"Putin drehte den Gashahn ab und Leitungen sind kaputt" – Habeck bleibt bei seiner Jahrhundertlüge
meinungsfreiheit.rtde.life, 23 Jan. 2023 12:41 Uhr, Von Wladislaw Sankin
Das schwimmende LNG-Terminal "Höegh Gannet" hat in Brunsbüttel seinen Probebetrieb aufgenommen – angemietet von Norwegen. Habeck hielt dazu eine Ansprache und beschuldigte Russland erneut. Der ganze Umstieg auf LNG sei nur, weil Putin Deutschland den Gashahn abgedreht hat.
Quelle: www.globallookpress.co
20. Januar 2023, Schleswig-Holstein, Brunsbüttel: Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht während der Zeremonie im Elbhafen anlässlich der Ankunft des schwimmenden LNG-Terminals.
Die fast 300 Meter lange "Höegh Gannet" hat am frühen Freitagmorgen den Gefahrgut-Liegeplatz im Brunsbütteler Elbhafen West erreicht, berichtete der NDR am Freitag. Damit können künftig Tanker mit verflüssigtem Erdgas, unter anderem aus den USA und Katar, Brunsbüttel ansteuern.
USA erhöhen Sanktionsdruck auf deutsche und europäische Firmen: "Nord Stream 2 findet nicht statt"
Die drei bislang installierten schwimmenden LNG-Terminals in Deutschland – in Wilhelmshaven, Lubmin und jetzt Brunsbüttel – können laut Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck bei voller Auslastung etwa zehn Prozent des deutschen Gasbedarfs decken, sobald sie bis Ende des Jahres in den Regelbetrieb gehen.
In einer gelben Weste posierte Habeck stolz zusammen mit dem Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins Daniel Günther vor dem Tanker. Bei einer festlichen Zeremonie begründete Habeck diesen Fototermin mit russischer Hinterhältigkeit:
"Die Hälfte der Gasversorgung, die Deutschland hatte, ist weggebrochen, weil Putin den Gashahn abgedreht hat und die Leitungen sind jetzt kaputt, das heißt, sie kommen auch absehbar nicht mehr wieder. Die Hälfte ist weg und von dieser Hälfte haben wir jetzt 45 Milliarden Kubik Meter Gas auf diesen drei Stationen, d. h. ein Viertel aufgebaut."
Diese Aussage Habecks schaffte es am Samstag sogar in die abendlichen Nachrichten des russischen Fernsehens. Beeindruckend war dabei nicht nur das Gesagte, sondern auch die Kulisse, die der "grüne" Minister Habeck für das Posieren vor den Kameras auswählte. Denn nur ein kleiner Kameraschwenk vom Tanker entfernt lagen mehrere Berge der umweltschädlichen Kohle.
"Deutschland importiert aktiv Kohle, um Gasknappheit zu vermeiden und macht Russland dafür schuldig", stellte der russische Erste Kanal fest.
War hier schon ein "Hoffotograf" tätig? Bundeswirtschaftsminister und Vize-Kanzler Robert Habeck posiert vor dem schwimmenden LNG-Terminal "Höegh Gannet" in Brunsbüttel am 20. DezemberMarkus Brandt / www.globallookpress.com
Aus russischer Sicht ist es erstaunlich, wie der deutsche Vize-Kanzler es schafft, immer wieder so routiniert die Tatsachen zu verdrehen. Als ob es nicht Habeck persönlich, seine polnischen, ukrainischen und US-Freunde, die Ampel-Regierung und letztendlich die gesamte EU selbst waren, die im letzten Jahr alles dafür getan haben, damit Russland keine Energieträger nach Deutschland mehr liefert.
