Das Paradoxon des Überflusses

forumgeopolitica.com, vom Di. 05 Mai 2026 18, Anthony Deden
Der Wandel von Knappheit zu Überfluss stellt eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit dar. Erwartungen, Kreditausweitung und Spekulation untergraben still und leise die Grundlagen, auf denen wahrer Wohlstand beruht.
Anfang der 1960er Jahre, als ich die dritte Klasse einer Grundschule in Athen besuchte, prägte sich mir ein scheinbar unbedeutendes Ereignis tief ins Gedächtnis ein. Eines Tages verkündete der Lehrer, dass wir Besuch bekommen würden. Kurz darauf betrat ein gut gekleideter Mann mit einem kleinen Koffer das Klassenzimmer. Wir erfuhren, dass er der örtliche Leiter der Postsparkasse war. Sein Anliegen war einfach: Er wollte vor einem Raum voller Kinder darüber sprechen, wie wichtig es ist, Geld zu sparen.
Er sprach über Geduld, darüber, kleine Beträge beiseite zu legen, und über die stille Sicherheit, die das Sparen mit der Zeit bringen könne. Am Ende seines Besuchs überreichte er jedem Kind eine kleine, robuste Metallspardose zum Mitnehmen – eine, die nur in der Postfiliale geöffnet werden konnte, wo der Schlüssel aufbewahrt wurde. Die Geste an sich war bescheiden, aber die Lektion war unmissverständlich. Sparen war nicht nur eine finanzielle Praxis; es war eine Charaktereigenschaft. Man lernte, die sofortige Befriedigung aufzuschieben, um etwas Besseres für die Zukunft zu erreichen.
Wenn man heute zurückblickt, fällt auf, wie weit diese kleine Lektion von der Wirtschaftskultur der modernen westlichen Welt entfernt zu sein scheint. Die Vorstellung, dass ein Beamter eine Schulklasse besucht, um Kinder zum Sparen zu ermutigen, wirkt heute fast schon kurios. In vielerlei Hinsicht scheint die Tugend des Sparens aus dem Mittelpunkt des Wirtschaftslebens verschwunden zu sein.
Doch während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war das zentrale wirtschaftliche Problem die Knappheit. Gesellschaften kämpften darum, genügend Nahrung, Unterkunft und materielle Güter zu produzieren, um sich selbst zu versorgen. Unter solchen Bedingungen hing das Überleben von Sparsamkeit, Disziplin und Zurückhaltung ab. Sparen hatte eine moralische Bedeutung: die Erkenntnis, dass die Zukunft ungewiss und die Ressourcen begrenzt waren. Die Vorstellungen von Besonnenheit, Geduld und umsichtigem Umgang mit Ressourcen erwuchsen direkt aus dieser Realität. Dies waren die Tugenden, die mit dem Wirtschaftsleben verbunden waren.
Der Aufstieg der modernen Industriegesellschaft veränderte diese Situation in einer Weise, die sich frühere Generationen kaum hätten vorstellen können. Technologische Innovationen, Massenproduktion und die Organisation der modernen Industrie führten zu einer dramatischen Steigerung der Produktionskapazitäten der fortgeschrittenen Volkswirtschaften. In Ländern wie den Vereinigten Staaten ging es allmählich nicht mehr darum, wie man genug produzieren könne. Stattdessen begann die Wirtschaft, weit mehr Güter zu produzieren, als für das bloße Überleben notwendig waren. Zum ersten Mal in der Geschichte schien das wirtschaftliche Umfeld eher von Überfluss als von Knappheit geprägt zu sein.
Dieser Wandel betraf nicht nur die Produktion. Wenn Wohlstand zur Normalität wird, gehen die Menschen davon aus, dass er auf unbestimmte Zeit anhalten wird. Konjunktureinbrüche, die einst als Teil des natürlichen Rhythmus des Wirtschaftslebens akzeptiert wurden, erscheinen nun unerträglich, und die Regierungen geraten unter Druck, Stabilität zu wahren und Wachstum aufrechtzuerhalten – selbst dann, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen normalerweise Anpassungen erfordern würden.
Als Reaktion auf diese Erwartungen greifen politische Entscheidungsträger zunehmend auf geld- und finanzpolitische Instrumente zurück, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten. Die Kreditvergabe wird ausgeweitet, Zinssätze werden angepasst und Finanzsysteme werden dazu angehalten, die Nachfrage zu stützen. Diese Maßnahmen mögen kurzfristig den Wohlstand fördern, doch auf Dauer können sie neue Formen der Instabilität hervorrufen – insbesondere hinsichtlich des Geldwerts selbst.
Hierin liegt das Paradoxon des Überflusses. Der Erfolg der industriellen Zivilisation weckt Erwartungen, die politische Maßnahmen begünstigen, welche wiederum die Grundlagen langfristiger Stabilität untergraben können. Einmal erreichter Wohlstand erzeugt einen Druck, der es zunehmend erschwert, ihn zu bewahren.
Von der Knappheit zum Überfluss
Um zu begreifen, wie tiefgreifend dieser Wandel ist, muss man sich vor Augen führen, wie ungewöhnlich Überfluss aus historischer Sicht ist. Über ganze Jahrhunderte hinweg spielte sich das Wirtschaftsleben innerhalb enger materieller Grenzen ab. Die landwirtschaftliche Produktivität war bescheiden, der technologische Fortschritt langsam und der Spielraum zwischen Selbstversorgung und Not gering. Die meisten Menschen lebten am Rande des Existenzminimums.
Unter solchen Bedingungen legte die Wirtschaftskultur Wert auf Vorsicht und Weitsicht. Familien legten Getreidevorräte für künftige Engpässe an, bildeten nach Möglichkeit bescheidene Ersparnisse an und gingen mit Schulden äußerst zurückhaltend um. Die wirtschaftlichen Tugenden, die sich unter den Bedingungen der Knappheit entwickelten – Besonnenheit, Sparsamkeit und Zurückhaltung – waren praktische Antworten auf die Ungewissheiten des Lebens.
Die industrielle Revolution veränderte dieses Umfeld grundlegend. Die Mechanisierung vervielfachte die menschliche Produktivität. Verkehrsnetze verbanden regionale Volkswirtschaften zu nationalen Märkten. Fabriken produzierten Güter in Mengen, die für frühere Generationen unvorstellbar gewesen wären. Mit der Ausweitung der Produktion verlagerte sich die zentrale wirtschaftliche Herausforderung allmählich.
