Cerberus und die Banken Cerberus wird laut Insidern womöglich größter Anteilseigner bei der Commerzbank. Der US-Finanzinvestor gilt schon heute als "größte Macht im deutschen Bankensektor".
german-foreign-policy.com, 21. September 2021
FRANKFURT AM MAIN/NEW YORK(Eigener Bericht) - Der milliardenschwere US-Investor Cerberus steht womöglich vor der Übernahme eines beträchtlichen Anteils an der Commerzbank. Wie Insider berichten, sei die Übernahme des 15,6-Prozent-Anteils an der Bank im Gespräch, den die Bundesrepublik im Verlauf der Weltfinanzkrise 2007/08 übernommen habe. Da die Aktien des Finanzhauses dramatisch an Wert verloren haben, wäre ihr Verkauf an Cerberus mit staatlichen Milliardenverlusten verbunden. Der Finanzinvestor wiederum könnte seinen gegenwärtigen Anteil von rund fünf Prozent massiv aufstocken und würde unter den Anteilseignern der Commerzbank mit Abstand zur Nummer eins. Sein Geschäftsmodell - marode Unternehmen billig kaufen, brutal sanieren und teuer veräußern - passt gut auf Teile des deutschen Bankensektors. Cerberus, wegen seines "aktivistischen" Vorgehens gefürchtet, wird schon heute als "größte Macht im deutschen Bankensektor" eingestuft. Unterdessen hat der jüngste "Stresstest" der europäischen Banken ergeben, dass die deutschen Kredithäuser mit einer relativ niedrigen Kernkapitalquote schlecht aufgestellt sind.Zitat: Commerzbank-Anteile im Visier
Deutsche Medien haben überwiegend mit Skepsis auf jüngst durchgesickerte Insider-Informationen reagiert, wonach der US-Investor Cerberus nach der Bundestagswahl die Staatsanteile an Deutschlands zweitgrößter Privatbank, der Commerzbank, übernehmen könnte.[1] Kaum ein Bericht kam ohne den Verweis darauf aus, der Name "Cerberus" sei der griechischen Mythologie entnommen und bezeichne einen dreiköpfigen Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt, zum Hades, bewache. Der "Höllenhund" wolle nun seine Position in der Commerzbank ausbauen, hieß es etwa; dabei leuchte es "kaum ein", weshalb der Staat seine Beteiligung "für einen Bruchteil des Kaufpreises abstoßen" solle.[2] Der Hintergrund: Berlin musste im Verlauf der Weltfinanzkrise 2007/08 den deutschen Finanzsektor mit massiven Finanzspritzen stützen; seitdem liegt der Staatsanteil an der Commerzbank bei rund 15,6 Prozent. Damit ist die Bundesrepublik größter Aktionär, gefolgt vom Investor Cerberus, der rund fünf Prozent hält. Mit der Übernahme des Staatsanteils würde der Investor seinen Einfluss in der Bank enorm ausbauen. Der von New York aus geführte Investor ist darauf spezialisiert, angeschlagene Unternehmen billig zu erwerben, sie knallhart - oftmals unter massivem Arbeitsplatzabbau - zu sanieren und teuer weiterzuverkaufen. Der Einstieg scheine für die US-"Heuschrecke" [3] günstig, heißt es: Die anhaltenden Kursverluste der maroden Commerzbank könnten den Bund veranlassen, seinen Anteil, für den er ursprünglich gut fünf Milliarden Euro aufbrachte, unter massiven Verlusten abzustoßen; heute sind die Aktien nur noch etwas mehr als eine Milliarde Euro wert.[4]
"Offene Konfrontation"
Inwiefern der 1992 gegründete US-Finanzinvestor, der ein Kapital von rund 35 Milliarden US-Dollar mit dem Ziel verwaltet, zweistellige Jahresrenditen zu erzielen, den Zuschlag erhalten werde, hänge auch vom Wahlausgang am kommenden Sonntag ab, urteilen Beobachter.[5] Demnach sei ein solches Szenario vor allem dann wahrscheinlich, wenn der FDP-Vorsitzende Christian Lindner in der neuen Regierung den Posten des Finanzministers bekleide. Dessen liberale Partei habe sich bereits "mehrfach für einen Rückzug des Staates aus der Commerzbank ausgesprochen". Ähnliche Stimmen seien auch aus der Union zu vernehmen gewesen. Cerberus wird von deutschen Finanzportalen als ein "aktiver", gar "aktivistischer" Investor charakterisiert, der besonders "umtriebig" sei und das Management der Commerzbank hart attackiere.[6] In einem Brief an die Leitung der Bank hieß es etwa, deren Bemühungen, den "Niedergang der Commerzbank zu verhindern", seien unausgereift und mangelhaft; sie grenzten an "Fahrlässigkeit und Arroganz". Das wolle man nicht mehr "hinnehmen". Die seit 2015 von Cerberus verfolgte Linie "offener Konfrontation" hat Berichten zufolge bereits zum Rücktritt mehrerer Spitzenmanager geführt. Insgesamt fanden bei der Commerzbank seit 2010 26 Vorstandswechsel statt, wobei die Fluktuation im Spitzenmanagement 2020 und 2021 besonders hoch war.[7]
