Präsident Selenskyjs geheime Geschäfte
aus e-mail von Doris Pumphrey, vom 1. August .2022 12:20 Uhr
_WELT 01.08.2022
_*Präsident Selenskyjs geheime Geschäfte
*/Von Steven Derix, Marina Shelkunova
/m Sommer 2021 geht Selenskyj auf direkten Konfrontationskurs. Am 2.
Juni legt der Präsident der Werchowna Rada (dem ukrainischen Parlament;
d. Red.) ein Gesetz vor. Nach dem neuen Gesetz wird der RNBO (der
Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine; d. Red.) ein
Oligarchenregister einrichten, das auf einer Reihe von Kriterien beruht:
Hat jemand eine Monopolstellung auf einem bestimmten Markt, verfügt er
über ein Einkommen, das mindestens ein Millionenfaches des ukrainischen
Existenzminimums von 83 Dollar pro Monat beträgt, hat er Einfluss auf
die Medien, und ist er in der Politik aktiv?
Oligarchen, die in das Register aufgenommen werden, müssen ihr Einkommen
ebenso wie Regierungsbeamte angeben. Eingetragene Oligarchen dürfen
keine politischen Parteien finanzieren oder sich an größeren
Privatisierungen von Staatseigentum beteiligen. Um unerwünschten
Einfluss einzudämmen, müssen Richter und Minister ihre Kontakte zu
Oligarchen offenlegen. „Die Oligarchen sind Geschichte“, twittert
Selenskyj am 2. Juli.
Ihor Kolomojskyj kündigt an, dass er bereit sei, in das Register
aufgenommen zu werden. Das Unternehmen des reichsten Ukrainers Rinat
Achmetow lässt verlautbaren, dass er kein Oligarch, sondern ein
„Investor“ sei. Nach der Verabschiedung des Gesetzes gibt Petro
Poroschenko bekannt, dass er seine drei Fernsehsender Kanal 5, Kanal und
Espresso verkauft habe. „Der Hauptgrund für die Einführung dieses
‚Oligarchengesetzes‘ ist, die Kontrolle über die Medien zu erlangen“,
sagt Poroschenko wütend.
Die deutsche Botschafterin in Kiew, Anka Feldhusen, spricht von einem
„mutigen ersten Schritt“, nennt das neue Gesetz aber auch „vor allem
symbolisch“. Nach Ansicht von Feldhusen ist es wichtiger, die Reformen
im Justizwesen abzuschließen und die Antikorruptionsbehörden zu stärken.
Langfristig sollte man den bestehenden Institutionen einfach mehr
Befugnisse geben, sie müssten im Kampf gegen die Oligarchen stärker
unterstützt werden.
Ruslan Rjaboschapka, der von Selenskyj entlassene Generalstaatsanwalt,
nimmt eine zynische Analyse des Oligarchengesetzes vor. Der Anwalt hat
die Gesetzesbegründung gelesen und fragt sich, ob das Gesetz den Bürgern
nützt. Müssen die Oligarchen irgendetwas von ihrem gestohlenen Eigentum
an den Staat abtreten? Rjaboschapka kann dazu nichts finden: „Es geht um
den Präsidenten, um das Gremium, das er in der Tasche hat [RNBO], und um
die Erweiterung seiner Befugnisse.“
*Der Anschlag auf den Selenskyj-Vertrauten
*Am 22. September nimmt Selenskyj in New York an der Generalversammlung
der Vereinten Nationen teil. Um drei Uhr nachts wird er angerufen. In
Kiew ist das Auto seines Geschäftspartners, Freundes und Beraters Serhij
Schefir von Unbekannten beschossen worden. Schefir wurde nicht
getroffen, aber sein Fahrer musste verletzt ins Krankenhaus gebracht
werden. Ein Anschlag, so wird Selenskyj berichtet. In seinem Hotelzimmer
nimmt Selenskyj ein kurzes Video auf. „Ich weiß nicht, wer
dahintersteckt“, sagt Selenskyj, „aber mich mit Schüssen vom Waldrand
auf das Auto meines Freundes zu begrüßen ist schwach. Die Antwort wird
entschlossen sein.“
Im Lager von Selenskyj gibt es viele Spekulationen darüber, wer den
Anschlag angeordnet hat. Der sanftmütige Schefir ist nicht als jemand
bekannt, der Feinde hat – dies muss eine Warnung an Selenskyj sein.