Das Problem bestand nicht mehr nur darin, genügend Güter zu produzieren. Es ging nun darum, sicherzustellen, dass diese Güter auch gekauft würden. Wenn die Produktion schneller steigt als der Verbrauch, hängt die Stabilität des Wirtschaftssystems zunehmend von der Aufrechterhaltung der Nachfrage ab.
Dieser Wandel hatte tiefgreifende kulturelle Folgen. In einer von Überfluss geprägten Gesellschaft wird der Konsum zu einer zentralen wirtschaftlichen Aktivität und nicht mehr nur zu einem sekundären Ergebnis der Produktion. Wirtschaftliche Vitalität misst sich nicht nur daran, was produziert wird, sondern auch daran, wie schnell sich Waren auf dem Markt bewegen. Die Teilnahme am Konsum wird zu einem Zeichen wirtschaftlicher Gesundheit.
Ein solcher Wandel bedeutet mehr als nur einen wirtschaftlichen Wandel. Er markiert einen zivilisatorischen Wandel. Die Gewohnheiten und Annahmen, die unter Bedingungen der Knappheit entstanden sind, verschwinden nicht sofort, sondern verlieren nach und nach ihre zentrale Rolle bei der Prägung des Verhaltens. In dem Maße, wie Wohlstand zur selbstverständlichen Lebensgrundlage wird, beginnt das moralische Gerüst, das sich unter Bedingungen der Knappheit entwickelt hat, zu bröckeln.
Wenn Wohlstand zur Selbstverständlichkeit wird
Überfluss verändert die Art und Weise, wie Einzelpersonen und Gesellschaften über das Wirtschaftsleben denken. Erwartungen passen sich dem Umfeld an, in dem die Menschen leben. In einer von Knappheit geprägten Welt gehen die Menschen davon aus, dass Ressourcen begrenzt und ungewiss sind. In einer von Überfluss geprägten Welt beginnen sie anzunehmen, dass der Wohlstand andauern wird.
Diese veränderten Erwartungen machen es schwieriger, wirtschaftliche Schwankungen zu tolerieren. Rezessionen und Konjunkturabschwünge, die einst als normale Anpassungen galten, erscheinen nun als Versagen der Wirtschaftspolitik. Die Öffentlichkeit erwartet zunehmend von Regierungen und Wirtschaftsbehörden, dass sie schwerwiegende Störungen verhindern und für Stabilität sorgen.
Überfluss verändert auch den moralischen Ton des Wirtschaftslebens. In früheren, von Knappheit geprägten Wirtschaftskulturen galt Sparen als praktische Notwendigkeit. Wenn jedoch Güter und Einkommen im Überfluss vorhanden sind, verliert Sparsamkeit an Dringlichkeit. Der Konsum gewinnt an gesellschaftlicher Bedeutung. Ausgeben wird mit wirtschaftlicher Vitalität assoziiert, während Sparen passiv oder gar kontraproduktiv erscheinen mag.
Im Laufe der Zeit kann dieser Wandel die moralische Gewichtung des wirtschaftlichen Verhaltens subtil umkehren. Während frühere Generationen Zurückhaltung und Vermögensaufbau bewunderten, belohnen moderne Gesellschaften oft die Teilnahme am wachsenden Waren- und Kapitalkreislauf. Wirtschaftlicher Erfolg wird zunehmend mit Aktivität auf den Märkten assoziiert und weniger mit der stillen Bewahrung von Reserven.
Diese Einstellungsänderungen vollziehen sich schrittweise, sind aber von großer Tragweite. Wenn Wohlstand als Normalzustand erscheint, verlieren die Menschen möglicherweise die Disziplin aus den Augen, die zu seiner Aufrechterhaltung erforderlich ist. Das Wirtschaftssystem stützt sich nicht mehr nur auf die Produktion, sondern auch auf die Erwartung, dass der Wohlstand anhält.
Diese Erwartungen beschränken sich nicht auf die Einstellung einzelner Menschen, sondern beeinflussen auch die Politik in dem Sinne, dass diese aufgefordert ist, Wege zu finden, um die Bedingungen aufrechtzuerhalten, die nun als normal angesehen werden. Wenn sich die Erwartungen verschieben, reagiert die Politik. Regierungen stehen unter starkem Druck, die Arbeitslosigkeit zu senken, Finanzkrisen zu verhindern und ein stetiges Wachstum aufrechtzuerhalten. Die dafür verfügbaren Instrumente liegen zunehmend im Finanz- und Währungssystem.
Moderne Bankensysteme ermöglichen es, Kredite über die Grenzen der vorhandenen Ersparnisse hinaus auszuweiten. Durch die Senkung der Zinssätze oder die Erhöhung der Geldmenge können politische Entscheidungsträger Kreditaufnahme, Investitionen und Ausgaben fördern. Kurzfristig können diese Maßnahmen die Wirtschaftstätigkeit ankurbeln und die Auswirkungen von Konjunkturabschwüngen abmildern.
Wenn das Wachstum stark von Krediten abhängt, werden die Finanzstrukturen nach und nach anfälliger. Die Verschuldung steigt, die Vermögenspreise steigen, und die Erwartungen hinsichtlich des künftigen Wachstums prägen die Finanzmärkte.
Infolgedessen spielt die Geldpolitik eine immer zentralere Rolle im Wirtschaftsleben. Die Finanzmärkte reagieren zunehmend empfindlich auf politische Signale, und die wirtschaftliche Stabilität wird eng mit den Entscheidungen der zentralen Behörden verknüpft. Was als gelegentliche Intervention begann, kann sich nach und nach zu einem System entwickeln, in dem der anhaltende Wohlstand von einer fortwährenden geldpolitischen Unterstützung abzuhängen scheint.
Diese Dynamiken wirken nicht isoliert. Im Falle der Vereinigten Staaten werden sie durch die Struktur des internationalen Währungssystems verstärkt. Als weltweit führende Reserve- und Handelswährung wird der Dollar in enormen Mengen von ausländischen Regierungen, Zentralbanken und Finanzinstituten gehalten. Wenn die Vereinigten Staaten die Kreditvergabe ausweiten oder die Geldmenge erhöhen, verbleibt ein erheblicher Teil dieser Liquidität nicht in der Binnenwirtschaft, sondern fließt durch Handelsdefizite und internationale Kapitalmärkte ins Ausland. Ausländische Institutionen horten diese Dollar als Reserven oder investieren sie in amerikanische Finanzanlagen. Auf diese Weise federt das internationale Währungssystem einen Teil des durch die US-Geldmengenausweitung verursachten Inflationsdrucks ab, wodurch Maßnahmen, die kleinere Volkswirtschaften destabilisieren könnten, im Falle der USA länger fortbestehen können.
