seniora.org, 7. März 2026, 04.03.2026 Von Jürg Altwegg - übernommen von weltwoche.ch

Emmanuel Todd, Bildquelle: revuedesdeuxmondes.fr
Das amerikanische Imperium zerfällt wie die Sowjetunion, sagt Emmanuel Todd. Der Demograf hat 1976 den Untergang der kommunistischen Supermacht vorhergesagt – anhand von Daten zur Kindersterblichkeit. Nun sieht er in Bevölkerungsstatistiken den Abstieg der USA abgebildet. In der Ukraine habe Russland längst gewonnen, im Iran sei China der lachende Dritte. Sorgen bereitet ihm Deutschlands Aufrüstung
.Im Ukraine-Krieg gehe es um Deutschland, hatte Emmanuel Todd im Frühling 2023 in der Weltwoche erklärt. Der französische Demograf, Historiker und Bestsellerautor widmete der Bundesrepublik wenig später ein Buch, in dem der Nihilismus der abendländischen Zivilisation viel Platz einnimmt: «Die Niederlage des Westens», erschienen 2024. Im Frühling 2025 kam es zu einem weiteren Weltwoche-Gespräch. Todd sagte damals zur Überraschung vieler: «Russland hat den Krieg gewonnen.» Eine Einschätzung, die inzwischen namhafte Experten teilen.

«Die Wahl von Friedrich Merz zum Kanzler hat alles verändert»: US-Präsident Trump (r.) mit Deutschlands Regierungschef, 3. März. SAMUEL CORUM / POOL / KEYSTONE
Als junger Forscher war Todd 1976 mit seiner Prophezeiung des Zusammenbruchs der Sowjetunion bekannt geworden. Er begründete dies mit der hohen Kindersterblichkeit des kommunistischen Imperiums. Als er später die Einführung des Euro kritisierte, den Frankreich als Preis für die deutsche Wiedervereinigung verlangt hatte, war er in Deutschland ein umschwärmter Interviewpartner. Der Elite seines eigenen Landes bescheinigte Todd eine «deutsche Neurose». Er ahnte, dass die gemeinsame Währung Deutschland auch zur politischen Vormachtstellung in Europa verhelfen würde.
Ein internationaler Bestseller wurde sein Buch «Weltmacht USA: ein Nachruf» von 2002. Selbst Al-Qaida-Chef Osama bin Laden zitierte daraus. Jetzt gewährte uns Todd, seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Intellektuellen der Welt, der allerdings kaum noch mit deutschsprachigen Medien spricht, ein drittes Interview seit Beginn des Ukraine-Kriegs, inklusive Betrachtungen zu den Ereignissen im Iran. Todd erkennt Parallelen zwischen dem Niedergang Amerikas und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und er stellt bang die Frage: Was macht Deutschland, wenn der Krieg in der Ukraine zu Ende ist?
Weltwoche: Herr Todd, der Ukraine-Krieg geht in sein fünftes Jahr. Gibt es im Rückblick Aspekte, die Sie falsch eingeschätzt haben?
Emmanuel Todd: Ich habe immer Skrupel und Zweifel. Richtig war die Prognose: Der Westen hat diesen Krieg längst verloren. Hätten ihn die Amerikaner gewonnen, wäre Joe Biden wiedergewählt worden. Donald Trump ist der Präsident der Niederlage. Heute kommt hinzu: Die Folge der Niederlage ist der Zerfall des Westens. Man kann diesen Zusammenbruch einer Zivilisation – der abendländischen – mit dem Ende des Kommunismus und der Sowjetunion vergleichen. Noch fällt es schwer, sich ein klares Bild von seinem Verlauf zu machen. Sein spektakulärstes Symptom ist der Realitätsverlust.
Weltwoche: Wann haben Sie die Tragweite des Ukraine-Kriegs erkannt?
Todd: Als es mir gelang, die Zahl der Ingenieure in den USA und in Russland zu eruieren. Die amerikanische Bevölkerung ist zweieinhalbmal grösser als die russische, aber Amerika bildet weniger Ingenieure aus. John Mearsheimer, den ich bewundere, vertritt die Meinung, dass die Ukraine für Russland von existenzieller Bedeutung ist. Das stimmt zweifellos. Aber im Gegensatz zu Mearsheimer bin ich der Überzeugung, dass die Ukraine für die Vereinigten Staaten noch wichtiger ist: Die Niederlage der USA offenbart die Schwäche ihres Systems. Sie hat eine ganz andere Bedeutung als die Niederlagen in Vietnam, Irak, Afghanistan. Die USA verlieren, hinterlassen ein Chaos und ziehen sich zurück. In der Ukraine führen sie Krieg gegen ihren historischen Feind seit 1945. Ihn zu verlieren, ist unvorstellbar.
