Krieg in Europa! – Frieden durch Aufrüstung?
Essay von Uwe Wötzel, vom 9. März 2022 1
Am 2. März verurteilte die Vollversammlung 2 der Vereinten Nationen auf das Schärfste die
Aggression Russlands gegen die Ukraine unter Verletzung der Charta der Vereinten Nationen
auf das Schärfste und forderte die Russische Föderation auf, ihre Entscheidung vom 21. Februar
über den Status bestimmter Gebiete der ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk unver-
züglich und bedingungslos rückgängig zu machen. Doch die brutalen Angriffe der russischen
Armee auf die Ukraine werden fortgesetzt, auch gegen die Zivilbevölkerung, auf Krankenhäu-
ser, gegen Einrichtungen der zivilen Infrastruktur, sogar auf Atomkraftwerke. Tausende Men-
schen sterben, Millionen sind auf der Flucht. Die Not und das Leid sind unermesslich. Nichts,
aber auch gar nichts kann diesen verbrecherischen Krieg rechtfertigen. Dennoch müssen wir
fragen, wie es dazu kam, wer Anteile an der Vorgeschichte hat und für welche Fehler unschul-
dige Menschen in diesem Krieg mit ihrem Leben und ihrem Leid einen hohen Preis zahlen.
Wenn wir aus Fehlern nicht lernen, dann werden sich Kriege mit ihren schrecklichen Folgen
für Millionen Menschen wiederholen.
Es war Putin, der noch im Jahr 2001 in Deutschen Bundestag anhaltenden Applaus bekam für
diese Erklärung: „Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsar-
chitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima und ohne dieses Vertrau-
ensklima ist kein einheitliches Großeuropa möglich. Heute sind wir verpflichtet, zu sagen, dass
wir uns von unseren Stereotypen und Ambitionen trennen sollten, um die Sicherheit der Bevöl-
kerung Europas und die der ganzen Welt zusammen zu gewährleisten.“3 Putin hoffte offenbar
zu Beginn seiner ersten Präsidentschaft an im „Zwei plus Vier Vertrag“ von 1990 vereinbarten
„Bereitschaft, die Sicherheit zu stärken, insbesondere durch wirksame Maßnahmen zur Rüs-
tungskontrolle, Abrüstung und Vertrauensbildung; ihrer Bereitschaft, sich gegenseitig nicht als
Gegner zu betrachten, sondern auf ein Verhältnis des Vertrauens und der Zusammenarbeit hin-
zuarbeiten, sowie dementsprechend ihrer Bereitschaft, die Schaffung geeigneter institutioneller
Vorkehrungen im Rahmen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa po-
sitiv in Betracht zu ziehen“.4
Putins Hoffnungen wurden auf Vertrauensbildung und gemeinsame Sicherheit konterkariert.
Besonders die zweite und sehr weitreichende große NATO-Osterweiterung 5 2004 mit der Auf-
nahme von Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei und Slowenien war ein
politischer Schritt, der die Haltung Russlands zum Westen veränderte. Der große US-Diplomat
und Historiker George F. Kennan war ein nachdrücklicher Warner vor den Folgen einer
2 https://www.un.org/press/en/2022/ga12407.doc.htm
3 https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/putin/putin_wort-244966
4 Bundesgesetzblatt 1990 II S. 1317
5 https://nsarchive.gwu.edu/2
einem Gastbeitrag für die New York Times, dass die Entscheidung von Präsident Clinton, die
NATO bis zu den Grenzen Russlands zu erweitern, der verhängnisvollste Fehler der amerika-
nischen Politik in der Ära nach dem Kalten Krieg wäre: „Diese Entscheidung kann erwarten
lassen, dass die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der Mei-
nung Russlands entzündet werden; dass sie einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung der
Demokratie in Russland haben, dass sie die Atmosphäre des Kalten Krieges in den Beziehungen
zwischen Osten und Westen wiederherstellen und die russische Außenpolitik in Richtungen
zwingen, die uns entschieden missfallen werden“6
erkannten Vertrauensbruch: „Es ist bekannt, dass die Problematik der internationalen Sicher-
heit bedeutend breiter ist als die Fragen der militärpolitischen Stabilität. Dazu gehören die
Beständigkeit der Weltwirtschaft, die Überwindung der Armut, die ökonomische Sicherheit und
die Entwicklung des Dialogs zwischen den Zivilisationen. Dieser allumfassende, unteilbare
Charakter der Sicherheit drückt sich auch in seinem Grundprinzip aus: „Die Sicherheit des
