aus e-mail von Doris Pumphrey, vom 19. Februar 2023, 20:00 Ihr
---------- Forwarded message ---------
Von: Heinz Dallmann <heinz.dallmann@gmx.de>
Date: So., 19. Feb. 2023 um 19:04 Uhr
Subject: [NDS Berlin] Jacques Baud: Rückeroberung der von Russland
eingenommenen Gebiete unrealistisch
To: NDS-Diskussionsverteiler <nds-berlin@lists.riseup.net>
Für Eilige die für mich interessanteste Passage des beigefügten Interviews
in Zeitgeschehen im Focus Nr. 2, vom 10. Februar 2023
<https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-2-vom-10-februar-2023.html#article_1470>
:
*"Man darf nicht vergessen, dass die Krim-Bevölkerung im Januar 1991 in
einem Referendum erreicht hatte, dass sie von Moskau und nicht mehr von
Kiew verwaltet werden sollte. Als die Ukraine unabhängig wurde, war die
Krim also Moskau untergeordnet, ohne Teil Russlands zu sein. Es war die
Ukraine, die 1995 beschloss, die Krim zu annektieren, indem sie ihre
Verfassung gewaltsam abschaffte und ihren Präsidenten stürzte. Im Jahr 2014
nutzten die Krimbewohner einfach die Illegitimität der neuen Regierung in
Kiew und die Abschaffung des Gesetzes über die Amtssprachen, um erneut den
Anschluss an Moskau zu fordern. Es ist daher vorstellbar, dass die Ukraine,
wenn sie die russischen Gebiete zurückerobern würde, auf sehr starken
Widerstand in der Bevölkerung stossen würde, so als ob die Russen versuchen
würden, den westlichen Teil der Ukraine einzunehmen."*
Von dem Unabhängigkeitsreferendum der Krim am 20. Januar 1991, über das
Baud in dem Interview spricht, fehlt in der *deutschen* Wikipedia jede
Spur. In der *englischen* Wikipedia wird es immerhin erwähnt. Einen
eigenständigen Artikel
<https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A0%D0%B5%D1%84%D0%B5%D1%80%D0%B5%D0%BD%D0%B4%D1%83%D0%BC_%D0%B2_%D0%9A%D1%80%D1%8B%D0%BC%D1%83_(1991)>
darüber gibt es hingegen nur in der *russischen* Wikipedia. Deshalb möchte
ich den Aussagen Bauds einiges zum Verständnis der weiteren Geschichte
hinzufügen.
Am 17. März 1991 findet in der gesamten Sowjetunion ein Referendum statt,
in dem sich über 70% für deren Erhalt und Erneuerung aussprechen. Am 24.
August 1991, nach dem Putschversuch gegen Gorbatschow, erklärt der Oberste
Sowjet der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik die Unabhängigkeit
der Ukraine. Die Krim gehört zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr zur
Ukraine, was aber bis heute von Kiew ignoriert wird.
Nach sowjetischer Verfassung besaß jede der beigetretenen Republiken das
Recht, wieder auszutreten, selbstredend nur in der Größe, in der sie einst
beigetreten ist. Die Krim ist am 18. Oktober 1921 als "Autonome
Sozialistische Sowjetrepublik" der Sowjetunion beigetreten, die Ukraine
erst im Dezember 1922. Teil der "Ukrainischen Sozialistischen
Sowjetrepublik" wurde die Krim durch eine verfassungsrechtlich umstrittene
"Schenkung" 1954. Mit Wirkung des o.g. Unabhängigkeitsreferendums vom 20.
Januar 1991 ist sie aus der "Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik"
wieder ausgetreten und hat sich gleichzeitig als "Autonome Sozialistische
Sowjetrepublik Krim" und Teil der damals noch existierenden Sowjetunion
rekonstituiert. Von diesem Zeitpunkt an war also die 37-jährige
"Mitgliedschaft" der Krim in der Ukraine beendet und zwar auf - wie ich
finde - ausgesprochen demokratische Weise.
Ich möchte weiterhin ergänzen, dass es Anfang der 90er Jahre analoge
Bewegungen auch in der Region von Charkiv bis Odessa (inkl. des
ukrainischen Teils des Donbass) gab. Diesen wurden durch Kiew von Anfang an
mit Unverständnis begegnet, teilweise mit Feindschaft. Das Massaker im
Gewerkschaftshaus von Odessa 2014 mit 48 Toten war nur der Höhepunkt. Gegen
die namentlich bekannten Täter wurde nie etwas unternommen. Viele der
Teilnehmer der o.g. Bewegungen gingen 2014 und danach außer Landes, z.B.
auf die Krim. Im Donbass kam es zum Aufstand gegen die nationalistische
Kiewer Regierung und in der Folge zu dem praktisch bis heute andauernden
Bürgerkrieg.
Das alles sind Sachverhalte, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder
wissenschaftliche Ausgewogenheit erheben. Unsere Medien kehren sie aber
schlicht unter den Teppich und zeichnen so ein m.E. unrealistisches Bild -
sowohl von der Ukraine, als auch von Russland.
