Quittung
aus e-mail von Davide Brocchi, 2. September 2024, 19 Uhr
Von der Trauma- zur Abstiegsgesellschaft: Der Osten gibt dem Westen die Quittung
Stimmung. Für das westdeutsche Kapital sind die neuen Bundesländer nur ein billiger Investitionsstandort. Seit Jahrzehnten gibt es schwache Gewerkschaften und niedrige Löhne im Osten. Haben wir geglaubt, die Menschen würden das einfach hinnehmen?
Von Ingar Solty<https://www.freitag.de/autoren/ingar-solty>
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Die allermeisten westdeutschen Journalisten finden die politischen Mehrheitsverhältnisse in Ostdeutschland, die lange von der Linkspartei wurden und heute von AfD und BSW dominiert werden, grundsätzlich unappetitlich. So wie sie in den 1990er-, 2000er- und frühen 2010er Jahren nicht über die PDS beziehungsweise die aus ihr hervorgegangene Linke berichten konnten, ohne sie durchgängig als „SED-Nachfolgepartei“ oder „Mauerschützenpartei“ zu diffamieren und Meinungsmache an die Stelle von nüchterner Analyse und Berichterstattung setzten, so angeekelt berichtet man heute über AfD und das im Januar gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW).
Man zieht sogar mit Schaum vor dem Mund über den Osten her, der diese Parteien wählt. Dass jeder mit dem moralisch hoch erhobenen Zeigefinger geschriebene Artikel den angeprangerten Parteien eher Wähler zutreibt, als sie von ihrem Wahlentschluss abzuhalten, begreifen leider die Wenigsten.
Wo dieser fragwürdige Kampagnenjournalismus aus ehrlichem Impuls erfolgt, bleibt er notwendig in den Fängen eines „hilflosen Antifaschismus“ kleben. Es ist eine possierliche Don Quichotterie, AfD-Wählern, die die Partei mittlerweile schon etwa zur Hälfte aus Überzeugung und einem mehr oder weniger geschlossen rechtsextremen Weltbild wählen, von ihrer Wahlentscheidung abzubringen, indem man skandalisiert, welche Neonazis jetzt gerade für sie als Mitarbeiter im Bundestag arbeiten.
Die Ausbreitung eines Flächenbrands vereitelt man nicht, indem man mitten in der Feuersbrunst, die als Feuerwalze von allen Seiten auf einen zugerast kommt, „Brandmauern“ zu errichten trachtet. Man löscht sie, indem man sachlich der Brandursache nachspürt und dann zielgerichtet Löschwasser bereitstellt, das den Brandherd der lodernden Flammen unter Kontrolle bringt. Dies allein ist der Weg, mit dem wenigstens die andere Hälfte erreicht werden kann, die die AfD noch nur aus Enttäuschung über alle anderen Parteien wählt. Bisher funktioniert das leider noch nicht.
Was wir heute bräuchten: Zuhören statt Niederschreien
Sämtliche an der Bundesregierung beteiligten Parteien haben bei den Landtagswahlen in Sachsen und in Thüringen eine krachende Wahlniederlagen erlitten. In Summe kommen die Ampelparteien in Thüringen auf um die zehn Prozent, in Sachsen auf etwa 12 bis 13 Prozent. Ein größeres Misstrauensvotum ist kaum vorstellbar.
Vom Vertrauensverlust wesentlich profitieren wird dabei vor allem die AfD, die in Thüringen stärkste, in Sachsen zweitstärkste Partei wurde und womöglich auch in Brandenburg stärkste Partei werden dürfte. Ein weiterer Profiteur der Krise ist das BSW. Von der Berliner Zeitung, einer der wenigen immer noch ostdeutsch geprägten Tageszeitungen in Deutschland, wird Wagenknecht schon zur eigentlichen „Ostbeauftragten“ gekrönt.
Die aus Jena stammende Politikerin, die Koalitionen mit der AfD bis zuletzt „selbstverständlich“ ausgeschlossen hat, hat gleichzeitig immer wieder Verständnis für ihre Wählerinnen und Wähler geäußert. Viele würden, sagte sie im vergangenen Oktober auf der Bundespressekonferenz, mit der das BSW angekündigt wurde, ihr Kreuz bei der AfD machen „nicht weil sie rechts sind, sondern weil sie wütend sind.“ Für sie wolle Wagenknecht, die in den vergangenen Tagen und Wochen migrationspolitisch sehr stark an die autoritäre Rhetorik der AfD angelehnt hat, ein „seriöses Angebot“ sein.