Die schleichende Entwertung des Geldes
Im Laufe der Zeit zeigen sich die langfristigen Auswirkungen einer anhaltenden Kreditausweitung. Eine der bedeutendsten ist die allmähliche Entwertung der Kaufkraft des Geldes. Wenn die Geldmenge schneller wächst als die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, steigen die Preise in der Regel an. Die Inflation mag langsam voranschreiten, doch ihre kumulativen Auswirkungen können erheblich sein.
Für Personen, die ihr Vermögen hauptsächlich in Form von Geld halten, wirkt die Inflation wie eine versteckte Vermögensumverteilung. Der Nominalwert der Ersparnisse mag zwar unverändert bleiben, doch ihre Kaufkraft sinkt Jahr für Jahr.
Die Kreditausweitung wirkt sich in der Regel auch auf die Vermögensmärkte aus. Neue Kredite fließen oft zuerst in die Finanzmärkte und treiben die Preise für Aktien, Immobilien und andere Anlagewerte in die Höhe. Diese steigenden Preise können zu weiterer Kreditaufnahme und Spekulation anregen und so den Aufwärtstrend verstärken.
Eine solche Dynamik führt häufig zu Zyklen aus Boom und Korrektur, wie sie bei Immobilienblasen, Booms und Einbrüchen an den Aktienmärkten sowie in Inflationsphasen zu beobachten sind. Wenn das Vertrauen nachlässt oder sich die geldpolitischen Bedingungen ändern, können die Vermögenspreise stark korrigieren. Systeme, die auf einer Kreditausweitung basieren, können daher selbst nach langen Wachstumsphasen Phasen der Instabilität durchlaufen.
Eine anhaltende Geldmengenausweitung wirkt sich nicht nur auf die Kaufkraft des Geldes aus. Sie verändert auch die Art und Weise, wie Anleger den Begriff des Reichtums selbst verstehen. Wenn die Kreditausweitung die Vermögenspreise wiederholt in die Höhe treibt, erwecken die Finanzmärkte den Anschein müheloser Kapitalgewinne. Aktien steigen, Immobilien gewinnen an Wert, und Finanzportfolios wachsen, auch ohne dass sich die Produktionstätigkeit entsprechend verbessert. Wenn Kapitalgewinne leicht und beständig erscheinen, vergessen Anleger allmählich, dass Reichtum in der Produktion und nicht auf den Finanzmärkten geschaffen wird. [1]
In einem solchen Umfeld wird es verlockend zu glauben, dass die Knappheit selbst nicht durch Produktion, sondern durch die Ausweitung von Geld und Krediten überwunden wurde. Wenn finanzielle Ansprüche vervielfacht werden können und die Vermögenswerte weiter steigen, erscheint Wohlstand als etwas, das allein durch monetäre Mittel aufrechterhalten werden kann. Doch diese Überzeugung ruht auf einem brüchigen Fundament. Wäre Geld allein ausreichend, um Wohlstand zu schaffen, wäre es schwer zu erklären, warum Phasen extremer Geldmengenausweitung so oft nicht zu dauerhaftem Wohlstand, sondern zum wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt haben.
Im Laufe der Zeit kann dieses Umfeld die Psychologie der Anleger verändern. Anstatt die Märkte als Mechanismen zur Allokation von Kapital in produktive Unternehmen zu betrachten, beginnen viele Akteure – sowohl Unternehmer als auch Investoren – sie in erster Linie als Arenen für Kursgewinne zu sehen. Reichtum scheint eher aus der Bewegung der Vermögenspreise zu entstehen als aus der zugrunde liegenden Produktivität von Unternehmen und Branchen.
Dieser Wandel hat wichtige Konsequenzen für die Disziplin des Investierens. Traditionell erforderte erfolgreiches Investieren eine sorgfältige Bewertung der wirtschaftlichen Fundamentaldaten: die Qualität des Managements, die Kapitalproduktivität, die Nachhaltigkeit der Gewinne und die langfristigen Aussichten des Unternehmens. Eine solche Beurteilung erforderte Geduld und die Bereitschaft, echten Wert von vorübergehender Spekulation zu unterscheiden.
In einem Umfeld, das von steigenden Vermögenspreisen geprägt ist, können diese Fähigkeiten jedoch allmählich verkümmern. Wenn die Preise unabhängig von den zugrunde liegenden Bedingungen zu steigen scheinen, erscheint eine sorgfältige Analyse überflüssig. Investoren interessieren sich weniger dafür, wie Unternehmen Wert schaffen, und mehr dafür, ob ihre Aktienkurse kurzfristig steigen werden. Der Fokus verlagert sich vom produktiven Wert auf die Marktdynamik.
Mit der Verbreitung dieser Mentalität beginnt sich auch das Verhalten der Unternehmen zu wandeln. Manager erkennen zunehmend, dass ihr Erfolg nicht an der langfristigen Gesundheit ihrer Unternehmen gemessen wird, sondern an der kurzfristigen Entwicklung ihrer Aktienkurse. Maßnahmen, die den Aktienkurs in die Höhe treiben – Finanzkonstrukte, aggressive Aktienrückkäufe oder spekulative Übernahmen – dominieren zunehmend die Unternehmensstrategie. Handlungen, die einst als unklug oder ethisch fragwürdig galten, können als legitim erscheinen, solange sie den Aktionären unmittelbare Gewinne bescheren.
Auf diese Weise kann die Vermögensinflation das Verhältnis zwischen Finanzwesen und Produktion verzerren. Finanzmärkte, die einst in erster Linie dazu dienten, Kapital in produktive Bereiche zu lenken, werden zunehmend zu Arenen, in denen Wohlstand scheinbar allein durch Kursbewegungen geschaffen wird. Die Folge ist eine schrittweise Aushöhlung der Investitionsdisziplin, die einst die Finanzmärkte mit der Realwirtschaft verband.
Das Dilemma des Sparers
In diesem Umfeld wird die Lage des Sparers zunehmend schwieriger. Die traditionelle Logik des Sparens geht davon aus, dass Geld seinen Wert im Laufe der Zeit behält. Die Inflation untergräbt diese Annahme jedoch, indem sie die Kaufkraft schrittweise mindert.
Da die amerikanischen Finanzmärkte die größten und liquidesten der Welt sind, fungieren sie als zentraler Knotenpunkt des globalen Finanzsystems. Auf diese Weise beeinflussen spekulative Dynamiken, die sich auf den amerikanischen Märkten entwickeln, häufig das Finanzverhalten in der gesamten Weltwirtschaft.