Weltwoche: Donald Trump wollte ihn binnen 24 Stunden beenden.
Todd: Das war seine aufrichtige Absicht. Trumps Vulgarität und Morallosigkeit sind für einen europäischen Bourgeois wie mich unausstehlich. Aber er vertritt auch vernünftige Anliegen. Das Projekt Maga, «Make America Great Again», besteht darin, die Interessen der Nation zu vertreten. Nach einem Jahr musste Trump einsehen, dass trotz dem Protektionismus mit den hohen Zöllen die Reindustrialisierung nicht funktioniert. Es fehlt an Ingenieuren, Technikern, qualifizierten Arbeitern. Der Anteil der Analphabeten unter den Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren stieg im Laufe der letzten zehn Jahre von 17 auf 25 Prozent. Amerika ist von den Importen abhängig, es kann nicht auf sie verzichten. Es war der reine Wahnsinn, als führende Weltmacht die Industrie nach China auszulagern. Selbst im Bereich der Landwirtschaft ist die Aussenhandelsbilanz defizitär. Die Zölle wurden zur Bedrohung für den Dollar. Er ist die Waffe des Imperiums, das auf Kredit von der Arbeit in anderen Ländern lebt. Der desolate Zustand der amerikanischen Gesellschaft verunmöglicht die Umsetzung von Maga. Es fehlt an der nötigen wirtschaftlichen und intellektuellen Dynamik.
Weltwoche: Und deshalb muss Trump widerwillig Kriege führen?
Todd: Das ist sein Dilemma. Er wurde vom Sog der amerikanischen Aussenpolitik der vergangenen Jahrzehnte erfasst. Es ging den USA um die Ausweitung und Stärkung des Imperiums. Diese Entwicklung hat Trump nicht gebremst, sondern beschleunigt. Biden kompensierte den Niedergang des Imperiums mit dem Krieg in der Ukraine. Trump vervielfacht die Schauplätze. Er suchte die Machtprobe mit China, das ihn mit dem Embargo bezüglich der seltenen Erden in die Knie zwang. Er bedroht Kanada und Kuba. Er will Grönland und demütigt die Europäer. In Venezuela manifestierte sich der Imperialismus eines Imperiums im Endstadium als Entführung und Raubzug. Seine Zollpolitik ist eine Form von Erpressung. Praktisch in jedem Bereich hat er das Gegenteil bewirkt.
Weltwoche: Und das alles, weil Amerika den Krieg in der Ukraine nicht mehr gewinnen kann?
Todd: Es sind Ablenkungsmanöver. Mit der Folge, dass sich seine Feinde zu einer Allianz zusammenschliessen: Iran, Russland, China. Trump hat das militärische Engagement der USA nicht reduziert, sondern in spektakulären Dimensionen vervielfacht. Mit ihrem Kriegsgeheul und ihrer Russlandfeindlichkeit sind die Europäer für diese Entwicklung mitverantwortlich.
Weltwoche: Nach den Verhandlungen von Donald Trump mit Wladimir Putin in Alaska bezeichnete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seinen russischen Kollegen in einem gespenstischen Interview als «Kinderfresser» und «Bestie, die gefüttert werden muss».
Todd: Davon profitiert Trump. Amerika – die Regierung Biden – ist für den Ukraine-Krieg verantwortlich, aber Trump konnte sich als gemässigter und friedenswilliger Verhandler profilieren. Er wird von den Medien als allmächtiger Herrscher über die Welt dargestellt, die er nach seinem Willen und Wahn neu ordnet. Und das just in dem Moment, in dem Amerika seinen ersten strategischen Misserfolg gegenüber Russland einstecken muss. Venezuela, Kuba, Grönland – das sind lauter Ablenkungsmanöver. Immer geht es darum, die Aufmerksamkeit von der Ukraine auf andere Schauplätze zu lenken. Das ist auch die Absicht hinter den Verhandlungen. Sie dienen allen Beteiligten nur dazu, Zeit zu gewinnen. Die Entscheidung fällt auf dem Schlachtfeld, und Trump hat begriffen, dass er Putins Sieg nicht verhindern kann. Die Ukraine steht vor dem Zusammenbruch ihres ganzen Systems, so tragisch und traurig das für die Ukrainer auch ist.