Viele Grüße
Heinz
_______
https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-2-vom-10-februar-2023.html#article_1470
*«Eine Rückeroberung der von Russland eingenommenen Gebiete ist
unrealistisch»*
*«Das ukrainische Militärpotenzial wird langsam zermahlen»*
Interview mit Jacques Baud*
*Zeitgeschehen im Fokus: **In den Mainstream-Medien wird momentan das Bild
vermittelt, dass Russland durch den Widerstand der Ukrainer militärisch
nicht weiterkommt. Können Sie diese Aussage bestätigen?*
*Jacques Baud*: Nein. Das war seit Beginn des Konflikts nie der Fall und
ist es auch heute noch nicht. Die Russen und ihre Verbündeten in den
Donbas-Republiken sind sicherlich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit
vorgerückt, je nachdem, wie gut die ukrainische Verteidigung war, aber sie
sind immer vorgerückt. Ich erinnere daran, dass die einzigen Vorstösse der
ukrainischen Armee (in Charkow und Cherson) möglich waren, weil die Russen
zuvor entschieden hatten, dass diese Gebiete das Risiko einer Verteidigung
nicht wert waren. Die Ukrainer konnten dann nach dem Abzug der russischen
Truppen vorrücken. Die Rückeroberung dieser Gebiete erfolgte daher ohne
Schlacht. Allerdings wurden die ukrainischen Truppen von der russischen
Artillerie empfangen und erlitten sehr hohe Verluste, während die Russen
praktisch keine Verluste erlitten. In Cherson machten die ukrainischen
Truppen die gleiche Erfahrung wie die russischen und räumten die Stadt,
kurz nachdem sie sie «zurückerobert» hatten!
Seit Februar 2022 versuchen unsere Medien (insbesondere: RTS oder NZZ in
der Schweiz, LCI, France 5 oder BFM TV in Frankreich), uns glauben zu
machen, dass die Ukraine siegt, dass die russischen Truppen unfähig sind,
schlecht geführt werden und schwere Verluste erleiden. Heute können wir
feststellen, dass dies alles völlig falsch war.
Der grösste Fehler, den man in einem Krieg machen kann, ist, den Gegner zu
unterschätzen und die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Unsere Medien
haben uns dazu verleitet.
Unsere Medien – und sogar unser Militär! – verstehen unter Krieg grosse
Pfeile auf einer Landkarte und territoriale Eroberungen. Das war die Logik
der Westmächte im Irak oder in der Sahelzone, aber es ist nicht die Logik
der Russen in der Ukraine. Wie Winston Churchill sagte: «Egal wie
beschäftigt ein Kommandant mit der Ausarbeitung seiner eigenen Überlegungen
ist, manchmal ist es notwendig, den Feind zu berücksichtigen.» Seit dem 24.
Februar 2022 haben unsere Medien und Politiker die Realität am Boden durch
ein Propaganda-Narrativ ersetzt, das nicht darauf abzielt, die Situation zu
verstehen, sondern die Stimmung gegen Russland zu mobilisieren.
In der Ukraine haben die Russen immer gesagt, dass es ihr Ziel sei, die
Bedrohung für die Bevölkerung des Donbas durch «Entmilitarisierung» und
«Entnazifizierung» zu neutralisieren. Beide Ziele beabsichtigten, eine
Lösung für die Sicherheit der russischsprachigen Bevölkerung im Donbas zu
erreichen.
Russlands Ziel war es also – durch eine politische Einigung oder durch
Zerstörung – , ein Potenzial zu neutralisieren, und nicht, Gebiete zu
übernehmen. Diese Lösung hätte aus dem Minsker Abkommen kommen sollen, doch
die Westmächte haben sich ausdrücklich geweigert, das von ihnen
unterzeichnete Abkommen umzusetzen. Daher beschloss Russland, diese Lösung
durch eine militärische Intervention zu erzwingen.
Davon abgesehen, hat Russland immer gesagt, dass es eine Verhandlungslösung
bevorzugt. Aus diesem Grund hat es alle Verhandlungsvorschläge akzeptiert,
die Selenskij im Februar 2022, März 2022 und August 2022 vorschlug. Diese
Bemühungen wurden von der Europäischen Union und Grossbritannien
systematisch verhindert, da sie – im Gegenteil – den Konflikt mit Waffen
anheizten. Die Russen haben also begriffen, dass der einzige Weg aus dem
Konflikt darin besteht, die militärischen Kapazitäten der Ukraine
systematisch und methodisch zu zerstören.
Das Ziel der «Entnazifizierung» richtete sich nicht gegen die ukrainische
Regierung, wie unsere Propaganda behauptet, sondern explizit gegen die
ultra-nationalistischen und neonazistischen paramilitärischen Milizen,
deren Bedrohung sehr real ist
<https://www.atlanticcouncil.org/blogs/ukrainealert/the-azov-regiment-has-not-depoliticized/>,¹
deren Existenz aber von westlichen Sympathisanten geleugnet wird
<.²">https://youtu.be/bEv4-IJsl9k?t=414>.² Nach Angaben des russischen Militärs
selbst
<³">https://www.businessinsider.com/russia-nazi-demand-for-ukraine-dropped-in-ceasefire-talks-2022-3>³
wurde dieses Ziel Ende März mit der Einnahme von Mariupol, der Heimat des
AZOV-Regiments, dessen Verbrechen von unseren Medien akzeptiert und
sorgfältig vertuscht wurden, erreicht. Die Neutralisierung der
militärischen Bedrohung (Entmilitarisierung) hätte bereits am 25. Februar
2022 erreicht werden können, indem die von Wolodimir Selenskij
vorgeschlagenen, aber von der Europäischen Union verhinderten
Verhandlungen, fortgesetzt worden wären.