Der Effekt ist subtil, aber wirkungsvoll. Ein Sparer, der durch jahrelange sorgfältige Anstrengungen Vermögen aufgebaut hat, stellt möglicherweise fest, dass diese Ersparnisse mit der Zeit immer weniger kaufen. Der Verlust vollzieht sich still und leise, oft ohne die Sichtbarkeit einer expliziten Besteuerung.
Gleichzeitig verändert die Inflation die Anreize. Wenn Geld im Laufe der Zeit an Wert verliert, könnten Einzelpersonen den Druck verspüren, schnell auszugeben oder zu investieren, anstatt Ersparnisse in Form von Geld zu halten. Spekulative Investitionen könnten attraktiver erscheinen als vorsichtige Vermögensbildung.
Diese Verschiebung kann die allgemeine Kultur des wirtschaftlichen Verhaltens verändern. Kreditaufnahme wird attraktiver, wenn die Inflation die reale Schuldenlast verringert, während Sparen weniger lohnend wird. Mit der Zeit kann diese Dynamik die Gewohnheiten der Vorsicht schwächen, die einst die finanzielle Stabilität stützten.
Die Ausweitung der Geldpolitik verändert auch die wirtschaftlichen Institutionen. Da Regierungen eine größere Verantwortung für die Stabilisierung der Wirtschaft übernehmen, schaffen sie Behörden, regulatorische Rahmenbedingungen und politische Instrumente, die darauf ausgerichtet sind, die Finanzsysteme zu steuern. Diese Institutionen entstehen zum Teil aus der Notwendigkeit heraus. Moderne Volkswirtschaften sind komplex, und Finanzmärkte können weitreichende Folgen für Beschäftigung und Wachstum haben. Doch die Ausweitung der Wirtschaftspolitik verändert auch das Verhältnis zwischen Märkten und politischer Autorität.
Wirtschaftliche Ergebnisse hängen zunehmend von politischen Entscheidungen ab. Investoren beobachten die Zentralbanken ebenso genau wie die Märkte, und Erwartungen hinsichtlich politischer Eingriffe beginnen, das Finanzverhalten zu beeinflussen. Das Wirtschaftssystem verflechtet sich mit administrativen Entscheidungsprozessen auf eine Weise, die früheren Generationen fremd gewesen wäre.
Einzelpersonen haben zwar keinen Einfluss auf die Geldpolitik, können aber versuchen, sich an das Umfeld anzupassen, das diese schafft. Einer der wichtigsten Grundsätze in solchen Situationen ist die Diversifizierung. Die Konzentration des Vermögens auf eine einzige Anlageform – insbesondere eine, die eng an eine bestimmte Währung gebunden ist – kann Sparer unnötigen Risiken aussetzen.
Der Besitz von produktiven Vermögenswerten kann einen gewissen Schutz vor Inflation bieten, da die Einnahmen von Unternehmen oft mit den Preisen steigen. Sachwerte wie Grundstücke oder Rohstoffe können unter bestimmten Bedingungen ebenfalls Wert erhalten.
Gleichzeitig bleibt die Aufrechterhaltung der Liquidität unerlässlich. Finanzkrisen und unerwartete Ereignisse erfordern Flexibilität. Ein Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Anpassungsfähigkeit ist daher entscheidend für Privatpersonen, die ihre Ersparnisse schützen wollen.
An diesem Punkt treten die tieferen Auswirkungen dieses Wandels zutage. Das Paradoxon des Überflusses wird am deutlichsten, wenn man seine moralische Dimension betrachtet. Die industrielle Zivilisation hat eine außergewöhnliche Steigerung der Produktionskraft erreicht. Durch Innovation und Organisation haben moderne Gesellschaften einen Wohlstand geschaffen, wie er in der Geschichte zuvor unbekannt war. Doch dieser Erfolg hat die Erwartungen in einer Weise verändert, die die Stabilität untergraben kann. Wenn Wohlstand zur Selbstverständlichkeit wird, verlangen Gesellschaften Schutz vor wirtschaftlichen Schwankungen. Regierungen reagieren mit Maßnahmen, die darauf abzielen, das Wachstum aufrechtzuerhalten, und stützen sich dabei oft auf Kreditausweitung und geldpolitische Interventionen.
Diese Maßnahmen mögen den Wohlstand kurzfristig aufrechterhalten, doch sie können die Disziplin schwächen, die langfristige Stabilität stützt. Inflation untergräbt den Wert des Geldes, Finanzsysteme werden zunehmend von anhaltendem Wachstum abhängig, und die wirtschaftlichen Tugenden der Besonnenheit und Zurückhaltung verlieren ihren Lohn.
Das Paradoxon
Der Wandel von der Knappheit zum Überfluss stellt eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit dar. Die industrielle Zivilisation hat das uralte Problem gelöst, genügend materielle Güter zur Sicherung des menschlichen Lebens zu produzieren, und damit beispiellosen Wohlstand geschaffen. Doch der Überfluss hat auch unsere Erwartungen, unsere Institutionen und unsere Anreize in einer Weise verändert, die die wirtschaftliche Disziplin geschwächt hat, von der langfristige Stabilität abhängt. Darüber hinaus haben Geldmengenausweitung, Vermögensinflation und der Aufstieg spekulativer Märkte die Bedeutung von Investitionen verändert und die traditionellen Vorteile von Umsicht und Sparsamkeit untergraben.
Von Zeit zu Zeit erinnere ich mich an den Besuch des Vertreters der Postsparkasse in meiner Kindheit, der vor einer Klasse voller Kinder stand und über die einfache Tugend sprach, einen kleinen Teil des Verdienstes beiseite zu legen. Jeder Schüler erhielt ein kleines Metallspardöschen. Es war ein bescheidener Gegenstand, der jedoch eine ganze Lebensphilosophie verkörperte: Geduld, Zurückhaltung und Vertrauen in die langsame Wertsteigerung.
Mehr als sechzig Jahre später, in einer Zeit, die zunehmend von schnellen finanziellen Gewinnen und steigenden Vermögenspreisen geprägt ist, wirkt dieses kleine Sparschwein fast wie ein Relikt aus einer anderen Zivilisation. Doch die Tugenden, die es symbolisierte, könnten sich als beständiger erweisen als der Wohlstand einer Ära, die sie überflüssig erscheinen ließ.
