Der Gaskrieg der USA um Europas Südosten
nachdenkseiten.de, 7. Februar 2023 um 12:21 Ein Artikel von: Jens Berger
Letzte Woche begannen in Bulgarien die Bauarbeiten für eine Gasverbundleitung nach Serbien. Damit wird Serbien noch in diesem Jahr als einer der letzten europäischen Binnenstaaten an ein Verbundnetz angeschlossen, das in der Lage ist, das bisherige Versorgungsmonopol Russlands zu beenden. Nach dem Noradkorridor mit den Nord-Stream-Pipelines, dem Mittelkorridor mit den über polnisches und ukrainisches Gebiet verlaufenden Pipelines ist der Südkorridor das letzte umkämpfte Schlachtfeld im Gaskrieg der USA gegen Russland. Und wie es zurzeit aussieht, sind die USA drauf und dran, diesen Krieg zu gewinnen.
Zitat: Wenn neue Pipelines geplant werden, geht es stets um eine Diversifikation der Versorgung und um Versorgungssicherheit – das behaupten zumindest die involvierten Regierungen. Auch die Verbundleitung zwischen Bulgarien und Serbien wird von der EU, die das Projekt mehr als zur Hälfte bezahlt, unter diesem Gesichtspunkt gefördert. Heute geht es um die Unabhängigkeit von russischen Gasimporten, die durch die Sanktionen in den meisten EU-Ländern zum Stillstand gekommen sind. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da genau diese Pipeline 2012 von den Regierungen Bulgariens und Serbiens eigentlich geplant wurde, um unabhängiger vom Transitland Ukraine zu werden, das während des russisch-ukrainischen Gasstreits 2009 Bulgarien wochenlang von der Versorgung abgeschnitten hatte. Eigentlich sollte also Bulgarien über Serbien mit russischem Gas versorgt werden – nun wird Serbien über Bulgarien mit … ja, womit soll Serbien eigentlich versorgt werden?
Quelle: Deutsche Welle
Zurzeit bezieht Serbien sein Gas nahezu ausschließlich über eine Pipeline namens Balkanstream – diese Pipeline, die von der Türkei über Bulgarien und Serbien bis nach Ungarn verläuft und erst 2021 in Betrieb ging, ist eine Verlängerung der ebenfalls erst 2020 eröffneten Turkstream-Pipeline, die russisches Erdgas durch das Schwarze Meer in den europäischen Teil der Türkei transportiert. Ursprünglich plante Russland diese Trasse bis nach Österreich auszubauen, um so auch Österreich und den süddeutschen Raum mit russischem Gas zu versorgen. Über einen zweiten Strang sollte zudem Süditalien über eine durch die Adria verlaufende Nebenleitung versorgt werden. Ähnlich wie bei den beiden Nord-Stream-Projekten wurde jedoch dieses unter dem Namen „South Stream“ geplante Projekt durch massiven Widerstand der EU und spätere Sanktionen der USA und der EU verhindert. Aus dem großen Projekt „South Stream“ wurde so das viel kleinere Projekt „Turkstream“, an dem neben der Türkei vor allem die beiden vergleichsweise russlandfreundlichen Staaten Bulgarien und Serbien partizipieren.
Der große Coup der EU war es jedoch nicht, die große russische Lösung zu verhindern, sondern sie durch eine Alternative zu ersetzen. Die eigentlich über South Stream geplante Versorgung findet nämlich heute über die TANAP (Transanatolische Pipeline) statt, die über ihre Verlängerung TAP (Transadriatische Pipeline) nun in der Tat bis Süditalien reicht. Was fehlte, war nur noch ein Anschluss an das Verbundnetz auf dem Balkan. Dieser letzte Stein im Puzzle wird nun mit der Verbundleitung von Bulgarien nach Serbien gesetzt. TANAP/TAP transportiert Erdgas, das Aserbaidschan im Kaspischen Meer fördert, über das Staatsgebiet der Türkei nach Europa.