Weltwoche: Auch Iran ist ein Ablenkungsmanöver?
Todd: Ja. Und es hat schon mit dem Angriff Israels begonnen. Für mich ist Israel kein autonomes Land, das Amerika zum Eingreifen im Nahen Osten aufhetzt. Israel ist ein Satellit Amerikas. Wie die Ukraine auch. Israel macht, was Trump erlaubt. Als er in Gaza einen Waffenstillstand wollte, bekam er ihn umgehend. Es war Israel, das ihn um die Bewilligung zum Abbruch des Zwölf-Tage-Kriegs bat. Netanjahu musste einsehen, dass der Gegner in der Lage ist, sehr viel mehr Raketen zu produzieren, als man angenommen hatte.
Weltwoche: Sie bezeichneten den Ukraine-Krieg als Beginn eines dritten Weltkriegs.
Todd: Der Ukraine-Krieg ist der Anfang eines Weltkriegs. Einer der Gründe für den Sieg der Russen ist ihre Unterstützung durch China und Indien. Die Brics-Staaten engagieren sich auf Seite der Russen gegen den Westen.
Weltwoche: Und jetzt kommt der Weltkrieg der Amerikaner gegen Russland und seine Alliierten Iran, China, Indien?
Todd: Russland, China, Iran nehmen eine defensive Haltung ein. Im Moment geht es um einen Angriff der Amerikaner auf Teheran. Niemand weiss, was er auslösen wird. Wie wird das Regime, wie werden China und Russland reagieren?
Weltwoche: Aber im dritten Weltkrieg werden sie Alliierte gegen Amerika sein?
Todd: Im Zweiten Weltkrieg hatten wir das Dritte Reich, das alle angriff. Jetzt gehen die Angriffe von den USA aus. Bei allen Alliierten handelt sich um autoritäre Regimes, die vom zerfallenden amerikanischen Imperium bedroht werden.
Weltwoche: Welche Rolle spielen die Europäer? Sie sagten in einem unserer früheren Gespräche, die Amerikaner führten eigentlich einen Krieg gegen Deutschland.
Todd: Was wir gegenwärtig erleben, kommt sonst nur in Science-Fiction-Romanen vor. Das westliche Mediensystem ist zu einem Imperium der Lüge geworden, das nicht mehr in der Lage ist, die Wirklichkeit zu beschreiben. Sein Axiom lautet: Russland bedroht Europa. Das halte ich für Unsinn. Ich glaube: Putin wird Russland einen Teil der Ukraine einverleiben. Danach werden die Russen den Krieg stoppen. Die Eroberung Europas ist schlicht unmöglich, und sie interessiert Putin auch nicht. In meinem Buch befasse ich mich ausgiebig mit dem amerikanischen Nihilismus, dem Zerfall der Kirchen und der moralischen Werte. Heute werde ich mir bewusst, dass ich den europäischen Nihilismus unterschätzt habe. Europa ist nicht mehr ein Zusammenschluss gleichberechtigter Staaten. Es wird von Deutschland dominiert. Ich hielt die zurückhaltende Politik von Olaf Schulz für vernünftig. Die Wahl von Friedrich Merz zum Kanzler hat alles verändert. Sie hat die USA dazu animiert, den Krieg gegen Russland neu zu lancieren. Die CDU ist die Partei der Amerikaner, Merz hat die Russenfeindlichkeit der Deutschen angefeuert. Der Kanzler bastelt aus der Russophobie und der Wirtschaftskrise, deren Ursache der Krieg ist, eine perverse Synthese. Er will die Krise durch die Militarisierung der Industrie überwinden. Das ist die neue deutsche Doktrin für Europa. Und der Geheimdienst veröffentlicht Warnungen vor einem Angriff Putins auf Deutschland.
Weltwoche: Merz will die stärkste Armee in Europa. Das weckt nicht nur in Frankreich ungute Erinnerungen.
Todd: Zu glauben, dass diese Aufrüstung nur gegen Russland gerichtet ist, ist tatsächlich ein naiver Irrtum. Für Russland stellt sie eine ernsthafte Bedrohung dar, für die Amerikaner ist sie ein Segen. Ich kann mir diesen Irrsinn nur mit der Krise der EU erklären. Sie steckt in einer Sackgasse und hat ihre ursprünglichen Ideale durch das Feindbild Putin ersetzt. Der Westen ist keineswegs im Begriff, seine verlorene Einheit wieder zu finden. Die Rückkehr zur Nation ist in den USA und in Europa vorherrschend. In Deutschland ist die Renaissance des nationalen Bewusstseins weniger ausgeprägt als in den anderen EU-Staaten: Es hat die Kontrolle über Europa errungen. Ich muss mich wieder der Science-Fiction bedienen: Der Krieg in der Ukraine ist zu Ende, Russland hat sein Ziel erreicht. In dieser Welt ohne russische Bedrohung kehren die Nationen zurück und Deutschland ist wieder eine führende, selbstbewusste Macht mit der stärksten Armee des gesamten Kontinents. Wer wird dann bedroht?