[1] Diese Vorstellung steht im Widerspruch zur vorherrschenden keynesianischen Makroökonomie, die den Schwerpunkt auf die Gesamtnachfrage legt – wobei der Konsum deren größte Komponente darstellt – und diese als Hauptantriebskraft der Wirtschaftstätigkeit betrachtet. Nach dieser Auffassung hängt das Wirtschaftswachstum von der Aufrechterhaltung eines ausreichenden Ausgabenniveaus ab, und Konjunkturschwächen werden oft mit einem Rückgang des Konsums erklärt. Im Gegensatz dazu argumentieren Ökonomen der Österreichischen Schule, dass die Grundlagen der Wertschöpfung in der Produktion, der Kapitalakkumulation und der Zeitpräferenz liegen. Aus ihrer Sicht können Maßnahmen, die den Konsum durch Kreditausweitung ankurbeln, zwar die kurzfristige Nachfrage stützen, bergen jedoch die Gefahr, Investitionen zu verzerren, die produktive Grundlage der Wirtschaft zu schwächen und letztlich die Verbindung zwischen finanziellen Bewertungen und realer wirtschaftlicher Produktivität zu untergraben.
18 Kommentare zu
«Das Paradoxon des Überflusses»
Heiko Di. 05 Mai 2026, 9:05
Und wieder eine klassische Fehlanalyse eines bürgerlichen Intellektuellen.
Es ist die per westlicher Sozialisation limitierte Sichtweise, die uns hier wieder als allgemein gültige Wahrheit präsentiert wird. Dabei hat es diesen Wandel vom Mangel zum Überfluß global betrachtet nie gegeben. Der Wohlstand des Westens beruhte immer auf der Ausbeutung der s.g. 3. Welt. Es spricht nicht für die kognitiven Fähigkeiten des Autors, dass nicht erkennen zu können. Das mit dem Kapitalismus an sich wurde ebenfalls mal wieder nicht verstanden.
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Antwort auf Ruth Di. 05 Mai 2026, 9:49
Fehlanalyse würde ichs nicht mal nennen, sondern auch wieder nur ein bewußtes Ablenken, nicht die Erste hier.
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Antwort auf Martin Di. 05 Mai 2026, 11:36
Mir fällt auf, dass Sie verehrter Heiko unter jedem Artikel die Kapitalismus-Keule heraus graben. Fakt ist, dass es eine Ausbeutung der dritten Welt gegeben hat und auch immer noch gibt. Diese verurteile ich ganz klar. Das war aber auch schon Realität bevor durch die Industrialisierung die Massen aus der Armut heraus gehoben werden konnten. Es ist daher eine viel zu einfache Erklärung Ihrerseits.
Das Wort Kapitalismus ist längst zu einer lehren Worthülse und Kampfbegriff verkommen. Die philosophischen Unzulänglichkeiten von Marx und Engels haben das auch nicht besser gemacht und die Menschen in Klassenkampf-Manier lediglich Sand in die Augen gestreut und gegen einander aufgebracht – Teile und Herrsche.
Man könnte auch sagen, dass im real existierenden Kapitalismus aus Luxusgütern solche wurden die sich auch die normale Bevölkerung leisten kann und im Sozialismus die Güter des täglichen Gebrauchs zu Luxusgütern werden.
Das ist das Problem welches wir heute im Westen haben und welches uns über kurz oder lang in eine Zeit der Entbehrungen führen wird. Denn wir haben längst die Segnungen der freien Marktwirtschaft hinter uns gelassen. Von der Wiege bis zu Bare ist alles staatlich kontrolliert.
Besonders verheerend ist dabei, dass unser Geldsystem mit dem Aufkommen der Zentralbanken dem marxistischen kommunistischen Manifest entspricht und so eine stetige Geldentwertung voran schreitet und gerade die am effektivsten weiter verarmt, welche eigentlich am bedürftigsten wären und eine Chance am meisten benötigen würden. Die welche den Zentralbanken am nächsten sind wiederum profitieren davon. Das ist der Quell von Ungleichheit und Kriegen.
Die Restbestände von Kapitalismus haben bis vor Corona dafür gesorgt, dass global so viele Menschen wie noch nie der Armut entrinnen konnten. Die staatlichen Eingriffe haben dann diese Trend radikal umgekehrt.
Unser Problem ist nicht die klassisch Liberale und einhergehend der Kapitalismus als solcher. Unser Problem sind staatliche Gewaltmonopole, welche von den Vermögenden dazu verwendet werden sie lästige Konkurrenz vom Hals zu halten. Man spricht dabei von Lobbyismus. Er verhindert, dass die Armen und Kleinen ihre Chancen nutzen und selber zu Wohlstand gelangen können.
Der liberalen Gesinnung der Schweiz und ihren schwachen staatlichen Strukturen war es zu verdanken, dass aus dem Armenhaus Schweiz ein reiches Land geworden ist.
Aufgrund dessen, dass wir frei nach Peter Scholl-Latour im Zeitalter der medialen Massenverblödung leben und die Medien linken Narrativen nachhängen, ist der Erhalt von Reichtum und Wohlstand auch in der Schweiz gefährdet.
Die welche Sie wahrscheinlich verächtlich als Kapitalisten beschimpfen sind deFacto die grössten Anhänger von zentralstaatlicher Steuerung und dem Kollektivismus in allen seinen verschiedenen Dialekten. Sie dies Sozialismus, Kommunismus oder Faschismus.
Werter Heiko, ich selbst war auch einmal dem sozialistischen Irrtum erlegen. Ich musste dann aber erkennen, dass diese falsch, zerstörend und menschenfeindlich ist.
Heute nenne ich Kapitalismus nicht mehr Kapitalismus um unsäglichen Diskussionen mit Worthüslendreschern auszuweichen. Ich nennen es einfach die natürliche Ordnung der Dinge. Als Theist weiss ich, dass wir keine falschen, künstlichen Ideologien brauchen um den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unterjochung zu befreien.
Wenn es Ihnen mit Ihrem grundsätzlich ehrenvollen Anliegen wirklich eine Herzensangelegenheit ist und sie ergebnisoffen an die Sache heran gehen, dann lege ich Ihnen die österreichische Schule der Nationalökonomie ans Herz. Aus meiner Sicht besonders Empfehlenswert Ludwig von Mises und "die Kritik des Interventionismus".
Herzliche Grüsse
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Antwort auf J.Blumer Di. 05 Mai 2026, 11:59
Martin , Ihr erster Absatz ist auch meine Wahrnehmung .
Ihrem Beitrag kann ich nur zustimmen . Ihrem Satz :
"Aufgrund dessen, dass wir frei nach Peter Scholl-Latour im Zeitalter der medialen Massenverblödung leben und die Medien linken Narrativen nachhängen, ist der Erhalt von Reichtum und Wohlstand auch in der Schweiz gefährdet."
ist nichts beizufügen !