Es sei daran erinnert, dass die Europäische Union 2022, mit Beginn der Sonderoperation in der Ukraine, zunächst ihre Pläne ankündigte, Lieferungen russischer Energieressourcen, insbesondere von Gas, zu verweigern, und dann entsprechende Beschränkungen gegen die Russische Föderation einführte. Schließlich war es so weit: Die EU einigte sich zuletzt auf ein Embargo gegen Rohöl, raffinierte Erdölerzeugnisse, Kohle und andere feste fossile Brennstoffe. Hierzu eine kleine Auswahl der deutschen Presse, die all diese Schritte immer befürwortete und die frühere Bundesregierung für ihre angebliche Verbundenheit mit Russland kritisierte:
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Interview mit Werner Rügemer: Akteure und Profiteure im Frackinggas-Geschäft
"Der Wirtschaftsminister wandte sich vehement gegen die Idee, die Ostseepipeline Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen. (...) Habeck sagte, eine Inbetriebnahme würde nichts ändern und die Abhängigkeit von russischem Gas noch erhöhen. Putin hätte dann auch sein Ziel erreicht, Sanktionen zu brechen. 'Das wäre das Hissen der weißen Fahne in Deutschland und Europa. Das sollten wir auf keinen Fall tun.'" (NTV am 22. Juli)
Die FAZ betont, dass Habeck sich selbst immer als Gegner der russischen Gas-Lieferungen positionierte:
"Wenn es nach Robert Habeck (Grüne) geht, sollte das Thema Nord Stream 2 längst erledigt sein. Die zweite Gaspipeline durch die Ostsee, fertig gebaut, mit Gas gefüllt – es war eine von Habecks ersten Amtshandlungen als Bundeswirtschaftsminister, den Zertifizierungsprozess für das umstrittene Projekt zu stoppen."
Nun stellt er sich in Brunsbüttel als Unschuldslamm hin und verweist auf Russland als Übeltäter. Seine Nichterwähnung dessen, was mit drei der vier Nord-Stream-Stränge am 26. September passierte, ist besonders amüsant. Die ziemlich offensichtlich von einem der "treusten" deutschen Partner gesprengten Leitungen seien nicht hinterhältig gesprengt worden, sondern nur "kaputt". Dass er an dieser Stelle Russland auch noch indirekt des Terroraktes beschuldigte, war allerdings schon ein Fortschritt. Der russische Deutschlandexperte Alexander Kamkin fand gegenüber RT hierzu deutliche Worte:
"Habeck lügt unverhohlen, denn es war nicht Russland, das die Transitrouten freiwillig geschlossen und die Nord Streams in die Luft gejagt hat, es war nicht Russland, das den Ausstieg aus der Energiekooperation eingeleitet hat. Die Erklärung des deutschen Ministers ist ein typisches Beispiel für zynisches Verhalten, wenn alles auf den Kopf gestellt wird."
Seiner Meinung nach waren es die Handlungen der deutschen Koalitionsregierung und ihrer Vorgänger, die zur Verschärfung der Energiekrise, zu großflächigen Unterbrechungen der Gasversorgung und zum Anstieg der Inflation geführt haben.
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Meinung
New York Times zu Nord Stream: Der US-Nebelwerfer
Niemand erinnert sich heute daran, dass Deutschland sich nur Wochen und Monate vor der Sprengung der Pipelines bemüht hat, die von EU-Sanktionen betroffenen sechs Siemens-Turbinen aus Kanada zu "befreien". Diese wurden in Russland gebraucht, um die ausgedienten Turbinen nach Ablauf der technisch vorgesehenen Laufzeit zu ersetzen. Russland drosselte in diesem Zusammenhang tatsächlich für einige Wochen den Druck in den Rohren, doch schon damals wurde der Vorwurf der Bundesregierung laut, Russland nutze diese eigentlich längst terminierten Wartungsarbeiten als Vorwand, um Deutschland angeblich mit der "Gas-Waffe" zu bedrohen.
Heute ist diese Behauptung fester Bestandteil des deutschen offiziellen Narrativs, das von den Medien gerne geteilt wird. Denn nach spektakulärem Akt der Sabotage am Meeresboden hat die Bundesregierung nur erleichtert aufgeatmet, dass diese lästige Pipeline nicht mehr da ist. Russlands Angebot, das Gas durch eine noch verbliebene Leitung zu liefern, wurde von Habeck und Scholz schlicht ignoriert.