Da die Option der Verhandlungen vom Westen abgelehnt wurde, bleibt den
Russen nur die endgültige Vernichtung der ukrainischen Streitkräfte. Dies
geschieht nun logischerweise, und die Russen haben es wahrscheinlich nicht
mehr sehr eilig mit der Aufnahme von Verhandlungen.
Die Westmächte haben nie Frieden schliessen wollen, und es gibt Kräfte in
der ukrainischen Regierung, die Selenskij dazu drängen, ihre Politik zu
machen. Heute haben wir sogar die Bestätigung von Generalmajor Kirill
Budanow, dem Leiter des ukrainischen Militärnachrichtendienstes (GUR), dass
Denys Kireyev, einer der ukrainischen Verhandlungsführer (und Mitglied des
GUR), Ende Februar sowie einige andere Persönlichkeiten, die Verhandlungen
befürworteten, vom ukrainischen Staatssicherheitsdienst (SBU) eliminiert
wurden. Ich hatte dies bereits in meinem Buch «Operation Z» geschrieben,
doch dieses Mal wird es vom Direktor der GUR selber bestätigt
<https://www.radiosvoboda.org/a/вбивство-кірєєва/32233661.html?fbclid=IwAR3zfrvdT_41ghRz3SqR2VDotNb1Zw1Yo0LtQNXBpPiQBC3ZjVxUffTDOjg>
.4 Wieder einmal haben die Journalisten des «Blick» oder des Westschweizer
Fernsehens (die mich immerhin als «Putin-Agent» bezeichnet haben) gelogen.
*Die Lieferung von schwerem militärischem Gerät, was Selenskij schon lange
fordert, soll die Ukraine in die Lage versetzen, die von den Russen
kontrollierten Gebiete wieder zurückzuerobern. Ist das Wunschdenken?*
Ja. Zunächst einmal ist das Beharren des Westens auf der Lieferung schwerer
Waffen an die Ukraine ein Eingeständnis, dass die Situation nicht zu seinem
Vorteil ist. Und das geschah nicht an einem Tag. Die Hauptkapazitäten der
ukrainischen Armee wurden im Sommer 2022 zerstört. Deshalb fordert
Selenskij seit dieser Zeit Waffen. Mit anderen Worten: Unsere Medien,
Diplomaten und Politiker haben systematisch über die Lage und die
Fähigkeiten der Ukraine gelogen.
In den USA geben heute sogar General Mark Milley, der Vorsitzende des Joint
Chiefs of Staff
<https://www.foxnews.com/politics/milley-urges-ukraine-negotiate-russia-saying-chances-total-military-victory-unlikely>
,5 und Aussenminister Anthony Blinken
<https://www.washingtonpost.com/opinions/2023/01/24/blinken-ponders-post-ukraine-war-order/>⁶
zu, dass eine Rückeroberung der von Russland eingenommenen Gebiete
unrealistisch ist. In einer vertraulichen Anhörung teilte das Pentagon dem
Streitkräfteausschuss des US-Repräsentantenhauses mit, dass die Ukraine
nicht über die Kapazitäten verfüge, um die Krim zurückzuerobern
<https://www.politico.com/news/2023/02/01/ukraine-crimea-russia-pentagon-00080799>
.7
Erstens muss man auf gesellschaftlicher Ebene daran erinnern, dass sich die
Menschen in diesen Regionen (Krim, Donbas und Südukraine) nicht als
Ukrainer fühlen, weil die Ukrainer in Kiew sie nie als Ukrainer betrachtet
haben. Unsere Sicht ist verzerrt, weil unsere Medien Gesetze wie das, das
den Bürgern der Ukraine je nach ihrer ethnischen Herkunft unterschiedliche
Rechte einräumt, unterstützt haben
<https://apnews.com.ua/ua/news/nardep-vid-slugi-narodu-seminskii-zayaviv-pro-pozbavlennya-konstitutciinikh-prav-rosiyan-yaki-prozhivaiut-v-ukraini/>
.8 Wir weigern uns zu verstehen, dass das 2014 in Kiew errichtete Regime in
diesen Regionen nie legitim war.
Man darf nicht vergessen, dass die Krim-Bevölkerung im Januar 1991 in einem
Referendum erreicht hatte, dass sie von Moskau und nicht mehr von Kiew
verwaltet werden sollte. Als die Ukraine unabhängig wurde, war die Krim
also Moskau untergeordnet, ohne Teil Russlands zu sein. Es war die Ukraine,
die 1995 beschloss, die Krim zu annektieren, indem sie ihre Verfassung
gewaltsam abschaffte und ihren Präsidenten stürzte
<.⁹">https://youtu.be/CI22-w0i-RM>.⁹ Im Jahr 2014 nutzten die Krimbewohner
einfach die Illegitimität der neuen Regierung in Kiew und die Abschaffung
des Gesetzes über die Amtssprachen, um erneut den Anschluss an Moskau zu
fordern. Es ist daher vorstellbar, dass die Ukraine, wenn sie die
russischen Gebiete zurückerobern würde, auf sehr starken Widerstand in der
Bevölkerung stossen würde, so als ob die Russen versuchen würden, den
westlichen Teil der Ukraine einzunehmen.
