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overton-magazin.de, 19. November 2024 November 2024 96 Kommentar


Quelle: Pixabay


Die Russen, das sind die Anderen. Sie denken angeblich anders als wir, fühlen anders – und für manchen sind Russen nicht mal Europäer. Auch wenn sie so aussehen, dürften wir uns nicht täuschen lassen. Woher kommt diese Russenfeindlichkeit?

Roberto De Lapuente fragte den Philosophen Hauke Ritz, wo die Russophobie ihre Wurzeln hat.

 

De Lapuente: Spätestens mit dem 24. Februar 2022 stellte sich etwas in der bundesdeutschen Öffentlichkeit ein, was vorher überwunden schien: Die Russophobie. Ich denke an Politologin Florence Gaub, die bei Lanz in der Sendung sagte, dass Russen zwar europäisch aussehen, aber keine seien. Außerdem würden sie mit dem Tod von Menschen anders umgehen als wir. Hat Sie die Russophobie, die fast über Nacht salonfähig wurde und für die man sich auch nicht mehr schämte, denn überrascht?

Ritz: Überrascht wurde ich von der Russophobie nicht wirklich. Sie war für mich präsent seit dem Jahr 2007. Bereits damals erschienen in den Zeitungen reihenweise Artikel, die sich von den heutigen nicht grundlegend unterscheiden. Schon damals wurde Russland als vermeintlich »ewige Diktatur«, »stalinistisches Regime« oder gelegentlich sogar als »Nachfolger des Dritten Reiches« porträtiert. In unserem Buch »Endspiel Europa« haben Ulrike Guérot und ich einige Überschriften aus der damaligen Zeit zusammengetragen. Anhand ihrer wird sichtbar, dass der Krieg in der Presse bereits vor 17 Jahren begonnen hatte. Bereits im Jahr 2007 hatte ich eine längere Analyse mit dem Titel »Die Welt als Schachbrett« verfasst, die dann im Sommer 2008 in gekürzten Form in den Blättern für deutsche und internationale Politik und in einer Langfassung im Hintergrund Magazin veröffentlicht wurde. Darin verknüpfte ich damals immer stärker werdende Russland-Bashing mit der geographischen Sichtweise, die Zbigniew Brzezinski bereits 1997 in seinem Buch »Die einzige Weltmacht« enthüllt hatte. Beides kontrastierte ich dann wiederum mit der im gleichen Jahr gehaltenen Rede Putins auf der Münchner Sicherheitskonferenz und dem schärfer werdenden Streit um das Raketenschild, durch den die USA einen nuklearen Erstschlag gegen Russland herstellen wollten.

»Russland trat immer wieder als die ausgleichende Macht auf«

De Lapuente: Und was war Ihre Erkenntnis?

Ritz: Ich schloss damals daraus, dass die USA sich auf einen Krieg mit Russland vorbereiteten und Deutschland und Europa in diesen Krieg einfach mit hineingezogen werden würden, sofern sie kein grundlegend anders Selbstverständnis entwickelten. Im Falle Deutschlands – so glaubte ich – wäre ein solches »Sich-hineinziehen-lassen« auch mit einer Erneuerung der deutschen Schuld gegenüber Russland verbunden. Diese Einsicht war für mich sehr einschneidend. Ich habe danach einfach kein Thema mehr gefunden, das wichtiger hätte sein können als dieses. Meine Pläne im Grenzbereich zwischen Geschichtsphilosophie, Poetik und Religionswissenschaft eine akademische Karriere anzustreben, wirkten angesichts der geschichtlichen Entwicklung wie eine Flucht vor der Realität. Ich konnte nicht anders als den sich zwischen dem sogenannten »Westen« und Russland anbahnende geopolitische Katastrophe zu erforschen und – wenn möglich – meinen Teil dazu beitragen, sie zu verhindern. Es war allerdings klar, dass ein solches Nachdenken über die tieferen Gründe der Feindschaft gegenüber Russland nicht an Universitäten möglich sein würde, die im Zuge der Bologna-Reformen auf die akademische Kultur der USA ausgerichtet worden waren. Und so wählte ich nach dem Abschluss meiner Doktorarbeit die Selbstständigkeit, begann Russisch zu lernen und das Land zu bereisen. Ich wollte dieses Russland, das die USA und ein Teil der deutschen Journalisten bereits 2007, also zu Beginn der Merkel-Ära, zum Feind erklärt hatten, aus eigener Erfahrung kennenlernen. Nein, wirklich überrascht war ich von der Russophobie nicht, die sich nach dem 24. Februar 2022 lediglich noch einmal radikalisierte.