Die gesellschaftlichen Ursachen des besonderen Wahlverhaltens im Osten zu ergründen, dem sich – das haben die Hessen-, die Bayern- und auch die Europawahl in den vergangenen 12 Monaten gezeigt – der Westen zunehmend angleicht, setzt nüchterne Beobachtung voraus. Es erfordert Zuhören statt Niederschreien. Das Zuhören wird jedoch erschwert durch die Tatsache, dass die östliche Perspektive in der Öffentlichkeit so gut wie nicht vorkommt. Das hat Gründe.
Der wesentliche ist, dass dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik immer auch koloniale Züge innewohnten. Bei der sogenannten „friedlichen Revolution“ wurde nicht nur die alte Gesellschaftselite geköpft. Es kamen alles in allem nicht einmal die Revolutionäre an die Macht. Ihre Hände blieben leer. Wie der Elitensoziologe Michael Hartmann und andere dokumentiert haben, profitierten von der Abwicklung der DDR-Funktionselite fast ausschließlich Westdeutsche. Sie übernahmen nicht nur die gewinnträchtigen Betriebe und Ländereien. Sie besetzten vor allem auch die hohen Positionen in der Wissenschaft, im Journalismus, in Film und Fernsehen, in der breiteren Kultur, in der Politik, im Justizwesen, in der Polizei und der Armee.
Zwei Drittel aller Soldaten in Afghanistan waren ostdeutsch – aber keiner der Generäle
Wer in den alten Bundesländern keinen Platz gefunden hatte, okkupierte jetzt die freigewordenen Stellen im Osten. Das ganz typische Bild war und ist in großen Teilen bis heute, dass Ostdeutschland fortan beispielsweise rund die Hälfte aller Rekruten der Bundeswehr und zwischenzeitlich fast zwei Drittel aller Soldaten im Afghanistankrieg stellte, aber keine Generäle. Typisch war, dass die alten Tageszeitungen zwar ihre Namen behielten, nun aber westdeutschen Eigentümern und Konzernen gehörten, die in der Regel ihre eigenen (Chef-)Redaktionen mitbrachten. Diese postkommunistische Diskontinuität in der um das DDR-Territorium erweiterte Bundesrepublik stand dabei in eklatantem und bezeichnendem Gegensatz zur faschistischen Kontinuität der alten Nazieliten in der alten Bundesrepublik, die sich von der Politik bis tief in die Filmkultur erstreckte.
Und wir Westdeutschen haben geglaubt, dass all das reibungslos über die Bühne geht? Dass die Ostdeutschen das über sich ergehen lassen, ohne zu murren?
Mit der weitgehenden Übernahme der ostdeutschen Öffentlichkeit durch Westdeutsche verschwand auch ein großer Teil der DDR-sozialisierten Stimmen, der Erfahrungen vor und vor allem nach 1989. Eine Perspektivenverschränkung hat seither kaum noch stattgefunden. Das hatte auch mit Mentalität der Sieger gegenüber den Besiegten und ihrer auch symbolisch entwerteten Erfahrung zu tun. Wie die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf, die zu jenen wenigen DDR-sozialisierten Autorinnen und Autoren gehörte, die noch in der Öffentlichkeit vorkommen mochten, weil sie in der alten BRD als Dissidentin vermarktet worden waren, kritisierte immer wieder, dass der Westen sich nie für den Osten interessiert habe. Andere, die noch gehört werden, weil sie wie Ingo Schulze oder Annett Gröschner zu den „Wende“-Akteuren gehören und sich dann in einer Position sahen, Errungenschaften der von ihnen kritisierten DDR gegen die neuen Machtverhältnisse in der BRD zu verteidigen, wie etwa die Frauenrechte, dringen gelegentlich mit ähnlichen Äußerungen durch.
Kritische und differenzierende Stimmen aus dem Osten sind alles in allem aber seltene Randerscheinungen geblieben. In der Regel redet Westdeutschland über Ostdeutschland. Mehr noch: Es tut dies wie die überforderten Eltern im Bekanntenkreis über ihre „störrischen“ Kinder klagen. Darüber, wie sie ihnen Probleme bereiten, ständig aufmüpfig Widerworte geben, in der Schule nicht aufpassen und versetzungsgefährdet sind, womöglich Drogen nehmen und den Ausbildungsplatz schmeißen.