*Wahlzettel vom 20. Januar 1991. Als die Ukraine im Dezember 1991
unabhängig wurde, stand die Krim unter der Kontrolle Moskaus. Es war die
Ukraine, die die Krim 1995 buchstäblich annektieren musste, indem sie den
gewählten Präsidenten **gewaltsam stürzte
<**.**10**">https://www.youtube.com/watch?v=CI22-w0i-RM>**.**10**
(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1991_Crimean_referendum_ballot.jpg
<)*">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1991_Crimean_referendum_ballot.jpg>)*
Zweitens: Militärisch gesehen bestätigte sogar der Chef der ukrainischen
Streitkräfte, General Saluschnij, in einem Interview mit dem «Economist» am
15. Dezember 2022, dass die Ukraine nicht in der Lage sei, diese Gebiete
zurückzuerobern, wenn sie nicht «300 Kampfpanzer, 600 bis 700
Schützenpanzer, 500 Artilleriegeschütze» erhalte
<.11">https://www.economist.com/zaluzhny-transcript>.11
Das Problem ist, dass die ukrainische Armee nicht auf einen Bewegungskrieg
gegen einen mechanisierten Gegner vorbereitet wurde. Sie wurde seit 2014
von der Nato modernisiert und ausgebildet, litt aber unter der mangelnden
Erfahrung des Westens in diesem Bereich, der nur mit technologisch
unterlegenen Armeen und mit Situationen der Aufstandsbekämpfung
konfrontiert war.
Aus diesem Grund gab es seit Beginn der russischen Offensive im Februar
2022 keine grossen Panzerschlachten wie in Kursk im Jahr 1943. Die Ukrainer
führen einen Infanteriekrieg in Schützengräben oder in überbauten Gebieten.
Dies war in Mariupol, Sjewjerodonezk oder Bachmut zu sehen. Ich schliesse
daraus, dass die Bereitstellung von Panzern, umso mehr von westlichen
Panzern, mit denen die Ukrainer nicht völlig vertraut sind, die Situation
nicht grundlegend verändern wird.
Ich denke, dass die Ukraine zum jetzigen Zeitpunkt selbst mit erneuerter
Ausrüstung nicht mehr in der Lage ist, die von den Russen eingenommenen
Gebiete zurückzuerobern. Ich möchte ausserdem daran erinnern, dass es dem
Westen um das Territorium geht, den Russen jedoch um das Potenzial. Wie ich
bereits sagte, kann man zwar im besten Fall Gebiete zurückerobern, aber man
erhält nie die verlorenen Menschenleben zurück. Gegenwärtig drängt der
Westen die Ukrainer, das ihnen verbliebene Humankapital aufs Spiel zu
setzen. Unsere Intellektuellen sehen darin ein grosses Romanepos (es ist
leicht, mit dem Leben anderer Menschen Krieg zu führen), aber man muss
bedenken, dass die Ukraine sich wieder aufbauen muss.
Nun hat die Ukraine seit 1990 bereits einen Grossteil ihrer Bevölkerung
verloren, und es ist unwahrscheinlich, dass diese Bevölkerung in ein
korruptes und zerstörtes Land zurückkehrt. Zu diesem demografischen Defizit
wird der Verlust der treibenden Kräfte des Landes, die wir heute sehen,
hinzukommen.
*Welchen Effekt werden die neu gelieferten Panzer auf den Kriegsverlauf
haben?*
Zunächst einmal gibt es einen politischen Effekt – im Westen. Als Selenskij
nach Washington reiste, bat er um Abrams M1-Kampfpanzer. Die Amerikaner
lehnten ab, forderten Deutschland aber auf, Leopard-2-Panzer zu liefern.
Olaf Scholz antwortete ziemlich logisch, dass Deutschland nur dann Panzer
liefern würde, wenn die Amerikaner zuerst zustimmen würden. Zunächst schlug
ein amerikanischer Politiker vor, dass die USA nur einen einzigen M1-Panzer
liefern sollten, um die deutsche Entscheidung zu provozieren
<https://abcnews.go.com/Politics/mccaul-calls-us-send-abrams-tank-ukraine-spur/story?id=96584865>
!12 Die Amerikaner haben sehr gut verstanden, dass das politische Verhalten
Deutschlands unterwürfig und korrupt ist .
Die Fortsetzung wurde von der «Washington Post» enthüllt und von der
europäischen Presse so gut wie gar nicht aufgegriffen
<https://www.washingtonpost.com/national-security/2023/01/28/inside-story-biden-ukraine-tanks/>
.13 Und das aus gutem Grund! So genehmigte Joe Biden die Lieferung von 31
M1-Panzern. Wie erwartet genehmigte Scholz daraufhin den Reexport von
Leopard-2 durch die europäischen Länder und gestattete die Lieferung einer
bestimmten Anzahl dieser Panzer. Zu diesem Zeitpunkt erklärten die USA,
dass die M1 zu viel Technologie enthielten, die nicht in die Hände der
Russen fallen dürfe, und dass die Panzer nicht sofort geliefert werden
könnten. Tatsächlich werden es neue Panzer sein, die speziell für die
Ukraine gebaut werden, mit einem geringeren Schutz (da die Zusammensetzung
der Panzerung der US-Version als geheim eingestuft ist), die erst in einem
Jahr geliefert werden können
<https://www.forbes.com/sites/davidaxe/2023/01/27/the-tungsten-m-1-how-ukraines-tanks-will-differ-from-americas>
!14
Mit anderen Worten: Die USA haben Scholz «über den Tisch gezogen»!!! Dies
zeigt, wie es um die Beziehungen zwischen den Nato-Mitgliedern tatsächlich
steht. Man weiss schon, dass es ein Nato-Mitglied war, das die
Nord-Stream-Gaspipelines zerstört hat. Es ist also Deutschland, das den
Preis für den von den Amerikanern gegen Russland geführten Krieg zahlt. Die
Amerikaner haben Recht: Wenn man einen «Dummen» gefunden hat, kann man ihn
auch gleich ausbeuten, vor allem, wenn das deutsche Volk das ohne
Diskussionen akzeptiert! Jedes Land ist für sein Schicksal selbst
verantwortlich. Das gilt für die Ukrainer genauso wie für die Deutschen.