De Lapuente: Nun gut, Sie sagen, dass es diese Russlandfeindlichkeit schon vorher gab – das stimmt natürlich. Aber in den Schröder-Jahren nahm sie erkennbar ab. Wie dem auch sei: Woher kommt diese Feindlichkeit? Speist sie sich aus der traditionellen Russophobie, die es in Europa schon viele jahrhundertelang gab?

Ritz: Dies ist eine sehr fundamentale Frage, die zugleich die Ausgangsfrage meines gerade veröffentlichten Buches »Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas« ist. Ich kann hier nur anreißen, was ich in dem Buch auf über 260 Seiten analysiere. Russland ist in kultureller Hinsicht zweifelsohne ein Bestandteil Europas. Es ist wie Europa vom Christentum und der Aufklärung geprägt und bezieht sich wie Europa auf das antike Erbe. Gleichwohl existiert die europäische Kultur in Russland in einer leichten Brechung. Sie bezieht sich auf Byzanz und nicht auf Rom. Sie wurde von der Orthodoxie und nicht der katholischen oder protestantischen Kirche geprägt. Und schließlich durchlebt Russland die Moderne nicht in der Form des Liberalismus, sondern in Gestalt des Sozialismus. Die europäische Kultur tritt uns in Russland somit in eine leichten Brechung entgegen. Auch von russischer Seite wird diese Brechung wahrgenommen und hat zum ewigen Streit zwischen Westlern und Slawophilen geführt. Russland hat sich zwar in seiner gesamten Geschichte mit Europa identifizierte, sich selbst immer wieder als europäisch definiert und wahrgenommen, sich dabei jedoch vorzugsweise auf die Opposition in Europa bezogen. In der Frühen Neuzeit war dies z.B. die Kritik an der Katholischen Kirche, an die Russland als orthodoxes Land leicht anknüpfen konnte. Im 20. Jahrhundert war dies die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen politischen Strömungen, die für die Sowjetunion die natürliche Verbindung zu Europa darstellten. Und heute ist dies die Kritik an den postmodernen Werten, die in Russland als fremd und uneuropäisch wahrgenommen werden. Russland ist ein Bestandteil Europas und zugleich Stellvertreter eines anderen Europas. Churchill hat Russland als »ein Rätsel, eingewickelt in ein Mysterium, innerhalb eines Geheimnisses« bezeichnet. Der Geheimnischarakter Russlands, auf den Churchill anspielte, erklärt sich vielleicht daher, dass das Land immer wieder mit den verborgenen und letztlich unbewussten Möglichkeiten Europas verbunden gewesen ist. Denn immer wenn es in Europa zu einer gefährlichen Monopolisierung von Macht oder ideologischem Einfluss gekommen ist, trat Russland als die ausgleichende Macht auf. So war es unter Napoleon, als Europa von Frankreich beherrscht wurde und Russland durch seinen Sieg half, das europäische Mächtegleichgewicht wiederherzustellen. So war es im Zweiten Weltkrieg, als Europa vom Dritten Reich beherrscht wurde. Und so ist es vielleicht auch heute angesichts der US-amerikanischen Dominanz auf dem europäischen Kontinent, die mit der Dominanz postmoderner Werte verknüpft ist?

»Der Informationskrieg gegenüber Russland will das Land und seine Bewohner entmenschlichen«

De Lapuente: War der Osten nicht immer auch ein Sehnsuchtsort Zentraleuropas? Im heutigen Polen veranstalten die Ritter des Deutschordens einen regelrechten Kreuzzug. Russland war ihnen noch zu groß und unübersichtlich. Später, als man Distanzen leichter überwinden konnte, rückte Russland ins Visier. Sieht der Westen – das, was wir Westen nennen – Russland nach wie vor als eine Art Land, das man kolonisieren und damit zivilisieren müsste? Und speist sich der Russenhass nicht auch aus diesen jahrhundertealten territorialen Anspruchsdenken, das der Westen gegenüber der osteuopäischen Hemisphäre an den Tag legt?