Auch wird in Berlin nicht an die Tatsache erinnert, dass die Ukraine im Mai die Gaslieferung über der Gasmessstation "Sochranowka" auf dem Territorium der Lugansker Volksrepublik eingestellt hat, obwohl die Station in einem ordnungsgemäßen Zustand war und ist. Das reduzierte die Menge des über die Ukraine nach Europa transportierten Gases fast um die Hälfte. Entsprechende "Gasprom"-Anfragen an die ukrainische Seite wurden bis zuletzt stets abgelehnt. Heute werden nur 24,4 Millionen Kubikmeter Gas täglich aus Russland über die Ukraine nach Europa geleitet.
Ist dies die Erfüllung seiner Träume, Deutschland fest an LNG-Gas aus den USA zu binden? Habeck (zweiter von rechts) als zeitweiliger Hafenarbeiter bindet eigenhändig das schwimmende LNG-Terminal mit Taus an. Markus Brandt / www.globallookpress.com
Durch den Verzicht auf das russische Pipeline-Gas wird Deutschland aber keineswegs unabhängig. Die neuen LNG-Partner wollen ihre deutschen Abnehmer nun mit langfristigen Verträgen binden. Es entstehen neue Abhängigkeiten – nun von den USA und den Golfstaaten. So erklärte letzte Woche der Chef des US-Unternehmens EQT, Toby Rice, dass die Vereinigten Staaten Europa im Rahmen langfristiger Verträge LNG-Lieferungen zu einem Preis von 12 $/MMBtu (etwa 380 $ pro 1.000 Kubikmeter) zugesagt haben.
Dass LNG-Technologie umweltschädlicher als Durchleitung über moderne Untersee-Pipeline ist, stört die sonst angeblich so umweltbewusste Bundesregierung nicht. Der Transport von dem auf minus 162 Grad heruntergekühlten LNG mit großen Spezialtankern über den Seeweg gilt als sehr energieintensiv, was auch der NDR in seinem Bericht einräumt.
So kritisiert die Deutsche Umwelthilfe die Pläne der Bundesregierung als "überdimensioniert" und fechtet die Betriebserlaubnis des neuen LNG-Terminals in Wilhelmshaven an. Das "NewClimate Institute" in Köln kritisiert, dass der Umfang der neu geplanten LNG-Infrastruktur im Widerspruch zu den Klimaschutzzielen Deutschlands steht.
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Bundesregierung macht auf Gigafactory: LNG-Infrastruktur soll an Prüfungen vorbei errichtet werden
Diese 180-Grad-Wende bei der Energieversorgung Deutschlands, die die Bundesregierung innerhalb eines Jahres vollzogen hat, ist ein sehr weitreichendes Jahrhundert-Ereignis, das die gesamte Epoche von 50 Jahren der reibungslosen und für beide Seiten vorteilhaften deutsch-russischen Energie-Kooperation abrupt beendet hat. Der russische Senator Alexei Puschkow nannte dies einen "großen Bruch mit Russland".
"Das, was ich einen "großen Bruch" zwischen Europa und Russland nenne, ist eingetreten. Deutschland hat das Rückgrat der alten Beziehungen gebrochen, indem es auf das russische Gas, das über Nord Stream zu ihm fließt, verzichtet hat", schrieb der Politiker in seinem Telegram-Kanal und merkte an, dass die Sprengung dieser Pipeline und von Nord Stream 2 "selbst die theoretische Möglichkeit der Wiederaufnahme des Gasflusses nach Deutschland verhindert" habe.
Puschkow wies darauf hin, dass die Gaslieferungen schon während des Kalten Krieges die Grundlage für eine "besondere Beziehung" zwischen Moskau und Berlin bildeten. Die fehlenden Lieferungen, so der Senator, werfen die internationale Situation in die Zeit vor dem 1970 zurück, als Leonid Breschnew, Generalsekretär des ZK der KPdSU, und Bundeskanzler Willy Brandt das "Gasröhren"-Abkommen zwischen der Sowjetunion und der BRD unterzeichneten.