Weltwoche: Wie im Zweiten Weltkrieg: ganz Europa, Russland inklusive, der Erbfeind Frankreich ganz besonders?
Todd: Für Kanada stellen nicht die Russen eine Gefahr dar, sondern die USA. Ja, und für Frankreich ist es Deutschland. Den französischen Politikern fehlt es an historischem Bewusstsein. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland entspannten sich, weil wir Franzosen keine Angst mehr vor Deutschland haben mussten.
Weltwoche: Anlässlich der Wiedervereinigung, die Frankreich verhindern wollte, war sie wieder spürbar.
Todd: Es gibt Grund zur Beunruhigung. Der Zusammenbruch des Westens geht mit einer Rückkehr der Brutalität und Hierarchisierung einher: Man unterwirft sich dem Überlegenen und prügelt auf den Schwächeren ein. Das machen die Amerikaner mit den Europäern, und die Deutschen haben es mit der Wahl von Friedrich Merz geschluckt. Sie brauchen einen Sündenbock. Noch ist es Putin. Aber die deutsch-französischen Beziehungen verschlechtern sich.
Weltwoche: Zeugt Macrons Bereitschaft, die Force de Frappe mit Deutschland zu teilen, von einem Willen zur Unterwerfung?
Todd: Merz äussert sich auf sehr unangenehme Weise über Frankreich. Der Krieg in der Ukraine mündet weltweit in die Auseinandersetzung zwischen den ehemaligen Kolonien und dem Westen, der sie ausbeutete. Und innerhalb des zerfallenden Westens brechen die früheren Konflikte wieder auf. Was immer im Iran geschehen wird – die Niederlage des Abendlands und seiner Zivilisation ist unvermeidlich. Trump kann seine Implosion nicht aufhalten, er beschleunigt sie. Die Chinesen und die Russen rüsten die Mullahs auf, die Amerikaner mussten erkennen, dass ein Flugzeugträger nicht ausreicht. Und zwei auch nicht. Das Regime in Teheran kann nicht nachgeben und Trump nicht auf einen Angriff verzichten, weil er dann wirklich sein Gesicht verlieren würde – nachdem er den Aufständischen seine Hilfe versprochen hatte.
Weltwoche: In Grönland hat er sich zurückgezogen.
Todd: Das war Theater, er wird keinen Krieg gegen Dänemark anzetteln. Von Dänemark aus überwacht die NSA ganz Europa. Grönland ist ein Nebenschauplatz des Untergangs.
Weltwoche: Sie haben ihn mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verglichen.
Todd: Damals fiel kein Schuss, die Russen haben das Ende des Imperiums mit sehr viel Würde hingenommen.
Weltwoche: Die Ukraine bekam ihre Unabhängigkeit.
Todd: Die Russen haben sich sehr elegant vom Kommunismus verabschiedet. Ihr Imperium beruhte nicht auf der Ausbeutung ihrer Satelliten, sie hatten sich mit dem Stalinismus selbst gequält. Die Zeit nach dem Zerfall war extrem schwierig, zudem hatten die Russen Jahrhunderte einer totalitären Herrschaft hinter sich. Im Vergleich mit Russland sind Amerika und Europa schlechte Verlierer. Ganz besonders die Amerikaner, deren Geschichte bis dahin ein gewaltiger Erfolg war.
Weltwoche: Im dritten Weltkrieg sehen Sie die Amerikaner in der Rolle des Dritten Reichs?
Todd: Ich misstraue den Vergleichen mit den dreissiger Jahren. Die Situation ist eine andere. Aber natürlich gibt es Gemeinsamkeiten. Für Trump geht es in der Diplomatie darum, Lügen zu verbreiten. Wenn er von Verhandlungen spricht, kann man sicher sein, dass es Krieg geben wird. So hielt es auch Hitler.
Weltwoche: Trump hat noch keinen Krieg ausgelöst.