Einzelnen – das ist die Sicherheit aller“. Wie sagte doch Franklin Roosevelt schon in den ersten
Tagen des II. Weltkrieges: „Wo auch immer der Frieden gebrochen wird, ist er gleichzeitig
überall bedroht und in Gefahr.“ ... Ich denke, es ist offensichtlich, dass der Prozess der NATO-
Erweiterung keinerlei Bezug zur Modernisierung der Allianz selbst oder zur Gewährleistung
der Sicherheit in Europa hat. Im Gegenteil, das ist ein provozierender Faktor, der das Niveau
des gegenseitigen Vertrauens senkt. Nun haben wir das Recht zu fragen: Gegen wen richtet
sich diese Erweiterung? Und was ist aus jenen Versicherungen geworden, die uns die westli-
chen Partner nach dem Zerfall des Warschauer Vertrages gegeben haben?“ 7
Heute wissen wir, dass das von George F. Kennan und anderen Experten befürchtete Szenario
trat ein. Putin baute sich einen kleinen Hofstaat mit einem Netzwerk von nationalistischen,
antiwestlichen und militaristischen Leuten und bereitete zeitgleich mit der fortschreitenden Ost-
erweiterung der NATO auf allen Ebenen seinen Angriff auf die Ukraine vor. Diese Entwicklung
war nicht unübersehbar, sie vollzog sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Lange bevor
2021 massive russische Truppenkontingente an der ukrainischen Grenze in Stellung gebracht
wurden, da erfolgte auch die ideologische Vorbereitung8 . Es wurden in Russland nationalisti-
sche Klubs geschaffen und materiell gut ausgestattet, die das ideologische Rüstzeug für den
Krieg gegen die Ukraine lieferten. Zu diesen nationalistischen Klubs gehört der 2012 gegrün-
dete Isborsk-Klub 9 , benannt dem historischen Ort in Nordwestrussland, der als ein Zentrum
russischer Stämme gilt im Jahr 862 die Gründung russischer Staatlichkeit markieren soll. Der
Klub versteht sich als Plattform für eine nationalistische Querfront und will die "Roten" (Nati-
onalkommunisten) und "Weißen" (Rechtsnationalisten) vereinigen. Der Klub-Vorsitzender
Prochanow flog als Gast in dem Langstreckenbomber „TU-95 Isborsk“ mit. Prochanow ist zu-
gleich Mitglied des Waldai-Klubs10 . Beide Klubs 11 teilen die nationalistische Orientierung und
verfügen über intensive Verbindungen zum Kreml. Den russischen Überfall auf die Ukraine
kommentierte das Isbork-Klub-Mitglied Dr. Natalia Narochnitskaya, leitende Forscherin am
6 https://www.nytimes.com/1997/02/05/opinion/a-fateful-error.html
7 http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Sicherheitskonferenz/2007-putin-dt.html
8 Volker Weiß, Eurasische Reconquista, https://jungle.world/artikel/2022/09/eurasische-reconquista
9 https://izborsk-club.ru/
10 https://valdaiclub.com/a/highlights/russia-ukraine-quo-vadis-/
11 https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/159429/analyse-neue-rechtsextreme-intellektuellenzirkel-in-
putins-russland-das-anti-orange-komitee-der-isborsk-klub-und-der-florian-geyer-klub/3
Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wis-
senschaften, am Tag des Angriffs, am 24. Februar, in einem Interview mit Izvestia: „Die Wurzel
des Konflikts nicht nur in der Ukraine, sondern auch in vielen anderen ehemaligen Republiken
der UdSSR liegt in der doppelten, doppelten, rechtswidrigen Zerstörung des historischen russi-
schen Staates. Zuerst von den Bolschewiki 1917, dann von den Liberalen 1991. Darüber hinaus
wurden sie 1991 nicht entlang der historischen Grenzen geteilt, die die Bolschewiki gezogen
haben.“12 Zum Isborsk-Klub gehört auch Alexander Dugin, der als Gründer, Chefideologe und
Vorsitzende der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung über Zugang zu höchsten
Regierungs- und Parlamentskreisen verfügt 13 . Dugin vertritt offen imperialistische und neofa-
schistische Positionen und propagiert über internationale Netzwerke das geopolitische Konzept
eines „Neo-Eurasismus“ auf der Basis eines in Opposition zu den USA stehenden großrussi-
schen Reiches. Etwa einmal pro Woche tritt Dugin in einem der staatlichen oder halbstaatlichen
Rundfunk- oder Fernsehkanäle Russlands auf. Aufgrund seiner Eloquenz und Belesenheit hat
er sich zu einem beliebten Interviewpartner russischer Journalisten entwickelt.