Mit seiner notorischen Lüge, wonach Russland diese Kooperation selbst ruiniert hat, verfestigen Scholz und Habeck nun das politisch-mediale Narrativ, das von den Medien nicht nur nicht hinterfragt wird. Es wird weiter verbreitet, sogar in der Fachpresse. "Russlands Präsident Putin dreht den Spieß um und stellt Deutschland das Gas ab", schreibt etwa Business-Insider. Ob der Kanzler und sein Vize sich mit derlei plumper Propaganda ihrer historischen Verantwortung für diese Fehlschritte entziehen können, bleibt aber noch ungewiss.
Mehr zum Thema - Eine saubere Lösung? Umweltorganisationen stellen sich gegen LNG-Pläne der Bundesregierung
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Weiteres:
Interview mit Werner Rügemer: Akteure und Profiteure im Frackinggas-Geschäft
meinungsfreiheit.rtde.life, 23 Apr. 2022 15:27 Uhr
Im Interview mit RT DE spricht der Publizist und Sozialphilosoph Dr. Werner Rügemer über die Strategie der ehemaligen US-Präsidenten George Bush und Barack Obama Frackinggas zu einem geopolitischen Instrument auszubauen und die Schäden an Menschen und Umwelt, die als Kollateralschäden in einem Wirtschaftskrieg in Kauf genommen werden.
Quelle: Gettyimages.ru © Richard Hamilton Smit (Bild)
Herr Rügemer, unabhängig von allen politischen und ideologischen Auseinandersetzungen hat Russland über viele Jahrzehnte zuverlässig Gas und Öl geliefert und alle Verträge erfüllt. Im Zuge der Sanktionen und des Wirtschaftskrieges gegen Russland will der US-geführte Westen die Gaslieferungen aus Russland möglichst schnell beenden. Stattdessen sollen die Europäer noch mehr teures Frackinggas aus den USA kaufen. Geht es dabei nur um die aktuelle Bestrafung Russlands?
Nein, Frackinggas wurde seit zwei Jahrzehnten in den USA zu einem Instrument der US-Globalstrategie ausgebaut. Die Bush-Regierung setzte 2005 den Energy Policy Act durch, das neue Energiegesetz. Das Gesetz brachte den Fracking-Unternehmen große Steuervorteile. Große Kosten sparten die Fracker besonders deshalb, weil das beim Fracking mit Chemikalien versetzte Wasser vom Safe Drinking Water Act (Gesetz für sauberes Trinkwasser) ausgenommen wurde: Die Umweltbehörde EPA darf an den Fracking-Standorten die Wasserkontaminierung nicht regulieren. Die zulässigen Anteile von Chemikalien wie dem krebserregenden Benzol in der Atmosphäre wurden von einem ppm auf zehn ppm verzehnfacht. Weitere Kosten konnten gespart werden, weil die zulässige Arbeitszeit der Truck-Fahrer enorm ausgeweitet wurde, auch für Nachtarbeit [1]. Schließlich sind pro Bohrloch zwischen 900 und 13.000 Lkw-Fahrten für die Unmengen an eingepumpten Wasser und Chemikalien nötig.
Gibt es Akteure, die schon längerfristig am Übersee-Geschäft mit Frackinggas interessiert sind?
Die USA wollten im Energiesektor unabhängig vom Ausland werden, die Produktion wurde schnell ausgebaut. Die legalisierte Schädigung von Grund- und Trinkwasser wird seitdem übrigens als Halliburton loophole bezeichnet, auf Deutsch Halliburton-Schlupfloch. Der wichtigste Fracking-Antreiber in der US-Regierung von George W. Bush war Vizepräsident Dick Cheney. Er war vorher Unternehmenschef des weltweit größten Ausrüsters der Frackingindustrie, Halliburton. Der Halliburton-Konzern ist übrigens auch der größte Ausrüster des US-Militärs wie beispielsweise beim Afghanistan-Krieg, der unter Bush/Cheney begonnen wurde. Cheney hatte bereits 1997 den Thinktank "Project for the New American Century" mitgegründet. Finanziert von den größten US-Konzernen, propagierte der Thinktank die globale Führerschaft der USA, mit dauerhafter globaler Militärpräsenz und Investitionen in allen wichtigen Staaten des Planeten. Nur eine unipolare, von den USA geführte Welt sei stabil, so Cheney.
Setzte sich die Nachfolgeregierung unter Barack Obama nicht explizit für Umweltthemen ein?