Ritz: Sie haben recht, es hat sich historisch immer wieder ein »Drang nach Osten« eingestellt. Und dieser Drang war mit der Einheit Europas verbunden. Immer wenn Europa geeint war, zeigte es dieses Verhalten. Napoleon und Hitler habe ich schon erwähnt. Doch auch die Einheit Europas unter der Katholischen Kirche wäre hier zu erwähnen. Hannes Hofbauer beschreibt in seinem Buch »Feindbild Russland«, dass Russland bereits im 16. Jahrhundert in Polen als asiatische Macht beschrieben wurde, also zu einem Zeitpunkt, da Russland die Grenze zu Asien noch gar nicht überquert hatte. Es hat immer Bestrebungen gegeben Russland Asien oder dem Orient zuzuordnen. In der Frühen Neuzeit diente der Bezug auf die orthodoxe Konfession als Begründung, im 19. Jahrhundert wurde das Festhalten Russlands an der Monarchie und die Verpflichtung innerhalb der Heiligen Allianz diese gegenüber revolutionären Unruhen zu schützen zum Anlass, Russland – insbesondere in liberalen Kreisen – als rückständiges Land zu portraitieren. Im 20. Jahrhundert war es dann gerade die Fortschrittlichkeit Russlands, nämlich die sozialistische Regierungsform, die nun dazu diente das Land zu dämonisieren, wobei die Verbrechen Stalins maximal ausgeschlachtet wurde. In den 1990er Jahren dominierte eine Art Schadenfreude über den ökonomischen und sozialen Absturz Russlands. Die westliche Russlandberichterstattung diente nun vor allem dem Zweck, die auch vorhandenen Erfolge des Sozialismus der Erinnerung zu entziehen. In der zweiten Hälfte der Nullerjahre begann man dann damit, die neuen Propagandatechniken der Informationskriegsführung zu nutzen. Praktisch bedeutete dies, dass nun die gerade genannten Klischeewahrnehmungen mehrerer Jahrzehnte und Jahrhunderte kombiniert und überlagert wurden. Dies führte zur Konstruktion eines extrem karikaturhaften Russlandbildes. Russland wurde nun gleichzeitig als extrem stark und schwach dargestellt. Mal hieß es drohend, russische Truppen ständen kurz davor ins Baltikum und Polen einzufallen, während zugleich suggeriert wurde, Russland sei so schwach, dass die Sanktionen zum Zusammenbruch der russischen Wirtschaft führen würden. Das Hauptziel des Informationskrieges gegenüber Russland bestand nun vor allem darin, das Land und seine Bewohner zu entmenschlichen. Die Entmenschlichung war notwendig, um so eine Öffentlichkeit in Deutschland und anderen EU-Staaten herzustellen, die keinen Widerspruch äußern würde, wenn die NATO ihre militärischen Ressourcen einsetzen würde, um Russland strategisch zu schwächen. Es ging der NATO darum, Russland soweit zu schwächen, dass schließlich ein Regimechange im Land durchgeführt werden könnte, durch den die Souveränität Russlands dauerhaft aufgehoben und die russischen Ressourcen von westlichen Konzernen angeeignet werden würde. Um dieses Ziel zu erreichen wurden einfach alle Klischees genutzt, die über Russland existierten. Mal wurde es als stalinistisches Regime portraitiert, mal als Wiedergänger des Dritten Reiches, mal als eine Art halbmongolisches und asiatisches Land, deren Bewohner wie Florence Gaub es öffentlich im Fernsehen äußerte – Sie machten ja bereits darauf aufmerksam –, zwar europäisch aussehen, aber keine seien. Man konnte sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Deutsche, die sich an dieser Entmenschlichung Russlands und seiner Kultur beteiligten, dabei auch von Revanchegelüsten bezüglich des Zweiten Weltkrieges geleitet gewesen sind.

De Lapuente: Russland wurde also immer als Fremdkörper innerhalb Europas begriffen?

Ritz: Doch man darf bei all dem nicht vergessen, dass es immer auch eine gegenteilige Vision gegeben hat, nämlich die, dass ein schwach geeintes Europa Russland miteinschlösse und so eine dauerhafte Friedensordnung in Europa etabliert werden könnte. Auch diese Vision lässt sich Jahrhunderte zurückverfolgen.

»Die Amerikaner haben weder seelisch noch geistig in Europa investiert«

De Lapuente: Können Sie Beispiele für diese gegenteilige Vision anführen, Herr Ritz?