litik in einen Aufsatz14 . Putin Vorstellung von einem Großrussischen Reich, analog der Kiewer
Rus offenbart seine „Gedankenwelt, in der sich Sowjetpatriotismus, imperialer und russischer
Ethnonationalismus sowie revisionistisches Denken vermischen. Für Putin ist die Ukraine ein
„Anti-Russland“, hinter dem eine Verschwörung des Westens steht. Den ethnischen Russen in
der Ukraine drohe „eine gewaltsame Assimilation“, die mit dem „Einsatz von Massenvernich-
tungswaffen“ vergleichbar sei.“ Im Juli 2021 forderte Andreas Kappler, „Putins Drohungen
sollten ernst genommen werden.“15
mit religiösen und homophoben Akzenten in der im Juli 2020 geänderten Verfassung der Rus-
sischen Föderation. Zu wesentlichen besonders markanten Veränderungen gehören Vorrang der
russischen Verfassung vor dem Völkerrecht, Stärkung von Befugnissen des Präsidenten, das
Bekenntnis zu Gott, Indexierung der Renten, Verbot des Unterschreitens des Mindestlohns ge-
genüber dem Existenzminimum, Ehe nur als Bund von Mann und Frau. Die Abkehr vom Völ-
kerrecht in der russischen Verfassung bedeutet, dass Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht durchgesetzt werden können. Damit werden russische Oppositionsaktivisten der Willkür eines repressiven Staats- und Justizapparates ausgeliefert. Einen eigenen Platz bekamen in der neuen Verfassung das völkische Geschichtsbild und die Abwehr von differenzierten Betrachtungen der Geschichte in Artikel 67 Absatz 2 und 3:
„2. Die Russische Föderation, vereint durch eine tausendjährige Geschichte, bewahrt die Er-
innerung an die Vorfahren, die uns Ideale und den Glauben an Gott weitergegeben haben,
sowie die Kontinuität in der Entwicklung des russischen Staates und erkennt die historisch be-
gründete staatliche Einheit an.
währleistet den Schutz der historischen Wahrheit. Eine Abwertung der Bedeutung der Leis-
tung des Volkes bei der Verteidigung des Vaterlandes ist nicht gestattet.“ 16
12 https://izborsk-club.ru/22390
13 Andreas Umland, Faschismus à la Dugin, Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2007, S. 1432-1435
https://www.blaetter.de/ausgabe/2007/dezember/faschismus-a-la-dugin
14 Vladimir Putin, Über die historische Einheit von Russen und Ukrainer, deutsch in OSTEUROPA, 71. Jg., 7/2021, S. 51–66
https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2021/7/ueber-die-historische-einheit-der-russen-und-der-ukrainer/ und http://kremlin.ru/events/president/news/66181
15 Andreas Kappeler, Revisionismus und Drohungen; Vladimir Putins Text zur Einheit von Russen und Ukrainern (Osteuropa 7/2021, S. 67–76) https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2021/7/revisionismus-und-drohungen/
16 http://duma.gov.ru/news/48045/4
Zu Putins Strategie zur Verfälschung der Geschichte gehört auch das Verbot von Memorial17 , der bedeutenden von Sacharow gegründeten und von Gorbatschow unterstützen Menschenrechts-organisation, die insbesondere die Verbrechen des Stalinismus aufarbeitet. Putins Vorliebe für Diktatoren wurde bereits 1993 sichtbar, als er in seiner Amtszeit als zweiter Bürgermeister von St. Petersburg vor deutschen Unternehmensvertretern den chilenischen Diktator Pinochet als Vorbild für neoliberale, autoritäre und notwendige Politik darstellte.18
schieren ließ, da erklärte der ukrainische Präsident Selensky im April 2021 den NATO-Beitritt
seines Landes als „einzigen Weg“ für den Frieden bezeichnete. Der Botschafter der Ukraine in
Deutschland, Andreji Melnyk, legte im Interview mit dem Deutschlandradio19 am 15. April
2021 nach, Kiew werde „vielleicht auch über den nuklearen Status nachdenken“.