USA erhöhen Sanktionsdruck auf deutsche und europäische Firmen: "Nord Stream 2 findet nicht statt"
Radio Eriwan würde sagen: Im Prinzip ja, aber in der Praxis machte Obama das Gegenteil. Er verschärfte das Fracking! Sein Energieminister Ernest Moniz hatte mit den wichtigsten Ölkonzernen und dem American Petroleum Institute die Energy Futures Initiative gegründet. In diese Initiative wurden über die Demokratische Partei auch die Gewerkschaften reingezogen, natürlich mit dem Versprechen: Mehr Arbeitsplätze! Außerdem vergab der Lobbyist über die Initiative The Future of Natural Gas (Natural Gas = Frackinggas) umfangreiche Forschungen: "Natürliches Gas" – das klang schon mal sehr umweltfreundlich. Obama übernahm die Parolen: Natürliches Gas ersetzt die umweltschädliche Kohle! Dekarbonisierung! Weniger CO₂! Fracking schützt den Planeten!
Hatte Barack Obama Recht mit dem angeblich umweltfreundlicheren Frackinggas? Wie sieht die Umweltschädlichkeit von Frackinggas im Vergleich zur Kohle tatsächlich aus?
Frackinggas ist noch viel umweltschädlicher als Kohle. Frack heißt aufbrechen: In einer Tiefe bis 6.000 Meter werden mittels schwerer Kompressoren unter hohem hydraulischem Druck tiefe Gesteinsschichten aufgebrochen, so dass das Gas entweichen und an der Oberfläche aufgefangen werden kann. Pro Bohrloch werden dabei je nach Tiefe und Bodenbeschaffenheit zwischen sechs und 65 Millionen Liter Wasser hineingepresst. Das Wasser ist mit Sand und Dutzenden Chemikalien versetzt, welche die Unternehmen nicht bekannt geben müssen. Von diesem kontaminierten Wasser verbleibt der größte Teil im Untergrund, ein Teil wird irgendwohin abtransportiert. Durch den Druck entweicht auch unkontrolliert natürliche Radioaktivität, ebenso Methangas, welches viel umweltschädlicher ist als CO₂. Es gibt etwa 2,5 Millionen Bohrstellen in den USA, bis zu 50 an einem Standort. Durchschnittlich sind sie jeweils nur zwei Jahre profitabel, danach werden sie vielfach ungesichert aufgegeben. Der Fokus liegt darauf, schnell wieder neue zu erschließen.
Seit zwei Jahrzehnten haben Tausende von Umweltinitiativen und Dutzende von Universitätsinstituten die Umweltschäden dokumentiert: Vergiftung von Grundwasser, Trinkwasser, Böden, Luft, Pflanzen, Nutz- und Haustieren durch den Frackingprozess. Dazu kommen die Umwelt- und Gesundheitsschäden, die extremer Lkw-Verkehr und der energiefressende Dauerbetrieb der Bohranlagen verursachen, sowie ununterbrochener Lärm und taghelle Beleuchtung in der Nacht. Zu den gesundheitlich bekannten Folgen zählen erhöhte Raten bei Frühgeburten, Atemschwierigkeiten, Herzschwäche und Krebserkrankungen.
2014 haben 1.000 Wissenschaftler, Ärzte, Kommunalpolitiker die Ergebnisse zusammengefasst und Präsident Obama öffentlich aufgefordert, das Fracking zu stoppen, die gesetzlichen Ausnahmen wie zum Beispiel bei der Wasserkontamination und den Steuervorteilen aufzuheben und das Fracking-Geschäft besser zu regulieren. Obama tat das Gegenteil. Seine Regierung mit Lobbyist Moniz verbreitete, wie schon erwähnt, das Märchen vom CO₂-freien, umweltfreundlichen Frackinggas. Ab 2014 forcierte Obama die Produktion. Außerdem forcierte er den Export ins Ausland, der bis dahin verboten war. Dazu ließ Obama Terminals bauen, die für die Verschiffung des verflüssigten Gases (Liquified Natural Gas, LNG) geeignet und seit 2016 in Betrieb sind. Inzwischen exportieren die USA ihr Frackinggas in 33 Staaten.