Ritz: Ich erinnere zum Beispiel an die berühmten Worte von Charles de Gaulle, ausgesprochen 1966 auf seiner Reise nach Moskau. Aus dem Flugzeug steigend äußerst dieser Ausnahmepolitiker: »Das große französische Volk grüßt das große russische Volk.« De Gaulle verstand, dass Frankreich auf Dauer seine Souveränität bewahren könne, besonders angesichts der Macht der USA. Er träumte davon, dass Frankreich, Deutschland und Russland zusammen ein souveränes Europa begründen könnten. 2003, als Gerhard Schröder, Jacques Chirac und Wladimir Putin ihr gemeinsames Nein zum Irakkrieg formulierten und sich in kurzer Zeit dreimal trafen, wobei Putin sogar äußerte, dass Brüssel die zukünftige Hauptstadt eines mit Russland verbundenen Europas werden könnte. Damals wurde in Wirtschaftskreisen immer wieder von dem Konzept eines Europas gesprochen, das von Lissabon bis Wladiwostok reichen würde. 2012 als die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen ein Handelsvolumen von 100 Milliarden erreichten, schien sich dies auf natürliche Weise herzustellen. Darauf schritten die USA ein und organisierten 2014 in Zusammenarbeit mit der EU-Führung und auch ihren transatlantischen Netzwerken in Deutschland den Putsch in der Ukraine, der als Maidan in die Erinnerung eingegangen ist. In Folge der sich verschärfenden Spannungen wurde der Traum eines mit Russland versöhnten Europas durch den Alptraum eines übermächtig, stets kriegerischen, stets am Rande des Dritten Weltkrieges sich bewegenden Westens ersetzt. Europa kann im Bündnis mit den USA nur verlieren.


De Lapuente: Die europäischen Administrationen, aber auch weite Teile der europäischen Bevölkerung haben kein Problem damit, in einem Bündnis mit den Vereinigten Staaten zu sein, weil sie glauben, sie seien mit den Amerikanern immer gut gefahren …

Ritz: Zwar sind beide, sowohl die USA als auch Russland die beiden Flügelmächte Europas. Doch zwischen beiden besteht ein fundamentaler Unterschied. Beginnen wir mit den USA. Die Vereinigten Staaten sind auf der Annahme gegründet worden sind, dass die amerikanische Revolution und die daraus entstandene Verfassung eine Reaktion auf die Rückständigkeit Europas ist. Die USA fühlen sich den Europäern, die im 19. Jahrhundert noch lange als Monarchien organisiert waren, auf natürliche Weise überlegen. Deshalb ist den Amerikanern der Gedanke fremd, die Europäer könnten ihnen gegenüber als gleichberechtigte Partner auftreten. Hinzu kommt der Einfluss der in die USA ausgewanderten protestantischer Sekten, durch die das politische Selbstverständnis der neuen Staatsgründung religiös aufgeladen wurde. Die USA sehen sich als ein von Gott auserwähltes Land. Sie halten sich für eine außergewöhnliche Nation (Exzeptionalismus), der das offenkundige Schicksal (Manifest Destiny) innewohnt, immer stärker und mächtiger zu werden und die Welt zu führen. Vor dem Hintergrund dieses nationalen Mythos glauben sie grundsätzlich immer im Recht zu sein, selbst dann, wenn sie Böses tun. Sie haben daher auch kein Problem damit, andere Länder als bloße Werkzeuge für ihre nationalen Interessen zu benutzen. Sollten die Europäer also im Bündnis mit den USA bleiben, so könnte es für sie wirklich gefährlich werden. Die USA würden versuchen immer größere Teile der europäischen Industrie bei sich neu anzusiedeln. Zudem bestände die Gefahr, dass die Amerikaner Europa als Schlachtfeld für ihren zukünftigen Krieg mit Russland nutzen und uns auch vom chinesischen Markt abschneiden. Und schließlich würden ein Verbleib Europas im amerikanischen Bündnis mit einer noch weiter zunehmenden Amerikanisierung verbunden sein. Denn die Amerikaner blicken tendenziell mit Neid auf die großen Kulturleistungen Europas. Kurz: Die Amerikaner haben weder seelisch noch geistig in Europa investiert. Sie haben kein Problem damit, Europa bis zur Unkenntlichkeit zu verändern.