Die NATO eine Wertegemeinschaft, wofür?
Als was sollte Putin die permanente Ausdehnung der NATO in Richtung Osten wahrnehmen?
Als Bedrohung der Sicherheit Russlands und damit der Bedrohung der Sicherheit ganz Euro-
pas? Welchem Anspruch wurde und wird die NATO gerecht? Wozu brauchen Menschen in
Europa die NATO?
Wertegemeinschaft freier demokratischer Staaten. Im Nordatlantikvertrag bekennen sich die
Mitglieder zu Frieden, Demokratie, Freiheit und der Herrschaft des Rechts.“20 In welchem Ver-
hältnis steht dieser Anspruch zur Realität? In welchem Kontext steht die NATO als Wertege-
meinschaft des freien Westens?
der Geschichte. Die NATO steht historisch für globale Vorherrschaft des Westens unter Füh-
rung der USA. Die globale Vorherrschaft des Westens begann vor über 500 Jahren mit den
brutalen und räuberischen Landnahmen. Der britische Kapitalist und Politiker Cecil Rhodes
erklärte die räuberische Kolonialpolitik: „Wir müssen neue Länder finden, aus denen wir leicht
Rohstoffe gewinnen können und gleichzeitig die billige Sklavenarbeit ausnutzen können, die
von den Eingeborenen der Kolonien zur Verfügung steht. Die Kolonien würden auch einen
Abladeplatz für die in unseren Fabriken produzierten Überschüsse darstellen.“ NATO-Mit-
gliedsstaaten, waren noch Jahrzehnte nach NATO-Gründung als globale Kolonialstaaten, als
Sklavenhändler, Ausbeuter von Menschen und Natur, Kriegs- und Besatzungsmächte auf den
Kontinenten Afrikas, Amerikas und Asiens mit brutaler Gewalt tätig. NATO-Mitglieder wie
Frankreich, Belgien und Portugal zogen sich erst nach blutigen Befreiungskämpfen der Men-
schen in den jeweiligen Ländern zurück. Zum postkolonialen Erbe dieser Politik zählen unsag-
bares Leid bei indigenen Völkern, willkürlich von Kolonialmächten gezogene Staatsgrenzen,
ausgeplünderte Schätze, zerstörte Natur und struktureller Rassismus. Dies ist das Erbe von
Staaten, die sich unter dem Dach der NATO „als Wertegemeinschaft freier demokratischer
Staaten, für Frieden, Demokratie, Freiheit und der Herrschaft des Rechts“ verstehen. Die Kriege
von NATO-Staaten im Kongo, in Algerien, in Indochina, Angola, Mosambik gehören zur Ge-
schichte der NATO ebenso, wie die NATO-Mitgliedschaft von zeitweise faschistischen Regi-
men in Spanien, Portugal und Griechenland. Die NATO war und ist stets der bewaffnete Arm
eines Bundes, dem ungeachtet der politischen Verfasstheit und dem Status der Menschenrechte
17 https://nsarchive.gwu.edu/briefing-book/russia-programs/2022-03-03/liquidation-memorial
18 Bericht in der Tageszeitung Neues Deutschland, 31.12.1993
19 https://www.deutschlandfunk.de/russlands-truppenverlegung-ukrainischer-botschafter-wir-100.html
20 https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/nato-faq-2066185
in den Mitgliedsstaaten die Sicherung und Schutz des kapitalistischen Wirtschaftssystems mit
der Garantie des Privateigentums an Produktionsmitteln ein zentrales Ziel darstellt.
Der Bruch der Anti-Hitler-Koalition war zugleich der Beginn des Kalten Krieges. Die folgen-
den Jahrzehnte offenbarten die Widersprüche zwischen Propaganda und bekannten Realitäten
in der Politik der Westmähte und späteren NATO-Mitgliedsstaaten. Die US-Atombombenein-
sätze gegen die Menschen in Hiroshima und Nagasaki markierten auch eine Warnung an die
damalige UdSSR und waren zugleich der Auftakt für das atomare Wettrüsten. Mit bester
Schönfärberei wurde im Kalten Krieg die US-Großmachtpolitik verpackt und angepriesen.