"Die größte Macht im deutschen Bankensektor"
Der verschwiegene US-Investor baut seine Präsenz auf dem deutschen Finanzsektor seit geraumer Zeit aus. Schon Ende 2018 hieß es, Cerberus - "einer der aggressivsten und erfolgreichsten Finanzinvestoren der Welt" [8] - sei in Deutschland zuerst mit Investments in "Immobilien, Einkaufszentren" aufgefallen. Doch ab 2017 sei das politisch gut vernetzte Unternehmen mit fünf Prozent bei der Commerzbank sowie mit drei Prozent bei der Deutschen Bank eingestiegen. Demnach soll Cerberus als maßgeblicher Akteur die gescheiterte Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank hinter den Kulissen forciert haben.[9] Problematisch sei vor allem, dass der Investor bei der Deutschen Bank in einer pikanten Mehrfachrolle besonders "umtriebig" sei, urteilen Beobachter, die Cerberus als die "größte Macht im deutschen Bankensektor" bezeichnen.[10] Cerberus trete gleichzeitig als "Berater der Bank" und als "Kunde mit Großkrediten" auf, um "Pakete aus Problemassets aufzukaufen". Eine solche Rolle, die Informationsvorteile verschaffe, wolle Cerberus wohl "auch bei der Commerzbank gerne" erhalten. Zusätzlich zu seinem Einstieg bei der Commerzbank konnte das Unternehmen nach einer Visite des Cerberus-Eigentümers in Berlin die HSH Nordbank in Hamburg übernehmen und sanieren; von 1.600 Arbeitsplätzen blieben "mittelfristig höchstens 1.000 übrig", hieß es damals: Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz werde sich an Cerberus-Chef Steve Feinberg "als Partner in seinem letzten großen Deal als Hamburger Bürgermeister" sicher erinnern.[11]
"Dauerbaustelle Commerzbank"
Der deutsche Finanzsektor ist wohl gerade deswegen ins Visier der Investmentfirma geraten, weil er zumindest in Teilen marode ist und damit ins Cerberus-Portfolio passt. Gerade die Commerzbank etwa gilt weiterhin als Sanierungsfall. Der Konzernumbau, in dessen Verlauf das Filialnetz in Deutschland von 790 auf 450 Standorte verringert werden soll, bescherte dem Finanzhaus im zweiten Quartal 2021 einen Verlust von 527 Millionen Euro. Dieser sei größtenteils auf "Restrukturierungsaufwendungen" in Höhe von 511 Millionen Euro zurückzuführen, heißt es.[12] Darunter verbergen sich die Kosten für den umfassenden Personalabbau, der zur Reduzierung der Konzernbelegschaft von 39.500 auf 32.000 Lohnabhängige führt. Allein die Abfindungskosten belaufen sich auf 465 Millionen Euro. Während Commerzbank-Chef Manfred Knof sich mit dem Ergebnis und dem Konzernumbau zufrieden zeigte, sprachen Analysten der US-Investmentbank JPMorgan von einer Enttäuschung: Das deutsche Finanzinstitut habe die "Markterwartungen" nicht erfüllt. Auch deutsche Leitmedien mussten angesichts eines abermaligen Stühlerückens im Spitzenmanagement der "Dauerbaustelle Commerzbank" konstatieren, deren grundlegendes Geschäftsmodell sei "weiter nebulös". Generell hinke die deutsche Bankenbranche bei der Digitalisierung der Geschäftsabläufe der Konkurrenz hinterher; dabei gelte IT "inzwischen als existenziell im Banking".[13]
Die Kosten der Regulierung
Überdies wirke die Finanzkrise in der Branche immer noch nach - vor allem aufgrund der Kosten der verschärften Finanzmarktregulierung. Kürzlich habe Commerzbank-Chef Manfred Knof dafür plädiert, den kostspieligen Regulierungsdruck zu verringern, wird berichtet: Die Finanzindustrie brauche demnach "nicht mehr, sondern klügere Regeln". Die "regulatorisch getriebenen Kosten" müssten verringert werden, da sie die Bankenbranche "in Krisenzeiten wie der Pandemie" zusätzlich belasteten, erklärte Knof auf dem jüngsten Bankengipfel. Die verschärfte Finanzmarkregulierung, die die Renditen der Branche drückt, war in Reaktion auf die vergangene große Finanzkrise nach dem Zusammenbruch der Immobilienblasen in den USA und in Teilen Europas verabschiedet worden, um ähnliche Spekulationsexzesse künftig zu verhindern.