Peter Scholl-Latour würde über alle , teilweise undokumentierten und
unwahren Aussagen , nur noch den Kopf schütteln .
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Antwort auf Ruth Di. 05 Mai 2026, 13:24
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sicbloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen,
brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden.
Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. …
Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. …
(Dietrich Bonhoeffer)
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Antwort auf J.Blumer Di. 05 Mai 2026, 18:35
Ruth , Sie haben natürlich Recht .
Gegen Dummheit gibt es weder ein Medikament noch ein Heilkraut .
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Antwort auf Heiko Di. 05 Mai 2026, 16:43
Nur weil Sie das mit dem Kapitalismus nicht verstehen, muss es noch lange nicht falsch sein.
Ich finde es immer wieder lustig, wie Menschen, die das mit dem Marxismus nicht auf die Reihe bekommen, des festen Glaubens sind, Marx widerlegt zu haben.
Der große Irrtum in der DDR bestand darin, dass man davon ausging, dass jeder Mensch intellektuell in der Lage wäre, bei entsprechendem Bildungsangebot das dialektische Denken zu erwerben.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß in Ihrer "natürlichen Ordnung der Dinge", die gerade in ihr faschistsches Endstadium kommt.
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Antwort auf Martin Di. 05 Mai 2026, 17:55
Ich muss Marx nicht widerlegen. Das tut der bei jedem neuen Versuch von ganz alleine. Ich habe lediglich versucht Ihnen eine neue Sichtweise nahezubringen. Schade, dass die Menschen anscheinend nichts aus Ihren Fehlern lernen.
Es gibt glaube ich ein russisches Sprichwort: "Der Marxismus ist der lange, mühselige und entbehrungsreiche Weg vom Kapitalismus zum Kapitalismus."
Aber vielleicht bin ich ja für dialektisches Denken auch einfach zu blöde.
Ein serbischer Kollege gab mir einmal den Rat: "Wenn du sie nicht überzeugen kannst, dann verwirr sie."
Kommt mir bei Ihnen im Moment einfach so spontan in den Sinn. Etwas substanzielles lese ich sonst aus Ihren Worten nicht heraus.
Womit ich Ihnen aber recht gebe ist das wir wohl ins faschistische Endstadium eintreten. Ich würde diese Phase aber faschistoid-sozialistisch nennen. Eine teilweise Erklärung meiner Sichtweise habe ich oben ja bereits beschrieben.
Leider ist wohl nur der Crash die Lösung. Hoffentlich geht das rasch vorüber. Auf die Zeit des Wiederaufbaus freue ich mich dann.
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Petra Wilhelmi Di. 05 Mai 2026, 13:37
Also seit Anbeginn des industriellen Zeitalters gab es nur Wohlstand für diejenigen, die die Produktionsmittel besaßen. Die Arbeiter, vor allem auch Kinder, die in den Fabriken ausgebeutet wurden, litten bitterste Not. Erinnern wir später an die Zeichnungen von Käthe Kollwitz und anderen, welche die Not der Arbeiterklasse in ihren Grafiken verewigten, während das satte Bürgertum das verspeiste, was die Arbeiter produzierten und die nur zusehen konnten. Schauen wir uns die Bilder aus den USA an, wo die Einwanderer oft in furchtbarer Armut in ihren eigenen Stadtvierteln hausten, aber den Reichtum der USA erarbeiteten. Heutzutage hat sich daran nichts geändert. Die früheren Autostädte der USA sind verwahrlost und die Armut schaut aus allen Ecken und Enden heraus. Der kleine Wohlstand, den man den Arbeitern zubilligte, war ein Trostpflästerchen, damit sie nicht aufmucken. Dieser kleine Wohlstand wurde aber dennoch hart in Klassenkämpfen erfochten und mit vielen Toten bezahlt. Viele Menschen in der EU leben auch nicht im Wohlstand - gestern nicht und heute nicht. Man schaue sich die kleinen Ortschaften in Portugal an oder anderen südlichen Ländern oder auch in Osteuropa und auch dem vielgepriesenen Ungarn an. Viele leben und lebten am Rande der Existenz. Die Westdeutschen hatten nur das Glück, dass sie das Schaufenster zum Osten waren und zeigen mussten, dass der Kapitalismus doch sooo viel besser war und Wohlstand für jeden erschuf. Natürlich nicht für jeden. Ich hatte im Westen eine Tante und einen Onkel, die fleißig waren und trotzdem nicht im Wohlstand schwammen. Ebenso sah es bei Verwandten meines Mannes in München aus, als er sie nach der Wende besuchte, war er erstaunt, wie wenig sie doch im Wohlstand "schwammen". Uns speziell - als Gegensatz zu den Verwandten - ging es dagegen sehr gut. Nach dem Zusammenschluss war es auch in Westdeutschland aus mit den Samthandschuhen, nur begriffen, wie ich das aus eigener Erfahrung erleben durfte, nur sehr wenig der Westdeutschen, dass sie nun in einem anderen Land lebten, wo andere Regeln als vorher galten. Sie fabulierten in einigen Unternehmen immer noch davon, dass man dort eine Familie sei und bekamen nicht mit, dass auch dort schon die Entlassungswellen rollten. Mit Besitzern von Produktionsmitteln kann man keine Familie sein. Die sitzen am längeren Hebel und haben die Verfügungsgewalt über ihre Arbeiter und Angestellten, auch wenn sie soziales Gehabe an den Tag legen. Alles nur Fassade. Ihre Lobbyisten sitzen mit im Gebäude des BT und schreiben die Gesetze - gegen die Normalos für die Regierung.
PS: @Martin: " Sozialismus die Güter des täglichen Gebrauchs zu Luxusgütern werden." Das stimmt so nicht. Die Güter des täglichen Gebrauchs wurden keine Luxusgüter. Aber vielleicht verstehen Sie andere Güter des täglichen Gebrauchs darunter als ich. Es war manches Mal schwierig bestimmte Artikel zu erhalten, aber man konnte sie sich leisten. Als ich meinen Westkolleginnen erzählte, was mein Betrieb unternahm, dass sich Mitarbeiter weiterbilden konnten, studieren konnten kostenlos mit Studientagen und anderen Freiheit wie Büchergeld und so, dann trieb das fast Tränen in die Augen meiner Kolleginnen. Das gehörte auch zu unserem Leben und ich lasse mir das von niemanden nehmen. Ich habe ein gutes Leben gehabt, einen guten Arbeitsplatz, habe studieren können vom Betrieb aus, habe gesünderes Essen gehabt als jetzt und besser schmeckende Lebensmittel. Sie müssen auch verstehen, dass die Sanktionen gegen das sozialistische Lager in jedem Land seine Spuren hinterlassen hatte. Die Sanktionen waren sehr hart. Im Westen hat niemand unter Sanktionen leiden müssen! Wir haben außerdem die Reparation zahlen müssen. Das war auch hart für unser Land. Das einzige was hier besser ist, ist dass wir reisen konnten und andere Kulturen erleben durften, uns ein weltoffenes Bild von vielen Ländern machen konnten und die Welterbestätten anschauen konnten. Konsum an sich, hat mich noch nie interessiert.
