Lieber Erdbeben als russisches Gas Machtkampf gegen Russland führt zu langfristig höheren Erdgaspreisen. Deutschland verhindert Stilllegung eines Erdgasfeldes in den Niederlanden wegen Erdbebengefahr.
german-foreign-policy.com, 4.Februar 2022
BERLIN/WASHINGTON/DEN HAAG(Eigener Bericht) – Der Machtkampf des Westens gegen Russland führt zu einer langfristigen Erhöhung des Erdgaspreises in Deutschland und zu einer tendenziell unsicheren Versorgung. Das ergibt sich aus Plänen der Bundesregierung, künftig stärker auf die Einfuhr von Flüssiggas zu setzen. Flüssiggas ist teurer als Pipelinegas; zudem ist es unter aktuellen Bedingungen unzuverlässig: Flüssiggastanker können jederzeit zu einem anderen Ziel gesteuert werden, wenn sich dort höhere Preise erzielen lassen. Es kommt hinzu, dass Flüssiggas „fast so klimaschädlich wie Steinkohle“ ist, wie ein Experte des Umweltbundesamts erklärt. Auch weiterhin nicht in Betrieb genommen wird die Pipeline Nord Stream 2, obwohl sie, wie Branchenvertreter bestätigen, dem aktuellen Mangel in der Bundesrepublik abhelfen könnte. Dieser nimmt gravierende Ausmaße an: Gas ist teurer denn je; die Gasspeicher in Deutschland sind so leer wie noch nie zu dieser Jahreszeit. Bei einer lediglich einwöchigen Kältewelle würde die Versorgung kollabieren. Berlin besteht auf Gasimporten aus Groningen – und verhindert die Stilllegung des dortigen Gasfeldes wegen Erdbebengefahr.
Zitat: Teurer denn je
Präzise Angaben dazu, wie die hohen Erdgaspreise im vergangenen Jahr die Energiekosten in Deutschland haben ansteigen lassen, hat kürzlich der Energieexperte Hans-Wilhelm Schiffer vorgelegt, der dem Studies Committee des World Energy Council in London angehört und für die Organisation auch in Deutschland tätig ist. Demnach schnellten die Energiekosten von Januar bis November 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 55 Prozent in die Höhe und erreichten einen Betrag von 58,7 Milliarden Euro.[1] Darin sind die Ausgaben für den Monat Dezember, in dem die Preise erneut deutlich anstiegen, noch nicht enthalten. Dass die Zunahme im Wesentlichen auf die Entwicklung der Erdgaspreise zurückgeht, zeigt die Tatsache, dass für die Nettoimporte von Erdgas in den ersten elf Monaten 2021 rund 23,1 Milliarden Euro gezahlt werden mussten – doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Wegen des Energiekostenanstiegs sieht sich die Bundesregierung veranlasst, Geringverdienenden einen Heizkostenzuschuss zu zahlen.[2] Der Schritt wird als unzureichend kritisiert.
So knapp wie nie zuvor
Zusätzlich zum Preisanstieg wird das Erdgas mittlerweile knapp. So sind die Speicherstände bereits Ende Januar unter die kritische Marke von 40 Prozent gefallen; damit liegen sie tiefer denn je zu dieser Jahreszeit. 40 Prozent sind laut einem Gutachten, das im Jahr 2015 vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde, notwendig, um den Bedarf für den Fall zu decken, dass es zu einer einwöchigen Kältewelle kommt.[3] Für den – immerhin unwahrscheinlichen – Fall, dass zum Ende des Winters 2021/22 noch eine 30 Tage währende Kältewelle eintritt, müssten die Speicher zu 50 Prozent gefüllt sein, um die Versorgung der Bundesrepublik zu sichern. Medien stimmen inzwischen darauf ein, was geschieht, wenn das in den Speichern verfügbare Gas nicht mehr ausreicht. Laut dem behördlichen Leitfaden „Krisenvorsorge Gas“ wird dann zunächst die Versorgung von Firmenkunden eingestellt, die in besonderen Klauseln einer Lieferunterbrechung gegen Vergütung zugestimmt haben.[4] Dann muss versucht werden, zusätzliches Erdgas aus Nachbarländern zu importieren. Im nächsten Schritt werden Gaskraftwerke sukzessive abgeschaltet, was die Stromversorgung in Deutschland schwer beeinträchtigen würde. Anschließend werden auch Privathaushalte von der Belieferung mit Erdgas abgeklemmt.