Können Bulgarien und Serbien also nun – finanziert von der EU – von Aserbaidschan versorgt werden? Nein! Das TANAP-System ist nämlich überhaupt nicht in dieser Größe dimensioniert. Als 2003 die Planungen begannen und 2016 der erste Spatenstich erfolgte, konnten sich die Beteiligten wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen, dass ausgerechnet Aserbaidschan den kompletten Südosten Europas mit Erdgas versorgen soll. Zwar könnte man die Pipeline langfristig ausbauen, doch die aserbaidschanische Erdgasförderung läuft bereits am Anschlag und ist nicht mehr ohne weiteres ausbaubar. Das heißt paradoxerweise jedoch nicht, dass Bulgarien und Serbien nicht mit Erdgas aus Aserbaidschan versorgt werden könnten. Doch der Reihe nach.
Ein Drittel der Erdgasförderung Aserbaidschans wird im eigenen Land verbraucht. Bereits im letzten Jahr exportierte Aserbaidschan dank der neuen Energiepartnerschaft mit der EU so viel Gas, das es selbst Gas für den Eigenverbrauch importieren musste. Und das kam – welch Überraschung – aus Russland. Dieses Spiel ließe sich fortführen. Die Balkanstaaten kaufen teures Gas aus Aserbaidschan, das selbst Gas zum Sonderpreis aus Russland einkauft. Ein lohnenswertes Geschäft. Die Transportkapazität der TANAP verhindert jedoch, dass man diese Dreiecksgeschäfte – die selbstverständlich nebenbei auch dem Gedanken der Sanktionen vollkommen zuwider sind – im relevanten Maße ausbauen könnte. Als großer „Retter“ der EU-Sanktionen könnte jedoch die Türkei einspringen. Sie gehörte 2022 nämlich mit einer Abnahme von 8,5 Mrd. Kubikmetern zu den größten Kunden Aserbaidschans. Da die Türkei der neue „Erdgas-Hub“ für Europas Südosten ist und mit der Turkstream ja einen nun beinahe exklusiven Zugang zu einer russischen Pipeline, die auf 31,5 Mrd. Kubikmeter pro Jahr ausgelegt ist, hat, könnte man seinen Eigenbedarf aus politischen oder wohl eher ökonomischen Gründen durchaus diversifizieren. Die Türkei kann mehr preiswertes russisches Gas kaufen und das teure Gas aus Aserbaidschan den Balkanstaaten und Italien überlassen. Europa zahlt die Rechnung, Russland kann zumindest etwas Gas in den Westen bzw. Süden verkaufen und die Türkei profitiert durch niedrige Energiepreise. Ein Deal, bei dem alle außer Europa gewinnen – also ein sehr wahrscheinlicher Deal.
Doch selbst das ändert nichts an der Tatsache, dass selbst eine TANAP, die exklusiv Europa beliefert, den gesamten Gasbedarf Südosteuropas gar nicht decken kann. Hier kommen nun die eigentlichen Gewinner ins Spiel – die USA. Das Verbundsystem aus TANAP/TAP ist nämlich über genau diese „Interkonnektoren“ genannten Verbundleitungen, wie sie jetzt zwischen Bulgarien und Serbien gebaut werden, auch an die LNG-Häfen der Türkei und Griechenlands angeschlossen. Die neuen Volumina, mit denen der Balkan versorgt werden soll, stammen also weniger aus Aserbaidschan, sondern vor allem aus den Lieferländern für LNG, und hier sind die USA vor allem langfristig der Lieferant Nummer Eins.
Wenn das Leitungsnetz erst einmal vollendet ist, haben die USA den Gaskrieg um Europa gewonnen. Selbst Bulgarien, Serbien und Ungarn, die bis heute mangels verfügbarer alternativer Leitungskapazitäten russisches Erdgas beziehen, können dann von den USA und anderen LNG-Exporteuren wie Katar versorgt werden. Russland verliert seinen letzten europäischen Markt – zumindest wenn man die Türkei nicht als europäischen Staat bezeichnen will.
Diese Entwicklung ist nicht überraschend und wurde seitens der EU und den USA bereits vor der Eskalation des Ukraine-Kriegs und den jüngeren Sanktionsrunden geplant. Die nötigen Liefermengen stehen spätestens bis 2030 zur Verfügung. In einer Analyse aus dem Jahr 2018 kommentierte ich diese Pläne noch sehr verhalten, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass Europa „freiwillig“ die deutlich höheren Preise für LNG aus den USA zu zahlen bereit ist. Das hat sich durch den Ukraine-Krieg nun geändert. Und nun sage bitte keiner, den USA ginge es im Ukraine-Krieg um so etwas wie Freiheit, Demokratie oder Selbstbestimmung. Einen ganzen Kontinent von sich abhängig zu machen und dafür auch noch Billionen zu kassieren – das ist wohl der Hauptpreis und die USA sind drauf und dran, ihr Ziel zu erreichen.