1947 verkündete der damalige US-Präsident Truman seine Doktrin mit folgen Worten:
„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen alternativen
Lebensformen wählen. Nur zu oft ist diese Wahl nicht frei. Die eine Lebensform gründet sich
auf den Willen der Mehrheit und ist gekennzeichnet durch freie Institutionen, repräsentative
Regierungsform, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit, Rede- und Religions-
freiheit und Freiheit von politischer Unterdrückung. Die andere Lebensform gründet sich auf
den Willen einer Minderheit, den diese der Mehrheit gewaltsam aufzwingt. Sie stützt sich auf
Terror und Unterdrückung, auf die Zensur von Presse und Rundfunk, auf manipulierte Wahlen
und auf den Entzug der persönlichen Freiheiten. Ich glaube, es muss die Politik der Vereinigten
Staaten sein, freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaff-
nete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen. Ich glaube, wir müssen allen freien
Völkern helfen, damit sie ihre Geschicke auf ihre Weise selbst bestimmen können. Unter einem
solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtschaftliche und finanzielle Hilfe, die die Grundlage
für wirtschaftliche Stabilität und geordnete politische Verhältnisse bildet. Die Welt ist nicht
statisch und der Status quo ist nicht heilig. Aber wir können keine Veränderungen des Status
quo erlauben, die durch Zwangsmethoden oder Tricks wie der politischen Infiltration unter
Verletzung der Charta der Vereinten Nationen erfolgen. Wenn sie freien und unabhängigen
Nationen helfen, ihre Freiheit zu bewahren, verwirklichen die Vereinigten Staaten die Prinzi-
pien der Vereinten Nationen. Die freien Völker der Welt rechnen auf unsere Unterstützung in
ihrem Kampf um die Freiheit. Wenn wir in unserer Führungsrolle zaudern, gefährden wir den
Frieden der Welt - und wir schaden mit Sicherheit der Wohlfahrt unserer eigenen Nation.“ 21
Ziel der US-Doktrin war es, die Expansion der Sowjetunion aufzuhalten, und Regierungen im
Widerstand gegen den Kommunismus zu unterstützen. Koste es was es wolle. Und es kostete.
Es kostete Menschenleben, Umweltschäden und gewaltige öffentliche Ressourcen. Unter op-
ferreichen Stellvertreterkriegen litten besonders die Menschen in Korea, Vietnam und Afgha-
nistan. "Wenn wir am Hindukusch Erfolg haben, werden wir auch das nächste Mal stärker sein,
wenn wir aufgerufen sind, unsere Sicherheit und Werte weit weg von zu Hause zu verteidigen.",
dass erklärte die damalige US-Botschafterin Victoria Nuland 22 . Wir haben noch die Bilder vom
Abzug der US-Truppentransporter vom Flughafen Kabul vor den Augen und wissen, wie mili-
tärische Abenteuer ausgehen können.
Der russische Angriff auf die Ukraine entwickelt sich zum bisher größten und gefährlichsten
Krieg in Europa. Aber er ist nicht der erste Krieg in Europa. Viele Kriege sind im öffentlichen
Bewusstsein nicht präsent oder werden verdrängt. Die Arbeitsgemeinschaft
21 Rede von US-Präsident Harry S. Truman am 12. März 1947 vor beiden Häusern des Kongresses. https://segu-ge- schichte.de/truman-doktrin-quelle/
22 Victoria Nuland, 8. Februar 2008 in Berliner Zeitung; Quellen: http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Sicherheits-konferenz/2008-protest.html und https://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-einsatz-der-bundeswehr-soldat-fuer-soldat-1.2630076 Kriegsursachenforschung (AKUF) informiert23 umfassend über das weltweite Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg. Im AKUF-Archiv sind Analysen, Übersichten und Statistiken zu sämtlichen Kriegen seit 1945 vorhanden: „Noch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
Ausgang des Zweiten Weltkrieges standen die zwei Griechischen Bürgerkriege (1944-1945 und
1946-1949), die in Westeuropa das Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg einleiteten.