Ständig müssen sich Ostdeutsche bewähren, ihren „Eltern“ gefallen. Für den in Gotha geborenen und an der Universität Leipzig lehrenden Germanisten Dirk Oschmann ist der Osten eine westdeutsche Fiktion und zugleich passiv bleibendes Opfer. Im „seit 1989 herrschenden Diskurs“ stehe der Osten synonym für Hässlichkeit, Dummheit, Faulheit, Rassismus, Chauvinismus, Rechtsextremismus und Armut. Mehr noch: Ostdeutsche müssen sich nicht nur für ihre Gegenwart, sondern auch für ihre Vergangenheit rechtfertigen.
Auch sie, ihr Leben in der DDR, wird nachträglich zu einer – wie die britisch-ostdeutsche Historikerin Katja Hoyer in der Einleitung zu ihrem Buch Diesseits der Mauer schreibt – Fiktion, weil sie fast ausschließlich von Westdeutschen geschrieben worden sei. Die DDR eignet sich dabei hervorragend, um ihre Leiche auch 35 Jahre nach ihrem Ableben für die nach 1990 vollzogenen und geplanten Mordtaten des Rechtsextremismus verantwortlich zu machen, ja für überhaupt alles, was im Osten nicht der westdeutschen bürgerlichen Norm entspricht.
Immer wieder wird die These vertreten: Im Ergebnis der Erfahrungen im Realsozialismus sei der Osten nicht demokratiefähig, weise autoritäre Denkstrukturen auf, sehne sich nach Diktatur. Die jüngste Wiederauflage dieser alten These stammt von Ilko-Sascha Kowalczuk, der mit seinem neuen Buch Freiheitsschock in den bürgerlichen Medien breit rezipiert wird, weil er sich als 1967 noch in Ostberlin geborener Historiker als Kronzeuge und gleichzeitig Kampagnenreiter für die etablierten Verachtungsdiskurse gegenüber den Ostdeutschen hervorragend eignet.
Kowalczuk, der ukrainische Wurzeln hat und sich seit Beginn des Kriegs auf seinen ukrainisch-nationalistischen Großvater als „Freiheitskämpfer“ gegen den (russischen) Kommunismus beruft und sicherlich auch darum keine andere Deutung des Ukrainekriegs zulassen kann als die vom Schicksalskampf zwischen freiheitlichem Westen und quasifaschistischem Osten, trägt den Ostdeutschen heute besonders ihre Gegnerschaft zu Waffenlieferungen an den ukrainischen Staat, die Sorge vor einer Eskalation des Krieges in einen Dritten Weltkrieg und die sich daraus ergebende Forderung nach diplomatischen Auswegen nach. Das heißt: alles, was den Aufschwung von BSW und auch der AfD im Osten wesentlich erklärt.
Wer die Waffenlieferungen kritisiere, sei – als „Spätfolge der kommunistischen Indoktrination“ – schlicht „gegen den Westen“. Zwei Drittel der Ostdeutschen“ fasste er zuletzt seine Thesen im Interview mit ntv zusammen, hätten „ein Problem mit Demokratie und Freiheit“. Putin stehe für ein „autoritäres Staatssystem, das auch AfD und BSW anstreben“ würden. Sahra Wagenknecht, hielt sich Kowalczuk im ZDF-Interview an der verhassten ostdeutschen Oppositionspolitikerin schadlos, wolle eine „Wladimira Putina“ sein.
Carsten Schneider: „Ostdeutsche bald auf der Sonnenseiten des Kapitalismus“
Zum Glück gibt es den „Ostbeauftragten“ Carsten Schneider (SPD), sollte man meinen, oder? In seiner Funktion fordert dieser, dass Ostdeutschland „mehr Gehör finden“ müsse. Das, was er hört, findet er jedoch ungeheuerlich. Schneider ist sich der einseitigen Propaganda (west-)deutscher Medien für Waffenlieferungen bewusst und hat diese mit durchaus klugen Äußerungen über die Funktionsweise medialer Apparate kritisiert. Die im Osten mehrheitliche Kritik der Waffenlieferungen führt Schneider aber nicht auf bewusste und begründete Überzeugung zurück, sondern auf falsches Bewusstsein: „ein bisschen Antiamerikanismus, ein bisschen Naivität gegenüber Russland“. Dabei übte sich auch der Ostbeauftragte vorige Woche im ZDF in latent aggressiver Ostwählerbeschimpfung: Wenn „die Bevölkerung“ glaube, „dass sie in der richtigen Hand ist von einer Frau, die hier nicht einmal kandidiert, wie Frau Wagenknecht, dann kann ich’s auch nicht ändern“.