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unser weiterer Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
Der kommende Gaskrieg zwischen den USA und Russland
nachdenkseiten.de, vom 02. März 2018 um 11:59 Ein Artikel von: Jens Berger
2017 war das Jahr der amerikanischen Gasexporteure. Dank neuer Terminals in Großbritannien und Polen konnten die USA ihren Marktanteil auf dem EU-Gasmarkt von 0,6% auf mehr als 5% erhöhen. Und das war nur der Anfang. In den nächsten zwei Jahren werden in den USA Exportterminals in Betrieb genommen, mit denen theoretisch rund ein Viertel des EU-Marktes beliefert werden könnte. Und wenn 2030 in den USA die volle Kapazität zur Verfügung steht, könnten die US-Exporteure mehr als die Hälfte der EU-Gasimporte abdecken und damit die russischen Gaslieferungen voll substituieren. Wer denkt, es ginge bei den Sanktionen gegen Russland um die Krim, der sollte einen Blick auf den Gasmarkt werfen. Wenn deutsche Parlamentarier in der FAZ nun die geplante Pipeline Nord Stream 2 kritisieren und an die „Solidarität“ mit Polen und der Ukraine appellieren, so geht es letztlich doch nur um Marktanteile und viele Milliarden Euro, die gänzlich unsolidarisch von den europäischen Gaskunden aufgebracht und künftig nicht mehr nach Moskau, sondern an die Wall Street fließen sollen.
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Um den Hintergrund des kommenden Gaskrieges zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf folgende Grafik…

Die Daten stammen aus der aktuellen Ausgabe der CRA-Insights-Analyse, die sich dem Thema US-Flüssiggas-Exporte für den europäischen Markt gewidmet hat. Demnach stehen in den USA momentan ohnehin nur Exportkapazitäten in Höhe von 19 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zur Verfügung, die vom LNG-Terminal „Sabine Pass“ stammen, das am Golf von Mexiko liegt und ursprünglich für den Gas-Import projektiert wurde. Doch dank des Fracking-Booms sind die USA von einem Importeur zu einem der größten Gas-Exporteure geworden und haben binnen kürzester Zeit Exportkapazitäten aufgebaut, die ihresgleichen und vor allem Kunden suchen. Spätestens, wenn in diesem Jahr die Terminals in Cove Point/Maryland, Freeport/Texas, Corpus Christ/Texas und Cameron/Louisiana in Betrieb gehen, steht den USA eine gigantische Infrastruktur zur Verfügung, mit der die Unmengen von Fracking-Gas, für das es momentan keine Abnehmer gibt, verflüssigt und dann mit Tankern exportiert werden können. Rein theoretisch könnten die USA bereits Ende dieses Jahres den kompletten deutschen Gasmarkt abdecken und zusammen mit den bereits genehmigten Investitionen würde es sogar zusätzlich noch für den zweitgrößten EU-Gasmarkt in Großbritannien reichen.
Das Ganze hat jedoch zwei entscheidende „Schönheitsfehler“. Zunächst einmal ist es weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll, Gas zuerst mit einem hohen Energieeinsatz zu verflüssigen, dann mit dem Tanker um die halbe Welt zu transportieren und am Zielhafen wieder in Gasform in Pipelines einzuspeisen. Momentan kostet eine Verrechnungseinheit (MMBTU) Erdgas in den USA (Henry Hub) rund 2,85 US$. Transportiert man dieses Gas als LNG nach Europa, kostet es am Terminal bereits mehr als doppelte, über sechs US$. Zum Vergleich: Der Monopolpreis der Gazprom für russisches Erdgas aus der Pipeline liegt je nach Endkunde meist leicht unter fünf US$. Auf einem freien Markt hätte US-Gas in Europa also keine Chance.