Der erste Griechische Bürgerkrieg begann zwar im Dezember 1944, während der Zweite Welt-
krieg in Europa offiziell erst am 8. Mai beendet wurde. Jedoch standen sich hier bewaffnete
Gruppen gegenüber, die bereits den ideologischen Lagern des bevorstehenden Ost-West-Kon-
fliktes zuzuordnen sind. Ungefähr in den gleichen Zeitraum fällt der Spanische Bürgerkrieg
(1945-1950). Allein drei Kriege eskalierten auf Zypern. Von 1955 bis 1959 wurde um die Un-
abhängigkeit der Insel von Großbritannien gekämpft, der zweite Krieg (1963-1964) führte zur
Teilung der Insel in einen griechisch-zypriotischen Süden und einen türkisch-zypriotischen
Norden, der Krieg von 1974 schließlich verfestigte diese Teilung noch einmal. Von 1968 bis
1979 dauerte der Krieg im spanischen Baskenland, der seitdem unterhalb der Kriegsschwelle
mit geringer Intensität weitergeht. Der Nordirlandkrieg (1969-1997) stellt die längste bewaff-
nete Auseinandersetzung dar. Mit Ausnahme des Ungarn-Aufstandes von 1956 blieb Osteuropa
bis 1989 kriegsfrei. Von 1989 bis 1995 eskalierten jedoch gleich 5 Kriege, die allesamt in Süd-
osteuropa stattfanden. Nach den relativ kurzen kriegerischen Auseinandersetzungen in Rumä-
nien (1989) und Moldavien (1992) haben die kriegerischen Staatsbildungsprozesse auf dem
Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens das weitere Konfliktgeschehen bestimmt. Die Kriege in
Slowenien (1991), Kroatien (1991-1995) und Bosnien (1992-1995) begannen zwar als Sezessi-
onskriege, sie bekamen jedoch im weiteren Konfliktverlauf, mit der Anerkennung der Unab-
hängigkeit der jugoslawischen Nachfolgestaaten, auch eine zwischenstaatliche Dimension.
Unter den Kriegen in Europa wird der NATO-Krieg gegen Jugoslawien mit der Abtrennung
des Kosovo als völkerrechtswidrig angesehen. Es gab für diesen Krieg weder ein UN-Mandat,
noch Bündnisfall, sondern als Vorwand nur Lügen 24 . Der NATO-Einsatz unter Beteiligung von
Tornados der Bundeswehr dauerte vom 24. März 1999 als Tag des ersten Luftangriffs bis zum
9. Juni 1999. NATO-Bomber warfen binnen 78 Tagen 20.000 Bomben vor allem auf zivile
Ziele in Jugoslawien. Sie feuerten über 100 Raketen zur Unterdrückung der jugoslawischen
Flugabwehr. Dieser NATO-Krieg war ein Kriegsverbrechen. Die Begründung des Krieges be-
ruhte auf einem nichtexistierenden „Operationsplan Hufeisen“. Im Ergebnis des Krieges wur-
den bestehende Grenzen verändert und der Kosovo als eigenes Staatsgebiet von Jugoslawien
abgetrennt.
Die Türkei, ein enger NATO-Partner Deutschlands, setzt im Schatten des russischen Angriffs-
krieges gegen die Ukraine ihren Angriffskrieg 25 gegen kurdische Gebiete in Nordsyrien fort
und hält an der Besatzung größerer Regionen des Landes fest. In diesen Tagen werden erneut
türkischer Artilleriebeschuss und Drohnenangriffe auf die kurdischen Gebiete Nordsyriens ge-
meldet; dabei wurden bisher zahlreiche Zivilisten verletzt. Wenige Wochen zuvor war es zu
einem Großangriff der türkischen Luftwaffe gekommen. Erdoğan ließ die nordostsyrische Re-
gion Hasakah bombardieren, nachdem es dort kurdischen Kämpfern gelungen war, einen Ge-
fängnisaufstand des Islamischen Staates (IS) niederzuschlagen. Die Türkei hält seit Jahren meh-
rere Regionen Nordsyriens besetzt, errichtet dort türkische Infrastruktur und bindet die Gebiete
23 https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/kriegearchiv.html
24 Die erstmals 2001 gesendete WDR-Dokumentation „Es begann mit einer Lüge“ geht davon aus, dass die gesamte Ge-
schichte frei erfunden wurde und nur der Rechtfertigung der militärischen Einsätze diente, https://www.y-
outube.com/watch?v=ZtkQYRlXMNU
25 https://www.pressenza.com/de/2022/03/die-ignorierte-invasion/
Info: https://frieden-hannover.de/wp-content/uploads/2022/03/Ukraine_Woetzel.pdf



