Russland wurde durch die Sanktionen effektiv entkolonialisiert
aus e-mail von Doris Pumphrey, 13. Mai 2024, 21:04 Uhr
13.5.2024
*Ökonom James K. Galbraith:
Russland wurde durch die Sanktionen effektiv entkolonialisiert
*Interview Simon Zeise
Als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine wurden Russland
erhebliche Finanz- und Wirtschaftssanktionen auferlegt. Russland
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/russland> wurde vom Dollarhandel
abgeschnitten, Vermögenswerte sind im Ausland eingefroren, die EU strebt
an, auf russische Energieimporte völlig zu verzichten. Doch die
russische Wirtschaft steht trotz der umfangreichen Sanktionen
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/sanktion> so stark da wie kaum
eine andere Volkswirtschaft der Welt. Der renommierte amerikanische
Ökonom James K. Galbraith erklärt im Gespräch mit der Berliner Zeitung,
wie Russland es gelungen ist, seine Wirtschaft zu schützen, und warum
Deutschland wegen der falschen Wirtschaftspolitik ein schmerzvoller
Abstieg droht.
/Herr Galbraith, die Vereinigten Staaten und die EU haben wegen der
russischen Invasion in der Ukraine seit dem Frühjahr 2022 umfassende
Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Es wurde prognostiziert,
dass die russische Wirtschaft unter dem Druck der Sanktionen kollabieren
würde. Doch mittlerweile wächst die russische Wirtschaft erheblich.
Wieso ist es dazu gekommen?/
Es gibt zwei Interpretationen dafür. Die eine ist, dass die Sanktionen
nicht gewirkt haben. Die andere ist, dass die Sanktionen doch eine
Wirkung zeigten, aber ganz anders als erwartet. Die zweite Erklärung ist
die richtige: Die Sanktionen hatten eine dramatische Wirkung auf die
russische Wirtschaft. Darin sind sich sowohl westliche als auch
russische Vertreter einig. Aber die westlichen Initiatoren der
Sanktionen konnten sich nicht vorstellen, dass die russische Wirtschaft
in der Lage sein würde, sich an die Sanktionen anzupassen.
/Wie gelang es der russischen Regierung, die Sanktionen abzuwehren? /
Russland stabilisierte das eigene Finanzsystem, das durch die Abkopplung
vom Swift-Zahlungssystem einem Schock ausgesetzt war. Der anfängliche
Rückgang des Rubels wurde schnell aufgefangen. Lieferketten in der
Industrie, die durch die Sanktionen unterbrochen worden waren
wurden wieder hergestellt. Komponenten für Autos, Flugzeuge, Geräte und
Maschinen, die zuvor von westlichen Unternehmen bereitgestellt worden
waren, wurden nun von russischen Firmen und von Unternehmen aus anderen
befreundeten Staaten hergestellt. Was also geschah, war, dass russische
Unternehmen in den Markt vordrangen, den westliche Unternehmen
freiwillig oder gezwungenermaßen aufgeben mussten. Dadurch ergaben sich
für einheimische Unternehmen beträchtliche Gewinnmöglichkeiten. Russland
ist heute eines der Länder mit der höchsten Wachstumsrate der Welt.
/Würden Sie sagen, dass Russland letztendlich von den Sanktionen sogar
profitiert hat? /
Ja, Russland wurde durch die Sanktionen effektiv entkolonialisiert. Vor
fünf Jahren war das wirtschaftliche Leben fest in der Hand westlicher
Unternehmen: die Gastronomie, die großen Einkaufsläden, die Autos auf
der Straße. Das ändert sich derzeit. Die Industriekapazitäten
verschwanden nicht. Fabriken, Arbeiter, Ingenieure und Manager waren im
Land ausreichend vorhanden. Was benötigt wurde, war Design und
Equipment. Besonders chinesische Autobauer bauten ihr Engagement in
Russland stark aus
Sie übernahmen Produktionslinien, die zuvor von deutschen und
japanischen Unternehmen betrieben wurden.
/Die USA haben die nukleare Option auf den Finanzmärkten gezogen.
Guthaben der russischen Zentralbank wurden eingefroren und Russland
wurde vom Dollarsystem abgeschnitten. Ist es unter diesen Umständen
überhaupt möglich, mit den großen Industriestaaten auf den Weltmärkten
zu konkurrieren?/
Nun, kurzfristig haben diese Maßnahmen zu einer Störung der russischen
Wirtschaft geführt. Aber Russland war seit 2014 mit Sanktionen belegt.