Wer diese Informationen im Hinterkopf hat, versteht die aktuellen politischen Vorgänge in Europa und die Spannungspolitik der USA und ihrer Verbündeter wahrscheinlich besser. Ohne die Sanktionen gegen Russland hätten die US-Exporteure wohl nie einen Fuß in den mittel- oder osteuropäischen Markt setzen können. Die vorhandenen LNG-Terminals in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den Niederlanden sind bereits recht ordentlich ausgelastet und bieten auch nicht die freien Kapazitäten für die geplanten US-Exporte. Nun hat im polnischen Swinemünde ein LNG-Terminal mit einer Kapazität von bis zu 7,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr den Betrieb aufgenommen und im lettischen Riga entsteht momentan ein LNG-Hub für das Baltikum. Aber selbst damit wären die freien US-Kapazitäten, die bereits in diesem Jahr zur Verfügung stehen, noch nicht einmal im Ansatz ausgelastet. Im Zentrum der Interessen der US-Konzerne stehen daher zwei Märkte, die zusammen mit fast 180 Milliarden Kubikmeter Nachfrage der Kernmarkt für US-Exporte sein könnten – Deutschland und Italien.

Interessanterweise sind diese beiden Länder momentan auch mitten im Fokus von scharfen Auseinandersetzungen rund um Pipeline-Projekte mit russischer Beteiligung. Geht es in Italien um den „südlichen Gaskorridor“ mit den geplanten Projekten Trans-Adria-Pipeline, Turkish Stream und South Stream, geht es in Deutschland vor allem um Nord Stream 2, die Parallelleitung zur bereits vorhandenen und fast vollständig ausgelasteten Ostseepipeline Nord Stream. Es geht aber auch um viele Milliarden Euro Transitgebühren. Die Ukraine kassiert Jahr für Jahr rund drei Milliarden Euro Gebühren, die letztlich auf den Gaspreis geschlagen und von den Endkunden in den westeuropäischen Ländern bezahlt werden müssen. Polen kassiert Transitgebühren in ähnlicher Größenordnung. Wenn nun also transatlantisch orientierte deutsche Parlamentarier in der FAZ an die „europäische Solidarität“ appellieren, so ist dies verlogen. Warum sollte es denn zur „europäischen Solidarität“ gehören, wenn Deutsche über ihre Heizungskosten indirekt die Ukraine finanzieren sollen?
Ökonomisch ist amerikanisches Fracking-Gas in Europa nicht wettbewerbsfähig. Vor allem die wichtigen und großen deutschen und italienischen Märkte werden sich daher nur politisch erschließen lassen. Genau dies ist eines der Ziele der US-Sanktionen gegen Russland, die törichterweise auch von der EU übernommen wurden. Und der Krieg hinter den Kulissen nimmt Fahrt auf. Sowohl die USA als auch die EU-Kommission und transatlantisch orientierte deutsche Politiker haben nun zum Frontalangriff auf Nord Stream 2 geblasen und dabei sogar deutsche Umweltschützer eingespannt, die nun paradoxerweise Seit´ an Seit´ mit der Fracking-Lobby antreten. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch dies nur das Vorspiel zum eigentlichen Konflikt ist, bei dem es darum gehen wird, die russischen Erdgasexporte in die EU ins Visier zu nehmen.
Dies könnte jedoch politisch, ökologisch und auch ökonomisch ein gefährlicher Bumerang werden. Energieexperten gehen davon aus, dass es durch Marktbereinigungen und den geplanten Abbau von Überkapazitäten auch in den USA mittelfristig zu Preissteigerungen beim Erdgas kommen wird. In fünf Jahren könnte der US-Gaspreis demnach die Fünf-Dollar-Grenze überschreiten, was für die europäischen Kunden der US-Konzerne aufgrund des immens teuren Transports nahezu eine Verdoppelung der Gaspreise bedeuten würde. So oder so – den Preis für den kommenden Gaskrieg werden die Endkunden im „Kriegsgebiet“ zahlen … und das sind wir. Eine von US-Interessen unabhängige, eigenständige Energiepolitik ist wichtiger denn je.
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Schlagwörter: ErdgasExportFrackingNord StreamRusslandUSAWirtschaftssanktionen
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unser weiterer Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.