Todd: Er hat keine Bodentruppen entsandt – weil ihm dazu die Macht fehlt: Die Gesellschaft akzeptiert keine Toten, und das ist im Westen generell so. Niemand führt gerne Krieg, auch Russland nicht. Selbst Putin geht mit seinen menschlichen Ressourcen behutsam um, er hat seine Bevölkerung nicht in einen totalen Krieg verstrickt. Auch in den Iran wird Trump keine Bodentruppen schicken. Noch befinden wir uns im Stadium der Rhetorik und der Anschläge aus der Luft. Das Regime der Mullahs wurde durch die Revolte geschwächt. Intensive Bombardierungen könnten einen Bürgerkrieg auslösen. Ein Chaos bewirken, interne Kämpfe auslösen. Mir kommt der Ukraine-Krieg inzwischen wie ein Bürgerkrieg vor, den die Amerikaner angezettelt haben. Ein Regimewechsel im Iran ist keineswegs in ihrem Interesse. Die Mullahs sind ein schreckliches Regime, aber die Moscheen sind leer. Eine nationalistische Regierung mit dem Rückhalt der Bevölkerung wäre den USA kaum weniger feindlich gesinnt. Wie in den dreissiger Jahren fehlt es uns heute an Vorstellungsvermögen. Die Shoah wurde möglich, weil sich niemand Auschwitz vorstellen konnte. Die Wirklichkeit überfordert unser Vorstellungsvermögen.
Weltwoche: Wahrscheinlich haben Sie recht und wir sollten mehr Science-Fiction-Romane lesen, um die Gegenwart zu verstehen. Der Politik geht es nur darum, die Lektionen aus der Vergangenheit zu ziehen.
Todd: Mehr als mit der Vergangenheit sollten wir uns in der Tat mit der Frage beschäftigen, was passieren könnte und was wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Die zentrale Frage, die mich fast schon als Obsession umtreibt, ist: Was ist mit den Deutschen los? Die Amerikaner wollen Amerikaner sein und die Russen Russen bleiben. Die AfD ist nicht mit dem Rassemblement National vergleichbar. Sie ist eine Partei, deren Aggressivität Angst macht. Gleichzeitig ist die deutsche Elite im Begriff, sich mit der Vorstellung eines Kriegs vertraut zu machen. Was passiert, wenn sich AfD und CDU zusammentun? Trifft dann der deutsche Nationalismus auf den deutschen Militarismus? Ist Deutschland im Begriff, erneut zur autoritären Gesellschaft zu werden, weil dies seinem Temperament entspricht? Darüber muss man heute nachdenken.
Weltwoche: Gibt es den Ansatz einer Antwort?
Todd: Alle meine falschen Prophezeiungen betrafen Deutschland: Weil ich fälschlicherweise dachte, die Deutschen könnten vielleicht doch wie Franzosen sein. Als Schröder und Chirac mit Putin gegen den Krieg im Irak protestierten, sah ich das als erfreuliche Annäherung und war der Meinung, dass Paris seinen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Berlin teilen sollte. Ich sah Deutschland als Leader eines souveränen Europas. Meine Hoffnungen wurden kalt geduscht. Deutschland begann umgehend, seine einsamen Entscheidungen ohne Absprache mit den Partnern durchzusetzen: vom Atomausstieg bis zur Aufnahme der Flüchtlinge. Deutschland ist für den Maidan mitverantwortlich, es stellte die Ukraine vor die Alternative: Russland oder Europa. Auch noch in meinem Buch über die Ukraine, in dem ich Grossbritannien heftig kritisiere, verschone ich Deutschland: weil ich mit Olaf Scholz weitgehend einverstanden war.
Weltwoche: Warum können Deutsche keine Franzosen werden?
Todd: Als Demograf habe ich mich mit den familiären Strukturen der bäurischen Gesellschaft befasst. Sie prägen noch immer die politische Kultur. In Ländern, in denen die Brüder gleichberechtigt waren, konnte sich die Auffassung von der Gleichheit der Menschen durchsetzen. Sie war die Voraussetzung für universalistische Revolutionen, wie es sie in Frankreich und Russland gab. Russland hat den Kommunismus verwirklicht, er galt für alle. In Deutschland hatte die Revolution keine Chance: weil die Brüder nicht gleichberechtigt waren. Das erklärt seinen Hang zum Autoritarismus. In Deutschland herrscht die Vorstellung von der Ungleichheit der Menschen und Völker, es kann sich im Gegensatz zu Russland und China eine multipolare Weltordnung nicht vorstellen. Damit stellt sich umgehend die Frage, warum sich Frankreich mit seiner Tradition der Gleichheit nicht auf die Seite der Russen schlägt: weil es sich der deutschen Hegemonie unterwirft. Macrons Bereitschaft, die Atombombe zu teilen, schwächt die nationale Souveränität. Für Deutschland sind nur hierarchische Beziehungen vorstellbar. Die Deutschen wollen Europa beherrschen, weil es ihrem Temperament entspricht. Sie sind ja auch wieder die stärkste Macht.