De facto sei die ostdeutsche Mehrheitsmeinung manipuliert: „Leider“ dringe, urteilte Schneider vorletzte Woche im Interview mit dem Tagesspiegel, „vor allem in Ostdeutschland zu oft die russische Propaganda durch“. Ja, auch im Hinblick auf den Zukunftspessimismus im Osten, der nachweislich Kennzeichen der Wählerinnen und Wähler von BSW und AfD ist, hätten die Kinder des Ostens die falsche Perspektive. Wie der Verhaltenstherapeut, der seinen von materiellen und immateriellen Nöten gepeinigten Patienten rät, doch einfach ihre Perspektive auf ihr Leben zu ändern, die Dinge positiver zu sehen, um das Seelenleiden loszuwerden, betont Schneider, im Osten sei „die Lage“ doch „deutlich besser als die Stimmung“. Das Gros der Ostdeutschen werde „sich bald auf der Sonnenseite des Kapitalismus“ wiederfinden, sagte er im November mit Blick auf die Milliardensubventionen für transnationale Halbleiterkonzerne wie Intel in Magdeburg und TSMC in Dresden.
Aber warum sind die Ostdeutschen dann so undankbare Kinder? Der Westen hat ihnen nach 40 Jahren der sozialistischen Knechtschaft die Freiheit und dazu den „Soli“-Beitrag geschenkt und dafür wählen sie jetzt so komisch? Der auch von Schneider wahrgenommene Frust, dem er mit einer Spritze Optimismus beikommen will, hat seine gesellschaftlichen und politischen Ursachen. Um die müsste es gehen, wenn einem nicht gefällt, dass am Sonntag fast ein Drittel der aktiven Wähler in Thüringen den „Faschisten“ Björn Höcke (AfD) wählt, der in seinem Buch Nie zweimal in denselben Fluss einen konkreten Plan für Bürgerkrieg, Völkermord und Staatsterror angekündigt hat.
Diese politische Entfremdung in Ostdeutschland hat nicht zuletzt ökonomische Gründe.
Wie Björn Höcke seinen Hass auf syrische Flüchtlinge begründet
Der Osten ist erstens eine traumatisierte Gesellschaft, die mit dem Namen der Treuhand verbundenen Schockprivatisierungen brachten großes Elend mit sich. Mit der in der DDR unbekannten Massenerwerbslosigkeit, dem damit verbundenen Verlust von materieller Lebensgrundlage und Sinnstiftung durch produktive Arbeit gingen für Millionen entsprechende Belastungen einher, ökonomische und auch psychische. Sie prägte eine ganze Generation und brachte als Ausdruck der schicksalhaften Kollektiverfahrung gebrochener Eltern auch die „Dritte Generation Ost“ hervor. Jeder im Realsozialismus geborene Mensch wurde durch diese markerschütternden Erfahrungen geprägt, etwa durch die häufige sozialisatorische Abwesenheit der eigenen Eltern als „Portalfiguren des Lebens“, wie es der Schriftsteller Peter Weiss einst formuliert hat.
Der Zusammenbruch der DDR ist selbst für diejenigen, die halbwegs glimpflich durch Jobverlust, Umschulungen, Umzüge (in den Westen) und dergleichen gekommen ist, ein Moment der tiefen Verunsicherung und der Erschütterung der Grundfesten des eigenen Lebens geworden. Die Ostdeutschen haben durch den Anschluss an die alten Bundesländer und die Übernahme ihres Systems letztlich eine Migrationserfahrung durchgemacht. Sie beinhaltete das – besonders für die Älteren, beruflich schon Etablierten – mühselige Erlernen gänzlich neuer, vielfach unverstandener Spielregeln, der Spielregeln eines neoliberalen Kapitalismus, oft erzwungenermaßen und gegen die von der DDR vermittelten, aber nun unter Diktaturdiktum stehenden Werte der Solidarität und kollektiven Anstrengung.
Wie lernt man etwa Selbstvermarktung des Ichs, wenn das Individuelle stets dem größeren Ganzen untergeordnet gewesen ist? Keine Geste hat das so sehr verkörpert wie der „Immer bereit“-Gruß der FDJ, der mit fünf Fingern, die die fünf Kontinente symbolisieren sollten, über den Kopf erhoben symbolisierte, dass die Menschheit und das Universelle am Ende des Tages höheres Gewicht hat als die partikularen Interessen des Einzelnen.