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Antwort auf Humml Di. 05 Mai 2026, 18:58
Durften man zu DDR-Zeiten nicht reisen und keine anderen Kulturen erleben?
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Antwort auf Ruth Di. 05 Mai 2026, 19:31
Frau Wilhelmi, das Weltbild etlicher Menschen des Westens würde völlig durcheinander kommen, wenn es uns damals gut gegangen ist. ;) Wenn wir nicht wegen dieser "unhaltbaren Zustände im Sozialismus" auf die Straße gegangen sind. Das geht nicht, SIE müssen die Guten gewesen sein. Und sinds doch ganz bestimmt immer noch. Da macht nur einer was verkehrt, das liegt nur an ganz bestimmten Personen.
So, und nun Sarkasmus aus. ;)
Ich habe es aufgegeben. Darum nur das Bonhoeffer-Zitat und jeder mag sich das nehmen, was er möchte. Aber eins ist auf jeden Fall: An dieser West-Jammerei nehme ich nicht mehr teil. Wir Älteren im Osten wissen was ist und nun nehme es seinen Lauf.
Alles Gute für Sie persönlich und für Heiko ebenfalls.
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Antwort auf Martin Di. 05 Mai 2026, 23:40
@Ruth
Was mir an diesem Zitat sofort ins Auge gefallen ist, ist die Bereitschaft Gewalt als probates Mittel in der politischen Auseinandersetzung zu sehen. Und der intensive Drang andere Menschen herabzuwürdigen und beiseite zu schieben.
Russisches Sprichwort: "Wenn Igor über Pavel spricht, dann sagt Igor mehr über Igor als über Pavel."
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Antwort auf Martin Di. 05 Mai 2026, 22:31
Sehr geehrte Frau Wilhelmy
Ich will Ihnen ihre schönen Erinnerungen nicht nehmen. Es kann gut sein, dass das Essen besser und gesünder war. Der verarbeitete Mist von heute verdient das Prädikat Lebensmittel ja kaum noch. Darum spricht man oft ja auch nur noch von Nahrungsmitteln – kleiner aber feiner Unterschied.
Wie sie selber schreiben waren Güter teilweise schwer zu bekommen, man konnte sie sich aber leisten. Das umfasst die ganze Problematik der zentralen Planwirtschaft anschaulich.
Aufgrund staatlich festgeschriebener Preise fehlt der Preismechanismus. Wenn eine Ware Mangel aufweist, steigt die Nachfrage im Verhältnis zum Angebot. Dadurch erhöht sich der Preis. Das ist eine Anreizfunktion welche den Produzenten einen potenziell höheren Preis und Gewinn signalisiert. Dies motiviert Unternehmen Ressourcen in die Produktion dieser Güter zu lenken. Sind Angebot und Nachfrage wieder im Einklang, kommen auch die Preise wieder herunter. Dieser Mechanismus hat zur Folge das Ressourcen sehr zielgerichtet zum Einsatz kommen. Diesen kann kein Politbüro mit ihren Mehrjahresplänen ersetzen. Das ist die Hauptursache warum der Ostblock Pleite ging.
Konkretes Beispiel aus meinem kleinen, überschaubaren Bergdorf. Die Gemeinde als Eigentümer eines Betriebs hatte eine innovative Idee. Die Medien waren wohlgesonnen und die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem. Es wurde überall von der Erfolgsgeschichte geschwärmt. Die Verantwortlichen liefen herum, als wären sie die Herrscher des Universums. Nur kokettierte der wirtschaftlich Verantwortliche immer damit Marx und Engels studiert zu haben. Er glaubte es besser zu wissen als die Signale welche der Preismechanismus ihm gegeben hatte. Statt über den Preis die Nachfrage zu drosseln arbeite man mit Kontigenten weit unterhalb des lösbaren Preises. Die Folge war, dass der Betrieb nie bestmöglich wirtschaftete und nie aus eigener Kraft die nötigen Investitionen tätigen konnte. Es musste immer wieder die Gemeinde (der Steuerzahler) Millionen einschiessen. Nach 10 Jahren konnte sich die Gemeinde diese "Erfolgsgeschichte" nicht mehr länger leisten und war so zum Verkauf gezwungen.
In Sachen Portugal kenne ich mich ziemlich gut aus. Ich habe etliche Jahre zwischen der Schweiz und einem 1000-Einwohner zählenden Dorf im Ribatejo hin und her gependelt. Dort war ich sehr gut integriert und half auch immer wieder mit Feste zu organisieren. Portugal war bis 1972 faschistisch regiert. Eine so lange Zeit in einer Diktatur hinterlässt ihre Spuren. Den Menschen wurde aberzogen eigenverantwortlich zu handeln. Viele beliessen es bei permanenten Jammern und erwarteten, dass die Politik sich um ihr Wohlergehen zu kümmern hat. Meine Freundin war Gemeinderätin und Präsidentin des Vereins welcher sämtliche Feste organisierte. Ich habe das hautnah miterlebt.
Im Gespräch mit älteren Menschen stellte ich für mich immer wieder mit erstaunen fest, dass diese die Zeit unter Salazar als gar nicht so schlimm erachteten. Viele waren der Meinung, dass die Portugiesen eigentlich gar nie gelernt haben ohne eine zentrale Führungsperson, der sagt was zu tun ist, auszukommen. Früher der König, dann Salazar und heute fehlt es an Führungskräften die eine Transformation hin zu mehr Eigenverantwortung hinbekommen.
Zudem ist es in diesen Ländern schwierig wirtschaftlich Bewegung hinein zu bringen. Die administrativen Hürden sind dermassen hoch, dass viele bereits daran scheitern. In der Schweiz kann ich morgens aufstehen, mir ein Hemd anziehen und in vielen Bereichen ohne jeglichen administrativen Aufwand oder Genehmigungen mich gewerblich betätigen. In Portugal gibt es den geflügelten Satz: "Falta um papel." – "Es fehlt noch ein Papier für die Genehmigung". Den Laden öffnen darf man dann erst, wenn man das richtige Papier an die Türe hängen kann.