»Zwei Weltkriege waren nur möglich, weil die deutsch-russische Allianz zerbrach«

De Lapuente: Und mit den Russen wäre es anders?

Ritz: Allerdings. Denn die Russen haben sich über viele Jahrhunderte selbst als Europäer gesehen. Das heutige Russland ist aus Europa hervorgegangen. Ihr Bildungsniveau, ihr geschichtliches Denken, Ihre Kunst, Musik und Literatur, all dies verdankt Russland seiner Zugehörigkeit zu Europa. Die Russen sind geistig, seelisch mit Europa verbunden, weshalb sie unter der Schwächung und Zerstörung Europas direkt leiden. Während die Amerikaner kein Problem damit hatten im Zweiten Weltkrieg deutsche Fachwerkstädte in Schutt und Asche zu legen, haben die Russen ihre Flugzeuge zur Bombardierung der Wehrmacht eingesetzt. Während die Amerikaner nach 1945 von einer Kollektivschuld aller Deutschen ausgingen und weite Teile der deutschen Kultur (etwa die Philosophie Hegels) als etwas Präfaschistisches deklarierten und an der Umerziehung der Deutschen arbeiteten, lasteten die Russen den Faschismus hauptsächlich den deutschen Eliten, nicht aber der deutschen Kultur als solches an. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Russen in Berlin das Lessings »Nathan der Weise« aufführen, als Geste sowohl des Respekts als auch der Versöhnung mit der deutschen Kultur. Während des gesamten Zweiten Weltkrieges wurde der Unterricht der deutschen Sprache an sowjetischen Schulen fortgesetzt. Während also die SS und die Wehrmacht einen Vernichtungskrieg gegen die sowjetische Bevölkerung führten, Tausende von Dörfern samt ihren Bewohnern auslöschte, Petersburg aushungerte und sowjetische Kriegsgefangene in Erdlöchern erfrieren ließ, lernte man an sowjetischen Schulen weiterhin die deutsche Sprache und damit auch die Gedichte Gothes, Schillers, Heine und Rilkes. Bis 1991 war Deutsch die Fremdsprache Nummer eins an Russischen Schulen. Noch heute trifft man unzählige Russen, die hervorragend Deutsch sprechen. Dieser Respekt vor der Kultur Deutschlands, aber auch des übrigen Europas ist auch heute noch in Russland präsent. Sollte der Krieg eines Tages vorüber sein, so wird man in Russland den westlichen Eliten dafür die Schuld geben, nicht aber den Völkern der westlichen Welt. Der tiefe Respekt, den die Russen vor der europäischen Kultur empfinden, bedeutet, dass Europa im Bündnis mit Russland seine Souveränität sowie seine Wirtschaft und Kultur schützen kann, während im Bündnis mit den USA für Europa den absoluten Selbstverlust bedeutet.

De Lapuente: Und diesem Respekt ist es geschuldet, dass die Russen nur 40 Jahre nach all diesen deutschen Verbrechen auf russischem Boden, Deutschland die Wiedervereinigung schenkten? Woher kommt dieser Respekt vor den Deutschen?