Weltwoche: Einmal Nazi, immer Nazi. Man wird Sie der systemischen Deutschlandfeindlichkeit bezichtigen.
Todd: Nicht zum ersten Mal. Meine Einschätzung ist eine Feststellung, kein Vorwurf. Ich anerkenne, bewundere die Überlegenheit der Deutschen in vielen Bereichen der Kultur.
Weltwoche: Sie argumentieren als Anthropologe. Gibt es im deutschen Unterbewusstsein die Sehnsucht nach einem Sieg über Russland, einer Revanche für den Zweiten Weltkrieg?
Todd: Ich würde nicht von Revanche reden. Nach dem Krieg und nach der Wiedervereinigung konnte sich niemand vorstellen, wie schnell Deutschland die Herausforderungen in den Griff bekommen würde. Das ist ein Lob. Dieses Land ist anders, es verfügt über ein gewaltiges Potenzial. Aber natürlich wissen die Deutschen, wer die Wehrmacht besiegt hat. Bei den Russen erweckt der aggressive Diskurs den Eindruck, dass sie um ihren Sieg betrogen werden. Die Verneinung des russischen Siegs ist eine Negation der deutschen Niederlage.
Weltwoche: Nach der Wiedervereinigung hat man auch den Zerfall der Sowjetunion zum Sieg des Westens stilisiert und den Russen die Anerkennung dafür verweigert, dass sie sich selbst vom Kommunismus befreiten – was den Deutschen mit Hitler nicht gelang.
Todd: Die Niederlage von 1945 wird abgehakt, als ob es sie und den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte.
Weltwoche: Gleichzeitig ist die NS-Vergangenheit als deutsche Obsession omnipräsent, und die AfD wird bekämpft, als ginge es darum, Widerstand gegen die Nazis zu leisten. Zu Hause gegen Hitler, in Europa gegen Putin.
Todd: Sind die Deutschen wirklich so sehr von Hitler besessen? Wenn das so ist, steckt in ihrem Unterbewusstsein etwas, das ich nicht gesehen habe. Und das würde bedeuten: Die Risiken sind noch sehr viel grösser, als ich es je geahnt habe. Wir befinden uns wirklich in einem Science-Fiction-Roman. Die Eliten haben keine Erklärungen mehr und keine Projekte. Sie halten sich an die EU, die jegliche Entscheidung verunmöglicht und deren Wahrnehmung der Realität verfälscht ist. In Europa herrscht Deutschland, was man aber nicht sagen darf. Wir haben eine völlig verzerrte Sicht der Vergangenheit, die unsere Gegenwart steuert, und können uns keine Zukunft vorstellen. Und wenn man nicht weiss, wohin die Reise geht, kann man sich zumindest noch an die Russenfeindlichkeit halten.
Weltwoche: Russophobie aus Antifaschismus, mit Putin in der Rolle von Hitler. Es gibt Bestrebungen, die AfD zu verbieten.
Todd: Ich kenne Deutschland nicht gut genug, um dazu Stellung zu beziehen. Manchmal erzähle ich einen Witz, er ist nicht lustig. Ich weiss nicht, ich bin unsicher . . . Ja, vielleicht ist es wirklich so: Deutschland lässt seinem autoritären Temperament freien Lauf. Man vergleicht die AfD mit dem Rassemblement National, Marine Le Pen mit Meloni und Putin und Meloni mit Trump. Diese Annäherungen drehen sich im Kreis. Was allen Ländern gemein ist: die Rückbesinnung auf die Nation. Auch die Deutschen wollen wieder Deutsche sein. Diese Dynamik hat alle Parteien erfasst, SPD, CDU, AfD. Die Unterschiede zwischen den postnationalen Ideologien verlieren an Schärfe. In Amerika gibt es eine Annäherung zwischen den Neokonservativen, die den Krieg als Mittel zur Durchsetzung der Demokratie propagierten, und der Maga-Bewegung, die sie stoppen wollte. In Deutschland ist die Fusion von CDU und AfD vorstellbar. Und denkbar, dass sich die Rückkehr zur autoritären Nation diesmal als Kampf für Freiheit und Demokratie ausgibt.