Auf einer militärischen Ebene sollte daran erinnert werden, dass die
Ukrainer im Februar 2022 knapp 1000 Kampfpanzer hatten
<.15">https://www.bbc.com/news/world-60798352>.15 Zu dieser Zahl kommen laut dem
Westen und unseren Medien im Jahr 2022 noch mehr als 500 erbeutete
russische Kampfpanzer
<16">https://www.oryxspioenkop.com/2022/02/attack-on-europe-documenting-equipment.html>16
und etwa 600 vom Westen erhaltene Panzer hinzu. Darüber hinaus ist
festzustellen, dass nur die Russen Panzer verlieren. Wir sollten also eine
klare Überlegenheit der Ukraine haben! Doch heute bräuchte die Ukraine,
wenn man General Saluschnij glauben darf, 300 Panzer um durchzuhalten
<,17">https://www.economist.com/zaluzhny-transcript>,17 und der Westen wird bis
zum Sommer 2023 nur einen kleinen Teil dieser Zahl liefern können.
Ich bin selber Kommandant eines Leopard-2-Bataillons gewesen. Es ist eine
formidable und hervorragende Waffe. In der Schweiz können wir
Panzerbesatzungen in weniger als vier Monaten ausbilden, also ist es
durchaus möglich, dass die Ukrainer dasselbe tun.
Das Problem ist nicht wirklich die technische Ausbildung der
Panzerbesatzungen. Der schwierigste Teil ist die Fähigkeit, den Panzer in
das Gefechtssystem zu integrieren und mit operativer Kohärenz zu operieren.
Die Panzertechnik hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren nicht wirklich
entwickelt. Die Bewaffnung, die Mobilität und der Schutz haben sich
verbessert, aber nicht grundlegend verändert. Was sich weiterentwickelt
hat, ist die Technologie, die es ermöglicht, Panzer in ein
Waffenverbundsystem zu integrieren (battlefield management system oder
BMS). Dies gibt der gepanzerten Waffe ihre tatsächliche Wirksamkeit.
Betrachtet man die verschiedenen Generationen des Leopard-2-Panzers, so
stellt man eine radikale Veränderung zwischen den Versionen A4-A5 der
1980er und 1990er Jahre und den Versionen A6-A7 der Jahre 2005 bis 2020
fest.
Bei den Fahrzeugen, die der Ukraine versprochen werden, handelt es sich
jedoch hauptsächlich um Leopard-2A4 und sogar Leopard-1, die nur eine alte
Technologie (ohne BMS) aufweisen und deren Munition offenbar gegen die
russischen T-90 nicht wirksam
<https://www.welt.de/politik/deutschland/article140083741/Bundeswehr-Kampfpanzern-fehlt-wirksame-Munition.html>
ist.18 Es fällt auf, dass der Westen seine modernste Ausrüstung nicht
hergeben will, weil er den Ukrainern nicht vertraut und befürchtet, dass
die Russen westliche Hochtechnologie wie die Chobham-Panzerung der
britischen Challenger-Panzer in die Hände bekommen könnten.
Bei den Leopard-Panzern ist es noch dramatischer, denn die Deutschen haben
festgestellt, dass die Vorbereitung der Panzer für die Ukraine länger
dauern wird als erwartet (vielleicht ist dies eine Antwort auf die
amerikanische Täuschung?) und werden nur Leopard-1-Panzer aus den 1960er
und 1980er Jahren mit einer 105-mm-Kanone liefern – für die es an Munition
mangelt!
Die Russen haben ihre Waffensysteme vollständig in den sogenannten
«Aufklärungs-Schlag-Komplex» (Razvedivatel'no Udarnyy Kompleks oder RUK)
integriert, bei dem es sich um ein Managementsystem handelt, das ihre
Waffensysteme zu einem einzigen Kampfsystem zusammenfasst. Dadurch sind sie
in der Lage, mit erheblich schwächeren Kräften als die Ukrainer effektiv zu
kämpfen.
Nach der Vernichtung des grössten Teils ihres Potenzials im Jahr 2022 ist
die ukrainische Armee heute eine bunte Ansammlung von Material
unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und
Logistikketten. Das Problem der Ukrainer ist nicht wirklich der Mangel an
Waffen, sondern die Fähigkeit, diese in eine optimale und effiziente
Führungsstruktur zu integrieren. Ein Beispiel dafür ist die Haubitze M777,
die vom Westen als «Wunderwaffe» gesehen wurde, aber ihr volles Potenzial
nicht ausnutzen konnte, da sie nur als «normale» Haubitze eingesetzt wird
<https://www.businessinsider.com/us-targeting-system-makes-m777-howitzer-highly-accurate-2022-9?r=US&IR=T>
.19
Das ist auch das Problem der Raketenabwehrkapazitäten. Seit dem 2. März
berichten unsere Medien, dass die Russen ihre Raketenreserven erschöpft
haben. Wir hielten es daher nicht für sinnvoll, den Ukrainern
Raketenabwehrsysteme zu geben. Ab Oktober 2022, nach dem Bombenanschlag auf
die Kertsch-Brücke, begannen die Russen, die elektrische Infrastruktur zu
zerstören (wie es die Nato in Serbien, die Amerikaner im Irak, in Syrien
und in Libyen getan hatten). Der Westen schickte daher dringend
Luftabwehrraketen. Aber diese Waffensysteme, die aus mehreren Ländern
stammen, sind nicht wirklich interoperabel und befinden sich nicht in einem
integrierten Kampfführungssystem. Das Ergebnis: Bei jedem Angriff werden
mehrere Raketen auf ein einziges Ziel abgefeuert. Die Russen haben das
Problem sehr gut verstanden und schicken mit ihren Raketen «Lockvögel» ins
Rennen. Dadurch feuern die Ukrainer bei jedem russischen Angriff viel mehr
Raketen ab als nötig, und ihr Potenzial nimmt rapide ab.