Ritz: Wie ich eben schon sagte, reicht der Traum eines Europas, das Russland miteinschließt, weit in die Geschichte zurück. Bereits der deutsche Philosoph Leibniz träumte von engen kulturellen und wissenschaftlichen Kontakten mit Russland. Es gelang ihm, sich dreimal mit Peter dem Großen zu treffen. Leibniz war frustriert von der Engstirnigkeit der deutschen Aristokraten. Umgekehrt faszinierte ihn die Intelligenz Peter des Großen, mit dem er insgesamt mehrere Wochen verbrachte. Leibniz hoffte, durch seinen Einfluss auf den Zaren in Russland eine umfassende Kulturentwicklung anstoßen zu können, die dann wiederum auf Europa zurückwirken könnte. Tatsächlich trug er die Idee einer Akademie der Wissenschaften nach Russland, auch wenn diese Idee erst nach dem Tod der beiden Gesprächspartner realisiert wurde. Die Begegnung zwischen Leibniz und Peter dem Großen steht am Beginn einer zweihundertjährigen Kooperation und Allianz zwischen Deutschland und Russland. Mit Peter dem Großen beginnt eine Zeit, in der die russische Zarenfamilie vorzugsweise deutsche Prinzessinnen heiratet. Schließlich kommt mit Katharina der Großen eine deutsche auf den Zarenthron. Katharina die Große wiederum lädt Hunderttausende von deutschen Bauern nach Russland ein, schenkt ihnen Land und Autonomie. Doch nicht nur Bauern wandern nach Russland aus. Auch Handwerker, Kaufleute, Wissenschaftler, Gelehrte und Aristokraten suchen ihr Glück in Russland, was letztlich dazu führt, dass Russland seine Modernisierung zu weiten Teilen in Zusammenarbeit mit Deutschen erfährt. Deutsche bekleiden im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Führungspositionen in Russland, machen zwischenzeitlich sogar die Hälfte aller Mitglieder der Akademie der Wissenschaften aus und sind in zahlreichen russischen Regierungskabinetten als Minister und dreimal sogar als Kanzler vertreten. Umgekehrt ist Russland diplomatisch in den einzelnen deutschen Ländern, Königreichen und Fürstentümern präsent. Russisches Geld, dass durch die Heirat des Großherzogs Carl Friedrich von Sachsen-Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa nach Weimar gelangt, trägt im erheblichen Maße zur Entwicklung der deutschen Klassik bei. Auch militärisch tritt Russland als Schutzmacht des Innerdeutschen Gleichgewichts auf und dämmt im Siebenjährigen Krieg das Übergewicht Preußens ein, ohne Preußen dabei zu zerstören – und trug zum Sieg über Napoleon und der Wiederherstellung des europäischen Machtgleichgewichts bei. Diese besonderen Beziehungen währen bis zum Ende der Amtszeit Bismarcks, der vor seiner Kanzlerschaft als preußischer Botschafter in Petersburg gearbeitet hat. Nach Bismarcks Abgang zerbricht die Allianz am aufkeimenden Nationalismus sowohl in Deutschland als auch in Russland. Diese 200 Jahre haben die Russen nicht vergessen und auch für Europa war diese Zeit eine Periode relativer Stabilität. Die zwei Weltkriege waren nur möglich, weil die deutsch-russische Allianz zerbrach. Das heutige Europa wäre sowohl wirtschaftlich als auch kulturell in einem ganz anderen Zustand, wenn es gelungen wäre, die Weltkriege zu verhindern und die deutsch-russische Allianz zu einer Gesamteuropäischen Allianz auszubauen. Der Niedergang der europäischen Zivilisation ist auch mit dem Ausschluss Russlands aus Europa verknüpft.

»Das Bündnis zwischen Zentraleuropa und Russland wird seit Jahrhunderten durch Ideologien hintertrieben«

De Lapuente: Sie sagten vorher, schon im 16. Jahrhundert galt dem europäischen Westen Russland als asiatische Macht, obgleich Russland damals noch gar nicht im asiatischen Raum Fuß gefasst hat – womöglich ist das auf die Tartaren bzw. die Mongolen zurückzuführen, die die Russen unterdrückten – man spricht in Russland vom »tatarischem Joch« – und von heutigem russischen Gebiet aus westliche europäische Länder überfielen. Würden Sie sagen, das ist eine Art europäische Kollektiverinnerung, ein wenig so wie man es dem Dreißigjährigen Krieg auch nachsagt? Haben die Tartaren das schlechte Russlandbild erzeugt, obgleich die Russen selbst Opfer dieses kriegerischen Reitervolkes waren?