Wie wurde Frackinggas in Europa zu einem geopolitischen Instrument gegen die russische Gaswirtschaft? Welche Akteure waren an diesem Prozess beteiligt?
Frackinggas wurde unter Obama endgültig zu einem geopolitischen Instrument, Stoßrichtung: Russland schwächen, die Europäer und die Ukraine vom russischen Gas lösen und mit US-Frackinggas beliefern.
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Karin Kneissl: Deutschland steht wegen seiner Russlandpolitik unter gewaltigem Druck
Obamas Außenministerin Hillary Clinton baute dafür 2011 im State Department das Bureau of Energy Resources auf, mit immerhin 85 Mitarbeitern. Es wurde von Carlos Pascual geleitet. Er war zuvor US-Botschafter in der Ukraine. Mit allen Staaten, die von Russland Gas bezogen, allen voran der Ukraine, wurde verhandelt, wie andere Energiequellen genutzt und wo Standorte für Frackinggas erschlossen werden könnten.
Die polnische Regierung ging sofort darauf ein: Ab 2011 nahm Halliburton für Chevron, Exxon, Shell und Conoco Phillips und für die staatlichen Energiekonzerne Polens Probebohrungen vor. Aber polnische Bauern und Umweltinitiativen blockierten Straßen und machten Eingaben. Die polnische Regierung ermöglichte zwar die gesetzliche Enteignung von Landflächen, aber unter anderem auch wegen des Widerstands aus der Bevölkerung ist in Polen das kommerzielle Fracking bis heute nicht geklärt.
Für die Ostukraine um Charkow und im Donbass sagte das US State Department hohe Gasvorkommen voraus. Shell, Exxon, Chevron schlossen schon 2013 mit der ukrainischen Regierung Verträge bzw. Vorverträge für Fracking-Probebohrungen. Diese Verträge mit Laufzeiten von 50 Jahren blieben geheim. Hunter Biden, der Sohn von US-Vizepräsident Joe Biden, wurde 2014 in den Vorstand des größten ukrainischen Gasunternehmens Burisma Holdings berufen und bekam dafür insgesamt vier Millionen Dollar ausbezahlt. Der ehemalige Büroleiter von US-Außenminister John Kerry, David Leiter, wurde als Lobbyist für Burisma aktiv. Joe Biden war Obamas Sonderbeauftragter für die Ukraine und war häufig vor Ort. Burisma gehört dem Oligarchen Nikolai Slochewski, Ex-Energieminister der Ukraine, der rechtliche Sitz von Burisma ist in Zypern, Slochewski floh wegen Korruptionsermittlungen zunächst nach Zypern, wo er die Staatsbürgerschaft erwarb, inzwischen residiert er in Monaco [2].
Aber auch in der Ostukraine regte sich schon bei den ersten Bohrungen der Widerstand in der Bevölkerung. Die Regionen sind zu dicht besiedelt, das Gas liegt zu tief, der Widerstand war kräftig und drohte im Ausland bekannt zu werden – die US-Konzerne zogen sich zurück. Das war für Obama, Biden und Clinton der Anstoß, um noch aggressiver gegen Russland vorzugehen. Jetzt soll vor allem das Frackinggas aus den USA Europa und die Ukraine von Russland loslösen.
Wie sieht die Umwelt- und Kostenbilanz des US-Frackinggases beim Export nach Europa aus? Inwieweit werden die Kosten für Umwelt und Gesundheit dadurch noch vergrößert?
Grundsätzlich ist die Umweltbilanz katastrophal und gut dokumentiert. Mit ein paar Klicks kann man die Veröffentlichungen auf den Websites Hunderter Umweltinitiativen und Wissenschaftlergruppen schnell finden, allerdings nicht in den Leitmedien.