Letztendlich konnte das westliche Material nicht mit der russischen
Fähigkeit, sie zu zerstören, mithalten. Am 24. Januar kündigte Estland an,
dass es alle seine 155-mm-Haubitzen – das heisst 24 FH-70 – an die
Ukraine verschenken
würde
<https://www.thedefensepost.com/2023/01/24/estonia-sending-howitzers-ukraine/>
.20 Eine Woche später, am 31. Januar, bot Frankreich 12 CAESAR-Haubitzen
an, zusätzlich zu den 18, die es bereits an die Ukraine geliefert hatte
<https://www.france24.com/fr/europe/20230131-en-direct-macron-re%C3%A7oit-le-ministre-de-la-d%C3%A9fense-ukrainien-kiev-r%C3%A9clame-des-avions-de-combat>
.21 Laut der Website «Moonofalabama», die die Ankündigungen des russischen
Generalstabs zusammenzählte, soll die russische Armee in derselben Woche 40
gezogene Haubitzen, 32 selbstfahrende Haubitzen und 8
Mehrfachraketenwerfer zerstört
haben
<https://www.moonofalabama.org/2023/01/Nato-continues-its-disarmament.html#more>
.22 Diese Zahlen sind schwer zu bestätigen, zeigen aber, dass die
westlichen Waffenlieferungen kaum ausreichen, um die ukrainischen Verluste
auszugleichen.
*Welche Folgen wird das auf die Zahl der Toten und Verwundeten haben?*
Wir haben die Russen in die Lage gebracht, das gesamte ukrainische
Potenzial systematisch zerschlagen zu müssen. Die Hauptverantwortlichen
dafür sind diejenigen, die uns verweigert haben, das Massaker an Zivilisten
im Donbas zwischen 2014 und 2022 zu verurteilen, die uns über das Minsker
Abkommen desinformiert haben, damit es nicht umgesetzt wird, und die, die
die wahren Gründe für die russische Intervention verschwiegen haben: Es
sind unsere Medien, die dogmatisch und ideologisch sind und vom Blut
anderer leben.
Von Beginn ihrer Operation an war es sehr klar, dass die Russen die
Verluste auf beiden Seiten minimieren wollten. Dies hatte das Pentagon zu
Beginn des Konflikts festgestellt, wie das US-Magazin «Newsweek» berichtete
<https://www.newsweek.com/putins-bombers-could-devastate-ukraine-hes-holding-back-heres-why-1690494>
.23 Dies wurde am 23. Januar dieses Jahres auf der ukrainischen Website
«Mriya» von Oleksej Arestowitsch, enger Berater von Selenskij, bestätigt:
Die Russen «versuchten, einen intelligenten Krieg zu führen», indem sie
versuchten, die Verluste so gering wie möglich zu halten. Bei «den wenigen,
die Widerstand leisteten […], eliminierten sie sie nicht einmal, sondern
boten an, sich zu ergeben, die Seiten zu wechseln, zu verstehen etc.
Sie wollten
niemanden töten
<https://en.mriya.news/58331-they-didnt-want-to-kill-anyone-arestovich-spoke-about-the-beginning-of-the-nwo>
.»24
Heute haben die Russen verstanden, dass die Westmächte, auch wenn es einen
Verhandlungsprozess gäbe, diesen nutzen würden, um den Konflikt
einzufrieren und ihn später wieder aufzunehmen, wie sie es mit dem Minsker
Abkommen getan haben. Die Russen wissen, dass das Wort des Westens keinen
Wert hat. 1990 hatte April Glaspie, die amerikanische Botschafterin im
Irak, Saddam Hussein gesagt, dass die Amerikaner keine Einwände gegen eine
Invasion in Kuwait erheben würden
<https://www.nytimes.com/1990/09/23/world/confrontation-in-the-gulf-excerpts-from-iraqi-document-on-meeting-with-us-envoy.html>
.25 Sie hatte gelogen. 2015 unterzeichneten die USA, Russland, China,
Frankreich, das Vereinigte Königreich, Deutschland, die Europäische Union
(EU) und der Iran das Wiener Abkommen (besser bekannt unter seiner
angelsächsischen Abkürzung: JCPOA). Der Iran, Russland und China hielten
sich an das Abkommen
<https://www.theamericanconservative.com/iaea-confirms-iranian-compliance-for-the-fifteenth-time/> ,26 der Westen nicht
<https://www.nytimes.com/2018/05/08/world/middleeast/trump-iran-nuclear-deal.html>
.27 Im Jahr 2020 hatten sich die Amerikaner und die Taliban auf ein Datum für
den Abzug der USA geeinigt
<https://www.state.gov/wp-content/uploads/2020/02/Agreement-For-Bringing-Peace-to-Afghanistan-02.29.20.pdf>
.28 Die Amerikaner hielten sich nicht an ihr Wort und verschoben das Datum
einseitig um mehr als vier Monate. Und im November 2022 bestätigten Angela
Merkel und François Hollande gegenüber Russland, dass Deutschland und
Frankreich Länder sind, deren Wort wertlos ist …
Bevor wir an den Verhandlungstisch gehen, muss also erst einmal wieder
Vertrauen aufgebaut werden. Waffenlieferungen tragen dazu nicht bei. Wir
dürfen nicht vergessen, dass der Westen die gleiche Position vertritt wie
der Schweizer Botschafter in Kiew, der Verhandlungen als «Prämie für den
Aggressor» sieht <https://www.rts.ch/info/suisse/13567448-claude-wild-la-suisse-nest-pas-neutre-dans-le-conflit-en-ukraine.html>
!29 Zum Glück denken die Taliban, die Syrer, die Ägypter, die Iraker, die
Libanesen, die Libyer und viele andere nicht so, denn dann könnte man die
Vereinten Nationen schlichtweg abschaffen!