Weltwoche: Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Frankreich, dessen Politik schon sehr viel länger vom Kampf gegen die Populisten und Neofaschisten bestimmt wird und die Radikalisierung der Linken einen Bürgerkrieg zwischen «Antifaschisten» und «Faschisten» befürchten lässt. Jean-Luc Mélenchon vom «Unbeugsamen Frankreich» hat die Wahl um die Nachfolge Macrons im kommenden Jahr als «letztes Gefecht» bezeichnet.
Todd: Diese Opposition lähmt Frankreich. Keine einzige Partei will den Euro abschaffen oder den Austritt aus der EU. Nur ein radikales Aufbäumen kann die politische Ohnmacht überwinden. Wir brauchen eine Bewegung, die unsere kollektiven Interessen erkennt und die postnationalen Ideologien hinter sich lässt. Sie ist nicht in Sicht.
Weltwoche: Wer wird der nächste Präsident?
Todd: Ich weiss es nicht, ich bin kein Prophet. Obwohl ich diesen Ruf habe.
Weltwoche: In der Welt verbreitet hat ihn Osama bin Laden, der Drahtzieher des Attentats auf die Twin Towers. Auf der Flucht vor den Amerikanern zitierte er sie zu Beginn des Jahrtausends als Prophet: nach dem Ende der Sowjetunion der Untergang des amerikanischen Imperiums. Wen werden Sie wählen?
Todd: Keine Ahnung.
Weltwoche: Dominique de Villepin, der als Aussenminister von Jacques Chirac die Kampagne gegen den Angriff der Amerikaner auf den Irak anführte?
Todd: Er ist der einzige Politiker, der zumindest auf meine Sympathie zählen kann.
Weltwoche: Sie wollten einen Witz erzählen.
Todd: Er handelt von einem Konzentrationslager für Juden, die eingesperrt und vernichtet werden, weil sie Antisemiten sind.
Weltwoche: Diese Vorstellung scheint mir angesichts der von Ihnen beschriebenen mentalen Konfusion und herrschenden Rhetorik keineswegs realitätsfremd. Aber bleiben wir im Bereich der Science-Fiction: Wird nicht Russland, sondern die «stärkste Armee Europas» Frankreich angreifen?
Todd: Nein, das glaube ich nicht, zumindest mittelfristig. Deutschland ist dazu nicht in der Lage, wir haben die Atombombe. Die Journalisten und Politiker haben vergessen, dass de Gaulle sie baute, um uns vor den Deutschen zu schützen. Wenn sie sich noch stärker gegen Russland ereifern, könnte das Putin zum Einsatz von taktischen Atomwaffen zwingen. Ich kann nur hoffen, dass die russischen Raketen nicht auf Dassault zielen, sondern die Fabriken von Rheinmetall treffen.
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Der französische Intellektuelle Emmanuel Todd über den Angriff der USA auf den Iran.
Jürg Altwegg
Vergangene Woche veröffentlichten wir ein ausführliches Gespräch mit dem französischen Demografen und Bestsellerautor Emmanuel Todd («Anfang eines Weltkriegs», Weltwoche Deutschland Nr. 9/26). Kaum war das Interview erschienen, griffen die USA und Israel den Iran an. Todd war inzwischen nach Tokio gereist, an eine Veranstaltung mit Tech-Unternehmer Peter Thiel, dem Mentor des amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance. Danach nahm er sich nochmals Zeit, um unsere Fragen zur Eskalation in Nahost zu beantworten.

«Industriell haushoch überlegen»: Xi (l.), Chamenei in Teheran, 2016. khamenei.ir
Weltwoche: Herr Todd, die USA und Israel haben den Iran angegriffen und dessen obersten Führer, Ajatollah Ali Chamenei, umgebracht. Nun brennt der Nahe Osten. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Emmanuel Todd: Bei aller Empörung geht es jetzt darum, nicht die Nerven zu verlieren. Man darf diesen Krieg nicht überschätzen. Israel und die Vereinigten Staaten verhalten sich wie terroristische Staaten. Die gezielte Tötung von Staatschefs konfrontiert die Philosophen und die internationale Gemeinschaft mit neuen Fragen. An der Lage der Welt ändert der Krieg nichts: Die USA haben zwei gewaltige Niederlagen gegen ihre zwei mächtigsten Gegner erlitten. Sie haben den Krieg in der Ukraine gegen Russland verloren. Noch schwerer wiegt ihre Niederlage im Wirtschaftskrieg gegen China, den Trump mit seinen Zöllen angezettelt hat.