Diese seit zwei Jahrzehnten in den USA breit geübte Kritik hat allerdings bisher nicht die ganze Lieferkette beachtet. Klar ist, dass der Betrieb der Bohrstellen sehr energieaufwendig ist – Bohren, Leitungen verlegen, An- und Abtransporte –, auch weil nach zwei Jahren wieder neue Bohrstellen eingerichtet werden müssen. Aber gerade für den Export kommt ja noch die ganze Lieferkette hinzu: Zuerst muss das Gas unter großem Energieaufwand auf ein Sechshundertstel des Volumens verdichtet, also verflüssigt werden. Während des ganzen Transports über Pazifik und Atlantik muss das Flüssiggas auf minus 162 Grad Celsius gekühlt gehalten werden. Für die Anlandung müssen zusätzlich spezialisierte Terminals gebaut werden. Schließlich muss das flüssige LNG wieder mit großem Energieaufwand regasifiziert werden. Neben den Umweltschäden entstehen also beim Export weitere hohe Kosten, wenn man es mit der traditionellen Gasförderung wie in Russland vergleicht.
Jetzt wurde kürzlich bekannt, dass Anwohner an den Fracking-Standorten eine geringere Lebenserwartung haben. Können Sie dazu etwas sagen?
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Habeck warnt eindringlich vor Importstopp von russischem Gas
Ja. Das wurde jetzt im Januar 2022 durch eine Veröffentlichung des Institute for Public Health der US-Elite-Universität Harvard bekannt: Die Sterbedaten von 15 Millionen über 65 Jahre alten Anwohnern an Fracking-Standorten wurden mit den Daten gleichaltriger Anwohner verglichen, die nicht an Fracking-Standorten leben. Die Todesrate der Anwohner ist um 2,5 Prozent höher, bei Anwohnern mit ungünstiger Windrichtung sind es sogar 3,5 Prozent.
Das Ergebnis der Harvard-Studie zeigt aber zugleich, wie lange diese Frage verdrängt worden ist! Und wie mir der Leiter der zehnköpfigen Wissenschaftlergruppe bestätigt hat, geht die Verdrängung weiter, auch unter Präsident Biden und Vizepräsidentin Harris. Die Regierung geht nicht darauf ein, und ebenso schweigen alle Leitmedien, angefangen bei der ach so "liberalen" New York Times. Für die Ansprüche der "einzigen Weltmacht" dürfen auch eigene Bürger sterben.
Am direktesten sind die Beschäftigten an den Bohrstellen selbst dem Giftstoff-Cocktail, dem Lärm, den Abgasen und den überlangen Arbeitszeiten ausgesetzt. Über deren Gesundheitszustand und Sterbedaten gibt es noch keine umfassende Untersuchung. Die Arbeitsbedingungen – diese sind das ganz große Tabu, wie auch sonst in der etablierten "Umwelt"-Bewegung.
Wer sind neben den geopolitischen Interessenten die Hauptprofiteure bei diesem angeblich unfreundlichen Energiegeschäft?
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Kein "Frieren für die Freiheit" – Mehrheit lehnt Embargo für russisches Öl und Gas ab
Die Profiteure findet man heutzutage vielerorts in der sogenannten "Umwelt"-Bewegung. Der anerkannte Umwelt- und Nachhaltigkeitsapostel der westlichen Welt, der größte Kapitalorganisator BlackRock mit seinem Chef Laurence Fink, ist der führende Aktionär in der Frackingindustrie, beim Pionier und führenden Ausrüster Halliburton, bei den anderen Ausrüstern Schlumberger und Baker Hughes, bei EOG Resources, Devon Energy, Tellurian und nicht zuletzt bei den Großhändlern Exxon und Shell.
Herr Rügemer, in Ihrem aktuellen Buch "BlackRock & Co. enteignen! Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht" beschreiben Sie die bedeutende Rolle, die die BlackRock-Vorstände in der Weltwirtschaft und in der Geopolitik spielen. Erfährt man als Leser darin auch etwas über die Hintergründe der Gasgeschäfte und den Konflikt in der Ukraine?
