„China niederkonkurrieren“ Neue US-Sanktionen gegen China könnten ernste Folgen für die deutsche Industrie mit sich bringen. Washington sucht mit ihnen zentrale chinesische High-Tech-Branchen zu zerstören.
german-foreign-policy.com, 20. Oktober 2022
WASHINGTON/BEIJING/BERLIN (Eigener Bericht) – Schwer absehbare Folgen drohen der deutschen Wirtschaft durch die neuen US-Sanktionen gegen Chinas High-Tech-Industrie. Die Biden-Administration hat am 7. Oktober die Lieferung von Halbleitern in die Volksrepublik untersagt, die etwa für Künstliche Intelligenz (KI) oder für Supercomputing genutzt werden können. Außerdem dürfen Geräte zur Herstellung solcher Chips nicht mehr in die Volksrepublik exportiert werden. US-Bürgern wird untersagt, für chinesische Firmen aus der Branche zu arbeiten. Mehrere Experten sprechen von einem „Enthauptungsschlag“ für die chinesische High-Tech-Industrie. Washington zielt erklärtermaßen darauf ab, Beijing „niederzukonkurrieren“, da China der einzige Staat sei, der nicht nur die Weltordnung neu gestalten wolle, sondern auch die dazu benötigten Fähigkeiten besitze, wie es in Washingtons neuer Nationaler Sicherheitsstrategie heißt. Die US-Regierung nimmt Kollateralschäden in Milliardenhöhe für die US-Industrie in Kauf. Getroffen werden könnte die deutsche Industrie, sofern – wie erwartet – die Chiplieferketten weiter Schaden nehmen, aber auch durch mögliche direkte Folgen der Sanktionen für deutsche Investitionen in China.
Zitat: Washingtons „Enthauptungsschlag“
Die neuen Halbleitersanktionen, die die Biden-Administration am 7. Oktober gegen China verhängt hat, kommen zu zahlreichen bereits bestehenden Restriktionen gegen Konzerne der chinesischen High-Tech-Branchen, darunter zum Beispiel der Mobilfunkkonzern Huawei, hinzu. Sie zielen insbesondere darauf ab, chinesische Firmen in den technologisch am weitesten fortgeschrittenen Bereichen, etwa Künstliche Intelligenz (KI) und Supercomputing, aus dem Feld zu schlagen. Dazu hat Washington den Export von Halbleitern, die für diese Bereiche unverzichtbar sind, untersagt; das gilt auch für Halbleiter von Herstellern außerhalb der Vereinigten Staaten, sofern sie mit Hilfe von US-Geräten produziert wurden. Darüber hinaus dürfen US-Unternehmen keine Geräte zur Halbleiterproduktion mehr an chinesische Firmen liefern, die ihrerseits KI- und Supercomputingchips herstellen. Ziel ist es also, die Volksrepublik nicht nur von den avanciertesten High-Tech-Halbleitern abzuschneiden, sondern ihr auch jegliche Chance zu nehmen, sie selbst zu produzieren.[1] Manche Experten sprechen bereits von einem US-amerikanischen „Enthauptungsschlag“ für die chinesische Spitzentechnologie mit gravierenden Folgen für alle Anwendungsbereiche bis hin zum Militär.[2]
US-Personal verboten
Hinzu kommt ein neuer Sanktionsmechanismus, vor dem selbst die Trump-Administration noch zurückgeschreckt ist: Personen mit US-Staatsbürgerschaft, offenkundig zudem solche, die lediglich über einen dauerhaften Aufenthaltstitel in den Vereinigten Staaten verfügen, dürfen ab sofort nicht mehr für chinesische Unternehmen der sanktionierten Sparten tätig sein. Nach Recherchen des Wall Street Journal betrifft dies unter anderem 43 Personen, die Spitzenpositionen in 16 einschlägig sanktionierten Firmen bekleiden. Zu ihnen zählt etwa Gerald Yin, Gründer und Leiter von AMEC, einem der größten chinesischen Hersteller von Geräten zur Chipproduktion. AMEC gilt in der Branche als aufstrebender nationaler Champion in der Volksrepublik.[3] Die Maßnahme, die chinesischen Konzernen kurzfristig ernste Probleme schaffen könnte, öffnet eine Büchse der Pandora, die mittel- bis langfristig schwere Folgen für die Vereinigten Staaten haben könnte, sollte Beijing reziprok auf sie antworten. Bereits 2020 kam eine US-Untersuchung zu dem Ergebnis, dass fast 30 Prozent der KI-Forscher, die für US-Institutionen tätig waren, aus der Volksrepublik stammen.[4] Auch in anderen High-Tech-Branchen sind die USA auf chinesisches Personal angewiesen.