Vielleicht kam der Auftrag von einem Mafiaboss oder einem
Schmugglerkönig, der auf die Sanktionsliste gesetzt wurde. Vielleicht
ist es eine Reaktion auf das Oligarchengesetz. Die Täter werden nie
gefunden. Innerhalb von zwei Wochen ist der Anschlag jedoch vergessen,
und die Ukraine spricht über etwas ganz anderes: die Integrität von
Präsident Selenskyj.
*Fragen nach der Integrität von Selenskyj
*Am 3. Oktober soll der Film „Offshore 95“ im Theater „Die kleine Oper“
in Kiew uraufgeführt werden. Es ist ein Dokumentarfilm, der auf den
Pandora Papers basiert, über elf Millionen durchgesickerten Dokumenten
von finanziellen Dienstleistern.
Das internationale Netzwerk investigativer Journalisten begann am 3.
Oktober mit der Veröffentlichung von Enthüllungen über die
Offshore-Konten Hunderter Regierungsvertreter in aller Welt, darunter
fünfunddreißig führende Politiker. In den 2,9 Terabyte vertraulichen
Informationen spielt Wolodymyr Selenskyj eine wichtige Rolle.
In „Offshore 95 – Präsident Selenskyjs geheime Geschäfte“ berichten
ukrainische Investigativjournalisten darüber. Doch die Premiere wird in
letzter Minute abgesagt. Der Direktor des Theaters rief einige Stunden
vorher Journalisten an und teilte ihnen mit: „Wir werden den Film über
den Präsidenten nicht zeigen.“ Der Regisseur verschickte eine
WhatsApp-Nachricht, in der er mitteilte, dass die Vorführung nicht
stattfindenkönne, weil das Theater renoviert werde und die Beleuchtung
nicht funktioniere.
Die Qualitätszeitung „Ukrainska Pravda“ berichtet später, dass der
Direktor von einem Mitarbeiter der SBU (kurz für: Sluschba bespeky
Ukrajiny, Inlandsgeheimdienst der Ukraine, d. Red.) angerufen worden
sei. Die Absage der Premiere führt innerhalb weniger Stunden zu einem
großen Skandal. Die Empörung ist so groß, dass der Film doch noch am
selben Tag gezeigt wird.
*Die Offshore-Konten des Präsidenten
*Im Jahr 2019 wurde bereits aufgedeckt, dass Selenskyj auf Zypern
Offshore-Konten unterhält. Recherchen von Slidstvo.info haben ergeben,
dass der Komiker zusammen mit den Schefir- Brüdern und einem weiteren
Mitarbeiter von Studio Kwartal 95 auch Firmen auf den Britischen
Jungferninseln und in Belize besitzt. Im Mittelpunkt dieser
komplizierten Unternehmensstruktur steht die bisher unbekannte Maltex
Multicapital Corp., die auf den Jungferninseln registriert ist.
In den Unternehmen ist viel Geld im Spiel. Die Maltex Multicapital Corp.
hat offenbar seit 2012 insgesamt 40 Millionen Dollar von Unternehmen
erhalten, die Ihor Kolomojskyj gehören. Das Unternehmen scheint auch
Wohnungen im Zentrum Londons im Wert von 7,5 Millionen Dollar zu
besitzen. Kurz vor der Präsidentschaftswahl übertrug Selenskyj seine
Anteile an der Maltex Multicapital Corp. auf Serhij Schefir. Der Zweck
dieser Offshores ist unklar. Kolomojskyj ist der Eigentümer des Senders
1 + 1, bei dem Studio Kwartal 95 unter Vertrag steht, aber warum sind
die Zahlungen ins Ausland geflossen? Hat Selenskyj Steuern hinterzogen?