Die Migrationserfahrung, der Zwang zur kulturellen Assimilation an den Westen, der Zwang zur Aufgabe der „Heimat“, der Erinnerung und der eigenen Vergangenheit, teilen die Ostdeutschen mit den „Gastarbeitern“ der alten BRD genauso wie mit den russischen Kontingentflüchtlingen, die nach 1991 nach Deutschland kamen, und den Kriegsflüchtlingen, die im Ergebnis der Kriege in Jugoslawien, Afghanistan und Syrien nach Deutschland flohen. Und für nicht wenige sind die Härte gegenüber Flüchtlingen und der rassistische Hass auf Asylbewerber, die das Wahlverhalten zugunsten der AfD antreiben, Ausdruck einer emotionalen Verhärtung in Folge der eigenen Traumatisierung.
Auch Höcke kann in seinem Buch seinen Hass auf die syrischen Kriegsflüchtlinge nur mit dem Schicksal seiner Großeltern aus dem ostpreußischen Waldau begründen, die nach dem Krieg im übriggebliebenen deutschen Vaterland die „Kalte Heimat“ zu spüren bekamen. Sie hätten sich, schreibt Höcke, auch durchbeißen müssen, niemand hätte sich für sie interessiert. Warum sollten es andere plötzlich besser haben?
Schwache Gewerkschaften, niedrige Löhne
Hinzu kommt zweitens, dass der Kapitalismus den Osten auch dann, als die schlimmste Massenarbeitslosigkeit überwunden war, nicht in die „blühenden Landschaften“ verwandelte, die CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen einst im Wahlkampf für den Anschluss an die Bundesrepublik versprochen hatte. Ökonomisch betrachtet sind die neuen Bundesländer für das westdeutsche Kapital das, was die Südstaaten in den USA für die Konzerne Amerikas sind. Der Osten ist die innere Peripherie, die als Investitionsstandort die Beschäftigten der westdeutschen Konzerne disziplinieren hilft: Wie die Südstaaten der USA lockt der Osten mit vergleichsweise schwachen Gewerkschaften, löchrigeren Flächentarifverträgen, niedrigeren Löhnen und längeren Arbeitszeiten, seitdem 2003 der Kampf der IG Metall, die 35-Stunden-Woche auf die neuen Bundesländer auszudehnen, scheiterte.
Der Staat komplettiert das Bild mit niedrigeren Gehältern im TVÖD und niedrigeren Renten. Verschiedenste Kapitalinvestitionen aus dem Westens (Porsche und BMW in Leipzig, Opel in Eisenach, Mercedes in Ludwigsfelde und VW in Zwickau und Dresden) konnten die allgemeine Deindustrialisierung des Ostens in Folge der Treuhand-Politik nicht aufhalten. Zusammen mit dem „Silicon Saxony“, das der Ostbeauftragte Schneider nicht müde wird als den Segen des Kapitalismus zu preisen, sind sie Leuchttürme relativen Wohlstands in einem nach wie vor benachteiligten Teil Deutschlands.
Die tiefe Verunsicherung in Ostdeutschland wird heute, drittens, durch eben jenen Umbau der Wirtschaft, den die Ampel-Regierung vorangetrieben hat, wieder wachgerufen. Der westdeutsche Soziologe Oliver Nachtwey hat vor einigen Jahren mit seinem Buch Die Abstiegsgesellschaft für Furore gesorgt. Die von ihm beschriebene Gesellschaft war jedoch seinerzeit noch keine solche, wie er auch selbst anerkannte. Kennzeichnend war für sie eher eine breite gesellschaftliche Erfahrung, die Nachtwey mit dem Bild der „Rolltreppe abwärts“ beschrieb.
Die Bundesrepublik war seinerzeit insgesamt keine Abstiegs-, sondern vielmehr eine Abstiegsangstgesellschaft – eine Angst, die durch das finstere Zusammenspiel aus der 4. Industriellen Revolution (Digitalisierung) einerseits und dem Umbau des alten Sozial- in den neoliberalen Workfare-Staat mit seinen Sanktionsmechanismen gegen Erwerbslose als Angst vor Arbeitsplatzverlust und gesellschaftlichem Ausschluss bis tief in die Mitte hineinwirkte.
Mit dem Ukrainekrieg hat sich Deutschland nun allerdings insgesamt von einer Abstiegsangst- in eine echte Abstiegsgesellschaft verwandelt.