In diesem Buch, das erst im Oktober 2021 erschienen ist, konnte ich natürlich noch nicht auf den aktuellen Konflikt in der Ukraine eingehen. Aber ich habe dargestellt, wie BlackRock und die anderen großen neuen Kapitalorganisatoren wie Vanguard, State Street, KKR usw. im Sinne des Project for a New American Century seit Ende des 20. Jahrhunderts schrittweise zu den führenden Aktionären der Banken und Unternehmen nicht nur in den USA, sondern auch in allen wichtigen westlichen Staaten wurden, in England, Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Kanada, Argentinien, Mexiko usw., sogar im neutralen und auf seine Selbständigkeit pochenden Finanzstandort Schweiz. Genau dieselben BlackRock-Manager aus der US-Regierung von Barack Obama sind auch wieder in Joe Bidens Regierung vertreten. Wie schon erwähnt, hat die Obama-Regierung mit Vizepräsident Biden die Frackingindustrie in Polen und der Ukraine vorangetrieben und die EU und Deutschland zum Ersatz russischen Gases gedrängt. Das ist eine wichtige Vorgeschichte des jetzigen Konflikts in der Ukraine, und die Biden-Regierung forciert ihn noch aggressiver.
Könnte man sagen, dass die eigentlichen Profiteure der Wirtschaftskrisen und der Kriege, die anonymen Geldanleger bei BlackRock und Co., eigentlich keiner kennt?
Ja. BlackRock und Co. sind ja "nur" die Verwalter des Kapitals der Superreichen. BlackRock & Co. kaufen mit diesem Geld Aktien an den größten Öl-, Rüstungs-, Fracking-, Auto-, Kohle-, Pharma-, Agrar- und Finanzkonzernen. BlackRock und Co. treten in diesen Konzernen als die Vertreter der Superreichen auf. Deren Namen werden aber anonymisiert, ihr Kapital wird in Briefkastenfirmen in Finanzoasen zwischen dem US-Staat Delaware, den Cayman Islands und Luxemburg verbunkert. BlackRock und Co. kassieren für diese Dienstleistung Gebühren, aber der Hauptgewinn bleibt bei den öffentlich unbekannten Superreichen.
[1] Munise Aksoy/Lehigh University: Job Creation, Workers' Regulations and Health Concerns, marcellus.cas.lehigh.edu/content/job-creation-workers'-regulations-and-health-concerns
[2] Miranda Devine: Laptop from Hell. Hunter Biden, Big Tech and the Dirty Secrets the President Tried to Hide. New York/Nashville 2021
Das Interview führte Felicitas Rabe.
Dr. Werner Rügemer ist interventionistischer Philosoph und Publizist aus Köln. Er ist Mitglied von Transparency International, der Gewerkschaft ver.di und des PEN-Zentrums Deutschland. Zuletzt erschien sein Buch: BlackRock &Co. enteignen! Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht (Frankfurt/Main 2021, 174 Seiten, 12 Euro).
Mehr zum Thema - RT Investigativ: Wie die USA ihre Klimawandel-Agenda missbrauchten, um ihre Militärmacht zu erhalten
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Am 24. Februar kündigte der russische Präsident Wladimir Putin an, gemeinsam mit den Streitkräften der Donbass-Republiken eine militärische Spezialoperation in der Ukraine zu starten, um die dortige Bevölkerung zu schützen. Die Ziele seien, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren. Die Ukraine spricht von einem Angriffskrieg. Noch am selben Tag rief der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij im ganzen Land den Kriegszustand aus.
Der Westen verurteilte den Angriff, reagierte mit neuen Waffenlieferungen, versprach Hilfe beim Wiederaufbau und verhängte Sanktionen gegen Russland.
Auf beiden Seiten des Konfliktes sind zahlreiche Soldaten und Zivilisten getötet worden. Moskau und Kiew haben sich gegenseitig verschiedener Kriegsverbrechen beschuldigt. Tausende Ukrainer sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.
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Peter F. Mayer ist Publizist im Bereich Science & Technology. Nach dem Physikstudium war er einige Jahre in der IT-Branche und Softwareentwicklung tätig. Danach wechselte er in den Journalismus als Herausgeber und Chefredakteur bei Telekom-Presse und pfm – Magazin für Infrastruktur und Technologie und arbeitete in der Chefredaktion der HighTech Presse. Er verfasste Beiträge für Die Presse, Salzburger Nachrichten, ORF, Profil, Wienerin und andere. Er ist überzeugter Vater zweier Töchter.