Weltwoche: Der Angriff auf den Iran ist also ein Ablenkungsmanöver?
Todd: Reines Theater – so tragisch er für das iranische Volk ist. Im Vergleich zu den USA ist der Iran ein schwaches Land. Es fehlt an Informationen über seine wirkliche Stärke. Vielleicht ist aber auch dieser kleine Gegner zu stark für die USA. Ob die Amerikaner ihr Ziel erreichen werden, ist nicht absehbar.
Weltwoche: Ein anderes Regime bleibt unvorstellbar?
Todd: Der Regimewechsel, mit dem Trump seinen Krieg rechtfertigt, ist eine Lüge. Der Iran ist eine regionale Macht, das Regime ein religiöses, die vorherrschende Ideologie eine nationalistische. Jedes einigermassen stabile Regime in Teheran stellt eine Bedrohung für Amerika dar. Das Ziel der Amerikaner ist nicht eine Demokratie, sondern der Bürgerkrieg. Damit gewinnen sie fünf oder zehn Jahre Zeit. Noch gibt es keine Anzeichen für eine Kapitulation des Irans und den Zusammenbruch des Regimes.
Weltwoche: Es hat seit seinen Anfängen -Israel und den USA als kleinem und grossem Satan den Krieg erklärt.
Todd: Ohne die ständige Bedrohung durch die USA wäre die Entwicklung in Teheran anders verlaufen. Das hat mir ein iranischer Diplomat auf glaubwürdige Art bewusst gemacht. Es gibt im Iran ein demokratisches Potenzial, seine politische Kultur ist pluralistisch. Die Attacken stärkten stets das Regime. Es ging den Amerikanern nie um die Errichtung einer Demokratie.
Weltwoche: Und jetzt wollen sie den Bürgerkrieg? Wer wird als Sieger aus ihm hervorgehen?
Todd: Er eröffnet den Chinesen die Möglichkeit, den Iran mit Waffenlieferungen zu unterstützen und die Amerikaner in einen langen Abnützungskrieg, in dem sie sich nicht selbst militärisch engagieren, zu verwickeln. Aus ihm wird China als Sieger hervorgehen. In industrieller Hinsicht ist es den USA haushoch überlegen. Seine Führung denkt rational.
Weltwoche: In der Ukraine verliert Amerika gegen den historischen Feind Russland, im Iran gegen die künftige Weltmacht Nummer eins?
Todd: Trumps Kalkül ist einigermassen verständlich. Aber er ist ein immenses Risiko eingegangen. Wir leben in einer verrückten Welt. Was Putin und Xi Jinping wollen, kann man verstehen. Die Diktatoren halten sich, um ihre Ziele zu erreichen, an die Vernunft. Im Westen haben wir diese verloren. Das Verhalten der demokratischen Staatschefs ist wirr. Es ist ein tragischer, zutiefst unmoralischer Krieg. Aber auch ein lächerlicher Krieg – ein Spektakel. Man sollte sich davon nicht allzu sehr beeindrucken lassen. Ich habe im Hotel gerade den Fernseher eingeschaltet, das Fehlen von Informationen ist schon sehr auffällig.
Weltwoche: Französische Nachrichtensender zeigen Freudenszenen in Teheran.
Todd: Auf CNN sind sie nicht zu sehen. Man erfährt, dass der Iran an vielen Fronten Angriffe führt. Man muss jetzt dem amerikanischen Illusionstheater standhaft misstrauen und das Wesentliche im Auge behalten. Amerika führt diesen Krieg, um die Schwäche des zerfallenden Imperiums zu kompensieren. Mit der Tötung der Führung eines anderen Landes haben Israel und die USA eine neue Stufe der Grenzüberschreitung erklommen. Die europäischen Staatschefs sollten sich die Frage stellen, was ihnen droht, falls sie sich von Amerika abwenden. Muss man ihr -alignment hinter den Amerikanern so verstehen, dass sie jetzt schon von der CIA bedroht werden? Die Lügen, Angriffe, während man verhandelt – ich sage es nicht gerne: So betrieb Hitler die Diplomatie. Trump bedient sich der gleichen Methoden. Erst nach der Niederlage Amerikas wird es auf der Welt Frieden geben.
Jürg Atwegg
Quelle: Weltwoche - Mit freundlicher Genehmigung übernommen
https://weltwoche.ch/story/anfang-eines-weltkriegs/
Info: https://seniora.org/politik-wirtschaft/politik/emmanuel-todd-der-beginn-eines-weltkriegs
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.