Die nukleare Option, die Abkopplung vom Dollarsystem und das Einfrieren
von Vermögenswerten war schon im Vorfeld angedroht worden. Die Russen
haben sich offensichtlich auf die Möglichkeit vorbereitet. Infolgedessen
verfügten sie über alternative Zahlungsmechanismen, die in recht kurzer
Zeit funktionierten.
/Russland hat keinen Zugang mehr zum US-Dollar, führt aber dadurch immer
mehr Handel mit anderen Staaten in alternativen Währungen durch. Führt
dies nicht dazu, dass das Handelsvolumen am Dollarmarkt sinkt?/
Unter dem Druck der Sanktionen ist eine Zone entstanden, in der weder
Dollar noch Euro eine Rolle spielen. Zum Beispiel wird der Handel
zwischen Russland und China jetzt fast ausschließlich in Rubel und
Renminbi abgewickelt. Das gilt auch für den russischen Handel mit
anderen Ländern. In der Tat ist das eine Schwächung der Position des
Dollars in der Weltwirtschaft. Dann gibt es noch ein zweites Problem,
nämlich die Frage, welche Währung künftig als globale Reservewährung
bestehen wird. Bislang ist es im Wesentlichen der Dollar und in zweiter
Linie der Euro.
/China ist der wohl wichtigste Verbündete Russlands. Peking hat die
westlichen Sanktionen gegen Russland nicht anerkannt. Treibt China die
Dedollarisierung maßgeblich voran?/
Die Sanktionen beschleunigen den Abzug von Dollarguthaben. Einige
Länder, insbesondere China
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/china>, haben Reserven an Erdöl,
Nickel, Eisen, Kupfer und anderen Rohstoffen angelegt. Ich interpretiere
diesen Schritt so, dass die Chinesen eine Absicherung in der Hinterhand
haben wollen, falls der Westen dazu übergeht, chinesische Vermögenswerte
einzufrieren. Viele Länder müssen mittlerweile befürchten, dass ihre
Vermögenswerte, die sie in Form von Dollar- und Euroreserven oder
amerikanischen Staatsanleihen angelegt haben, beschlagnahmt werden.
Deswegen werden Assets, die nicht von den USA
<https://www.berliner-zeitung.de/topics/usa> und der EU beschlagnahmt
werden können, für viele Staaten attraktiver. Gleichzeitig verlieren der
Dollar und der Euro ihre starke Stellung.
/Die Vereinigten Staaten haben ihre Sanktionen gegen Drittländer
verschärft. Sogenannte Sekundärsanktionen sollen den Handel von Staaten
mit Russland einschränken. Schränken die Maßnahmen die russische
Wirtschaft ein?/
Die Sanktionen haben wirklich drastische Auswirkungen auf kleine
Volkswirtschaften. In Kuba zum Beispiel ist die Situation schlimm, weil
die Sanktionen der USA die Europäer davon abhalten, nach Kuba zu reisen
und Handel mit dem Land zu treiben. Aber die Auswirkungen auf Russland
sind ganz andere. Russland ist ein sehr großes Land, das reich an
Ressourcen ist, über Wissenschaftler, Ingenieure und enorme
Geschäftskapazitäten verfügt. Es hat sich von den chaotischen Zuständen
in den 1990er-Jahren weitgehend erholt. Und es ist in hohem Maße darauf
vorbereitet, mit den Auswirkungen der Sanktionen fertig zu werden. Die
Sanktionen haben der russischen Wirtschaft eine größere Autonomie und
einen größeren Handlungsspielraum verschafft.
/In Europa, insbesondere Deutschland, sind die Energiepreise im Zuge der
gegen Russland verhängten Sanktionen sehr stark gestiegen. Wäre es im
Interesse Europas, die Sanktionen aufzuheben? /
Die deutsche Regierung betreibt meiner Ansicht nach eine Politik, deren
Hauptopfer die deutsche Wirtschaft ist. Sie hat sich von
wirtschaftlichen Quellen abgeschnitten, insbesondere von Energie und
anderen Materialien, auf die die deutsche Industrie angewiesen ist. Es
droht ein historischer Einbruch der deutschen Industriekapazitäten.