Nord Stream 2: „Hilfreich“
Die hohen Erdgaspreise und die Knappheit sind in steigendem Maß der Machtpolitik Berlins und des Westens geschuldet, die im Kampf um die Dominanz über Ost- und Südosteuropa immer aggressiver Russland attackiert. An ihr liegt es etwa, dass die Pipeline Nord Stream 2 noch nicht in Betrieb ist; nach jahrelangen sanktionsbedingten Verzögerungen schleppt sich nun das Genehmigungsverfahren bei der Bundesnetzagentur hin. Aus der Energiebranche heißt es, Nord Stream 2 könne einen Beitrag leisten, dem Erdgasmangel abzuhelfen; die Leitung sei „energiewirtschaftlich ... hilfreich“, konstatiert der Eon-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum.[5] Freilich hat der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, diese Woche bestätigt, mit einer Entscheidung über die Zulassung der Leitung sei frühestens im Sommer zu rechnen. Damit fällt sie zur Behebung des aktuellen Mangels ebenso aus wie zur Erhöhung des Angebots zwecks Senkung des Preises.
LNG: „Fast so klimaschädlich wie Steinkohle“
Zu langfristig erheblich höheren Erdgaspreisen wird nach Lage der Dinge das Bemühen der Bundesregierung führen, künftig mehr Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) einzuführen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kündigte kürzlich im Bundestag an, Berlin werde den Bau zweier Flüssiggasterminals in Brunsbüttel und Stade unterstützen; damit soll es möglich werden, die Einfuhr russischen Erdgases zu verringern. Allerdings ist LNG erheblich teurer als Pipelinegas; „wenn die Preise sinken sollen, dann muss dazu mehr Pipelinegas nach Europa kommen“, hielt Eon-Chef Birnbaum diese Woche fest.[6] Hinzu kommt, dass sich Flüssiggaslieferungen im vergangenen Jahr als höchst unzuverlässig erwiesen haben: Während russisches Gas stets vertragsgemäß nach Deutschland geleitet wurde, blieben wegen der hohen Preise in Ostasien LNG-Importe aus (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Darüber hinaus ist Flüssiggas, weil es aufwendig gekühlt und über lange Strecken per Schiff transportiert wird, deutlich umweltschädlicher als Pipelinegas; berechne man alle Emissionen mit ein, dann sei es „fast so klimaschädlich wie Steinkohle“, berichtet ein Experte des Umweltbundesamts.[8] Nicht zuletzt wird aus den USA, dem wichtigsten LNG-Lieferanten der EU, Frackinggas angeliefert, das wegen der Umweltschäden, die das Fracking verursacht, berüchtigt ist.
Erdbebengefahr
Das Bemühen Berlins, Erdgas aus nichtrussischen Quellen zu beschaffen, führt zur Zeit zu ernsten Auseinandersetzungen mit den Niederlanden. Deutschland ist lange aus dem riesigen Erdgasfeld bei Groningen beliefert worden. Weil das jahrzehntelange Abpumpen des Gases aber immer häufiger zu Erdbeben führt, hatte die Regierung in Den Haag angekündigt, Mitte dieses Jahres den Förderprozess bei Groningen einstellen zu wollen. Das scheitert nun aber daran, dass die Bundesrepublik auf einer Fortsetzung der Belieferung besteht und sogar verlangt, deutlich mehr Erdgas aus Groningen zu erhalten als zuvor. Nach Branchenangaben ist der niederländische Gasversorger GasTerra vertraglich gezwungen, den Forderungen aus Deutschland nachzukommen; in Groningen steht deshalb statt der Einstellung der Förderung ihre Ausweitung bevor – und damit auch eine gesteigerte Erdbebengefahr.[9] Bereits Mitte Januar wurden vor Ort Proteste laut, freilich bislang ohne Erfolg.[10]
[1] Klaus Stratmann: Deutschlands Energierechnung steigt deutlich – bei weiter hoher Abhängigkeit von Russland. handelsblatt.com 27.01.2022.
[2] Ein bisschen Wärme. Frankfurter Allgemeine Zeitung 03.02.2022.
[3], [4] Klaus Stratmann: Gasvorräte unter der kritischen Grenze. handelsblatt.com 03.02.2022.
[5] Eon-Chef Birnbaum: „Wir brauchen russisches Gas“ – Nord Stream 2 „energiewirtschaftlich hilfreich“. rnd.de 01.02.2022.
[6] Eon-Chef Birnbaum: „Wir brauchen russisches Gas“ – Nord Stream 2 „energiewirtschaftlich hilfreich“. rnd.de 01.02.2022.
[7] S. dazu Pipelineblockade in der Erdgaskrise.
[8] Marcus Theurer: Flüssig-Erdgas für Deutschland. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30.01.2022.
[9] Lukas Kotkamp: The Netherlands‘ earthshaking gas deal with Germany. politico.eu 27.01.2022.
[10] Gerrit Hoekman: „Schlag ins Gesicht der Groninger“. junge Welt 14.01.2022.
Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8831