Schlecht abgeschnitten
Derweil hat der jüngste große "Stresstest" des europäischen Bankensektors, bei dem die Widerstandsfähigkeit der Finanzsphäre gegenüber künftigen Krisenschüben getestet wurde, im August die besondere Krisenanfälligkeit der deutschen Branche unter Beweis gestellt. Berichten zufolge können Europas Finanzinstitute als "überwiegend solide aufgestellt" gelten und damit als fähig, "eine neue Wirtschaftskrise" zu überstehen.[14] Deutschlands Finanzhäuser hätten hingegen "in Summe eher schlecht" abgeschnitten: Sie landeten aufgrund unzureichender Kapitalpuffer "im Vergleich der 15 Länder auf Platz 13". Besonders schlecht sahen dabei die Deutsche Bank und die Commerzbank aus, die eine Kernkapitalquote (Anteil der Eigenmittel an den Risikopositionen einer Bank) von nur 7,4 respektive 8,2 Prozent aufwiesen. Zum Vergleich: In Schwedens Bankenbranche beträgt diese Kennzahl im Schnitt 16,2 Prozent, in Norwegen sind es sogar 17,08 Prozent. Mit einer durchschnittlichen Kernkapitalquote von 8,78 platzieren sich die deutschen Finanzhäuser nur knapp vor Italien (8,6 Prozent) und Irland (8,44 Prozent). Im Hinblick darauf plädierte Deutsche Bank-Chef Christian Sewing Anfang September für ebenjene Fusionen unter den Banken Europas, die auch der US-Investor Cerberus favorisiert - um "endlich die Größenvorteile Europas" zu nutzen.[15] Mit einem entscheidenden Unterschied: Sein eigenes Finanzhaus solle davon vorerst ausgenommen werden. Man suche derzeit nicht nach "einer Partnerbank"; die angeschlagene Deutsche Bank müsse zuerst "fit werden und sich auf die eigene Strategie fokussieren", heißt es. Sewing scheint verhindern zu wollen, dass die Deutsche Bank als Juniorpartner in eine Bankfusion gehen muss.
[1] Cerberus erwägt Kauf von Staatsbeteiligung an der Commerzbank - Aktie steigt kräftig. handelsblatt.com 17.09.2021.
[2] Höllenhund vor dem Einstieg? wiwo.de 17.09.2021.
[3] Das ist die größte Macht im deutschen Bankensektor. manager-magazin.de 10.06.2021.
[4] Übernimmt Cerberus die Anteile des Bundes? tagesschau.de 17.09.2021.
[5] Höllenhund vor dem Einstieg? wiwo.de 17.09.2021.
[6] Cerberus: Was machen die eigentlich mit Banken? bankingclub.de 23.07.2020.
[7] Commerzbank: Die 26 Vorstands-Wechsel seit 2010 auf einen Blick. finanz-szene.de 15.09.2021.
[8] Ohne sie geht nichts mehr. sueddeutsche.de 27.11.2018.
[9] Cerberus: Was machen die eigentlich mit Banken? bankingclub.de 23.07.2020.
[10], [11] Das ist die größte Macht im deutschen Bankensektor. manager-magazin.de 10.06.2020.
[12] Halbe Milliarde Verlust bei der Commerzbank. tagesschau.de 04.08.2021.
[13] Die Dauerbaustelle Commerzbank. faz.net 17.09.2021.
[14] Deutsche Banken schwächeln beim Stresstest. manager-magazin.de 02.08.2021.
[15] Sewing trommelt für Fusionen - aber nicht bei Deutscher Bank. manager-magazin.de 08.09.2021.
Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8709