Ritz: Man kann es auch so sagen: Geographisch, wirtschaftlich, kulturell und auch militärisch war eine Allianz zwischen Europa und Russland immer unschlagbar. Hier ein Land, das aufgrund seiner Größe geographisch saturiert ist, aber über enorme Rohstoffe verfügt und einen großen Bedarf an wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Austausch hat, weil es Europa heimlich bewundert und mit ihm verbunden sein möchte. Und dort ein dicht besiedelter Kontinent, der all dies anzubieten hat, was Russland braucht, aber zugleich durch seine politische Zersplitterung Russland nicht bedrohen kann und durch seine dichte Besiedlung auch nicht einfach erobert werden kann. Beide Seiten waren an der Eroberung der anderen eigentlich nicht interessiert, konnten aber enorm durch Austausch und Kooperation profitieren. Diese Traumehe zwischen Russland und Zentraleuropa wurde dann allerdings immer wieder durch Ideologie gestört. Da ist die Rassenideologie der Nazis zu nenne, die die Russen kurzerhand zu Untermenschen erklärte, da ist die Angst vor dem Kommunismus im Kalten Krieg, da sind die Jahrhunderte alten Vorurteile gegen die orthodoxe Kirche zu nennen und da ist schließlich auch die von ihnen erwähnte Gleichsetzung von Russland mit den Mongolen zu nennen. Wie Sie schon sagten, wurde dies u.a. damit begründet, dass Russland ab Mitte des 13. Jahrhunderts für 240 Jahre von einem mongolischen Reitervolk, der Goldenen Horde, unterdrückt und zu Tributzahlungen verpflichtet wurde. Das tatarisches Khanat Kasan spaltete sich 1438 von der Goldenen Horde ab, weshalb man heute auch vom »tatarischen Joch« spricht. Daraus wird eine angeblich mongolische Prägung der Russen abgeleitet. Das ist ungefähr so, als würde man die Italiener zu Germanen erklären, weil germanische Stämme dort im Zuge der Völkerwanderung eingefallen sind. Weil diese Gleichsetzung von Mongolen und Russen selbst für hartgesottene Ideologen etwas konstruiert erscheint, hat man mitunter einfach die Geographie bemüht, um das Argument zu stützen.

De Lapuente: Wer hat diesen Kniff abgewandt?

Ritz: Besonders hervor tat sich damit Halford Mackinder, ein britischer Geograph, dessen berühmte Rede »Der geographische Drehpunkt der Geschichte« vor der Königlich-Geographischen Gesellschaft in London im Jahre 1904 einen tiefgreifenden Einfluss auf das 20. Jahrhunderts hatte. Demnächst wird dieser einflussreiche Aufsatz übrigens vom Westend Verlag unter dem Titel »Die Heartland Theorie« mit einer begleitenden Analyse von Ulrike Guérot neu herausgegeben. Darin formuliert Mackinder eine Gleichsetzung von Russen und Mongolen allein auf Grundlage der Tatsache, dass das späte Zarenreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts und das Mongolenreich aus dem 13. Jahrhundert einen ähnlichen geographischen Raum abgedeckt haben. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen, nämlich zwei vollkommen verschiedene Völker, die sich auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden, zudem noch verschiedenen Traditionen und Religionen aufweisen, allein aufgrund geographischer Ähnlichkeit in eins zu setzen. Das zeigt, mit welchen manipulativen Argumentationstechniken seit Jahrhunderten am Feindbild Russland gearbeitet wird. Leider hat diese Idee Russland aufgrund seiner Geographie zu mongolisieren auch Pate bei der Entstehung des Kalten Krieges gestanden. Und der geistige Erbe und Nachfolger Mackinders, nämlich Zbigniew Brzezinski leitete 1997 in seinem Buch »Die einzige Weltmacht« – übrigens mit Verweis auf Mackinder – wiederum aus der geographischen Lage Russlands, dessen Rolle als ewiger Feind und Gegner ab. Dies wiederum führt zur Osterweiterung der NATO, damit zum neuen Kalten Krieg und schließlich zum aktuellen Ukrainekrieg. Oder kürzer gesagt: Das natürliche Bündnis zwischen Zentraleuropa und Russland, das so naheliegend wäre, Vorteile für beide Seiten brächte und einzig den Frieden in Europa sicherstellen kann, wird seit Jahrhunderten durch Ideologien hintertrieben. Dabei sind die verwendeten Ideologien oft von erstaunlicher Primitivität. Es wird Zeit aus diesem Albtraum aufzuwachen und die Lage, in der wir uns befinden, vernünftig zu analysieren.

Hauke Ritz studierte an der FU und HU Berlin. Nach seiner Dissertation im Fach Philosophie mit dem Schwerpunkt Geschichtsphilosophie wendete er sich verstärkt Fragen der Außenpolitik und Friedensforschung zu. Dabei stand für ihn der Ost-West-Konflikt im Mittelpunkt, dessen Fortbestehen er seit 2008 im Zuge verschiedener Publikationen und seit 2014 durch regelmäßige Russlandreisen erforscht. Hauke Ritz hat an der Universität Gießen, der MSU und RGGU in Moskau sowie der Universität St. Petersburg und Belgorod unterrichtet und war zuletzt für den DAAD in Moskau tätig.


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Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
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