Da niemand im Westen dieses Vertrauen wiederherstellen will, werden die
Russen das ukrainische Potenzial systematisch zerstören. Im Oktober 2022
erklärte General Surowikin, der Befehlshaber der Streitkräftegruppe im
Gebiet der militärischen Sonderoperation in der Ukraine: «Wir haben eine
andere Strategie. […] Wir suchen nicht nach einer hohen
Vorwärtsgeschwindigkeit, wir schonen jeden einzelnen unserer Soldaten und
‹zermalmen› methodisch den vorrückenden Feind
<.»30">https://tass.ru/armiya-i-opk/16090805>.»30
Im Gegensatz zu dem, was unsere «Experten» sagen, hat die Ukraine ein
enormes Personalproblem. Sie hat seit Februar 2022 acht
Mobilmachungsaktionen durchgeführt und kommt nun an das Ende ihres
Potenzials und ist gezwungen, auf die Zwangsrekrutierung ihrer Bürger
zurückzugreifen. Diese Personalkrise ist nicht neu und hat die ukrainische
Armee dazu veranlasst, ein härteres Gesetz gegen Desertion und
Dienstverweigerung zu fordern <.31">https://www.kyivpost.com/post/5943>.31 Dieses Gesetz wurde von
Selenskij im Januar 2023 unterzeichnet <https://www.kyivpost.com/post/11498>
.32
Ein Neonazi-Politiker aus der Westschweiz hatte mich als «Putinversteher»
bezeichnet, weil ich auf die Selbstmorde in der ukrainischen Armee vor 2022
hingewiesen hatte. Heute kann er seine Schimpfwörter an britische
Parlamentarier richten, weil diese selbst festgestellt haben, dass die
Selbstmordrate dort alarmierend hoch
<https://www.politics.co.uk/parliament/ukrainian-soldiers-are-committing-suicide-due-to-war-stress-says-duncan-smith/>
ist.33 Wir haben also schwachsinnige Politiker, die sich selbst mit ihren
Lügen blenden, anstatt die Probleme vorauszusehen!
Die Zwangsrekrutierungen scheinen in erster Linie Minderheiten zu
betreffen, insbesondere die magyarische Minderheit
<https://pestisracok.hu/mint-a-barmokat-ugy-fogdossak-ossze-a-ferfiakat-karpataljan-nezze-meg-helyszini-videoriportunkat/>
.34 Das hat Ungarns Zorn erregt
<https://euroweeklynews.com/2023/01/24/shocking-claims-of-ethnic-hungarians-being-forcibly-drafted-into-ukrainian-military-in-transcarpathia/>
.35 Heute sind 97 % der Ungarn gegen die EU-Sanktionen
<https://europeanconservative.com/articles/news/97-of-hungarians-reject-brussels-sanctions-against-russia/> gegen Russland.36
Was derzeit geschieht, ist, dass nicht nur das ukrainische Militärpotenzial
langsam zermahlen wird, sondern dass die Verluste an Menschenleben den
Wiederaufbau der Ukraine über ein oder zwei Generationen hinweg
beeinträchtigen könnten. Die Kombination aus einer dezimierten
Erwerbsbevölkerung, zerstörter Infrastruktur und verstärkter Emigration
droht, die Ukraine zu einem Land zu machen, das am Tropf hängt, mit Kosten,
die der Westen kaum lange tragen kann.
*Die deutsche Aussenministerin Baerbock hat in einer Rede vor dem Europarat
gesagt: «Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland.» Seither versucht man,
diese Aussage zu korrigieren, dass man nicht im Krieg sei, sondern nur die
Ukraine bei der Selbstverteidigung unterstütze. Ist Deutschland nicht schon
lange im Krieg gegen Russland? Die Aussage von Baerbock gibt doch die
wahren Ziele des Westens bekannt, nicht primär der Ukraine zu helfen,
sondern Russland zu bekämpfen und niederzuringen?*
Seit 2014 weiss man, dass der Westen versucht, nicht die Ukraine zu
verteidigen, sondern Russland zu zerstören
<https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/apr/30/russia-ukraine-war-kiev-conflict>
.37 Das hatte auch der französische Wirtschaftsminister Bruno Lemaire am 1.