Oder war das Studio Kwartal 95 an der Wäsche von kriminellem Geld für
Kolomojskyjs Privatbank beteiligt?
*Selenskyj unter Druck
*Die Journalisten von Slidstvo.info stellen der Präsidialverwaltung im
Rahmen ihrer Gegendarstellung detaillierte Fragen, erhalten jedoch keine
Antwort. Erst am 17. Oktober spricht Selenskyj das Thema in einem
Interview an. „Zu Janukowytschs Zeiten haben alle ihre Geschäfte über
die Grenze verlagert, vor allem die Fernsehbranche“, erklärt er. Laut
Selenskyj wurde er damals „fast jeden Tag“ von den Steuerbehörden
aufgesucht – ein Zeichen dafür, dass die Regierung nach Verstößen
suchte. Selenskyj bestreitet vehement jegliche Geldwäsche, weicht aber
der Frage aus, ob er Steuern gezahlt habe.
Die Journalistin Olena Loginowa von Slidstvo.info legt den Finger in die
Wunde. Aber warum gibt es diese Ableger noch? „Es bedeutet, dass Sie dem
Land, in dem Sie Ihr Unternehmen aufgebaut haben und in dem Sie das
Sagen haben, nicht trauen“, sagt die Journalistin am nächsten Tag. „Sie
wollen etwas verbergen, und Sie haben einen Grund dafür.“
Am 27. Oktober gibt die Korruptionsaufsichtsbehörde NACP bekannt, dass
sie Selenskyjs Geschäfte untersucht und nichts Illegales gefunden habe.
Doch weniger als einen Monat später wird ein zweiter, schon länger
zurückliegender Skandal aufgedeckt. Im Juli 2020 waren dreiunddreißig
Söldner – zweiunddreißig Russen und ein Belarusse – in einem Kurort nahe
der belarussischen Hauptstadt Minsk festgenommen worden. Nach Ansicht
des belarussischen Präsidenten Lukaschenko hatte Moskau die Männer
geschickt, um sein Land im Vorfeld der Präsidentschaftswahl im August zu
destabilisieren.
Russische und ukrainische Medien meldeten jedoch schon bald, dass
möglicherweise ukrainische Geheimdienste dahinterstecken könnten und
Belarus gar nicht das eigentliche Ziel gewesen sei. Der ukrainische
Journalist Jurij Butusow berichtete, dass diese Operation von SBU und
GUR gescheitert sei, weil jemand aus Selenskyjs Umfeld etwas nach Moskau
habe durchsickern lassen. Wassyl Burba, der Leiter des ukrainischen
militärischen Geheimdienstes GUR, sei von Selenskyj entlassen worden.
Die ukrainische Regierung bestreitet, etwas mit der Operation zu tun zu
haben.
Das Thema wird in den ukrainischen Medien und der Gesellschaft heftig
diskutiert, insbesondere nachdem Christo Grozev vom Recherchenetzwerk
Bellingcat im Dezember 2020 angekündigt hat, einen Film darüber zu
drehen. Würde es weitere Enthüllungen geben? Gab es Verräter in
Selenskyjs innerem Zirkel? Der geplante Film wird zwar nicht gedreht,
aber am 17. November 2021 veröffentlicht Bellingcat schließlich seine
Untersuchung mit spektakulären Details über die „Wagnergate“ genannte
belarussische Affäre.
*"Wagnergate“ und die Folgen
*In ihr wird dargelegt, dass die ukrainischen Geheimdienste SBU und GUR
eine umfangreiche Operation geplant hatten, um Dutzende Mitglieder der
russischen Söldnergruppe Wagner, die im Donbass gekämpft hatten, in die
Falle zu locken und zu verhaften. Man hoffte, die Männer könnten in
ihren Aussagen einiges über die Rolle Russlands in diesem Konflikt ans
Licht bringen. Und dass manche vielleicht mehr über den Abschuss von
MH17 zu berichten hätten.