Mittlerweile wird es schwierig, diese Nachteile wieder wettzumachen,
weil die deutsche Wirtschaft schon so viel an Boden verloren hat. Selbst
wenn die deutsche Regierung bereit wäre, zu einer effektiven
Wirtschaftsanalyse überzugehen, dürfte sie den Schaden, den sie der
deutschen Wirtschaft <https://www.berliner-zeitung.de/topics/wirtschaft>
zugefügt hat, wohl kaum wirksam reparieren können. Die Russen haben an
Deutschland als Hauptkunden für ihre Rohstofflieferungen das Interesse
verloren. Also erschließen sie neue Märkte in ganz Eurasien, vor allem
in China. Sie haben sich mit der Tatsache abgefunden, dass die
Erdgaslieferungen in Europa stark eingeschränkt, wenn nicht sogar ganz
abgeschnitten sind. Die Russen werden ihre Ressourcen nutzen, um ihre
eigene Industrie zu entwickeln und die ihrer Partner zu unterstützen.
/Europa leidet unter den westlichen Sanktionen. Inwiefern können die USA
aus der Auseinandersetzung mit Russland Profit erzielen? /
Die USA haben sich selbst durch die Sanktionen weniger geschadet als
Europa. Der Grund dafür ist, dass die Vereinigten Staaten im Moment
weitgehend autark sind. Bei Energieressourcen sind sie noch auf
russische Lieferungen angewiesen, zum Beispiel bei Uran. Aber die
amerikanische Wirtschaft ist nicht so anfällig wie die europäische
Wirtschaft für den Verlust der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Wir
werden sehen, ob das Gleiche gilt, wenn die Sanktionspolitik mit
gleicher Kraft auf China angewandt wird. Denn die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und China sind viel enger, als sie es
zwischen den USA und Russland waren. Aber bis jetzt haben die USA den
Vorteil, dass die Auswirkungen der Sanktionen hauptsächlich unsere
europäischen Partner treffen und nicht die amerikanische Wirtschaft selbst.
/Durch den Ukrainekrieg und die westlichen Sanktionen teilt sich die
Handelswelt immer mehr in zwei Lager. Erreicht das Zeitalter der
Globalisierung langsam sein Ende?/
Das Interessante ist doch, dass auch während der zunehmenden
Konfrontation der Handel in wichtigen Wirtschaftsbereichen fortgesetzt
wird. Russland liefert zum Beispiel immer noch sehr viel Energie nach
Europa. Es ist nur so, dass russisches Öl einen Umweg über
Handelspartner wie Indien nehmen muss. Indien zieht daraus einen
Vorteil, weil es für das Öl einen Aufpreis nehmen kann. Ich würde nicht
sagen, dass die Globalisierung am Ende ist. Aber die relativen Vorteile,
die Westeuropa und insbesondere Deutschland als führende Zentren für
Exzellenz im Ingenieurwesen, in der Chemie- und Stahlindustrie und in
der Automobil- und Maschinenindustrie hatten, sind wegen der steigenden
Rohstoffkosten und dem verringerten Zugang zu ausländischen Märkten
ernsthaft gefährdet.
/Donald Trump prahlt damit, dass er den Ukrainekrieg schnell beenden
werde, falls er erneut ins Weiße Haus einzieht. Werden sich die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland verbessern,
wenn Trump erneut Präsident wird?/
Ich bezweifele es. Als Trump das letzte Mal im Weißen Haus war, gab es
zwar einen Wechsel in der Rhetorik gegenüber Russland. Aber die
Maßnahmen, die bereits in der Obama-Regierung ergriffen worden waren,
wurden nicht zurückgenommen. Ich denke nicht, dass der amerikanische
Präsident die dominierende Rolle bei der Entscheidung über diese
Angelegenheiten spielt. Es besteht ein enormer politischer Druck in den
Vereinigten Staaten, der immer in Richtung einer außenpolitischen
Verschärfung geht. Es erfordert wirklich viel Mut und präsidiale
Initiative, sich dem entgegenzustellen und auf einen Abbau der
Spannungen zu drängen. Ich habe nicht den Eindruck, dass Trump die
Fähigkeit dazu hat.
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.












Quelle: www.globallookpress.com © Britta Pedersen/dpa