März 2022 bekräftigt, der von einem «totalen Krieg» gesprochen hat
<.38">https://youtu.be/Ntzacqlm-Ac>.38 Es ist also nichts Neues und wurde
bereits Anfang Februar 2022 in dem demokratisch orientierten US-Medium
«Jacobin»
erläutert
<https://jacobin.com/2022/02/maidan-protests-neo-nazis-russia-Nato-crimea>.
39
Im März 2019 hat Oleksej Arestowitsch, enger Berater von Selenskij, in
einem Interview mit dem ukrainischen Sender «Apostrof» sehr deutlich
die Mechanik der Ereignisse <https://youtu.be/1xNHmHpERH8> erklärt.40
Das Ziel der Ukrainer ist es, der Nato beizutreten. Einige Nato-Mitglieder
sind jedoch sehr zurückhaltend, da die bestehenden Spannungen mit Russland
bedeuten, dass das Risiko, Artikel 5 aktivieren zu müssen, hoch ist. Das
ist in etwa so, als würde man eine Versicherung für ein Risiko
abschliessen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 % eintritt! Die
Lösung besteht also darin, dass Russland in einen Konflikt hineingezogen
wird, der seinen endgültigen Fall herbeiführt. Arestowitsch sah diese
Konfrontation sogar für 2021 bis 2022 vor!
Das Schema dieser Strategie wurde von der Rand Corporation in einem
Dokument mit dem Titel «Extending Russia: Competing from Advantageous
Ground» entwickelt: Es ging darum, einen Vorwand zu finden, um Russland mit
Sanktionen zu belegen, die so hoch sind, dass seine Wirtschaft sie nicht
überleben würde. Um dies zu erreichen, wird die Ukraine als «Köder»
benutzt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dies das Muster ist, das im
Februar und März 2022 zu beobachten war.
Das Problem ist, dass die westlichen Politiker die Warnungen desselben
Dokuments nicht beachten wollten, in dem davor gewarnt wurde, dass dies «zu
unverhältnismässigen menschlichen Verlusten, Gebietsverlusten und
Flüchtlingsströmen für die Ukraine führen könnte» und dass diese Strategie
«die Ukraine in einen unvorteilhaften Frieden
<https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR3063.html&usg=AOvVaw2E35ojBbRg6-xMic0-9WPs> drängen könnte».41
Im Klartext: Die westlichen Länder und die Ukraine haben sich auf eine
Strategie eingelassen, von der alle schon 2019 wussten, dass die Ukrainer
den Preis dafür zahlen würden! Die Ukraine wurde missbraucht, um zu
versuchen, Russland zu vernichten. Gleichzeitig sollte durch Gespräche zur
Förderung der Entwicklung von Unabhängigkeitsbewegungen Russland zerstückelt
<https://freenationsrf.org> (der von den Amerikanern offiziell verwendete
Begriff lautet: dekolonisieren) werden.42
So haben die Sanktionen, die die russische Bevölkerung, einschliesslich der
Auslandsrussen
<https://www.lefigaro.fr/international/comptes-bancaires-bloques-insultes-vandalisme-le-quotidien-des-russes-de-france-20220422>
,43 wie Flugverbindungen oder den Warenverkehr betreffen, Wladimir Putins
Aussagen, dass der Westen versuche, Russland zu zerstören, nur bestätigt
<.44">http://en.kremlin.ru/events/president/news/69390>.44 Die Massnahmen des
Westens haben daher nur das Vertrauen der russischen Bevölkerung in ihre
Führung gestärkt. Die Popularität von Wladimir Putin, die im September 2022
bei 77 % lag, stieg im Januar 2023 auf 82 %!
Es war ein strategischer Fehler, Russland nicht zum Jahrestag der Befreiung
des Lagers Auschwitz einzuladen, sondern Vertreter einer Regierung, die die
«Taten» von Stepan Bandera, einem Kollaborateur der Nazis während des
Zweiten Weltkriegs, feiert. Eine weitere Gelegenheit für die Europäer, der
Grossväter von Ursula von der Leyen, Olaf Scholz oder Chrystia Freeland zu
gedenken. Das hat sogar Arno Klarsfeld schockiert, einen Nazijäger, der
Russland nicht wohlgesonnen <https://youtu.be/I-yCq8M9ab0> ist.45
*Es ist offensichtlich, dass man von Seiten der Nato eine Eskalation des
Krieges anstrebt. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald
Kujat, äusserte sich in einem Interview, dass man eine Atommacht, also
Russland, nicht besiegen könne. Wie beurteilen Sie diese Aussage?*
Zunächst einmal müssen wir mit den Begriffen genau sein. Einige Nato-Länder
sind in unterschiedlichem Masse in diesen Konflikt verwickelt, aber nicht
die Nato als Bündnis oder als Struktur.
Zweitens glaube ich nicht, dass die Nato-Staaten eine Eskalation
herbeiführen wollen. Ihr Problem ist, dass sie in ihrem Narrativ gefangen
sind und nicht wissen, wie sie daraus ausbrechen können, ohne ihr Gesicht
zu verlieren. Wir haben bereits in früheren Interviews gesehen, dass das
offizielle Narrativ lautet, dass die Ukraine den Krieg gewinnt, und
Russland ihn verliert. Doch heute zeigt die Realität auf dem Schlachtfeld,
dass dies schon lange nicht mehr stimmt. Gerade heute bräuchte man ein
glaubwürdiges neutrales Land, das den Ukrainern, dem Westen und den Russen
einen Ausweg aus dieser Krise bieten könnte.
Ich bin mir nicht sicher, ob man eine Atommacht nicht besiegen kann.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.