Die Geheimdienste hatten Scheinfirmen gegründet, um Wagner-Leute für
einen Job als hoch bezahlter „Wachdienst“ in Venezuela anzuwerben. Der
Plan sah vor, dass die Söldner auf dem Landweg von Russland nach Minsk
fahren und von dort einen Flug nach Istanbul nehmen sollten, von wo aus
es für sie angeblich nach Venezuela weitergehen sollte. Im ukrainischen
Luftraum wäre die Maschine der Turkish Airlines dann zur Landung in Kiew
gezwungen worden, wo die Söldner verhaftet werden sollten.
Der Plan war so leichtsinnig, dass er zwangsläufig schiefgehen musste.
Die unmittelbare Ursache für das Scheitern war jedoch Präsident
Selenskyj selbst. Einen Tag vor dem geplanten Abflug der Söldner aus
Minsk beschloss der ukrainische Präsident, die Operation zu verschieben.
Die Folge: Dreiunddreißig Wagner-Söldner warteten in einem Ferienpark
auf ihren Flug und wurden dort wegen ihres „für russische Touristen
untypischen Verhaltens“ enttarnt.Zeugen hatten der belarussischen
Polizei berichtet, dass sich dort durchtrainierte Männer in
Militärkleidung aufhielten, die keinen Tropfen Alkohol tranken und
selbst während des Discoabends in ihren Zimmern blieben. So kam es zur
Festnahme im Juli 2020.
„Wagnergate“ kommt zu einem besonders unglücklichen Zeitpunkt. Im Laufe
des Jahres 2021 beginnt Russland, eine große Streitmacht an der
ukrainischen Grenze zusammenzuziehen. Sowohl in Kiew als auch in den
westlichen Hauptstädten wird offen über einen bevorstehenden Krieg
gesprochen. Einige Ukrainer fragen sich laut, ob die Regierung Selenskyj
in der Lage sei, der wachsenden russischen Bedrohung zu begegnen. Um die
Lage zu beruhigen, beschließt Selenskyj, am 26. November eine
Pressekonferenz zu geben.
*Die nicht genehmigte „Operation Wagner"
*Der Präsident erklärt, dass er die „Operation Wagner“ wegen der enormen
Risiken und der vielen offenen Fragen nicht habe genehmigen wollen. Zum
Beispiel wegen der Gefahr, dass andere Passagiere an Bord des Flugzeugs
hätten verletzt werden können. Auch wegen des internationalen
Proteststurms infolge der Entführung eines türkischen Flugzeugs im
ukrainischen Luftraum. Die Journalisten sind damit nicht sofort
zufrieden, sie stellen alle möglichen Fragen, und die Pressekonferenz
dauert schon mehrere Stunden. Der Präsident wirkt erschöpft.
Wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges mit Russland sei,
möchte ein Reporter wissen. „Ich glaube, wir leben seit acht Jahren in
einem Kriegszustand“, antwortet Selenskyj barsch. „Wir erhalten jeden
Tag Informationen, auch von den Diensten der Partnerländer, die uns
unterstützen.“ Er fährt fort: „Wir haben sogar eine Tonaufnahme, auf der
Ukrainer und Russen über die Beteiligung von Rinat Achmetow an einem
Staatsstreich in der Ukraine sprechen.“ Die Journalisten fangen eilig
an, WhatsApp- Nachrichten zu schreiben und zu twittern. „Mehr kann ich
Ihnen jetzt nicht sagen“, schließt Selenskyj. „Ich kann nur sagen, dass
ich nicht Janukowytsch bin. Ich habe nicht die Absicht wegzulaufen.“
/Der voranstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch von Steven Derix
„Selenskyj. Die aktuelle Biografie“ erscheint am 6. August bei Edel
Books (192 Seiten, 18,95 Euro).
/
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.








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