Energiepreise in Deutschland dreimal so hoch wie in den USA
Das Zusammenspiel aus dem Wirtschaftskrieg gegen China und auch Corona-bedingtem Zusammenbruch von Lieferketten einerseits und Ukrainekrieg, Russland-Sanktionen und Gegensanktionen andererseits haben zu einer massiven Verteuerung der Energiepreise geführt, die heute in etwa dem Dreifachen entsprechen, was die Industrie in den USA zu zahlen hat, und dem Siebenfachen, was Energie in China kostet.
Für das insgesamt überindustrialisierte Deutschland ist dies ein Problem. Hinzu kommt, dass die deutschen Autokonzerne, auf deren Wertschöpfung die industrielle Basis des Landes und die übrige Wirtschaft wesentlich fußt, zwar immer noch immens hohe Profite einfahren, aber perspektivisch die Elektromobilität verschlafen haben. Jüngst sorgte der Volkswagen-Konzern für Aufsehen mit der Ansage, dass man nicht mehr, wie eigentlich für 2025 angekündigt, beanspruche, Weltmarktführer in den neuen Technologien zu werden.
Im Gefolge des Ukrainekriegs wurden Spitzenpolitiker nicht müde, Verarmung als Zukunftsperspektive auszugeben. Deutschland werde „buchstäblich“ ärmer, sagt Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), und der CDU-Oppositionsführer und Bundeskanzler in Wartestellung, Friedrich Merz, betonte, dass „unsere“ (nicht seine) besten Jahre womöglich hinter uns (nicht ihm) lägen. Die Bundesregierung hat in dieser Situation Abstiegsängste, die der „Rohstoff“ (Oskar Negt) des Rechtsextremismus sind, verschärft.
So hat die Ampel in unverzeihlicher Weise Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit in einen Gegensatz gebracht. Die Subventionen für den Erwerb teurer E-Autos waren von Anfang an eine Umverteilung von Steuergeldern aus Lohneinkommen der Beschäftigten in die Tasche der Reichen, die sich damit einen Zweit- oder Drittwagen anschaffen konnten.
Die Individualisierung des Klimaschutzes durch das „Heizungsgesetz“, die individualisierte CO₂-Bepreisung und andere „Marktlösungen“ für die Klimakrise signalisiert den unteren Klassen, dass sie, die am Wenigsten Verantwortung für den Klimawandel tragen, und nicht die Klasse der Milliardäre den höchsten Preis dafür entrichten sollen.
Warum die unteren Klassen der Ampel das Vertrauen entzogen haben
Egal ob für die Uraltheizung im entlegenen Eigenheim, an der Zapfsäule, wo es in der Fläche des Ostens keine Alternative zum Auto gibt, weil hier nach 1991 der ÖPNV radikal zerstört wurde, oder auf dem Portal für Flugreisen: Wenn man aber vor die Wahl gestellt ist, sich zwischen der eigenen Lebensqualität und einem ungewissen Ziel „Klimaschutz“ zu entscheiden, dann ist vielen das Hemd näher als die Hose. Da erscheint die AfD-Erzählung, der zufolge gar keine Klimkatastrophe droht, plausibel. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, das wusste schon Brecht.
Dass vor allem die unteren Klassen der Ampel radikal das Vertrauen entzogen haben und für ihren Niedergang in der Wählergunst verantwortlich sind, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung gezeigt hat, sollte vor diesem Hintergrund nicht überraschen. 35 Prozent derer, die sich bei der Europawahl in Nachwahlbefragungen als „Arbeiter“ bezeichneten, gaben der AfD ihre Stimme gaben. Dazu sogar etwa ein Viertel der Gewerkschafter. Wenn ähnlich zur weißen Arbeiterklasse in den USA nun in Deutschland, angefangen im Osten, eine Proletarisierung der extremen Rechten stattfindet, dann trägt die Ampel hierfür die Verantwortung.
Die begründete Wahrnehmung, dass sich ein grüner Kapitalismus gegen die unteren Klassen richtet, vermischt mit Prozessen eines realenökonomischen Abstiegs bilden zusammen einen tödlichen Cocktail. Sie wirken vor allem im Osten, wo im Gegensatz zum Westen kein Vermögensspeck gewisse Grundsicherheit mit sich bringt, wie eine Retraumatisierung, nach dem Motto: Bitte nicht noch einen radikalen Umbruch im Leben, nicht noch einen Bruch in der (Erwerbs-)Biografie. Bitte nicht noch einen Zusammenbruch einer Gesellschaft.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.