In Bezug auf die von Ihnen erwähnten Bilder der Arbeiter. Das sind Bilder die zu einer Zeit entstanden als das mit dem Wohlstand für die breite Masse erst anfing Fahrt aufzunehmen. Diese Arbeit war bereits ein massives Upgrade für die Menschen und eröffnete Perspektiven. Bei Kunst und Kultur muss man zudem immer aufpassen. Diese wurde schon immer gerne instrumentalisiert und Sie haben diese Bilder ja auch gleich mit Klassenkampf assoziiert. War das vielleicht die eigentliche Intention dieser Bilder?
Wo wir uns einig sind, ist das in Westdeutschland viel Geld gepumpt wurde, weil diese als Schaufenster zum Osten diente. Nur ist bei jungen Staaten wie bei jungen Menschen. Es ist nicht gut wenn man diese mit Geld überschüttet und im gleichen Zug nicht zulässt, dass diese jemals eine gewisse Souveränität entwickeln können. Aus meiner Sicht hat dies viel mit der gegenwärtigen Entwicklung zu tun.
Wir sind uns weiter einig, dass die Politik nicht für die Normalos arbeitete, sondern die Gesetze für die Lobbyisten und ihre Vertreter geschrieben werden. Zu den geschickten Lobbyisten gehört da die ganze deutsche Industrie – das Rückgrat Deutschlands – nicht mit dazu.
Abschliessend: Es ist im Moment vielleicht eine gute Zeit für Ostalgie. Die Hoffnungen wurden enttäuscht weil zum Übertritt in den westlichen Geltungsbereich diese den Zenit schon längst überschritten hatte und sich auf dem sinkenden Ast befindet. Die staatliche Treuhand hat fahrlässig alles zunichte gemacht, worauf man hätte aufbauen können usw.
Beim Podcast "The Duran" wurde einmal die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der EU mit der der Sowjetunion verglichen. Dabei wurde, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, festgestellt, dass nicht einmal die Sowjetunion einen derart miserablen Leistungsausweis aufweist.
Man sollte aber nicht vergessen, dass über die DDR hinaus dem Sozialismus mehr als 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Sei dies in Gulags in der Sowjetunion, Holodomor, durch Maos grossen Sprung in China usw.
Auch in der DDR wurden Menschen für Meinung verfolgt und weg gesperrt. Wir befinden uns im post-kapitalistischen Westen auch längst wieder auf diesem Weg. Ballweg, Röper, Lipp, Beau usw.
Wohlstand wird nicht durch Wunschdenken oder Klassenkampf erarbeitet. Es ist ein harter langwieriger Prozess welcher vom einzelnen eigenverantwortliches Handeln abverlangt. Zerstört ist immer schnell.
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Antwort auf Humml Mi. 06 Mai 2026, 2:30
Hm, woher hat er denn die "100 Millionen"?
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Trux Di. 05 Mai 2026, 16:22
Klug wirtschaften bedeutet, die Dinge im Fluss zu halten und sie nicht durch falsche moralische Vorstellungen zu behindern.
Sparsamkeit ist kein Wert an sich und sie bedeutet auch keine Tugendhaftigkeit. Im Gegenteil, übertriebene Sparsamkeit kann genauso schädlich sein wie krankhafte Verschwendungssucht.
Geld an sich, hat keinen Wert, auch nicht in der Spardose.
Der Wert des Geldes materialisiert sich erst wenn es eingetauscht wird. Geld wird aus dem Nichts geschaffen. Es häuft sich bei denen an, die sehr, sehr viel davon besitzen und es verschwindet schnell im Nichts, bei all denen die dafür arbeiten müssen.
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Peter Reitmeier Di. 05 Mai 2026, 21:50
Diese aggressive Frustration der drei Marxismus-Fans hier auf dieser Seite ist ein eher seltenes Phänomen.
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Paolo Martinoni Mi. 06 Mai 2026, 10:04
Auf forumgeopolitica.com liest man recht interessante Analysen. Etwas allerdings vermisse ich: einen kritischeren Blick auf den Kreml. Daran, dass Russland das de facto angegriffene Land ist, besteht, denke ich, kein Zweifel. Das muss nicht mehr thematisiert werden. Die Reaktion Putins darauf könnte indes auch kritischer beleuchtet werden. Jedenfalls hat er meiner Ansicht nach die Lage nicht immer richtig eingeschätzt, was durchaus menschlich ist, keine Schuld, warum aber sollte man so was verschweigen, nicht darüber reden? Verläuft alles nach Plan in Bezug auf die Ukraine? Den Eindruck habe ich nicht: Inzwischen werden Raketen und Drohnen, womit man Russland angreift, ausserhalb der Ukraine hergestellt, wogegen Russland, das immer häufiger und heftiger beschossen wird, kaum etwas unternehmen kann, ohne den Konflikt massiv eskalieren zu lassen. Das ist aus der russischen Perspektive wohl keine gute Entwicklung. Und auch die Tatsache, dass schon mehr als vier Jahre verstrichen sind seit dem Einmarsch der Russen in die Ukraine, wirft unbequeme Fragen auf, finde ich. Hat sich die Samthandschuhe-Taktik des russischen Präsidenten gelohnt? Es sieht nicht danach aus, im Gegenteil! Der Krieg zieht sich in die Länge, ein Ende ist nicht in Sicht. Mir jedenfalls wäre ein Ende mit Schrecken bei Weitem lieber als ein Schrecken ohne Ende ...
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Antwort auf J.Blumer Mi. 06 Mai 2026, 12:04
Herr Paolo Martinoni
Ihrem Beitrag stimme ich total zu , so sehe ich das auch seit mehr als einem Jahr .
Nur ein Beispiel :
Wenn Russland auf den Angriff der strategischen Bomberflotte und die Radaranlagen
zur Strafe die Ukraine bombardiert , anstatt die Nato und die USA , ohne deren
Satellitendaten das nicht möglich gewesen wäre , zur Verantwortung zu ziehen , ist
das schon fahrlässig und unbegreiflich gewesen .
Samthandschuhe sind wohl in Ordnung , damit kann man sich aber sehr stark
verbrennen !
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Info: https://forumgeopolitica.com/de/artikel/das-paradoxon-des-berflusses
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.






