Kollateralschäden
Die neuen, weitreichenden Exportrestriktionen sind für die Vereinigten Staaten und deren Verbündete gleichfalls nicht ohne Risiko. Halbleiterhersteller etwa aus Taiwan und Südkorea wie TSMC und SK Hynix unterhalten bedeutende Produktionsstätten in der Volksrepublik; sie haben Ausnahmegenehmigungen für die Einfuhr von Geräten für die Chipproduktion erhalten, allerdings nur für einen begrenzten Zeitraum.[5] Beijing setzt vorläufig darauf, dass sich das Embargo mit derlei Ausnahmegenehmigungen kräftig durchlöchern lässt, zumal China ein bedeutender Kunde von Halbleitern und Geräten zu deren Produktion ist. Etwa drei Viertel aller Chips wurden im vergangenen Jahr in die Volksrepublik verkauft. Applied Materials aus den USA, einer der weltgrößten Produzenten von Geräten zur Chipherstellung, erzielte 2021 rund 27 Prozent seines Umsatzes in China – mehr als in jedem anderen Land einschließlich der USA; der Konzern rechnet schon für das laufende Quartal sanktionsbedingt mit finanziellen Verlusten von beinahe einer halben Milliarde US-Dollar. Ungewiss ist zudem, ob Beijing mit Gegensanktionen reagieren wird. Sie könnten US-Spitzenkonzerne treffen, die in der Volksrepublik produzieren – etwa Apple.
Der einzige echte Rivale
Zu den Hintergründen des US-Wirtschaftskriegs gegen China, den die Vereinigten Staaten mit den neuen Halbleitersanktionen nun dramatisch verschärfen, liegen unmissverständliche Äußerungen aus Washington vor. So heißt es in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie, die die Biden-Administration in der vergangenen Woche vorlegte, die Volksrepublik sei „der einzige Wettbewerber sowohl mit der Absicht, die internationale Ordnung neu zu gestalten, als auch in zunehmendem Maß mit der wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und technologischen Macht, dies zu tun“.[6] Es gelte deshalb, China „niederzukonkurrieren“. Das bezieht sich nicht zuletzt auf die Halbleiterbranche. Gleichzeitig investieren die Vereinigten Staaten immense Summen in den Wiederaufbau ihres eigenen High-Tech-Sektors. Allein der im August beschlossene Chips Act sieht Staatsmittel im Wert von 52 Milliarden US-Dollar für die US-Halbleiterproduktion vor, während der gleichfalls im August verabschiedete Inflation Reduction Act weitere dreistellige Milliardensummen für die Industrie bereitstellt. Die Frage bleibt, ob es China gelingt, eine erfolgreiche Aufholjagd einzuleiten. Manche halten das für möglich und sprechen bereits von einem chinesischen „Sputnik-Moment“.[7]
Folgen für die deutsche Industrie
Dass die Biden-Administration den Wirtschaftskrieg gegen die Volksrepublik eskaliert, droht gravierende Folgen auch für die deutsche Industrie mit sich zu bringen. Zum einen fürchtet Berlin, die gewaltigen US-Investitionsprogramme könnten Investitionen aus Deutschland und Europa abziehen; „wir brauchen ein großes europäisches Investitionspaket“, wird Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zitiert.[8] Zum anderen warnen Fachleute, das US-Halbleiterembargo gegen China werde die ohnehin angeschlagenen Chiplieferketten weiter schädigen; darunter litte dann auch die deutsche Industrie. Schließlich stellt sich noch die Frage, inwieweit strategische Investitionen deutscher Konzerne in China ausgehebelt werden. Volkswagen etwa hat in der vergangenen Woche bekanntgegeben, rund 2,4 Milliarden Euro aufzuwenden, um bei der Entwicklung von Software für seine E-Autos in China – dort erzielt VW gut 40 Prozent seines Gesamtumsatzes – mit dem chinesischen Unternehmen Horizon Robotics zusammenzuarbeiten.[9] Die Firma gilt als Spezialist für Künstliche Intelligenz, vor allem mit Anwendungen im Straßenverkehr. Von den aktuellen Sanktionen scheint Horizon Robotics noch nicht betroffen zu sein. Das aber kann sich jederzeit ändern.
[1] Gregory C. Allen: Choking Off China’s Access to the Future of AI. csis.org 11.10.2022.
[2] Bevan Hurley: US sanctions on Chinese semiconductors ‘decapitate’ industry, experts say. independent.co.uk 16.10.2022.
[3] Liza Lin, Karen Hao: American Executives in Limbo at Chinese Chip Companies After U.S. Ban. wsj.com 16.10.2022.
[4] Sha Hua, Karen Hao: U.S.-China Tensions Fuel Outflow of Chinese Scientists From U.S. Universities. wsj.com 22.09.2022.
[5] Hendrik Ankenbrand, Sven Astheimer, Roland Lindner, Winand von Petersdorff, Patrick Welter: Das nächste Chip-Beben. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.10.2022.
[6] National Security Strategy. Washington, October 2022.
[7] Analysis: China faces its “Sputnik” moment as US export curbs deal a blow to its chips ambitions. technologynewschina.com 14.10.2022.
[8] Hendrik Ankenbrand, Sven Astheimer, Roland Lindner, Winand von Petersdorff, Patrick Welter: Das nächste Chip-Beben. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.10.2022.
[9] Christian Müßgens: Heikler Software-Spagat in China. Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.10.2022.
Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9059

Quelle: AFP
© Felititas Rabe








Quelle: AFP © Attila Kisbenedek




